KONTEXT Extra:
Fahrverbote beschlossen – Nordost-Ring vom Tisch

Wie ein Gespenst geisterte seit Wochen ein vor fast 40 Jahren beerdigtes Verkehrsprojekt durch die Debatte um Feinstaubalarmtage und Fahrverbote in der Landeshauptstadt: der Nordost-Ring. Jetzt hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) allen Spekulationen eine Absage erteilt. Auch deswegen, weil die Baumaßnahme entgegen den Behauptungen von Teilen der CDU keineswegs bereits im Bundesverkehrswegeplan steht. "Dort geht es um neun Kilometer der B 29", so Hermann nach dem heutigen Kabinettsbeschluss zu Fahrverboten ab 1.1.2018 an Feinstaubtagen, den schlussendlich auch die CDU-Landtagsfraktion mittrug.

Prompt gab es Lob von Umwelt- und Naturschützern. Hermann habe erkannt, so die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, "wenn nicht zeitnah effiziente Maßnahmen greifen, so werden die Gerichte die Entscheidungen zum Schutze der Bürger*innen treffen und die Politik das Heft aus der Hand geben müssen". Die Stuttgarter CDU ist noch nicht ganz so weit. Für den Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann sind Fahrverbote weiterhin "politisch klar abzulehnen". Und er träumt von Nordost-Ring: Jetzt gelte es "endlich neue Verkehrsprojekte wie den Nord-Ost-Ring auf den Weg zu bringen". Hermann machte dagegen deutlich, dass das nach dem eben erst in Kraft gesetzten Bundesverkehrswegeplan gar nicht möglich ist. 

In den Sechzigern und Siebzigern waren zwei Varianten durchdacht worden: eine größere mit einem Autobahnzubringer bei Mundelsheim und eine kleinere etwa auf der Gemarkungsgrenze zwischen Waiblingen und Fellbach. Schon damals vertraten Verkehrswissenschaftler allerdings die Ansicht, dass ein Ringschluss rund um Stuttgaart weniger die Stadt, sondern die Autobahnen im Westen und Süden entlasten würde.


Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kirche ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Ausgabe 211
Gesellschaft

Löschtrupp mit Bahncard

Von Jürgen Lessat
Datum: 15.04.2015
Wenn ein Brand das Leben vieler Menschen gefährden oder großen Sachschaden anrichten könnte, dann verlangt das Gesetz von Firmen, eine eigene Werkfeuerwehr aufzustellen. Ausnahmefall Stuttgart 21: Beim Tunnelbahnhof hält die Aufsichtsbehörde keine bahneigenen Feuerwehrmänner für nötig.

Der Autobauer Daimler hat eine, der Hightech-Konzern Bosch auch. Und selbstverständlich sind am Stuttgarter Flughafen rund um die Uhr betriebseigene Feuerwehrleute im Dienst, um im Notfall schnell Leib und Leben von Menschen zu retten. Eine Werkfeuerwehr unterhalten die betreffenden Unternehmen zudem, um teure Maschinen vor Flammen zu schützen, wirtschaftliche Einbußen durch Anlagenausfall zu verhindern und, last, but not least, die Umwelt vor gefährlichen Rauch- und Giftstoffen zu bewahren.

Mit ein Grund, Feuerwehrleute mit Betriebsausweis zu beschäftigen, sind die spezifischen Bedingungen, die Rettungseinsätze in großen Werkhallen oder verunglückten Flugzeugen verlangen.

Werkfeuerwehr des Flughafens Stuttgart. Foto: Flughafen Stuttgart
Werkfeuerwehr des Flughafens Stuttgart. Foto: Flughafen Stuttgart

Ohne spezielle Kenntnisse und Ausrüstung bei der Brandbekämpfung wären die Einsatzkräfte in manchen Fällen zum hilflosen Zuschauen verurteilt. Bundesweit gibt es derzeit rund 780 Werkfeuerwehren mit etwa 31 700 Angehörigen. In Jahr 2012 rückten sie zu 184 799 Einsätzen aus.

Internationale Konzerne wie landeseigene Flughafengesellschaft haben Floriansjünger nicht nur aus Eigennutz auf ihren Gehaltslisten. Der Gesetzgeber fordert es. Im baden-württembergischen Feuerwehrgesetz ist es der Paragraf 19, Absatz 4, der von Betrieben, Institutionen und Verwaltungen verlangt, eine Werkfeuerwehr aufzustellen, auszurüsten und zu unterhalten, um Brände und Unglücke, die viele Opfer, erhebliche Sachschäden sowie weitreichende Umweltverschmutzungen zur Folge haben können, zu verhindern.

Für die Rettung der Menschen bleibt nur wenig Zeit

"Die Bedingungen für eine Werkfeuerwehr erfüllt zu hundert Prozent auch das Bahnprojekt Stuttgart 21", sagt Johannes Frank. Der ehemalige Brandoberamtsrat und stellvertretende Kreisbrandmeister aus Balingen verweist auf die offiziellen Planfeststellungen, sprich Baugenehmigungen, durch das Eisenbahn-Bundesamt. Sie sehen ein Brandschutzkonzept für den unterirdischen Durchgangsbahnhof vor, das die sichere Evakuierung von bis zu 16 000 Fahrgästen und Bahnmitarbeitern aus der riesigen Bahnhofshalle nachweisen muss. Für die Rettung dieser Menschenanzahl, die der Bevölkerung einer Kleinstadt entspricht, bleibt nur wenig Zeit. Maximal 23 Minuten darf es dauern, bis alle Flüchtenden, vom Baby bis zum Greis, vor den tödlichen Rauchgasen in Sicherheit sind. Allein zehn Minuten kalkuliert die Stuttgarter Berufsfeuerwehr, um nach einem Brandalarm von ihren Wachen bis in den Tiefbahnhof zu gelangen. Weitere wertvolle Minuten verrinnen, bis sie mit dem Löschangriff beginnen kann.

Werkfeuerwehr von Bosch. Foto: Bosch GmbH
Werkfeuerwehr von Bosch. Foto: Bosch GmbH

Falls ein brennender Zug in dem 60 Kilometer langen Tunnelsystem von Stuttgart 21 stecken bleibt, gestalten sich die Rettung der Zugreisenden und die Brandbekämpfung zwangsläufig schwieriger. Im Extremfall müssen die Rettungskräfte mit ihren Einsatzfahrzeugen mehrere Kilometer in die engen Tunnelröhren einfahren, um den Brandherd zu erreichen. Der Fildertunnel als längster Tunnelabschnitt im Stuttgart-21-System hat eine Länge von knapp 9,5 Kilometer. Kritisch sehen Experten auch Rettungseinsätze im geplanten Flughafenfernbahnhof. Die Haltestation liegt 27 Meter unter der Erdoberfläche.

Im September 2008 entwickelte ein Zugbrand im Eurotunnel eine Brandhitze von über 1000 Grad Celsius, Schienen bogen sich auf, Waggonräder verschmolzen mit den Gleisen, die Betonwand der Tunnelröhre platzte. Erst Tage später konnte der Brand unter dem Ärmelkanal gelöscht werden. 800 Meter Tunnelröhre sowie mehrere Kilometer Oberleitungen und Signalanlagen waren zerstört. Zwei Monate war die Anlage gesperrt. Abhängig von Art und Ort eines Brandereignisses können auch im Tunnelsystem von Stuttgart 21 die Schäden gewaltig sein. Es drohen millionenschwere Sanierungskosten und lang andauernde Streckensperrungen, warnen Projektkritiker. Bei einer brandbedingten Bahnhofssperrung wäre die Landeshauptstadt vom überregionalen Schienennetz abgeschnitten.

"Um diese Szenarien von vornherein auszuschließen, bedarf es einer schlagkräftigen Werkfeuerwehr", folgert Johannes Frank. "Eine bahneigene S-21-Feuerwehr verfügt über eine Objektkunde, die die kommunale Stuttgarter Berufsfeuerwehr nie haben wird", betont der Brandexperte. Eine detaillierte Objektkunde sichere einen wesentlichen Zeitvorteil, der im geplanten Tiefbahnhof und den kilometerlangen Zulaufstrecken über Leben und Tod entscheiden kann, betont er. Gleichwohl erhöhe sie die Chancen, Sachschäden zu minimieren. Eine Werkfeuerwehr sei auch wichtig für den vorbeugenden Brandschutz. "Wer wartet die komplexe Brandmeldetechnik, die für Stuttgart 21 notwendig ist?", fragt Frank.

Bahn, Stadt und Regierungspräsidium brauchen keine Werkfeuerwehr

Auf Kontext-Anfrage verneint das Regierungspräsidium Stuttgart (RPS) als zuständige Aufsichtsbehörde, eine Werkfeuerwehr im künftigen Hauptbahnhof der Landeshauptstadt vorzuschreiben. "Die Stadt Stuttgart verfügt über eine Berufsfeuerwehr mit erforderlicher Kapazität und Leistungsfähigkeit für Rettungseinsätze im geplanten Tiefbahnhof", begründet ein Sprecher die Behördensicht. Das landeseigene Feuerwehrgesetz sehe eine Werkfeuerwehr auch nur als "Kann"-Option vor. Das Eisenbahn-Bundesamt fordere diese bei Stuttgart 21 ebenfalls nicht. Lediglich während der Bauphase der Tunnelbauwerke müssten besondere Rettungswehren vorgehalten werden.

"Die Stuttgarter Feuerwehr sieht sich in der Lage, die Menschen aus dem Bahnhof im Brandfall zu evakuieren", ergänzt ein Sprecher der Landeshauptstadt. Im Übrigen würden die kommunalen Brandbekämpfer im Notfall schon heute Menschen aus Veranstaltungsstätten evakuieren, die andere Dimensionen haben als der geplante Bahnhof. Beispielsweise aus der Mercedes-Benz-Arena, die über 60 000 Menschen fasst, oder aus der Hanns-Martin-Schleyer-Halle, in der bis zu 15 000 Menschen Platz finden. "Bei Großereignissen wie Fußballspielen oder Open-Air-Veranstaltungen ist Brandschutz Aufgabe der regulären Feuerwehr", unterstreicht auch der RPS-Sprecher.

"Für abwehrenden Brandschutz ist die örtliche Feuerwehr zuständig", heißt es auch aus dem Kommunikationsbüro der Deutschen Bahn, "für vorbeugenden Brandschutz und damit auch für die Wartung brandschutztechnischer Anlagen und Einrichtungen ist stets der Betreiber zuständig, in diesem Fall die Bahn." Alle drei Sprecher verweisen darauf, dass es europaweit keinen Bahnhof mit eigener Werkfeuerwehr gebe.

Dies lässt Brandexperte Frank nicht als Argument durch. Er verweist auf die Bundeswehr, die 72 eigene Feuerwehren mit rund 3400 Feuerwehrbeamten vorhält. "Diese stellen die Gefahrenabwehr in Dienststellen sicher, deren Auftrag, Geheimhaltungsgründe oder besonderes Gefahrenpotenzial die Vorhaltung einer Bundeswehr-Feuerwehr erfordern", heißt es im Internet-Auftritt der Truppen-Feuerwehr. "Die Bundeswehr betreibt an sechs Untertageanlagen, die weniger oder vergleichbares Brandrisiko wie die Tiefbahnhöfe und Tunnelstrecken von Stuttgart 21 haben, eigene Feuerwehren mit insgesamt 374 Feuerwehrbeamten", sagt Frank, der bis zu seiner Pensionierung als Sachgebietsleiter der Wehrbereichsverwaltung Süd für den Brandschutz von Bundeswehreinrichtungen in Baden-Württemberg, Bayern und in Bosnien zuständig war.

Eine S-21-Löschtruppe würde jährlich 8,7 Millionen Euro kosten

Für die Sicherheit ihrer Mitarbeiter und Anlagen lassen Bundeswehr und Firmen einiges springen. Nach Angaben des zuständigen Verbands schlägt ein hauptberuflicher Werkfeuerwehrangehöriger jährlich mit rund 140 000 Euro zu Buche. Eine Stuttgart-21-Werkfeuerwehr, die nach Schätzung von Johannes Frank mindestens 62 hauptberufliche Feuerwehranghörige beschäftigen müsste, würde somit jährlich rund 8,7 Millionen Euro kosten. Geld, das sich die Bahn mit dem Segen des Regierungspräsidiums Stuttgart sparen darf. Zahlen müssen andere. Etwa die Fildergemeinde Leinfelden-Echterdingen, die mit der Inbetriebnahme von Stuttgart 21 ihre Feuerwehr personell um 20 Lebensretter aufstocken muss. Oberbürgermeister Roland Klenk (CDU) rechnet nach Medienberichten mit zusätzlichen Kosten von bis zu zwei Millionen Euro jährlich, um den Brandschutz im neuen Flughafenfernbahnhof gewährleisten zu können.

Werkfeuerwehr im Mercedes-Benz-Werk Mannheim. Foto: MB
Werkfeuerwehr im Mercedes-Benz-Werk Mannheim. Foto: MB

Historisch gesehen sind bahneigene Werkfeuerwehren zudem nichts Außergewöhnliches. Ihre Geschichte reicht bis zu den Gründerjahren der Eisenbahn zurück, die am 7. Dezember 1835 im damaligen Königreich Bayern zwischen Nürnberg und Fürth erstmals verkehrte. "Es ist bemerkenswert, dass die Bahnverantwortlichen schon zu Beginn des Bahnzeitalters auf den abwehrenden Brandschutz großen Wert legten", sagt Frank. Die Kopfstärken der Wehren bewegten sich meist zwischen 40 und 60 Mann, mit Ausnahme der Bahnfeuerwehr Oldenburg: Diese zählte im Jahr 1885 nicht weniger als 306 Mann in ihren Reihen.

Noch bis Anfang der 1990er-Jahre unterhielt die Deutsche Bundesbahn 162 Bahnfeuerwehren mit rund 2000 Feuerwehrangehörigen. "Zwischen 1955 und 1994 rückten diese zu 53 237 Einsätzen aus", zitiert Frank aus der Chronik der Bahnfeuerwehr. Jährlich leisteten die bahneigenen Feuerwehrleute im Schnitt über 1500 Einsätze. Das Ende der Bahnfeuerwehren kam im Jahr 1994 mit der Bahnprivatisierung: Die Löschtrupps fielen dem Rotstift zum Opfer.

Knapp 20 Jahre später plädiert Brandexperte Johannes Frank für eine Wiederbelebung der geschichtsträchtigen Bahnfeuerwehr: "Nach meiner 37-jährigen Berufserfahrung im Brandschutz, unter anderen in unterirdischen Anlagen bei der Bundeswehr, müssten die Aufsichtsbehörden eine Werkfeuerwehr für Stuttgart 21 fordern", bekräftigt er.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

Kommentare

FernDerHeimat, 22.04.2015 06:37
Didi, dedee, Dieter... da ist einer aber (w)einfallsreich.

Dieter, 18.04.2015 10:58
@FernDerHeimat

Das hat weniger mit der "falschen Partei" zu tun, als mit der Konsequenzlosigkeit des Akteurs. Man kann nicht hier etwas schließen wegen magelndem Barndschutz und dort tatenlos zusehen wie der Brandschutz komplett fehlt.
Dieser Brandschutz bei S21 ist immer noch magelhaft und der Fernsehturmschließer schaut tatenlos zu. Er weiß, wenn das Projekt eröffnet wird, ist er nicht mehr im Amt. Also schiebt er es zum nächsten hin. BER lässt grüßen und der Schaden fürs Volk wird immens sein. Ich hoffe die Herrschaften werden eines Tages zu Rechenschaft gezogen. Das ist allerdings leider nur ein Wunschtraum. Es passiert gar nichts mit Leuten die gegen die Verfassung des Landes verstoßen. Das war mehr als deutlich bei diesem Herrn mit der EnBW sichtbar. Sie haben alle einen Freibrief.

dipl-ing, 17.04.2015 18:52
War Herr Frank nicht der Experte, der bei der Veranstaltung im Rathaus behauptete, der Rauch müsse innerhalb der Bahnhofshalle verdünnt werden, um in der Selbstrettungsphase ausreichende Sichtweite zu haben, und dem offenbar nicht klar war, dass man den Rauch auch unverdünnt durch die Rauchabzüge in den Lichtaugen abziehen lassen kann und nur dementsprechend viel Frischluft nachführen muss? - Und der will jetzt besser wissen als die Stuttgarter Feuerwehr, ob für S21 eine eigene Werksfeuerwehr erforderlich ist oder ob die Stuttgarter Feuerwehr ausreichend geschult und ausgerüstet ist, um auch den Brandschutz des S21-Bahnhofs zu übernehmen?

Horst Ruch, 15.04.2015 19:57
......erstmal den reinen Tunnelbetrieb technisch gewährleisten -was nie der Fall sein wird- dann nach dem ersten Brand Schuldzweisungen an die längst ausgedienten Projektmacher in
der Presse aufgearbeitet nachzulesen, dann schreiben wir das Jahr 2030.
Bis dahin kann man sich tatsächlich die 8,7 Millionen für die Feuerwehr sparen.

Kornelia, 15.04.2015 16:08
Mafiöse Tendenzen! Sind es nicht die Kommunen, die permanent über hohe Sozialausgaben klagen? Aber bei "politischen" Projekten spielt Geld keine Rolle! Da werden schulterzuckend "Mehrbelatungen" 'in Kauf' genommen! Warum wohl?
Und so lügen sich die"Kollegen" gegenseitig die Hucke voll und halten die Bevölkerung für dumm! Die kann dann beim nächsten Bürgerbeteiligungs-Sandkastenspiel darüber entscheiden ob sie lieber Schwimmbad oder Musikschule "einspart"...

FernDerHeimat, 15.04.2015 14:09
Man könnte diesen Artikel auch problemlos als hintersinnige und bösartige Glosse auslegen.

Nur leider wird dieser Irrsinn namens S21 ja schon "alternativlos" gebaut und beim ersten Brand im unterirdischen Bahnhof, wird das grosse Fingerzeigen losgehen, wer die Schuld daran trägt.

Es ist wie beim Fernsehturm - hätte es in all den Jahren ohne modernen Brandschutz einmal gebrannt mit Todesfolge, wäre ungünstigen "Umständen" die Schuld gegeben worden - keinesfalls denen, die die Standards systematisch und aus Kostengründen bis zu diesem Zeitpunkt hintertrieben hatten.

Kaum zieht einer "von der falschen Partei" Konsequenzen, unterstellt man ihm gleich "Böswilligkeit" gegen die Bevölkerung und ein "Wahrzeichen Stuttgarts".

Bei S21 wird es nicht anders ablaufen.

Peter Boettel, 15.04.2015 11:02
Immer dasselbe: die Bahn schneidert sich ihre Vorschriften immer so zurecht, wie es in ihr Konzept passt, nicht aber wie es das Grundgesetz verlangt, indem Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung an die Grundrechte als unmittelbar geltendes Recht gebunden sind. Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit nach Art. 2 Abs. 2 GG tritt auch in diesem Fall hinter die wirtschaftlichen und auch persönlichen Interessen der Bahn und Politik, S 21 mit aller Gewalt ohne Rücksicht auf Menschenleben durchzusetzen, zurück.

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 308 / Zum Weinen / Cornelia Marcus, 22.02.2017 16:06
Heute abend (22.2), 19 Uhr, in der Geschäftsstelle SÖS (Arndtstr.29 im Westen) sehr gute Infos dazu von Tom Adler "Wohnen in Stuttgart" Meine Bitte : Doch noch reichlich Initiative von unten zeigen - über den Bürgerhaushalt Stuttgart...

Ausgabe 308 / Wenn Kunst verschimmelt / Kunstfreundin aus+Berlin, 22.02.2017 14:41
Nun auch noch die Kunst die verschimmelt..Keine Mitarbeiter/in, keine Kunst, keine gescheites Museumscafé - dann kann man den Laden ja zumachen..Vielleicht erregt das mehr Aufmerksamkeit. Die reine Schikane der Mitarbeiter/in am...

Ausgabe 308 / Die Kahlschlag-Gartenschau / Rita Winter, 22.02.2017 14:07
Ihren Angaben zufolge lebt Martin Walser in Überlingen, was längst nicht mehr der Fall ist, da er seit geraumer Zeit in München residiert. Und was die Bäume angeht, wird mir ganz schlecht. Immer und immer wieder lassen es die Bürger...

Ausgabe 308 / Die Kahlschlag-Gartenschau / Monika Spiller, 22.02.2017 14:03
Es ist eine himmelschreiende Kulturschande, was hier an Zerstörungswerk durch Amtsträger angerichtet wird, die von außerhalb kommen und alsbald auch wieder gehen und die keinen Funken Sensibilität für den Charme dieser Stadt mit ihrer...

Ausgabe 308 / Macht mal nen Punkt! / Thomas Ott, 22.02.2017 13:53
~769.000 Kilometer von der Erde zum Mond und zurück.

Ausgabe 308 / Die Kahlschlag-Gartenschau / Bernd Kruczek, 22.02.2017 12:40
Wenn man das liest bleibt einem die Luft weg. Nur weiter so Überlinger Stadtverwaltung, so treibt man Wähler in die Arme der AfD

Ausgabe 307 / Sitzen verboten / U.M., 22.02.2017 12:35
Beim Lesen mancher Kommentare entsteht für Außenstehende der Eindruck, frustrierte Mitarbeiter wagen im Schutz der Anonymität des Internets "Vorgesetzten-Bashing". Dabei überschreiten sie allerdings Grenzen, indem sie sich beleidigend...

Ausgabe 308 / Macht mal nen Punkt! / Beate Siek, 22.02.2017 12:20
Genial! Dieses Satzbau-Wunder hat mir den Tag gerettet :-) Vielen Dank dafür! Dieses Editorial ist deutlich humoriger als sämtliche Büttenreden und Kappen jeder Karnevals-Saison.

Ausgabe 308 / Späte Einsicht / Rolf Steiner, 22.02.2017 11:56
Kretschmann sollte endlich mal, wie Luther schon sagte, "das Maul aufmachen!" Wenn auch schon die beiden großen Kirchen und die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Bärbel Kofler (SPD), die Abschiebepraxis deutlich...

Ausgabe 308 / Die Kahlschlag-Gartenschau / Julius Hauck, 22.02.2017 11:47
Es ist für mich nicht verständlich wie man derart Ignorant gegenüber der Seele einer Stadt sein kann. Überlingen lebt von deiner Beschaulichkeit und den vielen Jahren in der die Stadt gewachsen ist. Dazu gehören auch, vielleicht sogar...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!