KONTEXT Extra:
NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


Jörg Meuthen weiter an Björn Höckes Seite

Im vergangenen Sommer hatte der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke seinen Bundesparteichef als "meinen verehrten Freund" begrüßt. Und Jörg Meuthen rückte sich selbst, auf dem Kyffhäuser-Treffen, zu dem ihn die Ultras geladen hatte, in die Nähe der besonders weit rechts stehenden parteiinternen Gruppierung "Der Flügel": Er wolle gar nicht als liberaler Kopf der Partei bezeichnet werden, sondern er stehe für "ein gemeinsames Wertefundament". Da hatte Höcke gerade alle anderen Parteien in Deutschland für "inhaltlich entartet" erklärt. Der Schulterschluss hält auch aktuell: Meuthen stellt sich gegen den Rausschmiss, den – wie am Montag bekannt wurde – der Bundesvorstand gegen den Thüringer Landes- und Fraktionschef anstrengt.

Nicht zum ersten Mal. Denn Höcke sollte 2015 schon einmal mit einem Verfahren überzogen werden. Da ging es ebenfalls um eine rassistische Rede, um Aussagen wie, man könne "nicht jedes einzelne NPD-Mitglied als extremistisch einstufen" und um den Vorwurf, Höcke schreibe unter Pseudonym für NPD-Publikationen. Meuthen äußerte sich reichlich schwammig, nahm für sich in Anspruch "als erster aus dem Bundesvorstand scharf reagiert zu haben". Zugleich erklärte er allerdings, dass Höckes "Äußerungen ohne weiteres als rassistisch interpretiert werden können – wobei man darüber diskutieren kann, ob sie es tatsächlich sind". Hans-Olaf Henkel, damals noch AfD-Mitglied, konterte unmissverständlich: "Herr Meuthen ist für mich ein klassischer Schattenboxer." Nach außen tue er immer wieder so, als würde er sich gegen den rechtsnationalen Flügel stellen, nach innen agiere er völlig anders. (13.2.2017)


NSU-Ausschuss: Schon wieder eine tote Zeugin

In seiner nächsten Sitzung wollte der NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags eine Zeugin hören, die in den Neunzigerjahren vermutlich zu einer Gruppierung von Rechtsextremisten im Raum Ludwigsburg gehörte. Und sie stand im persönlichen Austausch mit der Neonazi-Szene in Jena und Chemnitz. 1996 soll die Frau sich auch mit Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos getroffen haben und später mit einem aus Thüringen stammenden und in Baden-Württemberg lebenden Mitveranstalter diverser deklarierter Konzerte rechtsextremer Skinheadbands, darunter auch der Band "Noie Werte".

Allerdings ist die Zeugin seit einigen Tagen tot. Ihr Leichnam wurde eingeäschert, ehe der Ausschuss Aufklärung verlangen konnte. "Ich habe dem Justizministerium sofort mitgeteilt", so der Vorsitzende Wolfgang Drexler (SPD), "dass wir großes Interesse daran haben, zu erfahren, ob die Zeugin eines natürlichen Todes gestorben ist und Fremdeinwirkung oder Fremdverschulden bei ihrem Tod ausgeschlossen werden kann." Am Donnerstag teilte das Ministerium mit, dass an der Leichenschau "wohl auch ein forensisch erfahrener Mediziner" mitgewirkt habe. Die Abgeordneten wollen sich jetzt in ihrer nächsten Sitzung am 24. Februar 2017 mit dem Fall befassen. Er sei sicher, so Drexler, "dass die weiteren Abklärungen ebenso wie die Information des Ausschusses und der Öffentlichkeit mit der gebotenen vollständigen Gründlichkeit, Sorgfalt und Umsicht durch die zuständigen Behörden betrieben werden", nicht zuletzt, weil "die Behörden ihre Lektionen gelernt haben".

Ende März 2015 war die 20-jährige Melisa M., eine frühere Freundin des im September 2013 auf dem Cannstatter Wasen verbrannten rechten Aussteigers Florian Heilig, überraschend verstorben, nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft Karlsruhe als Folge eine Motocross-Unfalls. "Es dürfte sich aus dem unfallbedingten Hämatom im linken Knie ein Thrombus gelöst und letztlich die Embolie verursacht haben", hieß es damals in der Pressemitteilung. Auch ein technisches Gutachten zum Zustand ihrer Maschine wurde vorgelegt - ohne Hinweise auf technische Manipulation. Ein knappes Jahr später hatte sich ihr Verlobter Sascha W. das Leben genommen. (10.2.2017)

Mehr zum Thema gibts hier.


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Energy from outer space: Auf der Esoterikmesse in der Liederhalle wird sich mit dem Universum rückverbunden.

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Ausgabe 249
Gesellschaft

Glück reloaded

Von Elena Wolf (Text) und Joachim E. Röttgers (Fotos)
Datum: 06.01.2016
Die Zeit um die Jahreswende ist berüchtigt für den Blick in die Zukunft und die Sterne. Esoterik und Sinnsuche boomen auch 2016. Das ist oft zum Kichern, aber auch zum Frösteln.

Egal ob "Vogue", "Elle", "Brigitte" oder "Bunte": Es gibt kaum ein Lifestyle-Magazin, das seinen LeserInnen zum Jahreswechsel nicht die Sterne liest und die Zukunft orakelt. Sogar in der Kinder-Pferdezeitschrift "Wendy" gibt es Antworten für 8- bis 14-Jährige: "Was erwartet dich im nächsten Jahr in Sachen Freundschaft und Schule? Und welches Pferd bringt dir Glück?" Im Zentrum des Blicks in die Sterne stehen die großen W-Fragen: "Wie steht's um meine Gesundheit?", "Was passiert im Job?" und "Wann kommt mein Herzblatt um die Ecke?" Bleibt man beim Durchzappen gar auf Astro TV hängen, offenbart sich die volle Breitseite der esoterischen Sinnsuche in all ihren wahnsinnigen Facetten – rund ums Jahr.

Hier werden Pflanzenorakel befragt, Kristallkugeln poliert, Seelenschlüssel gesucht, und es wird gechannelt, was das Zeug hält. Alles übers Telefon, alles für läppische 3,99 Euro die Minute. Und wenn nicht gerade sexuelle Chakren unter lautem Stöhnen geöffnet werden oder Wasser gelesen wird, dann kann man – solange man in der Warteschleife hängt – auch mal fix einen "Feng-Shui Reichtumsgeldbeutel mit Zahlenschwingungscode" für 89,99 Euro bestellen. Wer um Gottes willen kauft so einen Jenseits-Schrott?, mag man denken. Doch die argumentative Logik der an Frohsinn fast platzenden Eso-Verkäuferin überzeugt offenbar viele: "Es ist super, damit einzukaufen, denn Sie kaufen super damit ein." Wer da nicht zuschlägt, den beißen die Elfen.

Zwischen Atlantis-Globuli und Cloudbustern liegen bunte Smileys aus Ton. Ihre Mission: gute Laune!
Zwischen Atlantis-Globuli und Cloudbustern liegen bunte Smileys aus Ton. Ihre Mission: gute Laune!

Und es wird zugeschlagen. Im Geschäftsjahr 2013/2014 erzielte die Adviqo AG in Berlin als Eigentümerin von Astro TV und zahlreichen anderen Plattformen für "spirituelle Bedürfnisse" nach eigenen Angaben einen Umsatz von über 100 Millionen US-Dollar – das Geschäft mit den Sternen brummt.

Das zeigt sich auch auf Amazon: Über 158 000 Ergebnisse spuckt der Online-Versandhändler in der Rubrik "Esoterik" aus; in 36 Kategorien ist vom praktischen Pendelset für Einsteiger bis zum Eso-Hit "Bestellungen beim Universum. Ein Handbuch zur Wunscherfüllung" (gefolgt von "Reklamationen beim Universum" – kein Witz!) alles dabei, was das spirituelle Herz begehrt.

Doch nicht nur online, auch im Real-Life wird auf zahlreichen Messen rund ums Jahr der Eso-Lust gefrönt. Einen gemeinsamen Nenner haben die Veranstaltungen dabei nicht: Ernährung, Life-Coaching, alternative Heilverfahren, Ökologie, Schmuck – oft stehen Bio-Nudelhersteller und Totenbeschwörer nebeneinander, während einen Stand weiter profane Hot-Stone-Massagen angeboten werden.

Engel-Aura-Spray und Bionudeln – Esoterik ist ein weites Feld

Wer seine Aura mal wieder fotografieren lassen will, kann im Februar auf die Esoterik-Messe in den Kursaal Bad Cannstatt oder im März in die Stadthalle Sindelfingen pilgern. Hier wird drei Tage lang hellgesehen, handgelesen und Engel-Aura-Spray verspritzt, bis die Einhörner im Kleinhirn wiehern. Vielleicht ist dann auch wieder Brigitte Wuertele da. Im vergangenen Jahr zog sie in der Liederhalle Stuttgart in einer Art Tanz unsichtbare Fäden aus einer Frau, die bäuchlings auf einer Pritsche lag, und wob sie in geheimnisvollen Bewegungen um ihre Hände – zehn Meter von der Pritsche entfernt.

Klassiker im Eso-Business: Klangschalen für gute Vibes.
Klassiker im Eso-Business: Klangschalen für gute Vibes.

"Reconnective Healing" nennt sich das, was aussieht, als würde ein Waldorf-Schüler auf LSD seinen Namen rückwärts tanzen. "Ursprünglich waren die Meridianlinien des Körpers mit den energetischen Rasterlinien um unseren Planten verbunden. Ich stelle diesen Zustand wieder her", erklärte sie interessierten ZuschauerInnen. Alles klar. Dann vielleicht doch lieber "Hanfdessous – made in Germany"? Da der Freund gepflegter Lichtfeldspektralanalysen auch Wert auf nachhaltige Reizwäsche legt, kann man nur hoffen, dass es den erntefrischen Fummel für Drunter (natürlich kompostierbar) auch in diesem Jahr wieder zu shoppen gibt.

Doch während Energiefäden-Spinner und selbsternannte Aura- und Engel-Spezialisten ein Völkchen darstellen, dessen "Lächle in die Welt und die Welt lächelt zurück"-Eskapismus immerhin zu einer lustigeren Welt beiträgt, ist die dunkle Seite der Eso-Macht weniger zum Lachen.

Denn viele esoterische Ansätze folgen einer höheren, kosmischen Ordnung, der sich die Anhänger bedingungslos zu unterwerfen haben. Schnell wird vergessen, dass der Sektenführer Bhagwan kein netter Geschichtenonkel war, sondern jemand, der von einer makellosen Welt träumte und Behinderte in den "ewigen Schlaf" schicken wollte, damit sich ihre Seele durch Wiedergeburt einen "gesunden" Schoß suchen könnte. Homosexualität war seiner Ansicht nach "eine Perversion", die Ursache für Aids und als Folge "hässlicher Bedingungen in den Klöstern aller Religionen entstanden" – alles 1988 in Bhagwans eigener Kommunen-Zeitung "Rajneesh Times" zu lesen. In einem Gespräch mit dem "Spiegel" 1985 erklärte der (Sex-Sekten-)Führer auch, dass Hitler ein Heiliger gewesen sei. Spirituelle Sinnsuche und Glück – ohne Führer: ein No-Go.

Einmal Zukunft bitte.
Einmal Zukunft bitte.

Auch der Ex-B.TV-Chef Thomas Hornauer darf sich in die Reihe absolutistischer Gurus einreihen – wenn auch nicht im ganz so großen Stil. Nachdem der schwäbische Regionalsender B.TV 2003 in die Insolvenz ging, übernahm "Horni" Hornauer, der zuvor mit Telefonsex-Hotlines zu Geld gekommen war, den Laden und machte mit grotesken Wahrsage- und Kartenlege-Shows von sich reden, bis ihm die Landesmedienanstalt Baden-Württemberg Ende 2004 die Lizenz entzog. Die Begründung: Er neige zu Allmachtsfantasien und sei nicht in der Lage, persönliche Überzeugungen von seiner Verantwortung als TV-Chef zu trennen.

Ehemalige MitarbeiterInnen berichteten laut taz ("Bizarr-TV im Aus" vom 20. 7. 2004) zudem von sektenähnlichen Zuständen und Gehirnwäsche. Bis 2008 trieb der "kuriose Selfmade-Guru" ("Süddeutsche Zeitung") dann auf dem österreichischen TV-Sender Kanal Telemedial sein Geschäft mit einer "spirituellen Lebensschule". Nach Jahren in Thailand hat Hornauer nun den Christ-Buddhismus erfunden und lässt sich nur noch mit "Seine königliche Heiligkeit" ansprechen – nicht mehr im Fernsehen, aber im Live-Stream. Im vergangenen Sommer reiste er in seine Heimat, nach Plüderhausen, um dort eine Edelsteinmesse zu eröffnen und eine königliche Audienz abzuhalten. Klingt alles arg lustig, doch Hornauer hat sich in zahlreichen Sendungen als frauenverachtender, homophober Patriarch geoutet, der in einer Livesendung kraft seines Amtes als "Gesellschafter, Innovator, Erfinder, Geschäftsführer und als Thomas" auch schon mal das "deutschsprachige Volk in Europa" von jeglicher Schuld freisprach. Dazu verbreitete er Hypothesen zu Neuschwabland, was in braun-esoterischen Kreisen als Rückzugsort der Nazis gilt.

Mit dem Cloudbuster gegen Chemtrails

Wo Esoterik draufsteht, ist Verschwörungstheorie oft nicht weit. Bestes Beispiel dafür sind zwei unscheinbare Baumaschinen-Tüftler aus Schwabmünchen, die auf den Esoterik-Tagen in der Liederhalle im Herbst 2015 einen riesigen Cloudbuster bewarben – keine fünf Meter neben dem quietschfreundlichen Rainer Wemhöner, der handgeformte Smileys aus Ton verkaufte –, "um der Welt ein lächelndes, süßes, kalorienarmes Lächeln zu verpassen". Der Cloudbuster, eine riesige Metallrohr-Vorrichtung, ist laut den beiden Schwabmünchnern in der Lage, Wolken und Regen zu machen und die Menschheit vom krebserregenden Niederschlag der Chemtrails zu befreien. Das, was man seit Kindertagen nämlich für Kondensstreifen der Flugzeuge halte, seien in Wirklichkeit giftige Chemikalienstreifen, die von der Regierung aus diversen Gründen absichtlich in den Himmel gesprüht würden. Der Cloudbuster könne die todbringenden Kondensstreifen aber glücklicherweise zerstören.

Es bleibt festzuhalten, dass sich der Hang zum Esoterischen und der damit verbundenen bräunlichen Suppe trotz Hegel, Kant und I-Phone nicht relational zum gesellschaftlichen und technischen Fortschritt zurückentwickelt hat. Auch in diesem Jahr wird auf Astro TV und den anderen Esoterik-Spielwiesen wieder hart orakelt und Geld gescheffelt – da muss man keine Hellseherin sein. Ganz erfreuliche Entwicklungen zeigen sich beim Astro-TV-Eigentümer Adviqo. Der hatte im Geschäftsjahr 2013/14 nämlich nicht, wie auf seiner Homepage angegeben, 100 Millionen US-Dollar Gewinn erzielt, sondern laut Bundesanzeiger etwa neun Millionen weniger. Außerdem sank der Firmenumsatz in den letzten drei Jahren stetig. Es besteht also noch Hoffnung.


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Kommentare

Michael Greiner, 04.04.2016 02:20
Sehr geehrte Kontext-Reaktion,

Was ich an diesem Artikel gut finde ist, dass viele schlimme Dinge öffentlich angesprochen werden.
Was ich an diesem Artikel nicht gut finde ist, dass nach meiner Meinung zu viel in den Artikel reingepackt ist, mit zu wenig Struktur.
Es ist wohl so, dass es in "der ESO-Szene" einen absolutistischen, homophoben, braunen, sektenähnlichen und was-auch-immer-Bodensatz gibt. Sauber fände ich, wenn der Artikel von diesem Bodensatz handeln würde. Von konkreten zu kritisierenden Dingen. Aber ein Artikel über die gesamte "ESO-Szene", in dem es dann in den letzten Absätzen um den unguten Bodensatz geht, da finde ich das Bild passend: Der Bodensatz wird aufgerührt, das Wasser wird trübe und der klare Blick und eine klare Diskussion wird eher verhindert.
Um was es der Autorin mit diesem Artikel wirklich geht, kann ich nur erraten (vermutlich soll das Thema schon der "Bodensatz" sein? - und eben nicht ein Bericht über die Esoterikmesse in der Liederhalle, oder?).
Um es esoterisch auszudrücken :-) : Ich finde, der Artikel verbreitet ungute Energie.
Im vorletzten Absatz ein Knackpunkt, warum ich mit Kontext so hadere...
Das Wort "Verschwörungstheorie": Eine Autorin, die sich z.B. mit dem Vortrag von Daniele Ganser https://www.youtube.com/watch?v=cgkQXJ3mugY inhaltlich auseinandergesetzt hat, verwendet den Begriff "Verschwörungstheorie" nicht mehr. Was mich freut ist, wenn Kontext präzise über Dinge berichtet. Ist im Stresstest zu Stuttgart 21, der Computersimulation, die statistische Verteilungsfunktion für die Haltezeitverlängerungen gekappt worden? Ist eine so gravierende Manipulation in einem dermaßen von der Öffentlichkeit beobachteten Verfahren möglich? Ist am 11. September 2001 ein dritter Wolkenkratzer eingestürzt? Ist dabei Freifallbeschleunigung aufgetreten? Ist die Untersuchung des Einsturzes des World Trade Centers durch das NIST plausibel? Sind die Ausführungen von Daniele Ganser zu diesem Komplex plausisbel? Ist es möglich, dass in der Öffentlichkeit - den großen Medien - eine offensichtliche Irreführung rund um 9/11 nicht bemerkt wird (wo 9/11 doch der Grundstein für die heutige menschliche Tragödie im gesamten mittleren Osten ist)?
Mit dem letzten Absatz will ich nichts über riesige Cloudbuster aus Schwabmünchen geschrieben haben.
Jetzt bleibt mir noch zu hoffen, dass mein Kommentar nicht beim ZDF-Mediathek-Eintrag von Jan Böhmermann landet...

Mit hochachtungsvollen Grüßen

Reblaus, 20.01.2016 06:57
Wie der Kommentar unseres "Ober-Rationalisten" wohl aussehen würde, wenn dieser Artikel stattdessen über die Kirche bzw. die christliche Religion an sich wäre...

Suje, 19.01.2016 13:48
Ich muss hier invinoveritas Recht geben.

Die wissenschaftliche (sie würden es wohl "streng rationell" nennen) Methode ist ja schon selbstkritisch und ohne ein Wimpernzucken dazu bereit, alte Theorien über Bord zu werfen oder modifizieren. Nahezu der gesamte technische Fortschritt um Sie und mich herum gründet eben auf solchen wissenschaftlichen, durch empirische Untersuchungen untermauerten, Theorien.

Ich habe selbst jahrelang im (natur)wissenschaftlichen Bereich geforscht und teile gerade in Hinblick auf Mittelallokation und daraus resultierender Fokussierung auf bestimmte (oft wirtschaftsnahe) Themengebiete innerhalb der einzelnen Fachbereiche durchaus einiges an der Kritik bezüglich des Foschungssystems.
Schaue ich mir die pharmazeutische Entwicklung der letzten Jahr(zehnt)e an, so kam es seitens der Pharmaindustrie jedoch mit einigen Ausnahmen (z.B. THC/CBD-Produkte) weniger zu grundsätzlichen Blockaden bestimmter Medikamenten(gruppen). Vielmehr wurden vielversprechende Medikamente sofort aufgekauft und zu teilweise horrenden Preisen vermarktet. Das ist ebenfalls sehr kritikwürdig, aber ebenso wie die Forschungsstruktur eher ein politisches Problem.

Die Anpreiser solcher "übernatürlichen" Methoden jedoch, die sich empirischen Untersuchungen gar nicht unterziehen wollen oder schon vielfach in Studien widerlegt wurden, machen mich eher wütend, da ihr Geschäftsmodell daraus besteht, den Menschen, die sich in sehr schlimmen gesundheitlichen Zuständen befinden und deren Angehörigen falsche Hoffnung zu geben, die durch keinen sachlichen Anhaltspunkt gerechtfertigt ist.

Ja, das Gesundheitswesen krankt an vielen Stellen (Finanzialisierung, Fokus auf pharmazeutische Behandlung etc.), aber durch solche Scharlatane wird es auch nicht besser.

Maja, 11.01.2016 20:17
Hallo Invinoveritas,

wie wäre es mal mit einer direkten Erfahrung einer RH Sitzung
statt nur im Wein( und in der streng rationalistischen Weltsicht) die Wahrheit zu suchen..?

invinoveritas, 10.01.2016 21:48
@Maja

dass Ihre tochter vorübergehend keine anfälle mehr hatte, freut mich für sie.

alles andere, was Sie da schreiben, ist hochgradig ärgerlich.

reconnective healing zählt zum schlimmsten blödsinn auf dem geistheilermarkt. und Sie machen hier reklame dafür.

rh bietet den kompletten unsinn von licht, energie, liebe, schwingungen, der da üblicherweise verzapft wird. sein erfinder eric pearl schwadroniert von axiotonalen linien, durch die der menschliche körper mit dem "gitternetz der erde" und so mit den sternen verbunden wird, und er behauptet, mit rh seien "verschiedene formen von krebs über erkrankungen im zusammenhang mit aids bis zu angeborenen missbildungen und hirnschäden" geheilt worden.

wenn Sie schon selbst so unkritisch sind, dass Sie auf einen derartigen humbug hereinfallen, sollten Sie wenigstens andere leute mit ihm verschonen. denn er ist gefährlich.

und hätte Shakespeare gewusst, welchen schindluder heilige einfalt in den folgenden jahrhunderten unzählige male mit seinem spruch von den many things in heaven and earth treiben würde, hätte er ihn hamlet wohl nicht in den mund gelegt (wo er nicht als billiges scheinargument gegen die schulmedizin dienen sollte, sondern bloß als erklärung für das erscheinen eines gespensts auf der bühne).

p.s. dass die schulmedizin oft nicht helfen kann und obendrein fehler macht, ist unbestritten. es ist aber abwegig, aus solchen schwächen der schulmedizin zu schlussfolgern, irgendwelche dinge zwischen himmel und erde könnten an ihre stelle treten. definitionsgemäß weiß man nämlich über deren vorhandensein, beschaffenheit, funktionsweise und erfolgsquote buchstäblich NICHTS.

alles andere gehorcht der logik: "das auto von herrn müller aus hamburg bleibt manchmal liegen. also hat herr meier aus münchen ein fahrrad."

Maja, 09.01.2016 19:33
Sicher gibt es auch manch Fragwürdiges in der Esoterikszene-
wir als Eltern eines schwer behinderten Kindes sind aber auch auf die anderen Dinge zwischen Himmel und Erde angewiesen, da die Schulmedizin oft nur begrenzt helfen kann.
So hatte unsere Tochter nach 3 Sitzungen mit
Reconnective Healing (das, was Frau Würtele macht) für über ein Jahr keine epileptischen Anfälle mehr (ohne Medikamente, die sie nicht vertragen hatte)
So eine Erfahrung macht stutzig und neugierig- da tanze ich gerne meinen Namen rückwärts!

Stuttgarter, 07.01.2016 22:01
Gehirnwäsche auf esoterisch könnte man die Berieselung und Vermarktung der Sehnsucht nach Spiritualität nennen.
Die Bauernfänger lauern überall.
Das Zeitalter der Aufklärung muss sich doch nochmal wiederholen, fürchte/hoffe ich.

invinoveritas, 07.01.2016 12:54
dieser ganze esoterik-schrott bietet mitnichten einen anlass zu fröhlichen witzeleien über blödheit und gutgläubigkeit abgedrehter konsumentinnen. sondern muss leider ganz humorlos gewertet werden als indikator eines offenbar unausrottbaren und nach wie vor in breitesten gesellschaftsschichten grassierenden irrationalismus.

speziell der astrologie-schwachsinn nistet hierzulande in millionen köpfen. gefördert wird er von opportunistischen medien mit albernen horoskopen und verharmlosend-wohlwollenden betrachtungen.

dabei ist das übliche entlastungsargument, der glaube an die sterne stifte doch keinen schaden, grottenfalsch. in wahrheit richtet er mentale verheerungen an und bereitet insofern dem nächsten, schon deutlich gefährlicheren unfug wie etwa dem rassismus oder anderen ideologischen obsessionen den boden.

astrologie lebt vom gedankenlosen nachplappern, von in jeder hinsicht boden-losen behauptungen über herbeifantasierte beziehungen zwischen gestirnen und mensch, vom ignorieren wissenschaftlicher widerlegung, vom geradezu programmatischen verzicht auf eigenes nachdenken. durch letzteres käme jedermann mühelos zu dem ergebnis, dass an der astrologie nichts ist und nichts dran sein k a n n .

was in früheren jahrtausenden mit ganz anderen vorstellungen vom kosmos und seinen mystisch-magischen mächten noch selbstverständlich war und gelehrte sogar zu intellektuellen höchstleistungen trieb, muss heute aufgrund fortgeschrittener einsichten als das benannt werden, was es ist: mummenschanz. und verrat an der aufklärung.

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