KONTEXT Extra:
Büttel der Bahn - nein danke

Vor dem S-21-Lenkungskreis am Donnerstag (30.6.) wird Verkehrsminister Winfried Hermann und Oberbürgermeister Fritz Kuhn (beide Grüne) heftig ins Gewissen geredet. Der Theologe Martin Poguntke vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erklärt, die Projektgegner hätten es aufgegeben zu hoffen, dass "wir politische Helden an die Macht gebracht haben". Aber verlangt werden könne, dass sie ihr Amt "nicht so ganz der Würdelosigkeit preisgeben". Konkret bedeute das:

Fordern Sie von der Bahn die restlose Offenlegung aller Zahlen und deren Überprüfung durch eine wirklich unabhängige Stelle. Sie haben nicht das Recht, sich auf die Bahn einfach zu verlassen - denn Sie sind uns, dem Souverän, gegenüber verantwortlich.

Fordern Sie, dass die Bahn dem Vieregg&Rössler-Gutachten von mindestens 9,8 Milliarden nicht nur blumig widerspricht, sondern es Punkt für Punkt mit konkreten Zahlen widerlegt. Es geht hier nämlich nicht nur um eine Kostensteigerung von wenigen hundert Millionen, sondern seit 2009 sind die von der Bahn scheibchenweise eingestandenen Kosten um 3,4 Milliarden von 3,1 auf 6,5 Milliarden gestiegen - das sind über 100 Prozent in sieben Jahren.

Fordern Sie - wenn schon keinen Projekt-Abbruch - wenigstens ein Moratorium, bis alle strittigen Fragen geklärt sind. Denn in weniger als der Hälfte der geplanten Bauzeit hat die Bahn 99 Prozent des Risikopuffers von 1,5 Milliarden verbraucht. Es kann nicht sein, dass die Bahn jetzt immer weiter baut, immer mehr Verpflichtungen eingeht, ein immer höheres Erpressungspotenzial an schon ausgegebenem Geld aufhäuft - bevor geklärt ist, wie sie das bezahlen will.

Fordern Sie eine ergebnisoffene Gegenüberstellung der Chancen und Risiken von S21 mit den Chancen und Risiken eines Umstiegs auf den modernisierten Kopfbahnhof und verstecken Sie sich nicht hinter dem angeblichen Ergebnis der Volksabstimmung. Kein halbwegs verantwortlicher Politiker kann ignorieren, dass ein Umstieg auf eine Modernisierung des Kopfbahnhofs nur ca. 2 Milliarden kosten würde und dass nur 1,5 Milliarden des bereits verbauten Geldes wirklich verloren, also viele Milliarden gespart wären - dafür, dass wir einen besseren Bahnhof bekommen, als es S21 je hätte sein können.

Und schließlich bei all Ihren Forderungen: Nennen Sie Konsequenzen, für den Fall, dass Ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Was tun Sie, wenn die Bahn nicht auf Ihre Forderungen eingeht? Denn Forderungen ohne Ankündigung von Konsequenzen sind leeres Gerede fürs Publikum.

Zeigen Sie einmal, dass Sie nicht die Büttel der Bahn sind! Zeigen Sie einmal ein klein wenig politische Größe! Zeigen Sie einmal, dass der Lenkungskreis wirklich lenkt!


Ein Zeichen für Europa

Über Stuttgart wehen EU-Flaggen! Mit der Verkündung des amtlichen Endergebnisses der Volksabstimmung in Großbritainnien über den Austritt aus der EU werden auf der Villa Reitzenstein und dem Neuem Schloss in Stuttgart europäische Flaagen gehisst. Die grün-schwarze Koalition möchte damit ein Zeichen für Europa setzen. "Wir wollen unsere proeuropäische Haltung deutlich zeigen", so Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Die gehöre in Baden-Württemberg "zur Staatsräson". Als "überzeugten Europäer" treffe ihn die Entscheidung der Briten "ganz persönlich ins Mark". Europa sei in den Grundfesten erschüttert.


AfD-Fraktion schließt Gedeon vorerst nicht aus

Die Zerreißprobe in der "Alternative für Deutschland" (AfD) ist aufgeschoben. Ihr Bundesvorsitzender Jörg Meuthen, zugleich Chef der baden-württembergischen Landtagsfraktion, hatte am Dienstag jedenfalls keine erforderliche Zweidrittelmehrheit für den Ausschluss von Wolfgang Gedeon. Über die Äußerungen Gedeons, Anhänger der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", wird jetzt statt dessen ein Gutachten bei drei Fachleuten in Auftrag gegeben – von Religionswissenschaftlern ist die Rede, ein Experte soll jüdischen Glaubens sein –, um die von Meuten selbst erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Singener Mediziner zu überprüfen. Der lässt vorerst seine Mitgliedschaft in der Fraktion ruhen und wird im Plenarsaal auch einen neuen Platz erhalten.

Fraktionsgeschäftsführer Bernd Grimmer erklärte nach den dreistündigen Beratungen, die für einen Ausschluss notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit sei nicht klar gewesen und etwa ein Drittel der Abgeordneten nicht bereit gewesen, Meuthen zu folgen. Sie schätzten den Stellenwert von Meinungsfreiheit höher ein als den einer "politisch korrekten Ausdrucksweise". Sollte die Fraktion nach der Sommerpause und der Bewertung des Gutachtens abermals nicht bereit sein, dem von Meuthen seit Tagen vehement verlangten Antrag auf Ausschluss Gedeons zuzustimmen, bleibt der dabei, seinerseits die Fraktion verlassen zu wollen. Außerdem gibt es Gerüchte, dass eine Handvoll Abgeordneter Gedeon – im Falle seines Ausschlusses – nicht allein gehen lassen, sondern mit ihm aus der Fraktion ausscheiden wolle.

Nicht nur im Internet tobt seit Tagen eine heftige Auseinandersetzung über den künftigen Kurs der Partei, die sich zur Retterin Deutschlands ernannt hat. Meuthens Co-Vorsitzende auf Bundesebene Frauke Petry hat sich öffentlich gegen ihn gestellt, ist damit aber im Bundesvorstand isoliert. Zahlreiche Mitglieder des rechten Flügels verlangen von dem Kehler Wirtschaftsprofessor, von sich aus die AfD zu verlassen. "Die Bewegung muss sich von Volksverrätern wie Meuthen trennen", postet ein Thorsten Baeuml. Und weiter: "Linksversiffte Gutmenschen braucht die Bewegung nicht! Ein Krebsgeschwür wird auch entfernt, so lange es noch geht und Meuthen hat sich zur Selbstoperation verdonnert. Gut so!" Den Ausdruck "linksversifft" hatte Meuthen selbst vor Wochen benutzt, ihn allerdings auf die ganze Bundesrepublik bezogen.


S 21: BUND verlangt "Öffnung in Richtung Kombi-Lösung"

Der BUND Baden-Württemberg hat am Montag ein Positionspapier zu Stuttgart 21 vorgelegt, um "konstruktive Lösungen aus der Sackgasse" aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht der "Einstieg in eine Kombi-Lösung". Wie die Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender erläutert, könnten damit "einerseits die Kosten und Risiken von Stuttgart 21 deutlich gesenkt und andererseits finanzielle Spielräume zur Realisierung eines tatsächlich zukunftsfähigen Bahnknotenpunkts gewonnen werden". Außerdem sieht das Konzept vor, auf den unterirdischen Flughafenbahnhof zu verzichten und stattdessen einen oberirdischen Halt beim Messeparkhaus zu errichten. Zudem soll die Gäubahn über die bestehende Panoramabahn oberirdisch in den Hauptbahnhof geführt werden und "die Zuführungsstrecken zum Hauptbahnhof und die Wendlinger Kurve sollen leistungsfähig ausgebaut werden".

Dahlbender, die für die Tiefbahnhofgegner 2010 in der Schlichtung saß, nennt S 21 ein "auch heute noch in ganz wesentlichen Teilen weder vollständig geplantes noch vollständig genehmigtes Projekt". Es gebe weiterhin keine qualifizierten Aussagen zu Kosten und zum Zeitablauf. Für die SPD-Politikerin und Ulmer Gemeinderätin steht fest, dass deutlich mehr als acht Bahnsteiggleise unverzichtbar sind für einen Großknoten Stuttgart und eine Entmischung der S-Bahn, des Regional- und des Fernverkehrs. Eine nachhaltige Mobilitätswende müsse sich an den Wünschen der Bahnkunden und der tatsächlichen Verkehrsströme orientieren, "und das bedeutet einen Einstieg in die Diskussion einer Kombi-Lösung".

Mehr dazu unter diesem Link.


Jetzt offiziell: Kefer geht späestens im Herbst 2017

Von einem "Eingeständnis des Scheiterns" sprechen die Parkschützer, von "großem Respekt und Wertschätzung" der Aufsichtsratsvorsitzende der DB Utz-Hellmuth Felcht. Auf jeden Fall wirft der für Stuttgart 21 zuständige Bahnvorstand Volker Kefer das Handtuch. Er stehe für eine Verlängerung seines im September 2017 auslaufenden Vertrags nicht zur Verfügung, teilte er dem Aufsichtsrat am Mittwochvormittag mit. Möglicherweise wird er, wenn seine Nachfolge geregelt ist, den Konzern aber schon deutlich früher verlassen. Hier werde kein "Bauer geopfert", so der Sprecher der Parkschützer Matthias von Herrmann. Vielmehr nehme sich ein "allzu stolzer Turm selbst aus dem Spiel": Der für Stuttgart 21 verantwortliche oberste Bahnmanager ziehe "nun offenbar seine persönliche Notbremse vor dem sicheren Aufprall auf dem Prellbock eines baulich, finanziell und kommunikativ völlig unkontrolliert taumelnden Projekts". Kefer ist seit 2009 bei der Deutschen Bahn und galt lange Zeit als möglicher Nachfolger von Bahnchef Rüdiger Grube, dessen Stellvertreter er auch ist. Kritisiert wird intern vor allem, dass der frühere Siemens-Vorstand den Aufsichtsrat zu spät über die Kostenexplosionen und die immer neuen Risiken bei Stuttgart 21 informiert hat.

Insider in Berlin sehen auch Grube selber nicht mehr sicher im Sattel, weil der nicht nur das nach seinen vielzitierten Worten "bestgerechnete" Milliardenprojekt nie wirklich in den Griff bekommen hat. Matthias von Herrmann erinnert an des marode, dringend sanierungsbedürftige Schienennetz und daran, dass trotz der groß angekündigten fernverkehrsoffensive nicht einmal mehr 78 Prozent der Züge pünktlich fahren: "Wir brauchen endlich wieder eine gute zuverlässige Bahn statt Tunnelwahn." Zum Vergleich: In der Schweiz treffen knapp 97 Prozent der Züge pünktlich im Bahnhof ein. (15.6.2017)


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Ausgabe 199
Zeitgeschehen

Der lange Schatten des KZ-Arztes

Von Hermann G. Abmayr
Datum: 21.01.2015
Es gibt neue Erkenntnisse über die Verbindung Josef Mengeles zu Freiburg und einen Knochenfund in Berlin, der möglicherweise mit dessen Menschenversuchen in Auschwitz zu tun hat. Ein Beitrag über Forschungslücken und den langen Schatten des SS-Arztes.

In dem Film "Im Labyrinth des Schweigens" über den Frankfurter Auschwitz-Prozess (Regie Giulio Ricciarelli; Kinostart November 2014) taucht der Name Mengele wieder auf. Und am 24. Januar wird das Experimentelle Theater im bayerischen Schwaben an ihn erinnern: "Gemengele aus Ignoranz und hehre Phrasen" werden angekündigt. "Zündeln – oder Josef M. und seinesgleichen" – so der Titel des Stücks von Siegfried Steiger. Spielort ist die Umkleidekabine der alten Sporthalle in Günzburg, wo sich schon der kleine Beppo die Turnhose angezogen hatte. Die Duschen gehören zur Inszenierung.

Doch auch wenn der Dr. phil. und Dr. med. aus dem Schwabenland einer der weltweit bekanntesten KZ-Ärzte ist, gibt es immer noch Forschungslücken. Warum zum Beispiel haben die deutschen Behörden den SS-Mann ein Vierteljahrhundert lang gesucht und nie gefunden, obwohl ihn die Frankfurter Staatsanwälte – zunächst waren für kurze Zeit die Kollegen in Freiburg zuständig – gern schon im ersten Auschwitz-Prozess vor Gericht gesehen hätten? Gab es Versäumnisse und wenn ja, zu welcher Zeit und aus welchem Grund?

Knochen aus Auschwitz in Berlin gefunden?

Über Mengeles wissenschaftliche Arbeit muss ebenso weiter recherchiert werden. Auch wenn die Max-Planck-Gesellschaft – in der Mengeles Arbeitgeber, das Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI), nach dem Zweiten Weltkrieg aufging –, inzwischen einige Forschungsarbeiten vorgelegt hat. Doch es gebe immer noch Briefe, die das Institut bis 2015 unter Verschluss halte, kritisiert Benno Müller-Hill. Der inzwischen emeritierte Genetikprofessor, der in Freiburg aufwuchs und studierte, hat 1984 als Erster in dem Buch "Tödliche Wissenschaft" den Zusammenhang zwischen Mengeles Experimenten im KZ und Otmar Freiherr von Verschuer entlarvt, dem Leiter des Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik am KWI.

Mengele war 1937 Verschuers Praktikant, später sein Assistent und Doktorand. Und er hat das KWI von Auschwitz aus mit "Material" beliefert – Blutproben und Augen von Zwillingspaaren. Oder Körperteilen von Menschen mit Anomalien, wie der jüdische Arzt Miklos Nyiszli schon kurz nach dem Krieg berichtet hatte. Nyiszli war ein Häftling, der Mengele in Auschwitz-Birkenau assistieren musste.

Erst vor wenigen Tagen ist bekannt geworden, dass in der Nähe des ehemaligen Verschuer-Instituts in Berlin bei Bauarbeiten verwitterte Gebeine von 15 Menschen ans Licht kamen. Nach Angaben von Rechtsmedizinern sind sie mehrere Jahrzehnte alt. Nicht auszuschließen, dass sie aus Auschwitz stammen. Auch dieser Spur müsste man nachgehen. Doch auf weitere Untersuchungen wurde bisher verzichtet.

Links Josef Mengele in Freiburg auf dem Balkon des Hauses Sonnhalde 81 im Frühsommer 1940. Rechts als SS-Obersturmführer im August 1942. Foto: Urheber und Besitzer unbekannt
Links Josef Mengele in Freiburg auf dem Balkon des Hauses Sonnhalde 81 im Frühsommer 1940. Rechts als SS-Obersturmführer im August 1942. Fotos: Urheber und Besitzer unbekannt

Der Historiker Markus Wolter hat jetzt zumindest eine kleine Forschungslücke geschlossen. Er untersuchte Mengeles wenig bekannte Beziehung zu Freiburg. Im Februar wird sein Aufsatz "Der SS-Arzt Josef Mengele zwischen Freiburg und Auschwitz" in der Zeitschrift des Breisgau-Geschichtsvereins erscheinen. Darin weist Wolter nach, dass die Meldekarten von Mengele und seiner Frau Irene fehlerhaft waren und dass die Staatsanwaltschaft nicht einmal bemerkt hatte, dass für 1943 und 1944 falsche Adressen angegeben waren. Dies werfe "ein insgesamt ungünstiges Licht auf Güte und Nachdruck der Ermittlungsarbeit vor Ort", schreibt Wolter. Der Fehler wird in allen Mengele-Monografien bis in die Gegenwart fortgeschrieben.

Der Historiker konnte erstmals zwei Mengele-Fotos verorten und datieren, die im Haus Sonnhalde 81 in Freiburg entstanden sind, der tatsächlichen Wohnadresse von Josef und Irene Mengele und deren Eltern. Auf einem Bild ist der Mediziner im Frühsommer 1940 in Zivil zu sehen, auf dem andern im Sommer 1942 in Uniform. Er steht auf dem Balkon der Wohnung in der Sonnenhalde 81, in der er zusammen mit seiner Frau und den Schwiegereltern gemeldet war. Die Sonnhalde ist Freiburgs Beletage – mit Blick zum Schlossberg, auf die Stadt und ins Rheintal. 

Mengele wohnte in Freiburgs Beletage mit Blick auf die Stadt (1950).
Mengele wohnte in Freiburgs Beletage mit Blick auf die Stadt (1950).

1944 war der damals 33-jährige Mengele nach den Recherchen des Freiburger Forschers Ende März oder Anfang April anlässlich der Geburt seines Sohnes Rolf in der Stadt an der Dreisam. Im Herbst besuchte ihn seine Frau in Auschwitz. Sie musste ihren Urlaub auf fast drei Monate verlängern, da sie krank geworden war. Zum letzten Mal besuchte Josef Mengele Freiburg dann im November. "Mehrmals täglich" sei er damals mit Sohn Rolf bei Fliegerwarnungen in den Keller, erinnert er sich später. Zitat: "Die Sorge und Verantwortung um das Kind sind mir in ihrer ganzen Erlebnistiefe bis heute gegenwärtig."

Markus Wolter konnte erstmals zehn Briefe von Mengele an sein "liebes Fraule", "liebes Schlingele", "kleines Dummerle" oder "kleines Butzele" transkribieren und historisch einordnen. Daraus ergibt sich, dass Josef Mengele einen Umzug der jungen Familie nach Auschwitz vorgeschlagen und Irene dies für Ende 1944 tatsächlich erwogen hatte: "Deine Wünsche habe ich bereits bei unserem Unterkunftsmann angemeldet. Sie werden wohl alle befriedigt werden können", schreibt der SS-Hauptsturmführer am 14. Dezember nach Süddeutschland.

Auch der enge Kontakt zum KWI und zu Otmar von Verschuer wird belegt. So berichtet Mengele im April 1944 über einen Berlin-Besuch, bei dem er zwei KWI-Mitarbeiter und Verschuer traf, den er ausdrücklich Chef nannte. Zitat: "Mit dem Chef konnte ich alles besprechen."

Adressiert sind die zehn Briefe an Irene Mengele in Freiburg, Sonnhalde 81 beziehungsweise in Günzburg, Am Stadtbach 4, wohin Irene und Rolf Mengele im November 1944 unter dem Eindruck der alliierten Bombenangriffe gezogen waren. Die fünf letzten Briefe hatte der SS-Arzt in Auschwitz verfasst.

Feldpostbrief von Mengele aus dem Januar 1942.
Feldpostbrief von Mengele aus dem Januar 1942.

Den mehrere Tausend Seiten umfassenden handschriftlichen Nachlass seines Vaters hatte Rolf Mengele im Sommer 1985 für eine Million DM dem Burda-Verlag verkauft. Die wichtige historische Quelle kam nicht ins Bundesarchiv oder ein anderes seriöses Archiv, sondern wurde zu Geld gemacht. Jedenfalls hat das US-amerikanische Auktionshaus Alexander Autographs die zwischen 1960 und 1975 entstandenen Tagebücher und Journale Mengeles 2011 für rund eine Viertelmillion Dollar versteigert. Den Zuschlag erhielt ein anonymer Bieter. 

Am 17. Januar 1945 packte Josef Mengele das aus seinen Versuchsreihen an Zwillingen, Zwergwüchsigen oder Krüppeln gewonnenes "Material" und floh aus Auschwitz-Birkenau vor der Roten Armee. Seine Frau sollte er erst wieder im bayerischen Schwaben sehen, wo Irene mit ihrem Sohn in der Nähe von Günzburg untergekommen war. Mengeles Eltern besaßen das größte Unternehmen in der Stadt, eine Landmaschinenfabrik.

Später trafen sich Irene und Josef Mengele, der bereits auf einer Fahndungsliste der Amerikaner stand, unter großen Vorsichtsmaßnahmen meist in der Nähe der Autobahn zwischen Schwaben und Oberbayern. Dort war Mengele unter falschem Namen als Hilfsarbeiter bei einem Landwirt in Mangolding bei Rosenheim untergetaucht – bis zu seiner Flucht 1949 über Genua, die so genannte Rattenlinie, nach Argentinien.

"Do you know Mengele?"

Die Freiburg-Verbindung von Mengele wurde einer größeren Öffentlichkeit in Südbaden erst 1985 bekannt. "Do you know Mengele?", fragte ein Journalist der Washington Post den damaligen Freiburger Oberbürgermeister Rolf Böhme (SPD) am Telefon. Und ob er wisse, dass sich Mengele "in der Nazizeit in Freiburg aufgehalten hatte, hier verheiratet gewesen sei und seine Verwandten heute noch hier leben würden"? Böhme hatte keine Ahnung. Doch bereits am selben Abend hätten eine "altgediente Stadträtin" und einer ihrer Amtskollegen die Information bestätigt, berichtet der Politiker später in seinen Erinnerungen.

Nur wenige Tage nach dem Anruf aus den USA, am 6. Juni 1985, wurde auf einem Friedhof der Stadt Embu bei São Paulo vor laufenden Fernsehkameras eine männliche Leiche exhumiert, die sterblichen Überreste des ehemaligen SS-Arztes. Er war bereits 1979 mit 67 Jahren im brasilianischen Küstenort Bertioga gestorben und unter falschem Namen beerdigt worden. Einige Zweifel gab es zwar auch damals noch; doch die sind seit einem DNA-Test 1992 ausgeräumt.

 

Markus Wolter: Der SS-Arzt Josef Mengele zwischen Freiburg und Auschwitz  Ein örtlicher Beitrag zum Banalen und Bösen. Veröffentlicht in "Schau-ins-Land", Jahrbuch 133 der Zeitschrift des Breisgau-Geschichtsvereins, erscheint Mitte Februar 2015.


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Kommentare

Markus Wolter, 22.01.2015 18:57
„This man, we are talking about, Mengele, he was a sadist, but he was cuckoo. When he smiled, then you knew, that you were in the biggest danger.“

Martha Weiss (geb. 8.10.1934, Bratislava) ind: „Die Kinder von Auschwitz“, 2015.

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