KONTEXT Extra:
Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


Bahn muss Stuttgarts Bahnhof nicht offiziell stilllegen

Das Verwaltungsgericht Stuttgart hat mit Urteil vom 09.08.2016 die Klage der Stuttgarter Netz AG als unzulässig abgewiesen. Mit der Klage wollte die Gesellschaft privater Eisenbahnunternehmen verhindern, dass die Deutsche Bahn nach der Fertigstellung des unterirdischen Durchgangsbahnhofs Stuttgart 21 das bestehende Gleisvorfeld des oberirdischen Stuttgarter Kopfbahnhofes abbaut, bevor hierfür ein Stilllegungsverfahren nach dem Allgemeinen Eisenbahngesetz (AEG) durchgeführt wurde. Nach Auffassung des Gerichts handelt es sich bei dem "Umbau des Bahnknotens Stuttgart/Stuttgart 21" um ein ausschließlich planfeststellungspflichtiges Änderungsvorhaben nach dem AEG, für das ein zusätzliches Stilllegungsverfahren nicht erforderlich ist. Zugleich stellte das Gericht aber auch fest, dass der Rückbau des Gleisvorfeldes ohne vorherige Durchführung eines Planfeststellungsverfahrens rechtlich unzulässig sei. Da die Stuttgarter Netz AG in diesem Planfeststellungsverfahren ihre Interessen noch geltend machen und gegebenenfalls auch gerichtlich durchsetzen könne. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Sache hat das Gericht die Berufung zum Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg in Mannheim sowie die Sprungrevision zum Bundesverwaltungsgericht zugelassen.


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Ernst Kunkel: SA-Überfall auf Eugen Kunkel, 1933, Aquarell/Kohle. Württembergisches Landesmuseum, Zweigstelle Waldenbuch

Ernst Kunkel: SA-Überfall auf Eugen Kunkel, 1933, Aquarell/Kohle. Württembergisches Landesmuseum, Zweigstelle Waldenbuch

Ausgabe 138
Zeitgeschehen

Versteckt und vergessen

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 20.11.2013
Während in München mit lautem Getöse ein verlorener Kunstschatz gehoben wird, schlummern in und um Stuttgart außergewöhnliche Bilder aus der Nazizeit. Sie wurden damals versteckt, sie auszustellen wäre lebensgefährlich gewesen. Weil sie vorausschauend zeigten, wohin Hitlers Gewaltherrschaft letztlich führte. Bis heute sind die Arbeiten nie einer größeren Öffentlichkeit präsentiert worden. Kontext zeigt eine Auswahl.

Auf einer dunkelgrauen Wolke schwebt die Büste Adolf Hitlers, die rechte Hand emporgereckt und zur Faust geballt. Lichtstrahlen gehen von ihr aus wie von einem Blitze schleudernden Thor. An drei Tischen verdrehen alle die Hälse, um mit offenen, geifernden Mündern dem Führer zuzujubeln.

Ernst Kunkels Ölskizze entstand bereits in den ersten Jahren der NSDAP, womöglich noch vor dem Putschversuch im November 1923. Kunkel, Sohn eines Schriftsetzers, Gewerkschafters und zeitweiligen SPD-Landesvorstands, der das erste Haus im heutigen Stuttgarter Nobelviertel am Frauenkopf errichtete, war ein scharfer Beobachter des Zeitgeschehens. Zeichnungen und Aquarelle zeigen Stammtischler, Tänzer, seinen Vater als Redner im Stuttgarter Clara-Zetkin-Haus, eine Demonstration gegen Preiserhöhungen, einen Knaben im Sonntagsanzug oder seinen Bruder Eugen, der dem "Bund der religiösen Sozialisten" angehörte, als grünen "Kräuter-Eku". Als dieser im April 1933 einen Aufruf unterzeichnete, der den Nationalsozialismus als "antichristliche Anbetung der Gewalt" anprangerte und in der Aufforderung gipfelte: "Lehnt Hitler ab!", stürmten SA-Truppen das Haus am Frauenkopf und verschleppten ihn in das neu eingerichtete Konzentrationslager "Heuberg" auf der Schwäbischen Alb – eine Begebenheit, die sein Bruder Ernst sogleich in einem Aquarell festhielt.

Ernst Kunkel, Hitlers Redegewalt, um 1922/23, Öl/Pappe. Württembergisches Landesmuseum, Zweigstelle Waldenbuch.
Ernst Kunkel: Hitlers Redegewalt, um 1922/23, Öl/Pappe. Württembergisches Landesmuseum, Zweigstelle Waldenbuch.

Selbstverständlich hat der Künstler diese Arbeit damals nicht ausstellen können – ebenso wenig wie die kleinen "Arschlecker" (1936), die um eine dumpfe Figur mit Revolver und Patronengurt herumschleichen. Nach dem Krieg wollte Kunkel Mitglied im Künstlerbund werden, wurde aber nicht aufgenommen. Er zog sich ins Private zurück und verarbeitete ganz am Ende seines Lebens seine Erlebnisse in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Zu Lebzeiten hatte er eine einzige Ausstellung, 1981 im Stuttgarter Gewerkschaftshaus. Eine weitere fand aus Anlass seines 100. Geburtstags auf Schloss Waldenbuch statt, der Abteilung für "Alltagskultur" des Landesmuseums Württemberg, wo sein Werk in den volkskundlichen Sammlungen verwahrt wird. Dabei ist Kunkel alles andere als ein naiver Volkskünstler. Nach Kursen an der Kunstgewerbeschule hat er auf Anraten des "schwäbischen Impressionisten" Christian Landenberger drei Jahre an der Stuttgarter Kunstakademie studiert, die er "aus Mangel an Geldmitteln" verließ, wie dieser in seinem Abschlusszeugnis festhält. Weiterhin bescheinigt ihm Landenberger, er sei "außerordentlich begabt und besitzt ein ausgezeichnetes künstlerisches Talent. In Beziehung auf Fleiß ist Herr Kunkel als vorbildlich zu bezeichnen."

Hermann Sohn ist verglichen mit Kunkel ein bekannter Maler. Annähernd gleich alt, wie Kunkel Lithograf, hatte er etwas früher bei Landenberger zu studieren begonnen, aber auch bei Adolf Hölzel, in dessen Klasse er Willi Baumeister und Oskar Schlemmer kennenlernte, und schließlich bei Heinrich Altherr. "Unter denen, die durch Altherrs Schule gegangen sind oder doch angeregt wurden, ist der stärkste wohl Hermann Sohn", meint der Galerist Bert Schlichtenmaier. Sohn wurde gefördert von Hugo Borst, dem Kunstsammler und ehemaligen Vorstand der Robert Bosch GmbH, dessen Sammlung sich heute in der Staatsgalerie befindet. Nach dem Krieg wurde er in den Planungsausschuss zur Wiedereröffnung der Stuttgarter Akademie berufen, wo er bis 1962 eine Malklasse leitete.

Hermann Sohn: Kristallnacht, 1938, Öl/Leinwand. Privatbesitz
Hermann Sohn: Kristallnacht, 1938, Öl/Leinwand. Privatbesitz

Als Marion Ackermann, bis 2009 Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart und heute Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, "Die schwarzen Männer" im Depot des Kunstmuseums entdeckte, reservierte sie Sohns Gemälde einen Platz in der Dauerausstellung – die freilich immer wieder einmal umgehängt wird. Auch im Esslinger Landratsamt war das Bild einmal ausgestellt. Zu sehen sind vier Gestalten in Schwarz, den Hut auf dem Totenschädel, die Hakenkreuzbinde am Oberarm, mit verschiedenen Attributen: Ein Blumenstrauß bezeichnet den Schöngeist, ein Koffer den Arzt, die Tasche eines Zeitungs-Austrägers die Presse. Das 1934 entstandene Bild trägt den Untertitel: "Die Ratten verlassen das Schiff": eine scharfe Kritik an den Mitläufern, die ihre Überzeugungen in den Wind schreiben und zu willfährigen Dienern des Systems werden.

"Hier in Esslingen da gab's ein israelitisches Waisenhaus", gibt Hermann Sohn 1968 an seinem 75. Geburtstag zu Protokoll – es handelt sich um das heutige Theodor-Rothschild-Haus, heute Sitz der Esslinger Stiftung Jugendhilfe aktiv. "Und ich bin geholt worden, von einem Malermeister, wegen Farbbestimmungen, in dieser Kaserne oben, in der Becelaere-Kaserne. Und wir fahren da die Mühlbergerstraße 'nauf, die Panoramastraße, und kommen an dieses Waisenhaus hin. Da ist vorne ein großer Hof gewesen. Man ist da die Staffeln raufgegangen. Und da seh' ich, wie da die Kinder rausspringen und schreien: 'mordio!' und rennen und tun und machen. Und dann spring' ich rein in den Hof, ein großer Schulhof, spring' ich rein, und jetzt schmeißen sie oben durch die Fenster Fahnen, israelitische Fahnen, und alles mögliche zum Fenster raus, und Bücher und was weiß ich. Also da ging's drunter und drüber." "Das war die SA!", lässt sich auf der Tonbandaufzeichnung eine andere Stimme vernehmen. Sohn weiter: "Und ich steh' in dem Hof, und ich schrei', was ich aus dem Hals rausbring': 'Polizei! Polizei! Wo ist denn die Polizei! Polizei!' Und dann rennt einer von den Kerle auf mich zu und sagt: 'Kerle, wenn du jetzt net deine Gosch hältst, und gleich verschwindest, dann schlag' ich dir den Schädel ein!' Jetzt ist das die Zeit gewesen der Kristallnacht. Auf dies hin ist die Kristallnacht gekommen. Und die Kinder sind alle dem Wald zugerannt, dem Schurwald zugerannt, und auch der Leiter von diesem israelitischen Waisenhaus. Das habe ich natürlich nicht gewusst. Und ich bin heim und nehme meine Leinwand und habe dieses Bild gemalt. Das ist die 'Krystallnacht': fünfarmiger Leuchter hinten und dann der Judenstern. Das hätt' ich dürfen niemand zeigen. Das hab' ich versteckt gehabt."

Das Bild bleibt bis heute versteckt. Wie die Erben auf einer dem Künstler gewidmeten Internet-Seite schreiben, habe "die Stadt Esslingen nie Interesse am Erwerb eines solchen Zeitdokuments gezeigt".

Oskar Zügel: Sieg der Gerechtigkeit. Untergang des Unsterns Hitler. Zerstörung Stuttgarts, 1934-46, Öl/Leinwand. Oskar-Zügel-Archiv.
Oskar Zügel: Sieg der Gerechtigkeit. Untergang des Unsterns Hitler. Zerstörung Stuttgarts, 1934–46, Öl/Leinwand. Oskar-Zügel-Archiv

Oskar Zügel ist ebenfalls nahezu gleich alt wie Kunkel und Sohn, hat bei Christian Landenberger, Adolf Hölzel und Heinrich Altherr studiert und war mit Willi Baumeister befreundet. Gegen Ende der 1920er-Jahre entstand eine Reihe kubistischer Bilder, darunter ab 1930 die Serie "Genotzüchtigte Kunst" mit Untertiteln wie "Diktator" und "Joseph Goebbels". Unmittelbar nach der Machtergreifung der Nazis bekam Oskar Zügel Besuch von der SA. Bilder wurden beschlagnahmt. Sie sollten verbrannt werden, überlebten jedoch den Krieg. Eine Ausstellung im Essener Museum Folkwang, in der Zügel vertreten war, wurde 1933 geschlossen. Oskar Zügel wurde kurz danach zum Polizeipräsidium vorgeladen, um, wie seine Tochter berichtet, einen "fast bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschlagenen jüdischen Freund" zu identifizieren.

Zügel begann dann an einem Gemälde zu arbeiten, das er später sein "Schicksalsbild" nennen wird und dem er drei Titel gibt: "Sieg der Gerechtigkeit", "Untergang des Unsterns Hitler" und "Zerstörung Stuttgarts". Eine rote Kanonenkugel mit Hakenkreuz löst einen Höllensturz in eine braune, zerstörte Stadtlandschaft aus. 1934 verließ Zügel Deutschland; das unfertige Werk nahm er zusammengerollt mit ins Exil nach Spanien. Drei Jahre später flüchtete er weiter nach Argentinien und ließ das inzwischen fertige Gemälde zurück, das, wie sich bei seiner Rückkehr 1950 herausstellte, die Zeit unbeschadet überstanden hatte.

Als Zügel 1981 zum bisher einzigen Mal in Stuttgart mit einer Einzelausstellung gewürdigt wird, ist das Bild nicht vertreten. Nur in einer kleinen Ausstellung zur Erinnerung an den jüdischen Anwalt Manfred Uhlmann in der zweiten Etage des Wilhelmspalais war es 1992 zu sehen. Wie Esslingen im Fall Sohns, so hat auch Stuttgart bisher keinerlei Interesse gezeigt, dieses für die Geschichte der Stadt so bedeutsame Gemälde zu erwerben.

Oskar Zügel: Genotzüchtigte Kunst III – Joseph Goebbels, 1930, Öl/Leinwand. Oskar-Zügel-Archiv
Oskar Zügel: Genotzüchtigte Kunst III – Joseph Goebbels, 1930, Öl/Leinwand. Oskar-Zügel-Archiv

Kunkel, Sohn und Zügel gehören zu den Künstlern der "verschollenen Generation", wie sie der Kunsthistoriker Rainer Zimmermann genannt hat: Zur falschen Zeit geboren, fanden sie auch nach dem Krieg nur wenig Beachtung. Abstrakte Kunst war gefragt, das war einfacher, als sich mit unbequemen Dingen konfrontieren zu müssen. Künstler, die ins Exil gegangen waren, hatten es schwer, wieder Fuß zu fassen, wie auch der Schriftsteller Alfred Döblin feststellen musste: Die Daheimgebliebenen, von Angst und schlechtem Gewissen geplagt, wollten von ihnen nichts wissen. Heute hat sich diese Situation noch immer nicht grundlegend geändert. Die meisten Werke von Sohn und Zügel befinden sich weiterhin im Besitz der Erben, die Museen zeigen wenig Interesse. An der künstlerischen Qualität liegt es nicht: Beide gehören zu den herausragenden Malern, die in den 1920er-Jahren in Stuttgart zu arbeiten begannen.

Ähnliches gilt für eine ganze Anzahl weiterer Künstler, die dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstanden, wie etwa Heinrich Altherr, Bernhard Pankok oder Rudolf Rochga. Doch auch Fritz von Graevenitz, 1938 bis 1946 Direktor der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, der anfangs große Hoffnungen auf Hitler setzte, übte später Kritik an der Kunstauffassung der Nationalsozialisten. Er nahm Wilhelm Lehmbruck in Schutz, als dieser in der Ausstellung "Entartete Kunst" in München gezeigt wurde, und sprach den Ministerpräsidenten Christian Mergenthaler auf die Morde an Behinderten auf Schloss Grafeneck an, wie Julia Müller in ihrer kenntnisreichen Dissertation herausgearbeitet hat. Die Geschichte vieler anderer Künstler ist siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs immer noch nicht aufgearbeitet. In Depots der Museen und in Privatsammlungen dürften noch einige Werke lagern, die zeigen, wie Künstler das "Dritte Reich" erlebt haben: keineswegs alle Anhänger der Nazis, unabhängig von der Kunstrichtung.


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Kommentare

maguscarolus, 22.11.2013 11:34
@Kornelia

Das ist exakt das deutsche Problem: "Schaffe, net schwätze!" – und alles ist recht, was den wirtschaftlichen Erfolg der Schafferei sichert.

Unter den Nazis wurden Idealismus und Opferbereitschaft insbesondere der jungen Deutschen so grauenhaft pervertiert und missbraucht, dass danach alle Probleme der Entwicklung einer Nachkriegsgesellschaft ignoriert wurden, und man sich voll Inbrunst und Dankbarkeit an die Brust der Wirtschaftsmacht USA geworfen, deren Feindbilder und Paranoia verinnerlicht und als Teil der Identität des "Guten Deutschen" integriert hat.

Welch herbes Erwachen für Viele, wenn nun allmählich klar wird, wem dieses Land gehört!

Edzard Reuter, 21.11.2013 17:06
Prima, dass Ihr Euch an so etwas herangewagt habt. Das ist eine echte "Trouvaille" - und der Artikale fabelhaft! Glückwunsch! E.R.

Dr. Isabella Sohn-Nehls, 20.11.2013 17:13
Frau Dr. Hahn- Wöhrnle wollte das Bild "Kristallnacht" von Hermann Sohn für das Gelbe Haus Esslingen erwerben, es konnten aber keine finanziellen Mittel aufgebracht werden.

Manuela Kunkel, 20.11.2013 14:56
Die Bilder von meinem Großvater Ernst Kunkel sind weder versteckt noch vergessen. Sie befinden sich aber seit einer Ausstellung 1994 Im Museum in Waldenbuch. Man hätte ja mal anrufen können, um Näheres zu erfahren.

Rolf Steiner, 20.11.2013 13:59
Ganz herzlichen Dank für diesen großartigen Artikel. Das Thema über verfemte Künstler, verjagte und verfolgte Autoren im "Ländle" wäre es wert, noch weiter "bearbeitet" zu werden.

Kornelia, 20.11.2013 09:34
ja, wir haben wichtige Zeitepoche eigentlich wenig erforscht:
die Zeit vor 33, aber auch ganz massiv die Zeit nach 45.
Wie konnte es dazu kommen was brauchte es? kann die Titelierung "Demokratie", die Anwesenheit von Justiz, Medien, Wissenschaft, Parlament, Wahlen etc. Diktatur verhindern.... seit 33 wissen wir. NEIN!

Und nach 45? schnell schnell alles zuschütten, nicht reflektieren, niemals nach hinten blicken, und wer es tut wird fast genauso diffamiert wie damals....
UNSERE Demokratie fing als Besatzungsmacht an... wird verdrängt!
UNSERE Demokratie ist niemals legitimiert worden.... wird verdrängt!
UNSERE Demokratie ist eine Schein-Demokratie.... wird verdrängt!

Meine These schon lange: der schnelle Wiederaufbau, die glänzende Leistung unsere Eltern und Großeltern ist auch geschafft worden, weil Viele einfach nicht in die unendlichen Gräben schauen wollten:
typisch deutsch: schnell alles sauber, ordentlich, geordnet machen: und keiner sieht unter Hempels Sofa!

Und wiederholen wir nicht diese Geschichte bei der Aufarbeitung der DDR;
der Treuhand, der Stasi, der Medien, der Institutionen, der Wissenschaft, der Kirchen etc.
Hat deren Anwesenheit die Diktatorische Entwicklung verhindert?

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