KONTEXT Extra:
NSU: Unterstützerumfeld nicht ausermittelt

Die NSU-Expertin im Landeskriminalamt Sabine Rieger hat dem zweiten parlamentarischen Untersuchungsausschuss empfohlen, weitere Zeugen zu den Verbindungen von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nach Baden-Württemberg zu vernehmen. Denn: Sie hält nicht für plausibel, dass die Kontakte 2001 tatsächlich abrupt abrissen – bis dahin sind rund 30 Besuche des Trios belegt – und dementsprechend die Arbeit nicht für "hundertprozentig abgeschlossen". Sie könne sich nicht vorstellen, dass es über 2001 hinaus "keinen gab, der zumindest Ansprechpartner war", sagte die Kriminalhauptkommissarin in der siebten Sitzung am Freitag im Landtag. Rieger nannte dem Ausschussvorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) verschiedene Namen von Zeugen, die möglicherweise ihrerseits Kontakt zu Kontaktpersonen gehabt haben könnten. Ein starkes Indiz dafür, dass der NSU immer weiter Verbindungen nach Baden-Württemberg pflegte, ist der Stadtplan von Ludwigsburg, der nach dem Auffliegen im November 2011 im Brandschutt von Zwickau gefunden wurde. Der stammt auf dem Jahr 2009.

Bekannt wurde inzwischen auch, dass die drei Rechtsterroristen vor ihrem Abtauchen 1998 von Thüringer Behörden abgehört wurden. Nach Angaben Drexlers ist allerdings ungeklärt, ob die entsprechenden Protokolle noch vorhanden sind. Der Ausschuss will dem nachgehen, weil darin ebenfalls Kontakte, etwa nach Ludwigsburg oder nach Heilbronn, belegt sein könnten. (24.2.2017)

Weitere Ausschuss-Termine: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni, 17. Juli 2017. 


Abschiebung nach Afghanistan: Strobls "katastrophale Pannen"

Immerhin eines ist geklärt: was CDU-Innenminister Thomas Strobl unter dem "konsequenten Vollzug von Recht und Gesetz" versteht. Nach einer Einzelfallprüfung durch sein Haus sollten am Mittwochabend ein psychisch kranker Mann, der per Gerichtsbeschluss schon einmal von der baden-württembergischen Abschiebe-Liste geholt wurde, und ein afghanisch-türkischer Familienvater aus München nach Kabul reisen müssen. Abermals griffen Gerichte ein. Der grüne Koalitionspartner tobt, von "katastrophalen Pannen" ist die Rede und davon, dass der CDU-Landeschef alle Absprachen gebrochen hat. Sogar Ministerpräsident Winfried Kretschmann knöpfte sich den Stellvertreter vor. Und die baden-württembergischen Jusos sprechen von einem "Spiel mit dem Leben der Betroffenen". Dass wieder Gerichte "eingreifen müssen, um diesem Irrsinn ein Ende zu setzten, zeigt, wie leichtfertig mit dem Schicksal einzelner Menschen umgegangen wird". Die Landesregierung habe den Spielraum, "das zu stoppen, und muss diesen endlich nutzen".

Bisher wollte sich Kretschmann dem vorübergehenden Abschiebestopp nach Afghanistan, den andere grün-mitregierte Länder bereits umsetzen, allerdings nicht anschließen. Der Druck auf ihn steigt aber weiter, nachdem am Mittwoch auch ein Mann abgeschoben wurde, der seit Jahren einen Arbeitsplatz in Baden-Württemberg hatte. Außerdem ist Strobl weiter uneinsichtig und will die Aufregung beim Koalitionspartner, bei den Jusos, den Flüchtlingsorganisationen und vielen Unterstützern vor Ort nicht verstehen. Stattdessen sieht er in einer Aussetzung von Abschiebungen eine "Aushöhlung des Rechtsstaats". Er könne nicht nachvollziehen, sagt der Merkel-Vize, dass es Länder gibt, die sich "systematisch weigern", geltendes Recht zu vollziehen: "Das sind Schläge gegen den Föderalismus."

Mehr zum Thema: "Späte Einsicht", "Kritik ist Lüge", "Der Hardliner", "Geisterfahrer unterwegs" https://www.kontextwochenzeitung.de/politik/300/der-hardliner-4100.html


Alles von vorne

Nicht alle bekommen eine zweite Chance, baden-württembergische Landtagsabgeordnete nehmen sie sich: Mit einem sogenannten Aufhebungsgesetz beginnen die Reparaturarbeiten nach dem bisher größten Aufreger der Legislaturperiode, der im Hau-Ruck-Verfahren beschlossenen knappen Verdoppelung der Pauschalen für Aufwand und Wahlkreis, sowie der Rückkehr zur staatlichen Altersversorgung. Die Grünen wollten alle Vorhaben gemeinsam auf den Prüfstand stellen, CDU und SPD setzten sich durch mit einer Expertenkommission, die allein die Rentenreform prüfen wird.

Zuerst allerdings muss Mitte März das entsprechende Gesetz endgültig aufgehoben werden. Danach werden die Experten, einschließlich jener vom Rechnungshof, benannt. Irgendwann im Herbst soll dann mit jener Transparenz, an der es im ersten Durchlauf bitter mangelte, über die Veränderungen, mit denen eine Anhebung der Alters- und Hinterbliebenenversorgung einhergeht, diskutiert werden. Eile haben die Abgeordneten keine, denn niemand will sich ausgerechnet in den Wochen vor der Bundestagswahl abermals Vorwürfen aussetzen, sich eine Luxuspension auf Staatskosten zu genehmigen. (22.2.2017)

Mehr zum Thema: "Raffkes mit Mandat"


Fahrverbote beschlossen – Nordost-Ring vom Tisch

Wie ein Gespenst geisterte seit Wochen ein vor fast 40 Jahren beerdigtes Verkehrsprojekt durch die Debatte um Feinstaubalarmtage und Fahrverbote in der Landeshauptstadt: der Nordost-Ring. Jetzt hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) allen Spekulationen eine Absage erteilt. Auch deswegen, weil die Baumaßnahme entgegen den Behauptungen von Teilen der CDU keineswegs bereits im Bundesverkehrswegeplan steht. "Dort geht es um neun Kilometer der B 29", so Hermann nach dem heutigen Kabinettsbeschluss zu Fahrverboten ab 1.1.2018 an Feinstaubtagen, den schlussendlich auch die CDU-Landtagsfraktion mittrug.

Prompt gab es Lob von Umwelt- und Naturschützern. Hermann habe erkannt, so die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, "wenn nicht zeitnah effiziente Maßnahmen greifen, so werden die Gerichte die Entscheidungen zum Schutze der Bürger*innen treffen und die Politik das Heft aus der Hand geben müssen". Die Stuttgarter CDU ist noch nicht ganz so weit. Für den Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann sind Fahrverbote weiterhin "politisch klar abzulehnen". Und er träumt von Nordost-Ring: Jetzt gelte es "endlich neue Verkehrsprojekte wie den Nord-Ost-Ring auf den Weg zu bringen". Hermann machte dagegen deutlich, dass das nach dem eben erst in Kraft gesetzten Bundesverkehrswegeplan gar nicht möglich ist. 

In den Sechzigern und Siebzigern waren zwei Varianten durchdacht worden: eine größere mit einem Autobahnzubringer bei Mundelsheim und eine kleinere etwa auf der Gemarkungsgrenze zwischen Waiblingen und Fellbach. Schon damals vertraten Verkehrswissenschaftler allerdings die Ansicht, dass ein Ringschluss rund um Stuttgaart weniger die Stadt, sondern die Autobahnen im Westen und Süden entlasten würde.


Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kirche ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


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Guido Wolf. Bei Klick aufs Bild startet die Fotostrecke. Fotos: Joachim E. Röttgers

Guido Wolf. Bei Klick aufs Bild startet die Fotostrecke. Fotos: Joachim E. Röttgers

Die familiären Hoffnungen liegen auf dem oberschwäbischen Spross. Wird er die Stufen zur Basilika Weingarten einmal als Pfarrer erklimmen, als Papst gar? Oder bloß als MP?

Die familiären Hoffnungen liegen auf dem oberschwäbischen Spross. Wird er die Stufen zur Basilika Weingarten einmal als Pfarrer erklimmen, als Papst gar? Oder bloß als MP?

Weingartener Wegweiser. Verflechten sich Politik und Wirtschaft, spricht man dort von "Blutwurst".

Weingartener Wegweiser. Verflechten sich Politik und Wirtschaft, spricht man dort von "Blutwurst".

Zum Oberbürgermeister von Weingarten hat es 1992 nicht gereicht.

Zum Oberbürgermeister von Weingarten hat es 1992 nicht gereicht.

Wolfs Frau Barbara reüssiert als Geschäftsfrau im benachbarten Ravensburg. Dort eröffnet sie 2004 ...

Wolfs Frau Barbara reüssiert als Geschäftsfrau im benachbarten Ravensburg. Dort eröffnet sie 2004 ...

... den Laden "Tafelblatt". Dort steht sie heute am Tresen, bindet Sträuße und will nichts sagen. Weder zu ihrem Mann noch zu ihrer Ehe, noch zur Politik.

... den Laden "Tafelblatt". Dort steht sie heute am Tresen, bindet Sträuße und will nichts sagen. Weder zu ihrem Mann noch zu ihrer Ehe, noch zur Politik.

Auf Wahlkampftour durchs Ländle. Guido – mobil?

Auf Wahlkampftour durchs Ländle. Guido – mobil?

Mit seinem Team macht Wolf am 29. Februar Station ...

Mit seinem Team macht Wolf am 29. Februar Station ...

... mit dem früheren Stuttgarter OB Wolfgang Schuster beim Siedlungsbau Nürtingen ...

... mit dem früheren Stuttgarter OB Wolfgang Schuster beim Siedlungsbau Nürtingen ...

... und beim Spielen.

... und beim Spielen.

Ausgabe 257
Politik

Papst oder Ministerpräsident

Von Susanne Stiefel
Datum: 02.03.2016
Joggeli, der Ziegenbock. Walesco, der Wallach. So manche Vorliebe von Guido Wolf (54) ist schon bekannt. Aber was steckt sonst noch hinter der Brille des Herausforderers? Kontext hat sich auf die Spuren eines Menschen begeben, der Ministerpräsident werden will.

In Weingarten kennt man ihn von klein auf. Hier, im Schatten der Basilika, die wie eine Glucke über der Stadt thront, schätzt man jeden, der die Heilig-Blut-Reliquie verehrt und im Fasching mächtig auf die Pauke haut. Hier im Oberschwäbischen, wo die Politik traditionell schwarz und Nichtkatholiken als "wiaschdgläubig" gelten, ist Guido Wolf aufgewachsen. Katholische Jugend, dort später Chorleiter. Wenig verwunderlich, schließlich war Hausmusik im Hause Wolf groß geschrieben und der Knabe an der Trommel gefordert. In den Tiefen des SWR-Archivs soll noch eine Aufnahme der fünfköpfigen Familiencombo aus Weingarten schlummern.

Mutter Luitgard, musikalisch, ehrgeizig und gottesfürchtig, hat auch die Umwidmung des häuslichen Dachbodens wohlwollend geduldet, wo Bruder Konrad und Guido Kerzen und einen Altar aufbauten und lateinische Messen lasen. Die prächtigen Gewänder der Buben hat eine Tante geschneidert, der Mutter war's recht. Der erste Sohn ein Pfarrer, das hat in Oberschwaben Tradition, und wer weiß, womöglich reicht's zum Papst? Bis zu ihrem Tod hatte Luitgart Wolf, die Tochter des Politikers und ersten Landwirtschaftsministers Franz Weiß, hochfliegende Pläne für ihren Nachwuchs. Doch Sohn Konrad ist lieber Arzt geworden, Schwester Margret Journalistin bei der "Schwäbischen Zeitung", beide sind in Weingarten geblieben. Nun ruhten die familiären Hoffnungen auf dem Jüngsten, der zwar nicht als der Schlaueste im Bunde galt, aber als der Zielstrebigste. Wenn schon nicht Papst, dann wenigstens Ministerpräsident.

Lebensnah in Bild und Ton? Wolf und sein Team drei Wochen vor der Wahl.
Lebensnah in Bild und Ton? Wolf und sein Team drei Wochen vor der Wahl.

Der Weg dahin wie üblich, wenn einer in Baden-Württemberg politisch etwas werden wollte: Studium der Rechtswissenschaft, Richter in Sigmaringen, Bürgermeister in Nürtingen, wo ihm der Alt-OB sagte, wohin der Hase rennt. Am Ende habe Wolf meistens das getan, "was ich im vorgeschlagen habe", tat Alfred Bachofer jüngst kund. Danach Landrat in Tuttlingen, Landtagsabgeordneter, Landtagspräsident, Spitzenkandidat: Es ging schnell aufwärts mit dem Mann, der bis dahin vor allem auf der kommunalen Ebene Erfahrungen gesammelt hatte. Seinen Großvater Franz Weiß hat er dabei nie ins Spiel gebracht. Der hat am Ahlener Programm der CDU mitgeschrieben, das heute wohl als linksradikal gelten würde.

Herbe Niederlage bei der OB-Wahl in Wolfs Heimatstadt Weingarten

"Der kann des, der kommt aus einer christlichen Familie", sagt Jürgen Hohl. Der 72-Jährige mit dem markanten Schnauzer ist nicht nur Chef über 5000 Exponate im Weingartener Klostermuseum und spezialisiert auf Marienfiguren. Als Vorsitzender des Fasnetvereins Mostclub schätzt er auch die "geschliffenen Reime", wenn der Hobbydichter seiner Heimatstadt die Aufwartung macht. Und wer seit vielen Jahren beim Blutritt dabei ist, kann kein schlechter Mensch sein. Jürgen Hohl, gläubig, schwul, der bunte Vogel aus Weingarten, früher geächtet, heute geachtet, nippt inmitten seiner Heiligenfiguren an seinem Cappuccino. Er würde dem Guido auch den Papst zutrauen.

"Der kann des, der kommt aus einer christlichen Familie", meint der Chef des Weingartener Klostermuseums.
"Der kann des, der kommt aus einer christlichen Familie", meint der Chef des Weingartener Klostermuseums.

Das sehen nicht alle so. Zum Oberbürgermeister von Weingarten hat es 1992 nicht gereicht. Dabei hat der 31-Jährige als Erster den Finger gestreckt, sein Wahlprospekt hatte das üppige Format eines Schulhefts und war größer als alle anderen. Doch manchen kam der junge Kerl, der da vor dem verstaubten Bücherregal stand, unecht vor. Andere zählten ihn zur "Blutwurst", womit man in Weingarten die Verflechtung von Politik und Wirtschaft meint. Schwiegervater Robert Roth, ein erfolgreicher Gärtner, saß im Gemeinderat. Der Schwiegerpapa trete zurück, "wenn ich OB werde", beteuerte der Kandidat in seinen Veranstaltungen. Geholfen hat es nicht. Guido Wolf kam im ersten Wahlgang nur auf Platz drei, selbst im Wahlkreis seines elterlichen Hauses, rund um den Sechserplatz, reichte es nicht für die Stimmenmehrheit. Irgendwie haben sie ihm nicht über den Weg getraut.

Das muss den Mann, der sich zu Großem berufen fühlt, geschmerzt haben. Machtinstinkt und eine schnelle Auffassungsgabe bescheinigt ihm einer, der Guido Wolf als Landrat in Tuttlingen erlebt hat. Undogmatisch war er, einer, der gut mit den Bürgermeistern der Region konnte. Aber auch einer, der auf jeden Zug springt, der ihn nach oben bringt, mit einem sicheren Gespür für die Gunst der Stunde. Politische Positionen, ideologischer Streit, Kampf um Inhalte – davon berichtet niemand. Lieber schwärmt Wolf von dem Wallach Walesco, 27, der sich mit leichtem Fersendruck lenken lässt, und vom Ziegenbock Joggeli, den er vor dem Metzger gerettet hat.

Und so hat der Landtagsabgeordnete Wolf nach dem Amt des Landtagspräsidenten gegriffen, nach dem Fraktionsvorsitz, nach dem Spitzenkandidaten für die Landtagswahl. Wer nicht passte, wurde weggebissen. Allerdings soll auch noch ein anderer, günstiger Umstand geholfen haben: die Homestory über Thomas Strobl in der "Bunten". Mein Haus, meine Frau, mein Schwiegervater, der Finanzminister – das hat vielen Schwarzen gestunken, und da war er weg, Wolfs härtester Konkurrent.

Vom Streit um politische Positionen und Inhalte berichtet keiner

Von dem Mann, dem das Unvollendete ins Gesicht geschrieben steht, ist eine solche Geschichte nicht zu erwarten. Bei der Weingartener Wahl von 1992 war Wolf zwei Jahre verheiratet, Barbara Wolf fest an seiner Seite und voller Vertrauen in den Wahlsieg. Sie habe am Vortag der Wahl schon voreilig den Sekt eingekauft, um auf den Triumpf ihres Mannes anzustoßen, erzählt man sich in Weingarten mit einer gewissen Häme noch heute. "Die Weingartener wollten halt keine Blutwurst", sagt die SPD-Stadträtin Doris Spieß. Da halfen auch die guten Kontakte nach Stuttgart nicht, von wo der damalige Verkehrsminister Thomas Schäuble (CDU) zur Unterstützung herbeieilte. Der bitterlich Enttäuschte trat zum zweiten Wahlgang nicht mehr an.

Barbara Wolf, Geschäftsfrau und Guidos Gattin.
Barbara Wolf, Geschäftsfrau und Guidos Gattin.

Doch der politische Ehrgeiz blieb ungebrochen. Der führte ihn nach Stuttgart, Nürtingen und Tuttlingen. Und Barbara Wolf war immer seltener an seiner Seite.

Nun geht auch bei der CDU im Lande manches, was der Rest der Republik den konservativen Südländern nicht zutrauen würde. Der Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd ist bei der CDU und schwul, und auch EU-Kommissar Günther Oettinger lebte als Ministerpräsident eher in gschlamperten denn in geordneten Verhältnissen. Womöglich hätte keiner so genau hingeschaut, wenn Wolf nicht so ungeniert mit den familientreuen Gegnern des grün-roten Bildungsplans flirten würde. Die ziehen gegen Homosexualität und Gender-Mainstreaming zu Felde und kämpfen für die heile Familie. Damit kann Wolf nicht aufwarten. Keine Kinder, die es vor einem Sexkoffer zu schützen gäbe, die Frau unsichtbar, nur dazugeholt, wenn es unbedingt nötig ist, für Fotografen und Kameras. Ihr Wohnsitz in Ravensburg, seiner in Tuttlingen – wie passt das zum propagierten Familienbild?

Die Frau an seiner Seite wurde immer unsichtbarer

Besuch in Ravensburg, drei Kilometer von Weingarten entfernt. Hier verkauft Barbara Wolf Lebensgefühl in einem Event-Deko-Laden namens Tafelblatt. Draußen Frühlingsblumen auf bunten Stühlen, drinnen Latte-macchiato-Ravensburger, die im Bistro ihren Kaffee schlürfen, um dann tiefer in den Laden zu schlendern, vorbei am Eichentisch für schlappe 2000 Euro, dem Vintage-Spiegel, den Vasen und Blumenarrangements. Lächelnd steht Frau Wolf am Tresen und bindet geschickt Sträuße. Graues Kleid, Felljäckchen, schwarze Stiefel, professionell freundlich, womöglich die nächste Landesmutter und doch so verschlossen, als gelte es, unanständige Angebote abzuwehren. Nein, sie möchte nichts sagen. Weder zu ihrem Mann noch zu ihrer Ehe oder gar zur Politik, "ich bin Geschäftsfrau".

Guido Wolf preist seine Frau als mittelständische Unternehmerin, die 15 Arbeitsplätze geschaffen habe. "Ich glaube, da muss ich ihn aufklären", sagt sie dann doch noch, "es sind genau 14." Vier Jahre hat sie bei Merz und Benzing in Stuttgart gelernt, 1991 die Meisterprüfung, 2004 den Laden, 2009 das Bistro aufgemacht. Ihre Schwägerin Margret Welsch darf in der "Schwäbischen Zeitung" zum Fünf-Jahr-Jubiläum schwärmen: "Ins Tafelblatt gehen ist ein bisschen wie in die Kirche gehen." Wenige Jahre später gab's noch den Gründerpreis der "Schwäbischen Zeitung".

Mit dem Wahlkampfbus auf Wackelkurs.
Mit dem Wahlkampfbus auf Wackelkurs.

"Von mir werden Sie nichts Schlechtes hören", sagt Hans Heinrich Ahlfeld schneidig. Der 72-Jährige ist heute im Wahlkampfteam von Guido Wolf und kennt ihn bestens als Landrat in Tuttlingen. Schließlich war der Bundeswehroffizier 17 Jahre lang ehrenamtlicher Bürgermeister in Hausen ob Verena, und das liegt nur wenige Kilometer von Tuttlingen entfernt. Ahlfeld ist ein eingefleischter Schwarzer, aber einer mit eigenem Kopf. "Als Deutsche mit unserer Geschichte und als Partei mit dem C im Namen wären wir gut beraten, Flüchtlingen zu helfen", betont er. Aber so weit gehen, den Wolf'schen Wackelkurs zwischen Merkel und Seehofer zu kritisieren, das will er dann doch nicht. Allerdings habe er sich klar auf die Seite der Kanzlerin gestellt.

Selbige hatte sich beim CDU-Parteitag in Karlsruhe, wo sie von Wolf mit einem Plüschtier überrascht worden ist, immerhin mit einem kleinen Trost bedankt. Sie werde Kretschmann seltener loben, hat sie dem Herausforderer versprochen.


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Kommentare

Pianoede, 07.03.2016 18:41
Das Dumme aber ist, dass er wahrscheinlich als Anführer der Verlierer einer "Deutschlandkoalition" als MP vorstehen wird. Grüne als stärkste Partei zusammen mit der AfD in der Opposition - und Kretsche als heimwerkender (Polit-)Rentner

leo loewe, 06.03.2016 17:46
Eigentlich ist Guido Wolf ja auch der Kandidat der "beleidigten Leberwürste" in der baden-württembergischen CDU ... -- Das sind diejenigen, die nach der verlorenen Wahl 2011 zunächst nicht mal mehr wußten, wie Opposition geht und die darum schnellstmöglich wieder zurück in Regierungsämter wollten (für den Fall, dass es die Roten mit den Grünen nicht länger ausgehalten hätten).

Möglicherweise könnte sich für die CDU-Landtagsfraktion nach dem 13. März doch die Chance bieten, sich noch etwas gründlicher in die Oppositionsrolle einzuarbeiten ...

# leo loewe

UJ, 05.03.2016 22:06
@Fritz
Was sollte an einem Besenstiel denn auch schlecht sein?Ein Besenstiel ist genügsam, schwätzt net so viel unnützes Zeugs daher und sorgt in der Regel für keine Skandale. Man muss sich seiner nicht schämen. Und kostengünstig ist er auch noch. Tja. Hätte die Union mal auf die Allgäuer gehört...

Insider, 03.03.2016 13:58
HIer ein Bericht, der sich mit Teilen der obigen Ausführungen deckt.
http://neuebürgerzeitung.de/2014/11/06/sie-werden-ihr-blaues-wunder-erleben/

Fritz, 03.03.2016 08:49
Spielt's bei dieser Wahl eigentlich eine Rolle, wer denn nun den ersten Listenplatz einnimmt?

Die Allgäuer meinten zu dem Thema einmal hintersinnig, es würde selbst ein Besenstiel gewählt werden, solange er nur von der CDU aufgestellt worden wäre.

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