KONTEXT Extra:
Ein Zeichen für Europa

Über Stuttgart wehen EU-Flaggen! Mit der Verkündung des amtlichen Endergebnisses der Volksabstimmung in Großbritainnien über den Austritt aus der EU werden auf der Villa Reitzenstein und dem Neuem Schloss in Stuttgart europäische Flaagen gehisst. Die grün-schwarze Koalition möchte damit ein Zeichen für Europa setzen. "Wir wollen unsere proeuropäische Haltung deutlich zeigen", so Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Die gehöre in Baden-Württemberg "zur Staatsräson". Als "überzeugten Europäer" treffe ihn die Entscheidung der Briten "ganz persönlich ins Mark". Europa sei in den Grundfesten erschüttert.


AfD-Fraktion schließt Gedeon vorerst nicht aus

Die Zerreißprobe in der "Alternative für Deutschland" (AfD) ist aufgeschoben. Ihr Bundesvorsitzender Jörg Meuthen, zugleich Chef der baden-württembergischen Landtagsfraktion, hatte am Dienstag jedenfalls keine erforderliche Zweidrittelmehrheit für den Ausschluss von Wolfgang Gedeon. Über die Äußerungen Gedeons, Anhänger der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", wird jetzt statt dessen ein Gutachten bei drei Fachleuten in Auftrag gegeben – von Religionswissenschaftlern ist die Rede, ein Experte soll jüdischen Glaubens sein –, um die von Meuten selbst erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Singener Mediziner zu überprüfen. Der lässt vorerst seine Mitgliedschaft in der Fraktion ruhen und wird im Plenarsaal auch einen neuen Platz erhalten.

Fraktionsgeschäftsführer Bernd Grimmer erklärte nach den dreistündigen Beratungen, die für einen Ausschluss notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit sei nicht klar gewesen und etwa ein Drittel der Abgeordneten nicht bereit gewesen, Meuthen zu folgen. Sie schätzten den Stellenwert von Meinungsfreiheit höher ein als den einer "politisch korrekten Ausdrucksweise". Sollte die Fraktion nach der Sommerpause und der Bewertung des Gutachtens abermals nicht bereit sein, dem von Meuthen seit Tagen vehement verlangten Antrag auf Ausschluss Gedeons zuzustimmen, bleibt der dabei, seinerseits die Fraktion verlassen zu wollen. Außerdem gibt es Gerüchte, dass eine Handvoll Abgeordneter Gedeon – im Falle seines Ausschlusses – nicht allein gehen lassen, sondern mit ihm aus der Fraktion ausscheiden wolle.

Nicht nur im Internet tobt seit Tagen eine heftige Auseinandersetzung über den künftigen Kurs der Partei, die sich zur Retterin Deutschlands ernannt hat. Meuthens Co-Vorsitzende auf Bundesebene Frauke Petry hat sich öffentlich gegen ihn gestellt, ist damit aber im Bundesvorstand isoliert. Zahlreiche Mitglieder des rechten Flügels verlangen von dem Kehler Wirtschaftsprofessor, von sich aus die AfD zu verlassen. "Die Bewegung muss sich von Volksverrätern wie Meuthen trennen", postet ein Thorsten Baeuml. Und weiter: "Linksversiffte Gutmenschen braucht die Bewegung nicht! Ein Krebsgeschwür wird auch entfernt, so lange es noch geht und Meuthen hat sich zur Selbstoperation verdonnert. Gut so!" Den Ausdruck "linksversifft" hatte Meuthen selbst vor Wochen benutzt, ihn allerdings auf die ganze Bundesrepublik bezogen.


S 21: BUND verlangt "Öffnung in Richtung Kombi-Lösung"

Der BUND Baden-Württemberg hat am Montag ein Positionspapier zu Stuttgart 21 vorgelegt, um "konstruktive Lösungen aus der Sackgasse" aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht der "Einstieg in eine Kombi-Lösung". Wie die Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender erläutert, könnten damit "einerseits die Kosten und Risiken von Stuttgart 21 deutlich gesenkt und andererseits finanzielle Spielräume zur Realisierung eines tatsächlich zukunftsfähigen Bahnknotenpunkts gewonnen werden". Außerdem sieht das Konzept vor, auf den unterirdischen Flughafenbahnhof zu verzichten und stattdessen einen oberirdischen Halt beim Messeparkhaus zu errichten. Zudem soll die Gäubahn über die bestehende Panoramabahn oberirdisch in den Hauptbahnhof geführt werden und "die Zuführungsstrecken zum Hauptbahnhof und die Wendlinger Kurve sollen leistungsfähig ausgebaut werden".

Dahlbender, die für die Tiefbahnhofgegner 2010 in der Schlichtung saß, nennt S 21 ein "auch heute noch in ganz wesentlichen Teilen weder vollständig geplantes noch vollständig genehmigtes Projekt". Es gebe weiterhin keine qualifizierten Aussagen zu Kosten und zum Zeitablauf. Für die SPD-Politikerin und Ulmer Gemeinderätin steht fest, dass deutlich mehr als acht Bahnsteiggleise unverzichtbar sind für einen Großknoten Stuttgart und eine Entmischung der S-Bahn, des Regional- und des Fernverkehrs. Eine nachhaltige Mobilitätswende müsse sich an den Wünschen der Bahnkunden und der tatsächlichen Verkehrsströme orientieren, "und das bedeutet einen Einstieg in die Diskussion einer Kombi-Lösung".

Mehr dazu unter diesem Link.


Jetzt offiziell: Kefer geht späestens im Herbst 2017

Von einem "Eingeständnis des Scheiterns" sprechen die Parkschützer, von "großem Respekt und Wertschätzung" der Aufsichtsratsvorsitzende der DB Utz-Hellmuth Felcht. Auf jeden Fall wirft der für Stuttgart 21 zuständige Bahnvorstand Volker Kefer das Handtuch. Er stehe für eine Verlängerung seines im September 2017 auslaufenden Vertrags nicht zur Verfügung, teilte er dem Aufsichtsrat am Mittwochvormittag mit. Möglicherweise wird er, wenn seine Nachfolge geregelt ist, den Konzern aber schon deutlich früher verlassen. Hier werde kein "Bauer geopfert", so der Sprecher der Parkschützer Matthias von Herrmann. Vielmehr nehme sich ein "allzu stolzer Turm selbst aus dem Spiel": Der für Stuttgart 21 verantwortliche oberste Bahnmanager ziehe "nun offenbar seine persönliche Notbremse vor dem sicheren Aufprall auf dem Prellbock eines baulich, finanziell und kommunikativ völlig unkontrolliert taumelnden Projekts". Kefer ist seit 2009 bei der Deutschen Bahn und galt lange Zeit als möglicher Nachfolger von Bahnchef Rüdiger Grube, dessen Stellvertreter er auch ist. Kritisiert wird intern vor allem, dass der frühere Siemens-Vorstand den Aufsichtsrat zu spät über die Kostenexplosionen und die immer neuen Risiken bei Stuttgart 21 informiert hat.

Insider in Berlin sehen auch Grube selber nicht mehr sicher im Sattel, weil der nicht nur das nach seinen vielzitierten Worten "bestgerechnete" Milliardenprojekt nie wirklich in den Griff bekommen hat. Matthias von Herrmann erinnert an des marode, dringend sanierungsbedürftige Schienennetz und daran, dass trotz der groß angekündigten fernverkehrsoffensive nicht einmal mehr 78 Prozent der Züge pünktlich fahren: "Wir brauchen endlich wieder eine gute zuverlässige Bahn statt Tunnelwahn." Zum Vergleich: In der Schweiz treffen knapp 97 Prozent der Züge pünktlich im Bahnhof ein. (15.6.2017)


Hermann kritisiert S-21-Befürworter scharf

Der grüne Verkehrsminister Winne Hermann wirft den Befürworter von Stuttgart 21 "in der Politik und bei der Bahn" vor, jahrelang die Kosten heruntergerechnet und die Risiken des Milliardenprojekts nicht ernst genommen zu haben. Jetzt zeige sich immer mehr, wie richtig die Kritiker gelegen hätten. Als Beispiel nennt der S-21-Gegner seit Mitte der Neunziger im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk den Tunnelbau. Zehn Jahre sei über die Schwierigkeiten in dem Gestein diskutiert worden, das die Bahn aktuell für einen Teil der Kostensteigerungen verantwortlich mache.

Der DB wirft er zudem vor, die Glaubwürdigkeit zu "zerstören", wenn an die Landesregierung "kurz vor der Veröffentlichung dieser neuen Dinge beruhigende fünf Zeilen" geschickt würden, dass letztendlich alles in Ordnung sei. "Und dann liest man einen Tag später, es wird wieder teurer, und es wird wieder später", so Hermann weiter. Das mache misstrauisch. Einem Ausstieg erteilt er dennoch eine Absage: Die Bevölkerung habe "keinen Ausstieg beschlossen", und seitdem sei es für jeden in der Regierung Pflicht, das Projekt zu begleiten und zu befördern.


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Militärische Minidrohne im Kampfeinsatz. Foto: US Navy

Militärische Minidrohne im Kampfeinsatz. Foto: US Navy

Ausgabe 194
Zeitgeschehen

Angriff aus heiterem Himmel

Von Jürgen Lessat
Datum: 17.12.2014
Vor Kurzem schreckten Berichte von Drohnenüberflügen französischer Atomanlagen auf. Absicht und Urheber der Flugmanöver blieben unbekannt. In Kontext warnt jetzt ein Sicherheitsexperte vor Terrorattacken aus der Luft: "Atomkraftwerke sind mit Drohnen leicht verwundbar." Nach Kontext-Informationen versuchten Unbekannte bereits, in Deutschland Spezialdrohnen für mögliche terroristische Anschläge zu beschaffen.

Noch ist nichts passiert. Doch Sicherheitsexperten wie Matthias Berger sehen die Drohnenüberflüge von französischen Atomanlagen mit ungutem Gefühl. "Das einzig Beruhigende ist, dass die Flüge entdeckt wurden", sagt der Ingenieur. Zwischen Anfang Oktober und Mitte November wurden im Nachbarland mehr als 30 Überflüge über 15 Atomkraftwerken, drei Anlagen zur Kernbrennstoffverarbeitung und einem Atomforschungszentrum beobachtet. Bislang konnten weder die Überflüge verhindert noch die Hintergründe aufgedeckt werden. "Vielleicht waren es Testflüge, um die Sicherheitseinrichtungen der Anlagen zu erkunden", sagt Berger, der regelmäßig an Fachtagungen zum Schutz so genannter kritischer Infrastruktur (Kritis) teilnimmt. Und der deshalb auch nicht seinen richtigen Namen in den Medien lesen will.

Ferngesteuerter Minicopter vor Schweizer Bergwelt. Foto: Swiss UAV AG
Ferngesteuerter Minicopter vor Schweizer Bergwelt. Foto: Swiss UAV AG

Die Ausspähung der Anlagen könnten Terroristen für Anschläge nutzen, warnte auch Greenpeace Deutschland kurz nach Bekanntwerden der Vorfälle – und präsentierte eine Sicherheitsstudie zu französischen Atomanlagen, die zu besorgniserregenden Ergebnissen kommt. "Die Anlagen sind absolut unzureichend gegen Angriffe gesichert", so der AKW-Experte der Organisation, Heinz Smital. Gefahr drohe nicht nur durch Sabotage von Innentätern, sondern auch durch sprengstoffbeladene Drohnen von außen. Im schlimmsten Fall könnten Drohnenbomben zum Super-GAU mit Kernschmelze wie in Fukushima und Tschernobyl führen und weite Teile Europas radioaktiv verseuchen, so ein Fazit der Studie. Insbesondere die grenznahen Atomkraftwerke in Cattenom und Fessenheim seien durch konstruktive Mängel derart gefährdet.

Medien verharmlosen Schadenspotenzial

Deutsche Sicherheitskreise beschwichtigen. "Das Greenpeace-Szenario ist stark konstruiert, eine Umsetzung wenig wahrscheinlich", betont der Verfassungsschutz auf Kontext-Anfrage. Auch aus Sicht einiger Medien übertreibt Greenpeace. "Anleitung zum Super-GAU", titelte die Süddeutsche Zeitung und sprach von "Szenarien, die an einen Action-Film erinnern". Bezeichnend: SZ-Autor Robert Gast musste seinen Artikel im Nachhinein inhaltlich korrigieren.

Sicherheitsexperte Berger schüttelt den Kopf über derartige Verharmlosung. "Die Gefahr eines terroristischen Drohnenangriffs auf kritische Infrastruktur ist heute viel wahrscheinlicher und einfacher, als manche Leute es wahrhaben wollen", sagt er. Vor zwei Jahren skizzierte er erstmals auf einer Sicherheitstagung mögliche Attacken mit unbemannten Luftfahrzeugen (Unmanned Aerial Vehicles, UAV). Damals galten derartige Bedrohungsszenarien als ziemlich utopisch. Noch im "Gefährdungslagebild Luftverkehr 2013" verwies das Bundeskriminalamt auf absichtlich herbeigeführte Flugzeugabstürze als wahrscheinlichstes Terrorrisiko von hiesigen Atommeilern.

PR-Drohnenüberflug über das 15 Kilometer westlich von Bern gelegene AKW Mühleberg

Inzwischen haben sich die Zeiten geändert. Das in Syrien und Irak mordende Terrorregime Islamischer Staat (IS) hat allen Ungläubigen weltweit den heiligen Krieg erklärt. Eine Gefährdungslage, die auch auf Europa ausstrahlt. Und UAVs sind heute viel leistungsfähiger und verfügbarer als damals. Wendige Quadro- oder Oktokopter sind bereits ab 600 Euro erhältlich. Profidrohnen, die mit kiloschwerer Zuladung abheben, kosten weniger als 10 000 Euro.

Alternativen zu Sprengstoff an Bord

Bergers Szenarien unterscheiden sich von der aktuellen Greenpeace-Studie in einem wichtigen Detail: Terrordrohnen können Nuklearanlagen auch ohne Verwendung von Sprengstoff angreifen. "Attentäter erreichen auch auf andere Art ihr Ziel, den Betrieb eines AKWs massiv zu stören", sagt Berger. Wie genau, verschweigt Kontext, um möglichen Tätern keine Hinweise zu liefern. Zumal derartige Attacken relativ einfach durchzuführend sind und ihre Wirkung sogar größer als die einer lokal begrenzten Explosion sein kann – von massiven Schäden am "Tatort" bis hin zu schwer beherrschbaren, großräumigen "Kaskadenschäden".

"Muss erst eine detaillierten Anschlags-Blaupause öffentlich werden, damit die Kritis-Verantwortlichen den Ernst der Lage realisieren", fordert Berger angesichts der weltweiten Krisen in diesem Jahr eine Art Drohnen-Gipfel der Sicherheitsorgane. Auch weil die AKW-Überflüge für die Verantwortlichen offenbar aus heiterem Himmel kamen. Dass Polizisten oder Wachleute keines der kleinen Fluggeräte erbeuten konnten, zeugt am eindrücklichsten von deren Hilflosigkeit. Wie die kleinen Flugobjekte im Notfall bei einem tatsächlichen Terrorangriff ausgeschaltet werden sollen, bleibt ein offenes Geheimnis. Nach Medienberichten testet bislang nur China eine lasergelenkte Abwehrkanone für Minidrohnen. Schusswechsel in sensiblen Sicherheitsbereichen gelten als riskant, wegen möglicher technischer Kollateralschäden. Auch ist weiter unklar, ob Radarüberwachung UAV-Überflüge in niedriger Höhe aufspürt. "Ein wirksames Minidrohnen-Abwehrsystem gibt es bislang nicht", konstatiert Matthias Berger.

Drohnen: Einsatzbereit auch unter Extrembedingungen. Foto: Frank Höffner
Drohnen: Einsatzbereit auch unter Extrembedingungen. Foto: Frank Höffner

In Deutschland beeilen sich die Verantwortlichen, den Eindruck möglicher Hilflosigkeit zu zerstreuen. "Die Verwendung unbemannter Luftfahrzeuge stellt eine neuere Entwicklung dar, mit der sich auch die für die Sicherung von Atomkraftwerken zuständigen Behörden befassen", versichert eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums. Es lägen gegenwärtig keine Erkenntnisse vor, dass Drohnen Atomkraftwerke in Deutschland überflogen hätten. "Bislang gehen die Behörden von keiner konkreten Gefährdung deutscher Atomkraftwerke durch Drohnen aus", betont die Sprecherin. Daran ändere auch die Greenpeace-Studie nichts. Wie in Frankreich seien auch für deutsche Atomkraftwerke seit Jahren Flugbeschränkungsgebiete eingerichtet. Nach den aktuellen Vorfällen in Frankreich wurde diese Überwachung verschärft, heißt es aus dem Ministerium.

Vor dem Hintergrund des islamistischen Terrors stuft auch das Bundeskriminalamt (BKA) unbemannte Fluggeräte als potenzielle Terrorgefahr ein. "Den ernsthaften Willen, entsprechende Ideen und Planungen umzusetzen, belegt ein Fall aus dem Phänomenbereich des internationalen religiös motivierten Terrorismus", verweist ein BKA-Sprecher auf die USA. Dort deckte das FBI im Jahr 2011 Pläne auf, mit Plastiksprengstoff-beladenen Modellflugzeugen das Capitol und das Pentagon zu attackieren. Der Verdächtige, ein amerikanischer Staatangehöriger, hatte bereits Modellflugzeuge besorgt und Fernzünder hergestellt, bevor er festgenommen wurde.

Drohnenangriffe in Internet-Foren rege diskutiert

Nach Kontext-Informationen befasst sich zudem seit mehreren Monaten eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe mit Abwehrstrategien gegen Drohnenangriffe. Erste Ergebnisse sollen im Frühjahr 2015 vorliegen. Das Thema steht auch auf der Agenda der AKW-Betreiber. "Dass in den vergangenen Wochen unbemannte Drohnen über französischen Kernkraftwerken gesichtet wurden, ist uns natürlich bekannt", sagt eine Sprecherin des Energiekonzerns EnBW, der in Baden-Württemberg zwei Atommeiler betreibt. Mehr Informationen gibt es jedoch nicht: "Wie bei Sicherungsthemen üblich, können wir keine Einzelheiten mitteilen."

Grund zur Verschwiegenheit ist angebracht. Seit 2011 wird auch im Internet in einschlägigen islamistischen Foren über Terroreinsätze mit Minidrohnen diskutiert, wie der Verfassungsschutz beobachtet. Die Behörde geht zumindest derzeit von einer "deutlichen Diskrepanz zwischen Interesse und Fähigkeiten" der Extremisten aus. Als potenziell wahrscheinlich stufen die Verfassungsschützer Angriffe aus der Luft auf Menschen ein. "Beschuss durch Drohnen", lautet das Tatszenario, auf das Personenschützer bislang eher unbeholfen reagieren. Etwa bei einer Wahlkampfveranstaltung Mitte September 2013 in Dresden, in deren Verlauf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eine Minidrohne vor die Füße fiel. Die verdutzten Sicherheitsleute beobachteten den Anflug wie angewurzelt. Ins Visier nahmen Drohnenpiloten im vergangenen Jahr auch das Berliner Regierungsviertel, wie die Polizei mehrfach beobachte. Selbst Extremisten müssen vor den Minifliegern auf der Hut sein. Während einer Veranstaltung des Islamisten Pierre Vogel im Juni 2014 in Offenbach gab es Drohnenalarm.

Wahlkampf auf sächsisch: Drohne nähert sich Kanzlerin.

Nach Kontext-Informationen gab es hierzulande auch Beschaffungsversuche von Spezialdrohnen. So verlangten Anfang des Jahres mehrere Männer bei einer niedersächsischen Modellbaufirma nach einer Spezialanfertigung eines Oktokopters, der neben besonders hoher Traglast und großer Reichweite auch über ein Nachtsichtgerät verfügen sollte. "Geld spielt keine Rolle", so die Aussage der mutmaßlich arabischstämmigen Kunden. Das Unternehmen lehnte ab. "In keinem der genannten Fälle waren islamistische oder terroristische Hintergründe feststellbar", betont der Verfassungsschutz gegenüber Kontext. Eine Feststellung, die kaum verifizierbar ist, weil die Behörden weder der Piloten noch der Kaufinteressenten habhaft wurden.

Neonazis planten Luftangriff auf Gegner

Anders bei vier Neonazis, die im September 2013 nach Razzien in Freudenstadt, Emmendingen und Freiburg verhaftet wurden. Die Verdächtigen planten laut Ermittler einen Anschlag mit sprengstoffbeladenen Modellflugzeugen. Die Polizei stellte eine Rohrbombe sicher, die über einem Sommerlager politischer Gegner abgeworfen werden sollte. "Die Splitterwirkung eingebauter Metallkugeln hätte in Nähe des Explosionsorts zu lebensgefährlichen bis tödlichen Verletzungen führen können", so der Sprecher der Staatsanwaltschaft Emmendingen. Der Haupttäter Oliver R. hatte am 31. August 2013 bei einem von der Partei "Die Rechte" organisierten Aufmarsch in Dortmund einen Sprengsatz auf Gegendemonstranten geworfen und dabei fünf Personen verletzt. R. muss sich Anfang nächsten Jahres vor Gericht verantworten.

Die Anschlagsgefahr steigt derweil weiter. In der Terrorismusabteilung des Generalbundesanwalts wurden im Jahr 2014 über 100 neue Ermittlungsverfahren eingeleitet. "Insgesamt sind mehrere Hundert Verfahren in der Abteilung anhängig", so ein Sprecher der Karlsruher Behörde. Nach Marktforschern sind ferngesteuerte Minidrohnen im diesjährigen Weihnachtsgeschäft der Renner.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

Kommentare

Stephan Becker, 20.12.2014 20:35
"Nach Kontext-Informationen versuchten Unbekannte bereits, in Deutschland Spezialdrohnen für mögliche terroristische Anschläge zu beschaffen. "

*Ironie* Man sollte unbedingt die verschiedenen Geheimdienste darüber informieren, also z.B. den Französischen und den Deutschen. Die könnten dann eine gemeinsame Arbeitsgruppe bilden, um herauszufinden wer hinter diesen Flügen steckt. Man könnte auch z.B. alle Drohnenhersteller dieser Welt in einer gemeinsamen Aktion aller Geheimdienste in den Ländern der Hersteller überwachen. Das wäre doch mal eine gute Aufgabe für die Geheimdienste.

"Zwischen Anfang Oktober und Mitte November wurden im Nachbarland mehr als 30 Überflüge über 15 Atomkraftwerken, drei Anlagen zur Kernbrennstoffverarbeitung und einem Atomforschungszentrum beobachtet. Bislang konnten weder die Überflüge verhindert noch die Hintergründe aufgedeckt werden.(...) Ein wirksames Minidrohnen-Abwehrsystem gibt es bislang nicht", konstatiert Matthias Berger. "

*Ironie* Vielleicht könnte man einen fähigen Tontaubenschützen bei jedem AKW einstellen. Das wäre eine Win-Win-Situtation für beide Seiten: Der Tontaubenschütze müsste keine Tontauben mehr kaufen und die AKW-Betreiber könnten wieder etwas besser schlafen.

"Gefahr drohe nicht nur durch Sabotage von Innentätern, sondern auch durch sprengstoffbeladene Drohnen von außen. "

Man braucht nicht nur hochentwickelte, schwere und große Drohnen, man braucht auch hoch entwickelte Waffentechnik, um ein AKW in Gefahr zu bringen. Und so was haben keine Privatleute. Wenn es diese Drohnen und diese Waffentechnik schon gibt, warum wurde sie noch nicht eingesetzt?
Man kann AKWs auch mit Hilfe von Software lahmlegen (Stichwort Stuxnet) oder ein Flugzeug per Elektronik-Übernahme fernsteuern. Auch eine simple Panzerfaust dürfte erhebliche Folgeschäden bei Treffern in den richtigen Teilen eines AKWs anrichten.

Und dann gibt es noch das Problem der Badewannenkurve: http://atomausstieg.ch/wp-content/uploads/2014/11/141125_MK_ANNA_Redetext_S_von_Stockar.pdf
Je älter ein AKW, desto mehr Störfälle pro Jahr ab einem gewissen Alter. In Frankreich gibt es (lt. Wikipedia) 58 Reaktoren und in den USA 100.
Davon sollen in den USA einige insgesamt 60 Jahre laufen, obwohl sie für viel weniger Jahre ausgelegt waren.

Richard Schoenfeld, 20.12.2014 15:49
Nachhaltig beeindruckend, Ihre Kommentare, vielen Dank.
"Töten war noch nie so leicht wie mit der heute verfügbaren Technik" - da wäre ich nicht so sicher. Zum Töten braucht es nicht so viel Technik (Djingis Khan hatte nicht mal Schwarzpulver) als die Menschen, die das als Auftrag begreifen. Es sind ja nicht nur ein paar Soldaten an "joy"-sticks, auf die man das ggf. reduzieren möchte, und eine Befehlskette ist auch nur ein Strang von vielen Beteiligten, die einen Krieg ziemlich autonom erhalten sollen. Vielleicht liesse sich eher behaupten, die Nachrichtentechnik zur Infragestellung des Tötens von Menschen hat sich sogar noch schneller entwickelt und ermöglicht u.a. diese Kommentarfunktion. Bleibt die Hoffnung, dass dieser Vorteil zu nachhaltiger und massenhafter Aufklärung über das Wesen der Kriege und dessen Gründe führt.

CharlotteRath, 18.12.2014 22:24
Ergänzung:
"Die Mordstrategen von der CIA führen einen Inneren Dialog mit sich: Sollen wir "zielen" und "enthaupten"? Und wenn wir uns entschlossen haben (denn natürlich können wir es): Was bringt uns das Umbringen? Als Mittel der Wahl, das zeigt nicht nur dieses Papier, sondern der selbstverständliche Einsatz von Drohnen, ist der politische Mord Tagesgeschäft."
Zitat aus http://www.sueddeutsche.de/politik/cia-dokument-anleitung-zum-gezielten-toeten-1.2273037-3
Zur Klarstellung. Es geht nicht um Antiamerikanismus. Es geht um die Einhaltung elementarer Menschenrechte. Töten war noch nie so leicht wie mit der heute verfügbaren Technik. Das Opfer wird dabei längst nicht mehr als Person wahrgenommen. Das Töten geschieht "clean". Und es sind nicht Terroristen, die diese Entmenschlichung systematisch vorantreiben.

CharlotteRath, 18.12.2014 00:15
Ich schließe mich dem Kommentar von Ralf Kiefer an.

Nicht dass die Risiken, die von ferngesteuerten Minidrohnen ausgehen, verniedlicht werden sollen. Doch wir haben es längst mit ganz anderen Waffen zu tun, für die nicht nur das lokale Risikomanagement, sondern noch jede ethische Diskussion und rechtliche Kontrolle fehlen!
Mindestens die USA, Großbritannien, Isreal und Norwegen verfügen über autonome Flugwaffen, die sich ihre Ziele über hunderte von Kilometern selbst aussuchen und zu treffen vermögen, wobei sie sogar aktiv einer Radarortung ausweichen - siehe beispielsweise The New York Times International vom 21.11.2014: "New Weapons Target Whom They Will Kill".
Das autonome Kfz wird für den Straßenverkehr nicht zugelassen, weil dem menschlichen Lenker angeblich die zentrale Kontrolle über sein Fahrzeug zukomme, und sonst keine Zurechnung von Verantwortung mehr möglich sei. Doch längst kann via Software und Sensorik über Ländergrenzen hinweg geflogen, geschossen und gebombt werden, ohne dass es noch einer Fernsteuerung bedarf.
Ist beim Militär keine Zurechnung von Verantwortung gewünscht?

Zurück zu den ferngesteuerten Einsätzen:
"Seit 2011 sind die sogenannten Signature Strikes der Vereinigten Staaten bekannt, ferngesteuerte Exekutionen per Drohne. Betroffen sind Personen und Gruppen, die nicht verurteilt oder auch nur angeklagt wurden. Oft genug trifft es zufällig Danebenstehende. Der republikanische Senator Lindsey Graham, der der Übertreibung um des Friedens willen unverdächtig ist, sprach Anfang 2013 von bis dahin 4.700 Drohnentoten.“
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/sascha-lobo-digitale-daten-gefaehrden-leben-und-freiheit-12874992.html
Hier geht es nicht um Eventualitäten. Hier geht es um getötete Menschen. Hier lässt sich die Befehlskette zurückverfolgen, oft wurden dazu Entscheidungen auf deutschem Hoheitsgebiet getroffen. Wer klagt an? Wer hält Gericht?

Ralf Kiefer, 17.12.2014 00:26
Ich verstehe diese angebliche Überraschung nicht, schon gar nicht diese Unbeholfenheit der Betreiber kritischer Anlagen, und das sind noch ein paaar mehr als nur AKWs und die Infrastruktur bestehend aus Lagern und oberirdischen Pseudo-Endlagern für strahlendes Material.

Unsere US-amerikanischen "Freunde" ermorden seit vielen Jahren tausende Menschen mit Hilfe von ferngelenkten Drohnen. Warum soll das niemand anderes können? Reichte dazu die Phantasie nicht?

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 273 / Jeden Tag ein guter Freund / Dieter Kief, 26.06.2016 21:33
Grüzi Hr. Reile! Die Entwicklung des "Südkurier-Skandals" hat leider eine neue Wendung genommen, von der Ihr hiesiges Entlastungsangriffle auf mich am Ende sogar ablenken könnte, was aber nicht richtig wäre. Josef-Otto Freudenreich...

Ausgabe 273 / "Gysi ist top" / era, 26.06.2016 17:10
Und noch Gratulation an die vielen anderen aufmerksamen Leser, denen die Ungereimtheiten auch nicht entgangen sind - prost!

Ausgabe 273 / "Gysi ist top" / era, 26.06.2016 17:06
>>Die Griechen haben die Banken der westlichen Welt gerettet, nicht wir die Griechen>Und die, die Charakter haben und Sachverstand, wie Sahra Wagenknecht, die sind in der falschen Partei.>Ein faires direktes Steuersystem, das viel...

Ausgabe 83 / Rassismus im Kinderzimmer / Jochen Schaudig, 26.06.2016 05:45
Mal ohne Scheiß... ich bekam die Umbenennung von Tarzan in Tim gerade noch mit, und ich konnte das nicht verstehen. Vor nicht allzulanger Zeit packte ich die Hörspiele wieder aus (als Kind mochte ich die Bücher mehr), und ich höre...

Ausgabe 273 / 500 Euro zum Ersten / era, 25.06.2016 20:22
Die beiden schreiben lustig und deutlich. Leider haben sie einen oder mehrere blinde Flecke. In "Der größte Raubzug der Geschichte" wiederholt sich z.B. ständig die Angst vor Staatsbankrotten, vor Inflation und vor Schulden. Beider...

Ausgabe 273 / Jeden Tag ein guter Freund / Bibi, 25.06.2016 18:49
Lieber Insider, wie geht sie denn, die ganze Wahrheit? So lange eine Chefredaktion/Verlagsleitung nicht öffentlich Stellung nimmt, gibt es eben nur die eine Seite. Und die ist für den Außenstehenden doch recht merkwürdig: ein...

Ausgabe 273 / Wer eine Grube gräbt / Müller, 25.06.2016 14:25
@blender Sie haben nach mir gerufen... Gerne. 2014 wurde erst richtig mit dem Vortrieb begonnen. Schwuppdiwupp sind schon 15km gebohrt und gebaggert. Probleme? Keine. Mehrfach wurde bereits der Teufelskeuper durchdrungen. Die...

Ausgabe 273 / Trumps Luftnummer / Müller, 25.06.2016 10:21
@blender Selbstverständlich benötigt ein Hochhaus sehr viel Energie. Aber nur wenn man es mit einem Einfamilienhaus vergleicht. Wenn ich es aber mit mehreren hundert Einfamilienhäusern vergliche, dann ist es ein Energiesparwunder....

Ausgabe 273 / Ausgelächelt / Blender, 25.06.2016 00:53
Ich nehme an, dass der Bahnhof schon wieder sanierunsbedürftig ist bevor der erste Zug fährt. Zum Glück für die Bahn gehört das saure-Regen-empfindliche Betonkelch-Glasaugen-Betondach als Untergrundfläche der "Parkerweiterung" der...

Ausgabe 273 / Trumps Luftnummer / Blender, 25.06.2016 00:10
@Müller: "Prinzipiell sind Hochhäuser die ökologischte Art...." Da haben Sie vielleicht sogar Recht, aber nur, weil sich Insekten wie Kakerlaken und Bettwanzen, Bakterien woe Legionellen und Viren wie Varizellen oder Masern in einem...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!