KONTEXT Extra:
NSU-Prozesskosten bei etwa 50 Millionen Euro

Nach 313 Verhandlungstagen äußert sich Beate Zschäpe erstmals selbst im NSU-Prozess und gibt sich als geläutert - neue Erkenntnisse über die Morde liefert ihre Aussage allerdings nicht. Immerhin weiß die Presse nun, wie ihre Stimme klingt. Die Süddeutsche Zeitung findet: "klar, tief, weich, mit leichtem thüringischen Einschlag".

Wann der Marathonprozess (verhandelt wird seit Mai 2013) zu einem Ende kommen wird, scheint aktuell völlig unklar. Sicher ist hingegen: Mit jedem weiteren Verhandlungstag steigen die Kosten für das Verfahren. Und bald könnten diese über 50 Millionen Euro liegen. Im September 2013 sagte Karl Huber, damaliger Präsident des Oberlandesgerichts München, gegenüber dem Münchner Merkur, er schätze die Kosten des Verfahrens auf 150 000 Euro pro Verhandlungstag. Dies sei eine gewaltige Summe, "vor allem, wenn man bedenke, dass die Opfer oder Hinterbliebenen keinen einzigen Euro bekommen haben".

Eine Sprecherin des Oberlandesgerichts bestätigt gegenüber Kontext, dass sich an der Kostenschätzung "im Wesentlichen nichts geändert" habe. Somit liegen die geschätzten Kosten aktuell bei etwa knapp 47 Millionen Euro. Die Sprecherin betont allerdings, dass es bislang noch keine genaue Kalkulation gibt - diese erstelle man erst nach Abschluss des Verfahrens. Dann wird die Rechnung an den Bund gestellt. (29.9.2016)


Blitzschnell gegen die AfD

Grüne, CDU, SPD und FDP wollen mit einer blitzschnell auf den Weg gebrachten Gesetzesänderung das Ansinnen der beiden AfD-Gruppierungen unterlaufen, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum  Linksextremismus in Baden-Württemberg durchzusetzen. Am kommenden Mittwoch wird der Landtag in erster und zweiter Lesung endgültig eine Änderung des Untersuchungsausschussgesetzes beschließen. Danach können weiterhin zwei Fraktionen das Minderheitenrecht zur Kontrolle von abgeschlossenem Regierungshandeln wahrnehmen, allerdings nur, wenn ihre Mitglieder nicht ein- und derselben Partei angehören. Nach der vorliegenden Tagesordnung wird die gespaltene AfD ihren Antrag unter Punkt zwei einbringen. Es folgt aber keine Abstimmung, sondern eine Überweisung an den Ständigen Ausschuss. Endgültig wird sich der Landtag am 12. Oktober mit dem Begehr befassen, mit dem unter anderem unterstellt wird, dass Linksextreme im Südwesten öffentliche Gelder bekommen. Dann ist allerdings das Gesetz geändert, und die Möglichkeit zur Antragstellung entfallen. Auch die Rechtsexperten der anderen vier Fraktionen schließen nicht aus, dass die AfD deshalb vor den Verfassungsgerichtshof zieht.


Übers Ohr gehauen

Martin Schreier war jahrelang freier Journalist und Fotograf für den Reutlinger General Anzeiger (GEA) und bekam nicht einmal den ihm zustehenden Mindestlohn. Dann hat er sich einen Anwalt genommen und sich die Kohle erstritten – Kontext hat berichtet. Am  Mittwoch, 21.9.,  um 19:30 Uhr,  berichtet der resolute Journalist zusammen mit dem ehemaligen Gewerkschaftssekretär Gerhard Manthey zum Thema „Wie Zeitungsverleger freie Journalisten übers Ohr hauen“ im Stuttgarter Clara-Zetkin-Haus. Sie werden ihre Erfahrungen teilen und erklären, wie sich Betroffene wehren können. Neben der skandalösen Tatsache, dass viele Zeitungsverlage Mindesthonorarvorgaben missachten, wehren sich nämlich viel zu wenig JournalistInnen gegen diese Zustände. (20.09.2016)


Das Schicksal der Jesidinnen in der Geißstraße

Die Stuttgarter Stiftung Geißstraße lädt für den morgigen Dienstag (20.9., 19 Uhr) zu einer Veranstaltung über "Das Schicksal der Jesidinnen". Zu Gast ist Michael Blume, der im Auftrag der Landesregierung weibliche und stark traumatisierte Opfer des IS medizinisch und psychologisch betreut hat. Im vergangenen Jahr waren 1000 Jesidinnen nach Baden-Württemberg gekommen. Blume war als Religionswissenschaftler und Referatsleiter im Staatsministerium mit der Leitung des Projekts betraut. "Eigentlich ist Michael Blume ein Beamter. Dass er in den Irak geflogen ist, um die Frauen dort rauszuholen, ist einfach eine anrührende Geschichte", erzählt Geschäftsführer Michael Kienzle. Nach dem Vortrag gibt es außerdem noch den SWR-Beitrag "Samias Rettung - Neue Heimat" zu sehen - ein Film über eine junge Jesidin in einem Flüchtlingslager im Nordirak. (19.9.2016)


Demo wie zu besten Zeiten

Stuttgart lebt – wie einst zu den Hochzeiten von S 21. Wie der BUND meldet, waren 40 000 Demonstranten auf den Beinen, um gegen TTIP und CETA zu protestieren. 320 000 seien es insgesamt in sieben deutschen Städten gewesen. Viele Junge dabei, viele Organisatoren, die aufgerufen haben, von Attac über den BUND, Gewerkschaften, Menschenrechtler, Friedensfreunde, Wohlfahrtsverbände bis zu Kirchen. Sogar fünf SPD-Fähnchen waren zu sehen. Und: Die Demo hat endlich mal wieder Laune gemacht. Auch dank Körpa Klauz ("Widerstand muss Spaß machen"), der auf der Bühne den Einheizer gab.

Artikel zu TTIP und CETA in der aktuellen Kontext:

Bundesweite Demos

Die Fronten bröckeln

Stolperstein CETA

Mehr dazu in der kommenden Kontext-Ausgabe.


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"Zwei Reiter am Strand" von Max Liebermann, das zweite der bisher vier als Raubkunst identifizierten Werke der Sammlung Gurlitt.

"Zwei Reiter am Strand" von Max Liebermann, das zweite der bisher vier als Raubkunst identifizierten Werke der Sammlung Gurlitt.

Ausgabe 193
Kultur

Beschlagnahmt und versteigert

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 10.12.2014
Raubkunst definiert Deutschland als "in der NS-Zeit verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz". Haben Kunsthändler wie Hildebrand Gurlitt sich an solchen Werken gesundgestoßen, die zum Teil heute Millionen wert sind? Was, wenn ein Sammler wie Eduard Fuchs nicht Jude, sondern Kommunist war?

Es entbehrt nicht der Ironie, wenn die Kunstsammlung des Cornelius Gurlitt pauschal als Raubkunst bezeichnet wird. Gurlitt hat niemanden beraubt. Im Gegenteil, er wurde beraubt: von der Staatsanwaltschaft. Es gab dafür keinerlei rechtliche Handhabe. Soweit sich in seiner Sammlung sogenannte Raubkunst befand, sind diese Fälle längst verjährt.

Geregelt wird die Rückabwicklung von sogenannter Raubkunst durch die "Washingtoner Erklärung" von 1998: eine freiwillige Verpflichtung der Unterzeichnerstaaten, jüdische Vorbesitzer von durch die Nazis geraubten Kunstwerken, ebenfalls deren Erben trotzdem zu entschädigen. Sie betrifft jedoch nur Werke in öffentlichen Museen, nicht Privatsammler. Cornelius Gurlitt hatte sich, als 2011 bekannt wurde, dass Max Beckmanns "Löwenbändiger" dem berühmten jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim gehört hatte, mit den Erben schnell geeinigt – noch vor jedem Museum.

Aber hatte nicht sein Vater Hildebrand Gurlitt vom Handel mit Raubkunst profitiert? War er nicht, wie es neuerdings sogar in einer dpa-Meldung heißt, "Adolf Hitlers Kunsthändler"? Ganz falsch ist das nicht. Aber auch nicht ganz richtig. Denn mit der Raubkunst und dem Kunstraub ist es sehr viel komplizierter, als sich in eine Aufmerksamkeit heischende Schlagzeile packen lässt. Ohnehin bedarf es akribischer Recherchen, um herauszufinden, was Raubkunst war und was nicht, Schwammige Begrifflichkeiten machen die Sache da nicht einfacher. Außerdem: Gilt es Entschädigungen nur für Erben von jüdischen Kunstbesitzern oder auch für solche Kunstsammler, die aus anderen Gründen von den Nazis verfolgt wurden?

Gurlitt kaufte Werke für das "Führermuseum" Linz

Hildebrand Gurlitt war sicher kein Nazi. Als Museumsdirektor in Zwickau, wo er ab 1925 eine Sammlung moderner Kunst aufgebaut hatte, wurde er auf Druck des nationalsozialistischen "Kampfbunds für deutsche Kultur" bereits 1930 entlassen. Kunsthändler wurde er erst, als er 1933 auf Druck der Nazis auch seinen Posten als Leiter des Hamburger Kunstvereins räumen musste.

Hildebrand Gurlitt gehörte zu jenen vier Galeristen in Deutschland, die sich nach der Beschlagnahmung der "entarteten" modernen Kunst aus den deutschen Museen 1937 um deren "Verwertung" bewarben. Alle vier, Ferdinand Möller, Bernhard Böhmer, Karl Buchholz und Gurlitt, handelten mit moderner Kunst. Deshalb wurden sie für geeignet befunden, Werke gegen Devisen ins Ausland zu verkaufen.

Berühmtes Raubkunst-Werk: Die Büste der Nofretete. Foto: Philip Pikart/Wikipedia
Berühmtes Raubkunst-Werk: Die Büste der Nofretete. Foto: Philip Pikart/Wikipedia

Der Sündenfall kam, als der Galerist, der sein Leben lang, wie es im Nachruf heißt, "an allen Stellen größte Aktivität" entfaltete, sich 1943 bereit erklärte, im besetzten Frankreich Werke für das geplante "Führermuseum" in Linz anzukaufen. 168 Kunstwerke erstand Gurlitt für das Museum, je älter desto teurer. 825 000 Reichsmark kostete etwa ein von Jean Fouquet gemaltes Porträt aus dem 15. Jahrhundert, eines von Ingres aus dem neunzehnten Jahrhundert dagegen nur 285 000 Mark.

Gurlitt war dabei nur Zwischenhändler. Beauftragt von Hermann Voss, dem Direktor der Dresdner Gemäldegalerie, kaufte er in der Regel bei Theo Hermsen, wie aus den nun ins Netz gestellten Geschäftsbüchern Gurlitts hervorgeht. Die Vorbesitzer sind nur in seltenen Fällen bekannt. Ganze vier Werke sind bisher, nach monatelangen Recherchen, in der mehr als 1500 Werke umfassenden Sammlung ausfindig gemacht worden, die wahrscheinlich als "Raubkunst" im Sinne der "Washingtoner Erklärung" identifiziert werden können. Kann man deshalb die ganze Sammlung als Raubkunst bezeichnen?

Kunstraub ist so alt wie die Kunst. Auf dem vierten Kreuzzug plünderten die Kreuzfahrer Konstantinopel, statt ins Heilige Land vorzustoßen. Venedig wurde zur reichsten Stadt Europas. Zur Beute gehören einige der bedeutendsten Kunstwerke der Markuskirche. Die Geburt des Museums verdankt sich dem größten Kunstraub der Geschichte: Aus ganz Europa und dem Mittelmeerraum ließ Napoleon Werke zusammentragen – die zum Teil später in ihre Herkunftsländer zurückgebracht wurden –, um sie im früheren Königsschloss Louvre auszustellen. In der kolonialen Epoche wanderten Kunstgegenstände aus aller Welt nach Europa. 

Heute gibt es Streit um die Nofretete-Büste oder die Elgin Marbles vom Athener Parthenon. Weitaus mehr geraubte Kunst lagert in den Völkerkundemuseen. Die berühmten Benin-Bronzen etwa kamen 1897 nach einer britischen "Strafexpedition" nach England und anschließend durch Auktionen überwiegend an deutsche Museen. Auch heute noch verlassen archäologische Funde zu Tausenden illegal den afrikanischen Kontinent, um in amerikanischen und europäischen Privatsammlungen zu landen. Auch in neuerer Zeit gab es Kunstraub: Zu George W. Bushs Irakkrieg gehörte ein organisierter Kunstraub aus dem Irakischen Nationalmuseum.

Wo ist die Grenze zu einer einer Notsituation?

Doch so paradox es klingt: "Raubkunst" ist nicht einfach das Resultat von "Kunstraub". Nach der "Washingtoner Erklärung", bezeichnet der Begriff ausschließlich von den Nationalsozialisten beschlagnahmte Kulturgüter – andernfalls ist von "Beutekunst" oder eben "Kunstraub" die Rede. Wenn aber der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) in Frankreich Kunstwerke aus privaten und öffentlichen Sammlungen beschlagnahmte, könnte man ebensogut von Kunstraub oder Raubkunst wie von Beutekunst sprechen. 

Moderne Kunst wurde eingetauscht gegen Alte Meister. Daran beteiligt war der Galerist Gustav Rochlitz, bei dem wiederum Gurlitt gelegentlich einkaufte. Die "Sitzende Frau" von Henri Matisse, die als erstes Bild der Gurlitt'schen Sammlung als Raubkunst identifiziert wurde, soll aus der beschlagnahmten Sammlung Paul Rosenberg über Rochlitz an Gurlitt gelangt sein.

Um den Fall noch komplizierter zu machen: Während die "Washingtoner Erklärung" von beschlagnahmten Kunstwerken spricht, heißt es in der deutschen Fassung "verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter". Nicht nur wer enteignet wurde, auch wer unter dem Druck der Verfolgung seine Kunstsammlung unter Wert verkaufte, soll berücksichtigt werden. Nur öffnet dies einen breiten Interpretationsspielraum: Wo ist die Grenze zwischen freiwilligem Verkauf und einer Notsituation?

Marianne d'Hooge, Mitarbeiterin von Karl Buchholz. Foto: Godula Buchholz
Marianne d'Hooge, Mitarbeiterin von Karl Buchholz. Foto: Godula Buchholz

"1937: Jahr der Trennungen", schreibt Marianne d'Hooge, Mitarbeiterin des Buchhändlers und Galeristen Karl Buchholz, in ihrem 1969 erschienenen Buch "Mitbetroffen", über jüdische Sammler, die fliehen mussten: "Menschen kamen und verabschiedeten sich, die wir jahrelang betreut hatten, und wenn sie sich bei uns bedankten, stiegen mir oft Tränen des Zorns und der Scham in die Augen." Edith Schulz, eine andere Mitarbeiterin, stellt fest: "Wir haben viele Kunden verloren. Wir müssen neue Kunden werben, und das wird nicht leicht sein." In der Biografie ihres Vaters fügt Godula Buchholz hinzu: "Hier sind die jüdischen Kunden gemeint." Es ist ein Irrtum, zu glauben, Kunsthändler hätten hohe Gewinne gemacht, wenn jüdische Sammler ihre Kollektionen gezwungenermaßen unter Wert verkauften. Die Sammler selbst waren ihre besten Kunden.

Nicht als Raubkunst gilt dagegen die konfiszierte "entartete Kunst". 3700 Werke übernahm Hildebrand Gurlitt aus dem Depot in Schloss Niederschönhausen. Inwiefern Kunsthändler wie er von der "Verwertung" profitierten, lässt sich kaum schlüssig ausrechnen. 

Hohe Gewinnspannen auf niedrigem Niveau

Die Beschlagnahmung von mehr als 20 000 modernen Werken aus den Museen führte zu einem enormen Preisverfall. So konnte Galerist Buchholz Werke von Paul Klee über den in den USA lebenden Curt Valentin, einen früheren Mitarbeiter des berühmten jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim, der bis 1937 seine Berliner Galerie geleitet hatte, in New York günstiger anbieten als die Konkurrenz, obwohl Valentin manchmal das Vierfache des Ankaufspreises verlangte.

Vom heutigen Preisniveau darf man sich allerdings nicht täuschen lassen. Für das 1937 aus der Stuttgarter Staatsgalerie beschlagnahmte kleine Gemälde "Rhythmus der Fenster" zahlte Buchholz seinerzeit 120 US-Dollar – in Mark etwa das Vierfache. 2007 kostete der Rückkauf die Staatsgalerie 1,9 Millionen Euro. Für Klees Druckgrafiken bezahlte Buchholz zumeist nur einen Dollar. Die Gewinnspanne war hoch, aber auf sehr niedrigem Niveau. 

Aber auch Buchholz wurde beraubt: "Hier nun muss ich mit Bedauern sagen, dass Ihr Eigentum, Ihre Kunstwerke sowie recht beträchtliche Geldsummen, die Ihnen und Ihren Künstlern in Deutschland gehören, vor längerer Zeit vom Alien Property Custodian beschlagnahmt und dass die Gemälde öffentlich versteigert wurden", schreibt ihm Valentin im September 1945 aus New York. Die Alien Property Custodian beschlagnahmte während des Ersten und Zweiten Weltkriegs Eigentum von Angehörigen feindlicher Staaten der USA.

Karl Buchholz (Mitte rechts) bei der Eröffnung seiner Buchhandlung in Lissabon 1943. Foto: Godula Buchholz
Karl Buchholz (Mitte rechts) bei der Eröffnung seiner Buchhandlung in Lissabon 1943. Foto: Godula Buchholz

Buchholz hatte die Galerie in New York eben deshalb an Valentin überschrieben, weil deutscher Besitz dort eingezogen wurde. Werke, die ihm gehörten, und Kommissionsware waren nicht geschützt. Mitten im Krieg eröffnete Buchholz Filialen in Bukarest, Lissabon und Madrid, Der Berliner Laden wurde 1943 von Bomben getroffen. Nach dem Krieg fand er seine Villa in Berlin ausgeplündert vor. Der Verdacht fiel auf Gerd Rosen, einen jüdischen Kunstsammler, der im Nachkriegsberlin die erste Galerie eröffnete und dort dezidiert modernde Kunst ausstellte, von zuvor als "entartet" verfemten Künstlern ebenso wie von jungen Künstlern der Nazizeit.

Eduard Fuchs: Sammler und Kommunist

In der deutschen Version der "Washingtoner Prinzipien" folgt auf "verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter" der Zusatz "insbesondere aus jüdischem Besitz." Ironischerweise ist auf der Website lostart.de, einer Datenbank, die durch die Nazis geraubte Kunst und Kulturgüter auflistet, unter "Jüdische Sammler und Kunsthändler" auch Eduard Fuchs aufgeführt.

Doch Fuchs war kein Jude. Er war Kommunist. Wie werden nun Kommunisten, die aufgrund ihrer politischen Einstellung Deutschland und ihre Kunstsammlungen verließen, entschädigt?

Max Slevogt: Porträt Eduard Fuchs. Bild: Staatsgalerie Stuttgart
Max Slevogt: Porträt Eduard Fuchs. Bild: Staatsgalerie Stuttgart

1870 in Göppingen geboren, wuchs Fuchs in Stuttgart auf, arbeitete nach einer Kaufmannslehre in einer Druckerei und kam wegen Verstoßes gegen die Sozialistengesetze fünf Monate ins Gefängnis. Er ging nach München und entdeckte als Redakteur des sozialdemokratischen "Süddeutschen Postillon" sein Interesse an der Karikatur, zu deren Geschichte er später ein Standardwerk verfasste. Es folgten eine Geschichte der erotischen Kunst und sein erfolgreichstes Werk, die "Illustrierte Sittengeschichte".

Während Fuchs sich politisch immer mehr radikalisiert, von der SPD zur KPD und zur Kommunistischen Partei-Opposition (KPO) wechselt, wird er zugleich zum bedeutendsten Sammler der Werke von Honoré Daumier. Staatsgalerie-Direktor Otto Fischer versucht die Kollektion 1924 für Stuttgart zu erwerben. Doch Fuchs plant inzwischen in Berlin ein privates Museum.

Als er 1933 das Land verlässt, wird die Sammlung beschlagnahmt und versteigert: darunter 40 Gemälde sowie 50 bis 60 Aquarelle und Zeichnungen von Max Slevogt, 25 Gemälde und Hunderte Lithografien von Daumier, Werke von Max Liebermann, Gustave Courbet, Théodor Géricault und George Grosz, zahlreiche Ostasiatica sowie weit mehr als 20 000 Druckgrafiken und eine 8000 Bände umfassende Bibliothek.

Seine Villa in Berlin-Zehlendorf war ein frühes Werk des Architekten Ludwig Mies van der Rohe. Einen Restitutionswunsch der Erben lehnte der damalige Besitzer, die Stiftung Deutsche Klassenlotterie, im Jahr 2000 ab. Heute beherbergt die Villa die Parzival-Schule für behinderte Kinder.

Noch im Februar 2014 kam im Auktionshaus Sotheby's ein Daumier-Gemälde aus der Sammlung Fuchs für 43 750 britische Pfund unter den Hammer.


Info:

Mehr zu Eduard Fuchs in der soeben erschienenen Biografie des promovierten Kunsthistorikers und Fuchs-Experten Ulrich Weitz. Das Buch ist hier zu erwerben.

 


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Kommentare

Horst Bestelmeyer, 12.12.2014 10:37
Den Ausführungen Heißenbüttels zum Fall Gurlitt ist zuzustimmen. Ich erlaube mir, insoweit ergänzend auf meine in Rpfleger 2014, 457 veröffentlichte Abhandlung hinzuweisen, die sich - ebenfalls kritisch - mit den rechtlichen Aspekten der zu Lebzeiten des Betroffenen geschlossenen "Raubkunst-Vereinbarung" vom 07.04.2014 und dem Verhalten der beteiligten Personen und Institutionen auseinandersetzt (Bestelmeyer: Die "Raubkunst-Vereinbarung" im Fall Gurlitt aus betreuungs- und erbrechtlicher Sicht").

Darüber hinaus wird der "Fall Gurlitt" auch ausführlich in einem Fachforum für Rechtspfleger diskutiert (rechtspflegerforum.de). Auch dort sind die Äußerungen ganz überwiegend von einem kritischen Unterton geprägt.

http://www.rechtspflegerforum.de/showthread.php?72564-Der-Fall-Gurlitt&p=946122&viewfull=1#post946122

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Ausgabe 287 / Riskant, aber richtig / Georg, 30.09.2016 09:27
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Ausgabe 287 / Behinderung kostet / Klaus, 29.09.2016 22:37
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