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Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


SPD-Parteitag: 93,99 Prozent für Leni Breymaier

Noch mehr wäre kitschig gewesen: Die frühere Verdi-Bezirksleiterin Leni Breymaier wurde mit 93,99 Prozent der Stimmen auf dem Parteitag in Schwäbisch Gmünd zur SPD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl am 24. September gekürt. Damit zieht die Südwest-SPD erstmals seit ihrer Gründung 1952 mit einer Frau und – überhaupt erst zum zweiten Mal – auch mit einer VertreterIn des linken Flügels in einen Wahlkampf für den Bundestag. Zuvor hatte die 56-Jährige einen engagierten, kreativen Wahlkampf ohne Hass, ohne Lügen und ohne Beleidigungen versprochen. Sie werde kämpfen um jedes Zehntelprozent. Als Sinnbild präsentierte sie zwei Löwen, einen roten aus dem 3D-Druck und ein Steifftier, die "uns zum Sieg führen werden".

Wie ein Popstar wurde schon bei seinem Einzug in die Halle Martin Schulz gefeiert. "Mit jedem Mann und jeder Frau steht die SPD in Baden-Württemberg hinter dir", so Breymaier, die Schulz als "den künftigen Kanzler" vorstellte. Schulz selber erklärte, die SPD wolle stärkste Partei in der Bundesrepublik werden und er selbst die nächste Bundesregierung führen: "Wir haben eine gute Chance." Inhaltlich widmete sich der künftige SPD-Bundesvorsitzende in seiner halbstündigen Rede auch dem von CDU, FDP und den Arbeitgeberverbänden kritisierten Vorschlag, im Falle einer Qualifizierung die Bezugsdauer des Arbeitslosengeld II zu verlängern. Nicht von dieser Zeit hänge die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland ab, sondern von Qualifizierung von Facharbeiterinnen und Facharbeitern. Deshalb müsse die Bundesagentur für Arbeit zu einer Bundesagentur für Arbeit und Qualifizierung umgebaut werden. Grundsätzlich widersprach er auch Kritikern, die "mir Sozialromantik vorwerfen". Die SPD wolle "nicht 82 Millionen Einzelschicksale in die Hand nehmen". Wer aber ins Kanzleramt der Bundesrepublik Deutschland einziehe, der müsse "im Herzen ein Gefühl für die Alltagsprobleme der Menschen haben".

Mehr zum Thema: "Leni, vidi, vici"


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Bilder: Avant-Verlag

Bilder: Avant-Verlag

Ausgabe 277
Gesellschaft

Die vergessenen Afro-Ossis

Von Oliver Stenzel
Datum: 20.07.2016
In den Achtzigern wurden in der DDR Vertragsarbeiter aus Mosambik als billige Arbeitskräfte eingesetzt, einen Großteil ihres Lohnes sahen sie nie. Über dieses traurige Kapitel hat die Hamburger Zeichnerin Birgit Weyhe einen grandiosen Comic gemacht. Am Samstag ist sie damit zu Gast in Stuttgart.

José, Basilio und Anabella haben große Träume. Lehrer oder Architekt werden, oder einfach nur raus aus dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat Mosambik. Alle drei gehen als Vertragsarbeiter in den "sozialistischen Bruderstaat" DDR, ein Programm, das Ostberlin 1979 gestartet hat. Rund 20 000 Mosambikaner sind bis 1991 in der DDR beschäftigt, um den dort herrschenden Arbeitskräftemangel abzumildern. Doch jegliche Berufsträume sind bald zerstoben, denn Auswahlmöglichkeiten haben sie keine, werden nach Plan bestimmten, meist sehr anstrengenden oder unattraktiven Arbeitsplätzen zugeteilt. Zudem wird die Hälfte ihres Lohnes einbehalten, er soll ihnen erst bei der Rückkehr nach Mosambik ausbezahlt und bis dahin von der Regierung treuhänderisch einbehalten werden.

Den Lohn werden sie nie sehen – als viele der Vertragsarbeiter nach dem Ende der DDR in ihre alte Heimat zurückkehren, stellen sie fest, dass kein Geld da ist – versickert im Sumpf der Korruption. In einem vom Bürgerkrieg zerstörten Land sind sie nun doppelt entwurzelt und ohne Perspektive, denn für ihre Berufsausbildung aus der DDR gibt es nur selten Verwendung. Noch heute demonstrieren in Mosambiks Hauptstadt Maputo regelmäßig ehemalige Vertragsarbeiter für die Auszahlung ihres Lohnes, kurioserweise schwenken sie dabei oft die alten DDR-Fahnen mit Hammer und Zirkel. "Madgermanes" werden sie genannt.

Mit dem englischen "Mad Germans" – "verrückte Deutsche" – hat "Madgermanes" dabei nichts zu tun. Zumindest ursprünglich. Das Wort stammt aus einem Dialekt der um Maputo lebenden Indigenen und bedeutet "Die aus Deutschland Zurückgekehrten", wird aber in anderen Teilen Mosambiks auch als Verballhornung von "made in Germany" und teils eben auch von "Mad Germans" verstanden.

Die in Deutschland kaum bekannte Geschichte der "Madgermanes" hat nun die Hamburger Illustratorin und Comiczeichnerin Birgit Weyhe, die einen Großteil ihrer Jugend in Uganda und Kenia verbrachte, zu einem großartigen Comic verarbeitet, erschienen im Berliner Avant-Verlag. Souverän und originell erzählt, lehrreich, aufklärend und von einer nie ins Rührselige abgleitenden Empathie. Ein Werk, das zeigt, was im Genre der Bildergeschichten möglich ist, zu Recht dieses Jahr auf dem Comicsalon Erlangen mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet – der höchsten Auszeichnung für Comics im deutschsprachigen Raum. Schon im Jahr zuvor erhielt Weyhe dafür in Stuttgart den ersten Comicbuchpreis der Berthold-Leibinger-Stiftung, einen mit 15 000 Euro dotierten Förderpreis für noch unveröffentlichte Werke, deren Fertigstellung absehbar ist. Nun ist Weyhe am Samstag wieder zu Gast in Stuttgart, beim Wetterleuchten-Festival des Literaturhauses.

"Madgermanes" hat einen langen Vorlauf. Auf das Thema stieß Weyhe bereits 2007, als sie ihren Bruder besuchte, der in Pemba im Norden Mosambiks lebt. Zufällig kam sie dort mit einem ehemaligen Vertragsarbeiter namens Atanasi ins Gespräch. "Da ich als Westdeutsche nie von diesem DDR-Vertragsarbeiterprogramm gehört hatte, habe ich mich später in meinem Bekanntenkreis in Hamburg umgehört und festgestellt, dass allen, genau wie mir, lediglich die vietnamesischen Arbeiter bekannt waren", erklärt Weyhe.

Der Anstoß für weitere Recherchen kam indes erst, als Weyhe bei einem zweiten Besuch in Pemba 2009 erfuhr, dass Atanasi mittlerweile verstorben war. So machte sie sich auf die Suche nach weiteren ehemaligen Vertragsarbeitern. Sowohl in Mosambik als auch in Deutschland fand sie viele, führte Interviews, entschloss sich, ein Buch daraus zu machen. Der Preis der Leibinger-Stiftung beschleunigte dabei nicht nur die Fertigstellung: "Durch die Preisverleihung in Stuttgart bin ich mit der dortigen mosambikanischen Gruppe in Verbindung gekommen", so Weyhe. Auch deren Schicksale flossen in den Comic ein.

Fiktive Figuren, kondensiert aus langen Recherchen

Die "Madgermanes"-Protagonisten Anabella, José und Basilio allerdings sind keine realen, sondern fiktive Figuren, ihre Biografien sind kondensiert aus der Summe der Gespräche, die Weyhe führte. Eine Vorgehensweise, die erst im Zuge der Recherchen entstand, denn ursprünglich wollte Weyhe einen Reportage-Comic aus den Interviews machen. "Die ersten vier Interviewpartner hatten aber sehr ähnliche Geschichten zu erzählen, die wenig Variation boten", so Weyhe, weswegen sie weiter recherchierte. Dabei stellte sie fest, dass sich die Gespräche nicht nur zwischen den nach Mosambik zurückgekehrten und den in Deutschland gebliebenen Arbeitern stark unterschieden, sondern sich zudem bestimmte wiederkehrende Merkmale in den Erzählungen zeigten. Im Buch gebe es nun "den wütenden und unangepassten Kämpfer, Basilio, der für die Madgermanes in Maputo steht", erzählt Weyhe, während sich "der passive, schicksalergebene und etwas resignierte José hauptsächlich aus meinen Pemba-Interviews zusammensetzt. Die ambitionierte Anabella wiederum hat ihren Paten in den in Deutschland verbliebenen Vertragsarbeitern."

Eine Vorgehensweise, die prächtig funktioniert, weil Weyhe es schafft, ihre fiktiven Figuren eben nicht wie Typen wirken zu lassen. Trotz des minimalistischen Zeichenstils und der straffen Erzählung schafft sie schon in wenigen Bildern und Sätzen komplexe, schlüssige Charaktere. Dass sie dabei auch die Unzuverlässigkeit der menschlichen Erinnerung thematisiert und die Geschichten der drei Protagonisten hintereinander erzählt, ist dabei ein besonders gelungener und reizvoller Kunstgriff. Denn dadurch ergeben sich immer wieder neue Perspektiven auf die drei sich kreuzenden Lebenswege.

So unterschiedlich die Erfahrungen und Perspektiven der Figuren sind, das Thema Heimat, oder vielmehr Heimatlosigkeit, spielt bei allen eine zentrale Rolle. Die nach Mosambik Zurückgekehrten fühlen sich doppelt entwurzelt, sie kommen in ein vom Bürgerkrieg zerstörtes Land, in denen ihnen oft Neid und Missgunst begegnen, weil viele denken, sie hätten Wohlstand aus Deutschland mitgebracht. "Traurigerweise war ich noch einsamer als in all den Jahren in der Fremde", lässt Weyhe José nach seiner Rückkehr sinnieren, "aber was heißt hier 'Fremde'? Plötzlich erschien mir meine alte Heimat viel weniger vertraut, als es mein Alltag in der DDR gewesen war."

Was ist Heimat?

Und auch Anabella, die schon früh weiß, dass sie nicht nach Mosambik zurückwill, weil nahezu ihre komplette Familie im Bürgerkrieg ausgelöscht wurde, wird irgendwann klar: "Deutschland kann mir wohl nie meine Heimat ersetzen." Was mit Erinnerungen, aber auch mit den Erfahrungen von Ablehnung und Skepsis gegenüber ihr als offensichtlich "Fremden" zu tun hat.

Gerade diese Ambivalenz und Unschärfe des Begriffs Heimat war für Weyhe ein Anlass, die Geschichte der "Madgermanes" zu erzählen. Lange habe sie sich nicht recht an das Thema gewagt, "ich dachte mir: Bin ich schwarz? Habe ich in der DDR gelebt? Kenne ich Mosambik?" Doch immer wieder sei sie in den Gesprächen auf das ihr sehr vertraute, gespaltene Gefühl zum Thema Heimat gestoßen. "Ich bin selbst erst mit 19 Jahren zurück nach Deutschland gekommen, nachdem ich in Uganda und Kenia aufgewachsen bin", sagt Weyhe, "ich habe lange gebraucht, bis ich mich hier zurechtgefunden habe."

Noch heute weiß Weyhe nicht so recht, was Heimat für sie bedeutet. "Wenn ich an die Orte meiner Kindheit komme, fühle ich mich angekommen in einer Art Heimat", es gebe aber auch eine "sprachliche und kulturelle Heimat", und die sei in Deutschland. "Die beiden passen in meinem Fall nicht zusammen und erzeugen eine Art frei schwebende Heimat."

Bewusste Irreführung: Spiel mit europäischen Afrika-Stereotypen

Tja, was ist Heimat? Die Frage wird in "Madgermanes" herrlich illustriert von einem Leoparden, der nach einer Brezel schnappt. Womit wir auch bei der grafischen Raffinesse sind, mit der Weyhe die verschiedenen Kulturen ineinanderfließen lässt. Immer wieder baut sie an afrikanische Kunst erinnernde Elemente in ihre Zeichnungen ein, etwa, wenn sie Josés Angst vor der Winterkälte durch ein ihn umzingelndes Rudel schematischer Wölfe darstellt. Und immer wieder tauchen auch afrikanisch anmutende Piktogramme auf. Wobei wir hier schon bei einer raffinierten Irreführung sind, die sich verbreiteter Stereotypen über Afrika bedient – und sie ad absurdum führt.

"Ich hatte meinen Spaß daran, mit der europäischen Vorstellung von 'Afrika' zu spielen, das immer als eine Einheit wahrgenommen wird", sagt Weyhe. Dabei sei schon Mosambik allein kein homogenes kulturelles Gebilde, sondern, wie fast alle afrikanischen Länder, ein koloniales Konstrukt. Das Bild vom Fremden entsteht schon im Kopf des Einheimischen, bevor er sich mit dem Fremden überhaupt auseinandersetzt, und was daraus folgt, thematisiert Weyhe an vielen Stellen ihres Buches. Immer wieder schlägt José, Basilio und Anabella Ablehnung und Rassismus entgegen, latent und auf vielfältige, mehr oder weniger subtile Weise schon in ihren Anfangsjahren in der DDR, extrem verstärkt nach der "Wende" 1989. Basilio lebt in dem Wohnheim in Hoyerswerda, das im September 1991 von einem fremdenfeindlichen Mob angegriffen wird, was für ihn der Anlass zur Heimkehr ist.

Ein Thema, das gerade wieder sehr aktuell ist, da in der Öffentlichkeit die Hemmungen gegenüber der offenen Artikulation von Rassismus immer mehr zu fallen scheinen. Ein direkter Einfluss für das Buch sei diese Entwicklung nicht gewesen, so Weyhe, da das Buch einen langen Vorlauf gehabt habe. Sehr wohl eine Rolle gespielt habe aber "die Erfahrung und der Eindruck, dass wir keine sehr offene und tolerante Gesellschaft sind. Und zwar in beiden Teilen Deutschlands".

"Madgermanes" ist ein einziges Plädoyer für Offenheit und Toleranz und zudem eines, das nie mit erhobenem Zeigefinger daherkommt. Weyhes Comic wirkt auch, weil er durch die Umkehrung des gewohnten Blickes aufs Fremde zeigt, wie ähnlich – und damit auch ähnlich breit gefächert – die Träume, Lebensziele und Bewältigungsstrategien von Menschen sind.

Die Hamburger Comic-Macherin Birgit Weyhe. Foto: Sabine Reinecke
Die Hamburger Comic-Macherin Birgit Weyhe. Foto: Sabine Reinecke

 

Info:

Birgit Weyhe kommt am Samstag, 23. 7., um 13 Uhr ins Literaturhaus Stuttgart in der Breitscheidstraße 4. Mehr Informationen zur Veranstaltung finden Sie hier.


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Kommentare

Sigmar Schuler, 31.07.2016 18:05
Das gleiche Thema hat die mehr als lesenwerten Autobiografie "Ich wollte leben wie die Götter"von Ibraimo Alberto. Wohnt übrigens jetzt in Karlsruhe. Vielleicht auch mal ein Bericht wert?

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Auch von mir vielen Dank an den Autor und an Kontext (E.M., 22.03.2017 01:27 hat das wunderbar formuliert). Dennoch, um das erfolgreich anzupacken bzw. umzusetzen was Fabian Scheidler so treffend wie beängstigend und unmissverständlich...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / CharlotteRath, 23.03.2017 14:51
Fußgängerstegle ... eine echt schwäbische Lösung. München hat sich einen Park gegönnt, um zwei voneinander getrennte Stadtteile über eine große Straße hinweg zusmmenzuführen: https://de.wikipedia.org/wiki/Petuelpark Mit...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / Bruno Neidhart, 23.03.2017 09:51
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