KONTEXT Extra:
Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kir¬che ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


Jörg Meuthen weiter an Björn Höckes Seite

Im vergangenen Sommer hatte der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke seinen Bundesparteichef als "meinen verehrten Freund" begrüßt. Und Jörg Meuthen rückte sich selbst, auf dem Kyffhäuser-Treffen, zu dem ihn die Ultras geladen hatte, in die Nähe der besonders weit rechts stehenden parteiinternen Gruppierung "Der Flügel": Er wolle gar nicht als liberaler Kopf der Partei bezeichnet werden, sondern er stehe für "ein gemeinsames Wertefundament". Da hatte Höcke gerade alle anderen Parteien in Deutschland für "inhaltlich entartet" erklärt. Der Schulterschluss hält auch aktuell: Meuthen stellt sich gegen den Rausschmiss, den – wie am Montag bekannt wurde – der Bundesvorstand gegen den Thüringer Landes- und Fraktionschef anstrengt.

Nicht zum ersten Mal. Denn Höcke sollte 2015 schon einmal mit einem Verfahren überzogen werden. Da ging es ebenfalls um eine rassistische Rede, um Aussagen wie, man könne "nicht jedes einzelne NPD-Mitglied als extremistisch einstufen" und um den Vorwurf, Höcke schreibe unter Pseudonym für NPD-Publikationen. Meuthen äußerte sich reichlich schwammig, nahm für sich in Anspruch "als erster aus dem Bundesvorstand scharf reagiert zu haben". Zugleich erklärte er allerdings, dass Höckes "Äußerungen ohne weiteres als rassistisch interpretiert werden können – wobei man darüber diskutieren kann, ob sie es tatsächlich sind". Hans-Olaf Henkel, damals noch AfD-Mitglied, konterte unmissverständlich: "Herr Meuthen ist für mich ein klassischer Schattenboxer." Nach außen tue er immer wieder so, als würde er sich gegen den rechtsnationalen Flügel stellen, nach innen agiere er völlig anders. (13.2.2017)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Verleiht Männern Testosteronschübe seit 1926: Stihl-Kettensäge. Foto: Stihl/Carsten Jeske

Verleiht Männern Testosteronschübe seit 1926: Stihl-Kettensäge. Foto: Stihl/Carsten Jeske

Ausgabe 289
Wirtschaft

Das Kettensägen-Imperium

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 12.10.2016
Wo Bäume abgeholzt werden, ist Stihl ganz vorne mit dabei. Wo der Kettensägenhersteller aus Waiblingen sonst noch überall seine Finger im Spiel hat, zeigt unser alternativer Geburtstagsgruß zum Neunzigsten des Unternehmens.

Models baden im hölzernen Zuber, posieren knapp bekleidet vor heimischer Bergkulisse oder auch in den Tropen, die Kettensäge immer in Griffweite: Auf dem Stihl-Kalender, der in dieser Form seit 1973 erscheint, ist die Männerwelt noch in Ordnung - diie Frau als Objekt, das steile Sägeblatt mit dem knatternden Zweitakter ein Hort männlicher Potenz.

Ganz unwidersprochen bleibt dies nicht. Teilnehmer des Kongresses "Weltweitwissen" im Stuttgarter Haus der Wirtschaft verfassten 2014 eine Resolution. Sie hätten "mit Erstaunen und Entsetzen die Präsentation des Foto-Kalenders 2014 der Firma Stihl (Auflage 900 000) im Foyer des Hauses der Wirtschaft Baden-Württemberg zur Kenntnis genommen" schrieben sie. "'Frauen als scheue Tiere in der beeindruckenden Natur Südafrikas' darzustellen - so der Ausstellungstext - ist nicht nur frauenverachtend und diskriminierend, sondern konterkariert die Ziele des Globalen Lernens ebenso wie die erklärten Bildungsziele der Landesregierung Baden-Württembergs."

Frauen mit Sägen: Stihl-Kalender. Screenshot
Frauen mit Sägen: Stihl-Kalender. Screenshot

1973 war das Jahr, in dem Hans Peter Stihl die Geschäftsleitung übernahm. Er hat den Motorsägenhersteller zum Global Player gemacht. Ein Familienunternehmer, wie er im Buche steht. Ein Partiarch, konservativ bis in die Knochen. Einer, der noch mit 83 mit dem Motorrad über die Autobahn braust. Der gegenüber den eigenen Mitarbeitern sozial sein und nach außen auch Wohltaten verteilen kann. Aber allen Widerspruchsgeistern gerne zeigt, wer die Hosen anhat.

Konservativ bis in die Knochen

Stihl war 13 Jahre lang Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstags (DIHT), der Dachorganisation der Industrie- und Handelskammern (IHK), und zugleich der IHK Region Stuttgart.

Er ist dafür verantwortlich, dass sich die IHK so stark für das Projekt Stuttgart 21 eingesetzt hat und forderte noch im September 2010, wenige Tage vor dem "schwarzen Donnerstag", ein stärkeres Engagement der Wirtschaft. Der grün-roten Landesregierung drohte der passionierte Autofahrer 2012 unverhohlen mit Abwanderung, sollte sie den motorisierten Individualverkehr ausbremsen. Das Gegenteil sei der Fall, versicherte prompt der Ministerpräsident bei seinem Auftritt zum Stihl-Jubiläum im März.

Stihl ist einer der wohlhabendsten Unternehmer des Landes. Auf der Liste der Reichen in Deutschland rangiert die Familie ungefähr auf Platz 50, im Südwesten nach Würth, Bosch und neuerdings Kärcher, aber noch vor Voith, Leibinger (Trumpf) und Stoll (Festo). Rund 2,5 Milliarden Euro beträgt das Vermögen, der Jahresumsatz über 3 Milliarden.

Die erste Stihl-Säge wog 50 Kilo

Begonnen hat alles ganz klein vor 90 Jahren. In der Seyfferstraße in Stuttgart gründete Hans Peters Vater, der gebürtige Schweizer Andreas Stihl, ein Ingenieurbüro und entwickelte bald eine elektrische Kettensäge. Die erste Benzinmotorsäge, hergestellt in einer Werkstatt in Bad Cannstatt, wog 50 Kilogramm und war nur im Zweimannbetrieb zu verwenden, kam aber bei der Kundschaft gut an. Nur mit Müh und Not brachte Stihl das Unternehmen durch die Weltwirtschaftskrise. Exportaufträge aus Russland brachten nicht viel ein. Besser lief es in den USA und Kanada.

Bilderbuchpatriarch Hans Peter Stihl. Foto: Joachim E. Röttgers
Bilderbuchpatriarch Hans Peter Stihl. Foto: Joachim E. Röttgers

1938 erwarb Stihl eine Fabrikanlage in Neustadt, das heute zu Waiblingen gehört. Als das Cannstatter Werk 1944 völlig zerstört wurde, zog das Unternehmen endgültig ins Remstal. 1939 hatte Stihl 250 Mitarbeiter, bei Kriegsende waren es 500, überwiegend Frauen und mindestens 100 Zwangsarbeiter.

Die Holzwirtschaft war wichtig, da das Reich von Erdölimporten abgeschnitten war. Der Treibstoff der Holzvergaser-Fahrzeuge wuchs sozusagen am Wegrand. Stihls Zweimann-Kraftsäge 43, kurz KS 43, leistete gute Dienste.

Nach Kriegsende musste Stihl im Lager Moosburg bei Fürstenfeldbruck drei Jahre lang Motorsägen reparieren. Er war 1933 in die NSDAP eingetreten und 1934 SS-Sturmführer in Höfingen geworden. "Im Spruchkammerverfahren bezeichnet ihn der Betriebsrat 1947 als 'fanatischer, aktiver Kämpfer für die nationalsozialistische Ideologie'", schreibt Ebbe Kögel, Mitglied des Bürgerprojekts AnStifter, in einem Leserbrief an die Waiblinger Kreiszeitung, den diese bisher nicht veröffentlichen wollte.

Doch Stihl hatte auch Fürsprecher. Sie erklärten, Zwangsarbeiter hätten bei ihm mehr zu essen bekommen als anderswo. Stihl erhielt seinen Persilschein: Als Mitläufer eingestuft, wurde er gegen eine Geldbuße von 500 Mark entlassen. Viel später, 1999, hat sich Hans Peter Stihl als DIHT-Präsident vehement für die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter durch die Stiftungsinitiative "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" der deutschen Wirtschaft eingesetzt. Direkte Ansprüche an sein eigenes Unternehmen lehnte er ab.

Hans Peter Stihl: Bin kein Freund der Gewerkschaften

In der Nachkriegszeit produzierte Stihl auch Traktoren, um sich über Wasser zu halten. Doch es war das Geschäft mit der Kettensäge, das um 1960 endgültig den Durchbruch brachte. Die getriebelose Einmannsäge "Contra", die nur 12 Kilogramm wog, war weltweit konkurrenzlos. Der 63-jährige Andreas Stihl drängte den 27-jährigen Sohn, ins Unternehmen einzusteigen, das er in eine Kommanditgesellschaft umwandelte, mit gleichen Anteilen für alle vier Kinder. Mit seiner Schwester Eva Mayr-Stihl musste sich Hans Peter Stihl das Büro teilen. Dabei ist es bis heute geblieben. Die Geschwister speisen in der Unternehmenskantine, stellen sich wie ihre Mitarbeiter an der Essensausgabe an.

Ein Bild von einer Säge, ein Bild von einem Mann: Thomas D. von den Fantastischen Vier. Foto: Michael Hanselmann, CC BY-SA 3.0
Ein Bild von einer Säge, ein Bild von einem Mann: Thomas D. von den Fantastischen Vier. Foto: Michael Hanselmann, CC BY-SA 3.0

Freischneider, Trennschleifer, Heckenscheren, Motorsensen: Die Produktpalette hat sich ständig erweitert, auch durch Übernahme des österreichischen Gartengeräteherstellers Viking. Im Vertrieb hat Stihl konsequent auf den Fachhandel gesetzt und sich nicht in die Fänge der Baumärkte begeben. So wurde Stihl 1971 Weltmarktführer. Seit 1973 gibt es wegen der dortigen Importzölle ein Werk in Brasilien, seit 1974 eines in den USA: um vom Wechselkurs unabhängig zu sein.

Nach den schwierigen Jahren der Weltwirtschaftskrise hat sich Stihl nie mehr von Geldgebern abhängig gemacht. Bei einer Eigenkapitalquote von heute satten 70 Prozent lässt sich gut frei schalten und walten. Als Arbeitgeberfunktionär hat Hans Peter Stihl, nach eigenen Angaben kein Freund der Gewerkschaften, Mitte der 1980er-Jahre mit der IG Metall hart um 35-Stunden-Woche und Mitbestimmung gerungen. Im eigenen Unternehmen führte er zur selben Zeit eine Gewinnbeteiligung ein. 

Auf Stihls Initiative gründete sich 1994 der Verein "Forum Region Stuttgart", um auf einen engeren Austausch der Landeshauptstadt mit den Nachbargemeinden hinzuwirken. Der Verband Region Stuttgart mit dem deutschlandweit einzigartigen, direkt gewählten Regionalparlament entstand im selben Jahr. Das Forum, das sich inzwischen wieder aufgelöst hat, vergab von 1999 bis 2014 den Hans Peter Stihl Preis, 2001 auch an Stihl selber.

Auch die Politik steht auf Stihl

Eva Mayr-Stihl wacht seit langer Zeit über die Finanzen. Zugleich leitet sie die nach ihr benannte Stiftung, die in Waiblingen und in der Region Wohltaten verteilt. Ihr ist es zu verdanken, dass Waiblingen seit 2008, sehr viel später als die meisten Nachbarkommunen Stuttgarts, eine Städtische Galerie besitzt. Jahrelang hatte sich der Gründungsdirektor Helmut Herbst vergeblich bemüht. Dann kippte die Stadt sein Konzept, vorwiegend plastische Werke auszustellen und bevorzugte stattdessen Arbeiten auf Papier, um laufende Kosten zu sparen. Herbst trat zurück, die Galerie bietet trotzdem ein anspruchsvolles Programm.

Der grüne MP überzeugt sich von den Baumfäll-Qualitäten. Foto: Stihl
Der grüne MP überzeugt sich von den Baumfäll-Qualitäten. Foto: Stihl

Obwohl Stihl 90 Prozent des Umsatzes im Exportgeschäft macht, investiert der Hersteller weiter in den Standort Waiblingen. Kein Wunder also, dass die Geschwister mit Auszeichnungen überhäuft werden. Und dass Politiker in Stadt und Land ihnen gern die Aufwartung machen: vom Waiblinger Oberbürgermeister Andreas Hesky über Winfried Kretschmann bis hinauf zu Angela Merkel - auch wenn die im März, kurz vor der Landtagswahl, dann doch nicht kam

Da ging es um die Einweihung eines neuen Entwicklungszentrums für Elektro- und Akkugeräte. 32 Millionen Euro hatte Stihl dafür investiert. Ungefähr fünf Prozent des Umsatzes steckt das Unternehmen in Forschung und Entwicklung: in den letzten zehn Jahren nach eigenen Angaben eine halbe Milliarde allein in umweltschonende Motortechnologien. Elektrische Antriebe kamen freilich eher spät, doch nun soll es vorwärts gehen. 

"Besondere ökologische Verantwortung"

"Als ein weltweit führender Hersteller von Motorsägen und Motorgeräten für die Forst- und Landwirtschaft, die Garten- und Landschaftspflege sowie die Bauwirtschaft trägt STIHL eine besondere ökologische Verantwortung": So sieht sich das Unternehmen selbst. "Ihr verdient daran, dass unser Wald zerstört wird", stand dagegen auf einem Transparent, mit dem der Malaysier Matek Geram zum selben Termin vor dem Werkstor in Waiblingen stand.

Geram protestierte gegen den Stihl-Vertriebspartner KTS, der in seiner Heimatregion Sarawak in Malaysia Wald rodet, um Palmölplantagen anzulegen. Er hätte gern eine Petition der Initiativen "Rettet den Regenwald" und Poema mit 105 000 Unterschriften übergeben, musste jedoch unverrichteter Dinge wieder abziehen. Mit ähnlichen Vorwürfen sah sich Hans Peter Stihl schon bei seinem Amtsantritt als DIHT-Präsident 1988 konfrontiert.

Doch der Patriarch gibt lieber selbst den Ton an. Wenn er etwas mitzuteilen hat, hat er kein Problem, dies in den Zeitungen unterzubringen. Kürzlich hat er noch einmal sein ganzes Gewicht in die Waagschale geworfen, um vor der Erbschaftssteuerreform zu warnen. Dabei haben die Stihls ihre eigene Erbschaft längst steuersparend geregelt. Das Vermögen liegt in einer Holding, an der ausschließlich die direkten Nachfahren als Gesellschafter beteiligt sind: Hans Peter Stihl, seine drei Geschwister und die sieben Erben der nächsten Generation.

Aus dem Vorstand hat sich Stihl 2002 zurückgezogen. Vorsitzender ist seit 2003 der frühere Bosch-Manager Bertram Kandziora. Über den Beirat der Holding, seit 2012 unter dem Vorsitz seines Sohnes Nikolas, behält die Familie aber weiterhin alles unter Kontrolle.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

Kommentare

Fritz, 19.10.2016 05:47
"maxwaldo"... was für ein plumper Versuch! Höchst unterhaltsam!

maxwaldo, 17.10.2016 10:44
ein unerträglich tendenziös hetzender Artikel. Ja, es gibt den schwäbischen Familienbetrieb, bei dem finanzielle Solidität einen höheren Stellenwert hat als Gewinnmaximierung. Wahrscheinlich beisst's jetzt schon bei den meisten Linksprolos aus, denen der Unterschied nicht erklärbar ist.
Ich empfehle jedem der hier Kritik an der Motorsäge übt einmal einen richtigen Baum von Hand, mit der Axt zu schlagen. Und falls er dann nicht nach einer halben Stunde hilflos dreinschauend aufgegeben hat und dringend eine Gauloises braucht, soll er bitte den nächsten ummachen und so weiter, jeden Tag, weil er damit, und nicht mit dumm daherlabern in einer Bürostube, sein Geld verdient. Man schaue sich mal um in welchen Gegenständen überall Holz verarbeitet ist. Das kann man nicht mit der Nagelschere der Natur entnehmen. Stihl Motorsägen sind erste Sahne, das weiß jeder der damit zu tun hat.

Andreas Spreer, 16.10.2016 14:58
Nur ein kaputter Laubbläser ist ein guter Laubbläser.

Blinkfeuer, 14.10.2016 10:31
Oh felix austria- na ja: aber Steiermark, da sind Laubbläser verboten. Wer hier in der Stadtverwaltung fragt, was das Hin- u nd Hergeblase denn so soll, bekommt natürlich keine Antwort. Wozu sind Verwaltungen auch sonst da, als in Sonntagsreden vom Feinstaub zu plärren und ab Montag richtig schmutzig loszulegen.
Gilt auch für Stadtverdichtung: SO dagegen, ab MO Bäume wegkloppen für 1 Familienhaus- Blödsinn.

Horst Ruch, 13.10.2016 19:16
....eben ein schwäbischer Macher in der Tradition seines Vaters.
"Besondere Ökologie" nein Danke. Es gilt Ökonomie über alles. Denn wie könnte es sonst sein, daß bei angeblichen Entwicklunskosten von einer halben Milliarde €, Geräte auf den Markt gebracht werden, die abgesehen der "Made in Germany" Qualität vor Lärm, Feinstaub und Gestank der Konkurenz in nichts nachstehen. Hauptsache: Export über alles, was gehen mich die Regenwäldern an.
Soweit ich mich erinnere, waren die lärmenden, stinkenden Volksfestgokarts in den 60 er Jahren auch ein Stihlprodukt. Damals allerdings in guter Gesellschaft zu den Zweitaktern der Nachkriegszeit, wo nur Bruchteil an "Entwicklungs"kosten zu Verfügung standen.

Fritz, 12.10.2016 14:00
Kritik an Stihl? Anderswo undenkbar. "Familienbetrieb" und "Arbeitsplätze" wird einem da um die Ohren gehauen. Als ob allein das schon ein Mantra und Allheilmittel wäre.

Ludwig Thoma, 12.10.2016 13:42
Lieber Kommentator Schwabe,
was bitteschön ist an diesem Artikel investigativ? Der Text ist eine Aneinanderreihung altbekannter Tatsachen und keine besondere Leistung.

Und dass der Autor bei der Beschäftigung mit der Person Hans Peter Stihl nicht umhin kam, das Engagement der IHK für das Projekt Stuttgart 21 zu erwähnen, war auch zu erwarten. Schließlich erhält er sein Zeilenhonorar aus der Schatulle von Kontext.

pebo, 12.10.2016 10:59
Ja, die Laubbläser müssen in den USA besonders laut sein, so dass wir, sofern TTIP kommt, noch lautere Laubbläser ertragen müssen.

denisci, 12.10.2016 10:18
Leider fehlt bei der Aufzählung der Produkte der Laubbläser, der inzwischen ganzjährig von den Hausmeisterfirmen zur Gehsteigreinigung eingesetzt wird. Selbst in Feinstaubzonen darf er unangefochten alle Arten von Staub aufwirbeln, mit ungereinigte Zweitaktabgasen die Luft verpesten und in einem mehrere hundert Meter weiten Umfeld die Menschen mit höllischem Lärm terrorisieren. Und das fast täglich!

Schwabe, 12.10.2016 07:14
Ein wie ich finde sehr guter, kritischer und informativer Artikel - investigativer Journalismus eben!

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 307 / Kritik ist Lüge / Bernd Oehler, 21.02.2017 12:52
In der Süddeutschen Zeitung von heute (21.2.) steht ein Interview mit der »Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky über Zuzügler aus Deutschland, die weiße Rasse von Atlantis und Wetterberichte in den Grenzen von 896«, kurz...

Ausgabe 307 / Entfesselte Kettenhunde / GelA, 20.02.2017 18:42
Was ist denn nun der grundsätzliche Unterschied zwischen der Denke von Trump (Denken kann man das ja nicht nennen), der alles verachtet und verdammt, was ihm nicht paßt und dieser Verallgemeinerung von @era und anderen, die alles in...

Ausgabe 307 / Pforzheim – Stadt der Extreme / Henny Deckmann, 20.02.2017 18:05
Das ist aber ein sehr negativer Bericht. So kenne ich meine Heimatstadt nicht.

Ausgabe 307 / Verbote werden kommen / Schwabe, 20.02.2017 16:50
@Feinstaub "es geht hier nicht um neoliberale Rohstoffverteilungskriege." Doch, genau darum geht es! Wo ist Ihr sachliches Argument das es nicht so ist? Sie sind jemand der diese ursächlichen Zusammenhänge von Öl-Verteilungskriegen,...

Ausgabe 307 / Entfesselte Kettenhunde / Rolf Steiner, 20.02.2017 15:17
Erst kürzlich - 17.2.17 - musste das Bundeskriminalamt ein Fake der AfD-Vorsitzenden Petry deutlich korrigieren. Sie behauptete, dass das BKA verlauten ließ, Flüchtlinge wären krimineller als Deutsche. Das BKA zeigte Petrys Fake auf...

Ausgabe 307 / Sitzen verboten / F. Stirling, London, 20.02.2017 14:54
Die Totenruhe ist gestört Die wiederkehrenden Erschütterungen am Grabe von Sir James Frazer Stirling, die vor einigen Jahren in London zu zahlreichen Vermutungen Anlass gab, scheinen nun eine plausible Erklärung zu finden: sie...

Ausgabe 307 / Kritik ist Lüge / Rolf Steiner, 20.02.2017 14:42
Wie armselig dieser Gorka "diskutiert", zeigt das Interview des BBC-Journalisten Evan Devis, das seit 16.2.17 im Netz ist und auch bei Stefan Niggemeier angesehen werden kann: https://twitter.com/niggi/status/832475880622428161 Ein...

Ausgabe 307 / Kritik ist Lüge / Rolf Steiner, 20.02.2017 14:21
Als anständiger Demokrat sollte man sich gegen die mit Flüchtlingshetze, Fremden- und Europa-Feindlichkeit sich nicht gerade zurückhaltenden vom Kopp-.Verlag vertriebenen Publikationen deutlich positionieren. Schädliche Angriffe auf...

Ausgabe 306 / "Die Ungerechtigkeit schreit zum Himmel" / Stefan Elbel, 20.02.2017 11:33
Laut der Bundesregierung geht es den Menschen in Deutschland so gut wie noch nie? Sind das nicht Fake-News? Diese Bundesregierung will es einfach nicht wahrhaben. Sie lobt sich selber, die geringste Arbeitslosenquote seit Jahren zu...

Ausgabe 307 / Schlagstock und Stimmvieh / Peter Meyerholt, 20.02.2017 08:00
kannitverstan: irgendein afrikanischer künstler kann doch jederzeit ein kunstprojekt in der stadt realisieren. kunst ist frei. da ist sicherlich eine amt davor, und damit das ganze nicht umkippt, auch der tüv. aber sonst? das hat...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!