KONTEXT Extra:
Büttel der Bahn - nein danke

Vor dem S-21-Lenkungskreis am Donnerstag (30.6.) wird Verkehrsminister Winfried Hermann und Oberbürgermeister Fritz Kuhn (beide Grüne) heftig ins Gewissen geredet. Der Theologe Martin Poguntke vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erklärt, die Projektgegner hätten es aufgegeben zu hoffen, dass "wir politische Helden an die Macht gebracht haben". Aber verlangt werden könne, dass sie ihr Amt "nicht so ganz der Würdelosigkeit preisgeben". Konkret bedeute das:

Fordern Sie von der Bahn die restlose Offenlegung aller Zahlen und deren Überprüfung durch eine wirklich unabhängige Stelle. Sie haben nicht das Recht, sich auf die Bahn einfach zu verlassen - denn Sie sind uns, dem Souverän, gegenüber verantwortlich.

Fordern Sie, dass die Bahn dem Vieregg&Rössler-Gutachten von mindestens 9,8 Milliarden nicht nur blumig widerspricht, sondern es Punkt für Punkt mit konkreten Zahlen widerlegt. Es geht hier nämlich nicht nur um eine Kostensteigerung von wenigen hundert Millionen, sondern seit 2009 sind die von der Bahn scheibchenweise eingestandenen Kosten um 3,4 Milliarden von 3,1 auf 6,5 Milliarden gestiegen - das sind über 100 Prozent in sieben Jahren.

Fordern Sie - wenn schon keinen Projekt-Abbruch - wenigstens ein Moratorium, bis alle strittigen Fragen geklärt sind. Denn in weniger als der Hälfte der geplanten Bauzeit hat die Bahn 99 Prozent des Risikopuffers von 1,5 Milliarden verbraucht. Es kann nicht sein, dass die Bahn jetzt immer weiter baut, immer mehr Verpflichtungen eingeht, ein immer höheres Erpressungspotenzial an schon ausgegebenem Geld aufhäuft - bevor geklärt ist, wie sie das bezahlen will.

Fordern Sie eine ergebnisoffene Gegenüberstellung der Chancen und Risiken von S21 mit den Chancen und Risiken eines Umstiegs auf den modernisierten Kopfbahnhof und verstecken Sie sich nicht hinter dem angeblichen Ergebnis der Volksabstimmung. Kein halbwegs verantwortlicher Politiker kann ignorieren, dass ein Umstieg auf eine Modernisierung des Kopfbahnhofs nur ca. 2 Milliarden kosten würde und dass nur 1,5 Milliarden des bereits verbauten Geldes wirklich verloren, also viele Milliarden gespart wären - dafür, dass wir einen besseren Bahnhof bekommen, als es S21 je hätte sein können.

Und schließlich bei all Ihren Forderungen: Nennen Sie Konsequenzen, für den Fall, dass Ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Was tun Sie, wenn die Bahn nicht auf Ihre Forderungen eingeht? Denn Forderungen ohne Ankündigung von Konsequenzen sind leeres Gerede fürs Publikum.

Zeigen Sie einmal, dass Sie nicht die Büttel der Bahn sind! Zeigen Sie einmal ein klein wenig politische Größe! Zeigen Sie einmal, dass der Lenkungskreis wirklich lenkt!


Ein Zeichen für Europa

Über Stuttgart wehen EU-Flaggen! Mit der Verkündung des amtlichen Endergebnisses der Volksabstimmung in Großbritainnien über den Austritt aus der EU werden auf der Villa Reitzenstein und dem Neuem Schloss in Stuttgart europäische Flaagen gehisst. Die grün-schwarze Koalition möchte damit ein Zeichen für Europa setzen. "Wir wollen unsere proeuropäische Haltung deutlich zeigen", so Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Die gehöre in Baden-Württemberg "zur Staatsräson". Als "überzeugten Europäer" treffe ihn die Entscheidung der Briten "ganz persönlich ins Mark". Europa sei in den Grundfesten erschüttert.


AfD-Fraktion schließt Gedeon vorerst nicht aus

Die Zerreißprobe in der "Alternative für Deutschland" (AfD) ist aufgeschoben. Ihr Bundesvorsitzender Jörg Meuthen, zugleich Chef der baden-württembergischen Landtagsfraktion, hatte am Dienstag jedenfalls keine erforderliche Zweidrittelmehrheit für den Ausschluss von Wolfgang Gedeon. Über die Äußerungen Gedeons, Anhänger der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", wird jetzt statt dessen ein Gutachten bei drei Fachleuten in Auftrag gegeben – von Religionswissenschaftlern ist die Rede, ein Experte soll jüdischen Glaubens sein –, um die von Meuten selbst erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Singener Mediziner zu überprüfen. Der lässt vorerst seine Mitgliedschaft in der Fraktion ruhen und wird im Plenarsaal auch einen neuen Platz erhalten.

Fraktionsgeschäftsführer Bernd Grimmer erklärte nach den dreistündigen Beratungen, die für einen Ausschluss notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit sei nicht klar gewesen und etwa ein Drittel der Abgeordneten nicht bereit gewesen, Meuthen zu folgen. Sie schätzten den Stellenwert von Meinungsfreiheit höher ein als den einer "politisch korrekten Ausdrucksweise". Sollte die Fraktion nach der Sommerpause und der Bewertung des Gutachtens abermals nicht bereit sein, dem von Meuthen seit Tagen vehement verlangten Antrag auf Ausschluss Gedeons zuzustimmen, bleibt der dabei, seinerseits die Fraktion verlassen zu wollen. Außerdem gibt es Gerüchte, dass eine Handvoll Abgeordneter Gedeon – im Falle seines Ausschlusses – nicht allein gehen lassen, sondern mit ihm aus der Fraktion ausscheiden wolle.

Nicht nur im Internet tobt seit Tagen eine heftige Auseinandersetzung über den künftigen Kurs der Partei, die sich zur Retterin Deutschlands ernannt hat. Meuthens Co-Vorsitzende auf Bundesebene Frauke Petry hat sich öffentlich gegen ihn gestellt, ist damit aber im Bundesvorstand isoliert. Zahlreiche Mitglieder des rechten Flügels verlangen von dem Kehler Wirtschaftsprofessor, von sich aus die AfD zu verlassen. "Die Bewegung muss sich von Volksverrätern wie Meuthen trennen", postet ein Thorsten Baeuml. Und weiter: "Linksversiffte Gutmenschen braucht die Bewegung nicht! Ein Krebsgeschwür wird auch entfernt, so lange es noch geht und Meuthen hat sich zur Selbstoperation verdonnert. Gut so!" Den Ausdruck "linksversifft" hatte Meuthen selbst vor Wochen benutzt, ihn allerdings auf die ganze Bundesrepublik bezogen.


S 21: BUND verlangt "Öffnung in Richtung Kombi-Lösung"

Der BUND Baden-Württemberg hat am Montag ein Positionspapier zu Stuttgart 21 vorgelegt, um "konstruktive Lösungen aus der Sackgasse" aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht der "Einstieg in eine Kombi-Lösung". Wie die Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender erläutert, könnten damit "einerseits die Kosten und Risiken von Stuttgart 21 deutlich gesenkt und andererseits finanzielle Spielräume zur Realisierung eines tatsächlich zukunftsfähigen Bahnknotenpunkts gewonnen werden". Außerdem sieht das Konzept vor, auf den unterirdischen Flughafenbahnhof zu verzichten und stattdessen einen oberirdischen Halt beim Messeparkhaus zu errichten. Zudem soll die Gäubahn über die bestehende Panoramabahn oberirdisch in den Hauptbahnhof geführt werden und "die Zuführungsstrecken zum Hauptbahnhof und die Wendlinger Kurve sollen leistungsfähig ausgebaut werden".

Dahlbender, die für die Tiefbahnhofgegner 2010 in der Schlichtung saß, nennt S 21 ein "auch heute noch in ganz wesentlichen Teilen weder vollständig geplantes noch vollständig genehmigtes Projekt". Es gebe weiterhin keine qualifizierten Aussagen zu Kosten und zum Zeitablauf. Für die SPD-Politikerin und Ulmer Gemeinderätin steht fest, dass deutlich mehr als acht Bahnsteiggleise unverzichtbar sind für einen Großknoten Stuttgart und eine Entmischung der S-Bahn, des Regional- und des Fernverkehrs. Eine nachhaltige Mobilitätswende müsse sich an den Wünschen der Bahnkunden und der tatsächlichen Verkehrsströme orientieren, "und das bedeutet einen Einstieg in die Diskussion einer Kombi-Lösung".

Mehr dazu unter diesem Link.


Jetzt offiziell: Kefer geht späestens im Herbst 2017

Von einem "Eingeständnis des Scheiterns" sprechen die Parkschützer, von "großem Respekt und Wertschätzung" der Aufsichtsratsvorsitzende der DB Utz-Hellmuth Felcht. Auf jeden Fall wirft der für Stuttgart 21 zuständige Bahnvorstand Volker Kefer das Handtuch. Er stehe für eine Verlängerung seines im September 2017 auslaufenden Vertrags nicht zur Verfügung, teilte er dem Aufsichtsrat am Mittwochvormittag mit. Möglicherweise wird er, wenn seine Nachfolge geregelt ist, den Konzern aber schon deutlich früher verlassen. Hier werde kein "Bauer geopfert", so der Sprecher der Parkschützer Matthias von Herrmann. Vielmehr nehme sich ein "allzu stolzer Turm selbst aus dem Spiel": Der für Stuttgart 21 verantwortliche oberste Bahnmanager ziehe "nun offenbar seine persönliche Notbremse vor dem sicheren Aufprall auf dem Prellbock eines baulich, finanziell und kommunikativ völlig unkontrolliert taumelnden Projekts". Kefer ist seit 2009 bei der Deutschen Bahn und galt lange Zeit als möglicher Nachfolger von Bahnchef Rüdiger Grube, dessen Stellvertreter er auch ist. Kritisiert wird intern vor allem, dass der frühere Siemens-Vorstand den Aufsichtsrat zu spät über die Kostenexplosionen und die immer neuen Risiken bei Stuttgart 21 informiert hat.

Insider in Berlin sehen auch Grube selber nicht mehr sicher im Sattel, weil der nicht nur das nach seinen vielzitierten Worten "bestgerechnete" Milliardenprojekt nie wirklich in den Griff bekommen hat. Matthias von Herrmann erinnert an des marode, dringend sanierungsbedürftige Schienennetz und daran, dass trotz der groß angekündigten fernverkehrsoffensive nicht einmal mehr 78 Prozent der Züge pünktlich fahren: "Wir brauchen endlich wieder eine gute zuverlässige Bahn statt Tunnelwahn." Zum Vergleich: In der Schweiz treffen knapp 97 Prozent der Züge pünktlich im Bahnhof ein. (15.6.2017)


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Energy from outer space: Auf der Esoterikmesse in der Liederhalle wird sich mit dem Universum rückverbunden.

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Ausgabe 249
Gesellschaft

Glück reloaded

Von Elena Wolf (Text) und Joachim E. Röttgers (Fotos)
Datum: 06.01.2016
Die Zeit um die Jahreswende ist berüchtigt für den Blick in die Zukunft und die Sterne. Esoterik und Sinnsuche boomen auch 2016. Das ist oft zum Kichern, aber auch zum Frösteln.

Egal ob "Vogue", "Elle", "Brigitte" oder "Bunte": Es gibt kaum ein Lifestyle-Magazin, das seinen LeserInnen zum Jahreswechsel nicht die Sterne liest und die Zukunft orakelt. Sogar in der Kinder-Pferdezeitschrift "Wendy" gibt es Antworten für 8- bis 14-Jährige: "Was erwartet dich im nächsten Jahr in Sachen Freundschaft und Schule? Und welches Pferd bringt dir Glück?" Im Zentrum des Blicks in die Sterne stehen die großen W-Fragen: "Wie steht's um meine Gesundheit?", "Was passiert im Job?" und "Wann kommt mein Herzblatt um die Ecke?" Bleibt man beim Durchzappen gar auf Astro TV hängen, offenbart sich die volle Breitseite der esoterischen Sinnsuche in all ihren wahnsinnigen Facetten – rund ums Jahr.

Hier werden Pflanzenorakel befragt, Kristallkugeln poliert, Seelenschlüssel gesucht, und es wird gechannelt, was das Zeug hält. Alles übers Telefon, alles für läppische 3,99 Euro die Minute. Und wenn nicht gerade sexuelle Chakren unter lautem Stöhnen geöffnet werden oder Wasser gelesen wird, dann kann man – solange man in der Warteschleife hängt – auch mal fix einen "Feng-Shui Reichtumsgeldbeutel mit Zahlenschwingungscode" für 89,99 Euro bestellen. Wer um Gottes willen kauft so einen Jenseits-Schrott?, mag man denken. Doch die argumentative Logik der an Frohsinn fast platzenden Eso-Verkäuferin überzeugt offenbar viele: "Es ist super, damit einzukaufen, denn Sie kaufen super damit ein." Wer da nicht zuschlägt, den beißen die Elfen.

Zwischen Atlantis-Globuli und Cloudbustern liegen bunte Smileys aus Ton. Ihre Mission: gute Laune!
Zwischen Atlantis-Globuli und Cloudbustern liegen bunte Smileys aus Ton. Ihre Mission: gute Laune!

Und es wird zugeschlagen. Im Geschäftsjahr 2013/2014 erzielte die Adviqo AG in Berlin als Eigentümerin von Astro TV und zahlreichen anderen Plattformen für "spirituelle Bedürfnisse" nach eigenen Angaben einen Umsatz von über 100 Millionen US-Dollar – das Geschäft mit den Sternen brummt.

Das zeigt sich auch auf Amazon: Über 158 000 Ergebnisse spuckt der Online-Versandhändler in der Rubrik "Esoterik" aus; in 36 Kategorien ist vom praktischen Pendelset für Einsteiger bis zum Eso-Hit "Bestellungen beim Universum. Ein Handbuch zur Wunscherfüllung" (gefolgt von "Reklamationen beim Universum" – kein Witz!) alles dabei, was das spirituelle Herz begehrt.

Doch nicht nur online, auch im Real-Life wird auf zahlreichen Messen rund ums Jahr der Eso-Lust gefrönt. Einen gemeinsamen Nenner haben die Veranstaltungen dabei nicht: Ernährung, Life-Coaching, alternative Heilverfahren, Ökologie, Schmuck – oft stehen Bio-Nudelhersteller und Totenbeschwörer nebeneinander, während einen Stand weiter profane Hot-Stone-Massagen angeboten werden.

Engel-Aura-Spray und Bionudeln – Esoterik ist ein weites Feld

Wer seine Aura mal wieder fotografieren lassen will, kann im Februar auf die Esoterik-Messe in den Kursaal Bad Cannstatt oder im März in die Stadthalle Sindelfingen pilgern. Hier wird drei Tage lang hellgesehen, handgelesen und Engel-Aura-Spray verspritzt, bis die Einhörner im Kleinhirn wiehern. Vielleicht ist dann auch wieder Brigitte Wuertele da. Im vergangenen Jahr zog sie in der Liederhalle Stuttgart in einer Art Tanz unsichtbare Fäden aus einer Frau, die bäuchlings auf einer Pritsche lag, und wob sie in geheimnisvollen Bewegungen um ihre Hände – zehn Meter von der Pritsche entfernt.

Klassiker im Eso-Business: Klangschalen für gute Vibes.
Klassiker im Eso-Business: Klangschalen für gute Vibes.

"Reconnective Healing" nennt sich das, was aussieht, als würde ein Waldorf-Schüler auf LSD seinen Namen rückwärts tanzen. "Ursprünglich waren die Meridianlinien des Körpers mit den energetischen Rasterlinien um unseren Planten verbunden. Ich stelle diesen Zustand wieder her", erklärte sie interessierten ZuschauerInnen. Alles klar. Dann vielleicht doch lieber "Hanfdessous – made in Germany"? Da der Freund gepflegter Lichtfeldspektralanalysen auch Wert auf nachhaltige Reizwäsche legt, kann man nur hoffen, dass es den erntefrischen Fummel für Drunter (natürlich kompostierbar) auch in diesem Jahr wieder zu shoppen gibt.

Doch während Energiefäden-Spinner und selbsternannte Aura- und Engel-Spezialisten ein Völkchen darstellen, dessen "Lächle in die Welt und die Welt lächelt zurück"-Eskapismus immerhin zu einer lustigeren Welt beiträgt, ist die dunkle Seite der Eso-Macht weniger zum Lachen.

Denn viele esoterische Ansätze folgen einer höheren, kosmischen Ordnung, der sich die Anhänger bedingungslos zu unterwerfen haben. Schnell wird vergessen, dass der Sektenführer Bhagwan kein netter Geschichtenonkel war, sondern jemand, der von einer makellosen Welt träumte und Behinderte in den "ewigen Schlaf" schicken wollte, damit sich ihre Seele durch Wiedergeburt einen "gesunden" Schoß suchen könnte. Homosexualität war seiner Ansicht nach "eine Perversion", die Ursache für Aids und als Folge "hässlicher Bedingungen in den Klöstern aller Religionen entstanden" – alles 1988 in Bhagwans eigener Kommunen-Zeitung "Rajneesh Times" zu lesen. In einem Gespräch mit dem "Spiegel" 1985 erklärte der (Sex-Sekten-)Führer auch, dass Hitler ein Heiliger gewesen sei. Spirituelle Sinnsuche und Glück – ohne Führer: ein No-Go.

Einmal Zukunft bitte.
Einmal Zukunft bitte.

Auch der Ex-B.TV-Chef Thomas Hornauer darf sich in die Reihe absolutistischer Gurus einreihen – wenn auch nicht im ganz so großen Stil. Nachdem der schwäbische Regionalsender B.TV 2003 in die Insolvenz ging, übernahm "Horni" Hornauer, der zuvor mit Telefonsex-Hotlines zu Geld gekommen war, den Laden und machte mit grotesken Wahrsage- und Kartenlege-Shows von sich reden, bis ihm die Landesmedienanstalt Baden-Württemberg Ende 2004 die Lizenz entzog. Die Begründung: Er neige zu Allmachtsfantasien und sei nicht in der Lage, persönliche Überzeugungen von seiner Verantwortung als TV-Chef zu trennen.

Ehemalige MitarbeiterInnen berichteten laut taz ("Bizarr-TV im Aus" vom 20. 7. 2004) zudem von sektenähnlichen Zuständen und Gehirnwäsche. Bis 2008 trieb der "kuriose Selfmade-Guru" ("Süddeutsche Zeitung") dann auf dem österreichischen TV-Sender Kanal Telemedial sein Geschäft mit einer "spirituellen Lebensschule". Nach Jahren in Thailand hat Hornauer nun den Christ-Buddhismus erfunden und lässt sich nur noch mit "Seine königliche Heiligkeit" ansprechen – nicht mehr im Fernsehen, aber im Live-Stream. Im vergangenen Sommer reiste er in seine Heimat, nach Plüderhausen, um dort eine Edelsteinmesse zu eröffnen und eine königliche Audienz abzuhalten. Klingt alles arg lustig, doch Hornauer hat sich in zahlreichen Sendungen als frauenverachtender, homophober Patriarch geoutet, der in einer Livesendung kraft seines Amtes als "Gesellschafter, Innovator, Erfinder, Geschäftsführer und als Thomas" auch schon mal das "deutschsprachige Volk in Europa" von jeglicher Schuld freisprach. Dazu verbreitete er Hypothesen zu Neuschwabland, was in braun-esoterischen Kreisen als Rückzugsort der Nazis gilt.

Mit dem Cloudbuster gegen Chemtrails

Wo Esoterik draufsteht, ist Verschwörungstheorie oft nicht weit. Bestes Beispiel dafür sind zwei unscheinbare Baumaschinen-Tüftler aus Schwabmünchen, die auf den Esoterik-Tagen in der Liederhalle im Herbst 2015 einen riesigen Cloudbuster bewarben – keine fünf Meter neben dem quietschfreundlichen Rainer Wemhöner, der handgeformte Smileys aus Ton verkaufte –, "um der Welt ein lächelndes, süßes, kalorienarmes Lächeln zu verpassen". Der Cloudbuster, eine riesige Metallrohr-Vorrichtung, ist laut den beiden Schwabmünchnern in der Lage, Wolken und Regen zu machen und die Menschheit vom krebserregenden Niederschlag der Chemtrails zu befreien. Das, was man seit Kindertagen nämlich für Kondensstreifen der Flugzeuge halte, seien in Wirklichkeit giftige Chemikalienstreifen, die von der Regierung aus diversen Gründen absichtlich in den Himmel gesprüht würden. Der Cloudbuster könne die todbringenden Kondensstreifen aber glücklicherweise zerstören.

Es bleibt festzuhalten, dass sich der Hang zum Esoterischen und der damit verbundenen bräunlichen Suppe trotz Hegel, Kant und I-Phone nicht relational zum gesellschaftlichen und technischen Fortschritt zurückentwickelt hat. Auch in diesem Jahr wird auf Astro TV und den anderen Esoterik-Spielwiesen wieder hart orakelt und Geld gescheffelt – da muss man keine Hellseherin sein. Ganz erfreuliche Entwicklungen zeigen sich beim Astro-TV-Eigentümer Adviqo. Der hatte im Geschäftsjahr 2013/14 nämlich nicht, wie auf seiner Homepage angegeben, 100 Millionen US-Dollar Gewinn erzielt, sondern laut Bundesanzeiger etwa neun Millionen weniger. Außerdem sank der Firmenumsatz in den letzten drei Jahren stetig. Es besteht also noch Hoffnung.


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Kommentare

Michael Greiner, 04.04.2016 02:20
Sehr geehrte Kontext-Reaktion,

Was ich an diesem Artikel gut finde ist, dass viele schlimme Dinge öffentlich angesprochen werden.
Was ich an diesem Artikel nicht gut finde ist, dass nach meiner Meinung zu viel in den Artikel reingepackt ist, mit zu wenig Struktur.
Es ist wohl so, dass es in "der ESO-Szene" einen absolutistischen, homophoben, braunen, sektenähnlichen und was-auch-immer-Bodensatz gibt. Sauber fände ich, wenn der Artikel von diesem Bodensatz handeln würde. Von konkreten zu kritisierenden Dingen. Aber ein Artikel über die gesamte "ESO-Szene", in dem es dann in den letzten Absätzen um den unguten Bodensatz geht, da finde ich das Bild passend: Der Bodensatz wird aufgerührt, das Wasser wird trübe und der klare Blick und eine klare Diskussion wird eher verhindert.
Um was es der Autorin mit diesem Artikel wirklich geht, kann ich nur erraten (vermutlich soll das Thema schon der "Bodensatz" sein? - und eben nicht ein Bericht über die Esoterikmesse in der Liederhalle, oder?).
Um es esoterisch auszudrücken :-) : Ich finde, der Artikel verbreitet ungute Energie.
Im vorletzten Absatz ein Knackpunkt, warum ich mit Kontext so hadere...
Das Wort "Verschwörungstheorie": Eine Autorin, die sich z.B. mit dem Vortrag von Daniele Ganser https://www.youtube.com/watch?v=cgkQXJ3mugY inhaltlich auseinandergesetzt hat, verwendet den Begriff "Verschwörungstheorie" nicht mehr. Was mich freut ist, wenn Kontext präzise über Dinge berichtet. Ist im Stresstest zu Stuttgart 21, der Computersimulation, die statistische Verteilungsfunktion für die Haltezeitverlängerungen gekappt worden? Ist eine so gravierende Manipulation in einem dermaßen von der Öffentlichkeit beobachteten Verfahren möglich? Ist am 11. September 2001 ein dritter Wolkenkratzer eingestürzt? Ist dabei Freifallbeschleunigung aufgetreten? Ist die Untersuchung des Einsturzes des World Trade Centers durch das NIST plausibel? Sind die Ausführungen von Daniele Ganser zu diesem Komplex plausisbel? Ist es möglich, dass in der Öffentlichkeit - den großen Medien - eine offensichtliche Irreführung rund um 9/11 nicht bemerkt wird (wo 9/11 doch der Grundstein für die heutige menschliche Tragödie im gesamten mittleren Osten ist)?
Mit dem letzten Absatz will ich nichts über riesige Cloudbuster aus Schwabmünchen geschrieben haben.
Jetzt bleibt mir noch zu hoffen, dass mein Kommentar nicht beim ZDF-Mediathek-Eintrag von Jan Böhmermann landet...

Mit hochachtungsvollen Grüßen

Reblaus, 20.01.2016 06:57
Wie der Kommentar unseres "Ober-Rationalisten" wohl aussehen würde, wenn dieser Artikel stattdessen über die Kirche bzw. die christliche Religion an sich wäre...

Suje, 19.01.2016 13:48
Ich muss hier invinoveritas Recht geben.

Die wissenschaftliche (sie würden es wohl "streng rationell" nennen) Methode ist ja schon selbstkritisch und ohne ein Wimpernzucken dazu bereit, alte Theorien über Bord zu werfen oder modifizieren. Nahezu der gesamte technische Fortschritt um Sie und mich herum gründet eben auf solchen wissenschaftlichen, durch empirische Untersuchungen untermauerten, Theorien.

Ich habe selbst jahrelang im (natur)wissenschaftlichen Bereich geforscht und teile gerade in Hinblick auf Mittelallokation und daraus resultierender Fokussierung auf bestimmte (oft wirtschaftsnahe) Themengebiete innerhalb der einzelnen Fachbereiche durchaus einiges an der Kritik bezüglich des Foschungssystems.
Schaue ich mir die pharmazeutische Entwicklung der letzten Jahr(zehnt)e an, so kam es seitens der Pharmaindustrie jedoch mit einigen Ausnahmen (z.B. THC/CBD-Produkte) weniger zu grundsätzlichen Blockaden bestimmter Medikamenten(gruppen). Vielmehr wurden vielversprechende Medikamente sofort aufgekauft und zu teilweise horrenden Preisen vermarktet. Das ist ebenfalls sehr kritikwürdig, aber ebenso wie die Forschungsstruktur eher ein politisches Problem.

Die Anpreiser solcher "übernatürlichen" Methoden jedoch, die sich empirischen Untersuchungen gar nicht unterziehen wollen oder schon vielfach in Studien widerlegt wurden, machen mich eher wütend, da ihr Geschäftsmodell daraus besteht, den Menschen, die sich in sehr schlimmen gesundheitlichen Zuständen befinden und deren Angehörigen falsche Hoffnung zu geben, die durch keinen sachlichen Anhaltspunkt gerechtfertigt ist.

Ja, das Gesundheitswesen krankt an vielen Stellen (Finanzialisierung, Fokus auf pharmazeutische Behandlung etc.), aber durch solche Scharlatane wird es auch nicht besser.

Maja, 11.01.2016 20:17
Hallo Invinoveritas,

wie wäre es mal mit einer direkten Erfahrung einer RH Sitzung
statt nur im Wein( und in der streng rationalistischen Weltsicht) die Wahrheit zu suchen..?

invinoveritas, 10.01.2016 21:48
@Maja

dass Ihre tochter vorübergehend keine anfälle mehr hatte, freut mich für sie.

alles andere, was Sie da schreiben, ist hochgradig ärgerlich.

reconnective healing zählt zum schlimmsten blödsinn auf dem geistheilermarkt. und Sie machen hier reklame dafür.

rh bietet den kompletten unsinn von licht, energie, liebe, schwingungen, der da üblicherweise verzapft wird. sein erfinder eric pearl schwadroniert von axiotonalen linien, durch die der menschliche körper mit dem "gitternetz der erde" und so mit den sternen verbunden wird, und er behauptet, mit rh seien "verschiedene formen von krebs über erkrankungen im zusammenhang mit aids bis zu angeborenen missbildungen und hirnschäden" geheilt worden.

wenn Sie schon selbst so unkritisch sind, dass Sie auf einen derartigen humbug hereinfallen, sollten Sie wenigstens andere leute mit ihm verschonen. denn er ist gefährlich.

und hätte Shakespeare gewusst, welchen schindluder heilige einfalt in den folgenden jahrhunderten unzählige male mit seinem spruch von den many things in heaven and earth treiben würde, hätte er ihn hamlet wohl nicht in den mund gelegt (wo er nicht als billiges scheinargument gegen die schulmedizin dienen sollte, sondern bloß als erklärung für das erscheinen eines gespensts auf der bühne).

p.s. dass die schulmedizin oft nicht helfen kann und obendrein fehler macht, ist unbestritten. es ist aber abwegig, aus solchen schwächen der schulmedizin zu schlussfolgern, irgendwelche dinge zwischen himmel und erde könnten an ihre stelle treten. definitionsgemäß weiß man nämlich über deren vorhandensein, beschaffenheit, funktionsweise und erfolgsquote buchstäblich NICHTS.

alles andere gehorcht der logik: "das auto von herrn müller aus hamburg bleibt manchmal liegen. also hat herr meier aus münchen ein fahrrad."

Maja, 09.01.2016 19:33
Sicher gibt es auch manch Fragwürdiges in der Esoterikszene-
wir als Eltern eines schwer behinderten Kindes sind aber auch auf die anderen Dinge zwischen Himmel und Erde angewiesen, da die Schulmedizin oft nur begrenzt helfen kann.
So hatte unsere Tochter nach 3 Sitzungen mit
Reconnective Healing (das, was Frau Würtele macht) für über ein Jahr keine epileptischen Anfälle mehr (ohne Medikamente, die sie nicht vertragen hatte)
So eine Erfahrung macht stutzig und neugierig- da tanze ich gerne meinen Namen rückwärts!

Stuttgarter, 07.01.2016 22:01
Gehirnwäsche auf esoterisch könnte man die Berieselung und Vermarktung der Sehnsucht nach Spiritualität nennen.
Die Bauernfänger lauern überall.
Das Zeitalter der Aufklärung muss sich doch nochmal wiederholen, fürchte/hoffe ich.

invinoveritas, 07.01.2016 12:54
dieser ganze esoterik-schrott bietet mitnichten einen anlass zu fröhlichen witzeleien über blödheit und gutgläubigkeit abgedrehter konsumentinnen. sondern muss leider ganz humorlos gewertet werden als indikator eines offenbar unausrottbaren und nach wie vor in breitesten gesellschaftsschichten grassierenden irrationalismus.

speziell der astrologie-schwachsinn nistet hierzulande in millionen köpfen. gefördert wird er von opportunistischen medien mit albernen horoskopen und verharmlosend-wohlwollenden betrachtungen.

dabei ist das übliche entlastungsargument, der glaube an die sterne stifte doch keinen schaden, grottenfalsch. in wahrheit richtet er mentale verheerungen an und bereitet insofern dem nächsten, schon deutlich gefährlicheren unfug wie etwa dem rassismus oder anderen ideologischen obsessionen den boden.

astrologie lebt vom gedankenlosen nachplappern, von in jeder hinsicht boden-losen behauptungen über herbeifantasierte beziehungen zwischen gestirnen und mensch, vom ignorieren wissenschaftlicher widerlegung, vom geradezu programmatischen verzicht auf eigenes nachdenken. durch letzteres käme jedermann mühelos zu dem ergebnis, dass an der astrologie nichts ist und nichts dran sein k a n n .

was in früheren jahrtausenden mit ganz anderen vorstellungen vom kosmos und seinen mystisch-magischen mächten noch selbstverständlich war und gelehrte sogar zu intellektuellen höchstleistungen trieb, muss heute aufgrund fortgeschrittener einsichten als das benannt werden, was es ist: mummenschanz. und verrat an der aufklärung.

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Ausgabe 273 / Jeden Tag ein guter Freund / Schwabe, 28.06.2016 10:17
Man merkt auch, dass die Beschneidung von Pressefreiheit sprich der Abbau von Demokratie hart verteidigt wird!

Ausgabe 273 / Wer eine Grube gräbt / Schwabe, 28.06.2016 09:38
Der "Müller" hat m.E. von Bau keine Ahnung - aber hier kann man ja rumpoltern und sich seine eigene Schlüssigkeit zusammenbasteln. Was "Damals" angeht hat Frau Rath recht wenn Sie sagt: "Damals" musste der Vorhabenträger ein Projekt...

Ausgabe 273 / Wer eine Grube gräbt / Müller, 28.06.2016 07:27
@frau Rath Selbstverständlich ist nicht der behördliche Schwergang alleine für die Verzögerungen verantwortlich. S21 hat einfach eine mords Komplexität. Aber auch K21 würde man in viele Planfeststellungen zerschneiden. Das geht...

Ausgabe 273 / Wer eine Grube gräbt / CharlotteRath, 27.06.2016 17:56
@mueller zu "damals" bzw. "langwierige Genehmigungsverfahren": Sie meinen tatsächlich, vor Erlass der "Planungsvereinfachungs- und -beschleunigungsgesetze" und vor der Änderung der öffentlichen Haushaltsordnungen ging alles...

Ausgabe 273 / Sofadeutsche / Horst Ruch, 27.06.2016 17:05
......nur nach vorne blicken, nie mit den Schmuddelkindern spielen. Die NATO das wirkliche TTIP-Europa, das aus den USA gesteuerte Programm, zur wundersamen Geldvermehrung. Kaiser Wilhelm war mit Krupp&Co zwar auch schon ohne Amerika...

Ausgabe 83 / Rassismus im Kinderzimmer / Demokrator, 27.06.2016 07:08
Ist dieser Artikel ernst gemeint?

Ausgabe 273 / Jeden Tag ein guter Freund / Demokrator, 27.06.2016 07:07
Man merkt schon, Kontext hat den Finger in die Wunde gelegt.

Ausgabe 273 / Trumps Luftnummer / Demokrator, 27.06.2016 07:05
Na, "Müller", wieder nur gegen die Kritiker keilen, wenn einem die Argumente ausgegangen sind? http://omec.us/ddg/lohnschreiber-regeln.html

Ausgabe 273 / Jeden Tag ein guter Freund / Dieter Kief, 26.06.2016 21:33
Grüzi Hr. Reile! Die Entwicklung des "Südkurier-Skandals" hat leider eine neue Wendung genommen, von der Ihr hiesiges Entlastungsangriffle auf mich am Ende sogar ablenken könnte, was aber nicht richtig wäre. Josef-Otto Freudenreich...

Ausgabe 273 / "Gysi ist top" / era, 26.06.2016 17:10
Und noch Gratulation an die vielen anderen aufmerksamen Leser, denen die Ungereimtheiten auch nicht entgangen sind - prost!

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