KONTEXT Extra:
Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


Sichere Herkunftsstaaten: Kretschmann schon lange für längere Liste

Winfried Kretschmann hat sich mit jüngsten Äußerungen zur Einstufung von Marokko, Tunesien und Algerien als sichere Herkunftsländer derart in die Nesseln gesetzt, dass sich sein Staatsministerium zu einer "Klarstellung" aufgerufen sah. Tatsächlich handelt es sich um einen durchsichtigen Versuch der Schadensbegrenzung. Der grüne Regierungschef hatte auf Anfrage der "Rheinischen Post" in einer Stellungnahme zur aktuellen Sicherheitsdebatte erklärt: "Die kriminelle Energie, die von Gruppierungen junger Männer aus diesen Staaten ausgeht, ist bedenklich und muss mit aller Konsequenz bekämpft werden." Zugleich sprach er sich für die Aufnahme der drei Maghreb-Staaten auf die Liste sicherer Herkunftsländer aus: "Baden-Württemberg wird der Ausweitung zustimmen, sofern die Bundesregierung das Ansinnen in den Bundesrat einbringt."

Die Wirkung beider Sätze im Zusammenhang sind ihm und "meinen Leut", wie er seine engsten Mitarbeiter gern nennt, offenbar entgangen. Jedenfalls stellte "das Staatsministerium klar, dass die signalisierte Zustimmung weder aus aktuellem Anlass beschlossen wurde, noch ihre Begründung in der Gewaltbereitschaft mancher Gruppen junger Männer aus diesen Ländern hat". Vielmehr sei die Entscheidung "schon im Frühsommer 2016 nach einem langen Abwägungsprozess, in dem vor allem der Frage nachgegangen wurde, ob es angesichts der Menschenrechtssituation in den besagten Ländern vertretbar wäre, diese zu sicheren Herkunftsländern zu erklären (...), als sich die Bundesregierung dem Ministerpräsidenten gegenüber bereit erklärte, in einer Protokollerklärung festzuhalten, Personen aus sogenannten vulnerablen Gruppen wie Homosexuellen, verfolgten Journalisten, religiösen Minderheiten mit gleicher Sorgfalt zu prüfen wie Flüchtlinge aus sonstigen Ländern". Das Staatsministerium sagt allerdings nichts dazu, ob die Forderung erfüllt wurde und warum das Thema nicht längst endgültig ausgetreten ist. Denn laut dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration werden die drei Länder in der Statistik überhaupt nicht mehr einzeln ausgewiesen, weil die Zahl der einreisenden Asylbewerber so niedrig ist. Und bereits 2015 gehörten die drei Staaten nicht zu jenen zehn Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen. (5.1.2017)


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Radfahrer okkupieren Stuttgarts Straßen. Foto: Martin Storz

Radfahrer okkupieren Stuttgarts Straßen. Foto: Martin Storz

Ausgabe 240
Gesellschaft

Die Rückeroberung der Straßen

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 04.11.2015
Die Straße war nicht immer nur dem Auto vorbehalten. Ist sie auch heute nicht. Daran erinnert die Critical Mass, eine monatliche Radrundfahrt in etwa 100 deutschen Städten. Auch in der Autostadt Stuttgart holen sich die Radler ihren Platz zurück.

"Augen auf! Sonst gibt's Verkehrsunfälle", steht auf einem Plakat von 1946. Eine Frau wird vom Auto erfasst, die Beine fliegen in die Luft, der Blick fällt unter den Rock: So stellt sich der männliche Verkehrserzieher das Unfallgeschehen vor. Wohlgemerkt: nicht der Autofahrer wird zur Vorsicht ermahnt, sondern der Fußgänger.

Wer in den 1950er- oder 1960er-Jahren eingeschult wurde, wird sich vielleicht erinnern, dass immer wieder mal ein Mitschüler im Unterricht gefehlt hat, weil er vom Auto angefahren worden war und ins Krankenhaus musste. Tonnenschwere Gefährte, die sich mit Geschwindigkeiten von 50 km/h und mehr nähern, kommen in der natürlichen Umgebung des Menschen nicht vor: Sein Reaktionsvermögen ist nicht darauf ausgerichtet.

Mittels Handpuppen belehrten Polizisten anfangs Erwachsene, dann Schulkinder im Klassenzimmer. Generationen von Kindern lernen seither von frühester Kindheit an erst links, dann rechts und dann nochmal links gucken, bevor sie die Straße überqueren.

Dabei war der Straßenraum keinesfalls immer dem Autoverkehr allein vorbehalten. Bis 1934 durften Fußgänger und Radfahrer ohne Weiteres auch die Fahrbahn benutzen. Stadtplaner forderten, die Fahrspur solle nicht mehr als die Hälfte der Straßenbreite einnehmen und die Gehwege sollten mindestens 4 Meter breit sein: "zur Erschwerung der Tätigkeit der Taschendiebe", wie der Stadtplaner Joseph Brix 1909 schrieb.

Der allererste Verkehrsübungsplatz wird in Stuttgart gebaut

Dies änderte sich mit Inkrafttreten der Straßenverkehrsordnung 1934. Die Begründung: "Die Förderung des Kraftfahrzeugs ist das vom Reichskanzler und Führer gewiesene Ziel, dem auch diese Verordnung dienen soll." In Stuttgart gab es damals bereits mehr Autos als in den meisten anderen Städten - und jährlich um die 100 Verkehrstote. Dabei blieb es auch nach dem Krieg. Nur der Verkehr nahm ständig zu. Gehwege wurden schmäler, Fahrbahnen breiter. 1953 entstand im Stuttgarter Westen Deutschlands erster Verkehrsübungsplatz. Schon in jungen Jahren konnten Kinder hier ihre zukünftige Rolle als Autofahrer einüben.

Erziehungsplakat für Fußgänger von 1946.
Erziehungsplakat für Fußgänger von 1946.

Bis 1959 gab es innerorts nicht einmal eine Geschwindigkeitsbeschränkung. An den 1952 eingeführten Zebrastreifen, damals amtlich "Dickstrichkette" genannt, erhielten Fußgänger erst 1964 Vorrang. Daraufhin wurden sie vielfach durch Fußgängerampeln ersetzt. Da dies immer noch den Verkehr aufhielt, wurden Unterführungen gebaut: Die Verkehrsarten zu trennen gehörte zu den Empfehlungen Hans Bernhard Reichows in seinem 1959 in Ravensburg erschienenen Buch "Die autogerechte Stadt".

Dass der Gedanke der autogerechten Stadt eine Utopie war, zeigte sich bald darauf gerade in Stuttgart in aller Deutlichkeit. Wäre tatsächlich, wie ursprünglich geplant, die B 14 auf zwei Ebenen in die Stadt geführt worden, hätte die gesamte Innenstadt abgerissen werden müssen, um genügend Parkraum zu schaffen. Nur aus diesem Grund kamen die Pläne zum Ausbau des öffentlichen Verkehrs, die bereits seit den 1950er-Jahren diskutiert wurden, endlich voran.

Dabei ist Stuttgart nach der Devise verfahren, immer den höchstmöglichen Aufwand zu betreiben. Fast 9 Kilometer lang ist der S-Bahn-Tunnel vom Hauptbahnhof nach Vaihingen: seinerzeit der längste Bahntunnel in ganz Deutschland. Sämtliche größeren Straßen der Innenstadt wurden bis auf eine Tiefe von 20 Metern und mehr aufgegraben, da parallel auch noch die Straßenbahn im Untergrund versenkt wurde. Der erwünschte Effekt: Oben entstand noch mehr Platz für den Autoverkehr.

Die Lösung: Das Fahrrad

Längst ist klar, dass das so nicht weitergehen kann. Feinstaub und Stickoxide, leer stehende Büroräume rings um den autobahnähnlichen Innenstadtring: Aus ökonomischer wie ökologischer Sicht ist der motorisierte Individualverkehr auf derzeitigem Niveau für eine Stadt in der Größe Stuttgarts kontraproduktiv. Aber wie umsteuern? Die S-Bahn fährt bereits oberhalb der Kapazitätsgrenze, das Milliardenprojekt Stuttgart 21 verhindert im Schienenverkehr jeden weiteren Zuwachs. 

Die Lösung: das Fahrrad. Jeden ersten Freitag im Monat treffen sich deshalb am Feuersee bis zu 600 Radler, um im geschlossenen Verband, jedes Mal auf einer etwas anderen Route, durch die Innenstadt zu fahren. Die Critical Mass gibt es in Deutschland mittlerweile in ungefähr 100 Städten. Bei den Teilnehmerzahlen teilt sich Stuttgart nach Hamburg und Berlin, wo Tausende aufs Rad steigen, mit Köln und Nürnberg den dritten Platz. Entstanden ist die Bewegung 1992 in San Francisco und ungefähr gleichzeitig in England. Dort nennt sie sich "Reclaim the Streets": die Straßen zurückfordern - oder zurückerobern.

So auch in Stuttgart: Grundlage ist Paragraph 27 der Straßenverkehrsordnung, der besagt, dass mehr als 15 Radfahrer auch zu zweit nebeneinander im Pulk fahren dürfen. Wenn also 16 Personen zusammen von Bad Cannstatt in die Stuttgarter Innenstadt fahren wollen, können sie dies tun. Jederzeit, auch im Berufsverkehr, täglich und auf den Hauptstraßen, sofern nicht ein weißes Auto auf blauem Grund eine reine Kraftfahrstraße anzeigt. Dies gilt immer und überall, folglich bedarf die Critical Mass grundsätzlich keiner Anmeldung. In den meisten Städten findet die Ausfahrt daher zwar zu festen Terminen, aber ohne festgelegte Routen statt.

Nur in Stuttgart stellt sich übrigens das Ordnungsamt quer und auf den Standpunkt, es handle sich um eine anmeldungspflichtige Demonstration. Der innere Kreis der Aktiven erwägt daher, künftig nur noch zur "Aftermass", dem anschließenden gemütlichen Beisammensein aufzurufen und die Ausfahrt selbst den Teilnehmern zu überlassen.

Denn genau darum geht es bei der Critical Mass: Der Straßenraum ist nicht nur für den Autoverkehr da, der mehr als sieben mal so viel Raum beansprucht wie Radfahrer und Fußgänger zusammen. Der ruhende Autoverkehr belegt oft auch noch die Hälfte der Bürgersteige, häufig mit behördlicher Genehmigung oder Duldung. In Karlsruhe hat sich daher eine Initiative gebildet, die jeden Gehweg- und Radwegparker zur Anzeige bringt.

Autofahrer reagieren oft überrascht, manchmal aggressiv, wenn plötzlich ein Radfahrer vor ihnen auftaucht. Dabei könnten sie doch langsamer fahren. Grundfalsch ist auch die Annahme, Radler müssten immer so weit wie möglich am rechten Rand fahren. In der österreichischen Fernsehkrimi-Serie "Kottan ermittelt" aus den 1980er-Jahren gab es einen Running Gag: Jedes Mal, wenn einer der Inspektoren die Autotür öffnete, rauschte ein Radfahrer hinein. Das kann passieren, wenn man zu dicht an der Schlange der parkenden Autos vorbei fährt.

In den USA gibt's das schon: Radler dürfen die ganze Straße nutzen, steht auf diesem Schild in Washington.
In den USA gibt's das schon: Radler dürfen die ganze Straße nutzen, steht auf diesem Schild in Washington.

Zudem: Die wenigsten Autofahrer denken daran, dass sie beim Überholen einen Abstand von 1,50 Meter einhalten sollten - vom linken Ellenbogen des Radfahrers aus gemessen. Das steht zwar so nicht in der Straßenverkehrsordnung, wurde aber in Gerichtsprozessen für angemessen befunden. Die Realität sieht anders aus: Wer zu weit rechts radelt, wird nicht selten auf der selben Spur bedrängt und überholt.

Häufig werden Radler für Unfälle verantwortlich gemacht und deshalb auf Radwege verwiesen, wo sie vermeintlich sicher auf eigener Spur fahren. Dabei besteht die häufigste Unfallursache genau darin, dass Radfahrer, die auf dem Radweg geradeaus fahren, von rechts abbiegenden Autofahrern übersehen werden. Es ist daher sicherer, auf der Fahrbahn zu fahren. Städte wie Köln oder Mainz verpflichten deshalb die Radler nicht länger, die Radwege zu benutzen und in Stuttgart besteht das Radwegenetz ohnehin nur aus unzusammenhängenden losen Fäden.

Dabei ist das Rad schwer im Kommen: Einer Studie des Umweltbundesamts zufolge sind 82 Prozent der Befragten dafür, "Städte und Gemeinden gezielt so umzugestalten, dass man kaum noch auf ein Auto angewiesen ist", bei den 14- bis 17-Jährigen sogar 92 Prozent. Recht haben sie: denn die Mehrzahl der Wege, auch in der Region Stuttgart, die Autofahrer wie Radfahrer zurücklegen, sind kürzer als 10 Kilometer: Entfernungen also, die mit dem Rad problemlos zu bewältigen sind.

Dabei kommt der Radfahrer oft schneller vom Fleck, kostengünstiger sowieso. Er verursacht keine Emissionen, verbraucht weitaus weniger Ressourcen und benötigt nur einen Bruchteil der Fläche. Nur reicht es eben nicht aus, wie in Stuttgart kurze Straßenabschnitte zu Fahrradstraßen oder Shared Spaces zu erklären oder Radfahrer in den Park zu verweisen. Wenn der Fahrradverkehr ein Maß erreichen soll, das den übrigen Verkehr spürbar entlastet, braucht er einen eigenen Raum. Der lässt sich nur von Autostraßen abzweigen.

Autofahrer die meinen, sie würden damit ausgebremst, befinden sich allerdings im Irrtum. Studien aus den USA zeigen, dass die Reduzierung der Fahrspuren die Fahrzeit nicht verlängert, sondern im Gegenteil eher verkürzt: Geschwindigkeitsüberschreitungen sind seltener. Der Verkehr fließt nicht schnell, aber gleichmäßig dahin: für den Autoverkehr keine messbare Einschränkung. Für Radler ist das ein enormer Gewinn.

Die nächste Critical Mass findet in Stuttgart am 6. November statt. Mehr dazu unter diesem Link.


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Kommentare

Rainer Lühr, 09.11.2015 15:43
Wer den Radverkehr nicht gezielt fördert, der wird den Autoverkehr und damit den Feinstaub und jeden weiteren
LKW / PKW Dreck in der Luft nicht los. Das können doch auch die Bewohner einer Autostadt, wie Stuttgart, nicht wirklich wollen.
Wer einmal auf einem aktuellen E-Bike gesessen hat und damit
die Stuttgarter Hügelchen NOX frei -plattbügelt- hat, der wird dieses wunderbare Fahrzeug lieben und nicht verstehen, warum es die Politiker nicht begreifen, dass hier die Zukunft der innerstädtischen Fortbewegung liegt. Mit E-Unterstützung
können innerstädtische Strecken sauber und schnell zurückgelegt werden. Doch dazu gehört die notwendige Infrastruktur wie z. B. sichere Radstreifen, eine eindeutige Wegeführung, Grüne Welle, sichere Abstellplätze.

Das es auch anders geht, sehe ich hier in Hamburg. Glücklicherweise wurde in den letzten Jahren in Hamburg viel
für den Radverkehr getan. Das ist sichtbar und spürbar. Es gibt zwar noch immer viel zu tun aber ein guter Anfang wurde gemacht. Was das arme Hamburg schafft, das sollte das
reiche(re) Stuttgart locker schaffen.
Jammert nicht, wenn eure Politiker nicht können (keine Ahnung) oder nicht wollen (Autolobby).
Nehmt die Sache in die eigenen Hände und werdet aktiv.

http://www.adfc-bw.de/stuttgart/startseite/
https://criticalmassstuttgart.wordpress.com/ ***

***In HH werden die Teilnehmer von der Polizei begleitet, in Stuttgart verbietet das Ordnungsamt die Veranstaltung...
Darf man es sich verbieten lassen für gute Luft und Gleichbehandlung zu kämpfen?

Wie lautete der Spruch in BW:
Wir können alles, nur nicht........Radfahren. Wie Schade!

Schwabe, 09.11.2015 09:04
Guter und wegweisender Artikel im Sinne einer modernen Zukunft - jedoch nicht zu haben mit neoliberal bürgerlichen Parteien (CDU/CSU, SPD, Grünen, Afd, FDP).

Florian S., 05.11.2015 14:32
Was Stuttgart dazu noch braucht sind generall mutigere Radfahrer. Was ich immer erlebe wenn ich mal zu Fuss im Stadtgebiet unterwegs bin sind sehr viele Gehwegradler, eine in Stuttgart sehr weit verbreitete Unart, obwohl auch nachvollziehbar angesichts der Aggressivität, die viele Autofahrer hier an den Tag legen. Allerdings bringt dieses passive, teils übervorsichtige Verhalten der Radfahrer den Radverkehr genauso wenig voran wie die fehlende bzw. erbärmliche Infrastruktur. Wenn Radfahrer allgemein mehr Präsenz auf den Straßen zeigen würden, allein dadurch, dass sie ihrer Pflicht nachkommen bei fehlenden Radwegen konsequent die Straße zu benutzen und der reine Gehweg für sie grundsätzlich tabu ist - auch wenn es den Autoverkehr auf den schmäleren Straßen ausbremst und die Autofahrer nervt - wäre man schon einen entscheidenden Schritt weiter: Der Autoverkehr würde den vorhandenen Radverkehr deutlich mehr zur Kenntnis nehmen, und anstatt Wut und Verärgerung darüber würde bei manchem etwas klügeren Zeitgenossen vielleicht das gewünschte Umdenken stattfinden, nämlich, dass der individuelle Autoverkehr in der heutigen Dimension in einer Stadt eigentlich völlig fehl am Platze ist.

Radfahrer, 04.11.2015 13:31
Tagesaktuelles gibt es auch auf der Facebook-Seite der Critical Mass Stuttgart: https://www.facebook.com/criticalmassstuttgart/

Blender, 04.11.2015 10:32
Was wir endlich mal bräuchten wären Politiker von den Grünen in Führungspositionen, im Rathaus und im Landtag. Ich bin mir sicher, dann würde sich ganz schnell was ändern....
Aber leider heißt der Stuttgarter Bürgermeister Fritz Kuhn und der Ministerpräsident Winfried Kretschmann, und die sind beide leider nur hinter den Ohren grün. Eigentlich schade ...

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