KONTEXT Extra:
Fahrverbote beschlossen – Nordost-Ring vom Tisch

Wie ein Gespenst geisterte seit Wochen ein vor fast 40 Jahren beerdigtes Verkehrsprojekt durch die Debatte um Feinstaubalarmtage und Fahrverbote in der Landeshauptstadt: der Nordost-Ring. Jetzt hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) allen Spekulationen eine Absage erteilt. Auch deswegen, weil die Baumaßnahme entgegen den Behauptungen von Teilen der CDU keineswegs bereits im Bundesverkehrswegeplan steht. "Dort geht es um neun Kilometer der B 29", so Hermann nach dem heutigen Kabinettsbeschluss zu Fahrverboten ab 1.1.2018 an Feinstaubtagen, den schlussendlich auch die CDU-Landtagsfraktion mittrug.

Prompt gab es Lob von Umwelt- und Naturschützern. Hermann habe erkannt, so die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, "wenn nicht zeitnah effiziente Maßnahmen greifen, so werden die Gerichte die Entscheidungen zum Schutze der Bürger*innen treffen und die Politik das Heft aus der Hand geben müssen". Die Stuttgarter CDU ist noch nicht ganz so weit. Für den Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann sind Fahrverbote weiterhin "politisch klar abzulehnen". Und er träumt von Nordost-Ring: Jetzt gelte es "endlich neue Verkehrsprojekte wie den Nord-Ost-Ring auf den Weg zu bringen". Hermann machte dagegen deutlich, dass das nach dem eben erst in Kraft gesetzten Bundesverkehrswegeplan gar nicht möglich ist. 

In den Sechzigern und Siebzigern waren zwei Varianten durchdacht worden: eine größere mit einem Autobahnzubringer bei Mundelsheim und eine kleinere etwa auf der Gemarkungsgrenze zwischen Waiblingen und Fellbach. Schon damals vertraten Verkehrswissenschaftler allerdings die Ansicht, dass ein Ringschluss rund um Stuttgaart weniger die Stadt, sondern die Autobahnen im Westen und Süden entlasten würde.


Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kir¬che ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


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Foto: Jo E. Röttgers

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Ausgabe 142
Politik

Das Phantom von Pforzheim

Von Jürgen Lessat
Datum: 18.12.2013
Am vergangenen Mittwoch hat der baden-württembergische Landtag einen zweiten Untersuchungsausschuss eingesetzt, um die Umstände des gewaltsamen Polizeieinsatzes im Stuttgarter Schlossgarten im Herbst 2010 aufzuklären. Die wichtigste Figur dabei, der frühere CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus, ist von der Bildfläche verschwunden. Kontext hat sich auf die Suche gemacht.

Irgendetwas ist faul im Staate. Zumindest in jenem, in dem Landesfürst Stefan Mappus das Zepter schwang. Zwei Zäsuren fallen in die kurze, 15-monatige Regentschaft des vorläufig letzten CDU-Ministerpräsidenten im Musterland. Die Schlossgarten-Räumung am Schwarzen Donnerstag 2010, in dessen Verlauf "Freunde und Helfer" mit Reizgas, Prügelstöcken und Wasserkanonen auf Bürger losgingen. In der Mehrzahl Schüler und Rentner hatten sich damals vor jahrhundertealte Parkbäume gestellt, die dem milliardenteuren Bahnprojekt Stuttgart 21 im Weg standen. Und da ist der inzwischen vom Staatsgerichtshof als verfassungswidrig erklärte EnBW-Deal, bei dem das Land in einer geheimen Nacht-und-Nebel-Aktion dem französischen Staatskonzern EDF für 4,7 Milliarden Euro den 45-Prozent-Aktienanteil am Karlsruher Energieriesen EnBW abkaufte.

Schwarzer Donnerstag in Stuttgarts Schlossgarten. Foto: Lessat
Schwarzer Donnerstag in Stuttgarts Schlossgarten. Foto: Lessat

Ersteres hätte leicht Menschenleben kosten können. Letzteres soll 780 Millionen Euro zu viel gekostet haben, wegen eines überhöhten Aktienpreises, so jüngst ein Gutachten. In beiden Fällen spielte der damalige "Landesvater" eine entscheidende Rolle, wie weniger die zuständige Stuttgarter Staatsanwaltschaft als vielmehr Journalisten aufdeckten. Zuletzt berichteten "Stuttgarter Zeitung" und "Spiegel" Anfang Dezember über neu aufgetauchte Mails, die eine Einflussnahme der Regierung auf die Schlossgarten-Polizeiaktion nahelegen. Sie waren dem ersten U-Ausschuss noch zu Zeiten der damaligen schwarz-gelben Regierungskoalition offenbar vorenthalten worden. Mappus selbst reagierte nur schriftlich auf die neuen Vorwürfe: "Das ist eine Fortsetzung der Hetzjagd gegen die CDU und meine Person, um von einer völlig verkorksten Regierungspolitik von Grün-Rot in diesem Land abzulenken", ließ er über seine Anwälte verkünden.

Der Mann, der als Ministerpräsident (Februar 2010 bis Mai 2011) und CDU-Landesvorsitzender (November 2009 bis Juli 2011) auf fast jedem Schützenfest präsent war, in alle Mikrofone sprach, sobald sich die Gelegenheit bot, ist seit Längerem abgetaucht. Öffentliche Auftritte des Hans-Dampf-Rambos beschränkten sich zuletzt auf Vernehmungen in den beiden Landtagsausschüssen. Der "Pforzheimer Zeitung", dem Blatt seines Wohnortes, gewährte er Ende November ein Interview, in dem er seine Unschuld in Sachen EnBW-Deal beteuerte: "In ökonomischer Hinsicht würde ich dasselbe jederzeit nochmals tun, im Wissen der rechtlichen Würdigung durch den Staatsgerichtshof natürlich nicht." Das war vor Bekanntwerden der vertuschten Mails zum Schwarzen Donnerstag.

Last Mappus-Tweet.
Last Mappus-Tweet.

Die Chronik seines Verschwindens beginnt mit der verlorenen Landtagswahl am 27. März 2011. Nicht nur die S-21-Prügeleien, sondern auch Mappus' energiepolitischer Atomkurs hatte kurz nach der Fukushima-Katastrophe in die Niederlage geführt. Zwei Tage vor dem Wahltag hatte der Premier unter @s_mappus getwittert: "Abschlusskundgebung der CDU mit Angela Merkel in Mannheim. Mit der CDU bleibt Baden-Württemberg auch in Zukunft auf Erfolgskurs." Über ein zweites Twitter-Konto (@stefanmappus) verbreitete er noch länger Kurzbotschaften, an denen sich auch der Bedeutungsverlust ablesen lässt. "Heute Vormittag eröffne ich den Mannheimer Maimarkt. Bis zum 10. Mai werden die Tore für Besucher geöffnet sein", twitterte er ein letztes Mal am 30. April 2011. Seitdem warten 425 Follower vergeblich auf Neuigkeiten.

Gelöscht ist seit Längerem auch Mappus' Facebook-Profil. Es wäre ohnehin sinnlos, denn Freunde hat der ehemalige Ministerpräsident offenbar keine mehr. Heute bekennen sich nicht einmal diejenigen zum einstigen CDU-Haudrauf, die sich früher im Glanze seiner Macht sonnten und bisweilen bis zur peinlichen Selbstverleugnung unterordneten. "Die Geschäftsführerin ist nicht zu sprechen", blockt die Bonner Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit eine Kontext-Anfrage ab. An der Spitze der bundeseigenen GIZ mit Sitz in Bonn und Eschborn steht seit Juli 2012 Tanja Gönner. Als baden-württembergische Verkehrs- und Umweltministerin hatte die Sigmaringer Mappus-Vertraute wie ihr Chef vehement Stuttgart 21 ("Da bin ich bei Ihnen") und Atomkraft ("Notwendige Brückentechnologie") verfochten.

Mappus-Montagen: Martin Storz
Mappus-Montagen: Martin Storz

Selbst an alter Wirkungsstätte will keiner mehr mit dem Ex-MP. "Im Rahmen der Fraktionsarbeit gibt keinen Kontakt mehr mit Herrn Mappus, da dieser keine politische Funktion mehr in Baden-Württemberg hat", betont Isabel Kling, Pressesprecherin der CDU-Landtagsfraktion. Fraktionschef Peter Hauk konnte bekanntlich noch nie besonders gut mit Mappus, und umgekehrt. Nicht viel anders äußert sich Ulrich Müller. "Würden wir uns treffen, wäre gleich von Manipulation die Rede", sagt der CDU-Landtagsabgeordnete aus dem oberschwäbischen Weingarten. Im Februar 2012 noch hatte der 68-Jährige als Vorsitzender des EnBW-Untersuchungsausschusses vertrauliche Unterlagen an Mappus nächtens auf einem Autobahnparkplatz weitergegeben. Das konspirative Treffen war ein Jahr später aufgeflogen, was Müller den Job als Ausschussvorsitzender kostete.

Nichts mehr über den gefallenen Regierungschef verrät auch die eigene Homepage im Internet: www.stefan-mappus.de ist abgeschaltet. Die Hostinggebühr zahlt weiter der CDU-Landesverband. Doch der Domain-Namensgeber ist in der Geschäftsstelle im Stuttgarter Westen nicht existent. "Ich hab ihn zuletzt im Fernsehen gesehen", sagt Pressesprecher Andreas Maier am Tinkhof, dem die Nachfrage nach dem einstigen christdemokratischen Superstar fast die Sprache verschlägt. Kontaktaufnahme, wie ist die möglich? "Ich kann Ihnen nur raten, es über seine Anwälte zu versuchen", meint er nur.

Mappus-Villa in Pforzheim. Foto: Jo E. Röttgers
Mappus-Villa in Pforzheim. Foto: Jo E. Röttgers

Gesagt, getan. Doch auch ein Anruf beim Stuttgarter Rechtsanwalt Christoph Kleiner (Handels- und Gesellschaftsrecht, Kartellrecht, Unternehmenskauf, Gewerblicher Rechtsschutz und Urheberrecht, Wettbewerbsrecht), der Mappus gemeinsam mit dem Essener Promi-Advokaten Stephan Holthoff-Pförtner (Mandanten: Altkanzler Helmut Kohl, Duisburgs OB Adolf Sauerland) aus allem raushauen soll, führt nicht weiter. "Herr Doktor Kleiner ist den ganzen Tag in Sitzungen", verspricht die Büroleiterin zum Interviewwunsch mit Mappus einen Rückruf, der nie erfolgt.

Spurensuche in Pforzheim, wo die Familie Mappus (Vater, Mutter, zwei Söhne) lebt. Das massiv umzäunte, kaum einsehbare Domizil im vornehmsten Wohngebiet der Schmuckstadt, oberhalb der Nagold mit Blick auf Schwarzwaldhöhen, fällt durch eine Garage auf, die größer als übliche Behausungen kinderreicher Hartz-IV-Empfänger ist. Das Anwesen liegt am vergangenen Freitagnachmittag, als Kontext zu Besuch kommt, verlassen da. Medienandrang herrschte hier im Juli 2012, als die Staatsanwaltschaft zur Hausdurchsuchung in Sachen EnBW anrückte. Anders als beim ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, dessen Haus wochenlang von Journalisten belagert wurde, zogen die Reporter in Pforzheim schnell wieder ab. Bekanntlich wehrt sich Wulff derzeit in Hannover vor Gericht gegen eine Strafbefehl wegen Vorteilsnahme von 400 Euro. Beim EnBW-Deal soll Mappus nach dem jüngsten Gutachten die 1,95 Millionen-fache Summe an Staatsgeldern unnötig verbrannt haben, freilich ohne sich bislang einem Richter stellen zu müssen.

Kameraüberwachtes Garagentor. Foto: Jo E. Röttgers
Kameraüberwachtes Garagentor. Foto: Jo E. Röttgers

An der Klingel über der Hausnummer fehlt das Namensschild. Wer sie drückt, aktiviert bei Abwesenheit der Bewohner anscheinend Überwachungskameras, die den Besuchswunsch per Livebild aufs Smartphone übertragen. Wenige Minuten später fährt Susanne Verweyen-Mappus vor. "Mein Mann ist arbeiten", sagt die Hausherrin. Und gibt auf Nachfragen unerwartet Privates preis. "Dass die momentane Situation auch unser Familienleben beeinflusst, kann sich jeder vorstellen." Im nächsten Satz schon ist dieses Eingeständnis Kampfeswillen gewichen. Es sei doch nur wieder eine weitere Facette eines durchschaubaren Spiels, wischt sie die aufgetauchten Mails weg, zu denen ihr Mann wohl demnächst erneut in Stuttgart Stellung beziehen muss. "Mehr will ich dazu nicht sagen", beendet die einstige First Lady das Garagentorgespräch. Verweyen-Mappus denkt und spricht noch immer politisch: Sie wurde in der Jungen Union von Ronald Pofalla, dem späteren General der Bundes-CDU und bis vor Kurzem Kanzleramtschef von Angela Merkel, als politisches Talent entdeckt. Sie organisierte die Junge Union auf Bundesebene, bis sie 1998 vom damaligen CDU-Landeschef Erwin Teufel als Landesgeschäftsführerin der Partei nach Baden-Württemberg geholt wurde und dort ihren Ehemann kennenlernte.

Arbeitsplatzwechsel: statt Brasilien nun Unterschleißheim

Exakt 260 Kilometer liegen zwischen dem Pforzheimer Mappus-Wohnhaus und dem Software-und Beratungsunternehmen pmOne in Unterschleißheim nahe München, bei dem das Familienoberhaupt seit diesem Sommer als Berater tätig ist. Die Fahrt dorthin kann sich Kontext sparen. "Herr Mappus hat auf die Zentrale umgestellt und ist nicht im Hause", bedauert eine Mitarbeiterin bei telefonischer Kontaktaufnahme. Gern nimmt sie einen Rückruf-Wunsch auf.

Der Beraterjob ist die zweite Anschlussverwendung von Mappus nach der Abwahl als Ministerpräsident. Ein Managerjob in Brasilien beim Pharmariesen Merck wurde nach Bekanntwerden der EnBW-Affäre annulliert. Ohne Arbeit müsste die Mappus-Familie jetzt vom Ersparten leben. Im Mai 2013 endeten die Bezüge, die Mappus über insgesamt zwei Jahre zustanden (drei Monate lang rund 15 000 Euro, danach der hälftige Betrag). Weitere acht Jahre muss der heute 47-jährige Expremier mindestens frische Kohle ranschaffen. Mit dem 55. Geburtstag hat er dann Anspruch auf "Altersentschädigung" nach dem Abgeordnetengesetz in Höhe von 2876 Euro pro Monat. Mit 58 Jahren kommt die Pension als ehemaliges Regierungsmitglied obendrauf. Beides summiert sich nach heutigem Stand auf etwa 8000 Euro monatlich. Eine "Alters"versorgung, von der Otto Normalbürger nur träumen kann.

Ob Stefan Mappus seinen frühen Lebensabend sorglos genießen kann, ist fraglich. Sollte ein zweiter U-Ausschuss aufdecken, dass es doch eine Einflussnahme vom Regierungssitz Villa Reitzenstein aus auf die Polizeiaktion im Schlossgarten gab, drohen bis zu fünf Jahre Haft wegen Falschaussage. Der EnBW-Deal könnte die wirtschaftliche Existenz der Familie gefährden. Schadenersatz für die verbrannten Aktienmillionen steht im Raum. "Inwiefern Ansprüche bestehen, wird derzeit geprüft", beantwortet Finanz- und Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) eine Kontext-Anfrage. Die strittige Summe ließe sich von allen Beteiligten nicht aus der Portokasse begleichen. Bei Mappus könnte das luxuriöse Pforzheimer Domizil, später auch die Altersbezüge abzüglich eines Existenzminimums zur Pfändung anstehen, um gerichtlich festgestellten Schaden auszugleichen.

In Pforzheim stehen sie noch zum Ex-MP

Vor Ort ist der Ex-MP trotz aller Affären weiter ein Unschuldslamm. "Auf Stefan Mappus lass ich nichts Schlechtes kommen", sagt die77-jährige Nachbarin von gegenüber. Man grüße sich freundlich und nehme auch Päckchen gegenseitig an. "Es ist eine super Nachbarschaft", lobt sie überschwänglich. "Er tut mir leid, weil er auch Pech gehabt hat", bedauert eine andere ältere Anwohnerin, dass die Atommeiler im fernen Japan ausgerechnet kurz vor der hiesigen Landtagswahl in die Luft geflogen sind. "Ohne Fukushima wäre Mappus noch unser Ministerpräsident", glaubt sie.

Auf der Rückfahrt nach Stuttgart taucht der "Stefan-Mappus-Steg" im Nebel auf. Den Bau der 200 000 Euro teuren Fußgängerbrücke, die Pforzheim und die 3000-Seelen-Gemeinde Wurmberg über die achtspurige A 8 verbindet, hatte Mappus als CDU-Fraktionschef vor Jahren im Landtag durchgesetzt. Zur Steg-Einweihung im September 2012 lud der Wurmberger CDU-Ortsverband zur Hocketse. Mappus kam mit Frau und Kindern. Kurz vorher war bekannt geworden, dass er die Festplatte seines Dienstcomputers in der Villa Reitzenstein gelöscht hatte. "Bei dem, was alles an Falschmeldungen über mich verbreitet wird, bekommt man fast Lust darauf, wieder Politik zu machen", sagte der Ex-Regierungschef damals auch vor einem SWR-Fernsehteam, das an einer Doku über den EnBW-Deal arbeitete. Das Fest mitten im Wurmberger Wald blieb der bislang letzte öffentliche Auftritt von Stefan Mappus außerhalb der Sitzungen des U-Ausschusses im Landtag, an denen er wie früher viel redete. Bei der Gedenkfeier für Manfred Rommel, den früheren Stuttgarter OB, im vergangenen November war er nur schweigende Randfigur. Schnell verschwindet der Mappus-Steg, der offiziell Jägersteg heißt, wieder im dichten Nebel. Weiter Richtung Stuttgart klart der Himmel immer mehr auf.


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Kommentare

Uwe, 24.12.2013 11:30
Man fragt sich: was genau qualifiziert Mappus für seinen Job als Berater bei pmONE? Was tut der da genau? Oder ist das auch so ein fauler Deal : "Gibst Du meinem gestürzten Parteifreund ein Versorgungs-Pöschtle dann geb ich Dir einen Auftrag"? Die Amigowirtschaft ist ja in Bayern nicht unbekannt.

Liane, 20.12.2013 11:11
DAS Argument FÜR Mappus war damals:
er ist ein guter Netzwerkler......... Stimmt, wie gut weiß man jetzt über Müllers Autobahn-Nachtaktion

und schau doch auch zum Schuster!
da wollten nach dem überragenden Über-vater einige (sogar gott-selbst Rommel) lieber eine unscheinbare, nicht besonders erfolgreichen (siehe Schuster als Kultur-Bürgermeister) Mann da stehen haben.
"Große" Menschen mögen die Hintermänner nur wenn sie tot sind!
und wie sah Schusters CDU aus? Zerrissen und hochgradig gespalten!
so sieht Demokratie a la CDU aus: einer entscheidet und alle hoppeln hinterher!
Die sind immer stark im Auftreten wenn sie einen klar definierten Feind haben!! da halten sie dann wie ein Mann zusammen!

maguscarolus, 19.12.2013 15:29
Alleine seine Schandtaten haben den Herrn Mappus nicht zu Fall gebracht. Man darf davon aus gehen, dass er Ambitionen hatte, die "höheren Ortes" Missfallen erregt haben.

Wenn man das "Pech" nennen will ...

Andi, 19.12.2013 11:59
Lieber Peter - es gibt nur den einen,
und ich denk noch - so einfach kann Politik doch nicht sein!
Jetzt hat sich die CDU so angestrengt den Stefan Mappus aus der Kurve fliegen zu lassen und keiner hat`s gemerkt. Und dafür auch gleich noch die Regierungsmacht in Baden-Württemberg zu opfern wäre doch nicht nötig gewesen Peter!
Nochmals vielen Dank für die (politische) Aufklärung - auch an Liane.

Peter - es gibt nur den einen!, 19.12.2013 09:39
@Andi
Völlig unpolitisch gedacht - nicht nur von dem Weiblein aus Pforzebach.
SM ist nicht an Fukushima gescheitert, sondern natürlich an der CDU. Diese hat nicht nur aber insbesondere in BaWü zwei Teile (Flügel will ich das nicht nennen): extrem reaktionär (von Filbinger über Teufel bis einschließlich Schavan) und reaktionär (von Späth über Oettinger oder auch Andreas Renner (kurzzeitig Sozialminister unter Oettinger)). Und immer dann, wenn sich die beiden Teile ausgiebig beharken, kommen in BaWü ganz am Rande auch mal andere zum Zuge - so wie jetzt der Vorsitzende des Katholischen Bundes Westdeutschlands.
Mappus hat einfach _innerhalb_ der CDU zu sehr den Mafiosi rausgehängt und, und(1) teilweise ganz offen die vermeintliche Liberalität von Schavans Freundin versucht verächtlich zu machen. Da hat Angie (für ihre Freundin Schavan) die Notbremse gezogen und kurzerhand den Atomausstieg - gegen mehrere ausdrückliche Parteibeschlüsse - aus dem Hut gezogen, weil sich BaWü (CDU, insbes. SM) und Bayern (CSU) für die kurz zuvor erfolgte Laufzeitverlängerung etwas zu sehr in die Bresche geworfen hatten. Diese Bresche war damit der wunde Punkt von SM. In genau den musste AS den legen und schwupps fliegt das Schweinchen aus der Kurve. [Anmerkung: Fukushima interessiert das Merkel bis heut nicht die Bohne.]
S(chwachsinn21) hat mit dem Schlachten vom Schweinchen nicht das Geringste zu tun, sieht man ja auch den nicht stattgehabten "Erfolgen" im Zusammenhang mit S(chwachsinn)21. Das Schlachtfest war ein strikt innerparteiliches der CDU-BaWü. 2016 ist das Schlachtfest vorbei und Kretsche macht schön brav die Krätsche, nicht ohne sich auch noch bei der CDU für fünf Jahre als erster hinter dem Pfarrer aus der Kirche laufen zu düfen, zu bedanken.

Andromeda, 18.12.2013 23:51
Politik , Wirtschaft und organisierte Kriminalität bilden eine Melange
so synonym der Sprecher des Bundes der deutschen Kriminalbeamten Dolata bei Erwin Pelzig im BR.
Ich pflichte Stefan bei , meiner Meinung nach sollte man jeden Tag so eine Party feiern können ; leider wäre das noch immer viel zu wenig um eine vernünftige Entwicklung in Gang zu setzen.

Ulrich Frank, 18.12.2013 18:21
Guter Artikel mit Zeit- und Sittenbild. Einzig ein Detail wäre m.E. vielleicht dahingehend zu ändern daß Herr Mappus sich ja nicht damit zufriedengab die Festplatte zu löschen sondern, in teilweisem Unverstand, gleich ganze Sache machen ließ (wenn schon dann schon):" "Dass es Stefan Mappus nicht reichte, die Daten einfach zu löschen, sondern er gleich die ganze Festplatte zerstören lässt, schürt den Verdacht, dass uns immer noch Korrespondenz vorenthalten wird", sagte der Grünen-Obmann im EnBW-Untersuchungsausschuss, Uli Sckerl, in Stuttgart" - http://www.sueddeutsche.de/politik/daten-geloescht-zu-enbw-deal-mappus-liess-festplatte-vernichten-1.1448035; 23.Aug.2012. - Es wäre schon interessant zu erfahren ob Herr Mappus zumindest für diese von ihm angestiftete Zerstörung von Landeseigentum zur Kasse gebeten wurde - sonst ist ja Eigentum seiner Partei mehr als heilig.

fildersozi, 18.12.2013 18:06
Lebenslänglich Hartz IV für alle Steuerverschwender!

Liane, 18.12.2013 14:49
@Andi: Umfragen wen interessieren die?
Die Stimmung war nicht besonders gut FÜR Mappus. auch oder gerade ohne Gegner, die hatte er nämlich zuhauf in der eigenen Fraktion in der eigenen Wählerschaft......
ich denke eher das öffentlich-sichtbare Vorhanden-sein der Widerständler hat viele wieder in Reih und Glied gebracht..
nur genau da ist auch das Problem: ohne Demo - die Jahre davor- hat man die Argumente nicht hören wollen!!!! und als die Leute dann laut wurden war es auch nicht richtig
bis heute weiss ich nicht wie Parteiler denn Demokratie wollen!

mich erinnert das immer an Kind: wenn ich leise Anweisungen gebe, überhört es mich wenn ich dann ab dem 3. mal laut werde krieg ich zu hören ich solle nicht so schreien.....
gilt übrigens auch Kind an Eltern!!

Andi, 18.12.2013 12:30
Wie formuliert es die Nachbarin von Mappus so treffend: "...weil er auch Pech gehabt hat (..) Ohne Fukushima wäre Mappus noch unser Ministerpräsident". Davon bin auch ich fest überzeugt!

Wer sich erinnert - die Umfragewerte/Stimmung vor der Wahl war so, dass der Widerstand allein die Abwahl der CDU vermutlich nicht geschafft hätte.

Ich bin fest davon überzeugt, dass kein (CDU) Politiker, kein CDU dominierter Untersuchungsausschuß und keine Justiz Mappus nach einem Wahlsieg am weiter Regieren gehindert hätte. Armes Baden-Württemberg, armes Deutschland.

Stefan, 18.12.2013 10:18
sollte dieser kerl eines tages in knast kommen, wird das eine große genugtuung sein und ich hab schon zu meinen jungs gesagt, da mach ich ne party. ganz ehrlich.

sorry, kein mitleid. da kenn ich nix. der typ hat so viel leid und schande über stuttgart und bawü gebracht.

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