KONTEXT Extra:
Stuttgart 21: Steter Tropfen

Das Kanzleramt entschwärzt weitere Teile eines brisanten Stuttgart-21-Vermerks. Wie Eisenhart von Loeper am Donnerstag nach dem Erörterungstermin zur Aktenvorlage vor dem Berliner Verwaltungsgericht mitteilte, werden damit rund 80 Prozent jenes Papiers mit Datum 5. Februar 2013 öffentlich, in dem es um das Okay des DB-Aufsichtsrats für das Milliardenprojekt trotz der Kostensteigerungen und vor allem der Tatsache geht, dass nicht geklärt war und ist, wer die Mehrkosten trägt. Von Loeper hofft jetzt nachvollziehen zu können, wie und was in den entscheidenden Wochen 2013 intern diskutiert wurde. Im Raum steht seit dem umstrittenen Votum der Vorwurf, dass das Kanzleramt Einfluss auf die Aufsichtsräte genommen hat. Schon im Sommer 2014 hatte von Loeper die Herausgabe wichtiger Dokumente durchsetzen können, die seither auf der Internetseite www.strafvereitelung.de eingesehen werden können. Die neuen Passagen sollen dem Aktionsbündnis noch diese Woche zugestellt werden.


VfB gewinnt die Süperlig

Der VfB ist nun doch noch Meister geworden! Nach dem Abstieg aus der 1. Bundesliga am Samstag hat er schon am Tag darauf die türkische Süperlig gewonnen. Wenigstens ein bisschen. Sagen wir mal, unter Einberechnung des Schön-war-die-Zeit-Vergangenheitsbonus', zu zwei Elfteln. Die beiden Besiktas-Istanbul-Spieler Mario Gomez und Andreas Beck haben nämlich ihre VfB-Meisterschaftserfahrung aus dem Jahr 2007 in den türkischen Club eingebracht. Nach dem 3:1-Sieg gegen Osmanlispor kann Besiktas am letzten Spieltag nicht mehr eingeholt werden. Gefeiert wurde das auch auf dem Stuttgarter Schlossplatz, schließlich hat der Verein viele Fans. Die sind übrigens Weltrekordhalter: in einem Spiel gegen Tottenham im Jahr 2006 (nach anderen Angaben 2007 gegen Liverpool) haben sie sich mit 132 Dezibel den Höchstwert für Fußballstadien zusammengejubelt. Die Besiktas-Fangruppe Carsi (offiziell aufgelöst, aber weiter virulent und freundschaftlich mit Sankt Pauli verbunden) umrundet das A im Namen zum Zeichen für Anarchie, versteht sich auch als soziale Bewegung und war etwa bei den Taksim-Platz-Protesten gegen Erdogan aktiv. Was jetzt eventuell weniger an den VfB und seine Fans erinnert. Aaaaaber: Trainiert wurde Besiktas auch einige Jahre von Christoph Daum, der den VfB 1992 zum Meister machte. Und drei Jahre später hat Daum mit Besiktas die Süperlig gewonnen! Wenn man also auch noch den Daum-Faktor einrechnet, dann ist der VfB an diesem Sonntag sogar mit mehr als Zwei-Elfteln türkischer Meister geworden. (17.5.2016)


Stuttgarter Friedenspreis 2016 an Jürgen Grässlin

Die Verleihung des diesjährigen Anstifter-Preises an Jürgen Grässlin ist ein Signal. Denn dem Rüstungsgegner droht eine Haftstrafe. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat wenige Monate nach seinem Enthüllungsbuch "Netzwerk des Todes" über die Verflechtungen von Rüstungsindustrie und Behörden Vorermittlungen eingeleitet: Gegen ihn und seine Mitautoren Daniel Harrich und Danuta Harrich-Zandberg - wegen des Verdachts verbotener Mitteilungen über Gerichtsverhandlungen gemäß § 353d Strafgesetzbuch.

Dabei hatte Mitautor und Regisseur Daniel Harrich der Staatsanwaltschaft zahlreiche Dokumente zur Verfügung gestellt, auf deren Basis die staatsanwaltschaftliche Klageschrift gegen Heckler & Koch verfasst werden konnte. Vor rund einem Monat hat Daniel Harrich noch den Grimme-Preis dafür entgegengenommen. Nicht nur im Fall Böhmermann - auch sonst sehen sich deutsche Medienmacher und kritische Autoren immer wieder mit Strafermittlungen konfrontiert. Jetzt erst recht - Kontext gratuliert zum Friedenspreis.

In diesem Jahr wird er zum 14. Mal verliehen, 25 Vorschläge gingen bei den Anstiftern ein. Der erste Preis ist mit 5000 Euro dotiert. Auf weiteren Plätzen folgen der Zeitzeuge Theodor Bergmann, Seawatch (Geflüchtete in Seenot), Ärzte ohne Grenzen und die kurdische Menschenrechtsaktivistin Leyla Zana. (16.Mai 2016)


Bündnis gegen rechts

Winfried Kretschmann engagiert sich im österreichischen Präsidentschaftswahlkampf: Er ist einem breit verankerten Komitee gegen rechts und zur Unterstützung von Alexander van der Bellen beigetreten. Der frühere Bundesvorsitzende der österreichischen Grünen, der als parteiunabhängiger Kandidat antritt, kam bei der Volkswahl Mitte April im ersten Wahlgang auf 21,3 Prozent der Stimmen. Norbert Hofer, der Kandidat der rechtspopulistischen "Freiheitlichen Partei Österreichs" (FPÖ), liegt mit 35 Prozent weit vorn. Zusammengefunden haben sich vor dem entscheidenden zweiten Wahlgang am 22. Mai viele Promis aus dem deutschsprachigen Raum, die sich für van der Bellen stark machen. Darunter Oscar-Preisträger Christoph Waltz, Everest-Bezwinger Reinhold Messner oder Liedermacher Konstantin Wecker und hunderte Schauspieler, Künstler, Journalisten, Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler oder Diplomaten aus dem linken, aber auch aus dem bürgerlichen Lager. Nach Pfingsten, am Dienstagabend,  wird Kretschmann nach Wien reisen, um im Wahlkampf des Universitätsprofessors aufzutreten. Er habe van der Bellen "als engagierten, fairen und vertrauenswürdigen Menschen kennen und schätzen gelernt, der für Demokratie, Menschenrechte, ökologische Nachhaltigkeit, gegenseitigen Respekt und Chancengleichheit" eintrete. Unter weiter: "Gerade in diesen bewegten Zeiten ist eine besonnene, weltoffene und weitsichtige Person in einem solchen Amt besonders wichtig." Hofer ist programmatisch einer der führenden Köpfe der FPÖ und damit der europäischen Rechten. Seine schlagende Verbindung Marko Germania hält wenig vom selbständigen Staat Österreich, sondern bekennt sich zu einem "deutschen Vaterland", "unabhängig von bestehenden staatlichen Grenzen". Er wäre in Mitteleuropa der erste Rechtspopulist im höchsten Amt eines Staates. (15.5.2016)


Kretschmann gewählt – CDU wieder staatstragend

Mit 82 von 142 Stimmen – bei einer Krankmeldung – ist Winfried Kretschmann zum zehnten Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg gewählt worden. Seine neue grün-schwarze Koalition wäre rein rechnerisch auf 88 Stimmen gekommen. Für einen Moment war es auch mucksmäuschenstill im Plenarsaal, bevor sich die Abgeordneten zum Applaus erhoben. Wie schon am Vortag nach der Wahl von Muhterem Aras zur Landtagspräsidentin verweigerten die Abgeordneten der AfD diese Ehrbezeugung. Zuvor hatte Kretschmann die CDU-Fraktion besucht, mit der sich Parteichef Thomas Strobl erst am Morgen ausgesöhnt hatte. Eine Probeabstimmung am Dienstag war schiefgegangen. Einzelne CDU-Abgeordnete blieben auch am Donnerstag bei ihrer ablehnenden Haltung. Es wurde dementsprechend gemutmaßt, dass die fehlenden sechs Stimmen aus der Union kommen. Sichtlich gerührt nahm Aras ihrem Parteifreund den Amtseid ab. Danach gab’s einen weißen Blumenstrauß für den grünen Regierungschef. (12.5.2016)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Flagge zeigen: Nächste Woche startet das Megaevent. Foto: Joachim E. Röttgers

Flagge zeigen: Nächste Woche startet das Megaevent. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 217
Gesellschaft

Neun Quadratmeter Harmonie

Von Susanne Stiefel
Datum: 27.05.2015
Unruhe kurz vor dem Kirchentag. Mit einem Messestand wollen die ehemaligen Korntaler Heimkinder auf erlittene Demütigungen und Missbrauch aufmerksam machen. Nun stellt dort auch die Evangelische Brüdergemeinde ihr Banner auf. Das gefällt nicht allen.

Weihnachten, das Fest der Liebe, war am schlimmsten. Dann kamen wohlmeinende Christen ins Hoffmann- und Flattichhaus und suchten sich eines der armen Heimkinder aus, das mit ihnen unterm Christbaum singen durfte. Es waren immer nur die hübschen, die mitgenommen wurden. Die weniger hübschen blieben sitzen, erinnert sich einer, der nie mitgenommen wurde: "Wir wurden ausgesucht wie Gemüse, und was faulig war, wurde ausgemustert." 

Es sind immer wieder neue Demütigungen wie diese, die auch beim nun fünften Opfertreffen Ende Mai im Korntaler Bürgertreff von der Erinnerung hochgespült werden. Eine Frau erinnert sich an den Besuch bei den amerikanischen Streitkräften und wie unangenehm ihr das war, immer bei Soldaten auf dem Schoss sitzen zu müssen. Zwei Männer ganz vorne in der Stuhlreihe tragen demonstrativ ihre weißen T-Shirts, auf denen in blutroten Lettern steht: "Missbrauchsopfer Hoffmannhaus Korntal." Das Leid, das sie als Kinder in den Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde erlitten haben, ist inzwischen unbestritten. 

Doch gestritten wird an diesem Tag um neun Quadratmeter Kirchentag. So groß ist der Stand, den die Heimopfer auf dem Stuttgarter Kirchentag beantragt und mithilfe engagierter Korntaler BürgerInnen finanziert haben. Die Opferhilfe wollte damit den traumatisierten Heimopfern helfen, öffentlich zu machen, was von der Evangelischen Brüdergemeinde über viele Monate totgeschwiegen wurde: den unchristlichen Umgang mit den Kindern in ihren Einrichtungen von den 50er- bis in die 80er-Jahre.

Kennt sich aus mit Powerpoint und Streitschlichten: Mechthild Wolff Foto: Kontext
Kennt sich aus mit Powerpoint und Streitschlichten: Mechthild Wolff Foto: Kontext

Nun befürchten die Aktivisten der Opferhilfe, dass die Betroffenen auf dem Kirchentag in den Hintergrund gedrängt werden. Seit Januar diesen Jahres gibt es eine Steuerungsgruppe um die Landshuter Professorin Mechthild Wolff, bestehend aus je drei Vertretern der Brüdergemeinde und den betroffenen Heimopfern. Und die hat nun beschlossen, beim Kirchentag gemeinsam aufzutreten.

Wie soll das gehen?, fragen sich Kritiker. Täter und Opfer auf neun Quadratmetern traut vereint und dazwischen die Frau, die seit Januar steuern soll? "Das ist doch alles nur Show", poltert Ulrich Scheuffele los, "mit dem Ziel, die Leute einzulullen." Der Vertreter der Opferhilfe befürchtet einen Schmusekurs statt klarer Positionierung und beim Kirchentag eine Demonstration von Friede, Freude, Eierkuchen.

Mechthild Wolff ist wie immer gut vorbereitet. Was beim Kirchentag passieren soll, wandert via Powerpoint an die Wand des Korntaler Bürgertreffs. Sechs Poster will sie zum Kirchentag noch vorbereiten, jeweils versehen mit dem Logo der Opferhilfe, der Brüdergemeinde und der Uni Landshut. Links und rechts am Stand wird es Aufsteller der Täter und Opfer geben. Klaus Andersen als weltlicher Vorsteher wird über die Aufarbeitung aus Brüdersicht reden, die Heimopfer über ihre Geschichte und dazwischen die umtriebige Mechthild Wolff.

Außerdem gibt es Kugelschreiber. "Aufarbeitung ist Dialog", wird darauf stehen und auch hier die drei Logos. Damit sollen Kirchentagsbesucher dazu bewegt werden, Handzettel auszufüllen mit der Frage: "Was verstehen Sie unter Aufarbeitung?" Ja, was eigentlich?

Seit Januar wird daran gearbeitet. Die evangelische Brüdergemeinde hat mit der Landshuter Professorin eine anerkannte und umtriebige Frau gewonnen. Und die hat keinen leichten Job. Lange vor ihrer Zeit ging nichts. Monate lang hat sich nichts bewegt bei der Brüdergemeinde. Monate, in denen das Misstrauen der Heimkinder und ihrer Unterstützer wuchs, dass hier eine Institution versucht, die Vorwürfe totzuschweigen und darauf hofft, dass bald Gras über die Sache wächst. Misstrauen macht vorsichtig.

Manchen der Heimopfer und ihrer Unterstützer geht die Harmonie in der Steuerungsgruppe zu schnell und die konkrete Arbeit zu langsam. "Die Treffen sind keinesfalls harmonisch oder einlullend, das können Sie mir glauben", so Mechthild Wolff gegenüber Kontext. Keinen Schmusekurs gibt es bei der Frage der Entschädigung. Die Heimopfer wollen sich nicht mit Sachleistungen abfinden, sondern Geld sehen. "Wir sind keine unmündigen Kinder mehr, wir wollen selbst entscheiden", so der Tenor auch bei diesem Opfertreffen in Korntal.

Klaus Andersen, Vorsteher der Brüdergemeinde: Entschädigung ja, Bargeld nein. Foto: Kontext
Klaus Andersen, Vorsteher der Brüdergemeinde: Entschädigung ja, Bargeld nein. Foto: Kontext

Das geht direkt an die Adresse des Mannes mit dem grauen Haar, der als Vertreter der Brüdergemeinde in ihrer Mitte sitzt. Doch Klaus Andersen stellt einmal mehr klar: Entschädigung ja, "aber es wird kein Geld auf irgendein Konto fließen". Bei diesen Treffen, zu denen er nun schon mehrfach als Gast eingeladen wurde, bekommt er direkten Einblick in die Welt der Opfer und deren Ringen um Wahrheit und ihre Würde.

Und wie sieht es mit der Aufarbeitung innerhalb der Korntaler Pietisten aus? Wird dort auch so hart gerungen? "Interne Diskussionen brauchen einen Schutzraum", wehrt Andersen ab, "aber wir sind dran." Und was will er auf dem Kirchentag erreichen? "Das ist eine Chance, einmal nicht über die Presse, sondern direkt von den Menschen eine Rückmeldung zu bekommen", sagt der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde. Er sieht sich beim Kirchentag als Gast der Opfer.

Der Streit um neun Quadratmeter Harmonie droht zu eskalieren, als eine Spenderin aufsteht und erklärt: "Für dieses Programm möchte ich nicht bezahlen." Zu sehr sei ihr dieser Auftritt beim Kirchentag auf Dialog gebürstet.  Doch die Heimkinder sehen den Kirchentag als Chance. Mit nur einer Enthaltung stimmen sie für den gemeinsamen Stand mit der Brüdergemeinde. "Wir sind angetreten als Rächer", sagt Martina Poferl, als Heimopfer Mitglied der Steuerungsgruppe, "jetzt sind wir in der Aufarbeitung." Immer seien sie nur bedauert worden, aber nie ernst genommen.

Nur wenige bleiben skeptisch und fürchten die Umarmungsstrategie. Die Brüdergemeinde wird, stellt Mechthild Wolff klar, mit zwei Tischen präsent sein. Sie selbst wird versuchen, die ehemalige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann, und ihren Nachfolger Johannes-Wilhelm Rörig an den nun gemeinsamen Tisch zu locken.

Und man darf gespannt ein, ob ihre Ankündigung wahr wird: "Da darf und soll laut und heftig gestritten werden." Vielleicht um das Buch von Detlev Zander. Der hat sein Elend inzwischen in einem Schlüsselroman verarbeitet und will es am Stand auslegen, was schon zu heftigen Debatten geführt hat. Bisher nur intern.

Info:

Das Leid der Korntaler Heimkinder wird auch auf einem Podium des Kirchentags zur Sprache kommen. Dort spricht Detlev Zander mit beim Thema "Aus der Missbrauchsdebatte klug geworden?". Der 54-Jährige aus Plattling hatte mit der Androhung einer Schadenersatzklage  gegen die Evangelische Brüdergemeinde im vergangenen Jahr den Stein erst ins Rollen gebracht. Nun diskutiert das ehemalige Heimkind des Korntaler Hoffmannhauses mit Johannes-Wilhelm Rörig, dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, der Bischöfin Kirsten Fehrs als Betroffener über seine Erfahrungen. Moderieren wird Christine Bergmann.

"Aus der Missbrauchsdebatte klug geworden?"
Samstag, 6. Juni, 11 bis 13 Uhr, Schwabenlandhalle Fellbach, Tainer Str. 7

Der Stand der Korntaler Heimopfer auf dem Kirchentag ist besetzt von Donnerstag bis Samstag, und zwar von 10.30 bis 18.30 Uhr. Ort: Neckarpark (ehemaliger Güterbahnhof Bad Cannstatt) ZH16 – AO3 in der Zelthalle 16


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

Kommentare

Angelika Oetken, 31.05.2015 11:51
Wie die für die Institutionen Verantwortlichen, häufig auch "Täterorganisationen" genannt, ihre Strategien entwickeln tun es ihre Opfer natürlich auch. Im Unterschied zu den Funktionären, die finanziell gut ausgestattet, politisch optimal vernetzt und mit beruflichem Hintergrund in die Auseinandersetzung ziehen, fehlt es den Betroffenen und ihren UnterstützerInnen meistens an Geld, Unterstützung und Expertise. Abgesehen davon hat die Opferseite auch sozial und emotional die schlechteren Karten. Erstmal.

Wie oben schon erwähnt, begleite ich einige Opferorganisationen im Kampf mit ihren Tätern und deren Verbündeten. Ich möchte jetzt aus meiner - rein subjektiven Sicht - darlegen, worauf institutionell Betroffene achten sollten, wenn sie etwas erreichen möchten:

1. sich klar machen, welche Anliegen bestehen. Bei jedem Einzelnen und als Schnittmenge in der Gruppe
2. diese Anliegen konkretisieren, d.h. überprüfbar machen, sonst können weder Erfolge noch Strategien klar erfasst werden
3. sich als Gruppe professionelle, unabhängige Begleitung holen. Das kann ein bezahlter Berater sein oder jemand, der mit so etwas vertraut ist und ehrenamtlich arbeitet. Jeder einzelne Akteur sollte aus Rücksicht auf sich und andere sicher stellen, dass er sich gegebenenfalls schnell therapeutische oder supervisorische Hilfe holen kann
4. die verschiedenen Bedürfnisse den entsprechenden Lebensphasen zuordnen. Anliegen, die aus der Kindheit herrühren auch als solche werten, aktuelle im Hier-und Jetzt verorten. Für deren Befriedigung die jeweils passenden Adressaten kennen. D.h. nicht jedes auch noch so verständliche Bedürfnis kann von den für die Institution Verantwortlichen erfüllt werden. Das gilt erst recht für eigene Mitstreiter. Wenn sie für die Regulation der eigenen Gefühle herhalten müssen ist Streit und Überforderung vorprogrammiert
5. die emotionale Haltung immer wieder überprüfen. Dasselbe gilt für Schwächen. Unterbleibt das, hat die gegnerische Seite leichtes Spiel, das für ihre Zwecke zu nutzen
6. Sich immer klar machen, dass man es bei den Akteuren in den Institutionen und den von ihnen beauftragten Menschen mit Funktionären zu tun hat. Während man selbst seine ureigensten, manchmal sogar ganz intimen Interessen vertritt. Reaktionen der Verantwortlichen, die "kühl" wirken, können auch ganz einfach ein Zeichen professioneller Distanz sein
7. Immer versuchen, Vorgänge zu versachlichen. Die Gegenseite wird ein Interesse daran haben, ihre Situation dramatischer erscheinen zu lassen als sie ist. Versuchen Sie, sich hiervon unbeeindruckt zu zeigen. Bleiben Sie bei der Sache. Lassen Sie sich weder auf Mitleid heischendes noch auf provokatives Verhalten ein
8. Nehmen Sie bei der Entwicklung ihrer Strategien eine erwachsene Perspektive ein. Versuchen Sie nicht aus den Akteuren "bessere" Menschen zu machen. Wo innerhalb von Institutionen wider besseren Wissens MissbraucherInnen nicht die notwendigen Grenzen gesetzt wurden, stimmt etwas mit der Haltung und den Werten der Institution nicht. Sie als Opfer konnten nichts dafür, dass man Sie in der Kindheit einer solch fragwürdigen Organisation ausgesetzt hat. Aber die für die Organisation Verantwortlichen haben eindeutig falsch gehandelt. Und zwar als Erwachsene. Dies kann dazu führen, dass alle, Opfer und die Täterorganisation ihre Haltungen überprüfen und ggf. revidieren müssen. Das verunsichert und setzt viele Emotionen frei
9. Lassen Sie sich nicht spalten. Nicht durch Diffamierung, Korruption, Schmeicheleien, Versprechungen. Falls dieser Prozess schon im Gange ist: sofort Hilfe holen. Von außen, von einer unabhängigen Stelle. Wo es schon eskaliert, eignet sich eine Mediation. Langfristig ist Supervision und Organsiationsberatung sinnvoll
10. Nicht vergessen: die Täterorgansiationen haben viel zu verlieren. Deren Funktionären ist ganz klar, dass bei ernst gemeinter Aufklärung viele Fehlentwicklungen offenbar werden können. Über die Missbrauchskriminalität hinaus. Manchen ging es aber in der Vergangenheit so gut, dass sie leichtsinnig und/oder überheblich werden. Rechnen Sie damit, dass das nicht nur Ihnen als Opfer auffällt und aufstößt, sondern auch der Öffentlichkeit. Und den politisch Verantwortlichen
11. Wenn Sie es mit Hilfe der Medien und Ihrer UnterstützerInnen schaffen, dass die Täterorganisation so wahrgenommen wird wie sie ist, dann haben Sie eigentlich schon gewonnen. Man wird von ihr abrücken, sie wird Subventionen verlieren. Ein Prozess der Implosion wird einsetzen. Entweder reißt dann der Teil der Verantwortlichen, der vernünftig ist das Ruder rum oder die Institution zerfasert

Alles Gute wünscht
Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

Isolde Vetter, 29.05.2015 23:35
Ich war bei diesem 5. Opfertreffen anwesend, und "als eine Spenderin aufsteht und erklärt: 'Für dieses Programm möchte ich nicht bezahlen'", erklärte sie weiter, dass sie ihre Spende in Höhe von 900 Euro aufrechterhalte und nach dem Kirchentag den Heimopfern zweckgebunden, z.B. für Fahrten aus deren entfernteren Wohnorten, zukommen lasse. Dies war im Bericht weggelassen worden, weswegen ich bei der Verfasserin S. Stiefel sowie bei der Redaktion intervenierte, jedoch ohne Erfolg.

Ulrich Scheuffele, 28.05.2015 17:20
ich hatte vor die Podiumsdiskussion in der Schwabenlandhalle in Fellbach zu besuchen, als ich heute im Kita-Büro angerufen haben und mich nach dem Eintrittspreis erkundigte, wurde mir gesagt man kommt nur mit einem Tagesausweis dort rein und der Kostet 33 Euro.
Und somit war diese Veranstaltung für mich abgehakt.

Angelika Oetken, 27.05.2015 22:55
Die Brüdergemeinde Korntal agiert ähnlich wie andere Organisationen in vergleichbarer Situation es ihr vorgemacht haben. Dazu gehören der Jesuitenorden, der unter Anderem die Canisiusschule und das Aloisiuskolleg betreibt, die Odenwaldschule, die Nordelbische Kirche, die Deutsche Bischofskonferenz, verschiedene Bistümer, die Heime in Aulhausen....Und sowieso fast alle Institutionen, die in im Laufe der vergangenen Jahre in die Schlagzeilen gerieten.

Die angewendeten Strategien sind eigentlich Blaupausen:

1. Leugnen
2. wenn etwas zugegeben wird, dann nur häppchenweise und auf massiven äußeren Druck
3. Opfern, die Belege für den Missbrauch haben, unter der Hand Geld anbieten
4. versuchen, so viele Informationen wie möglich von den Opfern zu erhalten
5. es darauf anlegen, den Ruf von Betroffenen, die als Frontleute auftreten zu schädigen
6. Einfluss auf die Medien nehmen
7. Opfergruppen und ihre UnterstützerInnen einschüchtern
8. Beweise, Hinweise und Belege zur Begleit- und Beschaffungskriminalität beseitigen. Dazu gehören Unterschlagung, Betrug, Veruntreung, Korruption
9. Falls die Opfer die Medien und die Öffentlichkeit auf ihre Seite bekommen: nachgeben. Scheinbar
10. Alles daran setzen, die Kontrolle über die Aufklärung und Aufarbeitung zu bekommen und zu behalten
11. Zerknirschung mimen, so tun als zeige man Einsicht
12. Gleichzeitig die Missbrauchsverbrechen herunterspielen
13. die Schwächen, Erwartungen und Bedürfnisse der Betroffenen erfassen und für die eigenen Zwecke ausnutzen. Je nachdem Schmeicheln, Trösten, Versprechungen machen
14. eine Aufarbeitungskommission einberufen. Nach Möglichkeit Personen dort hineinsetzen, die von einem abhängig sind oder gemacht werden können
15. Emotionalen Druck aufbauen, die eigene Lage dramatisieren, unterschwellig Vorwürfe platzieren
16. immer wieder dezent das "Verzeihen" bzw. "Vergebung" einfordern, das setzt die Opfer unter Druck
17. Wenn über Geld geredet wird, dann nur vage Angaben machen
18. Auf Zeit spielen, versuchen alles auszusitzen
19. Und ganz wichtig: die Gruppe der Opfer und ihrer UnterstützerInnen zu spalten versuchen

Die Jesuiten, die Deutsche Bischofskonferenz, die Odenwaldschule und die anderen oben aufgezählten waren damit erfolgreich. Oder hören wir noch irgendwas von Verhandlungen über Schmerzensgeld? Von ernst gemeinter Aufarbeitung?

Und wie es aussieht, werden auch die Korntaler Brüder damit davon kommen. Es sei denn, weder die Öffentlichkeit, noch die Medien und erst recht die Opfer lassen sich einlullen und täuschen.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: ich kann die auf Seiten der Brüdergemeinde Verantwortlichen verstehen. Ihre Existenz steht auf dem Spiel. Falls die Diakonie nämlich wirklich Federn lassen muss, um den vielen Opfern der Korntaler Einrichtungen zu helfen, könnte das dazu führen, dass der Einfluss und die Bedeutung der Brüdergemeinde rapide sinkt. Freunde hat man vor Allem dann, wenn man was zu bieten hat. Und das hatten die Brüder bisher. Sie holten viel aus den öffentlichen Geldern, die sie für ihre Einrichtungen bekamen heraus. Aber wenn dieser Schutz abnimmt, die Medien sich vielleicht sogar dafür zu interessieren beginnen, auf welche Weise die Brüdergemeinde zu Vermögen und Macht kam, dann könnte das sehr zum Nachteil dieser evangelikalen Missionsvereinigung sein. Falls dann noch wichtige Verbündete abrücken, Bischöfe z.B. oder einflussreiche Politiker: gute Nacht.

Möglicherweise würden einige der Verantwortlichen dort landen, wo viele ihrer Opfer sich befinden: ganz unten.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 269 / Ein Tunnel blamiert die Kanzlerin / Müller, 27.05.2016 11:19
Ich hätte nicht gedacht, dass ich so viel Zustimmung für meinen Kommentar erhalte. Wenn die meisten dem Knowhow der Ingenieure vertrauen, könnten wir dann in Zukunft die Märchen von kippenden Bahnhofs- und Fernsehtürmen, vom sooo...

Ausgabe 269 / Pressefotografen außer Gefecht / Rechtsanwalt a.D., 27.05.2016 09:45
´@ Laie und Fox: Das ist ja das Problem: Die Staatsanwaltschaft kann Anklage erheben, dann gibt's einen Strafprozess, der jedoch keine Widerklage kennt.

Ausgabe 269 / Drei Zimmer, Küche, Monatslohn / Recht auf Stadt Freiburg, 27.05.2016 09:42
Freiburg braucht eine neue Wohnungspolitik! - Diskussion kritisiert (nicht nur) die Stadtbau https://rdl.de/beitrag/freiburg-braucht-eine-neue-wohnungpolitik-diskussion-kritisiert-nicht-nur-die-stadtbau

Ausgabe 269 / Ein Tunnel blamiert die Kanzlerin / Rolf Schmid, 26.05.2016 22:22
Lieber Hermann G. Abmayr, diese Kanzlerin hat sehr viel mehr und schlimmeres zu verantworten als die noch immer nicht ausgebaute Rheintalbahnstrecke. Deshalb wird sie bei der Eröffnung des Jahrhunderttunnels in der Schweiz am 1. Juni...

Ausgabe 269 / 31 026 Stimmen / Rolf Steiner, 26.05.2016 15:43
>>>> ophir, 25.05.2016 07:57 bitte den jetzt schon gut erkennbaren Wahlbetrug im FPÖ-Vorzeige-Land Kärnten zur Kenntnis nehmen und das altbekannte Rechtsaußen-Spielchen, "die anderen sind die Betrüger" auch mal auf die FPÖ anwenden. ...

Ausgabe 269 / 31 026 Stimmen / Rolf Steiner, 26.05.2016 15:30
Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang aktuelle Meldungen (26.4.16) , dass im Haider-Gedächtnis-Land Kärnten schon vor dem korrekten Termin die Wahlkarten ausgezählt wurden. Das österr. Innenministerium hat...

Ausgabe 269 / Völker, hört die Signale! / Manfred Fröhlich, 26.05.2016 15:14
Trump, Orbán, Höcke, AfD, Petry, Meuthen, UKIP … „Gut gewettert“ - Herr Grohmann. Wohltuend!

Ausgabe 269 / Ein Tunnel blamiert die Kanzlerin / Demokrator, 26.05.2016 14:58
Und mit der Demokratie hast Du es wohl nicht so, "Ansgar"? China ist übrigens eine Diktatur und wir (noch) ein freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat. Aber manche traurigen Gestalten wollen scheint's schon lieber wieder in ersterem...

Ausgabe 269 / Völker, hört die Signale! / Peter Grohmann, 26.05.2016 13:55
...ferner: In Österreich hat es den Anschein, als wäre dort die Korruption erfunden worden. Burschenschaften, Seilschaften, Bünde und Verbände regieren seit jeher und haben ein erfolgreiches und prosperiendes Land ermöglicht, weil...

Ausgabe 269 / Völker, hört die Signale! / Peter Grohmann, 26.05.2016 13:45
Es muss niemand madig gemacht werden, der schon madig ist - das ist das Problem. Wir linken partei- und gottlob heimatlosen Sozialdemokraten haben doch nun wirklich die SPD unverdient hinten und vorne jahrelang unterstützt- aber nicht...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!