KONTEXT Extra:
Zwei Afd-Fraktionen im Landtag zulässig

Nach dem von der Landtagsverwaltung in Auftrag gegebenen Gutachten zur Vertretung der "Alternative für Deutschland" (AfD) im baden-württembergischen Parlament gibt es keine Handhabe gegen die Parallelfraktion. Die Professoren Christofer Lenz, Martin Morlok und Martin Nettesheim schreiben in ihrer 35-seitigen Stellungnahme: Der unter der Bezeichnung "Fraktion der Alternative für Baden-Württemberg im Landtag von Baden-Württemberg" auftretende Zusammenschluss von 14 der AfD angehörenden Abgeordneten sei "seit seiner Konstituierung am 06.07.2016 eine Fraktion im Sinne der Geschäftsordnung des Landtags". Einer Anerkennung bedürfe es nicht. Es bestünden keine über den Wortlaut Geschäftsordnung "hinausgehende, rechtliche Anforderungen an die Zulässigkeit einer Fraktionsbildung".

Auch das "Verbot der Fraktionsvermehrung" greift nach Einschätzung der Gutachter nicht. "Der Landtag würde die verfassungsrechtlichen Grenzen seiner Geschäftsordnungsautonomie aber nicht überschreiten", heißt es weiter, "wenn er eine Regelung erließe, die die Gründung einer 'Parallelfraktion' untersagt." Einer bereits bestehenden Fraktion ist der Status aber auch dadurch nicht zu nehmen. Denn: "Eine derartige Regelung dürfte nur mit Wirkung für die Zukunft erlassen werden, zweckmäßigerweise zum Zeitpunkt des Zusammentritts des neuen Landtag."

Damit müssen sich die anderen Fraktionen, wenn der AfD-Bundes- und Landessprecher Jörg Meuthen mit den Bemühungen eines Zusammenschlusses unter seiner Führung keinen Erfolg hat, weiterhin mit mindestens zwei rechtspopulistischen Rednern und Rednerinnen zu jedem Tagesordnungspunkt abfinden. Die geschätzen Kosten der Spaltung für die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen liegen bei drei Millionen Euro. Denn auch die zweite AfD-Fraktion hat ein Recht auf die allen anderen zustehende finanzielle Ausstattung. (25.7.2016)


Zweiter NSU-Ausschuss: Geheimdienste auf der Theresienwiese?

Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags hat in seiner konstituierenden Sitzung am Donnerstag die ersten zwei Zeugen benannt. Sie sollen nach den Worten des Vorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) Auskunft darüber geben, "ob sich am Tag des Anschlags auf die beiden Polizeibeamten in Heilbronn Geheimdienste am oder in der Nähe des Tatorts befunden" haben.

Im ersten Ausschuss in der vergangenen Legislaturperiode hatte der Journalist und NSU-Experte Rainer Nübel als Sachverständiger dazu Stellung genommen. "Er verwies", wie es im Abschlussbericht heißt, "zunächst auf die mutmaßliche Anwesenheit der Defence Intelligence Agency (DIA) zur Tatzeit am Tatort". Mitte November 2011 habe er, wie Nübel weiter zitiert wird, eine Nachricht von der "Stern"-Redaktion in Hamburg erhalten, wonach ein dort vorliegendes Papier ein mutmaßliches Observationsprotokoll des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA darstelle. Daraus gehe hervor, dass zur Tatzeit eine Observation von "M. K." und einer weiteren, nicht näher definierten Person durch US-Agenten stattgefunden habe. Zumindest eine dieser beiden Personen habe zuvor bei der Santander-Bank 2,3 Millionen Dollar oder Euro abgeholt. Und weiter: "Sicherheitsbeamte entweder aus Baden-Württemberg oder Bayern sollten präsent gewesen sein und die Operation aufgrund eines 'Shooting Incident' zwischen 'White Wings', also Neonazis bzw. Rechtsextremisten, und einer Polizeistreife abgebrochen worden sein."

Nübel hatte bei seinem Auftritt als Sachverständiger umfangreiche Ausführungen zu den eigenen Recherchen gemacht. Aus Zeitgründen und angesichts des Endes der Legislaturperiode, so Drexler, der auch den ersten Ausschuss führte, habe diesem Komplex aber nicht mehr detailliert nachgegangen werden können. Im Einsatzbeschluss des zweiten Gremiums heißt es jetzt, insbesondere sei zu klären, ob "Angehörige von ausländischen Sicherheitsbehörden auf der Theresienwiese oder in der Umgebung im Umfeld des Mordanschlags am 25. April 2007 anwesend waren, ob und welche Rolle diese beim Tatgeschehen gespielt und welche Erkenntnisse dazu bei deutschen Sicherheits- und Ermittlungsbehörden vorgelegen haben". Die erste öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses findet am 19. September statt. Gehört werden zum Auftakt auch noch einmal vier Sachverständige.


Keine Nebenabsprache zu Stuttgart 21

Um Streit zu vermeiden, sind laut Winfried Kretschmann die bis zum Wochenanfang geheimen Nebenabreden mit der CDU zusätzlich zum Koalitionsvertrag getroffen worden. Die Aufregung darüber, dass Ausgaben von 1,3 Milliarden Euro ohne Finanzierungsvorbehalt an der Öffentlichkeit vorbei festgeschrieben wurden, versuchte der Regierungschef mit neuen Einblicken in seinen Politikstil zu kontern: "Auch ich muss mal mauscheln, auch ich muss mal dealen." Kein Mensch auf der Erde, der vernünftig Politik machen wolle, kriege das hin ohne Absprachen hinter den Kulissen. Da habe er kein schlechtes Gewissen, denn es sei "unspektakulär", einzelne Maßnahmen zu priorisieren, die grundsätzlich ohnehin im Koalitionsvertrag vereinbart seien.

Unter anderem ist im Detail aufgeführt, dass 325 Millionen Euro ohne Finanzierungsvorbehalt in die Digitalisierung fließen sollen, 100 Millionen in die bessere Ausstattung der Polizei oder 40 Millionen in die Elektromobilität. Der mit 500 Millionen Euro größte Betrag ist allerdings nicht mit konkreten Informationen versehen, die Summe steht für "Investieren/Sanieren (Straße/Schiene, Hochbau, Hochschulen, ...)" zur Verfügung. Der Ministerpräsident widersprach Mutmaßungen, dass in dieser halben Milliarde auch zusätzliche Mittel für Stuttgart 21 über den Kostendeckel hinaus versteckt sein könnten. Für die laufenden Zahlungen gebe es einen Sonderposten im Haushalt. Nebenabsprachen zu diesem Thema hätten nicht stattgefunden.

(19.07.2016)


Die Reichen sind noch viel reicher

Einkommenserhebungen bei Spitzenverdienern aus mehr als 1300 Firmen haben ergeben, dass alle offiziellen Einschätzungen zur wachsenden sozialen Kluft in der Bundesrepublik die Situation beschönigen. Nach den Zahlen, die das ARD-Magazin "Monitor" in diesen Tagen veröffentlichte, verdienen Manager und Vorstände im Durchschnitt nicht 200 000 Euro jährlich, sondern rund eine halbe Million. Die 200 000 Euro sind aber offiziell im sogenannten Sozioökonomischen Panel (SOEP) ausgewiesen, welches wiederum wichtiger Eckpfeifer der bisherigen Armuts- und Reichtums-Berichterstattung in Bund und Ländern ist.

Das Bundesarbeitsministerium will die Daten dort jetzt einfließen lassen, ebenso wie die Erkenntnisse einer in der vergangenen Woche von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie. Danach verdienen die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als die unteren 40 Prozent zusammen. Und die Einkommensungleichheit wächst weiter. In "Monitor" präsentierte Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine vergleichsweise einfache Lösung: "Aus meiner Sicht würde es naheliegen, wieder zu den Steuersätzen zurückzukehren, die wir in den Neunzigerjahren hatten, und das war ein Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer von 53 Prozent." Zurzeit liegt er bei 42 Prozent. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe werden drei Prozentpunkte Reichensteuer hinzugerechnet. Von ihr sind aber nicht einmal ein halbes Prozent der Steuerzahler und Steuerzahlerinnen betroffen.


Stuttgart 21: Großdemo und Umstiegskonzept

Zur Großdemo gegen Stuttgart 21 am kommenden Samstag erwarten die Initiatoren Tausende Teilnehmer. Kontext kommt auch. Mit hübschen neuen Postkarten und Aufklebern!

Heute, Freitag, hat eine Expertengruppe des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 ihr Konzept "Umstieg21" vorgestellt, mit dem die derzeitige Projektbaustelle doch noch zu einem sinnvollen Ende finden könnte. Unter www.umstieg-21.de stellen die Planer ihre Ideen in einer umfänglichen Broschüre dar. "In meinen dreißig Jahren als Literaturkritiker im Fernsehen habe ich nie eine Prosa gelesen, die so wohltuend war, so sinnvoll wohltätig", schreibt der berühmte Schriftsteller aus Freiburg, Jürgen Lodemann, über das Heft. "Endlich wird da nicht mehr nur Nein gesagt, sondern entstand da eine wunderbare Broschüre, die mit Sorgfalt und mit großer Eisenbahnliebe und Stuttgartliebe reale Vorschläge macht, wie man aus dem unverantwortlichen Desaster noch jetzt 'positiv' aussteigen kann - und muss! - das spart tatsächlich immense Kosten und da bleibt im Herzen der Landeshauptstadt keine dauerhaft blamable Bau-Ruine, sondern es entstehen zahlreiche überaus einleuchtende Lösungen rund um einen tollen Kopfbahnhof!"


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Ausgabe 102
Politik

Falsche Zahlen

Von Peter Freytag und Jürgen Lessat
Datum: 13.03.2013
Stimmen die Ausstiegskosten? Nach Recherchen der Kontext:Wochenzeitung haben die Bahnverantwortlichen mit falschen Zahlen operiert und die Kosten um mindestens 250 Millionen Euro zu hoch angesetzt. Damit könnte der jüngste Beschluss des Aufsichtsrats, den unterirdischen Verkehrsknoten zu bauen, zu einem Fall für die Staatsanwaltschaft werden.

Transparente Zahlen zum Grundstücks-Deal bei Stuttgart 21 gab es erst im Oktober 2011. Der damalige Stuttgarter OB Wolfgang Schuster (CDU) bezifferte den Preis von rund 105 Hektar Gleis- und Betriebsflächen auf 424 Millionen Euro. Seit dem Kauf in den Jahren 1999 und 2001 darf die Bahn die Flächen kostenlos nutzen. Der Verkehrswert bezieht sich auf die einst geplante Übergabe der Grundstücke im Jahr 2010.

Bahnchef Rüdiger Grube und Vorstand Volker Kefer haben die Kosten für den Ausstieg aus Stuttgart 21, angeblich zwei Milliarden Euro, nach Recherchen von Kontext um mindestens 210 Millionen zu hoch angesetzt. Damit könnte der jüngste Beschluss des Aufsichtsrats, den unterirdischen Verkehrsknoten zu bauen, zu einem Fall für die Staatsanwaltschaft werden. Brisanz birgt auch ein Brief des Stuttgarter Oberbürgermeisters. Fritz Kuhn wies die Bahnaufseher einen Tag vor ihrem Beschluss auf den entscheidenden Rechenfehler hin.

Mit Stuttgart 21 wird die Deutsche Bahn (DB) wohl immer Verluste einfahren. Doch trotz negativer Eigenkapitalrendite soll der umstrittene Tiefbahnhof weitergebaut werden, entschied der Bahn-Aufsichtsrat in seiner jüngsten Sitzung. Eine Mehrheit des Gremiums folgte am 5. März dem DB-Vorstand, der eine Erhöhung des Finanzierungsrahmens auf 6,526 Milliarden Euro empfohlen hatte. Weiterbauen sei das kleinere Übel, betonte Bahn-Vorstandschef Rüdiger Grube mehrfach. "Aktualisierte Kostenrechnungen" untermauerten die Entscheidung der Gremien: Demnach ist es um 77 Millionen Euro günstiger, den Problembahnhof samt 59 Kilometer Tunnel zu buddeln als – auch nach der jüngsten Kostenexplosion um 2,3 Milliarden Euro – die Notbremse zu ziehen. Nur ein Aufsichtsrat stimmte gegen die Beschlussvorlage des Vorstands, einer enthielt sich.

Die Abweichler unter den Aufsehern lagen richtig, wie Recherchen von Kontext zeigen. Demnach wurden die "entscheidungsrelevanten zusätzlichen Ausstiegskosten" um Hunderte Millionen Euro zu hoch taxiert – zugunsten eines Weiterbaus von S 21 als Ergebnis. Wären alle Zahlen korrekt gewesen, hätte der Aufsichtsrat nichts anderes als das Projektende beschließen müssen. Dazu verpflichtet ihn das deutsche Aktienrecht: Auch ein staatseigener Schienenkonzern ist vor vermeidbarem Schaden zu bewahren. Paragraf 313 Absatz 3 Bürgerliches Gesetzbuch gesteht das Recht auf außerordentliche Kündigung aller Verträge zu.

Keine Transparenz bei Ausstiegskosten 

Stuttgart-21-Kritiker argwöhnten schnell, dass die genannten Ausstiegskosten von zwei Milliarden Euro überhöht sind. Belegen konnten sie es nicht, da der Konzern Nachweise unter Verschluss hält. Mitgliedern des Verkehrsausschusses des Bundestags wurden zwar Unterlagen in einem Datenraum zugänglich gemacht. Sie öffentlich zu kommentieren verbot ihnen der Konzern aber unter Strafandrohung. Etwas Licht ins Dunkel kam Ende Februar, als die Beschlussvorlage für die jüngste Aufsichtsratssitzung an die Presse gelangte. Darin listet der Bahnvorstand ab Seite 7 die "finanziellen Konsequenzen" eines Projektabbruchs grob auf. Größter Posten ist demnach die Rückabwicklung des Grundstücksgeschäfts mit der Stadt Stuttgart. 795 Millionen Euro soll allein dies kosten. Auf Nachfrage verweigert die Konzernzentrale nähere Angaben, wie man auf diese Summe kommt. "Sie können davon ausgehen, dass die Deutsche Bahn schon aus Eigeninteresse mit größter Sorgfalt die Ausstiegskosten ermittelt hat", ließ das Unternehmen über das S-21-Kommunikationsbüro in Stuttgart mitteilen. Nachvollziehen lässt sich die Kostenrechnung somit nicht.

Um diese Flächen geht es.Fakt ist, dass die Stadt Stuttgart im Dezember 2001 der Bahn knapp 105 Hektar Gleis- und Betriebsflächen für 459 Millionen Euro abgekauft hat. Die Flächen mit der Bezeichnung A 2, A 3, C 1, C 2 und D sollen spätestens nach Inbetriebnahme des Tiefbahnhofs für Wohnen und Gewerbe nutzbar sein. Schon beim Kauf vereinbarten die Vertragspartner ein Rücktrittsrecht der Landeshauptstadt. Es greift beim Scheitern von Stuttgart 21. "Hierzu ist vereinbart, dass die DB AG den erhaltenen Verkaufspreis zuzüglich einer Verzinsung von 5,5 % p. a. ab Kaufpreiszahlung Zug um Zug gegen Rückübereignung erstattet", heißt es in einem internen Bahnpapier vom Dezember 2009. Schon damals stand das Projekt nach einer Kostenexplosion auf 4,9 Milliarden Euro auf der Kippe. Für die Grundstücksrücknahme hatte die Bahn damals Rückstellungen von 615 Millionen Euro gebildet. Am 30. Juni 2009 genehmigte der Aufsichtsrat jedoch, die Risikovorsorge aufzulösen. Dies verhalf der Bahn dazu, das damalige Finanzkrisenjahr mit schwarzen Zahlen zu überstehen. Vorstand und Aufsichtsrat rettete es nebenbei millionenschwere Bonuszahlungen. Ende 2009 verkündete der damals neue Bahnchef Grube, dass Stuttgart 21 dank Einsparungen nun knapp 4,2 Milliarden Euro kosten werde.

Mit der im vergangenen Dezember öffentlich gemachten Kostenexplosion wurde der Grundstücksdeal erneut Thema im Berliner Bahn-Tower. Diesmal musste der Vorstand nicht lange rechnen. Denn heute sind die Grundstücke rund 805 Millionen Euro wert, wie erst im Oktober 2011 durch eine Anfrage von Grünen und SÖS/Linke im Stuttgarter Gemeinderat öffentlich wurde. Nur 11 Millionen Euro für das D-Gebiet der Gäubahntrasse zog der Vorstand noch ab, um die Erstattungssumme zu beziffern. Denn der Erhalt der Gäubahn ist bereits als Folgekosten des Geißler'schen Schlichterspruchs in der S-21-Projektrechnung verbucht.

Die Fläche C 1 ist bereits bebaut 

Dennoch sind die vom Vorstand genannten 795 Millionen Euro Rückabwicklungskosten zu hoch. "Nicht auf der Rechnung hat die Bahn das Teilgebiet C 1 im Inneren Nordbahnhof", sagt der Stuttgarter Gemeinderat Peter Pätzold (Grüne). Das über 13 Hektar große Areal, Kaufpreis 2001 knapp 56 Millionen Euro, bleibt auch beim Scheitern des Tiefbahnhofprojekts weiter in Besitz der Landeshauptstadt. Ein Großteil der C-1-Fläche ist längst übergeben, zwei neue Berufsschulen wurden dort gebaut. Die Rückzahlung an die Stadt vermindert sich folglich um den heutigen C-1-Verkehrswert von knapp 123,5 Millionen Euro. "Zusätzlich wären im Ausstiegsfall auch bis zu zwei Drittel der benachbarten C-2- Fläche städtebaulich nutzbar", erwähnt Pätzold. Dies "verbilligt" den Ausstiegsobolus der Bahn um weitere 55 Millionen Euro. Kontext liegen zudem Unterlagen vor, wonach die Bahn sogar Geld von der Landeshauptstadt zurückerwarten kann, sollte das Milliardenprojekt scheitern. Denn ohne Tiefbahnhof rollen auf den S-21-Teilgebieten A 2, A 3 und B weiterhin Züge. Der Bahn stünden verzinste Gelder von rund 32 Millionen Euro zu, die sie der Stadt für Bodenaushub und Geländemodellierung bereits Ende 2001 überwiesen hat. 

Summa summarum kostet die Bahn die Annullierung des Grundstücksdeals mit der Stadt Stuttgart so nur rund 585 Millionen Euro. Damit ist ein S-21-Ausstieg um mindestens 210 Millionen Euro günstiger, als es der Vorstand dem Aufsichtsrat vorgerechnet hat. Die Korrektur des Rechenfehlers kehrt die Wirtschaftlichkeit der Entscheidungsszenarien um: Ein Ausstieg aus dem Prestigeprojekt ist für den Schienenkonzern zum heutigen Zeitpunkt mit 133 Millionen Euro deutlich vorteilhafter als ein Weiterbau. Sollte mit einem modernisierten Kopfbahnhof auch der derzeitige Abstellbahnhof verlegt werden, würden weitere 25 Hektar Gleisfläche des B-Gebiets städtebaulich nutzbar. Die Bahn würde knapp 120 Millionen Euro zusätzlich an Rückzahlungskosten sparen, was die Wirtschaftlichkeit der Ausstiegsvariante weiter erhöht. Ein Fazit der Aufsichtsratsbeschlüsse am 5. März fällt dramatisch aus: Die Aufseher trafen eine Entscheidung, die auf falschen Zahlen beruhte – was den Staatskonzern bis zu 250 Millionen Euro kosten könnte!

Doch wie kam es zu den überhöhten Ausstiegskosten? Aus Versehen oder aus Absicht? Denn seit Langem ist bekannt, dass die Stadt Stuttgart Teile der S-21-Flächen städtebaulich verwerten will, auch wenn der Tiefbahnhof scheitert. "Das Teilgebiet C 1 kann nach erfolgter Freilegung als eigenständiges Gebiet auch unabhängig vom Bau der neuen Bahnanlagen konzipiert und alsbald hergestellt werden", steht bereits im S-21-Rahmenplan von 1997. "Das Gebiet C 1 ist heute schon bebaubar", heißt es heute auch auf der offiziellen Homepage des Bahnprojekts. "Stimmt das so, dann wurde offensichtlich nicht sorgfältig genug geprüft", vermutet Professor Carl-Christian Freidank vom Institut für Wirtschaftsprüfung und Steuerwesen der Universität Hamburg. 

OB Fritz Kuhn wies vor der Sitzung auf Rechenfehler hin 

Die Schuld auf andere schieben kann die Führungsetage im Bahn-Tower nicht. Kontext liegt eine Mail vor, die Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) einen Tag vor der entscheidenden Sitzung an den stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden Alexander Kirchner schickte. Darin warnte der OB ausdrücklich vor Rechenfehlern bei den auf 795 Millionen Euro summierten Abwicklungskosten. "Diese Zahl ist in Frage zu stellen", mailte Kuhn an Kirchner, der als Chef der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG die Beschäftigten im Aufsehergremium vertritt. Wie Kontext aus Kreisen des Aufsichtsrats erfahren hat, wurde der Einwand von Fritz Kuhn angesprochen, jedoch als unbegründet zurückgewiesen.

Dennoch überzeugten die – falschen – Zahlen die Mehrheit der Aufsichtsräte. Darunter auch die Vertreter des Bahneigentümers Bund. Noch Anfang Februar hatten die drei Staatssekretäre aus dem Verkehrs-, Finanz- und Wirtschaftsressort deutlich kritischer agiert. In einem an die Presse gespielten Dossier konstatierte Verkehrsstaatssekretär Michael Odenwald damals, dass es "keine ausreichende Grundlage für eine Entscheidung des Aufsichtsrats" gebe. Vor allem wurde bemängelt, dass Bahnchef Grube und Infrastrukturvorstand Volker Kefer nur unzureichend darlegen konnten, warum Alternativen zu Stuttgart 21 verworfen wurden. Angemahnt wurde auch, dass eine gutachterliche Prüfung der Ausstiegskosten fehlte. "Der Vorstand gründet seine Fortführungsempfehlung auf der Einschätzung, die Planungsvariante sei wirtschaftlicher als ein Ausstieg, konnte aber die Ausstiegskosten nicht belastbar darlegen", heißt es im Dossier. Weniger als drei Wochen später legte der Vorstand die geforderten Unterlagen zu Ausstiegs- und Alternativszenarien dann offenbar entscheidungsreif vor. "Für ein so großes Projekt braucht es mindestens ein Vierteljahr, um alles seriös durchzurechnen und durchzuprüfen", erscheint Wirtschaftsprofessor Freidank der Entscheidungsprozess hinterfragbar.

Der jetzige Zustand des Geländes um den Nordbahnhof. Luftbild: Manfred Grohe

Zweifel an Sinn und Wirtschaftlichkeit von Stuttgart 21 auszuräumen, bemühten sich im Vorfeld der Aufsichtsratssitzung auch andere. "Ich halte den Punkt, bei dem die Umkehr noch möglich ist, für überschritten", äußerte etwa Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) gegenüber Journalisten vier Tage vor dem Sitzungstermin. Nach derzeitigem Erkenntnisstand sei das Projekt auch wirtschaftlich, betonte Ramsauer. "Stuttgart 21 wird gebaut", unterstrich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) wenige Tage zuvor in einem Zeitungsinterview. Dabei verbietet Paragraf 117 Aktiengesetz ausdrücklich die politische Einflussnahme auf Entscheidungsgremien einer Aktiengesellschaft wie der Bahn. 

Rechtlich ist die Position der Bahn schwach 

War es auch politischer Druck, der die Bahnaufseher zu einem bis dato unüblichen Passus im Weiterbaubeschluss veranlasste? Falls die störrischen Projektpartner mit Hinweis auf die sogenannte Sprechklausel weiter nur reden statt zahlen wollten, solle die Bahn vor Gericht ziehen, trugen sie dem Vorstand auf. Obwohl Hausjuristen bereits zuvor Klagen gegen Land und Stadt als wenig aussichtsreich bewertet hatten. Brachte Glaube anstelle von Wissen den Aufsichtsrat dazu, die Projektpartner so zur Mitfinanzierung der Milliarden jenseits des 2009 vereinbarten Kostendeckels zwingen zu wollen?

Der Finanzverfassungsrechtler Hans Meyer hatte schon 2010 in einem Rechtsgutachten für die Landtagsfraktion der Grünen die Auffassung vertreten, dass der Bund das Gesamtprojekt Stuttgart–Ulm allein finanzieren muss. "Dadurch sind die Finanzierungsverträge zu Stuttgart 21 und der Neubaustrecke nach Ulm nichtig, das Land darf zukünftig keine Zahlungen leisten und kann die bereits gezahlten Mittel zurückfordern", kommentierte der damalige Grünen-Fraktionsvorsitzende und heutige Ministerpräsident Winfried Kretschmann das Gutachten.

Auch der renommierte Verwaltungsrechtler Joachim Wieland sieht nicht die Projektpartner am Zug. "Das Grundgesetz weist in Artikel 87e den Bau von Schienenwegen dem Bund und seinen Eisenbahnen als Wirtschaftsunternehmen zu", schreibt der Professor der Universität Speyer im Fachblatt "Legal Tribune". Das Grundgesetz regele auch, wer diese bezahlen muss. "Neubaustrecke und Bahnhof müssen der Bund und sein Unternehmen Deutsche Bahn finanzieren, Land und Stadt stehen dagegen nicht in der Pflicht", betont Wieland in dem Beitrag, der einen Tag vor der entscheidenden Aufsichtsratssitzung erschien.

Dabei sponsert der Projektpartner Stadt Stuttgart den Problembahnhof bereits heute freiwillig über den vertraglichen Rahmen von 291,8 Millionen Euro hinaus. Auf Drängen ihres einstigen Oberbürgermeisters Wolfgang Schuster verzichtet die Stadt seit Anfang 2011 auf Verzugszinsen, die die Bahn wegen der verspäteten Räumung der S-21-Grundstücke zahlen müsste. Das städtische Subventionsgeschenk summiert sich in der zehnjährigen Laufzeit auf 212 Millionen Euro. Das ist fast genauso viel, wie ein verbesserter Flughafenbahnhof auf den Fildern kosten soll. Vor diesem Hintergrund dürfte ein Gericht kaum Bahnchef Grube oder Bundesverkehrsminister Ramsauer folgen, die Land und Stadt zur Mitfinanzierung der Mehrkosten drängen. "Wenn aufgrund all dieser Umstände der Weiterbau von Stuttgart 21 für die Bahn tatsächlich unwirtschaftlicher als ein Projektende ist, wirft die jüngste Aufsichtsratsentscheidung zivil- und strafrechtliche Fragen auf", resümiert Wirtschaftsprofessor Freidank. In anderen Worten: Der Verdacht der Untreue zum Schaden der Bahn steht seit dem Weiterbau-Beschluss des Aufsichtsrats im Raum. 

"Die Staatsanwaltschaft leitet ein Ermittlungsverfahren ein, wenn sie Kenntnis von Tatsachen erhält, die den Verdacht begründen, dass eine Straftat begangen wurde", versprechen die deutschen Justizbehörden im Internet.

 


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

Kommentare

Martha, 14.03.2013 11:22
Der Aufsichtsrat hätte auf jedenfall die Berechnungen des Bundesrechnungshofs abwarten müssen, schon um etwas an Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen. Anstattdessen behauptet man die Bahn hätte während Workshops und Arbeitstreffen glaubhaft darstellen können, dass der ganze Murks noch wirtschaftlich sei. Erstens frage ich mich wie man die Bahn nach all dem wie sie vorher agiert hat noch als glaubhaft einstufen kann und zweitens reichen Worrkshops und Arbeitstreffen mit Powerpoint-Präsentationen sicher nicht aus um so ein umfangreiches Projekt und seine Kosten ernsthaft zu bewerten. Sowas ist ja ganz nett für eine Präsentation aber kein Ersatz für's selber Denken.
Wenn ich Mitglied im Aufsichtsrat wäre würde ich mich zudem nicht auf die ewig schützende Hand der Politiker verlassen. Die werden sie zu opportuner Zeit fallen lassen und dann finden sich diese Leute die zugestimmt haben vor Gericht wieder.

AufrechterGang, 13.03.2013 22:22
Für Historiker wird das Projekt Stuttgart 21 ein Lehrstück für sich verselbstständigenden Betrug sein. Immer weiter fortgestrickt werden Lügen und Vorgänge fortwährend absurder. So täuschen und veralbern sich die Gremien des Bahnkonzerns schon gegenseitig um den politischen Vorgaben nach unbedingtem Weiterbau entsprechen zu können. Natürlich kann es keinen logischen Grund geben, ein absolutes Murksprojekt zu bauen, wenn dann schon die mühsam zurechtgebogene knappe „Wirtschaftlichkeit“ dieses Irrsinns auf dem absichtlichen „Übersehen“ grundlegender Zahlen basiert kann man nur von fortgesetzter schwerer Wirtschaftskriminalität sprechen.
Aber hier teilt der Bahnhof eine Eigenschaft mit totspekulierten Großbanken: der Betrug ist zu groß, um eingestanden zu werden.

zeolith, 13.03.2013 17:13
Strafanzeigen kann jeder einreichen.
Ich hoffe, dass nicht nur das Aktionsgemeinschaft gegen S21 Strafanzeigen erstattet. Auch gegen Merkel und Ramsauer sollte vorgegangen werden.

libuznik, 13.03.2013 16:57
danke gleichfalls fuer den Artikel
und - mit quietschen - fuer
Kornelia's spruch - auch wenn
keine nullen sich durchgesetzt haben, sondern eine riesenseilschaft von gaunern am
werk ist.

Kornelia, 13.03.2013 12:53
mein Spruch des 21. Jahrhunderts:
je mehr Nullen von Nullen kritisch begleitet werden desto mehr Nullen kommen dabei zum Zuge!!

MichaelSchock, 13.03.2013 11:38
Wer kann denn dann die Staatsanwaltschaft darauf hinweisen, bzw. in Kenntnis setzen?

PoetdesWandels, 13.03.2013 10:15
Einfach nur ein herzlicher Dank für diesen Artikel, und die Mühen, die zu ihm führten.

leoloewe, 13.03.2013 00:18
"Ausstieg statt Zahlen-Lametta!"

Die Zahlenspielereien zum Andienen von immer noch höheren S21-Projektkosten sind einfach so was von "letztes Jahrhundert".

Man glaubt gar nicht mehr, dass die billigen Tricksereien nochmals klappen können. Aber es scheint doch wieder bestens zu funktionieren. Und trotz aller PR-Kampagnen und des Theaterdonners der schwarz-gelben Blender, trotz Schmiedel und Dietrich, liegen inzwischen alle Fakten sichtbar und hinterfragt auf dem Tisch. Die Taschenspielereien und die Schönfärberei von Ramsauer, Kefer, Strobl, Hauk und Grube sind durchschaut.

Und derweil dreht sich die Baukosten-Spirale munter weiter. Es geht in Stuttgart überhaupt nicht mehr um Effizienz oder um eine nachhaltige Verbesserung des Bahnknotens. Auch die Bahnkunden stehen nicht im Fokus.

Laut Ansage von Frau Merkel soll nun der finale Beweis erbracht werden, dass milliardenschwere Großprojekte in Deutschland entgegen jeder Logik und Vernunft (früher nannte man das "Sachpolitik") weiterhin realisierbar sind. Das ist nun wahrhaft großer politischer Murks und es ist mit Sicherheit der falsche Weg in die Zukunft des Schienenverkehrs.

Darum: "Oben bleiben." / Schöne Grüße nach Berlin! # leoloewe

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 278 / Winfried I. / Susanne, 27.07.2016 16:07
Komisch, der einst flammende S-21-Gegner-König kann aber gerade beim Thema S-21 so gar nicht führen. Oder will er einfach nicht? Ach, ja Schnee von gestern, oder bessergesagt: Käs' von geschtern....

Ausgabe 277 / NSU: zu viele Zufälle / Michael Kuckenburg, 27.07.2016 15:55
Also, Herr "Schwabe", auf Ihre Beleidigungen möchte ich nicht eingehen, dafür beim Thema bleiben. Und das heißt in unserem Fall: Sie behaupten, dass es in Deutschland einen "tiefen Staat" (Teile von Regierung und Parteien,...

Ausgabe 278 / Fragen Sie Ihren Doktor! / zara, 27.07.2016 15:34
Ich verstehe den Sinn des Beitrages nicht. Das Buch ist 5 Jahre alt. Werbung von Wolfgang Schorlau für die Bücher von Wolfgang Schorlau ?:)

Ausgabe 278 / Dietrich for President / deepblue, 27.07.2016 14:18
Als VfB Fan ist man sehr leidensfähig und hat schon viele beim VfB kommen und wieder gehen gesehen. Wenn Herr Dietrich wirklich kommen sollte, so würde er sich nahtlos in die Riege Mäuser, Wahler einreihen. Stichwort Marketing...

Ausgabe 278 / Kill, kill, kill / BlckSpy, 27.07.2016 13:23
Siehe hierzu: http://www.zeit.de/digital/games/2016-07/killerspiele-amoklauf-muenchen-thomas-de-maiziere-debatte

Ausgabe 278 / Kill, kill, kill / Blender, 27.07.2016 12:45
Egal was Jugendliche heutzutage so schlimmes treiben und wieviele unschuldige durch Amok sterben, die schlimmste deutsche Jugendgeneration aller Zeiten war die zwischen 1933 und 1945.

Ausgabe 278 / Dietrich for President / Blender, 27.07.2016 12:37
Es ist schonerstaunlich welche Qualifikationen ausreichen um ein Millionen-Euro-Umsatz-Unternehmen wie den VfB zu leiten. Ab und zu Fußball zu gucken reicht meines Erachtens nicht aus. Ein Fall für die SWR3 Maultaschen-Connection.

Ausgabe 278 / 300 Euro gegen die Schmerzen / Volker Klenk, 27.07.2016 12:32
In dem ansonsten korrekten Artikel fehlt mein zum wiederholten Male geäußerter Hinweis, dass ich bereits 1982 (Ende der sozialliberalen Koalition, Kohl statt Brandt, im Zorn die FDP verlassen habe. Volker Klenk

Ausgabe 278 / 300 Euro gegen die Schmerzen / Blender, 27.07.2016 12:22
Allein schon für die posttraumatische Belastungsstörung sollte jeder Verletzte unabhängig, und zuzüglich eines Schmerzensgeldes für den körperlichen Schaden, mindestens 10000 Euro bekommen, Herr Kretschmann.

Ausgabe 278 / Raus aus der NATO, rein ins Vergnügen / Manfred Fröhlich, 27.07.2016 12:08
Worum es geht? Um Menschenwürde, Menschenrechte, Demokratie ... oder Globalisierung durch Wirtschaftskriege ...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!