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Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Verleiht Männern Testosteronschübe seit 1926: Stihl-Kettensäge. Foto: Stihl/Carsten Jeske

Verleiht Männern Testosteronschübe seit 1926: Stihl-Kettensäge. Foto: Stihl/Carsten Jeske

Ausgabe 289
Wirtschaft

Das Kettensägen-Imperium

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 12.10.2016
Wo Bäume abgeholzt werden, ist Stihl ganz vorne mit dabei. Wo der Kettensägenhersteller aus Waiblingen sonst noch überall seine Finger im Spiel hat, zeigt unser alternativer Geburtstagsgruß zum Neunzigsten des Unternehmens.

Models baden im hölzernen Zuber, posieren knapp bekleidet vor heimischer Bergkulisse oder auch in den Tropen, die Kettensäge immer in Griffweite: Auf dem Stihl-Kalender, der in dieser Form seit 1973 erscheint, ist die Männerwelt noch in Ordnung - diie Frau als Objekt, das steile Sägeblatt mit dem knatternden Zweitakter ein Hort männlicher Potenz.

Ganz unwidersprochen bleibt dies nicht. Teilnehmer des Kongresses "Weltweitwissen" im Stuttgarter Haus der Wirtschaft verfassten 2014 eine Resolution. Sie hätten "mit Erstaunen und Entsetzen die Präsentation des Foto-Kalenders 2014 der Firma Stihl (Auflage 900 000) im Foyer des Hauses der Wirtschaft Baden-Württemberg zur Kenntnis genommen" schrieben sie. "'Frauen als scheue Tiere in der beeindruckenden Natur Südafrikas' darzustellen - so der Ausstellungstext - ist nicht nur frauenverachtend und diskriminierend, sondern konterkariert die Ziele des Globalen Lernens ebenso wie die erklärten Bildungsziele der Landesregierung Baden-Württembergs."

Frauen mit Sägen: Stihl-Kalender. Screenshot
Frauen mit Sägen: Stihl-Kalender. Screenshot

1973 war das Jahr, in dem Hans Peter Stihl die Geschäftsleitung übernahm. Er hat den Motorsägenhersteller zum Global Player gemacht. Ein Familienunternehmer, wie er im Buche steht. Ein Partiarch, konservativ bis in die Knochen. Einer, der noch mit 83 mit dem Motorrad über die Autobahn braust. Der gegenüber den eigenen Mitarbeitern sozial sein und nach außen auch Wohltaten verteilen kann. Aber allen Widerspruchsgeistern gerne zeigt, wer die Hosen anhat.

Konservativ bis in die Knochen

Stihl war 13 Jahre lang Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstags (DIHT), der Dachorganisation der Industrie- und Handelskammern (IHK), und zugleich der IHK Region Stuttgart.

Er ist dafür verantwortlich, dass sich die IHK so stark für das Projekt Stuttgart 21 eingesetzt hat und forderte noch im September 2010, wenige Tage vor dem "schwarzen Donnerstag", ein stärkeres Engagement der Wirtschaft. Der grün-roten Landesregierung drohte der passionierte Autofahrer 2012 unverhohlen mit Abwanderung, sollte sie den motorisierten Individualverkehr ausbremsen. Das Gegenteil sei der Fall, versicherte prompt der Ministerpräsident bei seinem Auftritt zum Stihl-Jubiläum im März.

Stihl ist einer der wohlhabendsten Unternehmer des Landes. Auf der Liste der Reichen in Deutschland rangiert die Familie ungefähr auf Platz 50, im Südwesten nach Würth, Bosch und neuerdings Kärcher, aber noch vor Voith, Leibinger (Trumpf) und Stoll (Festo). Rund 2,5 Milliarden Euro beträgt das Vermögen, der Jahresumsatz über 3 Milliarden.

Die erste Stihl-Säge wog 50 Kilo

Begonnen hat alles ganz klein vor 90 Jahren. In der Seyfferstraße in Stuttgart gründete Hans Peters Vater, der gebürtige Schweizer Andreas Stihl, ein Ingenieurbüro und entwickelte bald eine elektrische Kettensäge. Die erste Benzinmotorsäge, hergestellt in einer Werkstatt in Bad Cannstatt, wog 50 Kilogramm und war nur im Zweimannbetrieb zu verwenden, kam aber bei der Kundschaft gut an. Nur mit Müh und Not brachte Stihl das Unternehmen durch die Weltwirtschaftskrise. Exportaufträge aus Russland brachten nicht viel ein. Besser lief es in den USA und Kanada.

Bilderbuchpatriarch Hans Peter Stihl. Foto: Joachim E. Röttgers
Bilderbuchpatriarch Hans Peter Stihl. Foto: Joachim E. Röttgers

1938 erwarb Stihl eine Fabrikanlage in Neustadt, das heute zu Waiblingen gehört. Als das Cannstatter Werk 1944 völlig zerstört wurde, zog das Unternehmen endgültig ins Remstal. 1939 hatte Stihl 250 Mitarbeiter, bei Kriegsende waren es 500, überwiegend Frauen und mindestens 100 Zwangsarbeiter.

Die Holzwirtschaft war wichtig, da das Reich von Erdölimporten abgeschnitten war. Der Treibstoff der Holzvergaser-Fahrzeuge wuchs sozusagen am Wegrand. Stihls Zweimann-Kraftsäge 43, kurz KS 43, leistete gute Dienste.

Nach Kriegsende musste Stihl im Lager Moosburg bei Fürstenfeldbruck drei Jahre lang Motorsägen reparieren. Er war 1933 in die NSDAP eingetreten und 1934 SS-Sturmführer in Höfingen geworden. "Im Spruchkammerverfahren bezeichnet ihn der Betriebsrat 1947 als 'fanatischer, aktiver Kämpfer für die nationalsozialistische Ideologie'", schreibt Ebbe Kögel, Mitglied des Bürgerprojekts AnStifter, in einem Leserbrief an die Waiblinger Kreiszeitung, den diese bisher nicht veröffentlichen wollte.

Doch Stihl hatte auch Fürsprecher. Sie erklärten, Zwangsarbeiter hätten bei ihm mehr zu essen bekommen als anderswo. Stihl erhielt seinen Persilschein: Als Mitläufer eingestuft, wurde er gegen eine Geldbuße von 500 Mark entlassen. Viel später, 1999, hat sich Hans Peter Stihl als DIHT-Präsident vehement für die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter durch die Stiftungsinitiative "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" der deutschen Wirtschaft eingesetzt. Direkte Ansprüche an sein eigenes Unternehmen lehnte er ab.

Hans Peter Stihl: Bin kein Freund der Gewerkschaften

In der Nachkriegszeit produzierte Stihl auch Traktoren, um sich über Wasser zu halten. Doch es war das Geschäft mit der Kettensäge, das um 1960 endgültig den Durchbruch brachte. Die getriebelose Einmannsäge "Contra", die nur 12 Kilogramm wog, war weltweit konkurrenzlos. Der 63-jährige Andreas Stihl drängte den 27-jährigen Sohn, ins Unternehmen einzusteigen, das er in eine Kommanditgesellschaft umwandelte, mit gleichen Anteilen für alle vier Kinder. Mit seiner Schwester Eva Mayr-Stihl musste sich Hans Peter Stihl das Büro teilen. Dabei ist es bis heute geblieben. Die Geschwister speisen in der Unternehmenskantine, stellen sich wie ihre Mitarbeiter an der Essensausgabe an.

Ein Bild von einer Säge, ein Bild von einem Mann: Thomas D. von den Fantastischen Vier. Foto: Michael Hanselmann, CC BY-SA 3.0
Ein Bild von einer Säge, ein Bild von einem Mann: Thomas D. von den Fantastischen Vier. Foto: Michael Hanselmann, CC BY-SA 3.0

Freischneider, Trennschleifer, Heckenscheren, Motorsensen: Die Produktpalette hat sich ständig erweitert, auch durch Übernahme des österreichischen Gartengeräteherstellers Viking. Im Vertrieb hat Stihl konsequent auf den Fachhandel gesetzt und sich nicht in die Fänge der Baumärkte begeben. So wurde Stihl 1971 Weltmarktführer. Seit 1973 gibt es wegen der dortigen Importzölle ein Werk in Brasilien, seit 1974 eines in den USA: um vom Wechselkurs unabhängig zu sein.

Nach den schwierigen Jahren der Weltwirtschaftskrise hat sich Stihl nie mehr von Geldgebern abhängig gemacht. Bei einer Eigenkapitalquote von heute satten 70 Prozent lässt sich gut frei schalten und walten. Als Arbeitgeberfunktionär hat Hans Peter Stihl, nach eigenen Angaben kein Freund der Gewerkschaften, Mitte der 1980er-Jahre mit der IG Metall hart um 35-Stunden-Woche und Mitbestimmung gerungen. Im eigenen Unternehmen führte er zur selben Zeit eine Gewinnbeteiligung ein. 

Auf Stihls Initiative gründete sich 1994 der Verein "Forum Region Stuttgart", um auf einen engeren Austausch der Landeshauptstadt mit den Nachbargemeinden hinzuwirken. Der Verband Region Stuttgart mit dem deutschlandweit einzigartigen, direkt gewählten Regionalparlament entstand im selben Jahr. Das Forum, das sich inzwischen wieder aufgelöst hat, vergab von 1999 bis 2014 den Hans Peter Stihl Preis, 2001 auch an Stihl selber.

Auch die Politik steht auf Stihl

Eva Mayr-Stihl wacht seit langer Zeit über die Finanzen. Zugleich leitet sie die nach ihr benannte Stiftung, die in Waiblingen und in der Region Wohltaten verteilt. Ihr ist es zu verdanken, dass Waiblingen seit 2008, sehr viel später als die meisten Nachbarkommunen Stuttgarts, eine Städtische Galerie besitzt. Jahrelang hatte sich der Gründungsdirektor Helmut Herbst vergeblich bemüht. Dann kippte die Stadt sein Konzept, vorwiegend plastische Werke auszustellen und bevorzugte stattdessen Arbeiten auf Papier, um laufende Kosten zu sparen. Herbst trat zurück, die Galerie bietet trotzdem ein anspruchsvolles Programm.

Der grüne MP überzeugt sich von den Baumfäll-Qualitäten. Foto: Stihl
Der grüne MP überzeugt sich von den Baumfäll-Qualitäten. Foto: Stihl

Obwohl Stihl 90 Prozent des Umsatzes im Exportgeschäft macht, investiert der Hersteller weiter in den Standort Waiblingen. Kein Wunder also, dass die Geschwister mit Auszeichnungen überhäuft werden. Und dass Politiker in Stadt und Land ihnen gern die Aufwartung machen: vom Waiblinger Oberbürgermeister Andreas Hesky über Winfried Kretschmann bis hinauf zu Angela Merkel - auch wenn die im März, kurz vor der Landtagswahl, dann doch nicht kam

Da ging es um die Einweihung eines neuen Entwicklungszentrums für Elektro- und Akkugeräte. 32 Millionen Euro hatte Stihl dafür investiert. Ungefähr fünf Prozent des Umsatzes steckt das Unternehmen in Forschung und Entwicklung: in den letzten zehn Jahren nach eigenen Angaben eine halbe Milliarde allein in umweltschonende Motortechnologien. Elektrische Antriebe kamen freilich eher spät, doch nun soll es vorwärts gehen. 

"Besondere ökologische Verantwortung"

"Als ein weltweit führender Hersteller von Motorsägen und Motorgeräten für die Forst- und Landwirtschaft, die Garten- und Landschaftspflege sowie die Bauwirtschaft trägt STIHL eine besondere ökologische Verantwortung": So sieht sich das Unternehmen selbst. "Ihr verdient daran, dass unser Wald zerstört wird", stand dagegen auf einem Transparent, mit dem der Malaysier Matek Geram zum selben Termin vor dem Werkstor in Waiblingen stand.

Geram protestierte gegen den Stihl-Vertriebspartner KTS, der in seiner Heimatregion Sarawak in Malaysia Wald rodet, um Palmölplantagen anzulegen. Er hätte gern eine Petition der Initiativen "Rettet den Regenwald" und Poema mit 105 000 Unterschriften übergeben, musste jedoch unverrichteter Dinge wieder abziehen. Mit ähnlichen Vorwürfen sah sich Hans Peter Stihl schon bei seinem Amtsantritt als DIHT-Präsident 1988 konfrontiert.

Doch der Patriarch gibt lieber selbst den Ton an. Wenn er etwas mitzuteilen hat, hat er kein Problem, dies in den Zeitungen unterzubringen. Kürzlich hat er noch einmal sein ganzes Gewicht in die Waagschale geworfen, um vor der Erbschaftssteuerreform zu warnen. Dabei haben die Stihls ihre eigene Erbschaft längst steuersparend geregelt. Das Vermögen liegt in einer Holding, an der ausschließlich die direkten Nachfahren als Gesellschafter beteiligt sind: Hans Peter Stihl, seine drei Geschwister und die sieben Erben der nächsten Generation.

Aus dem Vorstand hat sich Stihl 2002 zurückgezogen. Vorsitzender ist seit 2003 der frühere Bosch-Manager Bertram Kandziora. Über den Beirat der Holding, seit 2012 unter dem Vorsitz seines Sohnes Nikolas, behält die Familie aber weiterhin alles unter Kontrolle.


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Kommentare

Fritz, 19.10.2016 05:47
"maxwaldo"... was für ein plumper Versuch! Höchst unterhaltsam!

maxwaldo, 17.10.2016 10:44
ein unerträglich tendenziös hetzender Artikel. Ja, es gibt den schwäbischen Familienbetrieb, bei dem finanzielle Solidität einen höheren Stellenwert hat als Gewinnmaximierung. Wahrscheinlich beisst's jetzt schon bei den meisten Linksprolos aus, denen der Unterschied nicht erklärbar ist.
Ich empfehle jedem der hier Kritik an der Motorsäge übt einmal einen richtigen Baum von Hand, mit der Axt zu schlagen. Und falls er dann nicht nach einer halben Stunde hilflos dreinschauend aufgegeben hat und dringend eine Gauloises braucht, soll er bitte den nächsten ummachen und so weiter, jeden Tag, weil er damit, und nicht mit dumm daherlabern in einer Bürostube, sein Geld verdient. Man schaue sich mal um in welchen Gegenständen überall Holz verarbeitet ist. Das kann man nicht mit der Nagelschere der Natur entnehmen. Stihl Motorsägen sind erste Sahne, das weiß jeder der damit zu tun hat.

Andreas Spreer, 16.10.2016 14:58
Nur ein kaputter Laubbläser ist ein guter Laubbläser.

Blinkfeuer, 14.10.2016 10:31
Oh felix austria- na ja: aber Steiermark, da sind Laubbläser verboten. Wer hier in der Stadtverwaltung fragt, was das Hin- u nd Hergeblase denn so soll, bekommt natürlich keine Antwort. Wozu sind Verwaltungen auch sonst da, als in Sonntagsreden vom Feinstaub zu plärren und ab Montag richtig schmutzig loszulegen.
Gilt auch für Stadtverdichtung: SO dagegen, ab MO Bäume wegkloppen für 1 Familienhaus- Blödsinn.

Horst Ruch, 13.10.2016 19:16
....eben ein schwäbischer Macher in der Tradition seines Vaters.
"Besondere Ökologie" nein Danke. Es gilt Ökonomie über alles. Denn wie könnte es sonst sein, daß bei angeblichen Entwicklunskosten von einer halben Milliarde €, Geräte auf den Markt gebracht werden, die abgesehen der "Made in Germany" Qualität vor Lärm, Feinstaub und Gestank der Konkurenz in nichts nachstehen. Hauptsache: Export über alles, was gehen mich die Regenwäldern an.
Soweit ich mich erinnere, waren die lärmenden, stinkenden Volksfestgokarts in den 60 er Jahren auch ein Stihlprodukt. Damals allerdings in guter Gesellschaft zu den Zweitaktern der Nachkriegszeit, wo nur Bruchteil an "Entwicklungs"kosten zu Verfügung standen.

Fritz, 12.10.2016 14:00
Kritik an Stihl? Anderswo undenkbar. "Familienbetrieb" und "Arbeitsplätze" wird einem da um die Ohren gehauen. Als ob allein das schon ein Mantra und Allheilmittel wäre.

Ludwig Thoma, 12.10.2016 13:42
Lieber Kommentator Schwabe,
was bitteschön ist an diesem Artikel investigativ? Der Text ist eine Aneinanderreihung altbekannter Tatsachen und keine besondere Leistung.

Und dass der Autor bei der Beschäftigung mit der Person Hans Peter Stihl nicht umhin kam, das Engagement der IHK für das Projekt Stuttgart 21 zu erwähnen, war auch zu erwarten. Schließlich erhält er sein Zeilenhonorar aus der Schatulle von Kontext.

pebo, 12.10.2016 10:59
Ja, die Laubbläser müssen in den USA besonders laut sein, so dass wir, sofern TTIP kommt, noch lautere Laubbläser ertragen müssen.

denisci, 12.10.2016 10:18
Leider fehlt bei der Aufzählung der Produkte der Laubbläser, der inzwischen ganzjährig von den Hausmeisterfirmen zur Gehsteigreinigung eingesetzt wird. Selbst in Feinstaubzonen darf er unangefochten alle Arten von Staub aufwirbeln, mit ungereinigte Zweitaktabgasen die Luft verpesten und in einem mehrere hundert Meter weiten Umfeld die Menschen mit höllischem Lärm terrorisieren. Und das fast täglich!

Schwabe, 12.10.2016 07:14
Ein wie ich finde sehr guter, kritischer und informativer Artikel - investigativer Journalismus eben!

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