KONTEXT Extra:
Mit klassischer Musik gegen Kampfdrohnen

Mit Cello und Bratsche rücken 80 MusikerInnnen vor der US-Kommandozentrale in Stuttgart-Möhringen an. Am kommenden Montag, 29. 8., 10 Uhr, wollen sie dem "Drohnenmord den Schlussakkord" setzen. Sie sammeln sich seit 30 Jahren unter dem Namen "Lebenslaute" und finden sich überall dort ein, wo sie Menschen bedroht sehen: auf Militärübungsplätzen, Abschiebeflughäfen, vor Atomkraftwerken und Raketendepots. Ihr Konzert ist verbunden mit einer Demonstration, bei der die Organisatoren von "Ohne Rüstung Leben" 13 000 Unterschriften an einen Vertreter von Africom und Eucom übergeben wollen. Sie fordern die Schließung der Kommandozentralen. Mit der "stillschweigenden Duldung" von Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) werde hier der Einsatz von tödlichen Kampfdrohnen koordiniert, schreibt das Bündnis. (26. 8.)


Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


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Guido Wolf. Bei Klick aufs Bild startet die Fotostrecke. Fotos: Joachim E. Röttgers

Guido Wolf. Bei Klick aufs Bild startet die Fotostrecke. Fotos: Joachim E. Röttgers

Die familiären Hoffnungen liegen auf dem oberschwäbischen Spross. Wird er die Stufen zur Basilika Weingarten einmal als Pfarrer erklimmen, als Papst gar? Oder bloß als MP?

Die familiären Hoffnungen liegen auf dem oberschwäbischen Spross. Wird er die Stufen zur Basilika Weingarten einmal als Pfarrer erklimmen, als Papst gar? Oder bloß als MP?

Weingartener Wegweiser. Verflechten sich Politik und Wirtschaft, spricht man dort von "Blutwurst".

Weingartener Wegweiser. Verflechten sich Politik und Wirtschaft, spricht man dort von "Blutwurst".

Zum Oberbürgermeister von Weingarten hat es 1992 nicht gereicht.

Zum Oberbürgermeister von Weingarten hat es 1992 nicht gereicht.

Wolfs Frau Barbara reüssiert als Geschäftsfrau im benachbarten Ravensburg. Dort eröffnet sie 2004 ...

Wolfs Frau Barbara reüssiert als Geschäftsfrau im benachbarten Ravensburg. Dort eröffnet sie 2004 ...

... den Laden "Tafelblatt". Dort steht sie heute am Tresen, bindet Sträuße und will nichts sagen. Weder zu ihrem Mann noch zu ihrer Ehe, noch zur Politik.

... den Laden "Tafelblatt". Dort steht sie heute am Tresen, bindet Sträuße und will nichts sagen. Weder zu ihrem Mann noch zu ihrer Ehe, noch zur Politik.

Auf Wahlkampftour durchs Ländle. Guido – mobil?

Auf Wahlkampftour durchs Ländle. Guido – mobil?

Mit seinem Team macht Wolf am 29. Februar Station ...

Mit seinem Team macht Wolf am 29. Februar Station ...

... mit dem früheren Stuttgarter OB Wolfgang Schuster beim Siedlungsbau Nürtingen ...

... mit dem früheren Stuttgarter OB Wolfgang Schuster beim Siedlungsbau Nürtingen ...

... und beim Spielen.

... und beim Spielen.

Ausgabe 257
Politik

Papst oder Ministerpräsident

Von Susanne Stiefel
Datum: 02.03.2016
Joggeli, der Ziegenbock. Walesco, der Wallach. So manche Vorliebe von Guido Wolf (54) ist schon bekannt. Aber was steckt sonst noch hinter der Brille des Herausforderers? Kontext hat sich auf die Spuren eines Menschen begeben, der Ministerpräsident werden will.

In Weingarten kennt man ihn von klein auf. Hier, im Schatten der Basilika, die wie eine Glucke über der Stadt thront, schätzt man jeden, der die Heilig-Blut-Reliquie verehrt und im Fasching mächtig auf die Pauke haut. Hier im Oberschwäbischen, wo die Politik traditionell schwarz und Nichtkatholiken als "wiaschdgläubig" gelten, ist Guido Wolf aufgewachsen. Katholische Jugend, dort später Chorleiter. Wenig verwunderlich, schließlich war Hausmusik im Hause Wolf groß geschrieben und der Knabe an der Trommel gefordert. In den Tiefen des SWR-Archivs soll noch eine Aufnahme der fünfköpfigen Familiencombo aus Weingarten schlummern.

Mutter Luitgard, musikalisch, ehrgeizig und gottesfürchtig, hat auch die Umwidmung des häuslichen Dachbodens wohlwollend geduldet, wo Bruder Konrad und Guido Kerzen und einen Altar aufbauten und lateinische Messen lasen. Die prächtigen Gewänder der Buben hat eine Tante geschneidert, der Mutter war's recht. Der erste Sohn ein Pfarrer, das hat in Oberschwaben Tradition, und wer weiß, womöglich reicht's zum Papst? Bis zu ihrem Tod hatte Luitgart Wolf, die Tochter des Politikers und ersten Landwirtschaftsministers Franz Weiß, hochfliegende Pläne für ihren Nachwuchs. Doch Sohn Konrad ist lieber Arzt geworden, Schwester Margret Journalistin bei der "Schwäbischen Zeitung", beide sind in Weingarten geblieben. Nun ruhten die familiären Hoffnungen auf dem Jüngsten, der zwar nicht als der Schlaueste im Bunde galt, aber als der Zielstrebigste. Wenn schon nicht Papst, dann wenigstens Ministerpräsident.

Lebensnah in Bild und Ton? Wolf und sein Team drei Wochen vor der Wahl.
Lebensnah in Bild und Ton? Wolf und sein Team drei Wochen vor der Wahl.

Der Weg dahin wie üblich, wenn einer in Baden-Württemberg politisch etwas werden wollte: Studium der Rechtswissenschaft, Richter in Sigmaringen, Bürgermeister in Nürtingen, wo ihm der Alt-OB sagte, wohin der Hase rennt. Am Ende habe Wolf meistens das getan, "was ich im vorgeschlagen habe", tat Alfred Bachofer jüngst kund. Danach Landrat in Tuttlingen, Landtagsabgeordneter, Landtagspräsident, Spitzenkandidat: Es ging schnell aufwärts mit dem Mann, der bis dahin vor allem auf der kommunalen Ebene Erfahrungen gesammelt hatte. Seinen Großvater Franz Weiß hat er dabei nie ins Spiel gebracht. Der hat am Ahlener Programm der CDU mitgeschrieben, das heute wohl als linksradikal gelten würde.

Herbe Niederlage bei der OB-Wahl in Wolfs Heimatstadt Weingarten

"Der kann des, der kommt aus einer christlichen Familie", sagt Jürgen Hohl. Der 72-Jährige mit dem markanten Schnauzer ist nicht nur Chef über 5000 Exponate im Weingartener Klostermuseum und spezialisiert auf Marienfiguren. Als Vorsitzender des Fasnetvereins Mostclub schätzt er auch die "geschliffenen Reime", wenn der Hobbydichter seiner Heimatstadt die Aufwartung macht. Und wer seit vielen Jahren beim Blutritt dabei ist, kann kein schlechter Mensch sein. Jürgen Hohl, gläubig, schwul, der bunte Vogel aus Weingarten, früher geächtet, heute geachtet, nippt inmitten seiner Heiligenfiguren an seinem Cappuccino. Er würde dem Guido auch den Papst zutrauen.

"Der kann des, der kommt aus einer christlichen Familie", meint der Chef des Weingartener Klostermuseums.
"Der kann des, der kommt aus einer christlichen Familie", meint der Chef des Weingartener Klostermuseums.

Das sehen nicht alle so. Zum Oberbürgermeister von Weingarten hat es 1992 nicht gereicht. Dabei hat der 31-Jährige als Erster den Finger gestreckt, sein Wahlprospekt hatte das üppige Format eines Schulhefts und war größer als alle anderen. Doch manchen kam der junge Kerl, der da vor dem verstaubten Bücherregal stand, unecht vor. Andere zählten ihn zur "Blutwurst", womit man in Weingarten die Verflechtung von Politik und Wirtschaft meint. Schwiegervater Robert Roth, ein erfolgreicher Gärtner, saß im Gemeinderat. Der Schwiegerpapa trete zurück, "wenn ich OB werde", beteuerte der Kandidat in seinen Veranstaltungen. Geholfen hat es nicht. Guido Wolf kam im ersten Wahlgang nur auf Platz drei, selbst im Wahlkreis seines elterlichen Hauses, rund um den Sechserplatz, reichte es nicht für die Stimmenmehrheit. Irgendwie haben sie ihm nicht über den Weg getraut.

Das muss den Mann, der sich zu Großem berufen fühlt, geschmerzt haben. Machtinstinkt und eine schnelle Auffassungsgabe bescheinigt ihm einer, der Guido Wolf als Landrat in Tuttlingen erlebt hat. Undogmatisch war er, einer, der gut mit den Bürgermeistern der Region konnte. Aber auch einer, der auf jeden Zug springt, der ihn nach oben bringt, mit einem sicheren Gespür für die Gunst der Stunde. Politische Positionen, ideologischer Streit, Kampf um Inhalte – davon berichtet niemand. Lieber schwärmt Wolf von dem Wallach Walesco, 27, der sich mit leichtem Fersendruck lenken lässt, und vom Ziegenbock Joggeli, den er vor dem Metzger gerettet hat.

Und so hat der Landtagsabgeordnete Wolf nach dem Amt des Landtagspräsidenten gegriffen, nach dem Fraktionsvorsitz, nach dem Spitzenkandidaten für die Landtagswahl. Wer nicht passte, wurde weggebissen. Allerdings soll auch noch ein anderer, günstiger Umstand geholfen haben: die Homestory über Thomas Strobl in der "Bunten". Mein Haus, meine Frau, mein Schwiegervater, der Finanzminister – das hat vielen Schwarzen gestunken, und da war er weg, Wolfs härtester Konkurrent.

Vom Streit um politische Positionen und Inhalte berichtet keiner

Von dem Mann, dem das Unvollendete ins Gesicht geschrieben steht, ist eine solche Geschichte nicht zu erwarten. Bei der Weingartener Wahl von 1992 war Wolf zwei Jahre verheiratet, Barbara Wolf fest an seiner Seite und voller Vertrauen in den Wahlsieg. Sie habe am Vortag der Wahl schon voreilig den Sekt eingekauft, um auf den Triumpf ihres Mannes anzustoßen, erzählt man sich in Weingarten mit einer gewissen Häme noch heute. "Die Weingartener wollten halt keine Blutwurst", sagt die SPD-Stadträtin Doris Spieß. Da halfen auch die guten Kontakte nach Stuttgart nicht, von wo der damalige Verkehrsminister Thomas Schäuble (CDU) zur Unterstützung herbeieilte. Der bitterlich Enttäuschte trat zum zweiten Wahlgang nicht mehr an.

Barbara Wolf, Geschäftsfrau und Guidos Gattin.
Barbara Wolf, Geschäftsfrau und Guidos Gattin.

Doch der politische Ehrgeiz blieb ungebrochen. Der führte ihn nach Stuttgart, Nürtingen und Tuttlingen. Und Barbara Wolf war immer seltener an seiner Seite.

Nun geht auch bei der CDU im Lande manches, was der Rest der Republik den konservativen Südländern nicht zutrauen würde. Der Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd ist bei der CDU und schwul, und auch EU-Kommissar Günther Oettinger lebte als Ministerpräsident eher in gschlamperten denn in geordneten Verhältnissen. Womöglich hätte keiner so genau hingeschaut, wenn Wolf nicht so ungeniert mit den familientreuen Gegnern des grün-roten Bildungsplans flirten würde. Die ziehen gegen Homosexualität und Gender-Mainstreaming zu Felde und kämpfen für die heile Familie. Damit kann Wolf nicht aufwarten. Keine Kinder, die es vor einem Sexkoffer zu schützen gäbe, die Frau unsichtbar, nur dazugeholt, wenn es unbedingt nötig ist, für Fotografen und Kameras. Ihr Wohnsitz in Ravensburg, seiner in Tuttlingen – wie passt das zum propagierten Familienbild?

Die Frau an seiner Seite wurde immer unsichtbarer

Besuch in Ravensburg, drei Kilometer von Weingarten entfernt. Hier verkauft Barbara Wolf Lebensgefühl in einem Event-Deko-Laden namens Tafelblatt. Draußen Frühlingsblumen auf bunten Stühlen, drinnen Latte-macchiato-Ravensburger, die im Bistro ihren Kaffee schlürfen, um dann tiefer in den Laden zu schlendern, vorbei am Eichentisch für schlappe 2000 Euro, dem Vintage-Spiegel, den Vasen und Blumenarrangements. Lächelnd steht Frau Wolf am Tresen und bindet geschickt Sträuße. Graues Kleid, Felljäckchen, schwarze Stiefel, professionell freundlich, womöglich die nächste Landesmutter und doch so verschlossen, als gelte es, unanständige Angebote abzuwehren. Nein, sie möchte nichts sagen. Weder zu ihrem Mann noch zu ihrer Ehe oder gar zur Politik, "ich bin Geschäftsfrau".

Guido Wolf preist seine Frau als mittelständische Unternehmerin, die 15 Arbeitsplätze geschaffen habe. "Ich glaube, da muss ich ihn aufklären", sagt sie dann doch noch, "es sind genau 14." Vier Jahre hat sie bei Merz und Benzing in Stuttgart gelernt, 1991 die Meisterprüfung, 2004 den Laden, 2009 das Bistro aufgemacht. Ihre Schwägerin Margret Welsch darf in der "Schwäbischen Zeitung" zum Fünf-Jahr-Jubiläum schwärmen: "Ins Tafelblatt gehen ist ein bisschen wie in die Kirche gehen." Wenige Jahre später gab's noch den Gründerpreis der "Schwäbischen Zeitung".

Mit dem Wahlkampfbus auf Wackelkurs.
Mit dem Wahlkampfbus auf Wackelkurs.

"Von mir werden Sie nichts Schlechtes hören", sagt Hans Heinrich Ahlfeld schneidig. Der 72-Jährige ist heute im Wahlkampfteam von Guido Wolf und kennt ihn bestens als Landrat in Tuttlingen. Schließlich war der Bundeswehroffizier 17 Jahre lang ehrenamtlicher Bürgermeister in Hausen ob Verena, und das liegt nur wenige Kilometer von Tuttlingen entfernt. Ahlfeld ist ein eingefleischter Schwarzer, aber einer mit eigenem Kopf. "Als Deutsche mit unserer Geschichte und als Partei mit dem C im Namen wären wir gut beraten, Flüchtlingen zu helfen", betont er. Aber so weit gehen, den Wolf'schen Wackelkurs zwischen Merkel und Seehofer zu kritisieren, das will er dann doch nicht. Allerdings habe er sich klar auf die Seite der Kanzlerin gestellt.

Selbige hatte sich beim CDU-Parteitag in Karlsruhe, wo sie von Wolf mit einem Plüschtier überrascht worden ist, immerhin mit einem kleinen Trost bedankt. Sie werde Kretschmann seltener loben, hat sie dem Herausforderer versprochen.


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Kommentare

Pianoede, 07.03.2016 18:41
Das Dumme aber ist, dass er wahrscheinlich als Anführer der Verlierer einer "Deutschlandkoalition" als MP vorstehen wird. Grüne als stärkste Partei zusammen mit der AfD in der Opposition - und Kretsche als heimwerkender (Polit-)Rentner

leo loewe, 06.03.2016 17:46
Eigentlich ist Guido Wolf ja auch der Kandidat der "beleidigten Leberwürste" in der baden-württembergischen CDU ... -- Das sind diejenigen, die nach der verlorenen Wahl 2011 zunächst nicht mal mehr wußten, wie Opposition geht und die darum schnellstmöglich wieder zurück in Regierungsämter wollten (für den Fall, dass es die Roten mit den Grünen nicht länger ausgehalten hätten).

Möglicherweise könnte sich für die CDU-Landtagsfraktion nach dem 13. März doch die Chance bieten, sich noch etwas gründlicher in die Oppositionsrolle einzuarbeiten ...

# leo loewe

UJ, 05.03.2016 22:06
@Fritz
Was sollte an einem Besenstiel denn auch schlecht sein?Ein Besenstiel ist genügsam, schwätzt net so viel unnützes Zeugs daher und sorgt in der Regel für keine Skandale. Man muss sich seiner nicht schämen. Und kostengünstig ist er auch noch. Tja. Hätte die Union mal auf die Allgäuer gehört...

Insider, 03.03.2016 13:58
HIer ein Bericht, der sich mit Teilen der obigen Ausführungen deckt.
http://neuebürgerzeitung.de/2014/11/06/sie-werden-ihr-blaues-wunder-erleben/

Fritz, 03.03.2016 08:49
Spielt's bei dieser Wahl eigentlich eine Rolle, wer denn nun den ersten Listenplatz einnimmt?

Die Allgäuer meinten zu dem Thema einmal hintersinnig, es würde selbst ein Besenstiel gewählt werden, solange er nur von der CDU aufgestellt worden wäre.

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