KONTEXT Extra:
Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kir¬che ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


Jörg Meuthen weiter an Björn Höckes Seite

Im vergangenen Sommer hatte der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke seinen Bundesparteichef als "meinen verehrten Freund" begrüßt. Und Jörg Meuthen rückte sich selbst, auf dem Kyffhäuser-Treffen, zu dem ihn die Ultras geladen hatte, in die Nähe der besonders weit rechts stehenden parteiinternen Gruppierung "Der Flügel": Er wolle gar nicht als liberaler Kopf der Partei bezeichnet werden, sondern er stehe für "ein gemeinsames Wertefundament". Da hatte Höcke gerade alle anderen Parteien in Deutschland für "inhaltlich entartet" erklärt. Der Schulterschluss hält auch aktuell: Meuthen stellt sich gegen den Rausschmiss, den – wie am Montag bekannt wurde – der Bundesvorstand gegen den Thüringer Landes- und Fraktionschef anstrengt.

Nicht zum ersten Mal. Denn Höcke sollte 2015 schon einmal mit einem Verfahren überzogen werden. Da ging es ebenfalls um eine rassistische Rede, um Aussagen wie, man könne "nicht jedes einzelne NPD-Mitglied als extremistisch einstufen" und um den Vorwurf, Höcke schreibe unter Pseudonym für NPD-Publikationen. Meuthen äußerte sich reichlich schwammig, nahm für sich in Anspruch "als erster aus dem Bundesvorstand scharf reagiert zu haben". Zugleich erklärte er allerdings, dass Höckes "Äußerungen ohne weiteres als rassistisch interpretiert werden können – wobei man darüber diskutieren kann, ob sie es tatsächlich sind". Hans-Olaf Henkel, damals noch AfD-Mitglied, konterte unmissverständlich: "Herr Meuthen ist für mich ein klassischer Schattenboxer." Nach außen tue er immer wieder so, als würde er sich gegen den rechtsnationalen Flügel stellen, nach innen agiere er völlig anders. (13.2.2017)


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Spektakulär ist im Gerber vor allem die Ladenfluktuation. Fotos: Joachim E. Röttgers

Spektakulär ist im Gerber vor allem die Ladenfluktuation. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 306
Wirtschaft

Viel zu viel Geld

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 08.02.2017
Die Württembergische Lebensversicherung hat 250 Millionen Euro in ein Einkaufszentrum investiert. Und das läuft noch nicht mal besonders gut. Der Fall Gerber illustriert beispielhaft Fehlentwicklungen des Kapitalismus.

Als in Stuttgart im Herbst 2014 kurz nacheinander zwei große Shoppingmalls eröffneten, vergrößerte sich die Verkaufsfläche in der Innenstadt auf einen Schlag um 12 Prozent. Nun hatte ja aber die Zahl der Käufer nicht zugenommen – oder allenfalls auf Kosten der Läden im Umland. Und um 12 Prozent reicher geworden waren sicher auch nur die Wenigsten. So stellte sich die Preisfrage: Wer würde bei diesem Spiel der Verlierer sein? Würden die eigentümergeführten Geschäfte im Zentrum reihenweise dichtmachen?

So einfach ist diese Frage nicht zu beantworten. In der Tat haben seither viele Läden in der Innenstadt ihre Pforten geschlossen, aber vielleicht auch aus anderen Gründen. Andere zogen nach, die Mieten stiegen sogar noch weiter. Im Milaneo, der größten Mall, betrieben vom Marktführer ECE, ziehen Billigheimer wie Primark weiterhin ein großes Publikum an. Lediglich die kleineren Geschäfte lassen gelegentlich ein Murren vernehmen.

Im Gerber dagegen, der zweitgrößten Mall, gab der erste Mieter schon nach drei Monaten auf. Nach einem Jahr wandte sich der Betreiber an Hannes Steim, der es mit seiner Agentur Farbeweiss geschafft hatte, die vom Abriss bedrohte, denkmalgeschützte Calwer Passage aus den 1970er Jahren als Temporary Concept Mall namens Fluxus neu zu beleben. Steim wollte mit einem Designsupermarket und Pop-Up-Boxen – kleinen, temporär nutzbaren Läden – neues Volk in die problematische zweite Etage, das Gerber Upstairs locken.

Die Mammutbaustelle des Gerber sorgte bei Anwohnern für einigen Ärger.
Die Mammutbaustelle des Gerber sorgte bei Anwohnern für einigen Ärger.

Weitere zehn Monate später wechselte der Eigentümer das Centermanagement aus. Der Designsupermarket ist inzwischen schon wieder Geschichte. "Goodbyeourloves!", lautet der letzte Eintrag auf der Facebook-Seite vom September 2016. Dafür gibt es im Gerber Upstairs nun nachhaltigen Edelkaffee, Barfußschuhe, Wohnaccessoirs aus Kopenhagen, Naturkosmetik, einen veganen Laden mit Nischenprodukten und Krimskrams für Liebhaber.

Wohin mit dem Versicherungsgeld? Investiert in Shoppingmalls

Und nach wie vor Pop-Up-Boxen, für alle, die ausprobieren möchten, wie ihre Ware an diesem Ort ankommt. Bereits seit acht Monaten ist das Traditionsgeschäft Korbmayer da. Für eine Woche im Januar hat ein Startup aus Rotterdam und Esslingen den Store genutzt, um auf seinen Online-Handel mit Schreinermöbeln aufmerksam zu machen. Jetzt hat eine Modeschule ein Pop-Up-Atelier eröffnet.

Einige Schaufenster sind dicht. Demnächst eröffne ein neuer Laden, steht dort zu lesen. Dass es nicht mehr sind, hat nicht viel zu sagen. Denn bevor der Manager die halbe Mall leer stehen lässt, wird er die Läden lieber billig vermieten, etwa an junge Designer, die zwar kein Geld haben, aber Kundschaft ins Haus locken. Ohnehin bringen Aldi und Edeka unten oder H&M auf gleich zwei Etagen viel mehr Geld in die Kasse. Aber lohnt sich das Geschäft für den Betreiber der Mall? 250 Millionen Euro hat die Württembergische Lebensversicherung in das Einkaufszentrum investiert. Das muss wieder reinkommen.

Warum reißt Deutschlands älteste Lebensversicherung, 1833 gegründet als Allgemeine Rentenanstalt Stuttgart (ARA), ihren Hauptsitz ab, um für 250 Millionen eine Shoppingmall zu errichten? Lange Zeit schienen Lebensversicherungen ein bombensicheres Geschäft zu sein. "Gesichertes Einkommen bis ins hohe Alter", warb die ARA früher. Ganz so sicher waren sich die Einleger freilich nicht immer gewesen. Bereits fünf Jahre nach der Gründung, seinerzeit in Form eines Vereins, kam es zum Streit.

Versicherer werden steinreich und die Renten mager

"Unsicherer Gewinn der Theilnehmer bei großem Vortheile der Direktoren", schreibt 1838 der Tübinger Staatswissenschaftler Robert von Mohl in einer Untersuchung zu dem Fall. "Tausende also verlassen sich darauf, hier eine sichere Unterkunft für ihre Kapitalien und eine reichliche Auskunft für ihr eigenes höheres Alter oder eine Versorgung für Kinder und Witwen gefunden zu haben", so beschreibt Mohl treffend die Erwartungen der Einleger, die offenbar enttäuscht wurden. Der Fall der ARA kam vor Gericht. Die Kläger erhielten Recht.

In jüngerer Zeit profitierten die Lebensversicherungen lange Zeit von einem unschätzbaren Vorteil. Während die gesetzliche Rentenversicherung nach dem Umlageverfahren organisiert ist, also alles, was die Versicherten einzahlen, direkt an die Rentner weitergereicht und damit niemals Kapitalien angesammelt werden kann, arbeiten die privaten Versicherungen immer mit ihrem Kapital. Ein Konstruktionsfehler, der dazu führt, dass die Renten immer magerer werden und die Versicherungen immer reicher.

Noch nie ist in Deutschland eine Versicherung pleite gegangen. Steigt das Risiko, erhöhen die Versicherer die Prämien. Zusätzlich sind sie noch bei der Munich Re, wie sich die Münchner Rück heute lieber nennt, rückversichert. Da kann nichts schiefgehen. Und natürlich verbietet ihnen niemand, Gewinn zu machen. Und so entsteht ein drängendes Problem: Wohin mit dem Geld?

Von einer Pleite weit entfernt: die 1890 gegründete Allianz Versicherung.
Von einer Pleite weit entfernt: die 1890 gegründete Allianz.

Da die Wirtschaft kaum wächst, jedenfalls bei weitem nicht in dem Maß wie die angesammelten Kapitalien, stürzen sich alle auf Grundeigentum. "Viele meiner Kollegen stecken ihr Geld in Immobilien", sagt der Direktor eines Stuttgarter Privathotels. "Sie wissen zwar, dass sie damit keinen Gewinn machen, aber ihnen bleibt ja immer noch die Immobilie als Sicherheit." Der überwiegende Teil der großen Neubauprojekte der letzten zwanzig Jahre im Stuttgarter Stadtzentrum wurde durch Immobilienfonds realisiert.

Dabei gibt es zwei Modelle. Die offenen Immobilienfonds wie die Deutsche Gesellschaft für Immobilienfonds (Degi), aufgelegt von der Allianz und der Commerzbank, waren auch Kleinanlegern zugänglich. Die Degi hat beispielsweise das Zeppelin Carré am Bahnhof "revitalisiert" und ist damit infolge der Finanzkrise 2008 gehörig baden gegangen. Die Anleger bekamen nur noch einen Bruchteil ihres Geldes zurück.

Geschlossene Fonds sind dagegen ein Modell für reiche Privatpersonen und vor allem institutionelle Anleger, zu denen wiederum häufig Versicherungen gehören, aber auch Kommunen und Unternehmen aller Art. Das Milaneo zum Beispiel gehört seit 2013 zu 78 Prozent einem solchen Fonds, dem Hamburg Trust, der seinen Anlegern 2015 eine satte Dividende von 6,75 Prozent bieten konnte. Geschlossene Fonds sind weniger krisenanfällig, da die Anleger sich vertraglich verpflichten, gemeinsam das Risiko zu tragen, und sie im Fall einer Krise nicht panikartig ihr Geld zurückziehen können.

Niedrigzins vermiest Versicherern das Geldscheffeln

Ausgerechnet die Lebensversicherer sind jedoch neuerdings ebenfalls in eine Krise geraten. "Die klassische Lebensversicherung steht kurz vor dem Aus", verkündete "Die Welt" im Juni 2016 auf ihrer Internetseite. Denn die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank macht den Versicherern das Leben schwer. Wenn sie ihr Geld nur mit minimalem Zinsgewinn anlegen können, können sie auch keine Vorteile an die Kunden weitergeben, die sich dann vielleicht nach anderen Anlagemöglichkeiten umsehen.

Allerdings heißt es auch hier, genauer hinsehen: Die Ergo-Lebensversicherung, die, wie "Die Welt" schreibt, ihre "Lebensversicherung auf die Müllkippe" gekippt hat – will sagen keine Neukunden mehr annimmt –, ist eine Tochter der Munich Re. Die Rückversicherung selbst wird schon nicht pleite gehen.

Von ARA zu WürttLeben zu W&W: die Geschichte einer Versicherung.
Von ARA zu WürttLeben zu W&W: die Geschichte einer Versicherung.

Aus der früheren ARA wiederum, deren Stammsitz sich an der Stelle der heutigen Shoppingmall Gerber befand, wurde 1991 die Württembergische Lebensversicherung (WürttLeben), die im Jahr 2000 mit der Bausparkasse Wüstenrot zur Wüstenrot & Württembergische (W&W) fusionierte.

"Die WürttLeben sieht sich in der Verantwortung, als Grundstückseigentümer einerseits eine wirtschaftlich tragfähige Lösung für die Nachnutzung zu finden und andererseits einen Beitrag zur städtebaulichen Aufwertung dieses sensiblen Quartiers zu leisten" – so blumig umschrieb die Versicherung 2010 ihre Intentionen. Das Gerber wurde damals noch Quartier S genannt. "Die Planüberlegungen zum 'Quartier S' zielen darauf ab, das Grundstück in Stuttgart Süd einer höherwertigen Nutzung zuzuführen, indem dort überwiegend Handel anstelle der bisher vorherrschenden Büro-Monostruktur angesiedelt wird."

Gated Community: Stadtvillen auf dem Dach des Gerbers

Auch wenn das Gerber unnötig ist wie ein Kropf, auch wenn einzelne Geschäfte leer stehen oder billig vermietet werden: Die WürttLeben wird daran nicht zugrunde gehen. W&W verzeichnete 2015 das höchste Ergebnis ihrer Geschichte. Mehr als eine Milliarde zusätzliches Kapital hat der Konzern in den letzten zehn Jahren angesammelt. "Werte schaffen – Werte sichern", heißt die Devise der W&W.

Dem Shoppingpöbel aufs Dach steigen, mit Luxuswohnungen über dem Gerber.
Dem Shoppingpöbel aufs Dach steigen, mit Luxuswohnungen über dem Gerber.

Auch für Privatmenschen, die zu viel Geld haben, hat das Gerber etwas zu bieten: Auf dem Dach stehen fünf geklonte "Stadtvillen": Wohnungen mit bis zu 200 Quadratmetern, jeder einzelne davon zu 17 Euro. Wer sich das leisten kann, muss gut verdienen. Und fürchtet sich womöglich vor Einbrechern. Oben auf dem Dach der Mall kann nichts passieren. Hier steht eine perfekte Gated Community, von der die Stadt noch nicht einmal Notiz nimmt, weil sie sich außerhalb ihres Blickfelds befindet.

Wer viel Geld hat, ob Privatmensch oder Unternehmen, wird von allen bewundert. Doch wenn sich bei den einen zu viel Geld ansammelt, leiden darunter diejenigen, die nicht mithalten können. Wenn die privaten und institutionellen Anleger nicht wissen, wohin mit dem Geld, und sich gegenseitig überbieten, schießen die Grundstückspreise durch die Decke. Und selbst Bezieher mittlerer Einkommen können sich plötzlich keine Wohnung mehr leisten. Das ist Gift für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Denn eigentlich sind Versicherungen entstanden, um Einleger gegen Risiken abzusichern, nicht damit Konzerne Geld scheffeln können. Um zu diesem Ursprungsgedanken zurückzukehren, haben die Niederländer Jip und Florian de Ridder CommonEasy, eine nicht profitorientierte Sozialversicherung gegründet. Das Modell hat durchaus Ähnlichkeiten mit den Anfängen der ARA, die ja als Verein gegründet wurde. Nur hatten sich da die Direktoren schon sehr bald besondere "Vortheile" verschafft. 


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Kommentare

Fred Heine, 13.02.2017 08:29
Hustenpastillen. Ich habe total vergessen: Hustenpastillen. Der Sozialismus hat Hustenpastillen hervorgebracht! Sorry, mein Versehen.

Die Menschheit ist gerettet!

Lou, 11.02.2017 02:46
@ Fred Heine: Sie sind sicher nicht in der DDR aufgewachsen.

Hier nur ein kleiner Einschub zum Thema Sozialismus und Medizin:
http://www.mdr.de/hauptsache-gesund/hg-ddr-medizin-100.html

Viele Spaß noch in der kleinen kapitalistischen Blase.

Fred Heine, 09.02.2017 14:51
Natürlich sind Versicherungen pleite gegangen. Sie gehen halt nicht pleite wie ein Maschinenbauer oder ein Gartenlokal. Sondern sie "fusionieren" oder werden aufgekauft. DAS ist die Art, wie Versicherungen pleite gehen.
Eine Versicherung, die ihre Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen kann, sitzt trotzdem auf einem riesigen Paket an Kundenvermögen, das für Mitbewerber durchaus interessant ist. Im Gegensatz zu einem Maschinenpark oder einer Gaststättenausstattung wird dieses Paket auch nicht abgeschrieben, sondern behält seinen Wert.
Eine Versicherung, die pleite zu gehen droht, wird einfach aufgekauft.
Und dann natürlich wieder der böse Kapitalismus. Es stimmt, Kapitalismus ist verbunden mit Hochkonjunktur und Krise, Wachsen und Untergehen, Risiko, Erfolg und Scheitern. Linke mit einem "mechanistischen Weltbild" ist so viel Chaos zuwider. Rauf und Runter - da muss es doch einen Mittelweg geben! Gibt es: die Dauerkrise. Die DDR hat es gezeigt.
Beispiele gefällig? Es wird immer auf die böse kapitalistische Pharmaindustrie eingedroschen. Nur am Geld sei sie interessiert. Kapital scheffeln auf Kosten der Kranken ... Der Sozialismus hatte 70 Jahre Zeit, die Menschheit mit neuen Medikamenten zu beglücken. Was kam dabei raus? Nichts, niente, nada! In den gesamten 70 Jahren von 1918 bis 1989 gab es in keinem einzigen sozialistischen Land der Erde eine pharmazeutische Neuentwicklung, die der Menschheit etwas gebracht hat. Alles für das Wohlergehen der Kranken neu Geschaffene kam aus den Labors der bösen Kapitalisten.

Dietrich Heißenbüttel, 09.02.2017 11:32
Sie haben recht - oder auch nicht. Es kommt darauf an wie man es betrachtet. Die Mannheimer hat - ähnlich wie später die Ergo Lebensversicherung - letztlich keine Neukunden mehr angenommen und die Altkunden der von allen Lebensversicherern gemeinsam gegründeten Protektor AG übertragen - eine Art Münchner Rück der Lebensversicherer. Man kann das als Pleite betrachten oder auch nicht, da streiten die Wirtschaftswjuristen: http://www.juve.de/nachrichten/deals/2003/10/mannheimer-lebensversicherung-insolvenz-abgewendet.
Aber der Fall schärft meine Argumentation: Der Grund für die Schwierigkeiten der Mannheimer Lebensversicherung waren Aktienspekulationen. Nachdem sich diese Art der Spekulation immer mehr als unsicher herausgestellt hat, sind die Anleger - nicht nur Versicherungen, aber in hohem Maß auch - zur Immobilienspekulation übergegangen. Aus genannten Gründen, mit genannten negativen Folgen.

Edwin Hörnle, 08.02.2017 13:38
"Noch nie ist in Deutschland eine Versicherung pleite gegangen" schreiben Sie.

Die Mannheimer Lebensversicherung schon vergessen, die 2002/2003 die Flügel gestreckt hat?

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