KONTEXT Extra:
Satte 1,5 Prozent mehr für das schreibende Personal

Die JournalistInnen sitzen wieder an ihren Schreibtischen. Am Mittwoch (29. Juni) haben sich die Zeitungsverleger und die Gewerkschaften auf einen Abschluss geeinigt, der eine Gehalts- und Honorarerhöhung von 1, 5 Prozent rückwirkend zum 1. Juni vorsieht. Den nächsten Aufschlag um 1,6 Prozent soll es zum 1. August 2017 geben. Damit habe man einen „vertretbaren Abschluss“ erreicht, meinte der stellvertretende Verdi-Vorsitzende Frank Werneke. Dieses Ergebnis habe man nur dank der Streiks der KollegInnen in den vergangenen Tagen erreichen können, wodurch der Druck auf die Verleger erhöht worden sei. In der Öffentlichkeit war der Ausstand weitgehend unbemerkt geblieben, nachdem sich auch die Zeitungen große Zurückhaltung bei der Berichterstattung auferlegt haben. (30.6.2016)  


Bürgerfoyer "Zeitungen unter Druck" heute Abend abgesagt

Da kam der Journalisten-Streik dazwischen: Die Stuttgarter Volkshochschule hat das für heute geplante Podium mit Michael Maurer (Stuttgarter Zeitung), Susanne Stiefel (Kontext) und David Rau (Stuggi.TV) abgesagt. Viele KollegInnen - auch der Stuttgarter Blätter - streiken derzeit für mehr Lohn. Der Vize-Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung kann daher heute Abend nicht diskutieren, sondern muss produzieren. Und auch die Gewerkschaftsvertretet haben abgesagt. Schweren Herzens hat sich die Stuttgarter vhs dazu entschlossen, das für heute geplante Bürgerfoyer abzusagen - aber nicht zu vergessen. "Die  Medienlandschaft Stuttgart ist uns wichtig", betont Ulrike Rinnert, Stabstelle Beteiligung, "wir wollen das Thema im Herbst wieder im Bürgerfoyer aufgreifen." (29.6. 2016)


Büttel der Bahn - nein danke

Vor dem S-21-Lenkungskreis am Donnerstag (30.6.) wird Verkehrsminister Winfried Hermann und Oberbürgermeister Fritz Kuhn (beide Grüne) heftig ins Gewissen geredet. Der Theologe Martin Poguntke vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erklärt, die Projektgegner hätten es aufgegeben zu hoffen, dass "wir politische Helden an die Macht gebracht haben". Aber verlangt werden könne, dass sie ihr Amt "nicht so ganz der Würdelosigkeit preisgeben". Konkret bedeute das:

Fordern Sie von der Bahn die restlose Offenlegung aller Zahlen und deren Überprüfung durch eine wirklich unabhängige Stelle. Sie haben nicht das Recht, sich auf die Bahn einfach zu verlassen - denn Sie sind uns, dem Souverän, gegenüber verantwortlich.

Fordern Sie, dass die Bahn dem Vieregg&Rössler-Gutachten von mindestens 9,8 Milliarden nicht nur blumig widerspricht, sondern es Punkt für Punkt mit konkreten Zahlen widerlegt. Es geht hier nämlich nicht nur um eine Kostensteigerung von wenigen hundert Millionen, sondern seit 2009 sind die von der Bahn scheibchenweise eingestandenen Kosten um 3,4 Milliarden von 3,1 auf 6,5 Milliarden gestiegen - das sind über 100 Prozent in sieben Jahren.

Fordern Sie - wenn schon keinen Projekt-Abbruch - wenigstens ein Moratorium, bis alle strittigen Fragen geklärt sind. Denn in weniger als der Hälfte der geplanten Bauzeit hat die Bahn 99 Prozent des Risikopuffers von 1,5 Milliarden verbraucht. Es kann nicht sein, dass die Bahn jetzt immer weiter baut, immer mehr Verpflichtungen eingeht, ein immer höheres Erpressungspotenzial an schon ausgegebenem Geld aufhäuft - bevor geklärt ist, wie sie das bezahlen will.

Fordern Sie eine ergebnisoffene Gegenüberstellung der Chancen und Risiken von S21 mit den Chancen und Risiken eines Umstiegs auf den modernisierten Kopfbahnhof und verstecken Sie sich nicht hinter dem angeblichen Ergebnis der Volksabstimmung. Kein halbwegs verantwortlicher Politiker kann ignorieren, dass ein Umstieg auf eine Modernisierung des Kopfbahnhofs nur ca. 2 Milliarden kosten würde und dass nur 1,5 Milliarden des bereits verbauten Geldes wirklich verloren, also viele Milliarden gespart wären - dafür, dass wir einen besseren Bahnhof bekommen, als es S21 je hätte sein können.

Und schließlich bei all Ihren Forderungen: Nennen Sie Konsequenzen, für den Fall, dass Ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Was tun Sie, wenn die Bahn nicht auf Ihre Forderungen eingeht? Denn Forderungen ohne Ankündigung von Konsequenzen sind leeres Gerede fürs Publikum.

Zeigen Sie einmal, dass Sie nicht die Büttel der Bahn sind! Zeigen Sie einmal ein klein wenig politische Größe! Zeigen Sie einmal, dass der Lenkungskreis wirklich lenkt!


Ein Zeichen für Europa

Über Stuttgart wehen EU-Flaggen! Mit der Verkündung des amtlichen Endergebnisses der Volksabstimmung in Großbritainnien über den Austritt aus der EU werden auf der Villa Reitzenstein und dem Neuem Schloss in Stuttgart europäische Flaagen gehisst. Die grün-schwarze Koalition möchte damit ein Zeichen für Europa setzen. "Wir wollen unsere proeuropäische Haltung deutlich zeigen", so Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Die gehöre in Baden-Württemberg "zur Staatsräson". Als "überzeugten Europäer" treffe ihn die Entscheidung der Briten "ganz persönlich ins Mark". Europa sei in den Grundfesten erschüttert.


AfD-Fraktion schließt Gedeon vorerst nicht aus

Die Zerreißprobe in der "Alternative für Deutschland" (AfD) ist aufgeschoben. Ihr Bundesvorsitzender Jörg Meuthen, zugleich Chef der baden-württembergischen Landtagsfraktion, hatte am Dienstag jedenfalls keine erforderliche Zweidrittelmehrheit für den Ausschluss von Wolfgang Gedeon. Über die Äußerungen Gedeons, Anhänger der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", wird jetzt statt dessen ein Gutachten bei drei Fachleuten in Auftrag gegeben – von Religionswissenschaftlern ist die Rede, ein Experte soll jüdischen Glaubens sein –, um die von Meuten selbst erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Singener Mediziner zu überprüfen. Der lässt vorerst seine Mitgliedschaft in der Fraktion ruhen und wird im Plenarsaal auch einen neuen Platz erhalten.

Fraktionsgeschäftsführer Bernd Grimmer erklärte nach den dreistündigen Beratungen, die für einen Ausschluss notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit sei nicht klar gewesen und etwa ein Drittel der Abgeordneten nicht bereit gewesen, Meuthen zu folgen. Sie schätzten den Stellenwert von Meinungsfreiheit höher ein als den einer "politisch korrekten Ausdrucksweise". Sollte die Fraktion nach der Sommerpause und der Bewertung des Gutachtens abermals nicht bereit sein, dem von Meuthen seit Tagen vehement verlangten Antrag auf Ausschluss Gedeons zuzustimmen, bleibt der dabei, seinerseits die Fraktion verlassen zu wollen. Außerdem gibt es Gerüchte, dass eine Handvoll Abgeordneter Gedeon – im Falle seines Ausschlusses – nicht allein gehen lassen, sondern mit ihm aus der Fraktion ausscheiden wolle.

Nicht nur im Internet tobt seit Tagen eine heftige Auseinandersetzung über den künftigen Kurs der Partei, die sich zur Retterin Deutschlands ernannt hat. Meuthens Co-Vorsitzende auf Bundesebene Frauke Petry hat sich öffentlich gegen ihn gestellt, ist damit aber im Bundesvorstand isoliert. Zahlreiche Mitglieder des rechten Flügels verlangen von dem Kehler Wirtschaftsprofessor, von sich aus die AfD zu verlassen. "Die Bewegung muss sich von Volksverrätern wie Meuthen trennen", postet ein Thorsten Baeuml. Und weiter: "Linksversiffte Gutmenschen braucht die Bewegung nicht! Ein Krebsgeschwür wird auch entfernt, so lange es noch geht und Meuthen hat sich zur Selbstoperation verdonnert. Gut so!" Den Ausdruck "linksversifft" hatte Meuthen selbst vor Wochen benutzt, ihn allerdings auf die ganze Bundesrepublik bezogen.


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"Flüchtlingsschutz statt Rumgeschiebe." Aktion zum zweiten Flüchtlingsgipfel 2015. Fotos: Joachim E. Röttgers

"Flüchtlingsschutz statt Rumgeschiebe." Aktion zum zweiten Flüchtlingsgipfel 2015. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 229
Politik

Die Mär vom Nutzen sicherer Herkunftsländer

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 19.08.2015
Der Ruf, weitere Balkanstaaten als sichere Herkunftsländer auszuweisen, wird immer lauter. Sachliche Gründe dafür gibt es nicht. Im Gegenteil: Analysen zeigen, dass die Maßnahme ihre gewünschte Wirkung verfehlt.

Manfred Schmidt nennt den Satz "Kein Mensch ist illegal" einen Kampfbegriff. Seit Monaten zieht der Chef des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) durch die Republik. Keineswegs, um für mehr Personal in seiner chronisch unterbesetzen Behörde zu kämpfen oder für eine bessere finanzielle Ausstattung. Schmidt will der politischen Forderung nach weiteren sicheren Herkunftsländern den Boden bereiten – mit dem Habitus des Fachmanns. Dabei braucht er nur in seine eigenen Zahlen zu schauen oder erst recht in die der EU, um festzustellen, dass Zehntausenden Auswanderern egal ist, ob sie aus einem sicheren Herkunftsstaat kommen oder nicht. Sie wollen einfach weg, weil sie in ihrer alten Heimat hungern, frieren, keine Arbeit haben oder erleben müssen, dass ihren Kindern der Schulbesuch verweigert wird. Alles scheint ihnen besser, als zu bleiben.

Kundgebung des Flüchtlingsrats gegen die Abschiebung von Sinti und Roma in Stuttgart.
Kundgebung des Flüchtlingsrats gegen die Abschiebung von Sinti und Roma in Stuttgart.

Zum Beispiel in der Republik Kosovo. Die ist von Österreich als sicherer Herkunftsstaat eingestuft worden, Deutschland will sich anschließen. Nach den Zahlen der Statistiker von Eurostat haben im ersten Quartal 2015 etwa 50 000 Menschen aus dem Kosovo Asyl in EU-Ländern beantragt. Gut 21 000 Anträge wurden in Deutschland gestellt, 22 000 im deutlich kleineren Ungarn, das alles andere ist als ein attraktives Land für Zuwanderer. Mehrere Gerichtsentscheidungen untersagen die Rückführung von Flüchtlingen, die über Ungarn eingereist sind, sogar, weil eine menschenwürdige Behandlung dort nicht sichergestellt sei. EU-Migrationsexperten erklären die hohe Zahl der Anträge dementsprechend ausschließlich mit der geografischen Lage.

Die Einstufung der Sicherheitslage spielt eine absolut nachrangige Rolle. Was auch der Blick nach Österreich belegt. Dort reisten in den ersten drei Monaten 2015 rund 1600 Kosovaren ein – pro Kopf der Bevölkerung sind das etwa genauso viel wie nach Baden-Württemberg. Im ersten Fall aus einem als sicher eingestuften Herkunftsstaat, im zweiten nicht. "Wir müssen die Perspektive wechseln", heißt es in einem Papier der österreichischen Asylkoordination. Wer sich zur Flucht entschlossen hat, lasse sich "von Beurteilung der Lage in seiner Heimat durch Regierungen in europäischen Hauptstädten nicht abhalten". Schweden und Italien verzichteten gänzlich auf jede Abstufung. Der Strom der Einwanderer aus der früheren jugoslawischen Teilrepublik bricht erst im April nach einer Anzeigenkampagne des österreichischen Innenministeriums ab, in der eine Erledigung aller Verfahren binnen zwei Wochen angekündigt wird.

In Deutschland dauern Asylverfahren am längsten

Unstrittig könnten nach der deutschen Rechtslage die Verfahren beschleunigt werden, wenn Bewerber aus einem Land auf der inzwischen wieder ziemlich langen Positivliste kommen. Was aber, gerade angesichts der bevorstehenden Wintermonate, kaum abschreckende Wirkung haben dürfte auf jene, die schon zum Aufbruch bereit sind. Vor allem, weil es noch immer die Aussicht statt auf zwei Wochen in Österreich auf fünf Monate in Deutschland gibt. In keinem anderen Land der EU ist die Verfahrensdauer länger – und das bedeutet, zumindest für diese Zeit ein Dach über dem Kopf zu haben und Essen zu bekommen, sich selbst und Kinder in Sicherheit zu wissen und vom Taschengeld vielleicht etwas sparen zu können für später.

"Roma haben kein sicheres Herkunftsland" ist das Motto der Aktion im September 2014.
"Roma haben kein sicheres Herkunftsland" ist das Motto der Aktion im September 2014.

Fachleute haben errechnet, dass das BAMF seine Beschäftigtenzahl von 2200 im Jahr 2014 mindestens verdoppeln müsste, um auch nur auf die angestrebten drei Monate Verfahrensdauer zu kommen. Einfach nachzuverfolgen ist anhand der EU-Statistik die Entwicklung, dass die Zahl der Asylanträge in Deutschland zwar schon seit acht(!) Jahren wieder steigt, dass aber personell nicht reagiert wurde. Immer in der falschen Annahme, lange Verfahren könnten abschrecken. Obendrein werden hierzulande im Vergleich mit anderen EU-Staaten auffallend viele negative Entscheidungen korrigiert. Die Bertelsmann-Stiftung urteilt in einer im Juni veröffentlichten Studie hart: Es sei davon auszugehen, "dass bei den Entscheidungen des BAMF beträchtliche Qualitätsmängel bestehen". Immerhin in 13 Prozent der Fälle urteilten Gerichte anders, besonders betroffen waren Flüchtlinge aus dem Iran und aus Afghanistan.

Dass Schmidt immer neue Ideen zur Verschärfung geltender Regelungen produziert, bringt nicht nur Hilfsorganisationen gegen das Amt auf. Die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt sogar, nicht mehr allein die BAMF-Zahlen zur Beurteilung der Sachlage heranzuziehen, sondern auf europäische Daten zurückzugreifen. Denn Eurostat erfasst alle Verfahren, auch die vor Gerichten. 2014 hatten etwas mehr als 200 000 Menschen in der Bundesrepublik einen Asylantrag gestellt, noch aus dem Vorjahr anhängig waren weitere 134 000. Was belegt, dass die größte Herausforderung nicht darin liegt, politische Mehrheiten für die Ausweisung neuer sicherer Herkunftsländer zu organisieren, sondern in der Einstellung von mehr Personal. "Die Aufnahme von Flüchtlingen ist eine wichtige humanitäre Aufgabe", sagt Jörg Dräger vom Stiftungsvorstand und drängt auf eine Beschleunigung der Verfahren und eine rasche Integration in den Arbeitsmarkt, weil dann die Bedenken "eher entkräftet werden, Deutschland stößt bereits jetzt an seine Belastungsgrenze".

Gerade an der Verfahrensdauer aber hat die Einstufung von Serbien, Bosnien, Mazedonien nichts geändert. Denn die hat sich, wie der Flüchtlingsrat bezogen auf alle Anträge analysierte, um gerade mal drei Tage verkürzt. Und in diesem Punkt wird ebenfalls alles andere als sauber argumentiert. Schmidt selber nennt eine Verkürzung von 7,1 auf 5,3 Monate. Was allerdings auf mehr Personal und die bevorzugte Behandlung der Staaten auf dem Balkan zurückzuführen ist. Dafür blieben andere Anträge liegen, darunter ausgerechnet jene von Syrerinnen und Syrern. Am längsten warten nach der offiziellen Statistik Pakistani mit fast 16 Monaten.

EU-weite Richtlinien gibt es längst

Die Brüsseler Experten kritisieren auch den Ruf nach europaweit gültigen Regelungen, am Wochenende sogar erhoben von der Kanzlerin. Denn schon seit zwei Jahren gilt die neue umfangreiche Asylverfahrensrichtlinie, aus der unter anderem hervorgeht, dass jeder Einzelfall ohnehin geprüft werden muss, selbst wenn das Herkunftsland als sicher bewertet wird: Es sei "wichtig, dass ein als sicher eingestuftes Land für einen Antragsteller nicht länger als solches gelten kann, wenn dieser aufzeigt, dass es stichhaltige Gründe für die Annahme gibt, dass das betreffende Land für ihn in seiner besonderen Situation nicht sicher ist".

Eine Prüfung von Fall zu Fall ist Pflicht.
Eine Prüfung von Fall zu Fall ist Pflicht.

Staaten, die davon abweichen und pauschale Ablehnungen einführen wollen, geraten überdies in Konflikt mit der Genfer Flüchtlingskonvention. Noch einmal Ungarn, das aktuell die meisten Einreisenden in der Union aufzunehmen hat und seit zwei Wochen eine vom Parlament beschlossene Pauschalregelung anwendet. "Es liegt nicht im Entscheidungsspielraum der ungarischen Behörden oder dem irgendeines anderen Staates, Asylsuchenden den Zugang zu einer Einzelprüfung ihres Antrags zu verwehren", urteilt Amnesty International und verlangt eine rasche Überprüfung dieser neuen Praxis. Denn alle EU-Staaten seien verpflichtet, "diejenigen zu unterstützen, die Asyl beantragen, und jeden Antrag von Fall zu Fall zu prüfen".

Politiker, vor allem von CDU und CSU, hindert das indessen nicht daran, immer neue Hürden zu fordern. Die Drohung mit Kontrollen an der Grenze zu Österreich hat sogar die EU-Kommission auf den Plan gerufen, ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Bayern ist eingeleitet. Auch Innenminister Thomas de Maizière gab alle Zurückhaltung auf und verlangt "eine Debatte über europäische Standards der Menschenwürde und der Leistungen". Die Zahl der Flüchtlinge vom Balkan möchte er am liebsten "auf null" bringen und jenen, die sich mit Fluchtgedanken tragen, sagen: "Ihr habt keine Chance."

Da kann Thomas Strobl nicht zurückstehen. Der CDU-Landesvorsitzende, der in keiner seiner üppig verbreiteten Pressemitteilungen den Zusatz vergisst, dass er als stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion "für Innenpolitik zuständig" ist, fordert, anstelle von Bargeld wieder Sachleistungen auszugeben, außerdem drei neue sichere Herkunftsstaaten. Und fast täglich flickt er inzwischen Winfried Kretschmann am Zeug, nach der immer gleichen Melodie: "Seine Grünen verantworten, dass monatelang nichts passiert." Als könnte die Ökopartei neues Personal beim BAMF einstellen.

Was passiert beim nationalen Flüchtlingsgipfel im September?

Bleibt Kretschmann bei seiner Haltung, die Sinnhaftigkeit der Einstufung müsse belegt sein, verhallt jedoch auch dieser Appell ungehört. Zu Recht. Denn da gibt es nichts zu belegen. Allerdings könnte bis zum nationalen Flüchtlingsgipfel am 9. September in Berlin eine Situation ähnlich jener vor einem Jahr eintreten, in der ein neuer Kompromiss geboren wird: Einwanderungsgesetz plus Aufnahme von Kosovo, Albanien und Montenegro in den Katalog sicherer Staaten. Oder ein generelles Bleiberecht für Syrerinnen und Syrer? Oder deutlich mehr Geld vom Bund?

Kretschmann mit Öney und Schmid auf dem Flüchtlingsgipfel im Juli 2015.
Kretschmann mit Öney und Schmid auf dem Flüchtlingsgipfel im Juli 2015.

Anders als 2014 reichen die baden-württembergischen Stimmen allein im Bundesrat allerdings nicht mehr aus. Die Begehrlichkeiten der Union sind deshalb neuerdings zusätzlich an die Adresse der Grünen in der hessischen Landesregierung gerichtet. Im Nachhinein hatte der stellvertretende Ministerpräsident Tarek Al-Wazir durchblicken lassen, er hätte schon vor einem Jahr zustimmen können, diesmal müsste er, um die Mehrheit im Bundesrat herzustellen. Derzeit sieht er sich jedoch vor allem zunehmender Kritik wegen der immer voller werdenden Zeltcamps in sieben Städten ausgesetzt. Vor allem, weil die schon im vergangenen November in Kraft getretene Änderung des Baugesetzbuchs zur Errichtung von Unterbringungen in Gewerbegebieten bisher nicht genutzt wurde. Und bei richtiger Organisation sei Hessen noch lange nicht am Ende seiner Aufnahmekräfte, heißt es in der Diakonie.

Die Aufnahmequoten variieren enorm

Ein Satz, der für ganz Europa richtig ist, wobei es nicht nur um das schäbige Verhalten einzelner osteuropäischer Staaten geht. In der Slowakei kommen laut Eurostat 2015 auf 1000 Einwohner zwei Einreisende, in Ungarn sind es 676. Sondern es geht vor allem darum, zu stemmen, was im eigenen Verantwortungsbereich machbar ist. Österreich hat nach einer höchstpeinlichen Ohrfeige von Amnesty International für die unhaltbaren Zustände in einem Erstaufnahmelager mithilfe der oppositionellen Grünen ein Gesetz von Verfassungsrang auf den Weg gebracht: nicht um das Asylrecht zu verschärfen, sondern um die Verteilung der Menschen im Land neu zu regeln. Von 1. Oktober an muss jede Gemeinde mit mehr als 2000 Einwohnern 1,5 Prozent Flüchtlinge bezogen auf die Bevölkerung aufnehmen. Hochgerechnet auf die Bundesrepublik wären das 1,2 Millionen Menschen. Davon ist Deutschland insgesamt weit entfernt.

Stuttgart allerdings nicht. Die Stadt, die in ihren Sammelunterkünften nicht nur – bundesweit gelobt – ohne Container oder Zelte auskommt, dokumentiert auch ihre Zahlen vorbildlich. Die Bezirke Nord, Feuerbach, Mühlhausen, Untertürkheim oder Möhringen liegen im 1,5-Prozent-Bereich, der Westen, Cannstatt, Degerloch oder Hedelfingen leicht darunter. Die meisten Zuwanderer haben bisher in Stammheim, Wangen und Plieningen eine Bleibe gefunden, bei null liegt die Quote (noch) in Obertürkheim und Münster.

Die EU will jetzt eine Detailkarte für alle Mitgliedsstaaten fertigen. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich auszumalen, wie die für Überraschungen gerade unter selbst ernannten Aufnahme-Musterknaben sorgen wird.


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Kommentare

muehue, 23.08.2015 16:23
Zu Schwabes Link

Wer den Artikel von Jens Berger erhellend findet, sollte auch den Beitrag des ehemaligen Richters Peter Vonnahme, der am gleichen Tag auf Telepolis erschien, beachten:

http://www.heise.de/tp/artikel/45/45765/1.html

Schönen Tag noch,

Gabriel

H.Ewerth, 20.08.2015 16:36
Solange der Westen mit gerade einmal 10% der Weltbevölkerung den Rest der Welt als seine Kolonie betrachtet und auch so behandelt, brauchen sich die Bürger des Westens nicht über Flüchtlinge und Terroristen beschweren.

Wieviel hat die Banken Rettung gekostet? "Griechenland Rettung" welche Griechenland Rettung? Es sind doch wohl über 90% nur in die internationale Banken Rettung gesteckt worden Herr Blender oder?

Wäre man mit Deutschland 1953 bei der Londoner Schuldenkonferenz genau so umgegangen, wie heute mit Griechenland, wäre Deutschland heute noch Entwicklungsland.

Aber liebe Deutsche, warum man überhaupt Deutschland geholfen hat, frage ich mich wenn ich solche Kommentare von Deutschen lese, die es nur dank internationaler Gläubiger zu verdanken haben, wieder wirtschaftlich auf die Beine gekommen zu sein?

Würde Griechenland genau zu den gleichen Bedingungen, wie einst Deutschland geholfen, wäre die Krise schon längst überwunden. Aber man will die Krise in Europa aufrecht erhalten, um den noch übrig gebliebenen Sozialstaat weiter zu schleifen.

Schwabe, 20.08.2015 11:38
"...Dabei braucht er (Manfred Schmidt) nur in seine eigenen Zahlen zu schauen oder erst recht in die der EU, um festzustellen, dass Zehntausenden Auswanderern egal ist, ob sie aus einem sicheren Herkunftsstaat kommen oder nicht. Sie wollen einfach weg, weil sie in ihrer alten Heimat hungern, frieren, keine Arbeit haben oder erleben müssen, dass ihren Kindern der Schulbesuch verweigert wird. Alles scheint ihnen besser, als zu bleiben..."!
und
"...Wer sich zur Flucht entschlossen hat, lasse sich "von Beurteilung der Lage in seiner Heimat durch Regierungen in europäischen Hauptstädten nicht abhalten...".
Recht haben beide m.E. mit ihren Aussagen, die Frau Henkel-Waidhofer und die österreichische Asylkoordination. Momentan regierende Politiker neigen m.E. dazu solch banale Realitäten wegzudiskutieren und damit zu verschleiern.

"...Nach den Zahlen der Statistiker von Eurostat haben im ersten Quartal 2015 etwa 50 000 Menschen aus dem Kosovo Asyl in EU-Ländern beantragt..." ...und das obwohl die USA, England und Frankreich, mit tatkräftiger Unterstützung aus Deutschland in den Jahren 1998/1999 einen völkerrechtswidrigen aber offiziell als humanitären Einsatz dargestellten Angriffskrieg gegen Jugoslawien geführt haben?!
Ja was ist denn da los? Waren denn die tausende von Toten durch den Westen umsonst? Ist die humanitäre Hilfe für die Kosovaren nicht angekommen? War es nie ein humanitärer (Kriegs-)Einsatz? Gibt es so etwas überhaupt? Oder gings den USA und den willigen Europäern tatsächlich nur um die US-Militärstation Bond Steel" im Kosovo von wo aus der Balkan militärisch kontrolliert wird (geostrategische Politik)? Geht die momentane westliche Politik tatsächlich über Leichen um geostrategische Machtgelüste zu befriedigen? Frönt die westliche Politik solch niederen Beweggründen und belügt dadurch die Bevölkerungen?
Das kann doch nicht sein, wir, also der Westen, also u.a. Deutschland, wir sind doch die Guten?

Dieses m.E. heuchlerische Gerede eines Manfred Schmidt "Kein Mensch ist illegal" ist nicht besser als das anderer regierender Politiker und dient m.E. hauptsächlich dazu Menschlichkeit vorzutäuschen und von den wahren Hintergründen/Ursachen abzulenken (der Spruch "Kein Mensch ist illegal" wurde ihm sicherlich an die Hand gegeben. Wäre er von ihm wäre er m.E. 1. nicht auf diesem Posten und 2. kein bürgerlich neoliberaler Politiker).

Blender, 19.08.2015 10:15
Würden unsere Politiker das Geld nicht in BER (>5000 Mio, S21 >6500 Mio, Elbphilharmonie (750 MIo), Bankenrettung (Deutschland 50000 Mio und Griechenland 68000 Mio) stecken, sondern an die Gemeinden und die Bevölkerung, dann gäbe es ca. 130 Milliarden zur Verteilung, und damit wäre die Neiddebatte dass ankommende Flüchtlinge jemandem etwas wegnehmen beendet. Aber unsere Politiker und die Finanzeliten scheinen daran interessiert zu sein die Demokratie durch Missmanagement an den Rand der Handlungsfähigkeit zu bringen, um eben solche Spannungen in die Gesellschaft zu tragen, und die Menschen (Biodeutsch gegen deutsche Migranten, Christen gegen Moslems gegen Ostdeutsche) gegeneinander auszuspielen.
Fazit: Die Gefahr für Deutschland geht nicht von den Flüchtlingen aus die kommen, sondern von den Finanzeliten die mit ihrem Kapital nach Luxemburg, Liechtenstein und Bahamas aus Deutschland heraus flüchten.
Gut ausgebildete deutsch sprechende Migranten und deren Nachfahren werden in 20-50 Jahren die Triebfeder des deutschen Außenhandels sein. Diese Chance zerstören wir gerade durch diese unsägliche Neiddebatte und Klassifizierung sicherer Herkunftsländer.
Hinzu kommt, dass das Hauptproblem strukturschwacher Gegenden nicht die Zuwanderung ist, sondern die Abwanderung.
An alle Immobilienbesitzer in strukturschwachen Gebieten: Wer soll eure Häuser denn mal kaufen und bewohnen, wenn keiner mehr zu Euch hinzieht?
Und noch etwas: Die größte Gruppe von Wirtschaftsflüchtlingen in der BRD sind immer noch die Ossis, allen voran Herr Genscher (Halle) und Frau Merkel (Uckermark).

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