KONTEXT Extra:
Bürgerfoyer "Zeitungen unter Druck" heute Abend abgesagt

Da kam der Journalisten-Streik dazwischen: Die Stuttgarter Volkshochschule hat das für heute geplante Podium mit Michael Maurer (Stuttgarter Zeitung), Susanne Stiefel (Kontext) und David Rau (Stuggi.TV) abgesagt. Viele KollegInnen - auch der Stuttgarter Blätter - streiken derzeit für mehr Lohn. Der Vize-Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung kann daher heute Abend nicht diskutieren, sondern muss produzieren. Und auch die Gewerkschaftsvertretet haben abgesagt. Schweren Herzens hat sich die Stuttgarter vhs dazu entschlossen, das für heute geplante Bürgerfoyer abzusagen - aber nicht zu vergessen. "Die  Medienlandschaft Stuttgart ist uns wichtig", betont Ulrike Rinnert, Stabstelle Beteiligung, "wir wollen das Thema im Herbst wieder im Bürgerfoyer aufgreifen." (29.6. 2016)


Büttel der Bahn - nein danke

Vor dem S-21-Lenkungskreis am Donnerstag (30.6.) wird Verkehrsminister Winfried Hermann und Oberbürgermeister Fritz Kuhn (beide Grüne) heftig ins Gewissen geredet. Der Theologe Martin Poguntke vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erklärt, die Projektgegner hätten es aufgegeben zu hoffen, dass "wir politische Helden an die Macht gebracht haben". Aber verlangt werden könne, dass sie ihr Amt "nicht so ganz der Würdelosigkeit preisgeben". Konkret bedeute das:

Fordern Sie von der Bahn die restlose Offenlegung aller Zahlen und deren Überprüfung durch eine wirklich unabhängige Stelle. Sie haben nicht das Recht, sich auf die Bahn einfach zu verlassen - denn Sie sind uns, dem Souverän, gegenüber verantwortlich.

Fordern Sie, dass die Bahn dem Vieregg&Rössler-Gutachten von mindestens 9,8 Milliarden nicht nur blumig widerspricht, sondern es Punkt für Punkt mit konkreten Zahlen widerlegt. Es geht hier nämlich nicht nur um eine Kostensteigerung von wenigen hundert Millionen, sondern seit 2009 sind die von der Bahn scheibchenweise eingestandenen Kosten um 3,4 Milliarden von 3,1 auf 6,5 Milliarden gestiegen - das sind über 100 Prozent in sieben Jahren.

Fordern Sie - wenn schon keinen Projekt-Abbruch - wenigstens ein Moratorium, bis alle strittigen Fragen geklärt sind. Denn in weniger als der Hälfte der geplanten Bauzeit hat die Bahn 99 Prozent des Risikopuffers von 1,5 Milliarden verbraucht. Es kann nicht sein, dass die Bahn jetzt immer weiter baut, immer mehr Verpflichtungen eingeht, ein immer höheres Erpressungspotenzial an schon ausgegebenem Geld aufhäuft - bevor geklärt ist, wie sie das bezahlen will.

Fordern Sie eine ergebnisoffene Gegenüberstellung der Chancen und Risiken von S21 mit den Chancen und Risiken eines Umstiegs auf den modernisierten Kopfbahnhof und verstecken Sie sich nicht hinter dem angeblichen Ergebnis der Volksabstimmung. Kein halbwegs verantwortlicher Politiker kann ignorieren, dass ein Umstieg auf eine Modernisierung des Kopfbahnhofs nur ca. 2 Milliarden kosten würde und dass nur 1,5 Milliarden des bereits verbauten Geldes wirklich verloren, also viele Milliarden gespart wären - dafür, dass wir einen besseren Bahnhof bekommen, als es S21 je hätte sein können.

Und schließlich bei all Ihren Forderungen: Nennen Sie Konsequenzen, für den Fall, dass Ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Was tun Sie, wenn die Bahn nicht auf Ihre Forderungen eingeht? Denn Forderungen ohne Ankündigung von Konsequenzen sind leeres Gerede fürs Publikum.

Zeigen Sie einmal, dass Sie nicht die Büttel der Bahn sind! Zeigen Sie einmal ein klein wenig politische Größe! Zeigen Sie einmal, dass der Lenkungskreis wirklich lenkt!


Ein Zeichen für Europa

Über Stuttgart wehen EU-Flaggen! Mit der Verkündung des amtlichen Endergebnisses der Volksabstimmung in Großbritainnien über den Austritt aus der EU werden auf der Villa Reitzenstein und dem Neuem Schloss in Stuttgart europäische Flaagen gehisst. Die grün-schwarze Koalition möchte damit ein Zeichen für Europa setzen. "Wir wollen unsere proeuropäische Haltung deutlich zeigen", so Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Die gehöre in Baden-Württemberg "zur Staatsräson". Als "überzeugten Europäer" treffe ihn die Entscheidung der Briten "ganz persönlich ins Mark". Europa sei in den Grundfesten erschüttert.


AfD-Fraktion schließt Gedeon vorerst nicht aus

Die Zerreißprobe in der "Alternative für Deutschland" (AfD) ist aufgeschoben. Ihr Bundesvorsitzender Jörg Meuthen, zugleich Chef der baden-württembergischen Landtagsfraktion, hatte am Dienstag jedenfalls keine erforderliche Zweidrittelmehrheit für den Ausschluss von Wolfgang Gedeon. Über die Äußerungen Gedeons, Anhänger der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", wird jetzt statt dessen ein Gutachten bei drei Fachleuten in Auftrag gegeben – von Religionswissenschaftlern ist die Rede, ein Experte soll jüdischen Glaubens sein –, um die von Meuten selbst erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Singener Mediziner zu überprüfen. Der lässt vorerst seine Mitgliedschaft in der Fraktion ruhen und wird im Plenarsaal auch einen neuen Platz erhalten.

Fraktionsgeschäftsführer Bernd Grimmer erklärte nach den dreistündigen Beratungen, die für einen Ausschluss notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit sei nicht klar gewesen und etwa ein Drittel der Abgeordneten nicht bereit gewesen, Meuthen zu folgen. Sie schätzten den Stellenwert von Meinungsfreiheit höher ein als den einer "politisch korrekten Ausdrucksweise". Sollte die Fraktion nach der Sommerpause und der Bewertung des Gutachtens abermals nicht bereit sein, dem von Meuthen seit Tagen vehement verlangten Antrag auf Ausschluss Gedeons zuzustimmen, bleibt der dabei, seinerseits die Fraktion verlassen zu wollen. Außerdem gibt es Gerüchte, dass eine Handvoll Abgeordneter Gedeon – im Falle seines Ausschlusses – nicht allein gehen lassen, sondern mit ihm aus der Fraktion ausscheiden wolle.

Nicht nur im Internet tobt seit Tagen eine heftige Auseinandersetzung über den künftigen Kurs der Partei, die sich zur Retterin Deutschlands ernannt hat. Meuthens Co-Vorsitzende auf Bundesebene Frauke Petry hat sich öffentlich gegen ihn gestellt, ist damit aber im Bundesvorstand isoliert. Zahlreiche Mitglieder des rechten Flügels verlangen von dem Kehler Wirtschaftsprofessor, von sich aus die AfD zu verlassen. "Die Bewegung muss sich von Volksverrätern wie Meuthen trennen", postet ein Thorsten Baeuml. Und weiter: "Linksversiffte Gutmenschen braucht die Bewegung nicht! Ein Krebsgeschwür wird auch entfernt, so lange es noch geht und Meuthen hat sich zur Selbstoperation verdonnert. Gut so!" Den Ausdruck "linksversifft" hatte Meuthen selbst vor Wochen benutzt, ihn allerdings auf die ganze Bundesrepublik bezogen.


S 21: BUND verlangt "Öffnung in Richtung Kombi-Lösung"

Der BUND Baden-Württemberg hat am Montag ein Positionspapier zu Stuttgart 21 vorgelegt, um "konstruktive Lösungen aus der Sackgasse" aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht der "Einstieg in eine Kombi-Lösung". Wie die Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender erläutert, könnten damit "einerseits die Kosten und Risiken von Stuttgart 21 deutlich gesenkt und andererseits finanzielle Spielräume zur Realisierung eines tatsächlich zukunftsfähigen Bahnknotenpunkts gewonnen werden". Außerdem sieht das Konzept vor, auf den unterirdischen Flughafenbahnhof zu verzichten und stattdessen einen oberirdischen Halt beim Messeparkhaus zu errichten. Zudem soll die Gäubahn über die bestehende Panoramabahn oberirdisch in den Hauptbahnhof geführt werden und "die Zuführungsstrecken zum Hauptbahnhof und die Wendlinger Kurve sollen leistungsfähig ausgebaut werden".

Dahlbender, die für die Tiefbahnhofgegner 2010 in der Schlichtung saß, nennt S 21 ein "auch heute noch in ganz wesentlichen Teilen weder vollständig geplantes noch vollständig genehmigtes Projekt". Es gebe weiterhin keine qualifizierten Aussagen zu Kosten und zum Zeitablauf. Für die SPD-Politikerin und Ulmer Gemeinderätin steht fest, dass deutlich mehr als acht Bahnsteiggleise unverzichtbar sind für einen Großknoten Stuttgart und eine Entmischung der S-Bahn, des Regional- und des Fernverkehrs. Eine nachhaltige Mobilitätswende müsse sich an den Wünschen der Bahnkunden und der tatsächlichen Verkehrsströme orientieren, "und das bedeutet einen Einstieg in die Diskussion einer Kombi-Lösung".

Mehr dazu unter diesem Link.


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Ausgabe 118
Überm Kesselrand

Die falschen Polizisten aus der Kölner Keupstraße

Von Thomas Moser
Datum: 03.07.2013
Sicherheitsbehörden aus Nordrhein-Westfalen täuschen Bundestag und Öffentlichkeit. Mit falschen Zeugen im NSU-Untersuchungsausschuss verschleiern NRW-Innenministerium und Polizei die wahren Hintergründe des Kölner Nagelbombenanschlags von 2004.

Die Vertuschungen erreichen eine neue Qualität: Erst wurden dem NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag ein Jahr lang zwei Zeugen zum Bombenanschlag in Köln vorenthalten. Dann schickte die Kölner Polizei zwei Beamte zur Zeugenvernehmung nach Berlin. Doch die Männer waren die falschen. Der Verdacht: Es gab noch zwei andere Polizisten, die sich genau zum Zeitpunkt der Explosion in der Keupstraße aufhielten.

Polizeibeamter Baumeister (links). Foto: rh
Polizeibeamter Baumeister (links). Foto: rh

Die beiden Kölner Polizeibeamten Stefan Voß und Peter Baumeister tauchten am 25. April 2013 vor dem Untersuchungsausschuss in Berlin auf. "Erst am 25. April", müsste man sagen, denn schon dieser Auftritt hat eine zweifelhafte Vorgeschichte und musste gegen die Verschleierungspolitik der Kölner Behörde durchgesetzt werden. Der entscheidende Zeuge dafür ist Ali Demir.

Er erlebte den Nagelbombenanschlag am 9. Juni 2004 in seinem Büro mit.  Unmittelbar nach der Explosion sah er vor seinem Laden zwei Männer, die mit Sicherungsmaßnahmen beschäftigt waren. Weil sie Waffen trugen, hielt er sie für Polizisten. Gekleidet waren sie in Zivil. Mit einem sprach er über den Anschlag. Allem Anschein waren sie die ersten Beamten am Tatort.

Heute stellt sich heraus: Die Beamten wurden offensichtlich nie polizeilich vernommen. Sie tauchen nicht im Einsatzbericht der Polizei auf. Bis zum Jahr 2012 wurde der Beobachtung von Demir nicht nachgegangen. Als Vorsitzender der IG Keupstraße hatte er sie immer und immer wieder geschildert, gegenüber Politikern, Polizeiverantwortlichen und auch Journalisten. Demir war Vorsitzender der Interessengemeinschaft (IG) Keupstraße, in der sich Anwohner und Geschäftsleute bereits 1995 zusammengeschlossen hatten.

Erst im November 2012 erfuhr der Untersuchungsausschuss nach einem WDR-Bericht von diesen zwei Polizisten. Im Januar 2013 bat er das Land Nordrhein-Westfalen, die Namen der Beamten mitzuteilen. Das geschah, und am 25. April erschienen Stefan Voß und Peter Baumeister vor dem Gremium.

Doch das war eine Täuschungsaktion. Voß und Baumeister sind nicht die Beamten, die Ali Demir am 9. Juni 2004 unmittelbar nach dem Anschlag auf der Straße gesehen hat. Wir zeigen ihm mehrere Bilder von Baumeister und Voß. Bilder, die er zum ersten Mal sieht. Bei Baumeister ist sich Demir nicht sicher, ob er derjenige war, mit dem er gesprochen hatte. Aber bei Voß ist er sich sicher: Nein, das war nicht der zweite Polizist in der Keupstraße, kein Zweifel.

NRW-Kontaktreferent Matthias und Voß. Foto: rh
NRW-Kontaktreferent Matthias und Voß. Foto: rh

Demir beschreibt die beiden Beamten von damals. Beide waren wesentlich kleiner als Baumeister und Voß. Der erste, für den Baumeister präsentiert wurde, circa 1,70 bis 1,72 Meter groß. Der andere, für den Voß geschickt wurde, circa 1,75 bis 1,77 Meter. Baumeister ist etwa 1,80 Meter groß, Voß noch größer. Die Beamten, die Demir sah, trugen Zivil, normale Hose, normales Hemd, kleinkariertes Muster, normale Jacke, Sportschuhe, beide unterschiedlich angezogen.

Baumeister und Voß sollen, so das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen, Einsatzoveralls angehabt haben. Voß gab vor dem Ausschuss sogar an, Uniform getragen zu haben. Und noch eine Beobachtung Ali Demirs ist interessant. Baumeister und Voß sollen, wie sie im Ausschuss erklärten, von der Schanzenstraße gekommen und dann zu Fuß in die Keupstraße gegangen sein. Aus dieser Richtung liegt Demirs Büro hinter der Explosionsstelle, vier Häuser weiter. Die Bombe ging vor Haus Nr. 29 hoch, Demir hatte sein Büro in Haus Nr. 37. Doch die Beamten machten sich vor seinem Büro zu schaffen. Sie hätten also die Anschlagsstelle "überspringen" müssen und "hinter" der Bombe geholfen. Das macht keinen Sinn. Das bedeutet aber zugleich, dass die beiden Zivilbeamten, die Demir sah, von der anderen Seite der Keupstraße gekommen sein müssen. Oder dass sie schon da waren. Vielleicht standen sie in der gegenüberliegenden Hausdurchfahrt.

Zwei unbekannte Polizisten am Tatort

Mit Baumeister und Voß haben Innenministerium und Polizei dem Untersuchungsausschuss und der Öffentlichkeit am 25. April zwei falsche Männer präsentiert und halten gleichzeitig zwei andere verborgen. Warum? Wer waren sie? Warum waren sie in der Keupstraße? Welchen Auftrag hatten sie? Wer hat ihn erteilt? Demir kennt als jahrelanger Keupsträßler die Polizeibeamten, die regelmäßig dort Streife gingen. Mit der Zeit auch die verdeckten Ermittler in Zivil. Doch die beiden Männer, die er am Tattag sah, kannte er nicht. Es ist durchaus denkbar, dass Baumeister und Voß tatsächlich auf Streifenfahrt in Köln-Mülheim unterwegs waren und nach der Explosion ebenfalls zur Keupstraße gefahren sind. Doch auch die Fragen zu ihrer Geschichte bleiben: Warum wurden sie nie vernommen? Warum dem Ausschuss zunächst vorenthalten? Warum sagt der Hundeführer Baumeister, sein Hund sei auf Drogensuche spezialisiert, und im internen Register der Polizei ist er als Sprengstoffexperte aufgeführt?

Warum sagt Baumeister, die Leitzentrale habe sie in die Keupstraße geschickt, und Voß, sie seien dorthin gefahren, weil sie einen lauten Knall gehört haben? Warum instruiert der Vertreter des Landes NRW, Frank Matthias, der im Jahre 2006 schon im Landesinnenministerim tätig war, Voß vor seiner Befragung im Ausschuss mit den Worten: "Lassen Sie sich nicht einschüchtern. Bleiben Sie bei Ihrer Version!" Waren am 9. Juni 2004 also vier Polizeibeamte in und um die Keupstraße?

Der ungehörte Zeuge Ali Demir.
Der ungehörte Zeuge Ali Demir.

Einiges wird klarer. So, wie die Anwesenheit von Polizeibeamten am Tatort acht Jahre verheimlicht worden war, so wurde der wichtigste Zeuge dafür, Ali Demir, acht Jahre lang ebenfalls nicht vernommen. Zufall? Wieder nur eine dieser tausend Pannen im NSU-Mordkomplex? Jedenfalls blieb seine Wahrnehmung aus den Akten draußen, und damit die Existenz der zwei Beamten. Erst im Januar 2013, nachdem der NSU-Untersuchungsausschuss für etwas Wirbel sorgte und die zwei Beamten Baumeister und Voß vorgeladen hatte, wurde auch Demir vernommen. Aber: Es wurden ihm keine Bilder von Baumeister und Voß gezeigt. Es wurde nicht überprüft, wen der Zeuge gesehen haben könnte.

Der vernehmende Beamte war Markus Weber. Weber leitete die Ermittlungsgruppe zur Keupstraße, erfolglos. Und Weber vernahm auch Baumeister und Voß, nachdem die zum Untersuchungsausschuss geladen worden waren – und zwar, bevor sie dort aussagten. Weber saß im Juli 2012 selber als Zeuge vor dem Ausschuss. Mit keinem Wort erwähnte er Beamte in der Keupstraße. Was ist auf den Aufnahmen der verschiedenen Überwachungskameras zu sehen? Bisher wurden der Öffentlichkeit wenige Sekunden gezeigt, auf denen man einen jungen Mann sieht, der das Fahrrad mit der Bombe schiebt. Die Aufnahmen sind aus der benachbarten Schanzenstraße.

18 Stunden Filmmaterial unterschlagen

Der Nebenklageanwalt im Münchner NSU-Prozess, Yavuz Narin, der die Familie des siebten Mordopfers, Theodoros Boulgarides, vertritt, hat in Erfahrung gebracht, dass die Ermittler insgesamt 18 Stunden Filmmaterial besitzen. Die Bundesanwaltschaft hat das Material bisher unterschlagen und nicht in den Prozess eingeführt. Ob es Aufnahmen aus der Keupstraße gibt, ist nicht bekannt. Auf diesen Aufnahmen müsste die Detonation zu sehen sein und die Personen, die sich vorher und nachher dort aufgehalten haben.

Warum die Keupstraße in Köln? Schaut man genauer hin, wirft auch das Anschlagziel Fragen auf. Die Straße hat eine Geschichte. Sie war lange ein sozialer Brennpunkt, heruntergekommen, Drogenmarkt. Doch mit der Gründung der IG Keupstraße, in der Deutsche, Türken, Griechen zusammenarbeiteten, begann sich das zu ändern. Man veranstaltete gemeinsame Straßenfeste, machte sie zur Kunstmeile, gab unter der Schirmherrschaft von Alfred Biolek das "Kochbuch Keupstraße" mit Rezepten der anwohnenden Nationen heraus. Aus dem Problemfall wurde ein erfolgreiches Integrationsprojekt von Deutschen und Ausländern. Manchen zu erfolgreich. Die Keupsträßler hatten Pläne, wollten auf der angrenzenden Industriebrache zum Beispiel ein internationales Einkaufszentrum mit Läden, Büros und billigen Wohnungen bauen. In bestimmten Kreisen in Köln begann sich Widerstand zu regen. "Keine Ausweitung der Keupstraße", war die Parole. "Darüber ist diese Bombe gekommen", sagt Ali Demir, "und hat alles durcheinandergebracht."

Wer Migranten treffen wollte, wer gar ein erfolgreiches Integrationsprojekt zerstören wollte, für den konnte die Keupstraße als Anschlagziel nicht besser ausgewählt sein. Aber: Dazu musste man die komplexe soziale, kulturelle und auch politische Geschichte dieser Straße kennen. Das tut nicht einmal jeder Kölner. Fraglich ist, ob die drei Neonazis aus dem thüringischen Jena sie von sich aus kennen konnten. Zweifel sind angebracht. Haben sie einen Tipp bekommen? Wurden sie angeleitet? Mordete die NSU-Gruppe etwa im Auftrag? Andererseits: War sie es überhaupt? Bei den mutmaßlichen Tätern Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos wurden, im Gegensatz zu anderen Tatorten, keine Ausspähnotizen und kein Stadtplan von Köln gefunden.

Filmaufnahmen der mutmaßlichen Täter.
Filmaufnahmen der mutmaßlichen Täter.

Nach dem Terroranschlag zog Misstrauen in die Straße ein, und viele Bewohner zogen aus. Auch Ali Demir. Er hat sein Büro nun ein paar Straßen weiter. Dort, an der neuen Adresse, bekam er Drohbriefe. Am Anfang erkannte er sie nicht als solche. Zeitungsartikel über die "Dönermorde" und über den Verfassungsschutz. Doch dann offene Beleidigungen und Drohungen: "Du Hurensohn! – Deine Zeit ist abgelaufen. – Du bist tot!" Er ging zur Kriminalpolizei. Zwei Briefe waren im Postzentrum Köln abgeschickt worden. Eine Postkarte wurde in seinem Briefkasten eingeworfen.

Im Mai waren wir das erste Mal bei Ali Demir. Der 62-Jährige stammt aus der Türkei und lebt seit 35 Jahren in der Bundesrepublik. Er ist seit 30 Jahren Mitglied der Kölner SPD. Er hat die Interessengemeinschaft Keupstraße mit aufgebaut, von Beruf Steuerberater, ein Mann des öffentlichen Lebens. Ein absolut vertrauenswürdiger und ein genauer Zeuge.

Wir werden begleitet von Bernward B., Kriminalhauptkommissar in Köln, einmal Mitglied der kritischen Polizisten. Er ist privat mitgekommen, weil ihn der Anschlag umtreibt. Er kennt die Keupstraße gut, hatte früher als Streifenpolizist dort zu tun. Was er jetzt aus dem Mund von Ali Demir hört, muss ihn als Polizeibeamten tätig werden lassen. Am folgenden Tag schreibt er im Polizeipräsidium einen Bericht über unser Gespräch mit Demir. Der Bericht geht ans BKA, an die Staatsanwaltschaft und auf den internen Dienstweg im Kölner Polizeipräsidium. Boden schlägt unter anderem vor, Demir Fotos von Baumeister und Voß zu zeigen.

Ende Juni ist Demir immer noch nicht polizeilich vernommen worden. Niemand hat sich bei ihm gemeldet.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

Kommentare

noch mehr schlechte Tricks, 06.07.2013 22:48
Die einzige Zeugin die zeitnahm vernommen wurde war eine Wahrsagerin aus München. Sie hatte am folgenden Tag 2x angerufen, beim 2. Anruf war sie dann auf den offiziellen Kurs eingeschwenkt und erklärte der Hintergrund sei kein terroristischer sondern ein krimineller.
Die kostenpflichtige Wahrsagerin wird dann von der Polizei aufgesucht, sie ersetzte tatsächliche Zeugin wie Ali Demir oder den Ladenbesitzer, der Journalisten erzählte er sei von Polizisten vier Tage später angewiesen worden seiner Verdacht, es gäbe einen rechtsextremen Hintergrund, nicht zu äussern.
Von wem kam die Anweisung den Begriff "terroristischer Anschlag" aus dem Sprachgebrauch zu streichen ? Von Behrens nicht, der hat nur zwischendurch für einen Tag seinen Urlaub unterbrochen um eine entsprechende Erklärung abzugeben. Und von der Wahrsagerin kam die wohl auch nicht.
Auffällig ist das der Anschlag in Köln verübt wurde während in München die Verhandlungen wegen des dort von Neonazis geplanten Sprengstoffanschlags geführt wurden.
Aber die einzige Verbindung die es nach München gibt ist wohl diese Wahrsagerin.

Hugo, 05.07.2013 23:29
guter text, thomas moser. hört sich alles schlüssig an und lässt sich sehr gut lesen. gut gemacht!

B., 05.07.2013 09:11
Es ist mir ein Rätsel, warum die Bundesanwaltschaft nicht umfassend gegen Verantwortliche aus oberen Landes- und Bundesbehörden ermitteln, warum man dilettantische Nachermittler Nicht-Zeugen so vernehmen, dass man das, was gesagt wurde, nicht mal im Text wiederfindet? Wieso hört man bis heute Zeugen von damals nur halbherzig oder gar nicht an? Warum vertuscht man den wahren Sachverhalt, und warum belügt man das Parlament, die Öffentlichkeit, die Familien der Tatopfer, selbst die Mitarbeiter in Polizei und Justiz? Ich rede von Verschwörung, auch wenn das lächerlich gemacht wird. Die Verschwörung dauert seit 1945, als die Drecksäcke eigentlich kapituliert haben, in Wirklichkeit aber stur und gut bezahlt weitermachten. Ekelhafte Geschichte. Wenn auch die Mehrheit der Bundesrepublik davon nichts wissen will oder überfordert ist

Dearg Tosaigh, 03.07.2013 09:30
(SPON)
Wie kam es dazu, dass eine Ermittlerin aus Baden-Württemberg bei der "Unterhaltung" dabei war? In dem Bundesland wurde laut Anklage die Polizistin Michèle Kiesewetter von den Mitgliedern des NSU erschossen. Wurde sie extra dazu geholt? Wenn ja, warum? Sprachen sich die Ermittler vorher ab, bestimmte Fragen an Zschäpe vorerst nicht zu stellen, etwa die Beteiligung am Mordfall Kiesewetter, sondern sich nur auf den Brandvorwurf zu beschränken?

Alles klar, eine Ermittlerin aus Baden Württemberg? Na dann sollen die mal heraus finden, welche Ermittlerin dies war? Und von welcher Behörde! Weshalb wird diese unbekannte Dame nicht aufgeführt, sie war doch wie der andere Beamte auch von Anfang an anwesend?

(SPON)
Beeindruckt habe ihn, wie emotionslos Zschäpe reagiert habe, als "die Mordtaten des NSU verlesen wurden". Auch als es um den Tod ihrer Gefährten ging: "Keine Tränen, sie hat nicht einmal geschluckt."

Weshalb sollte sie Emotionen zeigen, kann es nicht sein, dass Zschäpe wie von einem Fährtenspürhund bei Ermittlungen des BKA gegen den wegen Sprengstoffanschlages verurteilten Rechtsterroristen Patrick Wieschke "eigentlich" sicher ermittelte, in dessen Wohnung am 3 November 2011 aufhielt? Man muss kein Hellseher sein, um Rückschlüsse auf das Gespräch ziehen zu können. Die beiden - Mundlos und Böhnhardt laufen aus dem Ruder, überfallen wieder Banken und gefährden die Strukturen der braunen Terrorgruppe. ..... "

Hat nicht der Mann fürs Grobe Andre Kapke (so wird er doch in seinen rechtsextremistischen Kreisen genannt) gegenüber dem BKA eine Falschaussage getätigt in seiner ersten Vernehmung bzg. seiner Anwesenheit in räumlicher Nähe zum Tatort in Eisenach am 4 November 2011? Erst als man ihm eine räumliche Anwesenheit belegen konnte, räumte er in seiner zweiten Vernehmung bei Kaffee und Kuchen ein, dass er wohl doch dort in Nähe war und sein Mobiltelefon eingeloggt war .....

Weshalb sollte Zschäpe da irgendwelche Emotionen zeigen, zählt man 1 und 1 zusammen, ist sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für die Ermordung ihrer zwei rechtsextremen Weggefährten verantwortlich.

(SPON)
Der Zeuge zieht sich auf seine nur beschränkte Aussagegenehmigung zurück.

Hier ging es um "Zeugenschutz" worauf sich dieser Beamte beruft! Hat man der V-Frau des Verfassungsschutz Zschäpe durch die Blume angeboten, dass sie schweigen sollte (seltsamerweise verstummte sie nach diesem Gespräch) da die Vorwürfe derart schwer wiegen, dass man anhand dem politischen Druck welcher nunmehr unweigerlich ansteht, nicht direkt eine derartige Maßnahme durch führen kann? Glaubt irgendjemand auch nur ansatzweise, dass die "Nicht-Szene-Anwälte" zufällig ausgewählt wurden?

Es ist alles so durchschaubar was hier abläuft ........
____________________________________________________________________

(KONTEXT)
Sicherheitsbehörden aus Nordrhein-Westfalen täuschen Bundestag und Öffentlichkeit. Mit falschen Zeugen im NSU-Untersuchungsausschuss verschleiern NRW-Innenministerium und Polizei die wahren Hintergründe des Kölner Nagelbombenanschlags von 2004.

Da sind wir ja einmal gespannt, wie diese 11 Abgeordneten des PUA in Berlin reagieren? Die sich von einer unteren Landesbehörde haben vorführen lassen! Sicherlich wird Edathy und Konsorten wieder mit angestrengten Gesichtsausdruck vor die Kameras treten und etwas mit dem Zeigefinger Richtung NRW "ihr Bösen - Bösen aber auch ...." schimpfen und die Sache ist erledigt! Falsche Zeugen in einem Bundesuntersuchungsausschuss? Die obersten gewählten Volksvertreter der Legislative lassen sich derart verarschen (strafrechtlich gesehen alleine schon eine unglaubliche Vorgehensweise....)

Weshalb werden diese zwei Austauschfiguren der Kölner Polizei nicht verhaftet und vernommen? Mal sehen ob die sich für die Strategen im Amt in die Nesseln setzen!
____________________________________________________________________

(Neues Deutschland)
Der 60-jährige Neurentner »Oettinger« spielt die Rolle von S. herunter. Sie war zwar »aufgeschlossen und intelligent«, berichtete »ehrlich« und bekam auch sonst beste Beurteilungen samt der exzellenten Quelleneinstufung B.

Eindeutig falsch! Die Vorgabe aus Baden - Württemberg, dass "Öttinger" im Januar 2013 in Ruhestand ging ist gelogen. Sowie sämtliche Punkte und Aussagen, welche er vor dem PUA von sich gab......
Kann man mit belegbaren Fakten (Grabertverlag und Verlag Neue Warte sowie "nie Umgepolt auf linke Szene" bis 2011 lückenlos belegen.
"Krokus" war belegbar von 2006 bis durchgehend 2011 auf diese rechtsextremistischen Figuren angesetzt.
Sie war zu keinem Zeitpunkt auf Stuttgart 21 (war nie Gesprächsthema, war sie nie) oder gar das Büro der Partei Die Linke Stuttgart (Kennt sie nicht, war sie nie) angesetzt. Eine von Öttinger vorgeschlagene Mitgliedschaft in Partei "Die Linke" hat sie verweigert.
Für öffentlich zugängliche Flyers der Linken bekommt man keine Topeinstufung B, das hat sich "Krokus" gegen die rechtsterroristischen Strukturen verdient, bzw. dass sie nie etwas darüber mitteilt!
______________________________________________________________

So langsam wird die Geschichte der rechtsterroristischen Zellen und Helfer interessant!!!

Na dann freuen wir uns ja, dass so viele Ermittler von LKA (vielleicht auch SOKO Parkplatz) hier mitlesen .....

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 274 / Populismus pur / Dieter Kief, 29.06.2016 23:20
@ Fritz 1) wg. Pilger - dass der 3. Weltkrieg bevorstehe, und dass es starke Hinweise darauf gebe, z. B. in Form von Nato-Truppenbewegungen im Rahmen von Manövern. Nun ja. Was den kontext-Artikel insgesamt betrifft: Die komplexen...

Ausgabe 274 / Rebellion im Remstal / Dieter Binder, 29.06.2016 20:37
Lieber Herr Stephan Nordstadt, hier haben sich einem alten und gern gebrauchten Vorurteil bedient. Nein der Gemeinderat will sich "KEIN" Denkmal setzen! Das Projekt Remstalgartenschau wurde in Arbeitsgruppen "mit" der Bevölkerung...

Ausgabe 274 / Kleines Zubrot für den Kontrolleur / M. Stocker, 29.06.2016 19:04
Danke Kontext dafür, dass diese Eiterbeule der Sozialdemokratie mal wieder angestochen wird. Da gäbe es noch ein paar Kleinigkeiten zu berichten. Z.B. dass Herr Schmiedel es nicht nötig hatte, seine Steuererklärungen rechtzeitig, also...

Ausgabe 274 / Im Nebel verschwunden / Horst Ruch, 29.06.2016 18:51
....eigentlich schade, daß Reuter den Schnellsprecher Oettinger in seiner Negativliste unerwähnt ließ. Derjenige der Mappus & Co mal ebenso an die Spitze des Parlaments gehievt hat, um sich seine fragwürdige von Merkel gesteuerte...

Ausgabe 274 / Rebellion im Remstal / Schwabe, 29.06.2016 18:15
@Stephan Nordstadt "Ich glaube an dieser Stelle funktioniert unsere Demokratie nicht mehr so, wie sie funktionieren sollte", meint Cheret. Was gibt es an dieser Aussage auszusetzen bzw. weshalb interpretieren Sie Herr Nordstadt diese...

Ausgabe 274 / Im Nebel verschwunden / maguscarolus, 29.06.2016 17:17
@M.Hitter - CETA Eurokratie hat eben mit Demokratie nichts zu tun. Vielleicht ist es kein Zufall, dass im Interesse reicher Investoren gerade die Wiege der Demokratie kaputtgespart wird. Mir wird schlecht wenn ich sehe, zu was für...

Ausgabe 274 / Prinz Charles auf der Scholle / Manfred Fröhlich, 29.06.2016 16:08
Peter Großmanns "Wettern der Woche" bringt die "politische Großwetterlage" wöchentlich auf den Punkt. - Während die PolitikerInnen daran arbeiten unseren Kabarettisten & Aktionskünstler das Wasser abzugraben - sozusagen auf allen...

Ausgabe 274 / Rebellion im Remstal / DieterBinder, 29.06.2016 16:06
Dieser Bericht ist allerdings nur teilweise richtig. Der Bürgermeister Stefan Altenberger hat nicht die sechs Firmen aus dem Hut gezaubert, sondern die Befürworter des Steges. Warum werden in diesem Bericht nur die Gegner des Steges...

Ausgabe 274 / Pflegefall Pflege / Pflege geht alle an, 29.06.2016 15:58
Respekt Herr Jogerst! Super Idee Kontext. Aus dem Thema könnt Ihr gerne eine Reihe machen. Pflegenotstand haben wir ja nicht nur in Heimen, sondern auch in Krankenhäusern. Es gibt selbst Intensivstationen im Land, die es noch schaffen...

Ausgabe 274 / CDU in der Schnellbleiche / Alex Maier, 29.06.2016 15:11
Die Wahl von Frau Razavi ist nicht ganz so historisch wie hier beschrieben ;) Die grüne Fraktion hatte mit Brigitte Lösch bereits von 2001 bis 2006 eine parlamentarische Geschäftsführerin.

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!