KONTEXT Extra:
Stuttgarter Filmwinter startet mit "Mut zur Lüge"

Der Stuttgarter Filmwinter – Eröffnung am 18. Januar – steht in diesem Jahr ganz im Zeichen der Lüge. So ist es natürlich auch nicht der 300. Filmwinter, wie auf den quietschgelben Werbeplakaten zu lesen ist, sondern der 30. – immerhin. Bis 22. Januar sind im FITZ! in der Eberhardstrasse, im Haus der Geschichte, im Kunstbezirk, und im Theater tri-bühne experimentelle Filme und Medienkunst zu sehen und zu erleben bei diesem "bedeutendsten Festival Experimentalfilm im süddeutschen Raum ". So die Eigenwerbung und das ist natürlich keine Lüge. Wie in den vergangenen Jahren auch, sollen die anspruchsvollen und meist auch anstrengenden experimentellen Filmkunstwerke einer größeren Öffentlichkeit spielerisch näher gebracht werden. Damit der Nachwuchs an interessierten Zuschauern nicht ausbleibt, gibt es auch bei diesem Filmwinter im Zeichen der Lüge ein spezielles Programm für Kinder und Jugendliche mit Kurzfilmen, Workshops, Führungen. Das Programm und mehr gibt es unter www.filmwinter.de.


Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

"Zwei Reiter am Strand" von Max Liebermann, das zweite der bisher vier als Raubkunst identifizierten Werke der Sammlung Gurlitt.

"Zwei Reiter am Strand" von Max Liebermann, das zweite der bisher vier als Raubkunst identifizierten Werke der Sammlung Gurlitt.

Ausgabe 193
Kultur

Beschlagnahmt und versteigert

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 10.12.2014
Raubkunst definiert Deutschland als "in der NS-Zeit verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz". Haben Kunsthändler wie Hildebrand Gurlitt sich an solchen Werken gesundgestoßen, die zum Teil heute Millionen wert sind? Was, wenn ein Sammler wie Eduard Fuchs nicht Jude, sondern Kommunist war?

Es entbehrt nicht der Ironie, wenn die Kunstsammlung des Cornelius Gurlitt pauschal als Raubkunst bezeichnet wird. Gurlitt hat niemanden beraubt. Im Gegenteil, er wurde beraubt: von der Staatsanwaltschaft. Es gab dafür keinerlei rechtliche Handhabe. Soweit sich in seiner Sammlung sogenannte Raubkunst befand, sind diese Fälle längst verjährt.

Geregelt wird die Rückabwicklung von sogenannter Raubkunst durch die "Washingtoner Erklärung" von 1998: eine freiwillige Verpflichtung der Unterzeichnerstaaten, jüdische Vorbesitzer von durch die Nazis geraubten Kunstwerken, ebenfalls deren Erben trotzdem zu entschädigen. Sie betrifft jedoch nur Werke in öffentlichen Museen, nicht Privatsammler. Cornelius Gurlitt hatte sich, als 2011 bekannt wurde, dass Max Beckmanns "Löwenbändiger" dem berühmten jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim gehört hatte, mit den Erben schnell geeinigt – noch vor jedem Museum.

Aber hatte nicht sein Vater Hildebrand Gurlitt vom Handel mit Raubkunst profitiert? War er nicht, wie es neuerdings sogar in einer dpa-Meldung heißt, "Adolf Hitlers Kunsthändler"? Ganz falsch ist das nicht. Aber auch nicht ganz richtig. Denn mit der Raubkunst und dem Kunstraub ist es sehr viel komplizierter, als sich in eine Aufmerksamkeit heischende Schlagzeile packen lässt. Ohnehin bedarf es akribischer Recherchen, um herauszufinden, was Raubkunst war und was nicht, Schwammige Begrifflichkeiten machen die Sache da nicht einfacher. Außerdem: Gilt es Entschädigungen nur für Erben von jüdischen Kunstbesitzern oder auch für solche Kunstsammler, die aus anderen Gründen von den Nazis verfolgt wurden?

Gurlitt kaufte Werke für das "Führermuseum" Linz

Hildebrand Gurlitt war sicher kein Nazi. Als Museumsdirektor in Zwickau, wo er ab 1925 eine Sammlung moderner Kunst aufgebaut hatte, wurde er auf Druck des nationalsozialistischen "Kampfbunds für deutsche Kultur" bereits 1930 entlassen. Kunsthändler wurde er erst, als er 1933 auf Druck der Nazis auch seinen Posten als Leiter des Hamburger Kunstvereins räumen musste.

Hildebrand Gurlitt gehörte zu jenen vier Galeristen in Deutschland, die sich nach der Beschlagnahmung der "entarteten" modernen Kunst aus den deutschen Museen 1937 um deren "Verwertung" bewarben. Alle vier, Ferdinand Möller, Bernhard Böhmer, Karl Buchholz und Gurlitt, handelten mit moderner Kunst. Deshalb wurden sie für geeignet befunden, Werke gegen Devisen ins Ausland zu verkaufen.

Berühmtes Raubkunst-Werk: Die Büste der Nofretete. Foto: Philip Pikart/Wikipedia
Berühmtes Raubkunst-Werk: Die Büste der Nofretete. Foto: Philip Pikart/Wikipedia

Der Sündenfall kam, als der Galerist, der sein Leben lang, wie es im Nachruf heißt, "an allen Stellen größte Aktivität" entfaltete, sich 1943 bereit erklärte, im besetzten Frankreich Werke für das geplante "Führermuseum" in Linz anzukaufen. 168 Kunstwerke erstand Gurlitt für das Museum, je älter desto teurer. 825 000 Reichsmark kostete etwa ein von Jean Fouquet gemaltes Porträt aus dem 15. Jahrhundert, eines von Ingres aus dem neunzehnten Jahrhundert dagegen nur 285 000 Mark.

Gurlitt war dabei nur Zwischenhändler. Beauftragt von Hermann Voss, dem Direktor der Dresdner Gemäldegalerie, kaufte er in der Regel bei Theo Hermsen, wie aus den nun ins Netz gestellten Geschäftsbüchern Gurlitts hervorgeht. Die Vorbesitzer sind nur in seltenen Fällen bekannt. Ganze vier Werke sind bisher, nach monatelangen Recherchen, in der mehr als 1500 Werke umfassenden Sammlung ausfindig gemacht worden, die wahrscheinlich als "Raubkunst" im Sinne der "Washingtoner Erklärung" identifiziert werden können. Kann man deshalb die ganze Sammlung als Raubkunst bezeichnen?

Kunstraub ist so alt wie die Kunst. Auf dem vierten Kreuzzug plünderten die Kreuzfahrer Konstantinopel, statt ins Heilige Land vorzustoßen. Venedig wurde zur reichsten Stadt Europas. Zur Beute gehören einige der bedeutendsten Kunstwerke der Markuskirche. Die Geburt des Museums verdankt sich dem größten Kunstraub der Geschichte: Aus ganz Europa und dem Mittelmeerraum ließ Napoleon Werke zusammentragen – die zum Teil später in ihre Herkunftsländer zurückgebracht wurden –, um sie im früheren Königsschloss Louvre auszustellen. In der kolonialen Epoche wanderten Kunstgegenstände aus aller Welt nach Europa. 

Heute gibt es Streit um die Nofretete-Büste oder die Elgin Marbles vom Athener Parthenon. Weitaus mehr geraubte Kunst lagert in den Völkerkundemuseen. Die berühmten Benin-Bronzen etwa kamen 1897 nach einer britischen "Strafexpedition" nach England und anschließend durch Auktionen überwiegend an deutsche Museen. Auch heute noch verlassen archäologische Funde zu Tausenden illegal den afrikanischen Kontinent, um in amerikanischen und europäischen Privatsammlungen zu landen. Auch in neuerer Zeit gab es Kunstraub: Zu George W. Bushs Irakkrieg gehörte ein organisierter Kunstraub aus dem Irakischen Nationalmuseum.

Wo ist die Grenze zu einer einer Notsituation?

Doch so paradox es klingt: "Raubkunst" ist nicht einfach das Resultat von "Kunstraub". Nach der "Washingtoner Erklärung", bezeichnet der Begriff ausschließlich von den Nationalsozialisten beschlagnahmte Kulturgüter – andernfalls ist von "Beutekunst" oder eben "Kunstraub" die Rede. Wenn aber der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) in Frankreich Kunstwerke aus privaten und öffentlichen Sammlungen beschlagnahmte, könnte man ebensogut von Kunstraub oder Raubkunst wie von Beutekunst sprechen. 

Moderne Kunst wurde eingetauscht gegen Alte Meister. Daran beteiligt war der Galerist Gustav Rochlitz, bei dem wiederum Gurlitt gelegentlich einkaufte. Die "Sitzende Frau" von Henri Matisse, die als erstes Bild der Gurlitt'schen Sammlung als Raubkunst identifiziert wurde, soll aus der beschlagnahmten Sammlung Paul Rosenberg über Rochlitz an Gurlitt gelangt sein.

Um den Fall noch komplizierter zu machen: Während die "Washingtoner Erklärung" von beschlagnahmten Kunstwerken spricht, heißt es in der deutschen Fassung "verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter". Nicht nur wer enteignet wurde, auch wer unter dem Druck der Verfolgung seine Kunstsammlung unter Wert verkaufte, soll berücksichtigt werden. Nur öffnet dies einen breiten Interpretationsspielraum: Wo ist die Grenze zwischen freiwilligem Verkauf und einer Notsituation?

Marianne d'Hooge, Mitarbeiterin von Karl Buchholz. Foto: Godula Buchholz
Marianne d'Hooge, Mitarbeiterin von Karl Buchholz. Foto: Godula Buchholz

"1937: Jahr der Trennungen", schreibt Marianne d'Hooge, Mitarbeiterin des Buchhändlers und Galeristen Karl Buchholz, in ihrem 1969 erschienenen Buch "Mitbetroffen", über jüdische Sammler, die fliehen mussten: "Menschen kamen und verabschiedeten sich, die wir jahrelang betreut hatten, und wenn sie sich bei uns bedankten, stiegen mir oft Tränen des Zorns und der Scham in die Augen." Edith Schulz, eine andere Mitarbeiterin, stellt fest: "Wir haben viele Kunden verloren. Wir müssen neue Kunden werben, und das wird nicht leicht sein." In der Biografie ihres Vaters fügt Godula Buchholz hinzu: "Hier sind die jüdischen Kunden gemeint." Es ist ein Irrtum, zu glauben, Kunsthändler hätten hohe Gewinne gemacht, wenn jüdische Sammler ihre Kollektionen gezwungenermaßen unter Wert verkauften. Die Sammler selbst waren ihre besten Kunden.

Nicht als Raubkunst gilt dagegen die konfiszierte "entartete Kunst". 3700 Werke übernahm Hildebrand Gurlitt aus dem Depot in Schloss Niederschönhausen. Inwiefern Kunsthändler wie er von der "Verwertung" profitierten, lässt sich kaum schlüssig ausrechnen. 

Hohe Gewinnspannen auf niedrigem Niveau

Die Beschlagnahmung von mehr als 20 000 modernen Werken aus den Museen führte zu einem enormen Preisverfall. So konnte Galerist Buchholz Werke von Paul Klee über den in den USA lebenden Curt Valentin, einen früheren Mitarbeiter des berühmten jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim, der bis 1937 seine Berliner Galerie geleitet hatte, in New York günstiger anbieten als die Konkurrenz, obwohl Valentin manchmal das Vierfache des Ankaufspreises verlangte.

Vom heutigen Preisniveau darf man sich allerdings nicht täuschen lassen. Für das 1937 aus der Stuttgarter Staatsgalerie beschlagnahmte kleine Gemälde "Rhythmus der Fenster" zahlte Buchholz seinerzeit 120 US-Dollar – in Mark etwa das Vierfache. 2007 kostete der Rückkauf die Staatsgalerie 1,9 Millionen Euro. Für Klees Druckgrafiken bezahlte Buchholz zumeist nur einen Dollar. Die Gewinnspanne war hoch, aber auf sehr niedrigem Niveau. 

Aber auch Buchholz wurde beraubt: "Hier nun muss ich mit Bedauern sagen, dass Ihr Eigentum, Ihre Kunstwerke sowie recht beträchtliche Geldsummen, die Ihnen und Ihren Künstlern in Deutschland gehören, vor längerer Zeit vom Alien Property Custodian beschlagnahmt und dass die Gemälde öffentlich versteigert wurden", schreibt ihm Valentin im September 1945 aus New York. Die Alien Property Custodian beschlagnahmte während des Ersten und Zweiten Weltkriegs Eigentum von Angehörigen feindlicher Staaten der USA.

Karl Buchholz (Mitte rechts) bei der Eröffnung seiner Buchhandlung in Lissabon 1943. Foto: Godula Buchholz
Karl Buchholz (Mitte rechts) bei der Eröffnung seiner Buchhandlung in Lissabon 1943. Foto: Godula Buchholz

Buchholz hatte die Galerie in New York eben deshalb an Valentin überschrieben, weil deutscher Besitz dort eingezogen wurde. Werke, die ihm gehörten, und Kommissionsware waren nicht geschützt. Mitten im Krieg eröffnete Buchholz Filialen in Bukarest, Lissabon und Madrid, Der Berliner Laden wurde 1943 von Bomben getroffen. Nach dem Krieg fand er seine Villa in Berlin ausgeplündert vor. Der Verdacht fiel auf Gerd Rosen, einen jüdischen Kunstsammler, der im Nachkriegsberlin die erste Galerie eröffnete und dort dezidiert modernde Kunst ausstellte, von zuvor als "entartet" verfemten Künstlern ebenso wie von jungen Künstlern der Nazizeit.

Eduard Fuchs: Sammler und Kommunist

In der deutschen Version der "Washingtoner Prinzipien" folgt auf "verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter" der Zusatz "insbesondere aus jüdischem Besitz." Ironischerweise ist auf der Website lostart.de, einer Datenbank, die durch die Nazis geraubte Kunst und Kulturgüter auflistet, unter "Jüdische Sammler und Kunsthändler" auch Eduard Fuchs aufgeführt.

Doch Fuchs war kein Jude. Er war Kommunist. Wie werden nun Kommunisten, die aufgrund ihrer politischen Einstellung Deutschland und ihre Kunstsammlungen verließen, entschädigt?

Max Slevogt: Porträt Eduard Fuchs. Bild: Staatsgalerie Stuttgart
Max Slevogt: Porträt Eduard Fuchs. Bild: Staatsgalerie Stuttgart

1870 in Göppingen geboren, wuchs Fuchs in Stuttgart auf, arbeitete nach einer Kaufmannslehre in einer Druckerei und kam wegen Verstoßes gegen die Sozialistengesetze fünf Monate ins Gefängnis. Er ging nach München und entdeckte als Redakteur des sozialdemokratischen "Süddeutschen Postillon" sein Interesse an der Karikatur, zu deren Geschichte er später ein Standardwerk verfasste. Es folgten eine Geschichte der erotischen Kunst und sein erfolgreichstes Werk, die "Illustrierte Sittengeschichte".

Während Fuchs sich politisch immer mehr radikalisiert, von der SPD zur KPD und zur Kommunistischen Partei-Opposition (KPO) wechselt, wird er zugleich zum bedeutendsten Sammler der Werke von Honoré Daumier. Staatsgalerie-Direktor Otto Fischer versucht die Kollektion 1924 für Stuttgart zu erwerben. Doch Fuchs plant inzwischen in Berlin ein privates Museum.

Als er 1933 das Land verlässt, wird die Sammlung beschlagnahmt und versteigert: darunter 40 Gemälde sowie 50 bis 60 Aquarelle und Zeichnungen von Max Slevogt, 25 Gemälde und Hunderte Lithografien von Daumier, Werke von Max Liebermann, Gustave Courbet, Théodor Géricault und George Grosz, zahlreiche Ostasiatica sowie weit mehr als 20 000 Druckgrafiken und eine 8000 Bände umfassende Bibliothek.

Seine Villa in Berlin-Zehlendorf war ein frühes Werk des Architekten Ludwig Mies van der Rohe. Einen Restitutionswunsch der Erben lehnte der damalige Besitzer, die Stiftung Deutsche Klassenlotterie, im Jahr 2000 ab. Heute beherbergt die Villa die Parzival-Schule für behinderte Kinder.

Noch im Februar 2014 kam im Auktionshaus Sotheby's ein Daumier-Gemälde aus der Sammlung Fuchs für 43 750 britische Pfund unter den Hammer.


Info:

Mehr zu Eduard Fuchs in der soeben erschienenen Biografie des promovierten Kunsthistorikers und Fuchs-Experten Ulrich Weitz. Das Buch ist hier zu erwerben.

 


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

Kommentare

Horst Bestelmeyer, 12.12.2014 10:37
Den Ausführungen Heißenbüttels zum Fall Gurlitt ist zuzustimmen. Ich erlaube mir, insoweit ergänzend auf meine in Rpfleger 2014, 457 veröffentlichte Abhandlung hinzuweisen, die sich - ebenfalls kritisch - mit den rechtlichen Aspekten der zu Lebzeiten des Betroffenen geschlossenen "Raubkunst-Vereinbarung" vom 07.04.2014 und dem Verhalten der beteiligten Personen und Institutionen auseinandersetzt (Bestelmeyer: Die "Raubkunst-Vereinbarung" im Fall Gurlitt aus betreuungs- und erbrechtlicher Sicht").

Darüber hinaus wird der "Fall Gurlitt" auch ausführlich in einem Fachforum für Rechtspfleger diskutiert (rechtspflegerforum.de). Auch dort sind die Äußerungen ganz überwiegend von einem kritischen Unterton geprägt.

http://www.rechtspflegerforum.de/showthread.php?72564-Der-Fall-Gurlitt&p=946122&viewfull=1#post946122

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 303 / Jeder Zehnte am Abgrund / Franky, 18.01.2017 19:34
Ob die neue Partei "Bündnis Grundeinkommen" die sogenannten Abgehängten erreicht?

Ausgabe 303 / Jeder Zehnte am Abgrund / Anne, 18.01.2017 19:24
Vielen Dank für den Artikel. Armut hat viele Gesichter. Allerdings sind wir von der Ursachenbekämpfung der Armut Meilen entfernt. Angemessene Mietwohnungen können sich die meisten Menschen nicht mehr leisten, weil die Immobilien zu...

Ausgabe 303 / Anti-Christen / Rolf Steiner, 18.01.2017 19:02
Herr Strobl biedert sich mit seinem flüchtlingsfeindlichen Verhalten dieser rechtsextremen AfD und der jetzt weiter erlaubten NPD argumentativ doch geradezu an. Aber: Wer heutzutage nach Afghanistan abschiebt, liefert die Menschen...

Ausgabe 303 / Kein Platz für Heuschrecken / Anja Schmitt, 18.01.2017 18:49
Hallo Herr Oehler, in den Projekten des Mietshäusersyndikats wohnen keinesfalls nur Menschen, die dort auch Direktkredite eingegeben haben, im Gegenteil. Sinn der Sache ist, dass man kein Eigenkapital als Individuum braucht (bei uns gibt...

Ausgabe 303 / Jeder zweite Baum – ein fürstlicher / Peter Fackelmann, 18.01.2017 18:29
Vor mehreren Jahrhunderten den Bauern aus der Allmende geraubt, sitzen diese Leute noch heute auf diesem Land. Es ist schändlich. Gut - ich bin befangen. Mein Vorfahr wurde im Bauernkrieg von diesen Herrschaften totgeschlagen.

Ausgabe 303 / Anti-Christen / Rolf Steiner, 18.01.2017 17:33
Die Realtiätsferne von selbsternannten "Staatsschützern" ist mehr als befremdlich. Dabei sind weltweit Menschen auf der Flucht, wollen raus den Ländern, die vom Krieg überzogen sind und dann tauchen nazionalstisch durch und durch...

Ausgabe 303 / Kein Bock auf Partei / gesders, 18.01.2017 15:55
es gibt so aus den 60igern eine these, dass hauptschueler die studenten subventionieren. - hat mir damals prinzipiell eingeleuchtet. das war so im umfeld summerhill usw. - bezog sich zwar auf lateinamerika, war aber erstmal nicht...

Ausgabe 303 / Anti-Christen / Barolo, 18.01.2017 15:37
Ein Vergleich wie andere Staaten mit Migrationswilligen umgehen ist hilfreich. Saudi Arabien und die andern da unten lassen nicht mal einen Moslem rein. Wenn du in Dubai keinen Arbeitsvertrag mehr hast, bleibt dir nur kurze Zeit um das...

Ausgabe 303 / Dann klopft mal schön / Andrea, 18.01.2017 15:11
Wie definiert man "Fake News"? Wir haben Politiker, die sich regelmäßig beim Erfinden von Zahlen erwischen lassen: https://www.freitag.de/autoren/wolle-ing/falsche-zahlen-eine-politiker-timeline hätte das dann Konsequenzen?...

Ausgabe 286 / Hass ist eine Seuche / hp. blomeier, 18.01.2017 15:03
fakt ist: die bewußt neoliberale politik unserer neoliberalen politikerkaste " merkel " ist der quell des hasses; hass kann politisch " bewusst " erzeugt werden. wer also ist der brandstifter?

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.