KONTEXT Extra:
S-21-Ausstieg ernsthaft erwogen

Jetzt ist es amtlich: Aus den entschwärzten Teilen eines für Angela Merkel erstellten Vermerks vom 5. Februar 2013 geht hervor, dass die Staatssekretäre der beteiligten Bundesministerien vor drei Jahren die Frage eines Ausstiegs aus Stuttgart 21 ernsthaft prüfen lassen wollten, bevor über die Kostensteigerungen entschieden werden sollte. Der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium Michael Odenwald (CDU) hatte "eine umfassende Unterlage" erstellen lassen, wonach, wie es in dem vierseitigen Schreiben an die Kanzlerin heißt, "offenbar die Antwortentwürfe der DB AG auf die Fragen des AR kritisch kommentiert, weitere Fragen zur Kostenentwicklung und Risiken sowie nach Projektabbruch und Alternativen formuliert" wurden.

Unter anderem gibt der Vermerk die Auffassung des Bahnvorstands wieder, nach der die seinerzeit eingeräumten Kostensteigerungen nicht allein zu Lasten des Bundes gehen und andere Vorhaben der Bahn nicht tangieren würden. Das Bundesverkehrsministerium hatte dieser Ansicht zuvor widersprochen. Abschließend heißt es: "Um ein Scheitern des Projekts auf der Zeitschiene zu verhindern, muss der Aufsichtsrat nach Erörterung und Bewertung der von der DB beantworteten Fragen zügig eine Entscheidung (...)" fällen. Und das Verkehrsministerium wird gedrängt, "zügig zu einer abschließenden Bewertung der Faktenlage zu kommen und diese mit den anderen Ressorts abzustimmen".

Für Eisenhart von Loeper, der die Entschwärzung am Donnerstag in Berlin in einem Vergleich vor dem Verwaltungsgericht erreicht hat, ist damit der "Verdacht der rechtswidrigen Einflussnahme auf die Weiterbauentscheidung erhärtet". Die weiteren nun einsehbaren Passagen des bisher Dokuments zeigten, so das Aktionsbündnis in seiner Pressemitteilung, "dass es in der Sache massive, wenn auch diplomatisch formulierte Forderungen gab, Verkehrs-Staatssekretär Odenwald solle seine begründete Forderung der ernsthaften Prüfung des Ausstiegs aus dem Projekt aufgeben". Von Loeper weiter: "Obwohl es den Staatssekretären darum ging, bei Stuttgart 21 'vor dem Hintergrund der Entwicklung beim BER eine möglichst belastbare Finanzierung gewährleisten und Risiken soweit wie möglich ausschließen' zu können, sollte sich das Verkehrsministerium die Meinung des Bahnvorstands zu eigen machen. Dieser votierte dann trotz der enormen Kostensteigerung für Weiterbau."


Stuttgart 21: Steter Tropfen

Das Kanzleramt entschwärzt weitere Teile eines brisanten Stuttgart-21-Vermerks. Wie Eisenhart von Loeper am Donnerstag nach dem Erörterungstermin zur Aktenvorlage vor dem Berliner Verwaltungsgericht mitteilte, werden damit rund 80 Prozent jenes Papiers mit Datum 5. Februar 2013 öffentlich, in dem es um das Okay des DB-Aufsichtsrats für das Milliardenprojekt trotz der Kostensteigerungen und vor allem der Tatsache geht, dass nicht geklärt war und ist, wer die Mehrkosten trägt. Von Loeper hofft jetzt nachvollziehen zu können, wie und was in den entscheidenden Wochen 2013 intern diskutiert wurde. Im Raum steht seit dem umstrittenen Votum der Vorwurf, dass das Kanzleramt Einfluss auf die Aufsichtsräte genommen hat. Schon im Sommer 2014 hatte von Loeper die Herausgabe wichtiger Dokumente durchsetzen können, die seither auf der Internetseite www.strafvereitelung.de eingesehen werden können. Die neuen Passagen sollen dem Aktionsbündnis noch diese Woche zugestellt werden.


VfB gewinnt die Süperlig

Der VfB ist nun doch noch Meister geworden! Nach dem Abstieg aus der 1. Bundesliga am Samstag hat er schon am Tag darauf die türkische Süperlig gewonnen. Wenigstens ein bisschen. Sagen wir mal, unter Einberechnung des Schön-war-die-Zeit-Vergangenheitsbonus', zu zwei Elfteln. Die beiden Besiktas-Istanbul-Spieler Mario Gomez und Andreas Beck haben nämlich ihre VfB-Meisterschaftserfahrung aus dem Jahr 2007 in den türkischen Club eingebracht. Nach dem 3:1-Sieg gegen Osmanlispor kann Besiktas am letzten Spieltag nicht mehr eingeholt werden. Gefeiert wurde das auch auf dem Stuttgarter Schlossplatz, schließlich hat der Verein viele Fans. Die sind übrigens Weltrekordhalter: in einem Spiel gegen Tottenham im Jahr 2006 (nach anderen Angaben 2007 gegen Liverpool) haben sie sich mit 132 Dezibel den Höchstwert für Fußballstadien zusammengejubelt. Die Besiktas-Fangruppe Carsi (offiziell aufgelöst, aber weiter virulent und freundschaftlich mit Sankt Pauli verbunden) umrundet das A im Namen zum Zeichen für Anarchie, versteht sich auch als soziale Bewegung und war etwa bei den Taksim-Platz-Protesten gegen Erdogan aktiv. Was jetzt eventuell weniger an den VfB und seine Fans erinnert. Aaaaaber: Trainiert wurde Besiktas auch einige Jahre von Christoph Daum, der den VfB 1992 zum Meister machte. Und drei Jahre später hat Daum mit Besiktas die Süperlig gewonnen! Wenn man also auch noch den Daum-Faktor einrechnet, dann ist der VfB an diesem Sonntag sogar mit mehr als Zwei-Elfteln türkischer Meister geworden. (17.5.2016)


Stuttgarter Friedenspreis 2016 an Jürgen Grässlin

Die Verleihung des diesjährigen Anstifter-Preises an Jürgen Grässlin ist ein Signal. Denn dem Rüstungsgegner droht eine Haftstrafe. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat wenige Monate nach seinem Enthüllungsbuch "Netzwerk des Todes" über die Verflechtungen von Rüstungsindustrie und Behörden Vorermittlungen eingeleitet: Gegen ihn und seine Mitautoren Daniel Harrich und Danuta Harrich-Zandberg - wegen des Verdachts verbotener Mitteilungen über Gerichtsverhandlungen gemäß § 353d Strafgesetzbuch.

Dabei hatte Mitautor und Regisseur Daniel Harrich der Staatsanwaltschaft zahlreiche Dokumente zur Verfügung gestellt, auf deren Basis die staatsanwaltschaftliche Klageschrift gegen Heckler & Koch verfasst werden konnte. Vor rund einem Monat hat Daniel Harrich noch den Grimme-Preis dafür entgegengenommen. Nicht nur im Fall Böhmermann - auch sonst sehen sich deutsche Medienmacher und kritische Autoren immer wieder mit Strafermittlungen konfrontiert. Jetzt erst recht - Kontext gratuliert zum Friedenspreis.

In diesem Jahr wird er zum 14. Mal verliehen, 25 Vorschläge gingen bei den Anstiftern ein. Der erste Preis ist mit 5000 Euro dotiert. Auf weiteren Plätzen folgen der Zeitzeuge Theodor Bergmann, Seawatch (Geflüchtete in Seenot), Ärzte ohne Grenzen und die kurdische Menschenrechtsaktivistin Leyla Zana. (16.Mai 2016)


Bündnis gegen rechts

Winfried Kretschmann engagiert sich im österreichischen Präsidentschaftswahlkampf: Er ist einem breit verankerten Komitee gegen rechts und zur Unterstützung von Alexander van der Bellen beigetreten. Der frühere Bundesvorsitzende der österreichischen Grünen, der als parteiunabhängiger Kandidat antritt, kam bei der Volkswahl Mitte April im ersten Wahlgang auf 21,3 Prozent der Stimmen. Norbert Hofer, der Kandidat der rechtspopulistischen "Freiheitlichen Partei Österreichs" (FPÖ), liegt mit 35 Prozent weit vorn. Zusammengefunden haben sich vor dem entscheidenden zweiten Wahlgang am 22. Mai viele Promis aus dem deutschsprachigen Raum, die sich für van der Bellen stark machen. Darunter Oscar-Preisträger Christoph Waltz, Everest-Bezwinger Reinhold Messner oder Liedermacher Konstantin Wecker und hunderte Schauspieler, Künstler, Journalisten, Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler oder Diplomaten aus dem linken, aber auch aus dem bürgerlichen Lager. Nach Pfingsten, am Dienstagabend,  wird Kretschmann nach Wien reisen, um im Wahlkampf des Universitätsprofessors aufzutreten. Er habe van der Bellen "als engagierten, fairen und vertrauenswürdigen Menschen kennen und schätzen gelernt, der für Demokratie, Menschenrechte, ökologische Nachhaltigkeit, gegenseitigen Respekt und Chancengleichheit" eintrete. Unter weiter: "Gerade in diesen bewegten Zeiten ist eine besonnene, weltoffene und weitsichtige Person in einem solchen Amt besonders wichtig." Hofer ist programmatisch einer der führenden Köpfe der FPÖ und damit der europäischen Rechten. Seine schlagende Verbindung Marko Germania hält wenig vom selbständigen Staat Österreich, sondern bekennt sich zu einem "deutschen Vaterland", "unabhängig von bestehenden staatlichen Grenzen". Er wäre in Mitteleuropa der erste Rechtspopulist im höchsten Amt eines Staates. (15.5.2016)


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Radfahrer okkupieren Stuttgarts Straßen. Foto: Martin Storz

Radfahrer okkupieren Stuttgarts Straßen. Foto: Martin Storz

Ausgabe 240
Gesellschaft

Die Rückeroberung der Straßen

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 04.11.2015
Die Straße war nicht immer nur dem Auto vorbehalten. Ist sie auch heute nicht. Daran erinnert die Critical Mass, eine monatliche Radrundfahrt in etwa 100 deutschen Städten. Auch in der Autostadt Stuttgart holen sich die Radler ihren Platz zurück.

"Augen auf! Sonst gibt's Verkehrsunfälle", steht auf einem Plakat von 1946. Eine Frau wird vom Auto erfasst, die Beine fliegen in die Luft, der Blick fällt unter den Rock: So stellt sich der männliche Verkehrserzieher das Unfallgeschehen vor. Wohlgemerkt: nicht der Autofahrer wird zur Vorsicht ermahnt, sondern der Fußgänger.

Wer in den 1950er- oder 1960er-Jahren eingeschult wurde, wird sich vielleicht erinnern, dass immer wieder mal ein Mitschüler im Unterricht gefehlt hat, weil er vom Auto angefahren worden war und ins Krankenhaus musste. Tonnenschwere Gefährte, die sich mit Geschwindigkeiten von 50 km/h und mehr nähern, kommen in der natürlichen Umgebung des Menschen nicht vor: Sein Reaktionsvermögen ist nicht darauf ausgerichtet.

Mittels Handpuppen belehrten Polizisten anfangs Erwachsene, dann Schulkinder im Klassenzimmer. Generationen von Kindern lernen seither von frühester Kindheit an erst links, dann rechts und dann nochmal links gucken, bevor sie die Straße überqueren.

Dabei war der Straßenraum keinesfalls immer dem Autoverkehr allein vorbehalten. Bis 1934 durften Fußgänger und Radfahrer ohne Weiteres auch die Fahrbahn benutzen. Stadtplaner forderten, die Fahrspur solle nicht mehr als die Hälfte der Straßenbreite einnehmen und die Gehwege sollten mindestens 4 Meter breit sein: "zur Erschwerung der Tätigkeit der Taschendiebe", wie der Stadtplaner Joseph Brix 1909 schrieb.

Der allererste Verkehrsübungsplatz wird in Stuttgart gebaut

Dies änderte sich mit Inkrafttreten der Straßenverkehrsordnung 1934. Die Begründung: "Die Förderung des Kraftfahrzeugs ist das vom Reichskanzler und Führer gewiesene Ziel, dem auch diese Verordnung dienen soll." In Stuttgart gab es damals bereits mehr Autos als in den meisten anderen Städten - und jährlich um die 100 Verkehrstote. Dabei blieb es auch nach dem Krieg. Nur der Verkehr nahm ständig zu. Gehwege wurden schmäler, Fahrbahnen breiter. 1953 entstand im Stuttgarter Westen Deutschlands erster Verkehrsübungsplatz. Schon in jungen Jahren konnten Kinder hier ihre zukünftige Rolle als Autofahrer einüben.

Erziehungsplakat für Fußgänger von 1946.
Erziehungsplakat für Fußgänger von 1946.

Bis 1959 gab es innerorts nicht einmal eine Geschwindigkeitsbeschränkung. An den 1952 eingeführten Zebrastreifen, damals amtlich "Dickstrichkette" genannt, erhielten Fußgänger erst 1964 Vorrang. Daraufhin wurden sie vielfach durch Fußgängerampeln ersetzt. Da dies immer noch den Verkehr aufhielt, wurden Unterführungen gebaut: Die Verkehrsarten zu trennen gehörte zu den Empfehlungen Hans Bernhard Reichows in seinem 1959 in Ravensburg erschienenen Buch "Die autogerechte Stadt".

Dass der Gedanke der autogerechten Stadt eine Utopie war, zeigte sich bald darauf gerade in Stuttgart in aller Deutlichkeit. Wäre tatsächlich, wie ursprünglich geplant, die B 14 auf zwei Ebenen in die Stadt geführt worden, hätte die gesamte Innenstadt abgerissen werden müssen, um genügend Parkraum zu schaffen. Nur aus diesem Grund kamen die Pläne zum Ausbau des öffentlichen Verkehrs, die bereits seit den 1950er-Jahren diskutiert wurden, endlich voran.

Dabei ist Stuttgart nach der Devise verfahren, immer den höchstmöglichen Aufwand zu betreiben. Fast 9 Kilometer lang ist der S-Bahn-Tunnel vom Hauptbahnhof nach Vaihingen: seinerzeit der längste Bahntunnel in ganz Deutschland. Sämtliche größeren Straßen der Innenstadt wurden bis auf eine Tiefe von 20 Metern und mehr aufgegraben, da parallel auch noch die Straßenbahn im Untergrund versenkt wurde. Der erwünschte Effekt: Oben entstand noch mehr Platz für den Autoverkehr.

Die Lösung: Das Fahrrad

Längst ist klar, dass das so nicht weitergehen kann. Feinstaub und Stickoxide, leer stehende Büroräume rings um den autobahnähnlichen Innenstadtring: Aus ökonomischer wie ökologischer Sicht ist der motorisierte Individualverkehr auf derzeitigem Niveau für eine Stadt in der Größe Stuttgarts kontraproduktiv. Aber wie umsteuern? Die S-Bahn fährt bereits oberhalb der Kapazitätsgrenze, das Milliardenprojekt Stuttgart 21 verhindert im Schienenverkehr jeden weiteren Zuwachs. 

Die Lösung: das Fahrrad. Jeden ersten Freitag im Monat treffen sich deshalb am Feuersee bis zu 600 Radler, um im geschlossenen Verband, jedes Mal auf einer etwas anderen Route, durch die Innenstadt zu fahren. Die Critical Mass gibt es in Deutschland mittlerweile in ungefähr 100 Städten. Bei den Teilnehmerzahlen teilt sich Stuttgart nach Hamburg und Berlin, wo Tausende aufs Rad steigen, mit Köln und Nürnberg den dritten Platz. Entstanden ist die Bewegung 1992 in San Francisco und ungefähr gleichzeitig in England. Dort nennt sie sich "Reclaim the Streets": die Straßen zurückfordern - oder zurückerobern.

So auch in Stuttgart: Grundlage ist Paragraph 27 der Straßenverkehrsordnung, der besagt, dass mehr als 15 Radfahrer auch zu zweit nebeneinander im Pulk fahren dürfen. Wenn also 16 Personen zusammen von Bad Cannstatt in die Stuttgarter Innenstadt fahren wollen, können sie dies tun. Jederzeit, auch im Berufsverkehr, täglich und auf den Hauptstraßen, sofern nicht ein weißes Auto auf blauem Grund eine reine Kraftfahrstraße anzeigt. Dies gilt immer und überall, folglich bedarf die Critical Mass grundsätzlich keiner Anmeldung. In den meisten Städten findet die Ausfahrt daher zwar zu festen Terminen, aber ohne festgelegte Routen statt.

Nur in Stuttgart stellt sich übrigens das Ordnungsamt quer und auf den Standpunkt, es handle sich um eine anmeldungspflichtige Demonstration. Der innere Kreis der Aktiven erwägt daher, künftig nur noch zur "Aftermass", dem anschließenden gemütlichen Beisammensein aufzurufen und die Ausfahrt selbst den Teilnehmern zu überlassen.

Denn genau darum geht es bei der Critical Mass: Der Straßenraum ist nicht nur für den Autoverkehr da, der mehr als sieben mal so viel Raum beansprucht wie Radfahrer und Fußgänger zusammen. Der ruhende Autoverkehr belegt oft auch noch die Hälfte der Bürgersteige, häufig mit behördlicher Genehmigung oder Duldung. In Karlsruhe hat sich daher eine Initiative gebildet, die jeden Gehweg- und Radwegparker zur Anzeige bringt.

Autofahrer reagieren oft überrascht, manchmal aggressiv, wenn plötzlich ein Radfahrer vor ihnen auftaucht. Dabei könnten sie doch langsamer fahren. Grundfalsch ist auch die Annahme, Radler müssten immer so weit wie möglich am rechten Rand fahren. In der österreichischen Fernsehkrimi-Serie "Kottan ermittelt" aus den 1980er-Jahren gab es einen Running Gag: Jedes Mal, wenn einer der Inspektoren die Autotür öffnete, rauschte ein Radfahrer hinein. Das kann passieren, wenn man zu dicht an der Schlange der parkenden Autos vorbei fährt.

In den USA gibt's das schon: Radler dürfen die ganze Straße nutzen, steht auf diesem Schild in Washington.
In den USA gibt's das schon: Radler dürfen die ganze Straße nutzen, steht auf diesem Schild in Washington.

Zudem: Die wenigsten Autofahrer denken daran, dass sie beim Überholen einen Abstand von 1,50 Meter einhalten sollten - vom linken Ellenbogen des Radfahrers aus gemessen. Das steht zwar so nicht in der Straßenverkehrsordnung, wurde aber in Gerichtsprozessen für angemessen befunden. Die Realität sieht anders aus: Wer zu weit rechts radelt, wird nicht selten auf der selben Spur bedrängt und überholt.

Häufig werden Radler für Unfälle verantwortlich gemacht und deshalb auf Radwege verwiesen, wo sie vermeintlich sicher auf eigener Spur fahren. Dabei besteht die häufigste Unfallursache genau darin, dass Radfahrer, die auf dem Radweg geradeaus fahren, von rechts abbiegenden Autofahrern übersehen werden. Es ist daher sicherer, auf der Fahrbahn zu fahren. Städte wie Köln oder Mainz verpflichten deshalb die Radler nicht länger, die Radwege zu benutzen und in Stuttgart besteht das Radwegenetz ohnehin nur aus unzusammenhängenden losen Fäden.

Dabei ist das Rad schwer im Kommen: Einer Studie des Umweltbundesamts zufolge sind 82 Prozent der Befragten dafür, "Städte und Gemeinden gezielt so umzugestalten, dass man kaum noch auf ein Auto angewiesen ist", bei den 14- bis 17-Jährigen sogar 92 Prozent. Recht haben sie: denn die Mehrzahl der Wege, auch in der Region Stuttgart, die Autofahrer wie Radfahrer zurücklegen, sind kürzer als 10 Kilometer: Entfernungen also, die mit dem Rad problemlos zu bewältigen sind.

Dabei kommt der Radfahrer oft schneller vom Fleck, kostengünstiger sowieso. Er verursacht keine Emissionen, verbraucht weitaus weniger Ressourcen und benötigt nur einen Bruchteil der Fläche. Nur reicht es eben nicht aus, wie in Stuttgart kurze Straßenabschnitte zu Fahrradstraßen oder Shared Spaces zu erklären oder Radfahrer in den Park zu verweisen. Wenn der Fahrradverkehr ein Maß erreichen soll, das den übrigen Verkehr spürbar entlastet, braucht er einen eigenen Raum. Der lässt sich nur von Autostraßen abzweigen.

Autofahrer die meinen, sie würden damit ausgebremst, befinden sich allerdings im Irrtum. Studien aus den USA zeigen, dass die Reduzierung der Fahrspuren die Fahrzeit nicht verlängert, sondern im Gegenteil eher verkürzt: Geschwindigkeitsüberschreitungen sind seltener. Der Verkehr fließt nicht schnell, aber gleichmäßig dahin: für den Autoverkehr keine messbare Einschränkung. Für Radler ist das ein enormer Gewinn.

Die nächste Critical Mass findet in Stuttgart am 6. November statt. Mehr dazu unter diesem Link.


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Kommentare

Rainer Lühr, 09.11.2015 15:43
Wer den Radverkehr nicht gezielt fördert, der wird den Autoverkehr und damit den Feinstaub und jeden weiteren
LKW / PKW Dreck in der Luft nicht los. Das können doch auch die Bewohner einer Autostadt, wie Stuttgart, nicht wirklich wollen.
Wer einmal auf einem aktuellen E-Bike gesessen hat und damit
die Stuttgarter Hügelchen NOX frei -plattbügelt- hat, der wird dieses wunderbare Fahrzeug lieben und nicht verstehen, warum es die Politiker nicht begreifen, dass hier die Zukunft der innerstädtischen Fortbewegung liegt. Mit E-Unterstützung
können innerstädtische Strecken sauber und schnell zurückgelegt werden. Doch dazu gehört die notwendige Infrastruktur wie z. B. sichere Radstreifen, eine eindeutige Wegeführung, Grüne Welle, sichere Abstellplätze.

Das es auch anders geht, sehe ich hier in Hamburg. Glücklicherweise wurde in den letzten Jahren in Hamburg viel
für den Radverkehr getan. Das ist sichtbar und spürbar. Es gibt zwar noch immer viel zu tun aber ein guter Anfang wurde gemacht. Was das arme Hamburg schafft, das sollte das
reiche(re) Stuttgart locker schaffen.
Jammert nicht, wenn eure Politiker nicht können (keine Ahnung) oder nicht wollen (Autolobby).
Nehmt die Sache in die eigenen Hände und werdet aktiv.

http://www.adfc-bw.de/stuttgart/startseite/
https://criticalmassstuttgart.wordpress.com/ ***

***In HH werden die Teilnehmer von der Polizei begleitet, in Stuttgart verbietet das Ordnungsamt die Veranstaltung...
Darf man es sich verbieten lassen für gute Luft und Gleichbehandlung zu kämpfen?

Wie lautete der Spruch in BW:
Wir können alles, nur nicht........Radfahren. Wie Schade!

Schwabe, 09.11.2015 09:04
Guter und wegweisender Artikel im Sinne einer modernen Zukunft - jedoch nicht zu haben mit neoliberal bürgerlichen Parteien (CDU/CSU, SPD, Grünen, Afd, FDP).

Florian S., 05.11.2015 14:32
Was Stuttgart dazu noch braucht sind generall mutigere Radfahrer. Was ich immer erlebe wenn ich mal zu Fuss im Stadtgebiet unterwegs bin sind sehr viele Gehwegradler, eine in Stuttgart sehr weit verbreitete Unart, obwohl auch nachvollziehbar angesichts der Aggressivität, die viele Autofahrer hier an den Tag legen. Allerdings bringt dieses passive, teils übervorsichtige Verhalten der Radfahrer den Radverkehr genauso wenig voran wie die fehlende bzw. erbärmliche Infrastruktur. Wenn Radfahrer allgemein mehr Präsenz auf den Straßen zeigen würden, allein dadurch, dass sie ihrer Pflicht nachkommen bei fehlenden Radwegen konsequent die Straße zu benutzen und der reine Gehweg für sie grundsätzlich tabu ist - auch wenn es den Autoverkehr auf den schmäleren Straßen ausbremst und die Autofahrer nervt - wäre man schon einen entscheidenden Schritt weiter: Der Autoverkehr würde den vorhandenen Radverkehr deutlich mehr zur Kenntnis nehmen, und anstatt Wut und Verärgerung darüber würde bei manchem etwas klügeren Zeitgenossen vielleicht das gewünschte Umdenken stattfinden, nämlich, dass der individuelle Autoverkehr in der heutigen Dimension in einer Stadt eigentlich völlig fehl am Platze ist.

Radfahrer, 04.11.2015 13:31
Tagesaktuelles gibt es auch auf der Facebook-Seite der Critical Mass Stuttgart: https://www.facebook.com/criticalmassstuttgart/

Blender, 04.11.2015 10:32
Was wir endlich mal bräuchten wären Politiker von den Grünen in Führungspositionen, im Rathaus und im Landtag. Ich bin mir sicher, dann würde sich ganz schnell was ändern....
Aber leider heißt der Stuttgarter Bürgermeister Fritz Kuhn und der Ministerpräsident Winfried Kretschmann, und die sind beide leider nur hinter den Ohren grün. Eigentlich schade ...

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