KONTEXT Extra:
AfD: Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen

Schon wieder hat AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen ein Versprechen nicht gehalten. Aber wahrscheinlich kann er nicht mehr daran erinnern, dass er am 6. März zum ersten Mal seit dem Einzug in den Landtag zu einer regulären und nicht durch Skandale, Trennungen oder Wiedervereinigungen notwendig geworden Pressekonferenz geladen hat. Um mitzuteilen, dass seine Fraktion selbstverständlich der Ankündigung nachkommt, dem Landtag die Gelder zurückzuzahlen, die die vorübergehende Fraktionsspaltung gekostet hat. Sogar ein Datum konnten Meuthen und Fraktionsvize Rainer Podeswa nennen: den 11. März 2017, jenen Tag also an dem die Frist für die Rechnungslegung der Fraktionen ohnehin abläuft. Bis dahin sollten 257.000 Euro fließen. Insgesamt war von 425.000 Euro, einmal auch von 571.000 Euro die Rede.

Eingelöst wurde die Zusicherung nicht. Meuthen und die Seinen, die schon bei unvergleichlich geringeren Anlässen Zeter und Mordio schreien angesichts des Sittenverfalls der von ihnen sogenannten Altparteien, haben nach Auskunft der Landtagsverwaltung gar nichts zurückgezahlt. Jetzt verlangt der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Ex-Innenminister Reinhold Gall, von der Landtagsverwaltung, eine "härtere Gangart" einzuschlagen und rechtliche Schritte einzuleiten.

Vor allem auf Facebook, dem wichtigsten Kommunikationsmittel der AfD, hatte sich die Fraktion immer wieder dafür gerühmt, alle Gelder zu erstatten. Tatsächlich war das peinliche Finanzgebaren schon in der Plenarsitzung vom 9. Februar Gegenstand der Debatte, als FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke daran erinnert, dass "die operettenhafte Fraktionsteilung" viel Geld gekostet habe und konkret fragte: "Haben Sie zurückgezahlt?" Laut Protokoll rief der AfD-Fraktionschef: "Ja, natürlich!". Inzwischen will Meuthen die Äußerung auf die schon geflossenen Gelder bezogen wissen, ohne konkret zu sagen, um welche Summen es sich handelt. Wahrscheinlich hat er es nicht (mehr) gewusst. (21.4.2017)

Mehr zum Thema: "Sein Name ist Hase"


Kakteen lassen IHK-Vollversammlung platzen

Johannes Schmalzl, früher Zentralstellenleiter im FDP-geführten Justizministerium, dann Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz und Stuttgarter Regierungspräsident, ist am Donnerstagabend nicht wie geplant zum Hauptgeschäftsführer der IHK Stuttgart gewählt worden. Die kammerkritische Kaktus-Initiative hat die Vollversammlung platzen lassen. Zuvor fand der vorab angekündigte Antrag der IHK-Rebellen zur Änderungen der Tagesordnung allerdings keine Mehrheit. Darin war verlangt worden, Tagesordnungspunkte, die in der vorigen Vollversammlung nicht behandelt wurden, noch vor der Wahl abzuhandeln.

Nach der Abstimmungsniederlage zog ein Großteil der Initiative aus, während einer ihrer Sprecher mit Erfolg die Feststellung der Beschlussunfähigkeit der Versammlung forderte. Damit war die Vollversammlung beendet. Jetzt soll es zu einer Sondersitzung kommen, um Schmalzl vor der nächsten turnusmäßigen Sitzung im Juli zu wählen. Am Vorgehen der Kakteen gibt es Kritik – auch in den eigenen Reihen. Mehrere Mitglieder hatten die Versammlung mit ausdrücklichem Hinweis auf die demokratische Niederlage in der Abstimmung über die Tagesordnung nicht verlassen. Jetzt sollen interne Beratungen stattfinden.

Jürgen Klaffke, einer der führenden Kakteen, hatte im Vorfeld der Vollversammlung für die Verschiebung der Wahl plädiert. Sein Argument: Es könne nicht sein, "dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert". Da der Vertrag mit dem amtierenden Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. Die Kaktus-Initiative, die unter anderem für die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft eintritt, hält ein Drittel der hundert Sitze. (20.4.2017)

Mehr zum Thema: "Das ganze Klavier bespielen", "Rebellen im Weinberghäusle"


Besonders viele Evet-Sager in Stuttgart

Nur in Dortmund, Essen und Düsseldorf haben mehr Deutschtürken für Recep Tayyip Erdogans Präsidialsystem gestimmt als in Stuttgart. Mit 66,22 Prozent liegt die Landeshauptstadt nach den Zahlen der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch über dem Deutschland-Schnitt von 63,2 Prozent. Das Ergebnis der Bundesrepublik ist international von besonderer Bedeutung, weil mit rund 1,4 Millionen Menschen nirgends mehr Auslandstürken wahlberechtigt waren. Auffallend ist das Abstimmungsverhalten in Berlin, mit 50 Prozent Nein-Sagern, in der Schweiz mit 70 Prozent und in den USA mit sogar einer 90prozentigen Ablehnung der Verfassungsreform. In den Vereinigten Staaten hat allerdings weniger als ein Prozent der Bevölkerung einen türkischen Pass.

Dass sich aus dem Anteil an türkischstämmiger Bevölkerung allein kein Zusammenhang zum Abstimmungsverhalten ablesen lässt, zeigen nicht nur Berlin und Stuttgart, sondern EU-weit auch Belgien und Österreich. In beiden Ländern gibt es mehr als 70-Prozent Evet-Sager. In Belgien haben rund zwei Prozent der Menschen türkische Wurzeln, in Österreich aber mehr als fünf Prozent. Im deutschen Zustimmungsranking deutlich hinter Stuttgart rangieren unter anderem Karlsruhe mit 61 Prozent, Hamburg mit 57 und Nürnberg mit 55 Prozent. Nach den Zahlen von Anadolu hat die Hälfte der Deutschtürken ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt.


Kakteen wollen neue IHK-Findungskommission

Die IHK-Kritiker von Kaktus fordern, die Wahl des neuen Hauptgeschäftsführers zu verschieben. "Es kann doch nicht sein, dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert", so Jürgen Klaffke von der Kaktus-Initiative. Ende vergangener Woche war bekannt geworden, dass der frühere Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl der Vollversammlung am 20. April als einziger Kandidat präsentiert werden soll. Die IHK-Rebellen wollen nicht nur abnicken, sondern eine wirkliche Wahl zwischen mindestens drei Kandidaten. Sie fordern daher eine gewählte Findungskommission aus aktuellen Vertretern der Vollversammlung und ein faires, transparentes Auswahlverfahren. Da der Vertrag mit dem aktuellen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. (11.4.2017)


Buchvorstellung mit Kontext-Autor: in_visible limits

Grenzen sind allgegenwärtig, ob sicht- oder unsichtbare: Menschen pflegen ihre Barrieren im Kopf, sortieren die Welt in Gut und Böse. Zuletzt haben leider auch die ganz materiellen Grenzzäune durch die sogenannte "Flüchtlingskrise" wieder eine Renaissance in Europa erlebt, von Trumps Mauer ganz zu schweigen. Das Thema reflektiert momentan der Kunstverein Kontur, in seinem Projekt "in_visible limits" zeigt er Werke von vier Schweizer und vier deutschen Kunstschaffenden, aktuell im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil. Aus dem Projekt heraus entstand eine Buchveröffentlichung, verschiedene Autoren sollten das Thema "Grenzen" aus ihrer Sicht beleuchten. Kontext-Mitarbeiter Dietrich Heißenbüttel ist einer von ihnen, er befasst sich mit der "Macht der Grenzen" aus historisch-politischer Sicht. Am Sonntag, den 9. April, wird das Buch um 17 Uhr im Theaterhaus in Stuttgart-Feuerbach vorgestellt, Heißenbüttel ist dabei. Der Eintritt ist frei. (08.04.2017)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Beim Einmarsch ins neutrale Belgien verüben die deutschen Truppen 1914 zahlreiche Kriegsverbrechen, eines der schlimmsten davon in der Kleinstadt Dinant, wo sie am 23. August 674 Zivilisten töten. Louis Raemaekers komm

Beim Einmarsch ins neutrale Belgien verüben die deutschen Truppen 1914 zahlreiche Kriegsverbrechen, eines der schlimmsten davon in der Kleinstadt Dinant, wo sie am 23. August 674 Zivilisten töten. Louis Raemaekers komm

Die Opfer der Deutschen: In "Auf der Spur der Vertragsbrecher (oder Mater Dolorosa)" (22. August 1914) zeigt Raemaekers sein großes Talent, mit seinen Karikaturen

Die Opfer der Deutschen: In "Auf der Spur der Vertragsbrecher (oder Mater Dolorosa)" (22. August 1914) zeigt Raemaekers sein großes Talent, mit seinen Karikaturen

Die Karikatur "Wenn die Steine sprechen" vom 23. September 1914 (Untertitel: "Dieser war es, der uns schändete!"), Raemaekers Kommentar zur Zerstörung der Kathedrale von Reims durch deutschen Artilleriebeschuss am 19. September 1914, führt

Die Karikatur "Wenn die Steine sprechen" vom 23. September 1914 (Untertitel: "Dieser war es, der uns schändete!"), Raemaekers Kommentar zur Zerstörung der Kathedrale von Reims durch deutschen Artilleriebeschuss am 19. September 1914, führt

Zu Raemakers populärsten

Zu Raemakers populärsten

In "Die Schutzschilde von Rösselaere" (vermutl.

In "Die Schutzschilde von Rösselaere" (vermutl.

Ein Kindersarg genügt, um einen Schockeffekt zu erzielen. Der Untertitel der am 6. Dezember 1914 erschienen Karikatur ("Sie haben es nicht geschafft, mich in Antwerpen zu erschießen, aber sie haben meine lieb

Ein Kindersarg genügt, um einen Schockeffekt zu erzielen. Der Untertitel der am 6. Dezember 1914 erschienen Karikatur ("Sie haben es nicht geschafft, mich in Antwerpen zu erschießen, aber sie haben meine lieb

Schon kurz nach Kriegsausbruch wird in der alliierten Propaganda die von vielen Kriegsverbrechen begleitete deutsche Invasion Belgiens als "Rape of Belgium", ("Vergewaltigung Belgiens") bezeichnet, was Ra

Schon kurz nach Kriegsausbruch wird in der alliierten Propaganda die von vielen Kriegsverbrechen begleitete deutsche Invasion Belgiens als "Rape of Belgium", ("Vergewaltigung Belgiens") bezeichnet, was Ra

Zur Palette der stereotyp gezeichneten deutschen Soldaten gehört auch der verrohte Landser, der bei diesem Bild vom Juli 1915 seine Tat im Untertitel rechtfertigt: "Wenn ich es nicht getan hätte, hätte es ein anderer getan." Der Titel der Karikatur,

Zur Palette der stereotyp gezeichneten deutschen Soldaten gehört auch der verrohte Landser, der bei diesem Bild vom Juli 1915 seine Tat im Untertitel rechtfertigt: "Wenn ich es nicht getan hätte, hätte es ein anderer getan." Der Titel der Karikatur,

In seiner Zeichnung "Die Kultur kam vorbei" (8. Januar 1915) prangert Raema

In seiner Zeichnung "Die Kultur kam vorbei" (8. Januar 1915) prangert Raema

Drastischer werden die Folgen deutschen Luftangriffe in der Karikatur "The Zeppelin Raider" (1915) dargestellt, in der der deutsche Kaiser Wilhelm II. als finsterer Kindermörder erscheint.

Drastischer werden die Folgen deutschen Luftangriffe in der Karikatur "The Zeppelin Raider" (1915) dargestellt, in der der deutsche Kaiser Wilhelm II. als finsterer Kindermörder erscheint.

Im Oktober 1915 führt die Hinrichtung der britischen Rotkreuzschwester Edith Cavell in Brüssel zu einem internationalen publizistischen Aufschrei. Sie wurde von einem deutschen Gericht wegen Fluchthilfe für alliierte Kriegsgefangene zum Tode verur

Im Oktober 1915 führt die Hinrichtung der britischen Rotkreuzschwester Edith Cavell in Brüssel zu einem internationalen publizistischen Aufschrei. Sie wurde von einem deutschen Gericht wegen Fluchthilfe für alliierte Kriegsgefangene zum Tode verur

Am 7. Mai 1915 wird der britische

Am 7. Mai 1915 wird der britische

Die Versenkung der Lusitani

Die Versenkung der Lusitani

"Wir siegen uns tot": In der Karikatur vom 5. August 1915 hofiert der deutsche General Bernhardi den Tod persönlich.

"Wir siegen uns tot": In der Karikatur vom 5. August 1915 hofiert der deutsche General Bernhardi den Tod persönlich.

Ein ähnliches Motiv, aber mit der von Raemaekers eher selten verwendeten Nationalallegorie Germania, zeigt "Der deutsche Tango" vom 12. August 1915.

Ein ähnliches Motiv, aber mit der von Raemaekers eher selten verwendeten Nationalallegorie Germania, zeigt "Der deutsche Tango" vom 12. August 1915.

Louis Raemaekers bei der Arbeit, 1915.

Louis Raemaekers bei der Arbeit, 1915.

Ausgabe 211
Schaubühne

"Es lebe die Gemütlichkeit"

Von Oliver Stenzel
Fotos: Louis Raemaekers Foundation
Datum: 15.04.2015
Während des Ersten Weltkriegs war er der bekannteste Karikaturist der Welt: Mit seinen antideutschen Zeichnungen sorgte der Holländer Louis Raemaekers nicht nur für diplomatische Verstimmungen zwischen Deutschland und den Niederlanden, sondern hatte auch großen Anteil daran, die Stimmung in den USA für einen Kriegseintritt gegen Deutschland zu drehen. Rund hundert Jahren danach ist ihm nun erstmals in Deutschland eine Ausstellung gewidmet.

In einem Brief vom 17. November 1914 an den deutschen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg wählt Albrecht Rienäcker, deutscher Generalkonsul in Amsterdam, deutliche Worte: "Diese Zeichnungen wirken besonders heftig und vergiftend, zumal sie sich dem Gedächtnis besser einprägen als das gedruckte Wort, und es sich ... um einen Künstler von nicht gewöhnlicher Begabung handelt."

Der Künstler, von dem Rienäcker schreibt, heißt Louis Raemaekers, Karikaturist der Amsterdamer Tageszeitung "De Telegraaf". Seine antideutschen Karikaturen sind nicht nur innerhalb der neutralen Niederlande weit verbreitet, sie zirkulieren wenige Wochen nach Kriegsausbruch auch in den gegen Deutschland kämpfenden Entente-Staaten.

Dabei hat Raemaekers ursprünglich starke Beziehungen zu Deutschland. Geboren 1869 als Sohn einer deutschen Mutter, wächst er im südwestniederländischen Roermond auf, nahe der deutschen Grenze. Seine Haltung zum Nachbarland schlägt um, als im August 1914 die ersten Berichte über deutsche Kriegsverbrechen bei der Invasion des neutralen Belgien bekannt werden. Bis Mitte Oktober töten die deutschen Truppen in Belgien rund 5500 Zivilisten, neben Massakern werden Kulturdenkmäler wie die Bibliothek von Löwen zerstört (mehr dazu im Artikel "Fährte in die Apokalypse"). 

Inspiriert von Korrespondentenberichten, fängt Raemaekers an, in seinen Karikaturen die brutale deutsche Kriegführung und die Gräueltaten an der Zivilbevölkerung heftig anzuprangern. Das führt schon bald zu ersten Zensurversuchen vonseiten der Regierung, die eine Gefährdung der niederländischen Neutralität befürchtet.

Reaktionen aus Deutschland lassen ebenfalls nicht lange auf sich warten. Am 7. Oktober beklagt die "Kölnische Volkszeitung", dass sich die zunächst prodeutsche Stimmung in den Niederlanden komplett gewandelt habe: "Das Volk ist eben vergiftet worden. Nicht wenig haben ... die einseitigen, satirischen Bilder im Blatte 'Telegraaf' von der Hand des ... Zeichners Louis Raemaekers dazu beigetragen." 

Und am 21. Januar 1915 verlangt der deutsche Botschafter in Den Haag, Felix von Müller, Maßnahmen gegen die Veröffentlichung von Sammelbänden mit Raemaekers Werken, "denn diese Karikaturen, die seit mehreren Monaten im Ausland verkauft werden, sind hundertmal schädlicher als ein antideutscher Zeitungsartikel".

Kopfgeld für einen Karikaturisten? 

Unter dem Druck der Deutschen versucht die niederländische Regierung wiederholt, Raemaekers und den "Telegraaf" insgesamt zu einer neutraleren Linie zu bewegen, doch da in den Niederlanden kein Kriegsrecht herrscht, bleiben auch diese Versuche ohne Erfolg.

Im September 1915 kommt schließlich das Gerücht auf, die deutsche Regierung habe ein Kopfgeld von 12 000 Mark – tot oder lebendig – auf Raemaekers ausgesetzt. Geschockt davon und beunruhigt durch die zunehmenden Droh- und Hassbriefe an ihn und seine Familie, trägt Raemaekers ab jetzt ständig eine Pistole bei sich. Bewiesen werden konnte das Kopfgeld-Gerücht nie, Quellen, die es belegen, finden sich keine – doch "die Geschichte diente sowohl während des Krieges als auch danach dazu, die Wirkung zu verdeutlichen, die sein Werk sowohl in Deutschland als auch in den alliierten Staaten hatte", so die Kunsthistorikerin und Raemaekers-Biografin Ariane de Ranitz.

Doch was macht Raemaekers' Karikaturen im Krieg so wirkungsvoll? Großes Talent hat er zweifellos, seine Karikaturen erinnern mitunter durch den dynamischen Strich und die bevorzugte Verwendung von Zeichenkohle an die Werke Honoré Daumiers oder des von ihm verehrten Théophile Steinlen, ohne aber je deren Unverwechselbarkeit zu erreichen. 

Vom Stil und der Motivwahl ist Raemaekers sogar deutlich weniger extrem als viele seiner französischen und belgischen Kollegen während des Krieges, die die Deutschen oft als völlig entmenschte, gorillaartige Monster zeichnen und in ihren Bildern bereitwillig erfundene Gräuelgeschichten aufgreifen – etwa die, dass deutsche Soldaten Kindern die Hände abgehackt, Babys mit dem Bajonett aufgespießt, Frauen die Brüste abgeschnitten oder Leichen zu Seife verarbeitet hätten.

Vielmehr wirken gerade Raemaekers' Karikaturen zu deutschen Gräueltaten oft fast wie Reportagezeichnungen, wie Skizzen durch einen Augenzeugen – was er nie war. Doch gerade der dokumentarisch wirkende Stil macht sie oft noch erschreckender und psychologisch wirkungsvoller, zudem verleiht zusätzlich Raemaekers' Status als Bürger eines neutralen Staates seinen Bildern eine hohe Glaubwürdigkeit. Und auch in vielen eher symbolhaften Karikaturen zeigt er seine Meisterschaft darin, mit sparsamen Mitteln eine große emotionale Wirkung zu erzielen.

Das britische Kriegspropagandabüro verbreitet die Karikaturen

Schnell wird Raemaekers auch im Ausland populär. Erste Karikaturen außerhalb der Niederlande kann er schon im Oktober 1914 veröffentlichen, ab Anfang 1915 immer regelmäßiger in englischen Zeitschriften, unter anderem in der "Daily Mail", der damals weltweit am weitesten verbreiteten Zeitung. Ende 1915 bringt ihm eine große Ausstellung in London den Durchbruch zum Weltruhm. Raemaekers wird vom britischen Premierminister Herbert Henry Asquith empfangen, in hymnische Rezensionen feiert die britischen Presse die Schau, die "Times" etwa schreibt: "Dieser Neutrale ist das einzige Genie, das der Krieg hervorgebracht hat." Weitere gefeierte, von Hunderttausenden Menschen besuchte Ausstellungen in England und bald auch in Paris folgen. 

Schon kurz nach seiner Ankunft in London wird Raemaekers vom britischen Kriegspropagandabüro Wellington House kontaktiert, das sich sofort um die millionenhafte Verbreitung seiner Karikaturen weltweit bemüht – ob in Büchern, auf Postkarten, Streichholzetiketten Zigarettenkarten, als Dias oder Nachdrucke in Zeitschriften. Seine Karikaturenbände erscheinen in 18 Sprachen, unter anderem sogar in Baskisch. "Raemaekers wurde zur einflussreichsten Figur bei der Projektion des alliierten Bildes vom deutschen Feind auf das Publikum daheim und in der übrigen Welt", schreiben die irischen Historiker John Horne und Alan Kramer in ihrer Studie "Deutsche Kriegsgreuel 1914". 

Entscheidende Rolle in der US-Propaganda

Seine wichtigste Rolle spielt Raemaekers aber wohl bei den Bemühungen, die öffentliche Meinung in den USA auf den Krieg gegen Deutschland einzustimmen. Als er Mitte 1917 das Land auf Bitten der britischen Regierung erstmals besucht, hat die US-Regierung zwar Deutschland schon den Krieg erklärt, die Zustimmung der Bevölkerung dafür aber noch nicht umfassend gewonnen. 

Ausgerechnet mit dem Presseimperium des Verlegers William Randolph Hearst schließt Raemaekers einen Vertrag, obwohl dessen Zeitungen als eher deutschfreundlich gelten – im Nachhinein ein genialer und extrem erfolgreicher Schachzug, weil sie dadurch noch glaubwürdiger erscheinen und ein Publikum erreichen, das erst noch überzeugt werden muss. Bis zum Oktober 1917 haben 2000 US-Zeitschriften seine Karikaturen mehrere Hundert Millionen Mal verbreitet, dazu kommen zahlreiche andere Medien bis zum Straßenbahnposter und die Verwendung für Rekrutierungsplakate. Raemaekers' Popularität wächst zusätzlich durch eine ausgedehnte Tour durch das Land, er trifft sich mit Präsident Woodrow Wilson und dessen Vorgänger Theodore Roosevelt – Letzterer nennt seine Karikaturen die "kraftvollsten aller ehrenvollen Beiträge von Neutralen für die Sache der Zivilisation im Weltkrieg".

Viele Historiker betonen den enormen Einfluss, den Raemaekers' Karikaturen auf die öffentliche Meinung in den USA hatten, und bescheinigen ihnen entscheidenden Anteil daran, die Haltung der amerikanischen Bevölkerung im Sinne der Alliierten verändert zu haben. Wie entscheidend der Anteil des niederländischen Zeichners tatsächlich war, lässt sich wohl nicht mehr herausfinden, auf jeden Fall aber gilt die massenhafte Verbreitung seiner Karikaturen als größte Propagandaanstrengung während des Ersten Weltkriegs.

Sein Einfluss zeigt sich auch darin, dass Deutschland Raemaekers bis zum Ende des Krieges bekämpft, vor allem die Verbreitung seiner Werke in den neutralen Staaten. Unter deutschem Druck untersagt etwa die spanische Regierung im November 1916 eine Zeit lang eine Ausstellung in Madrid, und Anfang 1918 strengt die deutsche Botschaft in der Schweiz eine Klage gegen die Ausstellung der Bilder in Genf an, allerdings ohne Erfolg.

Der Satiriker Kurt Tucholsky schreibt 1918, damals offenbar noch patriotischer als nach Kriegsende eingestellt, über den Unterschied zwischen deutscher und alliierter Propaganda: "Wir verteidigen uns brav. Wir veröffentlichen saubere Statistiken, wie gut unsre Schulen arbeiten und wie viel Kriegsanleihe wir gezeichnet haben – eine Zeichnung Raemaekers' wirft das alles um." 

An seinen Ruhm in den Kriegsjahren kann er nie mehr anknüpfen

Schon bald nach dem Krieg schwindet Raemaekers' Ruhm rapide; der Bedarf an Agitations- und Hassbildern ist vorbei. Dazu kommt, dass die extreme Übertreibung mancher Kriegsverbrechen in der Entente-Propaganda, denen teilweise durch offizielle staatliche Berichte wie den sogenannten Bryce-Report von 1915 Tatsachencharakter gegeben worden war, mit einiger Verspätung nach hinten losgeht. Ende der 1920er-Jahre weisen mehrere Veröffentlichungen nach, dass viele der im Bryce-Report zitierten Gräueltaten reine Erfindung waren – weswegen nach 1939 viele Briten und Amerikaner lange auch die Berichte über Gräueltaten der Nazis für reine Erfindungen halten. 

Raemaekers jedenfalls konnte bis zu seinem Tod 1956 an seine früheren Erfolge nie mehr anknüpfen, geriet zuletzt selbst in den Niederlanden in Vergessenheit. Im Zuge der Veranstaltungen zum hundertsten Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs wurde er nun wieder etwas aus der Versenkung geholt. Nach zwei Ausstellungen in den Niederlanden und der Veröffentlichung eines prachtvollen Bandes zu Werk und Biografie widmet sich nun erstmals auch eine deutsche Ausstellung in Münster dem Zeichner, über den die "New York Times" 1956 in einem Nachruf schrieb: "Man sagte von Raemaekers, dass er die einzige Privatperson sei, die einen realen und bedeutenden Einfluss auf den Verlauf des Ersten Weltkriegs ausgeübt habe."

 

Ausstellungen zu Louis Raemaekers: 

"Louis Raemaekers: Mit Stift und Feder als Waffe", Haus der Niederlande, Alter Steinweg 6/7, 48143 Münster; noch bis 3. Mai 2015

"Ten strijde met potlood en pen. Louis Raemaekers", Limburgs Museum, Keulsepoort 5, 5911 BX Venlo, Niederlande; bis 3. Mai 2015 

Weitere Informationen: Stichting Louis Raemaekers


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

Kommentare

Schwabe, 16.04.2015 16:43
Ohne die Zustimmung der Zivilbevölkerung kein Krieg (im übrigen auch kein S 21) und deshalb wird - damals wie heute - von den Verantwortlichen und den Profiteuren manipuliert und gelogen was das Zeug hält um die Bevölkerung auf ihre Seite zu bekommen.
Für die Kriegserklärung der USA an Deutschland wurde die Lusitania absichtlich vor die Rohre deutscher U-Boote gelotst (über 120 Tote US-Zivilisten). Die Lusitania war ein Passagierdampfer zwischen New York und Liverpool der auf diesem Weg Waffen an die Kriegsgegner von Deutschland lieferte (was natürlich verschwiegen wurde). Den restlichen Meinungsumschwung in der Bevölkerung besorgen manipulative/einseitige Zeitungsartikel und Raemaekers Karrikaturen!
Ähnlichkeiten zu S 21 in der Vorgehensweise sind nicht zufällig - friedvoll geht anders (damals und heute). Aus der Geschichte lernen? Fehlanzeige - eher bewährtes wiederbeleben!

Didi, 16.04.2015 01:48
Heidanei! Ist "FernDerHeimat" immer noch aktiv und schreibt hier den ersten Kommentar? Egal, wie blöd der auch sein mag!

FernDerHeimat, 15.04.2015 14:13
Der richtige Zeitpunkt an diesen Mann und sein "Werk" zu erinnern, wenn man sich die derzeitige Hetze gegen Russland anschaut.

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 316 / Störfaktor Eltern / Katharina G., 23.04.2017 13:16
Das schöne afrikanische Sprichwort "Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht" gilt leicht abgewandelt auch für unsere Kinder: "Kinder sind nicht besser gebildet, wenn man ihre Schulzeit verkürzt"! Und leider setzt sich dieser...

Ausgabe 316 / Ein schlafloses Jahr / Andreas Slemeyer, 23.04.2017 12:36
Lieber Fritz, vor 53 Jahen sind wir von Degerloch weggezogen, weil unmittelbar neben unserem Haus in der Schöttlestraße der B27-Tunnelausgang gebaut wurde. Nun wird Degerloch erneut untertunnelt mit fraglichem Erfolg, denn das...

Ausgabe 316 / Sein Name ist Hase / Illoinen, 23.04.2017 11:43
Ich habe so langsam den Eindruck, dass mit solchen Aussagen, man nur im Gespräch bleiben will. Denn ist der Ruf erst ruiniert, regiert es sich ungeniert. Ist doch wohl alles mehr oder weniger Wahlwerbung. Auch so bekommt man, kostenlos...

Ausgabe 316 / Ein schlafloses Jahr / Jupp, 23.04.2017 10:43
Wie lässt sich eigentlich erklären, dass sich durch die Sprengungen nur die Leute gestört fühlen, die schon vor Baustart S21-Gegner waren?

Ausgabe 316 / Pinguin und Erdoğan / Schwabe, 23.04.2017 10:09
zu "Kontext extra" - "AfD: Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen". Die Aussage "...Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen" passt auch wunderbar auf die anderen bürgerlich neoliberalen Einheitsbreiparteien CDU/CSU, SPD,...

Ausgabe 315 / Luftholen unmöglich / Barolo, 22.04.2017 20:31
Auch wenn der Kaufmann auf meiner persönlichen Liste der Lieblingsfeinde ziemlich weit oben steht, aber die Kastration mancher Strassen wie die Waiblingerstrasse in Cannstatt ist ein Schildbürgerstreich ohne gleichen. Aber der Kaufmann...

Ausgabe 316 / Ein schlafloses Jahr / Barolo, 22.04.2017 19:58
Nicht auszudenken wenn die betroffenen Bürger ihre Restbestände an Pfennigkracher (habe extra nach dem PC Begriff suchen müssen;-) nehmen und die Verantwortlichen damit auch mal um den Schlaf bringen.

Ausgabe 316 / Störfaktor Eltern / Kornelia, 22.04.2017 18:37
@Henkel-Waidhofer Störfaktor Eltern! Störfall! Ausfall! Aussortieren?! Kopfschüttel Kinder, Eltern und Lehrer bilden eine hochsensible Triade, drum herum hat Staat und Gesellschaft einen Sicherheitskonkon zu schaffen! 'der...

Ausgabe 316 / Störfaktor Eltern / Kornelia, 22.04.2017 17:25
@Ruby Tuesday "Mit menschlicher Bildung hat dieses System doch längst nichts mehr zu tun." Stimmt genau! Auch dazu hätte ich gern etwas in den Verantwortungsetagen der "marche of science" gehört! Wie viele andere Innovationen des...

Ausgabe 160 / Brücke nach rechts / Klaus Abt, 22.04.2017 13:39
Interessanter Artikel, viele Behauptungen, wenig Substanz, Voreingenommenheit zieht sich wie ein roter Faden von vorn bis hinten durch den Text. Würde etwas Ähnliches aus einem anderen Milieu stammen, würde der Autor es aus den eben...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!