KONTEXT Extra:
Kretschmann Schirmherr für 199 kleine Helden

Ihr Dokumentarfilm hat bei drei Kinderfilmfestivals Preise abgeräumt, zuletzt in Chicago. Klar, dass sich die Regisseurin Sigrid Klausmann über diese Auszeichnungen freut. Seit Jahren begleitet die Stuttgarterin für ihr Filmprojekt "199 kleine Helden" Kinder weltweit auf ihrem Schulweg. Sie redet mit ihnen über ihre Ängste und Wünsche und darüber, wie sich die kleinen Protagonisten die Zukunft vorstellen. Daraus hat Klausmann den preisgekrönten Dokumentarfilm "Nicht ohne uns!" gemacht. Bereits diesen Sonntag (4.12.) wird er im Stuttgarter Metropol Kino gezeigt (16 Uhr), der offizielle Kinostart ist am 19. Januar.

Dass Stuttgart so früh dran ist, liegt mit daran, dass der Stuttgarter OB Fritz Kuhn die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen hat. Zusammen mit der Schauspielerin Senta Berger, die sich nun allerdings altersbedingt zurückzieht. Demnächst werden Sigrid Klausmann und ihre kleinen Helden neue Schirmeltern bekommen: Winfried Kretschmann und Hannelore Kraft, die Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Beide Länder unterstützen die kleinen Helden über ihre Landesfilmförderung.

Die Stuttgarter Preview am Sonntag wird ein Familienfest werden. Die Regisseurin Sigrid Klausmann wird ebenso vor Ort sein wie ihr Mann Walter Sittler (Produzent) und die Tochter Lea. Die Musikerin hat den Titelsong zum Film der Mutter komponiert. (2.12.2016)


Im Hajek-Haus soll wieder Feuer brennen

Das Trauerspiel um das Hajek-Haus mag jetzt zumindest die Fraktion SÖS/Linke/Plus nicht mehr mit ansehen. Sie will, per Antrag im Stuttgarter Gemeinderat, dass die Stadt das Kultur-Denkmal "vor dem Verfall" rettet. Wie in Kontext ausführlich berichtet steht die Villa an der Hasenbergsteige 65 seit dem Tod des Bildhauers (2005) leer. Vor fünf Jahren kaufte sie der Möbelfabrikant Markus Benz und ließ sie – Denkmalschutz hin oder her – entkernen. Das wiederum gefiel den behördlichen Denkmalschützern nicht, die sich auf den Gerichtsweg machten, bis heute ohne Ergebnis.

Und seitdem rottet das Haus in bester Halbhöhenlage vor sich hin. Die kulturpolitische Sprecherin der Fraktionsgemeinschaft, Guntrun Müller-Enßlin, vermutet, dass der Möbelmensch auf einen Abriss, und damit eine "verdeckte Immobilienspekulation" hin arbeitet. Stadträtin Laura Halding-Hoppenheit erinnert an die Tradition des Hauses, in dem auch schon Willy Brandt Rotwein trank. Die Villa sei ein Treffpunkt für Menschen gewesen, die etwas bewegen wollten, und dieses "Feuer muss weiter brennen", sagt sie.(30.11.2016)


Das Geschäft mit Waffen läuft

Heckler & Koch hat einen Großauftrag erhalten und wird französische Soldaten aller drei Teilstreitkräfte ab 2017 zehn Jahre lang mit 100 000 Sturmgewehren vom Typ HK 416 ausstatten. Es soll um ein Volumen von 300 Millionen Euro gehen. Der Rüstungsauftrag, heißt es in Paris, werde "die soliden Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich im Verteidigungssektor und besonders in der Rüstungsindustrie" stärken. Die Nachbarn stehen also auf der Liste der sogenannten "grünen Länder", denn – immerhin – nur die sollen weiter beliefert werden.

Am Montagmorgen wurde bekannt, dass der Oberndorfer Waffenhersteller Neugeschäfte allein mit Staaten abschließen will, die demokratisch und nicht korrupt sind. Nach einer Meldung der Deutsche-Presse-Agentur würden damit Kunden wie Saudi-Arabien, Mexiko, Brasilien, Indien oder die Türkei wegfallen. Alte Aufträge sollen allerdings abgewickelt werden, gerade auch mit den Saudis. Das Unternehmen wartet aktuell auf die Genehmigung deutscher Behörden zur Ausfuhr unter anderen von Bauteilen für eine Gewehrfabrik.

Daimler-Chef Dieter Zetsche hatte bei seinem Auftritt kürzlich auf dem Bundesparteitag der Grünen in Münster ausdrücklich die Politik in der Pflicht gesehen: "Wohin wir exportieren, das muss die Politik entscheiden." Zugleich machte er klar, dass es für sein Unternehmen um 3500 von 100 000 Trucks gehe. Appelle, freiwillig auf deren Verkauf zu verzichten, verhallten bisher ungehört. (28.11.2016)


Bahnchef Grube mag Stuttgart 21 nicht mehr

Da rennt der Mann jahrelang rum und erzählt, wie großartig der Tiefbahnhof ist - und jetzt? Jetzt sagt Rüdiger Grube laut "Spiegel": "Ich habe Stuttgart 21 nicht erfunden und hätte es auch nicht gemacht". Nun wird schon spekuliert, ob es vielleicht ein Doppelgänger war, der diesen Satz beim Bundesverband Führungskräfte Deutscher Bahnen gesprochen hat, oder hier ein Fall von Persönlichkeitsspaltung vorliegt? Aber nein, es war der leibhaftige Grube.

Auf die Reaktionen all seiner Freunde darf man gespannt sein. Vorneweg auf jene seiner Chefin Angela Merkel, die mit S 21 die Zukunftsfähigkeit Deutschlands verband. Oder auf die von Teufel, Oettinger, Mappus, Gönner usw., die stets vor dem Abseits warnten, sollte der unterirdische Bahnhof nicht kommen. Nur der amtierende Ministerpräsident Kretschmann kann heimlich sagen, dass er auch schon immer dagegen war. (25.11.2016)


S 21: Kein neuer Deal mit der Bahn

Das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart zeigen der Deutschen Bahn die kalte Schulter und wollen die sogenannte Verjährungshemmungsvereinbarung nicht unterzeichnen. Damit versuchte die Bahn eine frühzeitige Entscheidung darüber zu vermeiden, ob sie eine Beteiligung von Stadt, Land und Region an den Mehrkosten des Milliardenprojekts einklagt. Alle Partner sollten einer Verlängerung der Verjährung für mögliche Ansprüche der Bahn auf zusätzliche Gelder für Stuttgart 21 zustimmen. Für die Stadt Stuttgart schlägt die Verwaltung dem Gemeinderat vor, diese Verlängerung abzulehnen. Endgültig entschieden wird am 8. Dezember.

"Die Vertragspartner sind der Auffassung, dass die DB Bauherrin ist und dass die Vertragspartner begrenzte und vor allem freiwillige Zuwendungen gewähren", erläuterte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) den mit der Stadt abgestimmten Standpunkt. Man werde sich "grundsätzlich auch gemeinsam gegen die Bahn verteidigen". Das Land sei mit der Stadt und der Region der Ansicht, "dass es ein falsches Signal wäre, eine Vereinbarung zu unterzeichnen, weil die Vertragspartner die Ansprüche der DB für unbegründet halten".

Hermann erwartet jetzt eine vergleichsweise schnell eingereichte Klage, aber "viel länger hätte die DB ohnehin nicht gewartet". Denn bis zu einem letztinstanzlichen Urteil würden voraussichtlich mehrere Jahre vergehen, nach der Prognose des Minister werden aber "in ungefähr drei Jahren die vertraglichen Finanzierungsbeiträge der Vertragspartner erschöpft sein". Im Finanzierungsvereinbarung zu Stuttgart 21 ist der Kostenrahmen inklusive Risikopuffer auf 4,526 Milliarden Euro begrenzt. Bei weiteren Kostensteigerungen sind, unter Nutzung der Sprechklauseln, Gespräche vorgesehen. Im März 2013 hat der DB-Aufsichtsrat den Finanzierungsrahmen auf 6,526 Milliarden Euro erhöht und zugleich die Projektpartner aufgefordert, über weitere Beiträge zu verhandeln. Das lehnen diese allerdings strikt ab. (24.11.2016)


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Ernst Kunkel: SA-Überfall auf Eugen Kunkel, 1933, Aquarell/Kohle. Württembergisches Landesmuseum, Zweigstelle Waldenbuch

Ernst Kunkel: SA-Überfall auf Eugen Kunkel, 1933, Aquarell/Kohle. Württembergisches Landesmuseum, Zweigstelle Waldenbuch

Ausgabe 138
Zeitgeschehen

Versteckt und vergessen

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 20.11.2013
Während in München mit lautem Getöse ein verlorener Kunstschatz gehoben wird, schlummern in und um Stuttgart außergewöhnliche Bilder aus der Nazizeit. Sie wurden damals versteckt, sie auszustellen wäre lebensgefährlich gewesen. Weil sie vorausschauend zeigten, wohin Hitlers Gewaltherrschaft letztlich führte. Bis heute sind die Arbeiten nie einer größeren Öffentlichkeit präsentiert worden. Kontext zeigt eine Auswahl.

Auf einer dunkelgrauen Wolke schwebt die Büste Adolf Hitlers, die rechte Hand emporgereckt und zur Faust geballt. Lichtstrahlen gehen von ihr aus wie von einem Blitze schleudernden Thor. An drei Tischen verdrehen alle die Hälse, um mit offenen, geifernden Mündern dem Führer zuzujubeln.

Ernst Kunkels Ölskizze entstand bereits in den ersten Jahren der NSDAP, womöglich noch vor dem Putschversuch im November 1923. Kunkel, Sohn eines Schriftsetzers, Gewerkschafters und zeitweiligen SPD-Landesvorstands, der das erste Haus im heutigen Stuttgarter Nobelviertel am Frauenkopf errichtete, war ein scharfer Beobachter des Zeitgeschehens. Zeichnungen und Aquarelle zeigen Stammtischler, Tänzer, seinen Vater als Redner im Stuttgarter Clara-Zetkin-Haus, eine Demonstration gegen Preiserhöhungen, einen Knaben im Sonntagsanzug oder seinen Bruder Eugen, der dem "Bund der religiösen Sozialisten" angehörte, als grünen "Kräuter-Eku". Als dieser im April 1933 einen Aufruf unterzeichnete, der den Nationalsozialismus als "antichristliche Anbetung der Gewalt" anprangerte und in der Aufforderung gipfelte: "Lehnt Hitler ab!", stürmten SA-Truppen das Haus am Frauenkopf und verschleppten ihn in das neu eingerichtete Konzentrationslager "Heuberg" auf der Schwäbischen Alb – eine Begebenheit, die sein Bruder Ernst sogleich in einem Aquarell festhielt.

Ernst Kunkel, Hitlers Redegewalt, um 1922/23, Öl/Pappe. Württembergisches Landesmuseum, Zweigstelle Waldenbuch.
Ernst Kunkel: Hitlers Redegewalt, um 1922/23, Öl/Pappe. Württembergisches Landesmuseum, Zweigstelle Waldenbuch.

Selbstverständlich hat der Künstler diese Arbeit damals nicht ausstellen können – ebenso wenig wie die kleinen "Arschlecker" (1936), die um eine dumpfe Figur mit Revolver und Patronengurt herumschleichen. Nach dem Krieg wollte Kunkel Mitglied im Künstlerbund werden, wurde aber nicht aufgenommen. Er zog sich ins Private zurück und verarbeitete ganz am Ende seines Lebens seine Erlebnisse in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Zu Lebzeiten hatte er eine einzige Ausstellung, 1981 im Stuttgarter Gewerkschaftshaus. Eine weitere fand aus Anlass seines 100. Geburtstags auf Schloss Waldenbuch statt, der Abteilung für "Alltagskultur" des Landesmuseums Württemberg, wo sein Werk in den volkskundlichen Sammlungen verwahrt wird. Dabei ist Kunkel alles andere als ein naiver Volkskünstler. Nach Kursen an der Kunstgewerbeschule hat er auf Anraten des "schwäbischen Impressionisten" Christian Landenberger drei Jahre an der Stuttgarter Kunstakademie studiert, die er "aus Mangel an Geldmitteln" verließ, wie dieser in seinem Abschlusszeugnis festhält. Weiterhin bescheinigt ihm Landenberger, er sei "außerordentlich begabt und besitzt ein ausgezeichnetes künstlerisches Talent. In Beziehung auf Fleiß ist Herr Kunkel als vorbildlich zu bezeichnen."

Hermann Sohn ist verglichen mit Kunkel ein bekannter Maler. Annähernd gleich alt, wie Kunkel Lithograf, hatte er etwas früher bei Landenberger zu studieren begonnen, aber auch bei Adolf Hölzel, in dessen Klasse er Willi Baumeister und Oskar Schlemmer kennenlernte, und schließlich bei Heinrich Altherr. "Unter denen, die durch Altherrs Schule gegangen sind oder doch angeregt wurden, ist der stärkste wohl Hermann Sohn", meint der Galerist Bert Schlichtenmaier. Sohn wurde gefördert von Hugo Borst, dem Kunstsammler und ehemaligen Vorstand der Robert Bosch GmbH, dessen Sammlung sich heute in der Staatsgalerie befindet. Nach dem Krieg wurde er in den Planungsausschuss zur Wiedereröffnung der Stuttgarter Akademie berufen, wo er bis 1962 eine Malklasse leitete.

Hermann Sohn: Kristallnacht, 1938, Öl/Leinwand. Privatbesitz
Hermann Sohn: Kristallnacht, 1938, Öl/Leinwand. Privatbesitz

Als Marion Ackermann, bis 2009 Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart und heute Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, "Die schwarzen Männer" im Depot des Kunstmuseums entdeckte, reservierte sie Sohns Gemälde einen Platz in der Dauerausstellung – die freilich immer wieder einmal umgehängt wird. Auch im Esslinger Landratsamt war das Bild einmal ausgestellt. Zu sehen sind vier Gestalten in Schwarz, den Hut auf dem Totenschädel, die Hakenkreuzbinde am Oberarm, mit verschiedenen Attributen: Ein Blumenstrauß bezeichnet den Schöngeist, ein Koffer den Arzt, die Tasche eines Zeitungs-Austrägers die Presse. Das 1934 entstandene Bild trägt den Untertitel: "Die Ratten verlassen das Schiff": eine scharfe Kritik an den Mitläufern, die ihre Überzeugungen in den Wind schreiben und zu willfährigen Dienern des Systems werden.

"Hier in Esslingen da gab's ein israelitisches Waisenhaus", gibt Hermann Sohn 1968 an seinem 75. Geburtstag zu Protokoll – es handelt sich um das heutige Theodor-Rothschild-Haus, heute Sitz der Esslinger Stiftung Jugendhilfe aktiv. "Und ich bin geholt worden, von einem Malermeister, wegen Farbbestimmungen, in dieser Kaserne oben, in der Becelaere-Kaserne. Und wir fahren da die Mühlbergerstraße 'nauf, die Panoramastraße, und kommen an dieses Waisenhaus hin. Da ist vorne ein großer Hof gewesen. Man ist da die Staffeln raufgegangen. Und da seh' ich, wie da die Kinder rausspringen und schreien: 'mordio!' und rennen und tun und machen. Und dann spring' ich rein in den Hof, ein großer Schulhof, spring' ich rein, und jetzt schmeißen sie oben durch die Fenster Fahnen, israelitische Fahnen, und alles mögliche zum Fenster raus, und Bücher und was weiß ich. Also da ging's drunter und drüber." "Das war die SA!", lässt sich auf der Tonbandaufzeichnung eine andere Stimme vernehmen. Sohn weiter: "Und ich steh' in dem Hof, und ich schrei', was ich aus dem Hals rausbring': 'Polizei! Polizei! Wo ist denn die Polizei! Polizei!' Und dann rennt einer von den Kerle auf mich zu und sagt: 'Kerle, wenn du jetzt net deine Gosch hältst, und gleich verschwindest, dann schlag' ich dir den Schädel ein!' Jetzt ist das die Zeit gewesen der Kristallnacht. Auf dies hin ist die Kristallnacht gekommen. Und die Kinder sind alle dem Wald zugerannt, dem Schurwald zugerannt, und auch der Leiter von diesem israelitischen Waisenhaus. Das habe ich natürlich nicht gewusst. Und ich bin heim und nehme meine Leinwand und habe dieses Bild gemalt. Das ist die 'Krystallnacht': fünfarmiger Leuchter hinten und dann der Judenstern. Das hätt' ich dürfen niemand zeigen. Das hab' ich versteckt gehabt."

Das Bild bleibt bis heute versteckt. Wie die Erben auf einer dem Künstler gewidmeten Internet-Seite schreiben, habe "die Stadt Esslingen nie Interesse am Erwerb eines solchen Zeitdokuments gezeigt".

Oskar Zügel: Sieg der Gerechtigkeit. Untergang des Unsterns Hitler. Zerstörung Stuttgarts, 1934-46, Öl/Leinwand. Oskar-Zügel-Archiv.
Oskar Zügel: Sieg der Gerechtigkeit. Untergang des Unsterns Hitler. Zerstörung Stuttgarts, 1934–46, Öl/Leinwand. Oskar-Zügel-Archiv

Oskar Zügel ist ebenfalls nahezu gleich alt wie Kunkel und Sohn, hat bei Christian Landenberger, Adolf Hölzel und Heinrich Altherr studiert und war mit Willi Baumeister befreundet. Gegen Ende der 1920er-Jahre entstand eine Reihe kubistischer Bilder, darunter ab 1930 die Serie "Genotzüchtigte Kunst" mit Untertiteln wie "Diktator" und "Joseph Goebbels". Unmittelbar nach der Machtergreifung der Nazis bekam Oskar Zügel Besuch von der SA. Bilder wurden beschlagnahmt. Sie sollten verbrannt werden, überlebten jedoch den Krieg. Eine Ausstellung im Essener Museum Folkwang, in der Zügel vertreten war, wurde 1933 geschlossen. Oskar Zügel wurde kurz danach zum Polizeipräsidium vorgeladen, um, wie seine Tochter berichtet, einen "fast bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschlagenen jüdischen Freund" zu identifizieren.

Zügel begann dann an einem Gemälde zu arbeiten, das er später sein "Schicksalsbild" nennen wird und dem er drei Titel gibt: "Sieg der Gerechtigkeit", "Untergang des Unsterns Hitler" und "Zerstörung Stuttgarts". Eine rote Kanonenkugel mit Hakenkreuz löst einen Höllensturz in eine braune, zerstörte Stadtlandschaft aus. 1934 verließ Zügel Deutschland; das unfertige Werk nahm er zusammengerollt mit ins Exil nach Spanien. Drei Jahre später flüchtete er weiter nach Argentinien und ließ das inzwischen fertige Gemälde zurück, das, wie sich bei seiner Rückkehr 1950 herausstellte, die Zeit unbeschadet überstanden hatte.

Als Zügel 1981 zum bisher einzigen Mal in Stuttgart mit einer Einzelausstellung gewürdigt wird, ist das Bild nicht vertreten. Nur in einer kleinen Ausstellung zur Erinnerung an den jüdischen Anwalt Manfred Uhlmann in der zweiten Etage des Wilhelmspalais war es 1992 zu sehen. Wie Esslingen im Fall Sohns, so hat auch Stuttgart bisher keinerlei Interesse gezeigt, dieses für die Geschichte der Stadt so bedeutsame Gemälde zu erwerben.

Oskar Zügel: Genotzüchtigte Kunst III – Joseph Goebbels, 1930, Öl/Leinwand. Oskar-Zügel-Archiv
Oskar Zügel: Genotzüchtigte Kunst III – Joseph Goebbels, 1930, Öl/Leinwand. Oskar-Zügel-Archiv

Kunkel, Sohn und Zügel gehören zu den Künstlern der "verschollenen Generation", wie sie der Kunsthistoriker Rainer Zimmermann genannt hat: Zur falschen Zeit geboren, fanden sie auch nach dem Krieg nur wenig Beachtung. Abstrakte Kunst war gefragt, das war einfacher, als sich mit unbequemen Dingen konfrontieren zu müssen. Künstler, die ins Exil gegangen waren, hatten es schwer, wieder Fuß zu fassen, wie auch der Schriftsteller Alfred Döblin feststellen musste: Die Daheimgebliebenen, von Angst und schlechtem Gewissen geplagt, wollten von ihnen nichts wissen. Heute hat sich diese Situation noch immer nicht grundlegend geändert. Die meisten Werke von Sohn und Zügel befinden sich weiterhin im Besitz der Erben, die Museen zeigen wenig Interesse. An der künstlerischen Qualität liegt es nicht: Beide gehören zu den herausragenden Malern, die in den 1920er-Jahren in Stuttgart zu arbeiten begannen.

Ähnliches gilt für eine ganze Anzahl weiterer Künstler, die dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstanden, wie etwa Heinrich Altherr, Bernhard Pankok oder Rudolf Rochga. Doch auch Fritz von Graevenitz, 1938 bis 1946 Direktor der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, der anfangs große Hoffnungen auf Hitler setzte, übte später Kritik an der Kunstauffassung der Nationalsozialisten. Er nahm Wilhelm Lehmbruck in Schutz, als dieser in der Ausstellung "Entartete Kunst" in München gezeigt wurde, und sprach den Ministerpräsidenten Christian Mergenthaler auf die Morde an Behinderten auf Schloss Grafeneck an, wie Julia Müller in ihrer kenntnisreichen Dissertation herausgearbeitet hat. Die Geschichte vieler anderer Künstler ist siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs immer noch nicht aufgearbeitet. In Depots der Museen und in Privatsammlungen dürften noch einige Werke lagern, die zeigen, wie Künstler das "Dritte Reich" erlebt haben: keineswegs alle Anhänger der Nazis, unabhängig von der Kunstrichtung.


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Kommentare

maguscarolus, 22.11.2013 11:34
@Kornelia

Das ist exakt das deutsche Problem: "Schaffe, net schwätze!" – und alles ist recht, was den wirtschaftlichen Erfolg der Schafferei sichert.

Unter den Nazis wurden Idealismus und Opferbereitschaft insbesondere der jungen Deutschen so grauenhaft pervertiert und missbraucht, dass danach alle Probleme der Entwicklung einer Nachkriegsgesellschaft ignoriert wurden, und man sich voll Inbrunst und Dankbarkeit an die Brust der Wirtschaftsmacht USA geworfen, deren Feindbilder und Paranoia verinnerlicht und als Teil der Identität des "Guten Deutschen" integriert hat.

Welch herbes Erwachen für Viele, wenn nun allmählich klar wird, wem dieses Land gehört!

Edzard Reuter, 21.11.2013 17:06
Prima, dass Ihr Euch an so etwas herangewagt habt. Das ist eine echte "Trouvaille" - und der Artikale fabelhaft! Glückwunsch! E.R.

Dr. Isabella Sohn-Nehls, 20.11.2013 17:13
Frau Dr. Hahn- Wöhrnle wollte das Bild "Kristallnacht" von Hermann Sohn für das Gelbe Haus Esslingen erwerben, es konnten aber keine finanziellen Mittel aufgebracht werden.

Manuela Kunkel, 20.11.2013 14:56
Die Bilder von meinem Großvater Ernst Kunkel sind weder versteckt noch vergessen. Sie befinden sich aber seit einer Ausstellung 1994 Im Museum in Waldenbuch. Man hätte ja mal anrufen können, um Näheres zu erfahren.

Rolf Steiner, 20.11.2013 13:59
Ganz herzlichen Dank für diesen großartigen Artikel. Das Thema über verfemte Künstler, verjagte und verfolgte Autoren im "Ländle" wäre es wert, noch weiter "bearbeitet" zu werden.

Kornelia, 20.11.2013 09:34
ja, wir haben wichtige Zeitepoche eigentlich wenig erforscht:
die Zeit vor 33, aber auch ganz massiv die Zeit nach 45.
Wie konnte es dazu kommen was brauchte es? kann die Titelierung "Demokratie", die Anwesenheit von Justiz, Medien, Wissenschaft, Parlament, Wahlen etc. Diktatur verhindern.... seit 33 wissen wir. NEIN!

Und nach 45? schnell schnell alles zuschütten, nicht reflektieren, niemals nach hinten blicken, und wer es tut wird fast genauso diffamiert wie damals....
UNSERE Demokratie fing als Besatzungsmacht an... wird verdrängt!
UNSERE Demokratie ist niemals legitimiert worden.... wird verdrängt!
UNSERE Demokratie ist eine Schein-Demokratie.... wird verdrängt!

Meine These schon lange: der schnelle Wiederaufbau, die glänzende Leistung unsere Eltern und Großeltern ist auch geschafft worden, weil Viele einfach nicht in die unendlichen Gräben schauen wollten:
typisch deutsch: schnell alles sauber, ordentlich, geordnet machen: und keiner sieht unter Hempels Sofa!

Und wiederholen wir nicht diese Geschichte bei der Aufarbeitung der DDR;
der Treuhand, der Stasi, der Medien, der Institutionen, der Wissenschaft, der Kirchen etc.
Hat deren Anwesenheit die Diktatorische Entwicklung verhindert?

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Alles in allem doch eine sehr lustige Geschichte und irgendwas wird immer hängenbleiben. Auch witzig, dass sich die Verbotsexperten der grünen Partei einen "Internetspürhund" halten, da wären manche Stasichefs neidisch gewesen.

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