KONTEXT Extra:
Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


Sichere Herkunftsstaaten: Kretschmann schon lange für längere Liste

Winfried Kretschmann hat sich mit jüngsten Äußerungen zur Einstufung von Marokko, Tunesien und Algerien als sichere Herkunftsländer derart in die Nesseln gesetzt, dass sich sein Staatsministerium zu einer "Klarstellung" aufgerufen sah. Tatsächlich handelt es sich um einen durchsichtigen Versuch der Schadensbegrenzung. Der grüne Regierungschef hatte auf Anfrage der "Rheinischen Post" in einer Stellungnahme zur aktuellen Sicherheitsdebatte erklärt: "Die kriminelle Energie, die von Gruppierungen junger Männer aus diesen Staaten ausgeht, ist bedenklich und muss mit aller Konsequenz bekämpft werden." Zugleich sprach er sich für die Aufnahme der drei Maghreb-Staaten auf die Liste sicherer Herkunftsländer aus: "Baden-Württemberg wird der Ausweitung zustimmen, sofern die Bundesregierung das Ansinnen in den Bundesrat einbringt."

Die Wirkung beider Sätze im Zusammenhang sind ihm und "meinen Leut", wie er seine engsten Mitarbeiter gern nennt, offenbar entgangen. Jedenfalls stellte "das Staatsministerium klar, dass die signalisierte Zustimmung weder aus aktuellem Anlass beschlossen wurde, noch ihre Begründung in der Gewaltbereitschaft mancher Gruppen junger Männer aus diesen Ländern hat". Vielmehr sei die Entscheidung "schon im Frühsommer 2016 nach einem langen Abwägungsprozess, in dem vor allem der Frage nachgegangen wurde, ob es angesichts der Menschenrechtssituation in den besagten Ländern vertretbar wäre, diese zu sicheren Herkunftsländern zu erklären (...), als sich die Bundesregierung dem Ministerpräsidenten gegenüber bereit erklärte, in einer Protokollerklärung festzuhalten, Personen aus sogenannten vulnerablen Gruppen wie Homosexuellen, verfolgten Journalisten, religiösen Minderheiten mit gleicher Sorgfalt zu prüfen wie Flüchtlinge aus sonstigen Ländern". Das Staatsministerium sagt allerdings nichts dazu, ob die Forderung erfüllt wurde und warum das Thema nicht längst endgültig ausgetreten ist. Denn laut dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration werden die drei Länder in der Statistik überhaupt nicht mehr einzeln ausgewiesen, weil die Zahl der einreisenden Asylbewerber so niedrig ist. Und bereits 2015 gehörten die drei Staaten nicht zu jenen zehn Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen. (5.1.2017)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Flagge zeigen: Nächste Woche startet das Megaevent. Foto: Joachim E. Röttgers

Flagge zeigen: Nächste Woche startet das Megaevent. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 217
Gesellschaft

Neun Quadratmeter Harmonie

Von Susanne Stiefel
Datum: 27.05.2015
Unruhe kurz vor dem Kirchentag. Mit einem Messestand wollen die ehemaligen Korntaler Heimkinder auf erlittene Demütigungen und Missbrauch aufmerksam machen. Nun stellt dort auch die Evangelische Brüdergemeinde ihr Banner auf. Das gefällt nicht allen.

Weihnachten, das Fest der Liebe, war am schlimmsten. Dann kamen wohlmeinende Christen ins Hoffmann- und Flattichhaus und suchten sich eines der armen Heimkinder aus, das mit ihnen unterm Christbaum singen durfte. Es waren immer nur die hübschen, die mitgenommen wurden. Die weniger hübschen blieben sitzen, erinnert sich einer, der nie mitgenommen wurde: "Wir wurden ausgesucht wie Gemüse, und was faulig war, wurde ausgemustert." 

Es sind immer wieder neue Demütigungen wie diese, die auch beim nun fünften Opfertreffen Ende Mai im Korntaler Bürgertreff von der Erinnerung hochgespült werden. Eine Frau erinnert sich an den Besuch bei den amerikanischen Streitkräften und wie unangenehm ihr das war, immer bei Soldaten auf dem Schoss sitzen zu müssen. Zwei Männer ganz vorne in der Stuhlreihe tragen demonstrativ ihre weißen T-Shirts, auf denen in blutroten Lettern steht: "Missbrauchsopfer Hoffmannhaus Korntal." Das Leid, das sie als Kinder in den Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde erlitten haben, ist inzwischen unbestritten. 

Doch gestritten wird an diesem Tag um neun Quadratmeter Kirchentag. So groß ist der Stand, den die Heimopfer auf dem Stuttgarter Kirchentag beantragt und mithilfe engagierter Korntaler BürgerInnen finanziert haben. Die Opferhilfe wollte damit den traumatisierten Heimopfern helfen, öffentlich zu machen, was von der Evangelischen Brüdergemeinde über viele Monate totgeschwiegen wurde: den unchristlichen Umgang mit den Kindern in ihren Einrichtungen von den 50er- bis in die 80er-Jahre.

Kennt sich aus mit Powerpoint und Streitschlichten: Mechthild Wolff Foto: Kontext
Kennt sich aus mit Powerpoint und Streitschlichten: Mechthild Wolff Foto: Kontext

Nun befürchten die Aktivisten der Opferhilfe, dass die Betroffenen auf dem Kirchentag in den Hintergrund gedrängt werden. Seit Januar diesen Jahres gibt es eine Steuerungsgruppe um die Landshuter Professorin Mechthild Wolff, bestehend aus je drei Vertretern der Brüdergemeinde und den betroffenen Heimopfern. Und die hat nun beschlossen, beim Kirchentag gemeinsam aufzutreten.

Wie soll das gehen?, fragen sich Kritiker. Täter und Opfer auf neun Quadratmetern traut vereint und dazwischen die Frau, die seit Januar steuern soll? "Das ist doch alles nur Show", poltert Ulrich Scheuffele los, "mit dem Ziel, die Leute einzulullen." Der Vertreter der Opferhilfe befürchtet einen Schmusekurs statt klarer Positionierung und beim Kirchentag eine Demonstration von Friede, Freude, Eierkuchen.

Mechthild Wolff ist wie immer gut vorbereitet. Was beim Kirchentag passieren soll, wandert via Powerpoint an die Wand des Korntaler Bürgertreffs. Sechs Poster will sie zum Kirchentag noch vorbereiten, jeweils versehen mit dem Logo der Opferhilfe, der Brüdergemeinde und der Uni Landshut. Links und rechts am Stand wird es Aufsteller der Täter und Opfer geben. Klaus Andersen als weltlicher Vorsteher wird über die Aufarbeitung aus Brüdersicht reden, die Heimopfer über ihre Geschichte und dazwischen die umtriebige Mechthild Wolff.

Außerdem gibt es Kugelschreiber. "Aufarbeitung ist Dialog", wird darauf stehen und auch hier die drei Logos. Damit sollen Kirchentagsbesucher dazu bewegt werden, Handzettel auszufüllen mit der Frage: "Was verstehen Sie unter Aufarbeitung?" Ja, was eigentlich?

Seit Januar wird daran gearbeitet. Die evangelische Brüdergemeinde hat mit der Landshuter Professorin eine anerkannte und umtriebige Frau gewonnen. Und die hat keinen leichten Job. Lange vor ihrer Zeit ging nichts. Monate lang hat sich nichts bewegt bei der Brüdergemeinde. Monate, in denen das Misstrauen der Heimkinder und ihrer Unterstützer wuchs, dass hier eine Institution versucht, die Vorwürfe totzuschweigen und darauf hofft, dass bald Gras über die Sache wächst. Misstrauen macht vorsichtig.

Manchen der Heimopfer und ihrer Unterstützer geht die Harmonie in der Steuerungsgruppe zu schnell und die konkrete Arbeit zu langsam. "Die Treffen sind keinesfalls harmonisch oder einlullend, das können Sie mir glauben", so Mechthild Wolff gegenüber Kontext. Keinen Schmusekurs gibt es bei der Frage der Entschädigung. Die Heimopfer wollen sich nicht mit Sachleistungen abfinden, sondern Geld sehen. "Wir sind keine unmündigen Kinder mehr, wir wollen selbst entscheiden", so der Tenor auch bei diesem Opfertreffen in Korntal.

Klaus Andersen, Vorsteher der Brüdergemeinde: Entschädigung ja, Bargeld nein. Foto: Kontext
Klaus Andersen, Vorsteher der Brüdergemeinde: Entschädigung ja, Bargeld nein. Foto: Kontext

Das geht direkt an die Adresse des Mannes mit dem grauen Haar, der als Vertreter der Brüdergemeinde in ihrer Mitte sitzt. Doch Klaus Andersen stellt einmal mehr klar: Entschädigung ja, "aber es wird kein Geld auf irgendein Konto fließen". Bei diesen Treffen, zu denen er nun schon mehrfach als Gast eingeladen wurde, bekommt er direkten Einblick in die Welt der Opfer und deren Ringen um Wahrheit und ihre Würde.

Und wie sieht es mit der Aufarbeitung innerhalb der Korntaler Pietisten aus? Wird dort auch so hart gerungen? "Interne Diskussionen brauchen einen Schutzraum", wehrt Andersen ab, "aber wir sind dran." Und was will er auf dem Kirchentag erreichen? "Das ist eine Chance, einmal nicht über die Presse, sondern direkt von den Menschen eine Rückmeldung zu bekommen", sagt der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde. Er sieht sich beim Kirchentag als Gast der Opfer.

Der Streit um neun Quadratmeter Harmonie droht zu eskalieren, als eine Spenderin aufsteht und erklärt: "Für dieses Programm möchte ich nicht bezahlen." Zu sehr sei ihr dieser Auftritt beim Kirchentag auf Dialog gebürstet.  Doch die Heimkinder sehen den Kirchentag als Chance. Mit nur einer Enthaltung stimmen sie für den gemeinsamen Stand mit der Brüdergemeinde. "Wir sind angetreten als Rächer", sagt Martina Poferl, als Heimopfer Mitglied der Steuerungsgruppe, "jetzt sind wir in der Aufarbeitung." Immer seien sie nur bedauert worden, aber nie ernst genommen.

Nur wenige bleiben skeptisch und fürchten die Umarmungsstrategie. Die Brüdergemeinde wird, stellt Mechthild Wolff klar, mit zwei Tischen präsent sein. Sie selbst wird versuchen, die ehemalige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann, und ihren Nachfolger Johannes-Wilhelm Rörig an den nun gemeinsamen Tisch zu locken.

Und man darf gespannt ein, ob ihre Ankündigung wahr wird: "Da darf und soll laut und heftig gestritten werden." Vielleicht um das Buch von Detlev Zander. Der hat sein Elend inzwischen in einem Schlüsselroman verarbeitet und will es am Stand auslegen, was schon zu heftigen Debatten geführt hat. Bisher nur intern.

Info:

Das Leid der Korntaler Heimkinder wird auch auf einem Podium des Kirchentags zur Sprache kommen. Dort spricht Detlev Zander mit beim Thema "Aus der Missbrauchsdebatte klug geworden?". Der 54-Jährige aus Plattling hatte mit der Androhung einer Schadenersatzklage  gegen die Evangelische Brüdergemeinde im vergangenen Jahr den Stein erst ins Rollen gebracht. Nun diskutiert das ehemalige Heimkind des Korntaler Hoffmannhauses mit Johannes-Wilhelm Rörig, dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, der Bischöfin Kirsten Fehrs als Betroffener über seine Erfahrungen. Moderieren wird Christine Bergmann.

"Aus der Missbrauchsdebatte klug geworden?"
Samstag, 6. Juni, 11 bis 13 Uhr, Schwabenlandhalle Fellbach, Tainer Str. 7

Der Stand der Korntaler Heimopfer auf dem Kirchentag ist besetzt von Donnerstag bis Samstag, und zwar von 10.30 bis 18.30 Uhr. Ort: Neckarpark (ehemaliger Güterbahnhof Bad Cannstatt) ZH16 – AO3 in der Zelthalle 16


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

Kommentare

Angelika Oetken, 31.05.2015 11:51
Wie die für die Institutionen Verantwortlichen, häufig auch "Täterorganisationen" genannt, ihre Strategien entwickeln tun es ihre Opfer natürlich auch. Im Unterschied zu den Funktionären, die finanziell gut ausgestattet, politisch optimal vernetzt und mit beruflichem Hintergrund in die Auseinandersetzung ziehen, fehlt es den Betroffenen und ihren UnterstützerInnen meistens an Geld, Unterstützung und Expertise. Abgesehen davon hat die Opferseite auch sozial und emotional die schlechteren Karten. Erstmal.

Wie oben schon erwähnt, begleite ich einige Opferorganisationen im Kampf mit ihren Tätern und deren Verbündeten. Ich möchte jetzt aus meiner - rein subjektiven Sicht - darlegen, worauf institutionell Betroffene achten sollten, wenn sie etwas erreichen möchten:

1. sich klar machen, welche Anliegen bestehen. Bei jedem Einzelnen und als Schnittmenge in der Gruppe
2. diese Anliegen konkretisieren, d.h. überprüfbar machen, sonst können weder Erfolge noch Strategien klar erfasst werden
3. sich als Gruppe professionelle, unabhängige Begleitung holen. Das kann ein bezahlter Berater sein oder jemand, der mit so etwas vertraut ist und ehrenamtlich arbeitet. Jeder einzelne Akteur sollte aus Rücksicht auf sich und andere sicher stellen, dass er sich gegebenenfalls schnell therapeutische oder supervisorische Hilfe holen kann
4. die verschiedenen Bedürfnisse den entsprechenden Lebensphasen zuordnen. Anliegen, die aus der Kindheit herrühren auch als solche werten, aktuelle im Hier-und Jetzt verorten. Für deren Befriedigung die jeweils passenden Adressaten kennen. D.h. nicht jedes auch noch so verständliche Bedürfnis kann von den für die Institution Verantwortlichen erfüllt werden. Das gilt erst recht für eigene Mitstreiter. Wenn sie für die Regulation der eigenen Gefühle herhalten müssen ist Streit und Überforderung vorprogrammiert
5. die emotionale Haltung immer wieder überprüfen. Dasselbe gilt für Schwächen. Unterbleibt das, hat die gegnerische Seite leichtes Spiel, das für ihre Zwecke zu nutzen
6. Sich immer klar machen, dass man es bei den Akteuren in den Institutionen und den von ihnen beauftragten Menschen mit Funktionären zu tun hat. Während man selbst seine ureigensten, manchmal sogar ganz intimen Interessen vertritt. Reaktionen der Verantwortlichen, die "kühl" wirken, können auch ganz einfach ein Zeichen professioneller Distanz sein
7. Immer versuchen, Vorgänge zu versachlichen. Die Gegenseite wird ein Interesse daran haben, ihre Situation dramatischer erscheinen zu lassen als sie ist. Versuchen Sie, sich hiervon unbeeindruckt zu zeigen. Bleiben Sie bei der Sache. Lassen Sie sich weder auf Mitleid heischendes noch auf provokatives Verhalten ein
8. Nehmen Sie bei der Entwicklung ihrer Strategien eine erwachsene Perspektive ein. Versuchen Sie nicht aus den Akteuren "bessere" Menschen zu machen. Wo innerhalb von Institutionen wider besseren Wissens MissbraucherInnen nicht die notwendigen Grenzen gesetzt wurden, stimmt etwas mit der Haltung und den Werten der Institution nicht. Sie als Opfer konnten nichts dafür, dass man Sie in der Kindheit einer solch fragwürdigen Organisation ausgesetzt hat. Aber die für die Organisation Verantwortlichen haben eindeutig falsch gehandelt. Und zwar als Erwachsene. Dies kann dazu führen, dass alle, Opfer und die Täterorganisation ihre Haltungen überprüfen und ggf. revidieren müssen. Das verunsichert und setzt viele Emotionen frei
9. Lassen Sie sich nicht spalten. Nicht durch Diffamierung, Korruption, Schmeicheleien, Versprechungen. Falls dieser Prozess schon im Gange ist: sofort Hilfe holen. Von außen, von einer unabhängigen Stelle. Wo es schon eskaliert, eignet sich eine Mediation. Langfristig ist Supervision und Organsiationsberatung sinnvoll
10. Nicht vergessen: die Täterorgansiationen haben viel zu verlieren. Deren Funktionären ist ganz klar, dass bei ernst gemeinter Aufklärung viele Fehlentwicklungen offenbar werden können. Über die Missbrauchskriminalität hinaus. Manchen ging es aber in der Vergangenheit so gut, dass sie leichtsinnig und/oder überheblich werden. Rechnen Sie damit, dass das nicht nur Ihnen als Opfer auffällt und aufstößt, sondern auch der Öffentlichkeit. Und den politisch Verantwortlichen
11. Wenn Sie es mit Hilfe der Medien und Ihrer UnterstützerInnen schaffen, dass die Täterorganisation so wahrgenommen wird wie sie ist, dann haben Sie eigentlich schon gewonnen. Man wird von ihr abrücken, sie wird Subventionen verlieren. Ein Prozess der Implosion wird einsetzen. Entweder reißt dann der Teil der Verantwortlichen, der vernünftig ist das Ruder rum oder die Institution zerfasert

Alles Gute wünscht
Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

Isolde Vetter, 29.05.2015 23:35
Ich war bei diesem 5. Opfertreffen anwesend, und "als eine Spenderin aufsteht und erklärt: 'Für dieses Programm möchte ich nicht bezahlen'", erklärte sie weiter, dass sie ihre Spende in Höhe von 900 Euro aufrechterhalte und nach dem Kirchentag den Heimopfern zweckgebunden, z.B. für Fahrten aus deren entfernteren Wohnorten, zukommen lasse. Dies war im Bericht weggelassen worden, weswegen ich bei der Verfasserin S. Stiefel sowie bei der Redaktion intervenierte, jedoch ohne Erfolg.

Ulrich Scheuffele, 28.05.2015 17:20
ich hatte vor die Podiumsdiskussion in der Schwabenlandhalle in Fellbach zu besuchen, als ich heute im Kita-Büro angerufen haben und mich nach dem Eintrittspreis erkundigte, wurde mir gesagt man kommt nur mit einem Tagesausweis dort rein und der Kostet 33 Euro.
Und somit war diese Veranstaltung für mich abgehakt.

Angelika Oetken, 27.05.2015 22:55
Die Brüdergemeinde Korntal agiert ähnlich wie andere Organisationen in vergleichbarer Situation es ihr vorgemacht haben. Dazu gehören der Jesuitenorden, der unter Anderem die Canisiusschule und das Aloisiuskolleg betreibt, die Odenwaldschule, die Nordelbische Kirche, die Deutsche Bischofskonferenz, verschiedene Bistümer, die Heime in Aulhausen....Und sowieso fast alle Institutionen, die in im Laufe der vergangenen Jahre in die Schlagzeilen gerieten.

Die angewendeten Strategien sind eigentlich Blaupausen:

1. Leugnen
2. wenn etwas zugegeben wird, dann nur häppchenweise und auf massiven äußeren Druck
3. Opfern, die Belege für den Missbrauch haben, unter der Hand Geld anbieten
4. versuchen, so viele Informationen wie möglich von den Opfern zu erhalten
5. es darauf anlegen, den Ruf von Betroffenen, die als Frontleute auftreten zu schädigen
6. Einfluss auf die Medien nehmen
7. Opfergruppen und ihre UnterstützerInnen einschüchtern
8. Beweise, Hinweise und Belege zur Begleit- und Beschaffungskriminalität beseitigen. Dazu gehören Unterschlagung, Betrug, Veruntreung, Korruption
9. Falls die Opfer die Medien und die Öffentlichkeit auf ihre Seite bekommen: nachgeben. Scheinbar
10. Alles daran setzen, die Kontrolle über die Aufklärung und Aufarbeitung zu bekommen und zu behalten
11. Zerknirschung mimen, so tun als zeige man Einsicht
12. Gleichzeitig die Missbrauchsverbrechen herunterspielen
13. die Schwächen, Erwartungen und Bedürfnisse der Betroffenen erfassen und für die eigenen Zwecke ausnutzen. Je nachdem Schmeicheln, Trösten, Versprechungen machen
14. eine Aufarbeitungskommission einberufen. Nach Möglichkeit Personen dort hineinsetzen, die von einem abhängig sind oder gemacht werden können
15. Emotionalen Druck aufbauen, die eigene Lage dramatisieren, unterschwellig Vorwürfe platzieren
16. immer wieder dezent das "Verzeihen" bzw. "Vergebung" einfordern, das setzt die Opfer unter Druck
17. Wenn über Geld geredet wird, dann nur vage Angaben machen
18. Auf Zeit spielen, versuchen alles auszusitzen
19. Und ganz wichtig: die Gruppe der Opfer und ihrer UnterstützerInnen zu spalten versuchen

Die Jesuiten, die Deutsche Bischofskonferenz, die Odenwaldschule und die anderen oben aufgezählten waren damit erfolgreich. Oder hören wir noch irgendwas von Verhandlungen über Schmerzensgeld? Von ernst gemeinter Aufarbeitung?

Und wie es aussieht, werden auch die Korntaler Brüder damit davon kommen. Es sei denn, weder die Öffentlichkeit, noch die Medien und erst recht die Opfer lassen sich einlullen und täuschen.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: ich kann die auf Seiten der Brüdergemeinde Verantwortlichen verstehen. Ihre Existenz steht auf dem Spiel. Falls die Diakonie nämlich wirklich Federn lassen muss, um den vielen Opfern der Korntaler Einrichtungen zu helfen, könnte das dazu führen, dass der Einfluss und die Bedeutung der Brüdergemeinde rapide sinkt. Freunde hat man vor Allem dann, wenn man was zu bieten hat. Und das hatten die Brüder bisher. Sie holten viel aus den öffentlichen Geldern, die sie für ihre Einrichtungen bekamen heraus. Aber wenn dieser Schutz abnimmt, die Medien sich vielleicht sogar dafür zu interessieren beginnen, auf welche Weise die Brüdergemeinde zu Vermögen und Macht kam, dann könnte das sehr zum Nachteil dieser evangelikalen Missionsvereinigung sein. Falls dann noch wichtige Verbündete abrücken, Bischöfe z.B. oder einflussreiche Politiker: gute Nacht.

Möglicherweise würden einige der Verantwortlichen dort landen, wo viele ihrer Opfer sich befinden: ganz unten.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 302 / Eliten mit Sehschwäche / Renate Knapper, 16.01.2017 12:10
Hallo Kontext-Redaktion, Ich finde es super, dass ihr das Thema reich/arm zum Schwerpunkt machen wollt. Und dass ihr gleich in BaWü anfangt und v.a. auch Namen nennt. Bitte weiter so!! Hoch spannend ist in meinen Augen auch die Aussage...

Ausgabe 300 / Kopp auf der Resterampe / Barolo, 16.01.2017 11:30
@R.N. volle Zustimmung.

Ausgabe 302 / Lidl lohnt sich – für einen / Schwabe, 16.01.2017 10:47
"Produktion für die Tonne" - Fakten,Fakten, Fakten Tierleid, ungesundes Essen, miese Jobs: Die Lebensmittelindustrie hat viele unschöne Gesichter. Ein besonders herausragendes Problem ist die massive Überproduktion. Riesige...

Ausgabe 302 / Hilfe für Snowdens Helfer / Michael Müller, 15.01.2017 18:07
Ich schließe mich der Frage von Herrn Struwe an. Wohin kann jemand spenden der keine Paypal/Bitcoin/Kreditkarte hat? @partisan: Verstand hat Ihre Worte nicht geformt, es muss Reflex gewesen sein. Sie hätten stattdessen auch ein...

Ausgabe 300 / Kopp auf der Resterampe / R.N., 15.01.2017 15:38
Als die Kontext-Wochenzeitung erstmals erschienen ist, habe ich mich auf eine Zeitung gefreut, die ohne offensichtlichen politischen Einfluss auskommt. Zu früh gefreut. Nach dem Lesen dieses Artikels spürt man, woher der Wind...

Ausgabe 302 / Lidl lohnt sich – für einen / Gela, 15.01.2017 13:31
2 unterschiedliche Diskusionsstile: Manfred Lieb kennt die Fakten, wertet sie und kommt dadurch zu einer differenzierten Beurteilung, was zu lobenund was zu tadeln ist. Bei der Kritik fehlt mir allerdings die an dem erpresserischen...

Ausgabe 302 / Kobra ins Körbchen / Jan, 15.01.2017 12:17
Oh man, jetzt macht dieser Lowandorder auch noch die Kontext Kommentarfunktion zu seiner Dada Bühne....

Ausgabe 302 / Oh, wie schön ist Biberach / Hartmut Hendrich, 15.01.2017 11:54
@Fritz: Danke, der Schlag sitzt und schmerzt in der Magengrube. Dass mir die Nachsilbe „er“ doppelt in ein Wort geraten war und mir nicht beim Kontrollieren vorm Absenden, aber sofort nach der Veröffentlichung auffiel, war schon...

Ausgabe 302 / Weg mit den Klammern / Blender, 14.01.2017 23:12
Ein V-Mann (diesmal vom LKA) fuhr Herrn Amri nach Berlin. Vielen Dank auch (für die weitere staatliche Unterstützung einer weiteren terroristischen Vereinigung). These: Ohne V- Männer gäbe es keinen Terrorismus?...

Ausgabe 302 / Lidl lohnt sich – für einen / Schwabe, 14.01.2017 21:10
Manfred Lieb tut so als sei der Milliardär Schwarz ein ganz normaler Steuerbürger der sich an Recht und Gesetz hält "...aber dies ist nicht einem Steuerbürger (Manfred Lieb meint damit den Milliardär Schwarz) anzulasten..." oder "Man...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.