KONTEXT Extra:
Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


Sichere Herkunftsstaaten: Kretschmann schon lange für längere Liste

Winfried Kretschmann hat sich mit jüngsten Äußerungen zur Einstufung von Marokko, Tunesien und Algerien als sichere Herkunftsländer derart in die Nesseln gesetzt, dass sich sein Staatsministerium zu einer "Klarstellung" aufgerufen sah. Tatsächlich handelt es sich um einen durchsichtigen Versuch der Schadensbegrenzung. Der grüne Regierungschef hatte auf Anfrage der "Rheinischen Post" in einer Stellungnahme zur aktuellen Sicherheitsdebatte erklärt: "Die kriminelle Energie, die von Gruppierungen junger Männer aus diesen Staaten ausgeht, ist bedenklich und muss mit aller Konsequenz bekämpft werden." Zugleich sprach er sich für die Aufnahme der drei Maghreb-Staaten auf die Liste sicherer Herkunftsländer aus: "Baden-Württemberg wird der Ausweitung zustimmen, sofern die Bundesregierung das Ansinnen in den Bundesrat einbringt."

Die Wirkung beider Sätze im Zusammenhang sind ihm und "meinen Leut", wie er seine engsten Mitarbeiter gern nennt, offenbar entgangen. Jedenfalls stellte "das Staatsministerium klar, dass die signalisierte Zustimmung weder aus aktuellem Anlass beschlossen wurde, noch ihre Begründung in der Gewaltbereitschaft mancher Gruppen junger Männer aus diesen Ländern hat". Vielmehr sei die Entscheidung "schon im Frühsommer 2016 nach einem langen Abwägungsprozess, in dem vor allem der Frage nachgegangen wurde, ob es angesichts der Menschenrechtssituation in den besagten Ländern vertretbar wäre, diese zu sicheren Herkunftsländern zu erklären (...), als sich die Bundesregierung dem Ministerpräsidenten gegenüber bereit erklärte, in einer Protokollerklärung festzuhalten, Personen aus sogenannten vulnerablen Gruppen wie Homosexuellen, verfolgten Journalisten, religiösen Minderheiten mit gleicher Sorgfalt zu prüfen wie Flüchtlinge aus sonstigen Ländern". Das Staatsministerium sagt allerdings nichts dazu, ob die Forderung erfüllt wurde und warum das Thema nicht längst endgültig ausgetreten ist. Denn laut dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration werden die drei Länder in der Statistik überhaupt nicht mehr einzeln ausgewiesen, weil die Zahl der einreisenden Asylbewerber so niedrig ist. Und bereits 2015 gehörten die drei Staaten nicht zu jenen zehn Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen. (5.1.2017)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Ernst Kunkel: SA-Überfall auf Eugen Kunkel, 1933, Aquarell/Kohle. Württembergisches Landesmuseum, Zweigstelle Waldenbuch

Ernst Kunkel: SA-Überfall auf Eugen Kunkel, 1933, Aquarell/Kohle. Württembergisches Landesmuseum, Zweigstelle Waldenbuch

Ausgabe 138
Zeitgeschehen

Versteckt und vergessen

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 20.11.2013
Während in München mit lautem Getöse ein verlorener Kunstschatz gehoben wird, schlummern in und um Stuttgart außergewöhnliche Bilder aus der Nazizeit. Sie wurden damals versteckt, sie auszustellen wäre lebensgefährlich gewesen. Weil sie vorausschauend zeigten, wohin Hitlers Gewaltherrschaft letztlich führte. Bis heute sind die Arbeiten nie einer größeren Öffentlichkeit präsentiert worden. Kontext zeigt eine Auswahl.

Auf einer dunkelgrauen Wolke schwebt die Büste Adolf Hitlers, die rechte Hand emporgereckt und zur Faust geballt. Lichtstrahlen gehen von ihr aus wie von einem Blitze schleudernden Thor. An drei Tischen verdrehen alle die Hälse, um mit offenen, geifernden Mündern dem Führer zuzujubeln.

Ernst Kunkels Ölskizze entstand bereits in den ersten Jahren der NSDAP, womöglich noch vor dem Putschversuch im November 1923. Kunkel, Sohn eines Schriftsetzers, Gewerkschafters und zeitweiligen SPD-Landesvorstands, der das erste Haus im heutigen Stuttgarter Nobelviertel am Frauenkopf errichtete, war ein scharfer Beobachter des Zeitgeschehens. Zeichnungen und Aquarelle zeigen Stammtischler, Tänzer, seinen Vater als Redner im Stuttgarter Clara-Zetkin-Haus, eine Demonstration gegen Preiserhöhungen, einen Knaben im Sonntagsanzug oder seinen Bruder Eugen, der dem "Bund der religiösen Sozialisten" angehörte, als grünen "Kräuter-Eku". Als dieser im April 1933 einen Aufruf unterzeichnete, der den Nationalsozialismus als "antichristliche Anbetung der Gewalt" anprangerte und in der Aufforderung gipfelte: "Lehnt Hitler ab!", stürmten SA-Truppen das Haus am Frauenkopf und verschleppten ihn in das neu eingerichtete Konzentrationslager "Heuberg" auf der Schwäbischen Alb – eine Begebenheit, die sein Bruder Ernst sogleich in einem Aquarell festhielt.

Ernst Kunkel, Hitlers Redegewalt, um 1922/23, Öl/Pappe. Württembergisches Landesmuseum, Zweigstelle Waldenbuch.
Ernst Kunkel: Hitlers Redegewalt, um 1922/23, Öl/Pappe. Württembergisches Landesmuseum, Zweigstelle Waldenbuch.

Selbstverständlich hat der Künstler diese Arbeit damals nicht ausstellen können – ebenso wenig wie die kleinen "Arschlecker" (1936), die um eine dumpfe Figur mit Revolver und Patronengurt herumschleichen. Nach dem Krieg wollte Kunkel Mitglied im Künstlerbund werden, wurde aber nicht aufgenommen. Er zog sich ins Private zurück und verarbeitete ganz am Ende seines Lebens seine Erlebnisse in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Zu Lebzeiten hatte er eine einzige Ausstellung, 1981 im Stuttgarter Gewerkschaftshaus. Eine weitere fand aus Anlass seines 100. Geburtstags auf Schloss Waldenbuch statt, der Abteilung für "Alltagskultur" des Landesmuseums Württemberg, wo sein Werk in den volkskundlichen Sammlungen verwahrt wird. Dabei ist Kunkel alles andere als ein naiver Volkskünstler. Nach Kursen an der Kunstgewerbeschule hat er auf Anraten des "schwäbischen Impressionisten" Christian Landenberger drei Jahre an der Stuttgarter Kunstakademie studiert, die er "aus Mangel an Geldmitteln" verließ, wie dieser in seinem Abschlusszeugnis festhält. Weiterhin bescheinigt ihm Landenberger, er sei "außerordentlich begabt und besitzt ein ausgezeichnetes künstlerisches Talent. In Beziehung auf Fleiß ist Herr Kunkel als vorbildlich zu bezeichnen."

Hermann Sohn ist verglichen mit Kunkel ein bekannter Maler. Annähernd gleich alt, wie Kunkel Lithograf, hatte er etwas früher bei Landenberger zu studieren begonnen, aber auch bei Adolf Hölzel, in dessen Klasse er Willi Baumeister und Oskar Schlemmer kennenlernte, und schließlich bei Heinrich Altherr. "Unter denen, die durch Altherrs Schule gegangen sind oder doch angeregt wurden, ist der stärkste wohl Hermann Sohn", meint der Galerist Bert Schlichtenmaier. Sohn wurde gefördert von Hugo Borst, dem Kunstsammler und ehemaligen Vorstand der Robert Bosch GmbH, dessen Sammlung sich heute in der Staatsgalerie befindet. Nach dem Krieg wurde er in den Planungsausschuss zur Wiedereröffnung der Stuttgarter Akademie berufen, wo er bis 1962 eine Malklasse leitete.

Hermann Sohn: Kristallnacht, 1938, Öl/Leinwand. Privatbesitz
Hermann Sohn: Kristallnacht, 1938, Öl/Leinwand. Privatbesitz

Als Marion Ackermann, bis 2009 Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart und heute Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, "Die schwarzen Männer" im Depot des Kunstmuseums entdeckte, reservierte sie Sohns Gemälde einen Platz in der Dauerausstellung – die freilich immer wieder einmal umgehängt wird. Auch im Esslinger Landratsamt war das Bild einmal ausgestellt. Zu sehen sind vier Gestalten in Schwarz, den Hut auf dem Totenschädel, die Hakenkreuzbinde am Oberarm, mit verschiedenen Attributen: Ein Blumenstrauß bezeichnet den Schöngeist, ein Koffer den Arzt, die Tasche eines Zeitungs-Austrägers die Presse. Das 1934 entstandene Bild trägt den Untertitel: "Die Ratten verlassen das Schiff": eine scharfe Kritik an den Mitläufern, die ihre Überzeugungen in den Wind schreiben und zu willfährigen Dienern des Systems werden.

"Hier in Esslingen da gab's ein israelitisches Waisenhaus", gibt Hermann Sohn 1968 an seinem 75. Geburtstag zu Protokoll – es handelt sich um das heutige Theodor-Rothschild-Haus, heute Sitz der Esslinger Stiftung Jugendhilfe aktiv. "Und ich bin geholt worden, von einem Malermeister, wegen Farbbestimmungen, in dieser Kaserne oben, in der Becelaere-Kaserne. Und wir fahren da die Mühlbergerstraße 'nauf, die Panoramastraße, und kommen an dieses Waisenhaus hin. Da ist vorne ein großer Hof gewesen. Man ist da die Staffeln raufgegangen. Und da seh' ich, wie da die Kinder rausspringen und schreien: 'mordio!' und rennen und tun und machen. Und dann spring' ich rein in den Hof, ein großer Schulhof, spring' ich rein, und jetzt schmeißen sie oben durch die Fenster Fahnen, israelitische Fahnen, und alles mögliche zum Fenster raus, und Bücher und was weiß ich. Also da ging's drunter und drüber." "Das war die SA!", lässt sich auf der Tonbandaufzeichnung eine andere Stimme vernehmen. Sohn weiter: "Und ich steh' in dem Hof, und ich schrei', was ich aus dem Hals rausbring': 'Polizei! Polizei! Wo ist denn die Polizei! Polizei!' Und dann rennt einer von den Kerle auf mich zu und sagt: 'Kerle, wenn du jetzt net deine Gosch hältst, und gleich verschwindest, dann schlag' ich dir den Schädel ein!' Jetzt ist das die Zeit gewesen der Kristallnacht. Auf dies hin ist die Kristallnacht gekommen. Und die Kinder sind alle dem Wald zugerannt, dem Schurwald zugerannt, und auch der Leiter von diesem israelitischen Waisenhaus. Das habe ich natürlich nicht gewusst. Und ich bin heim und nehme meine Leinwand und habe dieses Bild gemalt. Das ist die 'Krystallnacht': fünfarmiger Leuchter hinten und dann der Judenstern. Das hätt' ich dürfen niemand zeigen. Das hab' ich versteckt gehabt."

Das Bild bleibt bis heute versteckt. Wie die Erben auf einer dem Künstler gewidmeten Internet-Seite schreiben, habe "die Stadt Esslingen nie Interesse am Erwerb eines solchen Zeitdokuments gezeigt".

Oskar Zügel: Sieg der Gerechtigkeit. Untergang des Unsterns Hitler. Zerstörung Stuttgarts, 1934-46, Öl/Leinwand. Oskar-Zügel-Archiv.
Oskar Zügel: Sieg der Gerechtigkeit. Untergang des Unsterns Hitler. Zerstörung Stuttgarts, 1934–46, Öl/Leinwand. Oskar-Zügel-Archiv

Oskar Zügel ist ebenfalls nahezu gleich alt wie Kunkel und Sohn, hat bei Christian Landenberger, Adolf Hölzel und Heinrich Altherr studiert und war mit Willi Baumeister befreundet. Gegen Ende der 1920er-Jahre entstand eine Reihe kubistischer Bilder, darunter ab 1930 die Serie "Genotzüchtigte Kunst" mit Untertiteln wie "Diktator" und "Joseph Goebbels". Unmittelbar nach der Machtergreifung der Nazis bekam Oskar Zügel Besuch von der SA. Bilder wurden beschlagnahmt. Sie sollten verbrannt werden, überlebten jedoch den Krieg. Eine Ausstellung im Essener Museum Folkwang, in der Zügel vertreten war, wurde 1933 geschlossen. Oskar Zügel wurde kurz danach zum Polizeipräsidium vorgeladen, um, wie seine Tochter berichtet, einen "fast bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschlagenen jüdischen Freund" zu identifizieren.

Zügel begann dann an einem Gemälde zu arbeiten, das er später sein "Schicksalsbild" nennen wird und dem er drei Titel gibt: "Sieg der Gerechtigkeit", "Untergang des Unsterns Hitler" und "Zerstörung Stuttgarts". Eine rote Kanonenkugel mit Hakenkreuz löst einen Höllensturz in eine braune, zerstörte Stadtlandschaft aus. 1934 verließ Zügel Deutschland; das unfertige Werk nahm er zusammengerollt mit ins Exil nach Spanien. Drei Jahre später flüchtete er weiter nach Argentinien und ließ das inzwischen fertige Gemälde zurück, das, wie sich bei seiner Rückkehr 1950 herausstellte, die Zeit unbeschadet überstanden hatte.

Als Zügel 1981 zum bisher einzigen Mal in Stuttgart mit einer Einzelausstellung gewürdigt wird, ist das Bild nicht vertreten. Nur in einer kleinen Ausstellung zur Erinnerung an den jüdischen Anwalt Manfred Uhlmann in der zweiten Etage des Wilhelmspalais war es 1992 zu sehen. Wie Esslingen im Fall Sohns, so hat auch Stuttgart bisher keinerlei Interesse gezeigt, dieses für die Geschichte der Stadt so bedeutsame Gemälde zu erwerben.

Oskar Zügel: Genotzüchtigte Kunst III – Joseph Goebbels, 1930, Öl/Leinwand. Oskar-Zügel-Archiv
Oskar Zügel: Genotzüchtigte Kunst III – Joseph Goebbels, 1930, Öl/Leinwand. Oskar-Zügel-Archiv

Kunkel, Sohn und Zügel gehören zu den Künstlern der "verschollenen Generation", wie sie der Kunsthistoriker Rainer Zimmermann genannt hat: Zur falschen Zeit geboren, fanden sie auch nach dem Krieg nur wenig Beachtung. Abstrakte Kunst war gefragt, das war einfacher, als sich mit unbequemen Dingen konfrontieren zu müssen. Künstler, die ins Exil gegangen waren, hatten es schwer, wieder Fuß zu fassen, wie auch der Schriftsteller Alfred Döblin feststellen musste: Die Daheimgebliebenen, von Angst und schlechtem Gewissen geplagt, wollten von ihnen nichts wissen. Heute hat sich diese Situation noch immer nicht grundlegend geändert. Die meisten Werke von Sohn und Zügel befinden sich weiterhin im Besitz der Erben, die Museen zeigen wenig Interesse. An der künstlerischen Qualität liegt es nicht: Beide gehören zu den herausragenden Malern, die in den 1920er-Jahren in Stuttgart zu arbeiten begannen.

Ähnliches gilt für eine ganze Anzahl weiterer Künstler, die dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstanden, wie etwa Heinrich Altherr, Bernhard Pankok oder Rudolf Rochga. Doch auch Fritz von Graevenitz, 1938 bis 1946 Direktor der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, der anfangs große Hoffnungen auf Hitler setzte, übte später Kritik an der Kunstauffassung der Nationalsozialisten. Er nahm Wilhelm Lehmbruck in Schutz, als dieser in der Ausstellung "Entartete Kunst" in München gezeigt wurde, und sprach den Ministerpräsidenten Christian Mergenthaler auf die Morde an Behinderten auf Schloss Grafeneck an, wie Julia Müller in ihrer kenntnisreichen Dissertation herausgearbeitet hat. Die Geschichte vieler anderer Künstler ist siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs immer noch nicht aufgearbeitet. In Depots der Museen und in Privatsammlungen dürften noch einige Werke lagern, die zeigen, wie Künstler das "Dritte Reich" erlebt haben: keineswegs alle Anhänger der Nazis, unabhängig von der Kunstrichtung.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

Kommentare

maguscarolus, 22.11.2013 11:34
@Kornelia

Das ist exakt das deutsche Problem: "Schaffe, net schwätze!" – und alles ist recht, was den wirtschaftlichen Erfolg der Schafferei sichert.

Unter den Nazis wurden Idealismus und Opferbereitschaft insbesondere der jungen Deutschen so grauenhaft pervertiert und missbraucht, dass danach alle Probleme der Entwicklung einer Nachkriegsgesellschaft ignoriert wurden, und man sich voll Inbrunst und Dankbarkeit an die Brust der Wirtschaftsmacht USA geworfen, deren Feindbilder und Paranoia verinnerlicht und als Teil der Identität des "Guten Deutschen" integriert hat.

Welch herbes Erwachen für Viele, wenn nun allmählich klar wird, wem dieses Land gehört!

Edzard Reuter, 21.11.2013 17:06
Prima, dass Ihr Euch an so etwas herangewagt habt. Das ist eine echte "Trouvaille" - und der Artikale fabelhaft! Glückwunsch! E.R.

Dr. Isabella Sohn-Nehls, 20.11.2013 17:13
Frau Dr. Hahn- Wöhrnle wollte das Bild "Kristallnacht" von Hermann Sohn für das Gelbe Haus Esslingen erwerben, es konnten aber keine finanziellen Mittel aufgebracht werden.

Manuela Kunkel, 20.11.2013 14:56
Die Bilder von meinem Großvater Ernst Kunkel sind weder versteckt noch vergessen. Sie befinden sich aber seit einer Ausstellung 1994 Im Museum in Waldenbuch. Man hätte ja mal anrufen können, um Näheres zu erfahren.

Rolf Steiner, 20.11.2013 13:59
Ganz herzlichen Dank für diesen großartigen Artikel. Das Thema über verfemte Künstler, verjagte und verfolgte Autoren im "Ländle" wäre es wert, noch weiter "bearbeitet" zu werden.

Kornelia, 20.11.2013 09:34
ja, wir haben wichtige Zeitepoche eigentlich wenig erforscht:
die Zeit vor 33, aber auch ganz massiv die Zeit nach 45.
Wie konnte es dazu kommen was brauchte es? kann die Titelierung "Demokratie", die Anwesenheit von Justiz, Medien, Wissenschaft, Parlament, Wahlen etc. Diktatur verhindern.... seit 33 wissen wir. NEIN!

Und nach 45? schnell schnell alles zuschütten, nicht reflektieren, niemals nach hinten blicken, und wer es tut wird fast genauso diffamiert wie damals....
UNSERE Demokratie fing als Besatzungsmacht an... wird verdrängt!
UNSERE Demokratie ist niemals legitimiert worden.... wird verdrängt!
UNSERE Demokratie ist eine Schein-Demokratie.... wird verdrängt!

Meine These schon lange: der schnelle Wiederaufbau, die glänzende Leistung unsere Eltern und Großeltern ist auch geschafft worden, weil Viele einfach nicht in die unendlichen Gräben schauen wollten:
typisch deutsch: schnell alles sauber, ordentlich, geordnet machen: und keiner sieht unter Hempels Sofa!

Und wiederholen wir nicht diese Geschichte bei der Aufarbeitung der DDR;
der Treuhand, der Stasi, der Medien, der Institutionen, der Wissenschaft, der Kirchen etc.
Hat deren Anwesenheit die Diktatorische Entwicklung verhindert?

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 302 / Eliten mit Sehschwäche / Renate Knapper, 16.01.2017 12:10
Hallo Kontext-Redaktion, Ich finde es super, dass ihr das Thema reich/arm zum Schwerpunkt machen wollt. Und dass ihr gleich in BaWü anfangt und v.a. auch Namen nennt. Bitte weiter so!! Hoch spannend ist in meinen Augen auch die Aussage...

Ausgabe 300 / Kopp auf der Resterampe / Barolo, 16.01.2017 11:30
@R.N. volle Zustimmung.

Ausgabe 302 / Lidl lohnt sich – für einen / Schwabe, 16.01.2017 10:47
"Produktion für die Tonne" - Fakten,Fakten, Fakten Tierleid, ungesundes Essen, miese Jobs: Die Lebensmittelindustrie hat viele unschöne Gesichter. Ein besonders herausragendes Problem ist die massive Überproduktion. Riesige...

Ausgabe 302 / Hilfe für Snowdens Helfer / Michael Müller, 15.01.2017 18:07
Ich schließe mich der Frage von Herrn Struwe an. Wohin kann jemand spenden der keine Paypal/Bitcoin/Kreditkarte hat? @partisan: Verstand hat Ihre Worte nicht geformt, es muss Reflex gewesen sein. Sie hätten stattdessen auch ein...

Ausgabe 300 / Kopp auf der Resterampe / R.N., 15.01.2017 15:38
Als die Kontext-Wochenzeitung erstmals erschienen ist, habe ich mich auf eine Zeitung gefreut, die ohne offensichtlichen politischen Einfluss auskommt. Zu früh gefreut. Nach dem Lesen dieses Artikels spürt man, woher der Wind...

Ausgabe 302 / Lidl lohnt sich – für einen / Gela, 15.01.2017 13:31
2 unterschiedliche Diskusionsstile: Manfred Lieb kennt die Fakten, wertet sie und kommt dadurch zu einer differenzierten Beurteilung, was zu lobenund was zu tadeln ist. Bei der Kritik fehlt mir allerdings die an dem erpresserischen...

Ausgabe 302 / Kobra ins Körbchen / Jan, 15.01.2017 12:17
Oh man, jetzt macht dieser Lowandorder auch noch die Kontext Kommentarfunktion zu seiner Dada Bühne....

Ausgabe 302 / Oh, wie schön ist Biberach / Hartmut Hendrich, 15.01.2017 11:54
@Fritz: Danke, der Schlag sitzt und schmerzt in der Magengrube. Dass mir die Nachsilbe „er“ doppelt in ein Wort geraten war und mir nicht beim Kontrollieren vorm Absenden, aber sofort nach der Veröffentlichung auffiel, war schon...

Ausgabe 302 / Weg mit den Klammern / Blender, 14.01.2017 23:12
Ein V-Mann (diesmal vom LKA) fuhr Herrn Amri nach Berlin. Vielen Dank auch (für die weitere staatliche Unterstützung einer weiteren terroristischen Vereinigung). These: Ohne V- Männer gäbe es keinen Terrorismus?...

Ausgabe 302 / Lidl lohnt sich – für einen / Schwabe, 14.01.2017 21:10
Manfred Lieb tut so als sei der Milliardär Schwarz ein ganz normaler Steuerbürger der sich an Recht und Gesetz hält "...aber dies ist nicht einem Steuerbürger (Manfred Lieb meint damit den Milliardär Schwarz) anzulasten..." oder "Man...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.