KONTEXT Extra:
Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Ehrenmedaille für den "Vater der Motorsäge" und SS-Hauptsturmführer Andreas Stihl. Screenshot: www.staatlichemuenzenbw.de

Ehrenmedaille für den "Vater der Motorsäge" und SS-Hauptsturmführer Andreas Stihl. Screenshot: www.staatlichemuenzenbw.de

Ausgabe 304
Zeitgeschehen

Die Kehrseite der Medaille

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 25.01.2017
In Freiburg soll der Martin-Heidegger-Weg nicht mehr Martin-Heidegger-Weg heißen. In Stuttgart hingegen erscheint eine Kunstmedaille zu Ehren des SS-Sturmführers Andreas Stihl. Er solle nur als Erfinder geehrt werden, sagt Finanzministerin Edith Sitzmann.

Mehr als 1000 Straßennamen hat eine Freiburger Expertenkommission vier Jahre lang geprüft, um festzustellen, "welche Würdigungen von Personen und Ereignissen durch die Benennung einer Straße aus heutiger Sicht nicht mehr angemessen erscheinen." Am 6. Oktober 2016 empfahl sie, zwölf Straßennamen zu ändern. Es handelt sich überwiegend um Freiburger Persönlichkeiten, unter anderem Ärzte und Professoren. Aber auch Paul von Hindenburg ist dabei, ebenso wie der frühere SPD-Politiker und Funktionär von Wohnungsgenossenschaften Julius Brecht. Am meisten Aufsehen aber erregte der Martin-Heidegger-Weg.

Drei Wochen später würdigten die Staatlichen Münzen Baden-Württemberg Andreas Stihl, den Begründer des Waiblinger Kettensägenherstellers, mit einer Kunstmedaille "Erfinder aus Baden-Württemberg". "Ich bin entsetzt", schreibt der Waiblinger Lokalhistoriker Ebbe Kögel, Mitglied des Bürgerprojekts AnStifter, als er von der Angelegenheit erfährt, an die Finanzministerin Edith Sitzmann: "Haben Sie eigentlich keine Rechercheabteilung bei den Staatlichen Münzen bzw. in Ihrem Ministerium? Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939). Nach dem Krieg wurde er von der US-Armee für 3 Jahre interniert."

Ministerin Edith Sitzmann und der Leiter der Staatliche Münzen, Peter Huber, überreichen Nikolas Stihl (links) und Hans Peter Stihl (rechts) die neue Medaille. Foto: Staatliche Münzen BW
Ministerin Edith Sitzmann und der Leiter der Staatliche Münzen, Peter Huber, überreichen Nikolas Stihl (links) und Hans Peter Stihl (rechts) die neue Medaille. Foto: Staatliche Münzen BW

Ob Persönlichkeiten, die in der NS-Zeit eine Rolle spielten, weiterhin durch Straßennamen oder in anderer Form geehrt werden sollen, ist nicht nur in Freiburg und Waiblingen umstritten. Zum Beispiel Hindenburg. Nach dem Generalsfeldmarschall, der durch seine harte Haltung im Ersten Weltkrieg das Deutsche Reich in den Untergang geführt hat, der die Dolchstoßlegende mit in die Welt setzte und 1933 Hitler zum Reichskanzler ernannte, sind noch an vielen Orten Straßen benannt, etwa in Esslingen und Herrenberg.

Heidegger: Philosoph und nationalsozialistischer Uni-Rektor

In Heilbronn nennt sich der Hindenburgplatz bereits seit 1948 wieder Rathenauplatz wie vor 1933. In Stuttgart heißt der Hindenburgbau auf Antrag der Fraktion SÖS Linke seit 2010 offiziell nicht mehr so, die Plakette mit dem Namen wurde abgeschraubt. In Berlin konnte sich die Linke dagegen 2015 mit dem Antrag, Hindenburg die Ehrenbürgerwürde zu entziehen, nicht durchsetzen. In Ludwigsburg kam es im selben Jahr zu einem Patt.

Ähnlich kontrovers wird Julius Brecht diskutiert, nach dem in Stuttgart das größte Wohnhochhaus im Stadtteil Freiberg benannt ist. Der Genossenschaftsfunktionär war 1937 in die NSDAP eingetreten, um Leiter des Reichsverbandes des deutschen gemeinnützigen Wohnungswesens zu werden. 1947 wurde er SPD-Mitglied, später Bundestagsabgeordneter und schließlich Direktor des Gesamtverbands gemeinnütziger Wohnungsunternehmen. Allerdings soll er in der NS-Zeit daran mitgewirkt haben, jüdische Mitbürger aus ihren Wohnungen zu vertreiben. Neben Freiburg diskutieren nun auch Hamburg und Hannover, ob Straßen, die seinen Namen tragen, umbenannt werden sollten.

Martin Heidegger 1960
Heideggers Nazivergangenheit wurde ausführlich besprochen. Foto: Willy Pragher/Landesarchiv BW, CC BY-SA 3.0

Den Martin-Heidegger-Weg in Freiburg, ein Spazierweg im Stadtteil Zähringen, gibt es seit 1981. "Diese Ehrung erfolgte zu einem Zeitpunkt, als die kritische Auseinandersetzung mit Heidegger als erstem nationalsozialistischen Universitätsrektor und seinem Anspruch, 'den Führer geistig führen' zu wollen, wegen der gesperrten Akten im Universitätsarchiv noch nicht begonnen hatte", schreibt die Kommission in ihrer Begründung. Erst danach habe die Aufarbeitung begonnen.

Als Aussage von Experten muss dies schon ein wenig verwundern. Eine Kontroverse zu Heideggers Rolle im Nationalsozialismus gab es in Frankreich bereits 1943, als Jean-Paul Sartre eine zu große Nähe zu dem deutschen Philosophen vorgeworfen wurde. In Deutschland begann die Diskussion 1953 mit einem Artikel des 24-jährigen Jürgen Habermas in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ). Seitdem ist die Debatte nicht mehr verstummt, in die sich immer wieder Berühmtheiten dies- und jenseits des Rheins einmischten, von Theodor W. Adorno bis zu dem Soziologen Jean-Pierre Bourdieu.

Welcher Teufel hat Heidegger da geritten, fragt Hannah Arendt

Die von der Kommission genannte Kontroverse der achtziger Jahre, die sich im Kontext des so genannten Historikerstreits um den Heidegger-Schüler Ernst Nolte entwickelte, der versucht hatte, den Holocaust zu relativieren, war also keinesfalls der Beginn einer kritischen Auseinandersetzung mit Heideggers Rolle im Nationalsozialismus. Mit den "Schwarzen Heften", Heideggers bislang unveröffentlichten Notizbüchern aus den Jahren 1938 bis 1948, hat die Diskussion schon gleich gar nicht begonnen.

Heideggers anfängliche Sympathien für die Nazis und seine dubiose Rolle als Rektor der Freiburger Universität – allerdings vorgeschlagen von seinem sozialdemokratischen und jüdischen Vorgänger Wilhelm von Möllendorf – sind längst durchgekaut. Auch die bisher 94 Bände der Gesamtausgabe sind in allen Einzelheiten durchleuchtet. Bei den "Schwarzen Heften", Heideggers "Überlegungen" seit 1938, den je 500 Seiten starken Bänden 95 bis 97, geht es nun um sieben Textstellen, in denen der Philosoph über das Judentum schwadroniert.

Universität Freiburg mit Inschrift "Die Wahrheit wird euch frei machen".
Stets auf der Suche nach der Wahrheit: die Uni Freiburg. Foto: AlterVista/Wikimedia, CC BY-SA 3.0

Wegen dieser Aufzeichnungen ist der Martin-Heidegger-Lehrstuhl der Freiburger Universität durch eine Juniorprofessur für Logik und sprachanalytische Philosophie ersetzt worden. Dagegen haben mehr als 2600 Philosophen eine Petition unterschrieben. Sie fürchten um die von Heidegger und seinem jüdischen Lehrer Edmund Husserl geprägten Traditionen der Phänomenologie und der Hermeneutik.

Günter Figal, der Lehrstuhlinhaber, trat zugleich vom Vorsitz der Martin-Heidegger-Gesellschaft zurück. Sein Nachfolger Helmuth Vetter verweist jedoch auf eine Textstelle, in der Heidegger schreibt: "Anmerkung für Esel: mit 'Antisemitismus' hat die Bemerkung nichts zu tun. Dieser ist so töricht und so verwerflich, wie das blutige und vor allem unblutige Vorgehen des Christentums gegen 'die Heiden'."

Die Debatte wogt hin und her. Der Ton ist scharf, wie in akademischen Debatten üblich. Der herausgebende Verlag Vittorio Klostermann meint: "Die Härte der Auseinandersetzung mit zeitgeschichtlichen Vorgängen wird mitunter dem Besprochenen nicht gerecht." Der Freiburger Philosophie-Publizist Wolfram Eilenberger geht noch einen Schritt weiter, indem er auch jüdische Philosophen wie Jacques Derrida, Emmanuel Lévinas oder Hannah Arendt unter Verdacht stellt: Sie seien von Heideggers antisemitischer Fundamentalkritik der abendländischen Metaphysik infiziert.

Arendt selbst, Heideggers Schülerin und einstige Geliebte, brach 1933 den Kontakt ab, nahm ihn jedoch 1950 wieder auf. Eine Auseinandersetzung über den Nationalsozialismus sei mit ihm nicht möglich, klagte sie später, "weil er wirklich nicht weiß und auch kaum in einer Position ist, herauszufinden, welcher Teufel ihn da hineingeritten hat." Sie kam immerhin zu dem Schluss: seinen "'Irrtum' hat Heidegger zwar nach kurzer Zeit eingesehen und dann erheblich mehr riskiert, als damals an den deutschen Universitäten üblich war".

Zu Andreas Stihls NS-Vergangenheit gibt es keine Debatte

Auch Andreas Stihl trat wie Heidegger bald nach Hitlers Machtergreifung in die NSDAP ein. 1934 wurde er SS-Sturmführer, 1939 Hauptsturmführer. Seine Kontakte zu den Machthabern nutzte er zur Vermarktung seiner Kettensägen: Im Russlandfeldzug, wo ständig Holz für die Holzvergaser-Fahrzeuge gebraucht wurde, leisteten sie gute Dienste und verhalfen Stihl zu einer guten Auftragslage. Von 250 Mitarbeitern im Jahr 1939 wuchs die Belegschaft im Krieg auf 500, vorwiegend Frauen und Zwangsarbeiter.

Hier geht's um die Säge, nicht um die Gesamtpersönlichkeit, meint die Finanzministerin. Foto: Andreas Stihl AG & Co. KG
Hier geht's um die Säge, nicht um die Gesamtpersönlichkeit, meint die Finanzministerin. Foto: Andreas Stihl AG & Co. KG

Über Stihls NS-Vergangenheit gibt es keine ausufernden Debatten. Er hat kein 100-bändiges Gesamtwerk hinterlassen, das man nach verdächtigen Stellen durchforsten kann. Es fällt ganz im Gegenteil schwer, überhaupt etwas in Erfahrung zu bringen. Am 27. Mai 1945 von den französischen Besatzern verhaftet, wurde er von den Amerikanern drei Jahre lang interniert. Im Spruchkammerverfahren bezeichnete ihn ein Betriebsrat, wie Ebbe Koegel den Akten entnimmt, als "fanatischen, aktiven Kämpfer für die nationalsozialistische Ideologie". Dennoch wurde er als Mitläufer eingestuft und gegen eine Geldbuße von 500 DM entlassen.

Ministerin Sitzmann lässt Koegel antworten: "Ihre Kritik hinsichtlich der politischen Haltung von Andreas Stihl in der Zeit des Nationalsozialismus ist für mich absolut nachvollziehbar." Sie will aber die Medaille "nicht als eine Würdigung der Gesamtpersönlichkeit verstanden wissen. Insbesondere soll seine Rolle als Unternehmer in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft dadurch keinesfalls relativiert werden." Ihr Fazit: "Mit der Münze wird also ausdrücklich der Erfindergeist von Andreas Stihl gewürdigt."

Wenn sich das so leicht trennen ließe, hätte der Freiburger Lehrstuhl nicht umbenannt werden müssen. Er könnte Martin Heidegger – bei allem Streit weder SS-Mann noch fanatischer Vorkämpfer der NS-Ideologie – weiterhin als Philosophen ehren, ohne seine Rolle in der NS-Zeit zu relativieren.

Aber vielleicht geht es um etwas ganz Anderes. Stihl war nicht nur Erfinder und SS-Sturmführer, sondern wie Alfred Kärcher und Ferdinand Porsche, die in den Vorjahren geehrt wurden, Gründer eines der führenden Unternehmen des Landes. Und damit Stammvater einer der reichsten und einflussreichsten Familien in Baden-Württemberg.


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Kommentare

Manfred Rank, 11.02.2017 09:50
Leider ist dieser Artikel, was Andreas Stihl angeht, nicht nur schlecht recherchiert, sondern gibt die vorhandenen Kenntnisse über Stihl in einer stark reduzierten Auswahl wider Damit entsteht ein völlig einseitiges Bild des SS-Mitglieds. In der Waiblinger Kreiszeitung vom 11. 2. erfährt man von Stihls Abwendung vom Nationalsozialismus und seinem Einsatz für Zwangsarbeiter. Seine Entlastung bei der 'Entnazifizierung' als 'Mitläufer' war kein 'Persilschein', sondern durch Zeugen und Tatsachen gerechtfertigt. - Aber wer jede Gelegenheit zum 'Grünen-Bashing' benutzt, wird sich für Differenzierung nicht interessieren.

Schwabe, 28.01.2017 11:08
Andreas Stihl (SS-Hauptsturmführer) - der "Negativ Schindler" wird von bürgerlichen Politikern geehrte (und von der Grünen Sitzmann noch explizit auf fragwürdige Weise verteidigt!). Kein Aufschrei von CDU, SPD, FDP.

Bürgerliche Politiker biegen sich damit Ihre Parallelwelt zurecht, indem sie selektiv - je nach Lust und Laune - Argumentieren bzw. wie es ihnen in den Kram passt.

Kein Aufschrei der büregerlich neoliberal-kapitaslistischen Politiker. Sind Grüne, CDU, SPD oder FDP (AfD sowieso) damit geistig-moralisch (Massen)Mörder?

Wo heute auch noch selektiv beurteilt wird:
Viele Nazis (ehemalige NSDAP-Mitglieder) im Schleswig-Holsteinischen Landtag (und wer weiß wo noch überall!)
http://www.nachdenkseiten.de/?p=36696

Josef, 27.01.2017 13:43
Die Grünen sind sich doch für nix zu schade - ohne Not wird da einem Wirtschaftsunternehmen positive Pubilicity verschafft - völlig egal was Herr Stihl für einen schäbigen Hintergrund hatte.

Rolf Steiner, 26.01.2017 15:27
@olgheri, 25.01.2017 12:11 - Nun, die Probleme in Heideggers Vergangenheit sollten für uns genauso wichtig sein wie für Frankreich. Dort ist man - salopp gesagt - auf diesen Philosophen noch mehr hereingefallen (Sartre, Foucault u.a.) als bei uns in Deutschland. Dass er ein akademischer Antisemit war, ein völkischer, bäuerlicher Reaktionär, ist doch längst bekannt. Auch sein Hass gegen die "Schwarzen" wie Adenauer oder Strauß, Und überhaupt gegen die Kirche als abgefallener Katholik. Trotz alledem: es ist dennoch wichtig, in der Geisteswissenschaft gerade auch solche "schrägen" Dinge im Leben Ihres "Vorbilds" immer wieder zu diskutieren.

Heinz Greiner, 25.01.2017 14:23
Wenn man gestern den Film über die KZ Befreiung der Aliierten gesehen hat , schämt man sich nur noch für die Grünen , die SS Sturmbannführer ebenso auszeichnen wie Aktivisten , die ein durchaus zwiespältiges Benehmen der Pädophilie gegenüber offenbart haben wie Cohn Bendit .
Sie ähneln immer stärker der FDP .

Fritz, 25.01.2017 14:00
Wenn man in der Hinsicht wirklich konsequent wäre, müsste man auch Robert Bosch hinterfragen. Oder auch Fritz Haber.

Heidegger wiederum kann man als Philosophen ebenso dem Dunstkreis der Nazis verfallen ansehen, wie Leni Riefenstahl als Filmemacherin. In gewisser Hinsicht hätten es diese Leute besser wissen müssen. Die Nazis waren nicht so schwer zu durchschauen.

Andererseits, warum wird z.B. jemand wie Erzberger bei uns bis heute konsequent ausgeblendet, wenn es um solche Ehrungen geht? Weil ihn keiner kennt? Oder weil er den Konservativen - immer noch - zu unbequem ist?

Bolgheri, 25.01.2017 12:11
Heidegger ist ein großer Philosoph, sein Opus magnum Sein und Zeit ist eines der bedeutsamsten Werke des 20. Jahrhunderts. Während man sich in Deutschland für ihn schämt, ist er in der Welt da draussen berühmter und populärer denn je. In den USA ist Heidegger neben Hegel der populärste deutsche Philosoph, Nietzsche mögen sie da drüben auch enorm doch Heideggers Ansehen in den USA ist da noch weit höher einzuschätzen. Woher kommt dieser krasse Unterschied?

Und wenn Heidegger so schlimm war, wieso war er für PhilosophInnen wie Arendt, Gadamer, Marcuse, Sartre und für die Schulen des Existentialismus und der modernen Hermeneutik der Ausgangspunkt bzw. das Vorbild?

Annemarie Raab, 25.01.2017 08:09
Danke für den Bericht.
Eine Münze ist immer als Gesamtwürdigung zu sehen. Auf einer Münze hat es keinen Platz nur einen Teilaspekt des Menschen darzustellen. Es gilt genau hinzusehen, auch oder gerade bei Ferdinand Porsche, nachdem auch Schulen benannt sind. Dies muss hinterfragt werden. Es wäre angebracht, dass die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg ebenfalls eine Expertenkommission einrichtet.

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