KONTEXT Extra:
Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kir¬che ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


Jörg Meuthen weiter an Björn Höckes Seite

Im vergangenen Sommer hatte der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke seinen Bundesparteichef als "meinen verehrten Freund" begrüßt. Und Jörg Meuthen rückte sich selbst, auf dem Kyffhäuser-Treffen, zu dem ihn die Ultras geladen hatte, in die Nähe der besonders weit rechts stehenden parteiinternen Gruppierung "Der Flügel": Er wolle gar nicht als liberaler Kopf der Partei bezeichnet werden, sondern er stehe für "ein gemeinsames Wertefundament". Da hatte Höcke gerade alle anderen Parteien in Deutschland für "inhaltlich entartet" erklärt. Der Schulterschluss hält auch aktuell: Meuthen stellt sich gegen den Rausschmiss, den – wie am Montag bekannt wurde – der Bundesvorstand gegen den Thüringer Landes- und Fraktionschef anstrengt.

Nicht zum ersten Mal. Denn Höcke sollte 2015 schon einmal mit einem Verfahren überzogen werden. Da ging es ebenfalls um eine rassistische Rede, um Aussagen wie, man könne "nicht jedes einzelne NPD-Mitglied als extremistisch einstufen" und um den Vorwurf, Höcke schreibe unter Pseudonym für NPD-Publikationen. Meuthen äußerte sich reichlich schwammig, nahm für sich in Anspruch "als erster aus dem Bundesvorstand scharf reagiert zu haben". Zugleich erklärte er allerdings, dass Höckes "Äußerungen ohne weiteres als rassistisch interpretiert werden können – wobei man darüber diskutieren kann, ob sie es tatsächlich sind". Hans-Olaf Henkel, damals noch AfD-Mitglied, konterte unmissverständlich: "Herr Meuthen ist für mich ein klassischer Schattenboxer." Nach außen tue er immer wieder so, als würde er sich gegen den rechtsnationalen Flügel stellen, nach innen agiere er völlig anders. (13.2.2017)


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Ehrenmedaille für den "Vater der Motorsäge" und SS-Hauptsturmführer Andreas Stihl. Screenshot: www.staatlichemuenzenbw.de

Ehrenmedaille für den "Vater der Motorsäge" und SS-Hauptsturmführer Andreas Stihl. Screenshot: www.staatlichemuenzenbw.de

Ausgabe 304
Zeitgeschehen

Die Kehrseite der Medaille

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 25.01.2017
In Freiburg soll der Martin-Heidegger-Weg nicht mehr Martin-Heidegger-Weg heißen. In Stuttgart hingegen erscheint eine Kunstmedaille zu Ehren des SS-Sturmführers Andreas Stihl. Er solle nur als Erfinder geehrt werden, sagt Finanzministerin Edith Sitzmann.

Mehr als 1000 Straßennamen hat eine Freiburger Expertenkommission vier Jahre lang geprüft, um festzustellen, "welche Würdigungen von Personen und Ereignissen durch die Benennung einer Straße aus heutiger Sicht nicht mehr angemessen erscheinen." Am 6. Oktober 2016 empfahl sie, zwölf Straßennamen zu ändern. Es handelt sich überwiegend um Freiburger Persönlichkeiten, unter anderem Ärzte und Professoren. Aber auch Paul von Hindenburg ist dabei, ebenso wie der frühere SPD-Politiker und Funktionär von Wohnungsgenossenschaften Julius Brecht. Am meisten Aufsehen aber erregte der Martin-Heidegger-Weg.

Drei Wochen später würdigten die Staatlichen Münzen Baden-Württemberg Andreas Stihl, den Begründer des Waiblinger Kettensägenherstellers, mit einer Kunstmedaille "Erfinder aus Baden-Württemberg". "Ich bin entsetzt", schreibt der Waiblinger Lokalhistoriker Ebbe Kögel, Mitglied des Bürgerprojekts AnStifter, als er von der Angelegenheit erfährt, an die Finanzministerin Edith Sitzmann: "Haben Sie eigentlich keine Rechercheabteilung bei den Staatlichen Münzen bzw. in Ihrem Ministerium? Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939). Nach dem Krieg wurde er von der US-Armee für 3 Jahre interniert."

Ministerin Edith Sitzmann und der Leiter der Staatliche Münzen, Peter Huber, überreichen Nikolas Stihl (links) und Hans Peter Stihl (rechts) die neue Medaille. Foto: Staatliche Münzen BW
Ministerin Edith Sitzmann und der Leiter der Staatliche Münzen, Peter Huber, überreichen Nikolas Stihl (links) und Hans Peter Stihl (rechts) die neue Medaille. Foto: Staatliche Münzen BW

Ob Persönlichkeiten, die in der NS-Zeit eine Rolle spielten, weiterhin durch Straßennamen oder in anderer Form geehrt werden sollen, ist nicht nur in Freiburg und Waiblingen umstritten. Zum Beispiel Hindenburg. Nach dem Generalsfeldmarschall, der durch seine harte Haltung im Ersten Weltkrieg das Deutsche Reich in den Untergang geführt hat, der die Dolchstoßlegende mit in die Welt setzte und 1933 Hitler zum Reichskanzler ernannte, sind noch an vielen Orten Straßen benannt, etwa in Esslingen und Herrenberg.

Heidegger: Philosoph und nationalsozialistischer Uni-Rektor

In Heilbronn nennt sich der Hindenburgplatz bereits seit 1948 wieder Rathenauplatz wie vor 1933. In Stuttgart heißt der Hindenburgbau auf Antrag der Fraktion SÖS Linke seit 2010 offiziell nicht mehr so, die Plakette mit dem Namen wurde abgeschraubt. In Berlin konnte sich die Linke dagegen 2015 mit dem Antrag, Hindenburg die Ehrenbürgerwürde zu entziehen, nicht durchsetzen. In Ludwigsburg kam es im selben Jahr zu einem Patt.

Ähnlich kontrovers wird Julius Brecht diskutiert, nach dem in Stuttgart das größte Wohnhochhaus im Stadtteil Freiberg benannt ist. Der Genossenschaftsfunktionär war 1937 in die NSDAP eingetreten, um Leiter des Reichsverbandes des deutschen gemeinnützigen Wohnungswesens zu werden. 1947 wurde er SPD-Mitglied, später Bundestagsabgeordneter und schließlich Direktor des Gesamtverbands gemeinnütziger Wohnungsunternehmen. Allerdings soll er in der NS-Zeit daran mitgewirkt haben, jüdische Mitbürger aus ihren Wohnungen zu vertreiben. Neben Freiburg diskutieren nun auch Hamburg und Hannover, ob Straßen, die seinen Namen tragen, umbenannt werden sollten.

Martin Heidegger 1960
Heideggers Nazivergangenheit wurde ausführlich besprochen. Foto: Willy Pragher/Landesarchiv BW, CC BY-SA 3.0

Den Martin-Heidegger-Weg in Freiburg, ein Spazierweg im Stadtteil Zähringen, gibt es seit 1981. "Diese Ehrung erfolgte zu einem Zeitpunkt, als die kritische Auseinandersetzung mit Heidegger als erstem nationalsozialistischen Universitätsrektor und seinem Anspruch, 'den Führer geistig führen' zu wollen, wegen der gesperrten Akten im Universitätsarchiv noch nicht begonnen hatte", schreibt die Kommission in ihrer Begründung. Erst danach habe die Aufarbeitung begonnen.

Als Aussage von Experten muss dies schon ein wenig verwundern. Eine Kontroverse zu Heideggers Rolle im Nationalsozialismus gab es in Frankreich bereits 1943, als Jean-Paul Sartre eine zu große Nähe zu dem deutschen Philosophen vorgeworfen wurde. In Deutschland begann die Diskussion 1953 mit einem Artikel des 24-jährigen Jürgen Habermas in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ). Seitdem ist die Debatte nicht mehr verstummt, in die sich immer wieder Berühmtheiten dies- und jenseits des Rheins einmischten, von Theodor W. Adorno bis zu dem Soziologen Jean-Pierre Bourdieu.

Welcher Teufel hat Heidegger da geritten, fragt Hannah Arendt

Die von der Kommission genannte Kontroverse der achtziger Jahre, die sich im Kontext des so genannten Historikerstreits um den Heidegger-Schüler Ernst Nolte entwickelte, der versucht hatte, den Holocaust zu relativieren, war also keinesfalls der Beginn einer kritischen Auseinandersetzung mit Heideggers Rolle im Nationalsozialismus. Mit den "Schwarzen Heften", Heideggers bislang unveröffentlichten Notizbüchern aus den Jahren 1938 bis 1948, hat die Diskussion schon gleich gar nicht begonnen.

Heideggers anfängliche Sympathien für die Nazis und seine dubiose Rolle als Rektor der Freiburger Universität – allerdings vorgeschlagen von seinem sozialdemokratischen und jüdischen Vorgänger Wilhelm von Möllendorf – sind längst durchgekaut. Auch die bisher 94 Bände der Gesamtausgabe sind in allen Einzelheiten durchleuchtet. Bei den "Schwarzen Heften", Heideggers "Überlegungen" seit 1938, den je 500 Seiten starken Bänden 95 bis 97, geht es nun um sieben Textstellen, in denen der Philosoph über das Judentum schwadroniert.

Universität Freiburg mit Inschrift "Die Wahrheit wird euch frei machen".
Stets auf der Suche nach der Wahrheit: die Uni Freiburg. Foto: AlterVista/Wikimedia, CC BY-SA 3.0

Wegen dieser Aufzeichnungen ist der Martin-Heidegger-Lehrstuhl der Freiburger Universität durch eine Juniorprofessur für Logik und sprachanalytische Philosophie ersetzt worden. Dagegen haben mehr als 2600 Philosophen eine Petition unterschrieben. Sie fürchten um die von Heidegger und seinem jüdischen Lehrer Edmund Husserl geprägten Traditionen der Phänomenologie und der Hermeneutik.

Günter Figal, der Lehrstuhlinhaber, trat zugleich vom Vorsitz der Martin-Heidegger-Gesellschaft zurück. Sein Nachfolger Helmuth Vetter verweist jedoch auf eine Textstelle, in der Heidegger schreibt: "Anmerkung für Esel: mit 'Antisemitismus' hat die Bemerkung nichts zu tun. Dieser ist so töricht und so verwerflich, wie das blutige und vor allem unblutige Vorgehen des Christentums gegen 'die Heiden'."

Die Debatte wogt hin und her. Der Ton ist scharf, wie in akademischen Debatten üblich. Der herausgebende Verlag Vittorio Klostermann meint: "Die Härte der Auseinandersetzung mit zeitgeschichtlichen Vorgängen wird mitunter dem Besprochenen nicht gerecht." Der Freiburger Philosophie-Publizist Wolfram Eilenberger geht noch einen Schritt weiter, indem er auch jüdische Philosophen wie Jacques Derrida, Emmanuel Lévinas oder Hannah Arendt unter Verdacht stellt: Sie seien von Heideggers antisemitischer Fundamentalkritik der abendländischen Metaphysik infiziert.

Arendt selbst, Heideggers Schülerin und einstige Geliebte, brach 1933 den Kontakt ab, nahm ihn jedoch 1950 wieder auf. Eine Auseinandersetzung über den Nationalsozialismus sei mit ihm nicht möglich, klagte sie später, "weil er wirklich nicht weiß und auch kaum in einer Position ist, herauszufinden, welcher Teufel ihn da hineingeritten hat." Sie kam immerhin zu dem Schluss: seinen "'Irrtum' hat Heidegger zwar nach kurzer Zeit eingesehen und dann erheblich mehr riskiert, als damals an den deutschen Universitäten üblich war".

Zu Andreas Stihls NS-Vergangenheit gibt es keine Debatte

Auch Andreas Stihl trat wie Heidegger bald nach Hitlers Machtergreifung in die NSDAP ein. 1934 wurde er SS-Sturmführer, 1939 Hauptsturmführer. Seine Kontakte zu den Machthabern nutzte er zur Vermarktung seiner Kettensägen: Im Russlandfeldzug, wo ständig Holz für die Holzvergaser-Fahrzeuge gebraucht wurde, leisteten sie gute Dienste und verhalfen Stihl zu einer guten Auftragslage. Von 250 Mitarbeitern im Jahr 1939 wuchs die Belegschaft im Krieg auf 500, vorwiegend Frauen und Zwangsarbeiter.

Hier geht's um die Säge, nicht um die Gesamtpersönlichkeit, meint die Finanzministerin. Foto: Andreas Stihl AG & Co. KG
Hier geht's um die Säge, nicht um die Gesamtpersönlichkeit, meint die Finanzministerin. Foto: Andreas Stihl AG & Co. KG

Über Stihls NS-Vergangenheit gibt es keine ausufernden Debatten. Er hat kein 100-bändiges Gesamtwerk hinterlassen, das man nach verdächtigen Stellen durchforsten kann. Es fällt ganz im Gegenteil schwer, überhaupt etwas in Erfahrung zu bringen. Am 27. Mai 1945 von den französischen Besatzern verhaftet, wurde er von den Amerikanern drei Jahre lang interniert. Im Spruchkammerverfahren bezeichnete ihn ein Betriebsrat, wie Ebbe Koegel den Akten entnimmt, als "fanatischen, aktiven Kämpfer für die nationalsozialistische Ideologie". Dennoch wurde er als Mitläufer eingestuft und gegen eine Geldbuße von 500 DM entlassen.

Ministerin Sitzmann lässt Koegel antworten: "Ihre Kritik hinsichtlich der politischen Haltung von Andreas Stihl in der Zeit des Nationalsozialismus ist für mich absolut nachvollziehbar." Sie will aber die Medaille "nicht als eine Würdigung der Gesamtpersönlichkeit verstanden wissen. Insbesondere soll seine Rolle als Unternehmer in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft dadurch keinesfalls relativiert werden." Ihr Fazit: "Mit der Münze wird also ausdrücklich der Erfindergeist von Andreas Stihl gewürdigt."

Wenn sich das so leicht trennen ließe, hätte der Freiburger Lehrstuhl nicht umbenannt werden müssen. Er könnte Martin Heidegger – bei allem Streit weder SS-Mann noch fanatischer Vorkämpfer der NS-Ideologie – weiterhin als Philosophen ehren, ohne seine Rolle in der NS-Zeit zu relativieren.

Aber vielleicht geht es um etwas ganz Anderes. Stihl war nicht nur Erfinder und SS-Sturmführer, sondern wie Alfred Kärcher und Ferdinand Porsche, die in den Vorjahren geehrt wurden, Gründer eines der führenden Unternehmen des Landes. Und damit Stammvater einer der reichsten und einflussreichsten Familien in Baden-Württemberg.


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Kommentare

Manfred Rank, 11.02.2017 09:50
Leider ist dieser Artikel, was Andreas Stihl angeht, nicht nur schlecht recherchiert, sondern gibt die vorhandenen Kenntnisse über Stihl in einer stark reduzierten Auswahl wider Damit entsteht ein völlig einseitiges Bild des SS-Mitglieds. In der Waiblinger Kreiszeitung vom 11. 2. erfährt man von Stihls Abwendung vom Nationalsozialismus und seinem Einsatz für Zwangsarbeiter. Seine Entlastung bei der 'Entnazifizierung' als 'Mitläufer' war kein 'Persilschein', sondern durch Zeugen und Tatsachen gerechtfertigt. - Aber wer jede Gelegenheit zum 'Grünen-Bashing' benutzt, wird sich für Differenzierung nicht interessieren.

Schwabe, 28.01.2017 11:08
Andreas Stihl (SS-Hauptsturmführer) - der "Negativ Schindler" wird von bürgerlichen Politikern geehrte (und von der Grünen Sitzmann noch explizit auf fragwürdige Weise verteidigt!). Kein Aufschrei von CDU, SPD, FDP.

Bürgerliche Politiker biegen sich damit Ihre Parallelwelt zurecht, indem sie selektiv - je nach Lust und Laune - Argumentieren bzw. wie es ihnen in den Kram passt.

Kein Aufschrei der büregerlich neoliberal-kapitaslistischen Politiker. Sind Grüne, CDU, SPD oder FDP (AfD sowieso) damit geistig-moralisch (Massen)Mörder?

Wo heute auch noch selektiv beurteilt wird:
Viele Nazis (ehemalige NSDAP-Mitglieder) im Schleswig-Holsteinischen Landtag (und wer weiß wo noch überall!)
http://www.nachdenkseiten.de/?p=36696

Josef, 27.01.2017 13:43
Die Grünen sind sich doch für nix zu schade - ohne Not wird da einem Wirtschaftsunternehmen positive Pubilicity verschafft - völlig egal was Herr Stihl für einen schäbigen Hintergrund hatte.

Rolf Steiner, 26.01.2017 15:27
@olgheri, 25.01.2017 12:11 - Nun, die Probleme in Heideggers Vergangenheit sollten für uns genauso wichtig sein wie für Frankreich. Dort ist man - salopp gesagt - auf diesen Philosophen noch mehr hereingefallen (Sartre, Foucault u.a.) als bei uns in Deutschland. Dass er ein akademischer Antisemit war, ein völkischer, bäuerlicher Reaktionär, ist doch längst bekannt. Auch sein Hass gegen die "Schwarzen" wie Adenauer oder Strauß, Und überhaupt gegen die Kirche als abgefallener Katholik. Trotz alledem: es ist dennoch wichtig, in der Geisteswissenschaft gerade auch solche "schrägen" Dinge im Leben Ihres "Vorbilds" immer wieder zu diskutieren.

Heinz Greiner, 25.01.2017 14:23
Wenn man gestern den Film über die KZ Befreiung der Aliierten gesehen hat , schämt man sich nur noch für die Grünen , die SS Sturmbannführer ebenso auszeichnen wie Aktivisten , die ein durchaus zwiespältiges Benehmen der Pädophilie gegenüber offenbart haben wie Cohn Bendit .
Sie ähneln immer stärker der FDP .

Fritz, 25.01.2017 14:00
Wenn man in der Hinsicht wirklich konsequent wäre, müsste man auch Robert Bosch hinterfragen. Oder auch Fritz Haber.

Heidegger wiederum kann man als Philosophen ebenso dem Dunstkreis der Nazis verfallen ansehen, wie Leni Riefenstahl als Filmemacherin. In gewisser Hinsicht hätten es diese Leute besser wissen müssen. Die Nazis waren nicht so schwer zu durchschauen.

Andererseits, warum wird z.B. jemand wie Erzberger bei uns bis heute konsequent ausgeblendet, wenn es um solche Ehrungen geht? Weil ihn keiner kennt? Oder weil er den Konservativen - immer noch - zu unbequem ist?

Bolgheri, 25.01.2017 12:11
Heidegger ist ein großer Philosoph, sein Opus magnum Sein und Zeit ist eines der bedeutsamsten Werke des 20. Jahrhunderts. Während man sich in Deutschland für ihn schämt, ist er in der Welt da draussen berühmter und populärer denn je. In den USA ist Heidegger neben Hegel der populärste deutsche Philosoph, Nietzsche mögen sie da drüben auch enorm doch Heideggers Ansehen in den USA ist da noch weit höher einzuschätzen. Woher kommt dieser krasse Unterschied?

Und wenn Heidegger so schlimm war, wieso war er für PhilosophInnen wie Arendt, Gadamer, Marcuse, Sartre und für die Schulen des Existentialismus und der modernen Hermeneutik der Ausgangspunkt bzw. das Vorbild?

Annemarie Raab, 25.01.2017 08:09
Danke für den Bericht.
Eine Münze ist immer als Gesamtwürdigung zu sehen. Auf einer Münze hat es keinen Platz nur einen Teilaspekt des Menschen darzustellen. Es gilt genau hinzusehen, auch oder gerade bei Ferdinand Porsche, nachdem auch Schulen benannt sind. Dies muss hinterfragt werden. Es wäre angebracht, dass die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg ebenfalls eine Expertenkommission einrichtet.

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