KONTEXT Extra:
Zwei Afd-Fraktionen im Landtag zulässig

Nach dem von der Landtagsverwaltung in Auftrag gegebenen Gutachten zur Vertretung der "Alternative für Deutschland" (AfD) im baden-württembergischen Parlament gibt es keine Handhabe gegen die Parallelfraktion. Die Professoren Christofer Lenz, Martin Morlok und Martin Nettesheim schreiben in ihrer 35-seitigen Stellungnahme: Der unter der Bezeichnung "Fraktion der Alternative für Baden-Württemberg im Landtag von Baden-Württemberg" auftretende Zusammenschluss von 14 der AfD angehörenden Abgeordneten sei "seit seiner Konstituierung am 06.07.2016 eine Fraktion im Sinne der Geschäftsordnung des Landtags". Einer Anerkennung bedürfe es nicht. Es bestünden keine über den Wortlaut Geschäftsordnung "hinausgehende, rechtliche Anforderungen an die Zulässigkeit einer Fraktionsbildung".

Auch das "Verbot der Fraktionsvermehrung" greift nach Einschätzung der Gutachter nicht. "Der Landtag würde die verfassungsrechtlichen Grenzen seiner Geschäftsordnungsautonomie aber nicht überschreiten", heißt es weiter, "wenn er eine Regelung erließe, die die Gründung einer 'Parallelfraktion' untersagt." Einer bereits bestehenden Fraktion ist der Status aber auch dadurch nicht zu nehmen. Denn: "Eine derartige Regelung dürfte nur mit Wirkung für die Zukunft erlassen werden, zweckmäßigerweise zum Zeitpunkt des Zusammentritts des neuen Landtag."

Damit müssen sich die anderen Fraktionen, wenn der AfD-Bundes- und Landessprecher Jörg Meuthen mit den Bemühungen eines Zusammenschlusses unter seiner Führung keinen Erfolg hat, weiterhin mit mindestens zwei rechtspopulistischen Rednern und Rednerinnen zu jedem Tagesordnungspunkt abfinden. Die geschätzen Kosten der Spaltung für die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen liegen bei drei Millionen Euro. Denn auch die zweite AfD-Fraktion hat ein Recht auf die allen anderen zustehende finanzielle Ausstattung. (25.7.2016)


Zweiter NSU-Ausschuss: Geheimdienste auf der Theresienwiese?

Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags hat in seiner konstituierenden Sitzung am Donnerstag die ersten zwei Zeugen benannt. Sie sollen nach den Worten des Vorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) Auskunft darüber geben, "ob sich am Tag des Anschlags auf die beiden Polizeibeamten in Heilbronn Geheimdienste am oder in der Nähe des Tatorts befunden" haben.

Im ersten Ausschuss in der vergangenen Legislaturperiode hatte der Journalist und NSU-Experte Rainer Nübel als Sachverständiger dazu Stellung genommen. "Er verwies", wie es im Abschlussbericht heißt, "zunächst auf die mutmaßliche Anwesenheit der Defence Intelligence Agency (DIA) zur Tatzeit am Tatort". Mitte November 2011 habe er, wie Nübel weiter zitiert wird, eine Nachricht von der "Stern"-Redaktion in Hamburg erhalten, wonach ein dort vorliegendes Papier ein mutmaßliches Observationsprotokoll des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA darstelle. Daraus gehe hervor, dass zur Tatzeit eine Observation von "M. K." und einer weiteren, nicht näher definierten Person durch US-Agenten stattgefunden habe. Zumindest eine dieser beiden Personen habe zuvor bei der Santander-Bank 2,3 Millionen Dollar oder Euro abgeholt. Und weiter: "Sicherheitsbeamte entweder aus Baden-Württemberg oder Bayern sollten präsent gewesen sein und die Operation aufgrund eines 'Shooting Incident' zwischen 'White Wings', also Neonazis bzw. Rechtsextremisten, und einer Polizeistreife abgebrochen worden sein."

Nübel hatte bei seinem Auftritt als Sachverständiger umfangreiche Ausführungen zu den eigenen Recherchen gemacht. Aus Zeitgründen und angesichts des Endes der Legislaturperiode, so Drexler, der auch den ersten Ausschuss führte, habe diesem Komplex aber nicht mehr detailliert nachgegangen werden können. Im Einsatzbeschluss des zweiten Gremiums heißt es jetzt, insbesondere sei zu klären, ob "Angehörige von ausländischen Sicherheitsbehörden auf der Theresienwiese oder in der Umgebung im Umfeld des Mordanschlags am 25. April 2007 anwesend waren, ob und welche Rolle diese beim Tatgeschehen gespielt und welche Erkenntnisse dazu bei deutschen Sicherheits- und Ermittlungsbehörden vorgelegen haben". Die erste öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses findet am 19. September statt. Gehört werden zum Auftakt auch noch einmal vier Sachverständige.


Keine Nebenabsprache zu Stuttgart 21

Um Streit zu vermeiden, sind laut Winfried Kretschmann die bis zum Wochenanfang geheimen Nebenabreden mit der CDU zusätzlich zum Koalitionsvertrag getroffen worden. Die Aufregung darüber, dass Ausgaben von 1,3 Milliarden Euro ohne Finanzierungsvorbehalt an der Öffentlichkeit vorbei festgeschrieben wurden, versuchte der Regierungschef mit neuen Einblicken in seinen Politikstil zu kontern: "Auch ich muss mal mauscheln, auch ich muss mal dealen." Kein Mensch auf der Erde, der vernünftig Politik machen wolle, kriege das hin ohne Absprachen hinter den Kulissen. Da habe er kein schlechtes Gewissen, denn es sei "unspektakulär", einzelne Maßnahmen zu priorisieren, die grundsätzlich ohnehin im Koalitionsvertrag vereinbart seien.

Unter anderem ist im Detail aufgeführt, dass 325 Millionen Euro ohne Finanzierungsvorbehalt in die Digitalisierung fließen sollen, 100 Millionen in die bessere Ausstattung der Polizei oder 40 Millionen in die Elektromobilität. Der mit 500 Millionen Euro größte Betrag ist allerdings nicht mit konkreten Informationen versehen, die Summe steht für "Investieren/Sanieren (Straße/Schiene, Hochbau, Hochschulen, ...)" zur Verfügung. Der Ministerpräsident widersprach Mutmaßungen, dass in dieser halben Milliarde auch zusätzliche Mittel für Stuttgart 21 über den Kostendeckel hinaus versteckt sein könnten. Für die laufenden Zahlungen gebe es einen Sonderposten im Haushalt. Nebenabsprachen zu diesem Thema hätten nicht stattgefunden.

(19.07.2016)


Die Reichen sind noch viel reicher

Einkommenserhebungen bei Spitzenverdienern aus mehr als 1300 Firmen haben ergeben, dass alle offiziellen Einschätzungen zur wachsenden sozialen Kluft in der Bundesrepublik die Situation beschönigen. Nach den Zahlen, die das ARD-Magazin "Monitor" in diesen Tagen veröffentlichte, verdienen Manager und Vorstände im Durchschnitt nicht 200 000 Euro jährlich, sondern rund eine halbe Million. Die 200 000 Euro sind aber offiziell im sogenannten Sozioökonomischen Panel (SOEP) ausgewiesen, welches wiederum wichtiger Eckpfeifer der bisherigen Armuts- und Reichtums-Berichterstattung in Bund und Ländern ist.

Das Bundesarbeitsministerium will die Daten dort jetzt einfließen lassen, ebenso wie die Erkenntnisse einer in der vergangenen Woche von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie. Danach verdienen die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als die unteren 40 Prozent zusammen. Und die Einkommensungleichheit wächst weiter. In "Monitor" präsentierte Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine vergleichsweise einfache Lösung: "Aus meiner Sicht würde es naheliegen, wieder zu den Steuersätzen zurückzukehren, die wir in den Neunzigerjahren hatten, und das war ein Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer von 53 Prozent." Zurzeit liegt er bei 42 Prozent. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe werden drei Prozentpunkte Reichensteuer hinzugerechnet. Von ihr sind aber nicht einmal ein halbes Prozent der Steuerzahler und Steuerzahlerinnen betroffen.


Stuttgart 21: Großdemo und Umstiegskonzept

Zur Großdemo gegen Stuttgart 21 am kommenden Samstag erwarten die Initiatoren Tausende Teilnehmer. Kontext kommt auch. Mit hübschen neuen Postkarten und Aufklebern!

Heute, Freitag, hat eine Expertengruppe des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 ihr Konzept "Umstieg21" vorgestellt, mit dem die derzeitige Projektbaustelle doch noch zu einem sinnvollen Ende finden könnte. Unter www.umstieg-21.de stellen die Planer ihre Ideen in einer umfänglichen Broschüre dar. "In meinen dreißig Jahren als Literaturkritiker im Fernsehen habe ich nie eine Prosa gelesen, die so wohltuend war, so sinnvoll wohltätig", schreibt der berühmte Schriftsteller aus Freiburg, Jürgen Lodemann, über das Heft. "Endlich wird da nicht mehr nur Nein gesagt, sondern entstand da eine wunderbare Broschüre, die mit Sorgfalt und mit großer Eisenbahnliebe und Stuttgartliebe reale Vorschläge macht, wie man aus dem unverantwortlichen Desaster noch jetzt 'positiv' aussteigen kann - und muss! - das spart tatsächlich immense Kosten und da bleibt im Herzen der Landeshauptstadt keine dauerhaft blamable Bau-Ruine, sondern es entstehen zahlreiche überaus einleuchtende Lösungen rund um einen tollen Kopfbahnhof!"


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Ex-Tennisprofi Carl-Uwe Steeb, Ex-Radprofi Jan Ullrich und Sportmediziner Joseph Keul 1997 in Hamburg. Eine Pharmafirma hatte damals eingeladen. Foto: dpa

Ex-Tennisprofi Carl-Uwe Steeb, Ex-Radprofi Jan Ullrich und Sportmediziner Joseph Keul 1997 in Hamburg. Eine Pharmafirma hatte damals eingeladen. Foto: dpa

Ausgabe 206
Gesellschaft

Die Stunde der Heuchler

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 11.03.2015
Der eine ist seit 15 Jahren tot, der andere in Südafrika. Plötzlich sind Joseph Keul und Armin Klümper in den Schlagzeilen, wegen des VfB Stuttgart. Frühere Kicker seien in Freiburg gedopt worden, heißt es, und alle Experten wundern sich. Vor allem die, die alles gewusst haben: die Freunde des Sports, die Heuchler vom Dienst.

Wenn einer der Ihren beerdigt wird, kommen die alten Kameraden. Und wenn derjenige, der unter die Erde gebracht wird, wichtig war, um so mehr. 600 Trauergäste haben sich am vergangenen Donnerstag auf dem Tübinger Bergfriedhof eingefunden, um Ommo Grupe (84) das letzte Geleit zu geben. Unter ihnen der frühere Leichtathletik-Präsident Helmut Digel (71), der ehemalige Generalsekretär des Deutschen Sportbunds, Norbert Wolf (81), der einstige Leiter der Freiburger Sportmedizin, Hans-Hermann Dickhuth (67), der amtierende Chef des Landessportverbands Baden-Württemberg, Dieter Schmidt-Volkmar (75), und der Präsident des Württembergischen Sportbunds, Klaus Tappeser, der mit seinen 57 Jahren noch zu den Jungen zählte, aber sich zeigen wollte, weil er für die CDU in den nächsten Landtag einziehen will.

Armin Klümper damals. Heute züchtet er Heilpflanzen. Screenshot: Sport Bild
Armin Klümper damals. Heute züchtet er Heilpflanzen. Screenshot: Sport Bild

Selbstverständlich haben sie für Grupe, den jahrzehntelangen Leiter des Tübinger Sportinstituts, nur gute Worte gefunden. Sie haben ihn gepriesen als Nestor der deutschen Sportwissenschaft, als internationale Kapazität, die den Sport philosophisch untermauert hat, als Erfinder von Leibesübungen, der den Studierenden verboten hat, den Ball ins Tor zu schießen. Um den Gegner gefühlsmäßig nicht zu verletzen. Eigentlich haben nur noch Joseph Keul und Armin Klümper gefehlt, die beiden Professoren der Medizin. Aber der eine ist seit 15 Jahren tot und der andere kümmert sich um Heilpflanzen in Südafrika. Präsent waren die beiden dennoch, weil es im Sport derzeit keine andere Diskussion gibt: das Doping in Freiburg.

"Die Pickel am Arsch haben wir halt in Kauf genommen"

Nun muss man sich das nicht so vorstellen, dass die Trauergemeinde erschüttert gewesen wäre, der Leichenschmaus im Bebenhäuser Landhotel, in dem schon der König gespeist hat, nicht geschmeckt hätte. Vielmehr haben sie sich gewundert über die ollen Kamellen, die plötzlich weltweit Schlagzeilen gemacht haben. Mein Gott, das haben sie doch alles gewusst. Der Gerhard Mayer-Vorfelder (Minister) ist zu Klümper gefahren, der Oskar Saier (Erzbischof), der Emil Beck (Fechttrainer), und alle haben sie sich seinen Cocktail in den Hintern spritzen lassen, ohne zu wissen, was drin ist, aber in der Gewissheit, dass er hilft. Die "Pickel am Arsch", sagt einer heute, "haben wir halt in Kauf genommen." Dass er vor der Injektion mit dem "Doc" Kaffee und Whiskey trinken musste, auch.

Gerhard Mayer-Vorfelder. Foto: Joachim E. Röttgers
Gerhard Mayer-Vorfelder. Foto: Joachim E. Röttgers

Natürlich wussten sie auch, dass die Kicker des VfB Stuttgart, des FC Bayern München, des SC Freiburg in die Klümper'sche "Sporttraumatologische Spezialambulanz" im Freiburger Mooswald ("An den Heilquellen 6") gepilgert sind. Auch die Wallfahrer selbst, Karl-Heinz Förster, Karl-Heinz Rummenigge, Paul Breitner, bis hin zum damaligen Stuttgarter "Bild"-Zeitungs-Sportleiter Klaus Schlütter, machen gar keinen Hehl daraus. Sie sind damals, in den 80er-Jahren, "zum Abschmieren", wie es in der Fachsprache hieß, in den Breisgau gefahren und waren glücklich, einen Muskelfaserriss bereits nach acht Tagen anstatt nach acht Wochen ausgeheilt zu haben. Was in dem fabulösen "Klümper-Cocktail" drin war – Cortison, Rinder- und Schweineblut plus anabole Wirkstoffe – war ihnen völlig wurscht.

Ob die auf der Dopingliste standen, das juckte auch Klümper nicht. Er war so frei, dies immer wieder zu sagen, auch dem Schreiber dieser Zeilen, der öfters im Mooswald weilte. Nicht des Cocktails halber, sondern, um mit einem Menschen zu sprechen, der von seiner Mission ("Alles was hilft, ist erlaubt") derart überzeugt war, dass ihn selbst der Tod seiner Dauerpatientin Birgit Dressel nicht vom Glauben abfallen ließ. Die Siebenkämpferin war 1987 an einem Multiorganversagen gestorben, mit 26 Jahren. Klümper war und blieb davon überzeugt, dass er stets das Richtige tat, stets zum Wohle der Athleten. Und das hat er auch schriftlich gehabt – unter ihren Bildern an der Wand, die auch in der Grotte von Lourdes hätten hängen können.

Artikel aus der "Stuttgart Zeitung" vom August 1986.
Artikel aus der "Stuttgart Zeitung" vom August 1986.

Alle waren sie vertreten: die Hochspringer Carlo Thränhardt und Dietmar Mögenburg, die Zehnkämpfer Guido Kratschmer, Jürgen Hingsen und Siggi Wentz, der damals sagte, es wäre für ihn ein "Traumjob", bei Klümper Assistent zu sein. Heute ist er Chefarzt an der Schlüsselbad-Klinik Bad Peterstal. Und natürlich Eberhard Gienger, der, wenn nötig, zur Klümper-Kollekte rief. Der Turner, spätere Vielfachfunktionär und CDU-Politiker, war auch noch im Februar 1989 dabei, als Klümper verurteilt wurde. Nicht von den Freunden des Sports, sondern vom Landgericht Freiburg – wegen seiner illegalen Rezeptierungspraxis. Er habe wie ein "freischaffender Medikamentenhändler" gearbeitet, befand damals der Richter und verdonnerte Klümper zu 157 500 Mark Geldstrafe. Während Gienger vor dem Gerichtssaal ankündigte, für den Freund weiter zu sammeln, tauchte Minister Mayer-Vorfelder weg. Von dem Rezeptbetrug habe er nichts gewusst, ließ er wissen und seinen Arzt mit der "tiefsten menschlichen Enttäuschung", die er je in seinem Leben erfahren habe, zurück.

Joseph Keul mit Roberto Blanco in der Loge – das hat Stil

Jetzt war Joseph Keul die Nummer eins. Der Herr mit dem schlohweißen Haar war feiner, wusste sich in der Society zu bewegen, zeigte sich mit Boris Becker und Roberto Blanco in den Logen des Daviscups, knüpfte seine Bande mit all den oben genannten Funktionären, präsentierte sich als Antidopingkämpfer – und drohte mit Schadenersatzforderungen in Höhe von 100 000 Mark, wenn man an diesem Sockel rüttelte. Wohl wissend, dass ihn die CDU-Landesregierung mit Mayer-Vorfelder, seinem leitenden Ministerialrat Schmidt-Volkmar und seinem Freiburger Statthalter Gundolf Fleischer stützte.

Siegfried Wentz, heute Chefarzt. Screenshot: Schlüsselbad-Klinik
Siegfried Wentz, heute Chefarzt. Screenshot: Schlüsselbad-Klinik

Wahr ist, dass Keul schon in den 70er-Jahren mit dopenden DDR-Medizinern in Kontakt war, dass er über die Wirkung von Anabolika geforscht hat und noch 1992 in der "Stuttgarter Zeitung" behauptet hat, sie seien nicht schädlich. Er sei wohl der "berühmteste Anabolika-Verharmloser Deutschlands", schrieb die FAZ 2007. Aber da war der Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse schon sieben Jahre tot. Wahr ist auch, dass Keul mit seiner Freiburger Sportmedizin die Antwort des Westens auf das Flächendoping im Osten war. (Die Weiterentwicklung im Zusammenhang mit Jan Ullrich und dem Team Telekom war dann keine Systemfrage mehr, sondern die Konsequenz jener Freiburger Sportmediziner, die allesamt Schüler von Ordinarius Keul waren).

Das ist alles nachzulesen, aber weil Erinnerung manchmal weh tut, auch vergessen. Den Akten des Standesgerichts Südbaden ist zum Beispiel zu entnehmen, dass Klümper seinem gehassten Kollegen Keul 1992 vorgeworfen hat, Sportlern bei den Olympischen Spielen 1976 "leistungssteigernde Spritzen" gesetzt zu haben. Nach Ansicht des Richters ein korrekter Vorwurf. Bekannt ist auch ein Brief des Präsidenten des Deutschen Sportärztebunds, Herbert Reindell, vom Dezember 1976, in dem bestätigt wurde, dass "in Übereinstimmung" mit verantwortlichen Funktionären des Deutschen Sportbunds (DSB) 100 Spritzen nach Montreal geschickt wurden. Adressat: Ommo Grupe, der damals im DSB-Präsidium saß.

Alle haben sie Doping mitgetragen, zumindest als Mitwisser

Nun wäre es falsch, Grupe post mortem einen Doper zu nennen. Der gebürtige Ostfriese war Pädagoge, verschrieb seinen Studierenden "Leib haben und Leib sein" und litt unter der ethisch-moralischen Verkommenheit seines Beritts. Aber qua Amt, etwa als Vorsitzender des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, trug er sie mit, als Mitwisser zumindest. So wie sie alle, die Genannten, inklusive der meisten Sportjournalisten, die lieber Heldengeschichten schrieben, als zu fragen, aus was die Helden gemacht waren.

Treuer Freund bis zum Schluss: Eberhard Gienger (Mitte)von der CDU. Screenshot: CDU
Treuer Freund bis zum Schluss: Eberhard Gienger (Mitte) von der CDU. Screenshot: CDU

Heute, Jahrzehnte danach, regen sie sich auf. Haben VfB-Spieler gedopt?, wird geschlagzeilt, und der Verein verspricht eilfertig Aufklärung. Als ob der keine anderen Sorgen hätte. An Christoph Daums Kälbermastmittel Clenbuterol wird erinnert, an Peter Neururer und Toni Schumacher, die alle mal behauptet haben, im Fußball werde gedopt. Und Dortmunds Trainer Jürgen Klopp darf sagen, was der legendäre Hans Blickensdörfer schon vor 30 Jahren gesagt hat: Doping im Fußball bringt nix. Ein Himmelreich für alle Heuchler.

Beim Leichenschmaus zu Ehren Ommo Grupes sind sie wieder ganz bei sich. Einer erzählt die Anekdote von Seoul, Olympische Spiele 1988: Jürgen Hingsen, der Zehnkämpfer, beim 100-Meter-Lauf. Drei Fehlstarts. Ja, warum wohl? Nach dem erwischten Ben Johnson wollte der Klümper-Patient nicht ins Röhrchen pinkeln. Ist doch klar, oder? Einer, den das alles nicht mehr kümmert, ist Armin Klümper. Der inzwischen 79-Jährige schreibt Bücher in Südafrika. Die letzten heißen "Heilen mit Kräutern" und "Unkraut vergeht nicht. Ein Kompendium der Alternative für Ärzte und angeschlossene Heilberufe".


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Kommentare

MCBuhl, 17.03.2015 23:21
@Tillupp

der verlinkte Artikel ist an der Stelle recht ungenau: sowohl FC wie auch SC Freiburg sind erwähnt. Allerdings der Sportclub vier Mal, der Fußballclub nur einmal in der von Ihnen zitierten Passage. Vielleicht ein Fehler?

Wenn man sonst mal so nach Doping und "FC Freiburg" sucht, findet man ausschließlich Artikel zum SC. Möglicherweise ein Fehler im Ärzteblatt (das wohl auch eher kein Fachblatt für feine Unterscheidungen im Sport wäre)?

Ernst Hallmackeneder, 11.03.2015 20:02
@ tillupp

Der Freiburger FC war nach meiner Meinung nie in der Bundesliga, nur in den 70ern in der 2. Liga Süd, bevor ihn der SC "überholte".
Habe jetzt aber nicht extra gegockelt (unredlich: gegoogelt) und laß mich gerne eines Besseren belehren.

Grüßle, der redliche Ernst

Peter Boettel, 11.03.2015 16:52
Aber MV wird sich ebenso wie früher aus der juristischen Schlinge ziehen können. Staatsanwälte vom Schlage Häußler werden dafür sorgen, dass ihm trotz aller Verfehlungen kein Haar gekrümmt wird.

Tillupp, 11.03.2015 14:29
@Insider
SC Freiburg (heute Bundesliga) darf nicht verwechselt werden mit FC Freiburg (damals Bundesliga und nun gemäß Ärztezeitung vordringlich unter dopingverdacht). Allerdings ist angeblich auch mindestens eine Medikamentenlieferung an den SC Freiburg dokumentiert. Zitat aus: http://www.aerztezeitung.de/panorama/article/880623/vorwuerfe-laut-bundesliga-dopingsumpf.html

"Der Vorwurf: In der Bundesliga soll es in den 1970er und 1980er Jahren systematisches Anabolika-Doping gegeben haben. In den Fokus rücken dabei der VfB Stuttgart und der FC Freiburg. Und einmal mehr auch der frühere Freiburger Sportmediziner Dr. Armin Klümper."

Insider, 11.03.2015 10:42
Wenn man die aktuelle Tabelle der Bundesliga anschaut, kommen doch Zweifel auf, ob bei den Fußballern in Stuttgart und Freiburg gedopt wurde. Oder ist die "rote Laterne" gar der Lohn für das einstige Dopen?

FernDerHeimat, 11.03.2015 09:25
Tja, wo eine Staatspartei jahrzehntelang ungehindert regieren kann gibt's eben immer auch einen Dopingskandal. Denn Sport ist gut zur Profilierung. Und zum Geldschinden.

Schön, dass der Name MV in diesem Zusammenhang einmal Erwähnung findet. Er und seine "Verdienste" werden ja zur Zeit immer so gern vom Rest der Ländlesmedien "vergessen".

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Ausgabe 278 / Winfried I. / tauss, 27.07.2016 10:46
Na ja... Als Erfinder dieses monarchistischen Politikstils käme diese prinzipienlose Gestalt Kretschmann nun wirklich zu spät... Zuvörderst könnte man als Vorgänger Johannes Rau, Kurt Biedenkopf, Manfred Stolpe etc. etc....

Ausgabe 278 / 300 Euro gegen die Schmerzen / Dr. Klaus Kunkel, 27.07.2016 10:32
Abgesehen davon, dass es recht aberwitzig ist, dass der Übeltäter selbst darüber befindet, in welchem Umfang das von ihm angerichtete Leid finanziell zu kompensieren sei und welcher Betrag dabei angemessen ist, kann das Geld, das hier...

Ausgabe 278 / Winfried I. / Alt-Laizer (Loizer), 27.07.2016 10:31
Wer hätte das vor Jahren gedacht: Einer aus Hohenzollern regiert in Württemberg und Baden!

Ausgabe 278 / 300 Euro gegen die Schmerzen / Fritz, 27.07.2016 10:26
Ein Ablasshandel der Justiz für die Verbrechen der Politik. "Die politische Mitverantwortung aus den Schlagzeilen springt, wenn die Meldung von den 300 Euro Schadensersatz dort erklingt!"

Ausgabe 278 / Kill, kill, kill / Andrea, 27.07.2016 10:22
Killerspiel - Kampfhund - Wutbürger - alle diese Schlagworte stoßen mir in den den Medien einfach unangenehm auf. Ich habe dann immer das Gefühl, sie klingen nach einer einfachen Politikerlösung für eigentlich viel komplexere...

Ausgabe 278 / Winfried I. / Fritz, 27.07.2016 10:16
Ja, das Ländle hat sich "seinen" Schröder redlich verdient, äh, erwählt. Und die "Lichtgestalt" an der Spitze will, so wie das grosse Vorbild ganz gewiss "nichts anders, aber alles besser" machen. Man merkt es auch schon....

Ausgabe 278 / "Schier das Herz zerrissen" / PeBo, 27.07.2016 09:37
Ich zolle Mario Gomez großen Respekt vor seinem Schritt, die Türkei wegen der dortigen politischen Zustäande zu verlassen.

Ausgabe 278 / Winfried I. / Jürgen Falkenstein, 27.07.2016 09:37
Das ist der Marsch durch die Institutionen: von links unten nach rechts oben. Aber andere beherrschen das auch recht gut.

Ausgabe 278 / Fragen Sie Ihren Doktor! / PeBo, 27.07.2016 09:33
Ich finde es hervorragend, wie Wolfgang Schorlau in seinen Krimis Missstände in unserer Gesellschaft aufdeckt. Doch leider scheinen sich nur wenige über diese Missstände, die vielfach auch Menschenleben zerstören, aufzuregen oder gar...

Ausgabe 278 / Ausflug in die Antike / Horst Ruch, 27.07.2016 08:40
.....einfach köstlich, in Bild und Text. Hoimet aber au....in der WG.

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