KONTEXT Extra:
Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


Bahn muss Stuttgarts Bahnhof nicht offiziell stilllegen

Das Verwaltungsgericht Stuttgart hat mit Urteil vom 09.08.2016 die Klage der Stuttgarter Netz AG als unzulässig abgewiesen. Mit der Klage wollte die Gesellschaft privater Eisenbahnunternehmen verhindern, dass die Deutsche Bahn nach der Fertigstellung des unterirdischen Durchgangsbahnhofs Stuttgart 21 das bestehende Gleisvorfeld des oberirdischen Stuttgarter Kopfbahnhofes abbaut, bevor hierfür ein Stilllegungsverfahren nach dem Allgemeinen Eisenbahngesetz (AEG) durchgeführt wurde. Nach Auffassung des Gerichts handelt es sich bei dem "Umbau des Bahnknotens Stuttgart/Stuttgart 21" um ein ausschließlich planfeststellungspflichtiges Änderungsvorhaben nach dem AEG, für das ein zusätzliches Stilllegungsverfahren nicht erforderlich ist. Zugleich stellte das Gericht aber auch fest, dass der Rückbau des Gleisvorfeldes ohne vorherige Durchführung eines Planfeststellungsverfahrens rechtlich unzulässig sei. Da die Stuttgarter Netz AG in diesem Planfeststellungsverfahren ihre Interessen noch geltend machen und gegebenenfalls auch gerichtlich durchsetzen könne. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Sache hat das Gericht die Berufung zum Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg in Mannheim sowie die Sprungrevision zum Bundesverwaltungsgericht zugelassen.


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"Zwei Reiter am Strand" von Max Liebermann, das zweite der bisher vier als Raubkunst identifizierten Werke der Sammlung Gurlitt.

"Zwei Reiter am Strand" von Max Liebermann, das zweite der bisher vier als Raubkunst identifizierten Werke der Sammlung Gurlitt.

Ausgabe 193
Kultur

Beschlagnahmt und versteigert

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 10.12.2014
Raubkunst definiert Deutschland als "in der NS-Zeit verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz". Haben Kunsthändler wie Hildebrand Gurlitt sich an solchen Werken gesundgestoßen, die zum Teil heute Millionen wert sind? Was, wenn ein Sammler wie Eduard Fuchs nicht Jude, sondern Kommunist war?

Es entbehrt nicht der Ironie, wenn die Kunstsammlung des Cornelius Gurlitt pauschal als Raubkunst bezeichnet wird. Gurlitt hat niemanden beraubt. Im Gegenteil, er wurde beraubt: von der Staatsanwaltschaft. Es gab dafür keinerlei rechtliche Handhabe. Soweit sich in seiner Sammlung sogenannte Raubkunst befand, sind diese Fälle längst verjährt.

Geregelt wird die Rückabwicklung von sogenannter Raubkunst durch die "Washingtoner Erklärung" von 1998: eine freiwillige Verpflichtung der Unterzeichnerstaaten, jüdische Vorbesitzer von durch die Nazis geraubten Kunstwerken, ebenfalls deren Erben trotzdem zu entschädigen. Sie betrifft jedoch nur Werke in öffentlichen Museen, nicht Privatsammler. Cornelius Gurlitt hatte sich, als 2011 bekannt wurde, dass Max Beckmanns "Löwenbändiger" dem berühmten jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim gehört hatte, mit den Erben schnell geeinigt – noch vor jedem Museum.

Aber hatte nicht sein Vater Hildebrand Gurlitt vom Handel mit Raubkunst profitiert? War er nicht, wie es neuerdings sogar in einer dpa-Meldung heißt, "Adolf Hitlers Kunsthändler"? Ganz falsch ist das nicht. Aber auch nicht ganz richtig. Denn mit der Raubkunst und dem Kunstraub ist es sehr viel komplizierter, als sich in eine Aufmerksamkeit heischende Schlagzeile packen lässt. Ohnehin bedarf es akribischer Recherchen, um herauszufinden, was Raubkunst war und was nicht, Schwammige Begrifflichkeiten machen die Sache da nicht einfacher. Außerdem: Gilt es Entschädigungen nur für Erben von jüdischen Kunstbesitzern oder auch für solche Kunstsammler, die aus anderen Gründen von den Nazis verfolgt wurden?

Gurlitt kaufte Werke für das "Führermuseum" Linz

Hildebrand Gurlitt war sicher kein Nazi. Als Museumsdirektor in Zwickau, wo er ab 1925 eine Sammlung moderner Kunst aufgebaut hatte, wurde er auf Druck des nationalsozialistischen "Kampfbunds für deutsche Kultur" bereits 1930 entlassen. Kunsthändler wurde er erst, als er 1933 auf Druck der Nazis auch seinen Posten als Leiter des Hamburger Kunstvereins räumen musste.

Hildebrand Gurlitt gehörte zu jenen vier Galeristen in Deutschland, die sich nach der Beschlagnahmung der "entarteten" modernen Kunst aus den deutschen Museen 1937 um deren "Verwertung" bewarben. Alle vier, Ferdinand Möller, Bernhard Böhmer, Karl Buchholz und Gurlitt, handelten mit moderner Kunst. Deshalb wurden sie für geeignet befunden, Werke gegen Devisen ins Ausland zu verkaufen.

Berühmtes Raubkunst-Werk: Die Büste der Nofretete. Foto: Philip Pikart/Wikipedia
Berühmtes Raubkunst-Werk: Die Büste der Nofretete. Foto: Philip Pikart/Wikipedia

Der Sündenfall kam, als der Galerist, der sein Leben lang, wie es im Nachruf heißt, "an allen Stellen größte Aktivität" entfaltete, sich 1943 bereit erklärte, im besetzten Frankreich Werke für das geplante "Führermuseum" in Linz anzukaufen. 168 Kunstwerke erstand Gurlitt für das Museum, je älter desto teurer. 825 000 Reichsmark kostete etwa ein von Jean Fouquet gemaltes Porträt aus dem 15. Jahrhundert, eines von Ingres aus dem neunzehnten Jahrhundert dagegen nur 285 000 Mark.

Gurlitt war dabei nur Zwischenhändler. Beauftragt von Hermann Voss, dem Direktor der Dresdner Gemäldegalerie, kaufte er in der Regel bei Theo Hermsen, wie aus den nun ins Netz gestellten Geschäftsbüchern Gurlitts hervorgeht. Die Vorbesitzer sind nur in seltenen Fällen bekannt. Ganze vier Werke sind bisher, nach monatelangen Recherchen, in der mehr als 1500 Werke umfassenden Sammlung ausfindig gemacht worden, die wahrscheinlich als "Raubkunst" im Sinne der "Washingtoner Erklärung" identifiziert werden können. Kann man deshalb die ganze Sammlung als Raubkunst bezeichnen?

Kunstraub ist so alt wie die Kunst. Auf dem vierten Kreuzzug plünderten die Kreuzfahrer Konstantinopel, statt ins Heilige Land vorzustoßen. Venedig wurde zur reichsten Stadt Europas. Zur Beute gehören einige der bedeutendsten Kunstwerke der Markuskirche. Die Geburt des Museums verdankt sich dem größten Kunstraub der Geschichte: Aus ganz Europa und dem Mittelmeerraum ließ Napoleon Werke zusammentragen – die zum Teil später in ihre Herkunftsländer zurückgebracht wurden –, um sie im früheren Königsschloss Louvre auszustellen. In der kolonialen Epoche wanderten Kunstgegenstände aus aller Welt nach Europa. 

Heute gibt es Streit um die Nofretete-Büste oder die Elgin Marbles vom Athener Parthenon. Weitaus mehr geraubte Kunst lagert in den Völkerkundemuseen. Die berühmten Benin-Bronzen etwa kamen 1897 nach einer britischen "Strafexpedition" nach England und anschließend durch Auktionen überwiegend an deutsche Museen. Auch heute noch verlassen archäologische Funde zu Tausenden illegal den afrikanischen Kontinent, um in amerikanischen und europäischen Privatsammlungen zu landen. Auch in neuerer Zeit gab es Kunstraub: Zu George W. Bushs Irakkrieg gehörte ein organisierter Kunstraub aus dem Irakischen Nationalmuseum.

Wo ist die Grenze zu einer einer Notsituation?

Doch so paradox es klingt: "Raubkunst" ist nicht einfach das Resultat von "Kunstraub". Nach der "Washingtoner Erklärung", bezeichnet der Begriff ausschließlich von den Nationalsozialisten beschlagnahmte Kulturgüter – andernfalls ist von "Beutekunst" oder eben "Kunstraub" die Rede. Wenn aber der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) in Frankreich Kunstwerke aus privaten und öffentlichen Sammlungen beschlagnahmte, könnte man ebensogut von Kunstraub oder Raubkunst wie von Beutekunst sprechen. 

Moderne Kunst wurde eingetauscht gegen Alte Meister. Daran beteiligt war der Galerist Gustav Rochlitz, bei dem wiederum Gurlitt gelegentlich einkaufte. Die "Sitzende Frau" von Henri Matisse, die als erstes Bild der Gurlitt'schen Sammlung als Raubkunst identifiziert wurde, soll aus der beschlagnahmten Sammlung Paul Rosenberg über Rochlitz an Gurlitt gelangt sein.

Um den Fall noch komplizierter zu machen: Während die "Washingtoner Erklärung" von beschlagnahmten Kunstwerken spricht, heißt es in der deutschen Fassung "verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter". Nicht nur wer enteignet wurde, auch wer unter dem Druck der Verfolgung seine Kunstsammlung unter Wert verkaufte, soll berücksichtigt werden. Nur öffnet dies einen breiten Interpretationsspielraum: Wo ist die Grenze zwischen freiwilligem Verkauf und einer Notsituation?

Marianne d'Hooge, Mitarbeiterin von Karl Buchholz. Foto: Godula Buchholz
Marianne d'Hooge, Mitarbeiterin von Karl Buchholz. Foto: Godula Buchholz

"1937: Jahr der Trennungen", schreibt Marianne d'Hooge, Mitarbeiterin des Buchhändlers und Galeristen Karl Buchholz, in ihrem 1969 erschienenen Buch "Mitbetroffen", über jüdische Sammler, die fliehen mussten: "Menschen kamen und verabschiedeten sich, die wir jahrelang betreut hatten, und wenn sie sich bei uns bedankten, stiegen mir oft Tränen des Zorns und der Scham in die Augen." Edith Schulz, eine andere Mitarbeiterin, stellt fest: "Wir haben viele Kunden verloren. Wir müssen neue Kunden werben, und das wird nicht leicht sein." In der Biografie ihres Vaters fügt Godula Buchholz hinzu: "Hier sind die jüdischen Kunden gemeint." Es ist ein Irrtum, zu glauben, Kunsthändler hätten hohe Gewinne gemacht, wenn jüdische Sammler ihre Kollektionen gezwungenermaßen unter Wert verkauften. Die Sammler selbst waren ihre besten Kunden.

Nicht als Raubkunst gilt dagegen die konfiszierte "entartete Kunst". 3700 Werke übernahm Hildebrand Gurlitt aus dem Depot in Schloss Niederschönhausen. Inwiefern Kunsthändler wie er von der "Verwertung" profitierten, lässt sich kaum schlüssig ausrechnen. 

Hohe Gewinnspannen auf niedrigem Niveau

Die Beschlagnahmung von mehr als 20 000 modernen Werken aus den Museen führte zu einem enormen Preisverfall. So konnte Galerist Buchholz Werke von Paul Klee über den in den USA lebenden Curt Valentin, einen früheren Mitarbeiter des berühmten jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim, der bis 1937 seine Berliner Galerie geleitet hatte, in New York günstiger anbieten als die Konkurrenz, obwohl Valentin manchmal das Vierfache des Ankaufspreises verlangte.

Vom heutigen Preisniveau darf man sich allerdings nicht täuschen lassen. Für das 1937 aus der Stuttgarter Staatsgalerie beschlagnahmte kleine Gemälde "Rhythmus der Fenster" zahlte Buchholz seinerzeit 120 US-Dollar – in Mark etwa das Vierfache. 2007 kostete der Rückkauf die Staatsgalerie 1,9 Millionen Euro. Für Klees Druckgrafiken bezahlte Buchholz zumeist nur einen Dollar. Die Gewinnspanne war hoch, aber auf sehr niedrigem Niveau. 

Aber auch Buchholz wurde beraubt: "Hier nun muss ich mit Bedauern sagen, dass Ihr Eigentum, Ihre Kunstwerke sowie recht beträchtliche Geldsummen, die Ihnen und Ihren Künstlern in Deutschland gehören, vor längerer Zeit vom Alien Property Custodian beschlagnahmt und dass die Gemälde öffentlich versteigert wurden", schreibt ihm Valentin im September 1945 aus New York. Die Alien Property Custodian beschlagnahmte während des Ersten und Zweiten Weltkriegs Eigentum von Angehörigen feindlicher Staaten der USA.

Karl Buchholz (Mitte rechts) bei der Eröffnung seiner Buchhandlung in Lissabon 1943. Foto: Godula Buchholz
Karl Buchholz (Mitte rechts) bei der Eröffnung seiner Buchhandlung in Lissabon 1943. Foto: Godula Buchholz

Buchholz hatte die Galerie in New York eben deshalb an Valentin überschrieben, weil deutscher Besitz dort eingezogen wurde. Werke, die ihm gehörten, und Kommissionsware waren nicht geschützt. Mitten im Krieg eröffnete Buchholz Filialen in Bukarest, Lissabon und Madrid, Der Berliner Laden wurde 1943 von Bomben getroffen. Nach dem Krieg fand er seine Villa in Berlin ausgeplündert vor. Der Verdacht fiel auf Gerd Rosen, einen jüdischen Kunstsammler, der im Nachkriegsberlin die erste Galerie eröffnete und dort dezidiert modernde Kunst ausstellte, von zuvor als "entartet" verfemten Künstlern ebenso wie von jungen Künstlern der Nazizeit.

Eduard Fuchs: Sammler und Kommunist

In der deutschen Version der "Washingtoner Prinzipien" folgt auf "verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter" der Zusatz "insbesondere aus jüdischem Besitz." Ironischerweise ist auf der Website lostart.de, einer Datenbank, die durch die Nazis geraubte Kunst und Kulturgüter auflistet, unter "Jüdische Sammler und Kunsthändler" auch Eduard Fuchs aufgeführt.

Doch Fuchs war kein Jude. Er war Kommunist. Wie werden nun Kommunisten, die aufgrund ihrer politischen Einstellung Deutschland und ihre Kunstsammlungen verließen, entschädigt?

Max Slevogt: Porträt Eduard Fuchs. Bild: Staatsgalerie Stuttgart
Max Slevogt: Porträt Eduard Fuchs. Bild: Staatsgalerie Stuttgart

1870 in Göppingen geboren, wuchs Fuchs in Stuttgart auf, arbeitete nach einer Kaufmannslehre in einer Druckerei und kam wegen Verstoßes gegen die Sozialistengesetze fünf Monate ins Gefängnis. Er ging nach München und entdeckte als Redakteur des sozialdemokratischen "Süddeutschen Postillon" sein Interesse an der Karikatur, zu deren Geschichte er später ein Standardwerk verfasste. Es folgten eine Geschichte der erotischen Kunst und sein erfolgreichstes Werk, die "Illustrierte Sittengeschichte".

Während Fuchs sich politisch immer mehr radikalisiert, von der SPD zur KPD und zur Kommunistischen Partei-Opposition (KPO) wechselt, wird er zugleich zum bedeutendsten Sammler der Werke von Honoré Daumier. Staatsgalerie-Direktor Otto Fischer versucht die Kollektion 1924 für Stuttgart zu erwerben. Doch Fuchs plant inzwischen in Berlin ein privates Museum.

Als er 1933 das Land verlässt, wird die Sammlung beschlagnahmt und versteigert: darunter 40 Gemälde sowie 50 bis 60 Aquarelle und Zeichnungen von Max Slevogt, 25 Gemälde und Hunderte Lithografien von Daumier, Werke von Max Liebermann, Gustave Courbet, Théodor Géricault und George Grosz, zahlreiche Ostasiatica sowie weit mehr als 20 000 Druckgrafiken und eine 8000 Bände umfassende Bibliothek.

Seine Villa in Berlin-Zehlendorf war ein frühes Werk des Architekten Ludwig Mies van der Rohe. Einen Restitutionswunsch der Erben lehnte der damalige Besitzer, die Stiftung Deutsche Klassenlotterie, im Jahr 2000 ab. Heute beherbergt die Villa die Parzival-Schule für behinderte Kinder.

Noch im Februar 2014 kam im Auktionshaus Sotheby's ein Daumier-Gemälde aus der Sammlung Fuchs für 43 750 britische Pfund unter den Hammer.


Info:

Mehr zu Eduard Fuchs in der soeben erschienenen Biografie des promovierten Kunsthistorikers und Fuchs-Experten Ulrich Weitz. Das Buch ist hier zu erwerben.

 


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Kommentare

Horst Bestelmeyer, 12.12.2014 10:37
Den Ausführungen Heißenbüttels zum Fall Gurlitt ist zuzustimmen. Ich erlaube mir, insoweit ergänzend auf meine in Rpfleger 2014, 457 veröffentlichte Abhandlung hinzuweisen, die sich - ebenfalls kritisch - mit den rechtlichen Aspekten der zu Lebzeiten des Betroffenen geschlossenen "Raubkunst-Vereinbarung" vom 07.04.2014 und dem Verhalten der beteiligten Personen und Institutionen auseinandersetzt (Bestelmeyer: Die "Raubkunst-Vereinbarung" im Fall Gurlitt aus betreuungs- und erbrechtlicher Sicht").

Darüber hinaus wird der "Fall Gurlitt" auch ausführlich in einem Fachforum für Rechtspfleger diskutiert (rechtspflegerforum.de). Auch dort sind die Äußerungen ganz überwiegend von einem kritischen Unterton geprägt.

http://www.rechtspflegerforum.de/showthread.php?72564-Der-Fall-Gurlitt&p=946122&viewfull=1#post946122

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Es scheint als müsse immer noch jeder Mensch in die "passende" Gesinnungsschublade gepackt werden.

Ausgabe 282 / Sioux auf dem Kriegspfad / Fritz, 24.08.2016 11:51
Vielen Dank für den Artikel! Höchst erfreulich daß es noch Unternehmen und Unternehmer mit Rückgrat gibt. Ein weiterer Grund diese Marke weiterzuempfehlen.

Ausgabe 282 / Sioux auf dem Kriegspfad / Manfred Corte, 24.08.2016 11:34
... jetzt werde ich mir wohl bald die ersten Sioux-Schuhe kaufen - oder gleich mehrere Paare ...

Ausgabe 282 / Politische Luxusreisen / Heiner Janzmann, 24.08.2016 04:02
"Die BWI-Experten kalkulieren oft tagelang anhand dicht beschriebener Excel-Tabellen, um vernünftige Preise anbieten zu können." Sollte dann nicht der entspechende Stundensatz hinzugerechnet werden?

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