KONTEXT Extra:
Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Flagge zeigen: Nächste Woche startet das Megaevent. Foto: Joachim E. Röttgers

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Ausgabe 217
Gesellschaft

Neun Quadratmeter Harmonie

Von Susanne Stiefel
Datum: 27.05.2015
Unruhe kurz vor dem Kirchentag. Mit einem Messestand wollen die ehemaligen Korntaler Heimkinder auf erlittene Demütigungen und Missbrauch aufmerksam machen. Nun stellt dort auch die Evangelische Brüdergemeinde ihr Banner auf. Das gefällt nicht allen.

Weihnachten, das Fest der Liebe, war am schlimmsten. Dann kamen wohlmeinende Christen ins Hoffmann- und Flattichhaus und suchten sich eines der armen Heimkinder aus, das mit ihnen unterm Christbaum singen durfte. Es waren immer nur die hübschen, die mitgenommen wurden. Die weniger hübschen blieben sitzen, erinnert sich einer, der nie mitgenommen wurde: "Wir wurden ausgesucht wie Gemüse, und was faulig war, wurde ausgemustert." 

Es sind immer wieder neue Demütigungen wie diese, die auch beim nun fünften Opfertreffen Ende Mai im Korntaler Bürgertreff von der Erinnerung hochgespült werden. Eine Frau erinnert sich an den Besuch bei den amerikanischen Streitkräften und wie unangenehm ihr das war, immer bei Soldaten auf dem Schoss sitzen zu müssen. Zwei Männer ganz vorne in der Stuhlreihe tragen demonstrativ ihre weißen T-Shirts, auf denen in blutroten Lettern steht: "Missbrauchsopfer Hoffmannhaus Korntal." Das Leid, das sie als Kinder in den Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde erlitten haben, ist inzwischen unbestritten. 

Doch gestritten wird an diesem Tag um neun Quadratmeter Kirchentag. So groß ist der Stand, den die Heimopfer auf dem Stuttgarter Kirchentag beantragt und mithilfe engagierter Korntaler BürgerInnen finanziert haben. Die Opferhilfe wollte damit den traumatisierten Heimopfern helfen, öffentlich zu machen, was von der Evangelischen Brüdergemeinde über viele Monate totgeschwiegen wurde: den unchristlichen Umgang mit den Kindern in ihren Einrichtungen von den 50er- bis in die 80er-Jahre.

Kennt sich aus mit Powerpoint und Streitschlichten: Mechthild Wolff Foto: Kontext
Kennt sich aus mit Powerpoint und Streitschlichten: Mechthild Wolff Foto: Kontext

Nun befürchten die Aktivisten der Opferhilfe, dass die Betroffenen auf dem Kirchentag in den Hintergrund gedrängt werden. Seit Januar diesen Jahres gibt es eine Steuerungsgruppe um die Landshuter Professorin Mechthild Wolff, bestehend aus je drei Vertretern der Brüdergemeinde und den betroffenen Heimopfern. Und die hat nun beschlossen, beim Kirchentag gemeinsam aufzutreten.

Wie soll das gehen?, fragen sich Kritiker. Täter und Opfer auf neun Quadratmetern traut vereint und dazwischen die Frau, die seit Januar steuern soll? "Das ist doch alles nur Show", poltert Ulrich Scheuffele los, "mit dem Ziel, die Leute einzulullen." Der Vertreter der Opferhilfe befürchtet einen Schmusekurs statt klarer Positionierung und beim Kirchentag eine Demonstration von Friede, Freude, Eierkuchen.

Mechthild Wolff ist wie immer gut vorbereitet. Was beim Kirchentag passieren soll, wandert via Powerpoint an die Wand des Korntaler Bürgertreffs. Sechs Poster will sie zum Kirchentag noch vorbereiten, jeweils versehen mit dem Logo der Opferhilfe, der Brüdergemeinde und der Uni Landshut. Links und rechts am Stand wird es Aufsteller der Täter und Opfer geben. Klaus Andersen als weltlicher Vorsteher wird über die Aufarbeitung aus Brüdersicht reden, die Heimopfer über ihre Geschichte und dazwischen die umtriebige Mechthild Wolff.

Außerdem gibt es Kugelschreiber. "Aufarbeitung ist Dialog", wird darauf stehen und auch hier die drei Logos. Damit sollen Kirchentagsbesucher dazu bewegt werden, Handzettel auszufüllen mit der Frage: "Was verstehen Sie unter Aufarbeitung?" Ja, was eigentlich?

Seit Januar wird daran gearbeitet. Die evangelische Brüdergemeinde hat mit der Landshuter Professorin eine anerkannte und umtriebige Frau gewonnen. Und die hat keinen leichten Job. Lange vor ihrer Zeit ging nichts. Monate lang hat sich nichts bewegt bei der Brüdergemeinde. Monate, in denen das Misstrauen der Heimkinder und ihrer Unterstützer wuchs, dass hier eine Institution versucht, die Vorwürfe totzuschweigen und darauf hofft, dass bald Gras über die Sache wächst. Misstrauen macht vorsichtig.

Manchen der Heimopfer und ihrer Unterstützer geht die Harmonie in der Steuerungsgruppe zu schnell und die konkrete Arbeit zu langsam. "Die Treffen sind keinesfalls harmonisch oder einlullend, das können Sie mir glauben", so Mechthild Wolff gegenüber Kontext. Keinen Schmusekurs gibt es bei der Frage der Entschädigung. Die Heimopfer wollen sich nicht mit Sachleistungen abfinden, sondern Geld sehen. "Wir sind keine unmündigen Kinder mehr, wir wollen selbst entscheiden", so der Tenor auch bei diesem Opfertreffen in Korntal.

Klaus Andersen, Vorsteher der Brüdergemeinde: Entschädigung ja, Bargeld nein. Foto: Kontext
Klaus Andersen, Vorsteher der Brüdergemeinde: Entschädigung ja, Bargeld nein. Foto: Kontext

Das geht direkt an die Adresse des Mannes mit dem grauen Haar, der als Vertreter der Brüdergemeinde in ihrer Mitte sitzt. Doch Klaus Andersen stellt einmal mehr klar: Entschädigung ja, "aber es wird kein Geld auf irgendein Konto fließen". Bei diesen Treffen, zu denen er nun schon mehrfach als Gast eingeladen wurde, bekommt er direkten Einblick in die Welt der Opfer und deren Ringen um Wahrheit und ihre Würde.

Und wie sieht es mit der Aufarbeitung innerhalb der Korntaler Pietisten aus? Wird dort auch so hart gerungen? "Interne Diskussionen brauchen einen Schutzraum", wehrt Andersen ab, "aber wir sind dran." Und was will er auf dem Kirchentag erreichen? "Das ist eine Chance, einmal nicht über die Presse, sondern direkt von den Menschen eine Rückmeldung zu bekommen", sagt der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde. Er sieht sich beim Kirchentag als Gast der Opfer.

Der Streit um neun Quadratmeter Harmonie droht zu eskalieren, als eine Spenderin aufsteht und erklärt: "Für dieses Programm möchte ich nicht bezahlen." Zu sehr sei ihr dieser Auftritt beim Kirchentag auf Dialog gebürstet.  Doch die Heimkinder sehen den Kirchentag als Chance. Mit nur einer Enthaltung stimmen sie für den gemeinsamen Stand mit der Brüdergemeinde. "Wir sind angetreten als Rächer", sagt Martina Poferl, als Heimopfer Mitglied der Steuerungsgruppe, "jetzt sind wir in der Aufarbeitung." Immer seien sie nur bedauert worden, aber nie ernst genommen.

Nur wenige bleiben skeptisch und fürchten die Umarmungsstrategie. Die Brüdergemeinde wird, stellt Mechthild Wolff klar, mit zwei Tischen präsent sein. Sie selbst wird versuchen, die ehemalige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann, und ihren Nachfolger Johannes-Wilhelm Rörig an den nun gemeinsamen Tisch zu locken.

Und man darf gespannt ein, ob ihre Ankündigung wahr wird: "Da darf und soll laut und heftig gestritten werden." Vielleicht um das Buch von Detlev Zander. Der hat sein Elend inzwischen in einem Schlüsselroman verarbeitet und will es am Stand auslegen, was schon zu heftigen Debatten geführt hat. Bisher nur intern.

Info:

Das Leid der Korntaler Heimkinder wird auch auf einem Podium des Kirchentags zur Sprache kommen. Dort spricht Detlev Zander mit beim Thema "Aus der Missbrauchsdebatte klug geworden?". Der 54-Jährige aus Plattling hatte mit der Androhung einer Schadenersatzklage  gegen die Evangelische Brüdergemeinde im vergangenen Jahr den Stein erst ins Rollen gebracht. Nun diskutiert das ehemalige Heimkind des Korntaler Hoffmannhauses mit Johannes-Wilhelm Rörig, dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, der Bischöfin Kirsten Fehrs als Betroffener über seine Erfahrungen. Moderieren wird Christine Bergmann.

"Aus der Missbrauchsdebatte klug geworden?"
Samstag, 6. Juni, 11 bis 13 Uhr, Schwabenlandhalle Fellbach, Tainer Str. 7

Der Stand der Korntaler Heimopfer auf dem Kirchentag ist besetzt von Donnerstag bis Samstag, und zwar von 10.30 bis 18.30 Uhr. Ort: Neckarpark (ehemaliger Güterbahnhof Bad Cannstatt) ZH16 – AO3 in der Zelthalle 16


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Kommentare

Angelika Oetken, 31.05.2015 11:51
Wie die für die Institutionen Verantwortlichen, häufig auch "Täterorganisationen" genannt, ihre Strategien entwickeln tun es ihre Opfer natürlich auch. Im Unterschied zu den Funktionären, die finanziell gut ausgestattet, politisch optimal vernetzt und mit beruflichem Hintergrund in die Auseinandersetzung ziehen, fehlt es den Betroffenen und ihren UnterstützerInnen meistens an Geld, Unterstützung und Expertise. Abgesehen davon hat die Opferseite auch sozial und emotional die schlechteren Karten. Erstmal.

Wie oben schon erwähnt, begleite ich einige Opferorganisationen im Kampf mit ihren Tätern und deren Verbündeten. Ich möchte jetzt aus meiner - rein subjektiven Sicht - darlegen, worauf institutionell Betroffene achten sollten, wenn sie etwas erreichen möchten:

1. sich klar machen, welche Anliegen bestehen. Bei jedem Einzelnen und als Schnittmenge in der Gruppe
2. diese Anliegen konkretisieren, d.h. überprüfbar machen, sonst können weder Erfolge noch Strategien klar erfasst werden
3. sich als Gruppe professionelle, unabhängige Begleitung holen. Das kann ein bezahlter Berater sein oder jemand, der mit so etwas vertraut ist und ehrenamtlich arbeitet. Jeder einzelne Akteur sollte aus Rücksicht auf sich und andere sicher stellen, dass er sich gegebenenfalls schnell therapeutische oder supervisorische Hilfe holen kann
4. die verschiedenen Bedürfnisse den entsprechenden Lebensphasen zuordnen. Anliegen, die aus der Kindheit herrühren auch als solche werten, aktuelle im Hier-und Jetzt verorten. Für deren Befriedigung die jeweils passenden Adressaten kennen. D.h. nicht jedes auch noch so verständliche Bedürfnis kann von den für die Institution Verantwortlichen erfüllt werden. Das gilt erst recht für eigene Mitstreiter. Wenn sie für die Regulation der eigenen Gefühle herhalten müssen ist Streit und Überforderung vorprogrammiert
5. die emotionale Haltung immer wieder überprüfen. Dasselbe gilt für Schwächen. Unterbleibt das, hat die gegnerische Seite leichtes Spiel, das für ihre Zwecke zu nutzen
6. Sich immer klar machen, dass man es bei den Akteuren in den Institutionen und den von ihnen beauftragten Menschen mit Funktionären zu tun hat. Während man selbst seine ureigensten, manchmal sogar ganz intimen Interessen vertritt. Reaktionen der Verantwortlichen, die "kühl" wirken, können auch ganz einfach ein Zeichen professioneller Distanz sein
7. Immer versuchen, Vorgänge zu versachlichen. Die Gegenseite wird ein Interesse daran haben, ihre Situation dramatischer erscheinen zu lassen als sie ist. Versuchen Sie, sich hiervon unbeeindruckt zu zeigen. Bleiben Sie bei der Sache. Lassen Sie sich weder auf Mitleid heischendes noch auf provokatives Verhalten ein
8. Nehmen Sie bei der Entwicklung ihrer Strategien eine erwachsene Perspektive ein. Versuchen Sie nicht aus den Akteuren "bessere" Menschen zu machen. Wo innerhalb von Institutionen wider besseren Wissens MissbraucherInnen nicht die notwendigen Grenzen gesetzt wurden, stimmt etwas mit der Haltung und den Werten der Institution nicht. Sie als Opfer konnten nichts dafür, dass man Sie in der Kindheit einer solch fragwürdigen Organisation ausgesetzt hat. Aber die für die Organisation Verantwortlichen haben eindeutig falsch gehandelt. Und zwar als Erwachsene. Dies kann dazu führen, dass alle, Opfer und die Täterorganisation ihre Haltungen überprüfen und ggf. revidieren müssen. Das verunsichert und setzt viele Emotionen frei
9. Lassen Sie sich nicht spalten. Nicht durch Diffamierung, Korruption, Schmeicheleien, Versprechungen. Falls dieser Prozess schon im Gange ist: sofort Hilfe holen. Von außen, von einer unabhängigen Stelle. Wo es schon eskaliert, eignet sich eine Mediation. Langfristig ist Supervision und Organsiationsberatung sinnvoll
10. Nicht vergessen: die Täterorgansiationen haben viel zu verlieren. Deren Funktionären ist ganz klar, dass bei ernst gemeinter Aufklärung viele Fehlentwicklungen offenbar werden können. Über die Missbrauchskriminalität hinaus. Manchen ging es aber in der Vergangenheit so gut, dass sie leichtsinnig und/oder überheblich werden. Rechnen Sie damit, dass das nicht nur Ihnen als Opfer auffällt und aufstößt, sondern auch der Öffentlichkeit. Und den politisch Verantwortlichen
11. Wenn Sie es mit Hilfe der Medien und Ihrer UnterstützerInnen schaffen, dass die Täterorganisation so wahrgenommen wird wie sie ist, dann haben Sie eigentlich schon gewonnen. Man wird von ihr abrücken, sie wird Subventionen verlieren. Ein Prozess der Implosion wird einsetzen. Entweder reißt dann der Teil der Verantwortlichen, der vernünftig ist das Ruder rum oder die Institution zerfasert

Alles Gute wünscht
Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

Isolde Vetter, 29.05.2015 23:35
Ich war bei diesem 5. Opfertreffen anwesend, und "als eine Spenderin aufsteht und erklärt: 'Für dieses Programm möchte ich nicht bezahlen'", erklärte sie weiter, dass sie ihre Spende in Höhe von 900 Euro aufrechterhalte und nach dem Kirchentag den Heimopfern zweckgebunden, z.B. für Fahrten aus deren entfernteren Wohnorten, zukommen lasse. Dies war im Bericht weggelassen worden, weswegen ich bei der Verfasserin S. Stiefel sowie bei der Redaktion intervenierte, jedoch ohne Erfolg.

Ulrich Scheuffele, 28.05.2015 17:20
ich hatte vor die Podiumsdiskussion in der Schwabenlandhalle in Fellbach zu besuchen, als ich heute im Kita-Büro angerufen haben und mich nach dem Eintrittspreis erkundigte, wurde mir gesagt man kommt nur mit einem Tagesausweis dort rein und der Kostet 33 Euro.
Und somit war diese Veranstaltung für mich abgehakt.

Angelika Oetken, 27.05.2015 22:55
Die Brüdergemeinde Korntal agiert ähnlich wie andere Organisationen in vergleichbarer Situation es ihr vorgemacht haben. Dazu gehören der Jesuitenorden, der unter Anderem die Canisiusschule und das Aloisiuskolleg betreibt, die Odenwaldschule, die Nordelbische Kirche, die Deutsche Bischofskonferenz, verschiedene Bistümer, die Heime in Aulhausen....Und sowieso fast alle Institutionen, die in im Laufe der vergangenen Jahre in die Schlagzeilen gerieten.

Die angewendeten Strategien sind eigentlich Blaupausen:

1. Leugnen
2. wenn etwas zugegeben wird, dann nur häppchenweise und auf massiven äußeren Druck
3. Opfern, die Belege für den Missbrauch haben, unter der Hand Geld anbieten
4. versuchen, so viele Informationen wie möglich von den Opfern zu erhalten
5. es darauf anlegen, den Ruf von Betroffenen, die als Frontleute auftreten zu schädigen
6. Einfluss auf die Medien nehmen
7. Opfergruppen und ihre UnterstützerInnen einschüchtern
8. Beweise, Hinweise und Belege zur Begleit- und Beschaffungskriminalität beseitigen. Dazu gehören Unterschlagung, Betrug, Veruntreung, Korruption
9. Falls die Opfer die Medien und die Öffentlichkeit auf ihre Seite bekommen: nachgeben. Scheinbar
10. Alles daran setzen, die Kontrolle über die Aufklärung und Aufarbeitung zu bekommen und zu behalten
11. Zerknirschung mimen, so tun als zeige man Einsicht
12. Gleichzeitig die Missbrauchsverbrechen herunterspielen
13. die Schwächen, Erwartungen und Bedürfnisse der Betroffenen erfassen und für die eigenen Zwecke ausnutzen. Je nachdem Schmeicheln, Trösten, Versprechungen machen
14. eine Aufarbeitungskommission einberufen. Nach Möglichkeit Personen dort hineinsetzen, die von einem abhängig sind oder gemacht werden können
15. Emotionalen Druck aufbauen, die eigene Lage dramatisieren, unterschwellig Vorwürfe platzieren
16. immer wieder dezent das "Verzeihen" bzw. "Vergebung" einfordern, das setzt die Opfer unter Druck
17. Wenn über Geld geredet wird, dann nur vage Angaben machen
18. Auf Zeit spielen, versuchen alles auszusitzen
19. Und ganz wichtig: die Gruppe der Opfer und ihrer UnterstützerInnen zu spalten versuchen

Die Jesuiten, die Deutsche Bischofskonferenz, die Odenwaldschule und die anderen oben aufgezählten waren damit erfolgreich. Oder hören wir noch irgendwas von Verhandlungen über Schmerzensgeld? Von ernst gemeinter Aufarbeitung?

Und wie es aussieht, werden auch die Korntaler Brüder damit davon kommen. Es sei denn, weder die Öffentlichkeit, noch die Medien und erst recht die Opfer lassen sich einlullen und täuschen.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: ich kann die auf Seiten der Brüdergemeinde Verantwortlichen verstehen. Ihre Existenz steht auf dem Spiel. Falls die Diakonie nämlich wirklich Federn lassen muss, um den vielen Opfern der Korntaler Einrichtungen zu helfen, könnte das dazu führen, dass der Einfluss und die Bedeutung der Brüdergemeinde rapide sinkt. Freunde hat man vor Allem dann, wenn man was zu bieten hat. Und das hatten die Brüder bisher. Sie holten viel aus den öffentlichen Geldern, die sie für ihre Einrichtungen bekamen heraus. Aber wenn dieser Schutz abnimmt, die Medien sich vielleicht sogar dafür zu interessieren beginnen, auf welche Weise die Brüdergemeinde zu Vermögen und Macht kam, dann könnte das sehr zum Nachteil dieser evangelikalen Missionsvereinigung sein. Falls dann noch wichtige Verbündete abrücken, Bischöfe z.B. oder einflussreiche Politiker: gute Nacht.

Möglicherweise würden einige der Verantwortlichen dort landen, wo viele ihrer Opfer sich befinden: ganz unten.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

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