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Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Spektakulär ist im Gerber vor allem die Ladenfluktuation. Fotos: Joachim E. Röttgers

Spektakulär ist im Gerber vor allem die Ladenfluktuation. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 306
Wirtschaft

Viel zu viel Geld

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 08.02.2017
Die Württembergische Lebensversicherung hat 250 Millionen Euro in ein Einkaufszentrum investiert. Und das läuft noch nicht mal besonders gut. Der Fall Gerber illustriert beispielhaft Fehlentwicklungen des Kapitalismus.

Als in Stuttgart im Herbst 2014 kurz nacheinander zwei große Shoppingmalls eröffneten, vergrößerte sich die Verkaufsfläche in der Innenstadt auf einen Schlag um 12 Prozent. Nun hatte ja aber die Zahl der Käufer nicht zugenommen – oder allenfalls auf Kosten der Läden im Umland. Und um 12 Prozent reicher geworden waren sicher auch nur die Wenigsten. So stellte sich die Preisfrage: Wer würde bei diesem Spiel der Verlierer sein? Würden die eigentümergeführten Geschäfte im Zentrum reihenweise dichtmachen?

So einfach ist diese Frage nicht zu beantworten. In der Tat haben seither viele Läden in der Innenstadt ihre Pforten geschlossen, aber vielleicht auch aus anderen Gründen. Andere zogen nach, die Mieten stiegen sogar noch weiter. Im Milaneo, der größten Mall, betrieben vom Marktführer ECE, ziehen Billigheimer wie Primark weiterhin ein großes Publikum an. Lediglich die kleineren Geschäfte lassen gelegentlich ein Murren vernehmen.

Im Gerber dagegen, der zweitgrößten Mall, gab der erste Mieter schon nach drei Monaten auf. Nach einem Jahr wandte sich der Betreiber an Hannes Steim, der es mit seiner Agentur Farbeweiss geschafft hatte, die vom Abriss bedrohte, denkmalgeschützte Calwer Passage aus den 1970er Jahren als Temporary Concept Mall namens Fluxus neu zu beleben. Steim wollte mit einem Designsupermarket und Pop-Up-Boxen – kleinen, temporär nutzbaren Läden – neues Volk in die problematische zweite Etage, das Gerber Upstairs locken.

Die Mammutbaustelle des Gerber sorgte bei Anwohnern für einigen Ärger.
Die Mammutbaustelle des Gerber sorgte bei Anwohnern für einigen Ärger.

Weitere zehn Monate später wechselte der Eigentümer das Centermanagement aus. Der Designsupermarket ist inzwischen schon wieder Geschichte. "Goodbyeourloves!", lautet der letzte Eintrag auf der Facebook-Seite vom September 2016. Dafür gibt es im Gerber Upstairs nun nachhaltigen Edelkaffee, Barfußschuhe, Wohnaccessoirs aus Kopenhagen, Naturkosmetik, einen veganen Laden mit Nischenprodukten und Krimskrams für Liebhaber.

Wohin mit dem Versicherungsgeld? Investiert in Shoppingmalls

Und nach wie vor Pop-Up-Boxen, für alle, die ausprobieren möchten, wie ihre Ware an diesem Ort ankommt. Bereits seit acht Monaten ist das Traditionsgeschäft Korbmayer da. Für eine Woche im Januar hat ein Startup aus Rotterdam und Esslingen den Store genutzt, um auf seinen Online-Handel mit Schreinermöbeln aufmerksam zu machen. Jetzt hat eine Modeschule ein Pop-Up-Atelier eröffnet.

Einige Schaufenster sind dicht. Demnächst eröffne ein neuer Laden, steht dort zu lesen. Dass es nicht mehr sind, hat nicht viel zu sagen. Denn bevor der Manager die halbe Mall leer stehen lässt, wird er die Läden lieber billig vermieten, etwa an junge Designer, die zwar kein Geld haben, aber Kundschaft ins Haus locken. Ohnehin bringen Aldi und Edeka unten oder H&M auf gleich zwei Etagen viel mehr Geld in die Kasse. Aber lohnt sich das Geschäft für den Betreiber der Mall? 250 Millionen Euro hat die Württembergische Lebensversicherung in das Einkaufszentrum investiert. Das muss wieder reinkommen.

Warum reißt Deutschlands älteste Lebensversicherung, 1833 gegründet als Allgemeine Rentenanstalt Stuttgart (ARA), ihren Hauptsitz ab, um für 250 Millionen eine Shoppingmall zu errichten? Lange Zeit schienen Lebensversicherungen ein bombensicheres Geschäft zu sein. "Gesichertes Einkommen bis ins hohe Alter", warb die ARA früher. Ganz so sicher waren sich die Einleger freilich nicht immer gewesen. Bereits fünf Jahre nach der Gründung, seinerzeit in Form eines Vereins, kam es zum Streit.

Versicherer werden steinreich und die Renten mager

"Unsicherer Gewinn der Theilnehmer bei großem Vortheile der Direktoren", schreibt 1838 der Tübinger Staatswissenschaftler Robert von Mohl in einer Untersuchung zu dem Fall. "Tausende also verlassen sich darauf, hier eine sichere Unterkunft für ihre Kapitalien und eine reichliche Auskunft für ihr eigenes höheres Alter oder eine Versorgung für Kinder und Witwen gefunden zu haben", so beschreibt Mohl treffend die Erwartungen der Einleger, die offenbar enttäuscht wurden. Der Fall der ARA kam vor Gericht. Die Kläger erhielten Recht.

In jüngerer Zeit profitierten die Lebensversicherungen lange Zeit von einem unschätzbaren Vorteil. Während die gesetzliche Rentenversicherung nach dem Umlageverfahren organisiert ist, also alles, was die Versicherten einzahlen, direkt an die Rentner weitergereicht und damit niemals Kapitalien angesammelt werden kann, arbeiten die privaten Versicherungen immer mit ihrem Kapital. Ein Konstruktionsfehler, der dazu führt, dass die Renten immer magerer werden und die Versicherungen immer reicher.

Noch nie ist in Deutschland eine Versicherung pleite gegangen. Steigt das Risiko, erhöhen die Versicherer die Prämien. Zusätzlich sind sie noch bei der Munich Re, wie sich die Münchner Rück heute lieber nennt, rückversichert. Da kann nichts schiefgehen. Und natürlich verbietet ihnen niemand, Gewinn zu machen. Und so entsteht ein drängendes Problem: Wohin mit dem Geld?

Von einer Pleite weit entfernt: die 1890 gegründete Allianz Versicherung.
Von einer Pleite weit entfernt: die 1890 gegründete Allianz.

Da die Wirtschaft kaum wächst, jedenfalls bei weitem nicht in dem Maß wie die angesammelten Kapitalien, stürzen sich alle auf Grundeigentum. "Viele meiner Kollegen stecken ihr Geld in Immobilien", sagt der Direktor eines Stuttgarter Privathotels. "Sie wissen zwar, dass sie damit keinen Gewinn machen, aber ihnen bleibt ja immer noch die Immobilie als Sicherheit." Der überwiegende Teil der großen Neubauprojekte der letzten zwanzig Jahre im Stuttgarter Stadtzentrum wurde durch Immobilienfonds realisiert.

Dabei gibt es zwei Modelle. Die offenen Immobilienfonds wie die Deutsche Gesellschaft für Immobilienfonds (Degi), aufgelegt von der Allianz und der Commerzbank, waren auch Kleinanlegern zugänglich. Die Degi hat beispielsweise das Zeppelin Carré am Bahnhof "revitalisiert" und ist damit infolge der Finanzkrise 2008 gehörig baden gegangen. Die Anleger bekamen nur noch einen Bruchteil ihres Geldes zurück.

Geschlossene Fonds sind dagegen ein Modell für reiche Privatpersonen und vor allem institutionelle Anleger, zu denen wiederum häufig Versicherungen gehören, aber auch Kommunen und Unternehmen aller Art. Das Milaneo zum Beispiel gehört seit 2013 zu 78 Prozent einem solchen Fonds, dem Hamburg Trust, der seinen Anlegern 2015 eine satte Dividende von 6,75 Prozent bieten konnte. Geschlossene Fonds sind weniger krisenanfällig, da die Anleger sich vertraglich verpflichten, gemeinsam das Risiko zu tragen, und sie im Fall einer Krise nicht panikartig ihr Geld zurückziehen können.

Niedrigzins vermiest Versicherern das Geldscheffeln

Ausgerechnet die Lebensversicherer sind jedoch neuerdings ebenfalls in eine Krise geraten. "Die klassische Lebensversicherung steht kurz vor dem Aus", verkündete "Die Welt" im Juni 2016 auf ihrer Internetseite. Denn die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank macht den Versicherern das Leben schwer. Wenn sie ihr Geld nur mit minimalem Zinsgewinn anlegen können, können sie auch keine Vorteile an die Kunden weitergeben, die sich dann vielleicht nach anderen Anlagemöglichkeiten umsehen.

Allerdings heißt es auch hier, genauer hinsehen: Die Ergo-Lebensversicherung, die, wie "Die Welt" schreibt, ihre "Lebensversicherung auf die Müllkippe" gekippt hat – will sagen keine Neukunden mehr annimmt –, ist eine Tochter der Munich Re. Die Rückversicherung selbst wird schon nicht pleite gehen.

Von ARA zu WürttLeben zu W&W: die Geschichte einer Versicherung.
Von ARA zu WürttLeben zu W&W: die Geschichte einer Versicherung.

Aus der früheren ARA wiederum, deren Stammsitz sich an der Stelle der heutigen Shoppingmall Gerber befand, wurde 1991 die Württembergische Lebensversicherung (WürttLeben), die im Jahr 2000 mit der Bausparkasse Wüstenrot zur Wüstenrot & Württembergische (W&W) fusionierte.

"Die WürttLeben sieht sich in der Verantwortung, als Grundstückseigentümer einerseits eine wirtschaftlich tragfähige Lösung für die Nachnutzung zu finden und andererseits einen Beitrag zur städtebaulichen Aufwertung dieses sensiblen Quartiers zu leisten" – so blumig umschrieb die Versicherung 2010 ihre Intentionen. Das Gerber wurde damals noch Quartier S genannt. "Die Planüberlegungen zum 'Quartier S' zielen darauf ab, das Grundstück in Stuttgart Süd einer höherwertigen Nutzung zuzuführen, indem dort überwiegend Handel anstelle der bisher vorherrschenden Büro-Monostruktur angesiedelt wird."

Gated Community: Stadtvillen auf dem Dach des Gerbers

Auch wenn das Gerber unnötig ist wie ein Kropf, auch wenn einzelne Geschäfte leer stehen oder billig vermietet werden: Die WürttLeben wird daran nicht zugrunde gehen. W&W verzeichnete 2015 das höchste Ergebnis ihrer Geschichte. Mehr als eine Milliarde zusätzliches Kapital hat der Konzern in den letzten zehn Jahren angesammelt. "Werte schaffen – Werte sichern", heißt die Devise der W&W.

Dem Shoppingpöbel aufs Dach steigen, mit Luxuswohnungen über dem Gerber.
Dem Shoppingpöbel aufs Dach steigen, mit Luxuswohnungen über dem Gerber.

Auch für Privatmenschen, die zu viel Geld haben, hat das Gerber etwas zu bieten: Auf dem Dach stehen fünf geklonte "Stadtvillen": Wohnungen mit bis zu 200 Quadratmetern, jeder einzelne davon zu 17 Euro. Wer sich das leisten kann, muss gut verdienen. Und fürchtet sich womöglich vor Einbrechern. Oben auf dem Dach der Mall kann nichts passieren. Hier steht eine perfekte Gated Community, von der die Stadt noch nicht einmal Notiz nimmt, weil sie sich außerhalb ihres Blickfelds befindet.

Wer viel Geld hat, ob Privatmensch oder Unternehmen, wird von allen bewundert. Doch wenn sich bei den einen zu viel Geld ansammelt, leiden darunter diejenigen, die nicht mithalten können. Wenn die privaten und institutionellen Anleger nicht wissen, wohin mit dem Geld, und sich gegenseitig überbieten, schießen die Grundstückspreise durch die Decke. Und selbst Bezieher mittlerer Einkommen können sich plötzlich keine Wohnung mehr leisten. Das ist Gift für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Denn eigentlich sind Versicherungen entstanden, um Einleger gegen Risiken abzusichern, nicht damit Konzerne Geld scheffeln können. Um zu diesem Ursprungsgedanken zurückzukehren, haben die Niederländer Jip und Florian de Ridder CommonEasy, eine nicht profitorientierte Sozialversicherung gegründet. Das Modell hat durchaus Ähnlichkeiten mit den Anfängen der ARA, die ja als Verein gegründet wurde. Nur hatten sich da die Direktoren schon sehr bald besondere "Vortheile" verschafft. 


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Kommentare

Fred Heine, 13.02.2017 08:29
Hustenpastillen. Ich habe total vergessen: Hustenpastillen. Der Sozialismus hat Hustenpastillen hervorgebracht! Sorry, mein Versehen.

Die Menschheit ist gerettet!

Lou, 11.02.2017 02:46
@ Fred Heine: Sie sind sicher nicht in der DDR aufgewachsen.

Hier nur ein kleiner Einschub zum Thema Sozialismus und Medizin:
http://www.mdr.de/hauptsache-gesund/hg-ddr-medizin-100.html

Viele Spaß noch in der kleinen kapitalistischen Blase.

Fred Heine, 09.02.2017 14:51
Natürlich sind Versicherungen pleite gegangen. Sie gehen halt nicht pleite wie ein Maschinenbauer oder ein Gartenlokal. Sondern sie "fusionieren" oder werden aufgekauft. DAS ist die Art, wie Versicherungen pleite gehen.
Eine Versicherung, die ihre Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen kann, sitzt trotzdem auf einem riesigen Paket an Kundenvermögen, das für Mitbewerber durchaus interessant ist. Im Gegensatz zu einem Maschinenpark oder einer Gaststättenausstattung wird dieses Paket auch nicht abgeschrieben, sondern behält seinen Wert.
Eine Versicherung, die pleite zu gehen droht, wird einfach aufgekauft.
Und dann natürlich wieder der böse Kapitalismus. Es stimmt, Kapitalismus ist verbunden mit Hochkonjunktur und Krise, Wachsen und Untergehen, Risiko, Erfolg und Scheitern. Linke mit einem "mechanistischen Weltbild" ist so viel Chaos zuwider. Rauf und Runter - da muss es doch einen Mittelweg geben! Gibt es: die Dauerkrise. Die DDR hat es gezeigt.
Beispiele gefällig? Es wird immer auf die böse kapitalistische Pharmaindustrie eingedroschen. Nur am Geld sei sie interessiert. Kapital scheffeln auf Kosten der Kranken ... Der Sozialismus hatte 70 Jahre Zeit, die Menschheit mit neuen Medikamenten zu beglücken. Was kam dabei raus? Nichts, niente, nada! In den gesamten 70 Jahren von 1918 bis 1989 gab es in keinem einzigen sozialistischen Land der Erde eine pharmazeutische Neuentwicklung, die der Menschheit etwas gebracht hat. Alles für das Wohlergehen der Kranken neu Geschaffene kam aus den Labors der bösen Kapitalisten.

Dietrich Heißenbüttel, 09.02.2017 11:32
Sie haben recht - oder auch nicht. Es kommt darauf an wie man es betrachtet. Die Mannheimer hat - ähnlich wie später die Ergo Lebensversicherung - letztlich keine Neukunden mehr angenommen und die Altkunden der von allen Lebensversicherern gemeinsam gegründeten Protektor AG übertragen - eine Art Münchner Rück der Lebensversicherer. Man kann das als Pleite betrachten oder auch nicht, da streiten die Wirtschaftswjuristen: http://www.juve.de/nachrichten/deals/2003/10/mannheimer-lebensversicherung-insolvenz-abgewendet.
Aber der Fall schärft meine Argumentation: Der Grund für die Schwierigkeiten der Mannheimer Lebensversicherung waren Aktienspekulationen. Nachdem sich diese Art der Spekulation immer mehr als unsicher herausgestellt hat, sind die Anleger - nicht nur Versicherungen, aber in hohem Maß auch - zur Immobilienspekulation übergegangen. Aus genannten Gründen, mit genannten negativen Folgen.

Edwin Hörnle, 08.02.2017 13:38
"Noch nie ist in Deutschland eine Versicherung pleite gegangen" schreiben Sie.

Die Mannheimer Lebensversicherung schon vergessen, die 2002/2003 die Flügel gestreckt hat?

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