KONTEXT Extra:
VfB gewinnt die Süperlig

Der VfB ist nun doch noch Meister geworden! Nach dem Abstieg aus der 1. Bundesliga am Samstag hat er schon am Tag darauf die türkische Süperlig gewonnen. Wenigstens ein bisschen. Sagen wir mal, unter Einberechnung des Schön-war-die-Zeit-Vergangenheitsbonus', zu zwei Elfteln. Die beiden Besiktas-Istanbul-Spieler Mario Gomez und Andreas Beck haben nämlich ihre VfB-Meisterschaftserfahrung aus dem Jahr 2007 in den türkischen Club eingebracht. Nach dem 3:1-Sieg gegen Osmanlispor kann Besiktas am letzten Spieltag nicht mehr eingeholt werden. Gefeiert wurde das auch auf dem Stuttgarter Schlossplatz, schließlich hat der Verein viele Fans. Die sind übrigens Weltrekordhalter: in einem Spiel gegen Tottenham im Jahr 2006 (nach anderen Angaben 2007 gegen Liverpool) haben sie sich mit 132 Dezibel den Höchstwert für Fußballstadien zusammengejubelt. Die Besiktas-Fangruppe Carsi (offiziell aufgelöst, aber weiter virulent und freundschaftlich mit Sankt Pauli verbunden) umrundet das A im Namen zum Zeichen für Anarchie, versteht sich auch als soziale Bewegung und war etwa bei den Taksim-Platz-Protesten gegen Erdogan aktiv. Was jetzt eventuell weniger an den VfB und seine Fans erinnert. Aaaaaber: Trainiert wurde Besiktas auch einige Jahre von Christoph Daum, der den VfB 1992 zum Meister machte. Und drei Jahre später hat Daum mit Besiktas die Süperlig gewonnen! Wenn man also auch noch den Daum-Faktor einrechnet, dann ist der VfB an diesem Sonntag sogar mit mehr als Zwei-Elfteln türkischer Meister geworden. (17.5.2016)


Stuttgarter Friedenspreis 2016 an Jürgen Grässlin

Die Verleihung des diesjährigen Anstifter-Preises an Jürgen Grässlin ist ein Signal. Denn dem Rüstungsgegner droht eine Haftstrafe. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat wenige Monate nach seinem Enthüllungsbuch "Netzwerk des Todes" über die Verflechtungen von Rüstungsindustrie und Behörden Vorermittlungen eingeleitet: Gegen ihn und seine Mitautoren Daniel Harrich und Danuta Harrich-Zandberg - wegen des Verdachts verbotener Mitteilungen über Gerichtsverhandlungen gemäß § 353d Strafgesetzbuch.

Dabei hatte Mitautor und Regisseur Daniel Harrich der Staatsanwaltschaft zahlreiche Dokumente zur Verfügung gestellt, auf deren Basis die staatsanwaltschaftliche Klageschrift gegen Heckler & Koch verfasst werden konnte. Vor rund einem Monat hat Daniel Harrich noch den Grimme-Preis dafür entgegengenommen. Nicht nur im Fall Böhmermann - auch sonst sehen sich deutsche Medienmacher und kritische Autoren immer wieder mit Strafermittlungen konfrontiert. Jetzt erst recht - Kontext gratuliert zum Friedenspreis.

In diesem Jahr wird er zum 14. Mal verliehen, 25 Vorschläge gingen bei den Anstiftern ein. Der erste Preis ist mit 5000 Euro dotiert. Auf weiteren Plätzen folgen der Zeitzeuge Theodor Bergmann, Seawatch (Geflüchtete in Seenot), Ärzte ohne Grenzen und die kurdische Menschenrechtsaktivistin Leyla Zana. (16.Mai 2016)


Bündnis gegen rechts

Winfried Kretschmann engagiert sich im österreichischen Präsidentschaftswahlkampf: Er ist einem breit verankerten Komitee gegen rechts und zur Unterstützung von Alexander van der Bellen beigetreten. Der frühere Bundesvorsitzende der österreichischen Grünen, der als parteiunabhängiger Kandidat antritt, kam bei der Volkswahl Mitte April im ersten Wahlgang auf 21,3 Prozent der Stimmen. Norbert Hofer, der Kandidat der rechtspopulistischen "Freiheitlichen Partei Österreichs" (FPÖ), liegt mit 35 Prozent weit vorn. Zusammengefunden haben sich vor dem entscheidenden zweiten Wahlgang am 22. Mai viele Promis aus dem deutschsprachigen Raum, die sich für van der Bellen stark machen. Darunter Oscar-Preisträger Christoph Waltz, Everest-Bezwinger Reinhold Messner oder Liedermacher Konstantin Wecker und hunderte Schauspieler, Künstler, Journalisten, Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler oder Diplomaten aus dem linken, aber auch aus dem bürgerlichen Lager. Nach Pfingsten, am Dienstagabend,  wird Kretschmann nach Wien reisen, um im Wahlkampf des Universitätsprofessors aufzutreten. Er habe van der Bellen "als engagierten, fairen und vertrauenswürdigen Menschen kennen und schätzen gelernt, der für Demokratie, Menschenrechte, ökologische Nachhaltigkeit, gegenseitigen Respekt und Chancengleichheit" eintrete. Unter weiter: "Gerade in diesen bewegten Zeiten ist eine besonnene, weltoffene und weitsichtige Person in einem solchen Amt besonders wichtig." Hofer ist programmatisch einer der führenden Köpfe der FPÖ und damit der europäischen Rechten. Seine schlagende Verbindung Marko Germania hält wenig vom selbständigen Staat Österreich, sondern bekennt sich zu einem "deutschen Vaterland", "unabhängig von bestehenden staatlichen Grenzen". Er wäre in Mitteleuropa der erste Rechtspopulist im höchsten Amt eines Staates. (15.5.2016)


Kretschmann gewählt – CDU wieder staatstragend

Mit 82 von 142 Stimmen – bei einer Krankmeldung – ist Winfried Kretschmann zum zehnten Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg gewählt worden. Seine neue grün-schwarze Koalition wäre rein rechnerisch auf 88 Stimmen gekommen. Für einen Moment war es auch mucksmäuschenstill im Plenarsaal, bevor sich die Abgeordneten zum Applaus erhoben. Wie schon am Vortag nach der Wahl von Muhterem Aras zur Landtagspräsidentin verweigerten die Abgeordneten der AfD diese Ehrbezeugung. Zuvor hatte Kretschmann die CDU-Fraktion besucht, mit der sich Parteichef Thomas Strobl erst am Morgen ausgesöhnt hatte. Eine Probeabstimmung am Dienstag war schiefgegangen. Einzelne CDU-Abgeordnete blieben auch am Donnerstag bei ihrer ablehnenden Haltung. Es wurde dementsprechend gemutmaßt, dass die fehlenden sechs Stimmen aus der Union kommen. Sichtlich gerührt nahm Aras ihrem Parteifreund den Amtseid ab. Danach gab’s einen weißen Blumenstrauß für den grünen Regierungschef. (12.5.2016)


"Ein Zeichen für das Gelingen von Integration"

Mit der Stuttgarterin Muhterem Aras bekleidet zum ersten Mal in der Geschichte Baden-Württembergs eine Frau das Amt der Landtagspräsidentin, und noch dazu eine mit Migrationshintergrund. „Sie haben mit Ihrer Wahl ein deutliches Zeiten für Weltoffenheit, für Toleranz und für das Gelingen von Integration gesetzt“, sagte die 50-Jährige in ihrer Antrittsrede zu den Abgeordneten. Handeln wolle sie im hohen Amt nach einem Zitat der sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Marie Juchacz aus dem Jahr 1919: „Scharfes kluges Denken, ruhiges Abwägen und warmes menschliches Fühlen gehören zusammen in einer vom ganzen Volke gewählten Körperschaft.“ Die 23 Abgeordneten der „Alternative für Deutschland“ (AfD) verweigerten der neuen Präsidentin sowohl den Beifall als auch die traditionelle Ehrerbietung durch Erheben. Die AfD scheiterte beim Versuch an der übergroßen Mehrheit der anderen vier Fraktionen, einen eigenen Vizepräsidenten durchzusetzen. Der neue CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart begründete die Ablehnung „ganz unabhängig davon, dass es keinen Anspruch der AfD gibt“ damit, ein Zeichen der Sparsamkeit setzen zu wollen. Und er hielt AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen Äußerungen vor, in denen der die Verknappung der Zahl der Vizes auf einen einzigen Posten unterstützt hatte – gerade mit dem Hinweis auf das Portemonnaie der Bürger. (11.5.2016)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

"Zwei Reiter am Strand" von Max Liebermann, das zweite der bisher vier als Raubkunst identifizierten Werke der Sammlung Gurlitt.

"Zwei Reiter am Strand" von Max Liebermann, das zweite der bisher vier als Raubkunst identifizierten Werke der Sammlung Gurlitt.

Ausgabe 193
Kultur

Beschlagnahmt und versteigert

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 10.12.2014
Raubkunst definiert Deutschland als "in der NS-Zeit verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz". Haben Kunsthändler wie Hildebrand Gurlitt sich an solchen Werken gesundgestoßen, die zum Teil heute Millionen wert sind? Was, wenn ein Sammler wie Eduard Fuchs nicht Jude, sondern Kommunist war?

Es entbehrt nicht der Ironie, wenn die Kunstsammlung des Cornelius Gurlitt pauschal als Raubkunst bezeichnet wird. Gurlitt hat niemanden beraubt. Im Gegenteil, er wurde beraubt: von der Staatsanwaltschaft. Es gab dafür keinerlei rechtliche Handhabe. Soweit sich in seiner Sammlung sogenannte Raubkunst befand, sind diese Fälle längst verjährt.

Geregelt wird die Rückabwicklung von sogenannter Raubkunst durch die "Washingtoner Erklärung" von 1998: eine freiwillige Verpflichtung der Unterzeichnerstaaten, jüdische Vorbesitzer von durch die Nazis geraubten Kunstwerken, ebenfalls deren Erben trotzdem zu entschädigen. Sie betrifft jedoch nur Werke in öffentlichen Museen, nicht Privatsammler. Cornelius Gurlitt hatte sich, als 2011 bekannt wurde, dass Max Beckmanns "Löwenbändiger" dem berühmten jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim gehört hatte, mit den Erben schnell geeinigt – noch vor jedem Museum.

Aber hatte nicht sein Vater Hildebrand Gurlitt vom Handel mit Raubkunst profitiert? War er nicht, wie es neuerdings sogar in einer dpa-Meldung heißt, "Adolf Hitlers Kunsthändler"? Ganz falsch ist das nicht. Aber auch nicht ganz richtig. Denn mit der Raubkunst und dem Kunstraub ist es sehr viel komplizierter, als sich in eine Aufmerksamkeit heischende Schlagzeile packen lässt. Ohnehin bedarf es akribischer Recherchen, um herauszufinden, was Raubkunst war und was nicht, Schwammige Begrifflichkeiten machen die Sache da nicht einfacher. Außerdem: Gilt es Entschädigungen nur für Erben von jüdischen Kunstbesitzern oder auch für solche Kunstsammler, die aus anderen Gründen von den Nazis verfolgt wurden?

Gurlitt kaufte Werke für das "Führermuseum" Linz

Hildebrand Gurlitt war sicher kein Nazi. Als Museumsdirektor in Zwickau, wo er ab 1925 eine Sammlung moderner Kunst aufgebaut hatte, wurde er auf Druck des nationalsozialistischen "Kampfbunds für deutsche Kultur" bereits 1930 entlassen. Kunsthändler wurde er erst, als er 1933 auf Druck der Nazis auch seinen Posten als Leiter des Hamburger Kunstvereins räumen musste.

Hildebrand Gurlitt gehörte zu jenen vier Galeristen in Deutschland, die sich nach der Beschlagnahmung der "entarteten" modernen Kunst aus den deutschen Museen 1937 um deren "Verwertung" bewarben. Alle vier, Ferdinand Möller, Bernhard Böhmer, Karl Buchholz und Gurlitt, handelten mit moderner Kunst. Deshalb wurden sie für geeignet befunden, Werke gegen Devisen ins Ausland zu verkaufen.

Berühmtes Raubkunst-Werk: Die Büste der Nofretete. Foto: Philip Pikart/Wikipedia
Berühmtes Raubkunst-Werk: Die Büste der Nofretete. Foto: Philip Pikart/Wikipedia

Der Sündenfall kam, als der Galerist, der sein Leben lang, wie es im Nachruf heißt, "an allen Stellen größte Aktivität" entfaltete, sich 1943 bereit erklärte, im besetzten Frankreich Werke für das geplante "Führermuseum" in Linz anzukaufen. 168 Kunstwerke erstand Gurlitt für das Museum, je älter desto teurer. 825 000 Reichsmark kostete etwa ein von Jean Fouquet gemaltes Porträt aus dem 15. Jahrhundert, eines von Ingres aus dem neunzehnten Jahrhundert dagegen nur 285 000 Mark.

Gurlitt war dabei nur Zwischenhändler. Beauftragt von Hermann Voss, dem Direktor der Dresdner Gemäldegalerie, kaufte er in der Regel bei Theo Hermsen, wie aus den nun ins Netz gestellten Geschäftsbüchern Gurlitts hervorgeht. Die Vorbesitzer sind nur in seltenen Fällen bekannt. Ganze vier Werke sind bisher, nach monatelangen Recherchen, in der mehr als 1500 Werke umfassenden Sammlung ausfindig gemacht worden, die wahrscheinlich als "Raubkunst" im Sinne der "Washingtoner Erklärung" identifiziert werden können. Kann man deshalb die ganze Sammlung als Raubkunst bezeichnen?

Kunstraub ist so alt wie die Kunst. Auf dem vierten Kreuzzug plünderten die Kreuzfahrer Konstantinopel, statt ins Heilige Land vorzustoßen. Venedig wurde zur reichsten Stadt Europas. Zur Beute gehören einige der bedeutendsten Kunstwerke der Markuskirche. Die Geburt des Museums verdankt sich dem größten Kunstraub der Geschichte: Aus ganz Europa und dem Mittelmeerraum ließ Napoleon Werke zusammentragen – die zum Teil später in ihre Herkunftsländer zurückgebracht wurden –, um sie im früheren Königsschloss Louvre auszustellen. In der kolonialen Epoche wanderten Kunstgegenstände aus aller Welt nach Europa. 

Heute gibt es Streit um die Nofretete-Büste oder die Elgin Marbles vom Athener Parthenon. Weitaus mehr geraubte Kunst lagert in den Völkerkundemuseen. Die berühmten Benin-Bronzen etwa kamen 1897 nach einer britischen "Strafexpedition" nach England und anschließend durch Auktionen überwiegend an deutsche Museen. Auch heute noch verlassen archäologische Funde zu Tausenden illegal den afrikanischen Kontinent, um in amerikanischen und europäischen Privatsammlungen zu landen. Auch in neuerer Zeit gab es Kunstraub: Zu George W. Bushs Irakkrieg gehörte ein organisierter Kunstraub aus dem Irakischen Nationalmuseum.

Wo ist die Grenze zu einer einer Notsituation?

Doch so paradox es klingt: "Raubkunst" ist nicht einfach das Resultat von "Kunstraub". Nach der "Washingtoner Erklärung", bezeichnet der Begriff ausschließlich von den Nationalsozialisten beschlagnahmte Kulturgüter – andernfalls ist von "Beutekunst" oder eben "Kunstraub" die Rede. Wenn aber der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) in Frankreich Kunstwerke aus privaten und öffentlichen Sammlungen beschlagnahmte, könnte man ebensogut von Kunstraub oder Raubkunst wie von Beutekunst sprechen. 

Moderne Kunst wurde eingetauscht gegen Alte Meister. Daran beteiligt war der Galerist Gustav Rochlitz, bei dem wiederum Gurlitt gelegentlich einkaufte. Die "Sitzende Frau" von Henri Matisse, die als erstes Bild der Gurlitt'schen Sammlung als Raubkunst identifiziert wurde, soll aus der beschlagnahmten Sammlung Paul Rosenberg über Rochlitz an Gurlitt gelangt sein.

Um den Fall noch komplizierter zu machen: Während die "Washingtoner Erklärung" von beschlagnahmten Kunstwerken spricht, heißt es in der deutschen Fassung "verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter". Nicht nur wer enteignet wurde, auch wer unter dem Druck der Verfolgung seine Kunstsammlung unter Wert verkaufte, soll berücksichtigt werden. Nur öffnet dies einen breiten Interpretationsspielraum: Wo ist die Grenze zwischen freiwilligem Verkauf und einer Notsituation?

Marianne d'Hooge, Mitarbeiterin von Karl Buchholz. Foto: Godula Buchholz
Marianne d'Hooge, Mitarbeiterin von Karl Buchholz. Foto: Godula Buchholz

"1937: Jahr der Trennungen", schreibt Marianne d'Hooge, Mitarbeiterin des Buchhändlers und Galeristen Karl Buchholz, in ihrem 1969 erschienenen Buch "Mitbetroffen", über jüdische Sammler, die fliehen mussten: "Menschen kamen und verabschiedeten sich, die wir jahrelang betreut hatten, und wenn sie sich bei uns bedankten, stiegen mir oft Tränen des Zorns und der Scham in die Augen." Edith Schulz, eine andere Mitarbeiterin, stellt fest: "Wir haben viele Kunden verloren. Wir müssen neue Kunden werben, und das wird nicht leicht sein." In der Biografie ihres Vaters fügt Godula Buchholz hinzu: "Hier sind die jüdischen Kunden gemeint." Es ist ein Irrtum, zu glauben, Kunsthändler hätten hohe Gewinne gemacht, wenn jüdische Sammler ihre Kollektionen gezwungenermaßen unter Wert verkauften. Die Sammler selbst waren ihre besten Kunden.

Nicht als Raubkunst gilt dagegen die konfiszierte "entartete Kunst". 3700 Werke übernahm Hildebrand Gurlitt aus dem Depot in Schloss Niederschönhausen. Inwiefern Kunsthändler wie er von der "Verwertung" profitierten, lässt sich kaum schlüssig ausrechnen. 

Hohe Gewinnspannen auf niedrigem Niveau

Die Beschlagnahmung von mehr als 20 000 modernen Werken aus den Museen führte zu einem enormen Preisverfall. So konnte Galerist Buchholz Werke von Paul Klee über den in den USA lebenden Curt Valentin, einen früheren Mitarbeiter des berühmten jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim, der bis 1937 seine Berliner Galerie geleitet hatte, in New York günstiger anbieten als die Konkurrenz, obwohl Valentin manchmal das Vierfache des Ankaufspreises verlangte.

Vom heutigen Preisniveau darf man sich allerdings nicht täuschen lassen. Für das 1937 aus der Stuttgarter Staatsgalerie beschlagnahmte kleine Gemälde "Rhythmus der Fenster" zahlte Buchholz seinerzeit 120 US-Dollar – in Mark etwa das Vierfache. 2007 kostete der Rückkauf die Staatsgalerie 1,9 Millionen Euro. Für Klees Druckgrafiken bezahlte Buchholz zumeist nur einen Dollar. Die Gewinnspanne war hoch, aber auf sehr niedrigem Niveau. 

Aber auch Buchholz wurde beraubt: "Hier nun muss ich mit Bedauern sagen, dass Ihr Eigentum, Ihre Kunstwerke sowie recht beträchtliche Geldsummen, die Ihnen und Ihren Künstlern in Deutschland gehören, vor längerer Zeit vom Alien Property Custodian beschlagnahmt und dass die Gemälde öffentlich versteigert wurden", schreibt ihm Valentin im September 1945 aus New York. Die Alien Property Custodian beschlagnahmte während des Ersten und Zweiten Weltkriegs Eigentum von Angehörigen feindlicher Staaten der USA.

Karl Buchholz (Mitte rechts) bei der Eröffnung seiner Buchhandlung in Lissabon 1943. Foto: Godula Buchholz
Karl Buchholz (Mitte rechts) bei der Eröffnung seiner Buchhandlung in Lissabon 1943. Foto: Godula Buchholz

Buchholz hatte die Galerie in New York eben deshalb an Valentin überschrieben, weil deutscher Besitz dort eingezogen wurde. Werke, die ihm gehörten, und Kommissionsware waren nicht geschützt. Mitten im Krieg eröffnete Buchholz Filialen in Bukarest, Lissabon und Madrid, Der Berliner Laden wurde 1943 von Bomben getroffen. Nach dem Krieg fand er seine Villa in Berlin ausgeplündert vor. Der Verdacht fiel auf Gerd Rosen, einen jüdischen Kunstsammler, der im Nachkriegsberlin die erste Galerie eröffnete und dort dezidiert modernde Kunst ausstellte, von zuvor als "entartet" verfemten Künstlern ebenso wie von jungen Künstlern der Nazizeit.

Eduard Fuchs: Sammler und Kommunist

In der deutschen Version der "Washingtoner Prinzipien" folgt auf "verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter" der Zusatz "insbesondere aus jüdischem Besitz." Ironischerweise ist auf der Website lostart.de, einer Datenbank, die durch die Nazis geraubte Kunst und Kulturgüter auflistet, unter "Jüdische Sammler und Kunsthändler" auch Eduard Fuchs aufgeführt.

Doch Fuchs war kein Jude. Er war Kommunist. Wie werden nun Kommunisten, die aufgrund ihrer politischen Einstellung Deutschland und ihre Kunstsammlungen verließen, entschädigt?

Max Slevogt: Porträt Eduard Fuchs. Bild: Staatsgalerie Stuttgart
Max Slevogt: Porträt Eduard Fuchs. Bild: Staatsgalerie Stuttgart

1870 in Göppingen geboren, wuchs Fuchs in Stuttgart auf, arbeitete nach einer Kaufmannslehre in einer Druckerei und kam wegen Verstoßes gegen die Sozialistengesetze fünf Monate ins Gefängnis. Er ging nach München und entdeckte als Redakteur des sozialdemokratischen "Süddeutschen Postillon" sein Interesse an der Karikatur, zu deren Geschichte er später ein Standardwerk verfasste. Es folgten eine Geschichte der erotischen Kunst und sein erfolgreichstes Werk, die "Illustrierte Sittengeschichte".

Während Fuchs sich politisch immer mehr radikalisiert, von der SPD zur KPD und zur Kommunistischen Partei-Opposition (KPO) wechselt, wird er zugleich zum bedeutendsten Sammler der Werke von Honoré Daumier. Staatsgalerie-Direktor Otto Fischer versucht die Kollektion 1924 für Stuttgart zu erwerben. Doch Fuchs plant inzwischen in Berlin ein privates Museum.

Als er 1933 das Land verlässt, wird die Sammlung beschlagnahmt und versteigert: darunter 40 Gemälde sowie 50 bis 60 Aquarelle und Zeichnungen von Max Slevogt, 25 Gemälde und Hunderte Lithografien von Daumier, Werke von Max Liebermann, Gustave Courbet, Théodor Géricault und George Grosz, zahlreiche Ostasiatica sowie weit mehr als 20 000 Druckgrafiken und eine 8000 Bände umfassende Bibliothek.

Seine Villa in Berlin-Zehlendorf war ein frühes Werk des Architekten Ludwig Mies van der Rohe. Einen Restitutionswunsch der Erben lehnte der damalige Besitzer, die Stiftung Deutsche Klassenlotterie, im Jahr 2000 ab. Heute beherbergt die Villa die Parzival-Schule für behinderte Kinder.

Noch im Februar 2014 kam im Auktionshaus Sotheby's ein Daumier-Gemälde aus der Sammlung Fuchs für 43 750 britische Pfund unter den Hammer.


Info:

Mehr zu Eduard Fuchs in der soeben erschienenen Biografie des promovierten Kunsthistorikers und Fuchs-Experten Ulrich Weitz. Das Buch ist hier zu erwerben.

 


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

Kommentare

Horst Bestelmeyer, 12.12.2014 10:37
Den Ausführungen Heißenbüttels zum Fall Gurlitt ist zuzustimmen. Ich erlaube mir, insoweit ergänzend auf meine in Rpfleger 2014, 457 veröffentlichte Abhandlung hinzuweisen, die sich - ebenfalls kritisch - mit den rechtlichen Aspekten der zu Lebzeiten des Betroffenen geschlossenen "Raubkunst-Vereinbarung" vom 07.04.2014 und dem Verhalten der beteiligten Personen und Institutionen auseinandersetzt (Bestelmeyer: Die "Raubkunst-Vereinbarung" im Fall Gurlitt aus betreuungs- und erbrechtlicher Sicht").

Darüber hinaus wird der "Fall Gurlitt" auch ausführlich in einem Fachforum für Rechtspfleger diskutiert (rechtspflegerforum.de). Auch dort sind die Äußerungen ganz überwiegend von einem kritischen Unterton geprägt.

http://www.rechtspflegerforum.de/showthread.php?72564-Der-Fall-Gurlitt&p=946122&viewfull=1#post946122

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 269 / 31 026 Stimmen / Sebastian Weigle, 25.05.2016 12:03
Oje, Verschwörungstheoretiker. Selbst euer Hofer hat das Ergebnis umgehend anerkannt. Das ist halt der Unterschied zwischen Gerüchten und Realitäten. Und in jedem Wahlbezirk saßen Vertreter der FPÖ bei. Die sind wahrscheinlich alle...

Ausgabe 269 / Puzzlespiel Panama Papers / Dr. Uwe Prutscher, 25.05.2016 12:02
Herrenknechts Geschäftsgebaren in der Grauzone des Halbdunkel? Das würde kongenial zur tätigen Maulwurfkonfiguration dieses Königs der Tunnelbohrer passen.Nach wie vor von akutem Interesse bleibt eine belastbare Beleuchtung von...

Ausgabe 269 / Ein Tunnel blamiert die Kanzlerin / Insider, 25.05.2016 11:41
In der Tat wurde der Gotthardtunnel mittles hervorragender Technik aus dem Ländle termingerecht fertiggestellt. In der aktuellen KONTEXT-Ausgabe ist der Mann zu sehen, der dafür verantwortlich ist, dass seine technischen Geräte (Bohrer)...

Ausgabe 269 / Kleinwohnhäuser mit Stallungen / Demokrator, 25.05.2016 11:39
Dieser Artikel ist einer der (besten) Gründe, warum man jede Woche den Kontext liest! :)

Ausgabe 269 / Völker, hört die Signale! / Demokrator, 25.05.2016 11:33
Die Chinesen wünschen einem Feind, er möge in "interessanten Zeiten" leben. Nun, es scheint als hätte das jemand unserer ganzen Zivilisation gewünscht, wenn man sich so die Schlagzeilen anschaut.

Ausgabe 269 / Ein Tunnel blamiert die Kanzlerin / Demokrator, 25.05.2016 11:30
Demnächst auf Frontal 21: "Unfälle durch abschüssige Bahnsteige Achtung Lebensgefahr! Die Deutsche Bahn behauptet, "Stuttgart 21" könne trotz der drastischen Neigung der Bahnsteige genauso sicher betrieben werden wie ein ebener...

Ausgabe 269 / Pressefotografen außer Gefecht / Demokrator, 25.05.2016 11:21
Seit dem Schwarzen Donnerstag scheint sich wohl nichts getan zu haben für die Grundrechte im "Ländle" - weder im Innenministerium, noch bei der Justiz, noch bei den Prügeltruppen. Nicht dass das jetzt unter "Kiwi" besser werden wird....

Ausgabe 269 / Ein Tunnel blamiert die Kanzlerin / Müller, 25.05.2016 11:01
Weltweite Bewunderung für Ingenieurskunst aus dem Ländle! Ohne Ingenieurknowhow aus Bawü kein Gotthardtunnel. Da sollten die Montagsexperten sich mal ganz tief verneigen. Hmmm vielleicht sind Schauspieler und Erzieher dich keine...

Ausgabe 269 / Ein Tunnel blamiert die Kanzlerin / Andreas Spreer, 25.05.2016 08:57
Freue mich jetzt schon drauf, wenn die Schweizer die Straßen für Transit-LKW dicht machen. Dann wird die deutsche Autolobby aber gucken.

Ausgabe 269 / 31 026 Stimmen / ophir, 25.05.2016 07:57
Wer glaubt, dass die BW in Österreich mit " rechten Dingen" abgelaufen ist, der glaubt auch noch an den Weihnachtsmann! Die Wahl sollte, und muss, angefochten werden! Was sich aber schon zeigt: Der Weg in eine andere,...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!