KONTEXT Extra:
Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


Sichere Herkunftsstaaten: Kretschmann schon lange für längere Liste

Winfried Kretschmann hat sich mit jüngsten Äußerungen zur Einstufung von Marokko, Tunesien und Algerien als sichere Herkunftsländer derart in die Nesseln gesetzt, dass sich sein Staatsministerium zu einer "Klarstellung" aufgerufen sah. Tatsächlich handelt es sich um einen durchsichtigen Versuch der Schadensbegrenzung. Der grüne Regierungschef hatte auf Anfrage der "Rheinischen Post" in einer Stellungnahme zur aktuellen Sicherheitsdebatte erklärt: "Die kriminelle Energie, die von Gruppierungen junger Männer aus diesen Staaten ausgeht, ist bedenklich und muss mit aller Konsequenz bekämpft werden." Zugleich sprach er sich für die Aufnahme der drei Maghreb-Staaten auf die Liste sicherer Herkunftsländer aus: "Baden-Württemberg wird der Ausweitung zustimmen, sofern die Bundesregierung das Ansinnen in den Bundesrat einbringt."

Die Wirkung beider Sätze im Zusammenhang sind ihm und "meinen Leut", wie er seine engsten Mitarbeiter gern nennt, offenbar entgangen. Jedenfalls stellte "das Staatsministerium klar, dass die signalisierte Zustimmung weder aus aktuellem Anlass beschlossen wurde, noch ihre Begründung in der Gewaltbereitschaft mancher Gruppen junger Männer aus diesen Ländern hat". Vielmehr sei die Entscheidung "schon im Frühsommer 2016 nach einem langen Abwägungsprozess, in dem vor allem der Frage nachgegangen wurde, ob es angesichts der Menschenrechtssituation in den besagten Ländern vertretbar wäre, diese zu sicheren Herkunftsländern zu erklären (...), als sich die Bundesregierung dem Ministerpräsidenten gegenüber bereit erklärte, in einer Protokollerklärung festzuhalten, Personen aus sogenannten vulnerablen Gruppen wie Homosexuellen, verfolgten Journalisten, religiösen Minderheiten mit gleicher Sorgfalt zu prüfen wie Flüchtlinge aus sonstigen Ländern". Das Staatsministerium sagt allerdings nichts dazu, ob die Forderung erfüllt wurde und warum das Thema nicht längst endgültig ausgetreten ist. Denn laut dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration werden die drei Länder in der Statistik überhaupt nicht mehr einzeln ausgewiesen, weil die Zahl der einreisenden Asylbewerber so niedrig ist. Und bereits 2015 gehörten die drei Staaten nicht zu jenen zehn Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen. (5.1.2017)


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Laufsteg Katastrophe: Politiker-Trauer ist nicht mehr und nicht weniger als ein Sympathieköder.

Laufsteg Katastrophe: Politiker-Trauer ist nicht mehr und nicht weniger als ein Sympathieköder.

Ausgabe 209
Politik

Selektive Trauer

Von Thomas Rothschild
Datum: 01.04.2015
Angela Merkel und François Hollande fahren zur Absturzstelle des Germanwings-Flugs in den französischen Alpen. Es heißt, sie seien dort, um zu trauern, in Gedanken bei den Opfern und ihren Angehörigen. Unser Autor hat daran erhebliche Zweifel.

Als Menschen recht unterschiedlicher politischer Couleur sich darin überschlugen, ihr Verlangen nach Identifikation mit den Opfern des Mordanschlags auf Redakteure der Zeitschrift "Charlie Hebdo" öffentlich kundzutun, sagte Sahra Wagenknecht: "Wenn eine vom Westen gesteuerte Drohne eine unschuldige arabische oder afghanische Familie auslöscht, ist das ein genauso verabscheuungswürdiges Verbrechen wie die Terroranschläge von Paris, und es sollte uns mit der gleichen Betroffenheit und dem gleichen Entsetzen erfüllen."

Was ist falsch an dieser Aussage? Was lässt sich gegen sie vorbringen? Offenbar allein die Tatsache, dass Sahra Wagenknecht Mitglied der Linken ist. Weder faktisch noch moralisch lässt sich Wagenknechts Feststellung und Postulat widerlegen. Trotzdem empörten sich, kaum war Wagenknechts Äußerung publiziert worden, die üblichen Verdächtigen, allen voran der dem Seeheimer Kreis zugehörige Vorsitzende der SPD-Fraktion im Bundestag Thomas Oppermann: "Den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan mit dem Terror-Angriff von Paris zu vergleichen ist eine unsägliche Entgleisung und Beleidigung für alle deutschen Soldaten."

François Hollande und Angela Merkel beim Kondolenzbesuch in den Alpen. Screenshot
François Hollande und Angela Merkel beim Kondolenzbesuch in den Alpen. Screenshot

Das sollte man im Gedächtnis behalten, wenn Politiker vorgeben, zu trauern, in Gedanken und mit Gebeten bei den Opfern und ihren Angehörigen zu sein. Ihre Trauer ist selektiv und schlägt schnell in Rage um, wenn Trauer nicht in ihr politisches Konzept passt. Ihre öffentliche Trauer ist nicht mehr und nicht weniger als ein Sympathieköder, ein Selbstdarstellungsakt für die Medien, ein Kalkül, im besten Fall ein Ritual, ein rhetorisches Zeremoniell. Sie dient einzig und allein der Ausbeutung der allgemeinen Erschütterung für wahlarithmetische Zwecke. Der so genannte Mann oder auch die Frau von der Straße, die nicht um Stimmen buhlen müssen, sind der Wahrheit wohl näher, wenn sie auf die Frage, was ihnen nach einer Katastrophe als erstes durch den Kopf gegangen sei, antworten: "Was ein Glück, dass ich nicht dabei war."

Kaum hatten die Nachrichtenagenturen den Absturz der Germanwings-Maschine auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf gemeldet, ließen die Staatsoberhäupter oder Regierungschefs von Spanien, Frankreich und Deutschland wissen, dass sie nicht nur trauerten, sondern sich zudem mit prominenter Entourage an den Ort des Geschehens begeben würden. Die Welt konnte sie sehen, wie sie in gebirgiger Höhe die Front der Helfer abschritten, Hände schüttelten und, vor den Nationalflaggen, versteht sich, eine Pressekonferenz abhielten. Zuletzt hatten sie sich in Paris getroffen, um in einer Nebenstraße ein Gruppenfoto machen zu lassen.

Will man den Tränen dieser Herrschaften trauen?

Der Internationale Autorenverband PEN hat daran erinnert, in welcher Gesellschaft François Holland, Mariano Rajoy und Angela Merkel da getrauert und ihre Solidarität mit erschossenen Journalisten demonstriert haben: Arm in Arm nämlich mit Regierungsvertretern von Ländern, in denen die Meinungsfreiheit aktiv eingeschränkt wird und Schriftsteller Morden, Gewalt und Gefängnis ausgesetzt sind. Wie in der Türkei, wo mehr als 20 Journalisten inhaftiert sind und Dutzende weitere unter Anklage stehen; wie in Russland, wo zahlreiche Journalisten ermordet wurden und in den allermeisten Fällen niemand dafür zur Rechenschaft gezogen wurde; wie in Ägypten, Bahrain, Katar, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo zahlreiche Journalisten, Blogger und Dichter hinter Gittern sitzen oder, wie Raif Badawi, unter Lebensgefahr öffentlich ausgepeitscht werden. Will man den Tränen dieser Herrschaften trauen?

Nun ist es in der Tat erschütternd, wenn, wie im Fall des verunglückten Fliegers, 150 Menschen auf einen Schlag ums Leben kommen. Und niemand wollte daran zweifeln, dass Politiker wie ganz normale Menschen schockiert sind, wenn sie davon erfahren. Aber zwischen dem privaten Schock und der öffentlichen Zurschaustellung liegt für Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens die politische Reflexion. Und die müsste Frau Merkel zum Beispiel einflüstern, dass in Deutschland im Monat rund 300 Menschen - also zwei Mal so viele wie bei dem Flugzeugunglück - bei Verkehrsunfällen sterben, und das nicht alle paar Jahre, sondern im Schnitt jeden Monat. In Europa sind es monatlich rund 2000 oder täglich 70 Menschen, die dem Straßenverkehr zum Opfer fallen. Von der Trauer der Politiker war bisher nichts zu vernehmen und auch nicht von einer Änderung ihrer Agenda.

Das muss wohl seine Gründe haben. Könnte es daran liegen, dass man, wenn man die täglichen Verkehrstoten betrauerte, wie man jetzt die Toten in den südfranzösischen Alpen zu betrauern vorgibt, nicht nur nach den Ursachen fahnden, sondern auch Konsequenzen ziehen müsste? Könnte es daran liegen, dass man dann strenge gesetzliche Maßnahmen ergreifen müsste, um die Autoindustrie zu zwingen, alle erdenklichen Sicherheitsvorrichtungen nicht nur zu entwickeln, sondern auch serienmäßig in ihre Produkte einzubauen, selbst wenn das mit Umsatzeinbußen verbunden ist?

Trauer auf einer Kondolenztour muss Verdacht erregen

Es geht nicht um Schuldzuweisung - das ist die Sichtweise der Versicherungen, die möglichst wenig zahlen wollen -, sondern um Schlussfolgerungen für die Zukunft. Trauer, die nicht mehr kostet als eine Kondolenztour, sollte ebenso Verdacht erregen wie ein Eingeständnis angeblicher Fehler, ein "mea culpa", das nur Vorteile einbringt und die Karriere befördert. Dass der Absturz eines Flugzeugs und der Tod von 150 Menschen tragisch ist, wird kein halbwegs vernünftiger Mensch bestreiten. Aber nach wie vor gilt, dass Fliegen die sicherste Art der Fortbewegung ist. Der ökologische Schaden steht auf einem anderen Blatt. 

Nach dem Kenntnisstand bei der Abfassung dieses Artikels weist alles auf eine Selbstmordabsicht eines Copiloten hin, der den Tod von 149 Menschen in Kauf genommen hat (wobei wir hier nicht die unappetitliche Unsitte vieler Medien reproduzieren wollen, Vermutungen und Hypothesen als gesicherte Tatsachen auszugeben, ehe sich diese Medien wieder wichtigeren Themen zuwenden wie einem Abspeckprogramm für Hund und Herrchen oder der Scheidung von Bettina und Christian Wulff). Die Tragödie von Seyne-les-Alpes muss man, so schwer das fallen mag, als Restrisiko verbuchen, das, anders als viele Karambolagen auf den Straßen, als Unfälle am Arbeitsplatz wegen vernachlässigter Arbeitsschutzmaßnahmen oder als "Kollateralschäden" bei militärischen Aktionen, nicht zu verhindern ist.

Menschliches Versagen ist noch weniger berechenbar und prognostizierbar als technisches Versagen. So unwahrscheinlich und zum Glück selten ein Fall wie der aktuelle ist, so sehr entspricht es der üblichen leeren Rhetorik, wenn Angela Merkel sagt, es gehe "über jedes Vorstellungsvermögen hinaus", dass der Copilot das Flugzeug bewusst zum Absturz gebracht habe. Die Drehbuchautoren von Krimiserien stellen sich Szenarien wie dieses alle paar Tage vor. Vorzustellen vermag man sie sich sehr wohl. Nur wenn sie in der Wirklichkeit, diesseits der Fiktion, eintreffen, geraten die Begriffe durcheinander.

Ein umstrittenes Bild. Screenshot
Ein umstrittenes Bild. Screenshot

Schlichtweg beunruhigend aber ist es, wenn eine Frau, die an den Schalthebeln der Macht sitzt, die also im tatsächlichen oder vermeintlichen Verteidigungsfall die oberste Befehls- und Kommandogewalt innehat und über Krieg und Frieden entscheidet, sich den unerwarteten Ausbruch einer psychischen Erkrankung, einen plötzlichen depressiven Schub nicht vorstellen kann. Die Konsequenzen aus dem Schreckensdrama haben nicht die Politiker, sondern die Fluggesellschaften gezogen: Ab sofort muss das Cockpit immer von zumindest zwei Menschen besetzt sein. Absolute Sicherheit kann auch diese Maßnahme nicht garantieren. Gerade der aktuelle Fall beweist, dass eine Aktion, die der Sicherheit (gegenüber Terroranschlägen) dienen sollte, nämlich dass sich die Tür zum Cockpit nicht von außen öffnen lässt, das Gegenteil bewirken kann.

Es könnten auch die Toten im Straßenverkehr betrauert werden

Dass die Bundeskanzlerin weder die Absicht hatte noch hat, irgendetwas zu unternehmen, was die Profite der Autoindustrie verringern könnte, findet man an versteckter Stelle bestätigt. Als sie vor zwei Jahren beim EU-Gipfel erst einmal auf eine Verschiebung der Abstimmung über - inzwischen in veränderter Form vereinbarte - strengere CO2-Abgasnormen drang, ließ sie ihren Vize-Regierungssprecher erklären: "Gleichzeitig brauchen wir aber auch eine faire Lösung, die den Besonderheiten der deutschen Automobilindustrie Rechnung trägt." Worin diese Besonderheiten bestehen, konnte man damals der dpa-Meldung ebenfalls entnehmen: "Deutschland fürchtete Nachteile für seine Oberklasse-Hersteller Mercedes, BMW und Audi".

Darf man sich bei dieser Mentalität wundern, wenn es wenig politisches Interesse daran gibt, die Toten im Straßenverkehr zu betrauern? Wahrscheinlich wird der Fraktionsvorsitzende der SPD und vielleicht sogar der eine oder andere Gewerkschafter entgegnen, solch ein Hinweis sei eine Beleidigung für alle deutschen Beschäftigten in der Automobilindustrie.

Lediglich mit den Grünen könnten wir uns in dieser Frage wohl einigen. Ob der Schulterschluss anhält, wenn wir darauf aufmerksam machen, dass die Verhungernden in der Dritten Welt, denen man, anders als den Toten in Seyne-les-Alpes, noch helfen könnte, oder, ja, ob die Opfer westlicher Drohnen, die allein im ersten Halbjahr 2014 1564 getöteten Zivilisten in Afghanistan, wo die NATO unter Beteiligung der Bundeswehr für Sicherheit sorgt, nicht weniger Trauer verdienen als eben jene Toten, und dass sie, wenn es denn nützt, eine Reise von Regierungschefs und -chefinnen nicht weniger rechtfertigen als ein abgestürztes Flugzeug, wäre zu überprüfen.

Eins freilich ist inmitten dieser widerwärtigen Heuchelei doch tröstlich: Die so genannten "einfachen Menschen" durchschauen das Spektakel. Sie nehmen den Politikern ihre demonstrative Trauer ebenso wenig ab wie ihre Versprechen und ihre Erfolgsberichte. Sie wissen nämlich, was Trauer wirklich bedeutet. Sie erleiden sie, wenn der Lebenspartner stirbt oder das eigene Kind an Krebs erkrankt. "Das Gedenken ist vor allem auch eine private Sache", sagte die Bürgermeisterin von Montabaur, dem Wohnort des Todespiloten. Sie wollte nicht vor die Fernsehkameras treten. Sie hat als einzige unter den Politikern angemessen reagiert.


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Kommentare

Michael Schöfer, 08.04.2015 15:28
@Schwabe

Hier bewegen wir uns im Bereich der Psychologie, das Ganze hat etwas mit der Aufmerksamkeit zu tun. Genauer: mit der Schwelle, ab der ein Reiz unsere Aufmerksamkeit bekommt. Und da bekommen eben 150 Tote bei einem Flugzeugabsturz naturgemäß wesentlich mehr Aufmerksamkeit als täglich 70 Tote über Europa hinweg verstreut. Das sagt freilich gar nichts über den Wert der einzelnen Opfer aus. Können Sie das wirklich nicht verstehen? Außerdem: Stimmt, ich finde meine Einstellung auch immer interessanter...

Schwabe, 08.04.2015 08:09
@Michael Schöfer
Soso, "...nicht zu vergleichen.", dann fragen Sie doch mal die Hinterbliebenen ob die Ihre Unterscheidung teilen. Ihre Einstellung wird immer interessanter.
Im übrigen geht es auch darum das von der Politik adäquate Maßnahmen getroffen werden die - wie Sie es nennen - unspektakulären Zehntausende von Toten zu verhindern. In Krankenhäusern, beim Autofahren, etc. Von bürgerlichen Politikern ist da jedoch nichts zu erwarten, denn die haben diese Umstände herbeigeführt - und machen weiter damit.

Michael Schöfer, 07.04.2015 20:24
@Schwabe

Wenn so ein spektakuläres Unglück passiert, ist das doch nicht mit den durchschnittlich 70 Toten pro Tag auf Europas Straßen zu vergleichen. Natürlich könnte man um jeden Einzelnen trauern, aber der Gedanke, es tatsächlich jeden Tag siebzig Mal zu tun, ist in meinen Augen einfach absurd.

Moin, 07.04.2015 20:13
Das mit der selektiven Trauer kann man noch erweitern (nicht nur auf den Autoverkehr):

Alle 6 Minuten wird in Deutschland ein Kind abgetrieben. Da wird nicht öffentlich getrauert, obwohl es bestimmt genug Möglichkeiten gaebe, den Frauen bzw. Paaren zu helfen, dass dieser Schritt nicht nötig ist.

Schwabe, 07.04.2015 19:16
@Michael Schöfer
Sie denken also es gibt eine Rechtfertigung dafür selektiv um unschuldige Menschen zu trauern?! Interessante Einstellung!

Michael Schöfer, 07.04.2015 17:54
Muss man bei Merkel und Hollande nicht zwischen Privatperson und Amtsperson unterscheiden? Von einem öffentlichen Amtsträger wird so etwas eben erwartet. Was hättet Ihr geschrieben, wenn Merkel nicht an den Absturzort gekommen wäre? Hättet Ihr der Kanzlerin dann menschliche Kälte vorgeworfen?

Schwabe, 04.04.2015 14:02
Schließe mich dem Kommentar von H.Ewerth vom 2.4.2015, 22:29 Uhr vollumfänglich an.

charlotte, 03.04.2015 21:01
erstaunlich, wie viel menschen lieber einen "technischen defekt" gehabt hätten.
ich meine, jeder technische defekt setzt einen vorherigen "menschlichen defekt" voraus. noch bauen sich weder sicherheitssysteme noch maschinen selber.

Ralf Kiefer, 03.04.2015 01:43
@Tillupp:
"Wir brauchen weder eine Aufweichung der Schweigepflicht, noch eine Flugzeugsteuerung vom Boden aus, und auch sonst keinen Skandalisierungsjournalismus oder Betroffenheitstourismus."

Stimmt schon.

Aber was wir jetzt und sofort unbedingt brauchen, ist die ... hm ... Vorratsdatenspeicherung, weil wir sonst ... äh ... nicht wissen, wer in so einem Flugzeug saß, als es abstürzte, also wir wissen nicht, welche Gefährder und so ... (frei nach Thomas de Maizière, Innenminister).

H.Ewerth, 02.04.2015 22:29
Wenn im Westen Menschen, durch ein Unglück ums leben kommen oder getötet werden, nennt man diese Opfer. Wenn Menschen im Ausland durch die aggressive Politik des Westens getötet werden, wird von "Kollateralschäden" im Westen geschrieben und gesprochen. Soweit hat es die westliche Propaganda gebracht. Die Mehrheit im Westen hat sich schon so an die Propaganda gewöhnt, dass durch das viele wiederholen es als "Wahrheit" gesehen wird. Deshalb können auch viele im Westen nicht verstehen, woher der Terrorismus oder die Flüchtlinge kommen. Ursachen und Wirkung werden ausgeblendet. EIN IMPERIUM DER SCHANDE um es mit den Worten von Jean Ziegler zu sagen.

Ulrich Hartmann, 02.04.2015 22:06
Dieser Artikel macht mich fassungslos. Daß jemand so hartherzig sein kann, daß er die einen Toten instrumentalisiert, um die Trauer über andere Tote schlechtzumachen - dafür fehlen mir die Worte.

Schwabe, 02.04.2015 13:20
@lupe
Fazit: Unter einer bürgerlich neoliberalen Politik (CDU/CSU, SPD, Grüne, FDP, AfD usw) wird für die Mehrheitsbevölkerung nichts besser, alles wird schlechter. Diese Politik geht bewußt über Leichen! Egal ob es die ignorierten Toten im Autoverkehr sind, Tote durch Drohnenangriffe oder tausende von Toten durch das kaputtsparen des privatisierten Gesundheitswesens (Krankheit als Ware/Kostenfaktor). Wobei - was mich nicht wundern würde - eher gesetzlich Krankenversicherte sterben. In den mittlerweile oft hermetisch abgeriegelten "Komfortzonen" für privat Krankenversicherte in neu gebauten Krankenhäusern wird betimmt genauer hingeschaut bzw. wird mehr in die Reinlichkeit/Keimfreiheit "investiert"!

lupe, 02.04.2015 11:09
"Es könnten auch die Toten im Straßenverkehr betrauert werden"

Richtig. Es müssten aber auch die jährlich mindestens 12000 Toten betrauert werden, die durch multiresistente Keime in Krankenhäusern umkommen. Die Regierungen haben nicht nur nicht getrauert, sondern jahrelang tatenlos zugeschaut.

Tillupp, 02.04.2015 10:46
@ Gottfried Strehler, 01.04.2015 13:43: ...
... Erstaunlich, dass der Co-Pilot nicht als Terrorist eingestuft wurde
Man kann sich ausmalen was jetzt alles geschrieben würde, wäre der selbe Mensch mit den selben Beweggründen Nachfahre ausländischer Urgroßeltern oder bei seiner Suche nach Orientierung kurz vorher zum Islam konvertiert. Umgekehrt sollten wir unsere Schlüsse ziehen. Nicht jeder Selbstmord(atten)täter ist ein Terrorist. Wahrscheinlich sind die meisten einfach nur krank (depri, schizo, etc.) oder hoffnungslos und bekommen nur zu Lebzeiten zu wenig Aufmerksamkeit.

Schwabe, 02.04.2015 09:49
Was für ein grandioser Artikel!
Vielen Dank an Thomas Rothschild, Kontext und auch an Sahra Wagenknecht!

Ein Artikel der unseren bürgerlichen Politikern (allen voran Frau Merkel) endlich Ihre widerliche Rolle/Politik deutlich bzw. in angemessener Form vor Augen führt.

Der Vergleich mit der Autoindustrie, Drohnenangriffen, etc. ist nicht nur angebracht sondern seit Jahren wenn nicht gar seit Jahrzehnten überfällig!

Eines möchte ich jedoch kritisch anmerken - ohne es selbst genau zu wissen: Ist fliegen wirklich die sicherste Art der Fortbewegung?
Ich wage zu behaupten, es ist der öffentliche Personen Nah- und Fernverkehr. Nicht nur aus ökologischen Gründen sollte dieser flächendeckend in Deutschland (und darüber hinaus) ausgebaut werden! Und nicht wie heute praktiziert - zerstört und überteuert werden.
Wobei ich großen wert auf das Wort "öffentlich" lege! Nicht zu verwechseln mit "privat" ;-).

Kornelia, 01.04.2015 20:09
Aus der Basler Zeitung:

http://bazonline.ch/ausland/europa/Deplatzierte-Selbstdarsteller/story/10690203

Politischer Katastrophentourismus

Doch angemessene Beileidsbekundungen, an deren Aufrichtigkeit zu zweifeln kein Grund besteht, sind etwas anderes als politischer Katastrophentourismus. Handelt es sich bei Ersteren um eine Selbstverständlichkeit, offenbart sich in Letzterem ein seltsames, geradezu vordemokratisches Staatsverständnis: als müssten Staats- und Regierungschefs bei Bergungsarbeiten eine Führungsrolle demonstrieren wie mittelalterliche Fürsten, die an der Spitze ihrer Heere ins Feld zogen.

Derartige PR-Stunts sind nichts als ein peinliches Sich-hinein-Drängen in das Leid fremder Menschen und in die Fernsehbildschirme, ein deplatzierter Akt, der keinen Sinn hat und keinen Zweck erfüllt – ausser dem der Selbstdarstellung.

Kornelia, 01.04.2015 14:54
Event- und Kampagnen-Marketing!
Alles gehorcht den Bedingungen des Marktes, bzw einiger weniger Strippenzieher und deren Erfüllungsgehilfen (Journalisten): Menschlichkeit ist mehr denn je ein kalter Markt gworden (früher haben sich auch deswegen Diktatoren gern mit Kindern ablichten lassen: seht her ich bin ganz lieb!)

Damals wie heute: im Alltag versagen, aber für Familienfotos den Guten hervorheben!
1 500 000 Kinder leben in Armutsfalle: Mitgefühl fehlanzeige
Griechen bringen sich und ihre Kinder um: M.F.
Immer mehr Rentner leben aus der Tonne: M.F.
Oder
In Schuttgart leben 1000de von Kesselkindern, müssen Dreck schlucken, unglaublichen Lärm ertragen, ihnen wird die Lebensgrundlage und Zukunft geklaut! (Generationen-Imperialismus! Karen DUWE: wie Egoisten,Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen)
Mitgefühl? Fehlanzeige!

PS: DAS ist ein Bild mit SymbolCharakter: die Hofgang-Anlage des katharinen stifts! Sowas für den Landtag oder für Zetsche und co? Undenkbar!

Gottfried Strehler, 01.04.2015 13:43
Scheinheilige Politiker - noch schlimmer "Staatsoberhäupter", die auch jedes Ereignis für ihren Medienauftritt nutzen - schlimm!
Erstaunlich, dass der Co-Pilot nicht als Terrorist eingestuft wurde.
Auch verwunderlich, dass die Fahrtenschreiber keine Signale senden und geortet werden können in unserer überwachten Welt.

Tillupp, 01.04.2015 13:43
Was soll dieser Artikel in einer Wochezeitschrift mit Reginalbezug?
150 Tote, na und. Alle 2-3 Wochen sterben insgesamt ca. 150 Menschen im Straßenverkehr (3368 Tote/365 Tage) auf Europa bezogen sogar 70/Tag (2014: 25700 Unfalltote), und keiner schert sich drum. Aber wenn was aus der Luft abstürzt dann ist gleich Staatstrauer angesagt, der Präsidentenparrer FLIEGT aus Südamerika zurück um seine Trauermine aufzusetzen und die Gespräche mit Griechenland werden ausgesetzt (ebenso wie das Hirn). Es sei hier nochmal jedem gesagt: Die Schwerkraft gilt überall, auch in der Luft, und wer in so ein Ding einsteigt und abhebt kommt auch wieder runter- GARANTIERT! Aus diesem Unfall kann man gar nichts lernen, außer vielleicht, dass immer 2 Personen im Cockpit sein müssen (ich frage mich, warum die Amis das schon immer so gemacht haben, die Europäer aber nicht). Das Flugzeug hatte trotz seines Alters von 25Jahren keine Probleme. Wir brauchen weder eine Aufweichung der Schweigepflicht, noch eine Flugzeugsteuerung vom Boden aus, und auch sonst keinen Skandalisierungsjournalismus oder Betroffenheitstourismus. Wenn Politiker da hin fliegen, dann sollen sie auch mit anpacken, aber nicht nur rumstehen und gaffen.

denbaadersihrandi, 01.04.2015 13:20
Wie in der Artikel von einem Flugzeugunglück auf die Automobilindustrie kommt ist schon etwas krampfhaft an den Haaren herbei gezogen.
Die Branche hat sicher jede Menge Dreck am stecken.
Aber die Autos sind meiner Meinung nach sehr hoch entwickelt und relativ sicher.
Wenn ich mir die anschau wie 18 jährige mit getunten Corsas durch die Landschaft rasen und dazu noch überforderte Rentner und die Alkoholfahrer rechne,dann sind 3000 Tote vielleicht garnicht so übel .

Was soll denn noch alles verbaut werden?

Technik ist auch nicht fehlerfrei.

Sensoren könnn bespielsweise vereisen.

So geschehen bei einem Flug einer A320 von Bilbao nach München.
Der Flieger ging in den Sinkflug über.Er wär direkt in den Boden geknallt wenn nicht ein erfahrener Pilot den Computer ausgeschaltet hätte.

Da solltet ihr Superreporter mal nachhacken.

Sind viele Piloten am Tag nach dem Absturz wirklich nicht geflogen weil sie so betroffen waren oder hatten sie Sicherheitsbedenken?

Da wurden Diskussionen auffällig schnell beendet.Es war ja ein Schuldiger präsentiert worden.Wehren kann der sich nicht mehr ,soviel steht fest.

Wer hat bisher die Aufnahmen vom Voicerecorder gehört?

Warum wird die Blackbox nicht gefunden?Obwohl die selbst unter Wasser noch Signale sendet.

Was hätte es für finanzielle Auswirkungen wenn es doch ein technischer Defekt gewesen wäre.

Der dann auch noch bekannt war.

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Ausgabe 302 / Lidl lohnt sich – für einen / Schwabe, 14.01.2017 21:10
Manfred Lieb tut so als sei der Milliardär Schwarz ein ganz normaler Steuerbürger der sich an Recht und Gesetz hält "...aber dies ist nicht einem Steuerbürger (Manfred Lieb meint damit den Milliardär Schwarz) anzulasten..." oder "Man...

Ausgabe 302 / Weg mit den Klammern / Rolf Steiner, 14.01.2017 18:17
Die "Law- and Order-Politik-Amateure" und auch Kretschmann haben einen herben Rückschlag erlitten. Die übereifrigen Kommandeure im Bund und in den Ländern sind allesamt auf eine skandalöse Fehlbeurteilung der Kölner Polizei herein...

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