KONTEXT Extra:
Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Guido Wolf. Bei Klick aufs Bild startet die Fotostrecke. Fotos: Joachim E. Röttgers

Guido Wolf. Bei Klick aufs Bild startet die Fotostrecke. Fotos: Joachim E. Röttgers

Die familiären Hoffnungen liegen auf dem oberschwäbischen Spross. Wird er die Stufen zur Basilika Weingarten einmal als Pfarrer erklimmen, als Papst gar? Oder bloß als MP?

Die familiären Hoffnungen liegen auf dem oberschwäbischen Spross. Wird er die Stufen zur Basilika Weingarten einmal als Pfarrer erklimmen, als Papst gar? Oder bloß als MP?

Weingartener Wegweiser. Verflechten sich Politik und Wirtschaft, spricht man dort von "Blutwurst".

Weingartener Wegweiser. Verflechten sich Politik und Wirtschaft, spricht man dort von "Blutwurst".

Zum Oberbürgermeister von Weingarten hat es 1992 nicht gereicht.

Zum Oberbürgermeister von Weingarten hat es 1992 nicht gereicht.

Wolfs Frau Barbara reüssiert als Geschäftsfrau im benachbarten Ravensburg. Dort eröffnet sie 2004 ...

Wolfs Frau Barbara reüssiert als Geschäftsfrau im benachbarten Ravensburg. Dort eröffnet sie 2004 ...

... den Laden "Tafelblatt". Dort steht sie heute am Tresen, bindet Sträuße und will nichts sagen. Weder zu ihrem Mann noch zu ihrer Ehe, noch zur Politik.

... den Laden "Tafelblatt". Dort steht sie heute am Tresen, bindet Sträuße und will nichts sagen. Weder zu ihrem Mann noch zu ihrer Ehe, noch zur Politik.

Auf Wahlkampftour durchs Ländle. Guido – mobil?

Auf Wahlkampftour durchs Ländle. Guido – mobil?

Mit seinem Team macht Wolf am 29. Februar Station ...

Mit seinem Team macht Wolf am 29. Februar Station ...

... mit dem früheren Stuttgarter OB Wolfgang Schuster beim Siedlungsbau Nürtingen ...

... mit dem früheren Stuttgarter OB Wolfgang Schuster beim Siedlungsbau Nürtingen ...

... und beim Spielen.

... und beim Spielen.

Ausgabe 257
Politik

Papst oder Ministerpräsident

Von Susanne Stiefel
Datum: 02.03.2016
Joggeli, der Ziegenbock. Walesco, der Wallach. So manche Vorliebe von Guido Wolf (54) ist schon bekannt. Aber was steckt sonst noch hinter der Brille des Herausforderers? Kontext hat sich auf die Spuren eines Menschen begeben, der Ministerpräsident werden will.

In Weingarten kennt man ihn von klein auf. Hier, im Schatten der Basilika, die wie eine Glucke über der Stadt thront, schätzt man jeden, der die Heilig-Blut-Reliquie verehrt und im Fasching mächtig auf die Pauke haut. Hier im Oberschwäbischen, wo die Politik traditionell schwarz und Nichtkatholiken als "wiaschdgläubig" gelten, ist Guido Wolf aufgewachsen. Katholische Jugend, dort später Chorleiter. Wenig verwunderlich, schließlich war Hausmusik im Hause Wolf groß geschrieben und der Knabe an der Trommel gefordert. In den Tiefen des SWR-Archivs soll noch eine Aufnahme der fünfköpfigen Familiencombo aus Weingarten schlummern.

Mutter Luitgard, musikalisch, ehrgeizig und gottesfürchtig, hat auch die Umwidmung des häuslichen Dachbodens wohlwollend geduldet, wo Bruder Konrad und Guido Kerzen und einen Altar aufbauten und lateinische Messen lasen. Die prächtigen Gewänder der Buben hat eine Tante geschneidert, der Mutter war's recht. Der erste Sohn ein Pfarrer, das hat in Oberschwaben Tradition, und wer weiß, womöglich reicht's zum Papst? Bis zu ihrem Tod hatte Luitgart Wolf, die Tochter des Politikers und ersten Landwirtschaftsministers Franz Weiß, hochfliegende Pläne für ihren Nachwuchs. Doch Sohn Konrad ist lieber Arzt geworden, Schwester Margret Journalistin bei der "Schwäbischen Zeitung", beide sind in Weingarten geblieben. Nun ruhten die familiären Hoffnungen auf dem Jüngsten, der zwar nicht als der Schlaueste im Bunde galt, aber als der Zielstrebigste. Wenn schon nicht Papst, dann wenigstens Ministerpräsident.

Lebensnah in Bild und Ton? Wolf und sein Team drei Wochen vor der Wahl.
Lebensnah in Bild und Ton? Wolf und sein Team drei Wochen vor der Wahl.

Der Weg dahin wie üblich, wenn einer in Baden-Württemberg politisch etwas werden wollte: Studium der Rechtswissenschaft, Richter in Sigmaringen, Bürgermeister in Nürtingen, wo ihm der Alt-OB sagte, wohin der Hase rennt. Am Ende habe Wolf meistens das getan, "was ich im vorgeschlagen habe", tat Alfred Bachofer jüngst kund. Danach Landrat in Tuttlingen, Landtagsabgeordneter, Landtagspräsident, Spitzenkandidat: Es ging schnell aufwärts mit dem Mann, der bis dahin vor allem auf der kommunalen Ebene Erfahrungen gesammelt hatte. Seinen Großvater Franz Weiß hat er dabei nie ins Spiel gebracht. Der hat am Ahlener Programm der CDU mitgeschrieben, das heute wohl als linksradikal gelten würde.

Herbe Niederlage bei der OB-Wahl in Wolfs Heimatstadt Weingarten

"Der kann des, der kommt aus einer christlichen Familie", sagt Jürgen Hohl. Der 72-Jährige mit dem markanten Schnauzer ist nicht nur Chef über 5000 Exponate im Weingartener Klostermuseum und spezialisiert auf Marienfiguren. Als Vorsitzender des Fasnetvereins Mostclub schätzt er auch die "geschliffenen Reime", wenn der Hobbydichter seiner Heimatstadt die Aufwartung macht. Und wer seit vielen Jahren beim Blutritt dabei ist, kann kein schlechter Mensch sein. Jürgen Hohl, gläubig, schwul, der bunte Vogel aus Weingarten, früher geächtet, heute geachtet, nippt inmitten seiner Heiligenfiguren an seinem Cappuccino. Er würde dem Guido auch den Papst zutrauen.

"Der kann des, der kommt aus einer christlichen Familie", meint der Chef des Weingartener Klostermuseums.
"Der kann des, der kommt aus einer christlichen Familie", meint der Chef des Weingartener Klostermuseums.

Das sehen nicht alle so. Zum Oberbürgermeister von Weingarten hat es 1992 nicht gereicht. Dabei hat der 31-Jährige als Erster den Finger gestreckt, sein Wahlprospekt hatte das üppige Format eines Schulhefts und war größer als alle anderen. Doch manchen kam der junge Kerl, der da vor dem verstaubten Bücherregal stand, unecht vor. Andere zählten ihn zur "Blutwurst", womit man in Weingarten die Verflechtung von Politik und Wirtschaft meint. Schwiegervater Robert Roth, ein erfolgreicher Gärtner, saß im Gemeinderat. Der Schwiegerpapa trete zurück, "wenn ich OB werde", beteuerte der Kandidat in seinen Veranstaltungen. Geholfen hat es nicht. Guido Wolf kam im ersten Wahlgang nur auf Platz drei, selbst im Wahlkreis seines elterlichen Hauses, rund um den Sechserplatz, reichte es nicht für die Stimmenmehrheit. Irgendwie haben sie ihm nicht über den Weg getraut.

Das muss den Mann, der sich zu Großem berufen fühlt, geschmerzt haben. Machtinstinkt und eine schnelle Auffassungsgabe bescheinigt ihm einer, der Guido Wolf als Landrat in Tuttlingen erlebt hat. Undogmatisch war er, einer, der gut mit den Bürgermeistern der Region konnte. Aber auch einer, der auf jeden Zug springt, der ihn nach oben bringt, mit einem sicheren Gespür für die Gunst der Stunde. Politische Positionen, ideologischer Streit, Kampf um Inhalte – davon berichtet niemand. Lieber schwärmt Wolf von dem Wallach Walesco, 27, der sich mit leichtem Fersendruck lenken lässt, und vom Ziegenbock Joggeli, den er vor dem Metzger gerettet hat.

Und so hat der Landtagsabgeordnete Wolf nach dem Amt des Landtagspräsidenten gegriffen, nach dem Fraktionsvorsitz, nach dem Spitzenkandidaten für die Landtagswahl. Wer nicht passte, wurde weggebissen. Allerdings soll auch noch ein anderer, günstiger Umstand geholfen haben: die Homestory über Thomas Strobl in der "Bunten". Mein Haus, meine Frau, mein Schwiegervater, der Finanzminister – das hat vielen Schwarzen gestunken, und da war er weg, Wolfs härtester Konkurrent.

Vom Streit um politische Positionen und Inhalte berichtet keiner

Von dem Mann, dem das Unvollendete ins Gesicht geschrieben steht, ist eine solche Geschichte nicht zu erwarten. Bei der Weingartener Wahl von 1992 war Wolf zwei Jahre verheiratet, Barbara Wolf fest an seiner Seite und voller Vertrauen in den Wahlsieg. Sie habe am Vortag der Wahl schon voreilig den Sekt eingekauft, um auf den Triumpf ihres Mannes anzustoßen, erzählt man sich in Weingarten mit einer gewissen Häme noch heute. "Die Weingartener wollten halt keine Blutwurst", sagt die SPD-Stadträtin Doris Spieß. Da halfen auch die guten Kontakte nach Stuttgart nicht, von wo der damalige Verkehrsminister Thomas Schäuble (CDU) zur Unterstützung herbeieilte. Der bitterlich Enttäuschte trat zum zweiten Wahlgang nicht mehr an.

Barbara Wolf, Geschäftsfrau und Guidos Gattin.
Barbara Wolf, Geschäftsfrau und Guidos Gattin.

Doch der politische Ehrgeiz blieb ungebrochen. Der führte ihn nach Stuttgart, Nürtingen und Tuttlingen. Und Barbara Wolf war immer seltener an seiner Seite.

Nun geht auch bei der CDU im Lande manches, was der Rest der Republik den konservativen Südländern nicht zutrauen würde. Der Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd ist bei der CDU und schwul, und auch EU-Kommissar Günther Oettinger lebte als Ministerpräsident eher in gschlamperten denn in geordneten Verhältnissen. Womöglich hätte keiner so genau hingeschaut, wenn Wolf nicht so ungeniert mit den familientreuen Gegnern des grün-roten Bildungsplans flirten würde. Die ziehen gegen Homosexualität und Gender-Mainstreaming zu Felde und kämpfen für die heile Familie. Damit kann Wolf nicht aufwarten. Keine Kinder, die es vor einem Sexkoffer zu schützen gäbe, die Frau unsichtbar, nur dazugeholt, wenn es unbedingt nötig ist, für Fotografen und Kameras. Ihr Wohnsitz in Ravensburg, seiner in Tuttlingen – wie passt das zum propagierten Familienbild?

Die Frau an seiner Seite wurde immer unsichtbarer

Besuch in Ravensburg, drei Kilometer von Weingarten entfernt. Hier verkauft Barbara Wolf Lebensgefühl in einem Event-Deko-Laden namens Tafelblatt. Draußen Frühlingsblumen auf bunten Stühlen, drinnen Latte-macchiato-Ravensburger, die im Bistro ihren Kaffee schlürfen, um dann tiefer in den Laden zu schlendern, vorbei am Eichentisch für schlappe 2000 Euro, dem Vintage-Spiegel, den Vasen und Blumenarrangements. Lächelnd steht Frau Wolf am Tresen und bindet geschickt Sträuße. Graues Kleid, Felljäckchen, schwarze Stiefel, professionell freundlich, womöglich die nächste Landesmutter und doch so verschlossen, als gelte es, unanständige Angebote abzuwehren. Nein, sie möchte nichts sagen. Weder zu ihrem Mann noch zu ihrer Ehe oder gar zur Politik, "ich bin Geschäftsfrau".

Guido Wolf preist seine Frau als mittelständische Unternehmerin, die 15 Arbeitsplätze geschaffen habe. "Ich glaube, da muss ich ihn aufklären", sagt sie dann doch noch, "es sind genau 14." Vier Jahre hat sie bei Merz und Benzing in Stuttgart gelernt, 1991 die Meisterprüfung, 2004 den Laden, 2009 das Bistro aufgemacht. Ihre Schwägerin Margret Welsch darf in der "Schwäbischen Zeitung" zum Fünf-Jahr-Jubiläum schwärmen: "Ins Tafelblatt gehen ist ein bisschen wie in die Kirche gehen." Wenige Jahre später gab's noch den Gründerpreis der "Schwäbischen Zeitung".

Mit dem Wahlkampfbus auf Wackelkurs.
Mit dem Wahlkampfbus auf Wackelkurs.

"Von mir werden Sie nichts Schlechtes hören", sagt Hans Heinrich Ahlfeld schneidig. Der 72-Jährige ist heute im Wahlkampfteam von Guido Wolf und kennt ihn bestens als Landrat in Tuttlingen. Schließlich war der Bundeswehroffizier 17 Jahre lang ehrenamtlicher Bürgermeister in Hausen ob Verena, und das liegt nur wenige Kilometer von Tuttlingen entfernt. Ahlfeld ist ein eingefleischter Schwarzer, aber einer mit eigenem Kopf. "Als Deutsche mit unserer Geschichte und als Partei mit dem C im Namen wären wir gut beraten, Flüchtlingen zu helfen", betont er. Aber so weit gehen, den Wolf'schen Wackelkurs zwischen Merkel und Seehofer zu kritisieren, das will er dann doch nicht. Allerdings habe er sich klar auf die Seite der Kanzlerin gestellt.

Selbige hatte sich beim CDU-Parteitag in Karlsruhe, wo sie von Wolf mit einem Plüschtier überrascht worden ist, immerhin mit einem kleinen Trost bedankt. Sie werde Kretschmann seltener loben, hat sie dem Herausforderer versprochen.


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Kommentare

Pianoede, 07.03.2016 18:41
Das Dumme aber ist, dass er wahrscheinlich als Anführer der Verlierer einer "Deutschlandkoalition" als MP vorstehen wird. Grüne als stärkste Partei zusammen mit der AfD in der Opposition - und Kretsche als heimwerkender (Polit-)Rentner

leo loewe, 06.03.2016 17:46
Eigentlich ist Guido Wolf ja auch der Kandidat der "beleidigten Leberwürste" in der baden-württembergischen CDU ... -- Das sind diejenigen, die nach der verlorenen Wahl 2011 zunächst nicht mal mehr wußten, wie Opposition geht und die darum schnellstmöglich wieder zurück in Regierungsämter wollten (für den Fall, dass es die Roten mit den Grünen nicht länger ausgehalten hätten).

Möglicherweise könnte sich für die CDU-Landtagsfraktion nach dem 13. März doch die Chance bieten, sich noch etwas gründlicher in die Oppositionsrolle einzuarbeiten ...

# leo loewe

UJ, 05.03.2016 22:06
@Fritz
Was sollte an einem Besenstiel denn auch schlecht sein?Ein Besenstiel ist genügsam, schwätzt net so viel unnützes Zeugs daher und sorgt in der Regel für keine Skandale. Man muss sich seiner nicht schämen. Und kostengünstig ist er auch noch. Tja. Hätte die Union mal auf die Allgäuer gehört...

Insider, 03.03.2016 13:58
HIer ein Bericht, der sich mit Teilen der obigen Ausführungen deckt.
http://neuebürgerzeitung.de/2014/11/06/sie-werden-ihr-blaues-wunder-erleben/

Fritz, 03.03.2016 08:49
Spielt's bei dieser Wahl eigentlich eine Rolle, wer denn nun den ersten Listenplatz einnimmt?

Die Allgäuer meinten zu dem Thema einmal hintersinnig, es würde selbst ein Besenstiel gewählt werden, solange er nur von der CDU aufgestellt worden wäre.

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