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Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Ausgabe 295
Gesellschaft

Generation Wichs

Von Elena Wolf
Datum: 23.11.2016
Studien über Jugendliche haben Konjunktur. Als vermeintliche Seismographen der Gesellschaft werden sie mehrmals im Jahr herangezogen, um einen Zeitgeist zu ermitteln. Dabei sind "Generation Golf" und "Generation Y" vor allem attraktiv für Personalabteilungen und die Werbeindustrie. Die aktuelle, europaweite Jugendstudie "Generation What?" ist da nicht anders.

Die Erwachsenen haben es mal wieder getan. Sie haben die Jugendlichen vermessen. Dieses Mal haben sie dabei sogar Grenzen überschritten. "Generation What?" heißt die "umfangreichste Jugendstudie Europas", die Aufschluss darüber geben soll, wie junge Menschen zwischen 18 und 34 Jahren so ticken. Um das herauszufinden, hat die Europäische Rundfunkunion in Kooperation mit verschiedenen europäischen Rundfunkanstalten die multimediale Seite www.generation-what.de ins Netz gestellt, auf der 149 Fragen zu Politik, Sexualität, Religion, Geld, Beruf, Freizeit und Liebe beantwortet werden konnten. In Deutschland wurde das Mammutprojekt von ZDF, dem Bayerischen Rundfunk und dem SWR begleitet. Seit vergangener Woche liegen die Ergebnisse vor und deutsche JugendversteherInnen haben bereits einen neuen Stempel aus der Klischeekiste gekramt.

Geheimnisvolle Spezies: Jugendliche.
Geheimnisvolle Spezies: Jugendliche.

Nach der "Generation Golf", der "Generation Y", der "Generation Porno", der "Generation Beziehungsunfähig" oder der "Generation X" wurden 940 000 junge StudienteilnehmerInnen europaweit vom Bayerischen Rundfunk kurzerhand zur "Generation Adaption" gemacht. Seit das Sinus-Institut die Umfrage für Deutschland ausgewertet hat, wird durch alle Kanäle posaunt: Menschen bis 34 Jahre zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie besonders anpassungsfähig sind. Sie seien "pragmatische Realisten", die "trotz Bedrohungen durch Terroranschläge optimistisch in die Zukunft" schauten. Weiter sind sie so und so und so und so. Schaut man sich die Fragen genauer an, wird klar, weshalb es Blödsinn ist, Pauschalaussagen über "die Jugendlichen" machen zu wollen.

"Völliges Vertrauen oder Misstrauen in die Justiz ist untypisch für die junge Generation", heißt es im Abschlussbericht der Jugendstudie. Konkret heißt das, dass 43 Prozent der Befragten bei der Frage "Vertraust du der Justiz" "eher ja" geklickt haben; 34 Prozent "eher nicht". Extreme Positionen, also "überhaupt nicht" und "völlig" dümpeln bei etwa 10 Prozent. Ach nee, schießt es einem durch den Kopf. Das ist bei Erwachsenen doch nicht anders.

Jugendliche sind Aliens. Alarmierend!

Der gleiche Gedanke drängt sich bei der Frage auf, ob die Befragten der Politik uneingeschränkt vertrauen. Nur ein Prozent tut das völlig, 27 Prozent immerhin mehr oder weniger. 71 Prozent haben kein Vertrauen, 27 Prozent haben "überhaupt keines" und 44 Prozent haben "eher kein" Vertrauen in die Politik. Außerdem sei es eher die jüngere Gruppe zwischen 18 und 19 Jahren, die der Politik stärker vertraue, als die ältere. Das Sinus-Institut erklärt sich diese Erkenntnis damit, dass die Älteren wohl stärker vom medialen Diskurs beeinflusst seien und schon mehr negative Eindrücke gesammelt hätten. Ach nee! Danke für diese clevere Analyse.

Jugendliche in freier Wildbahn.
Jugendliche in freier Wildbahn.

Apropos Vertrauen: Den Medien vertrauen auch nur drei Prozent der Befragten "völlig". 25 Prozent haben überhaupt kein Vertrauen in die Medien, 40 Prozent stehen ihnen zumindest skeptisch gegenüber. Die Profi-Ansage im Abschlussbericht: "Vor dem Hintergrund, dass die Glaubwürdigkeit der Medien essentiell für einen demokratischen Staat ist, sind diese niedrigen Vertrauenswerte alarmierend." Das gilt doch aber nicht nur für Menschen bis 34 Jahre, sondern generell für einen beachtlichen Teil der BürgerInnen der Bundesrepublik Deutschland. Alarmierend!

Verfolgt man die Ergebnisse des Abschlussberichts weiter, stellt man auf über dreißig Seiten fest, dass es überhaupt keinen Sinn macht, von einer Generation zu sprechen, die grundlegend anders denkt, als die Älteren. Studien wie "Generation What?" suggerieren, dass Menschen zwischen 18 und 34 Jahren eine komplett andere Wahrnehmung der gemeinsamen Welt haben. Dabei ist es nicht schockierend, dass Europa "keine Herzensangelegenheit" von Jugendlichen ist, sondern für 36 Prozent ein "notwendiges Konstrukt". Wieso sollten Jugendliche auch ein identitäreres Verhältnis zu einem Kontinent haben als der Rest? Was haben sich "die Erwachsenen" – also Menschen ab 35 Jahre – wiederum beim Verfassen dieser Fragen gedacht? Dass Jugendliche Aliens sind?

Diesen Eindruck gewinnt man, wenn man außerdem liest, wie das Sinus-Institut überrascht darüber ist, dass trotzdem 78 Prozent gegen einen EU-Austritt im Fall der Fälle wären – obwohl junge Deutsche ja kein Vertrauen in Institutionen hätten. Und kommt es wirklich so überraschend, dass nur 20 Prozent angeben, ohne den Glauben an einen Gott glücklich sein zu können?

Jugendlicher in seiner natürlichen Umgebung.
Jugendlicher in seiner natürlichen Umgebung.

Auch die Ergebnisse zu Bildung überraschen nicht. Wer hätte gedacht, dass die meisten Jugendlichen das Bildungssystem nicht gut finden? 44 Prozent sind der Meinung, dass dieses "eher nicht" gut auf die spätere Arbeitswelt vorbereite. 23 Prozent gaben sogar "gar nicht" gut an. Ach nee! Die ganze Umfrage scheint eine einzige Projektion von offenliegenden Gesellschaftsproblemen zu sein, die durch jugendliche Aussprache erst zutage tritt. Wer ist bitteschön jemals aus der Schule gekommen und hat sich gedacht: "Geil, jetzt bin ich aber sowas von auf den Arbeitsmarkt vorbereitet"?

Jugendliche gucken positiv in die Zukunft. Prima.

Ist es wirklich überraschend, dass "bildungsferne 18- bis 34-Jährige" "weniger optimistisch in die Zukunft blicken" und sich "von der Politik im Stich gelassen fühlen" als die Abi-Streber-Vergleichsgruppe? Wobei, in Zeiten, in denen sich auch gut situierte BildungsbürgerInnen abgehängt und "von denen da oben" verarscht fühlen, wirkt es vielleicht auf eine bizarre Weise menschlich, dass Ängste kein Unterschichtenphänomen sind. Besonders erstaunt sind die Jugendexperten darüber, dass 64 Prozent der 18- bis 34-Jährigen trotz Terroranschlägen, Klimaproblematiken, Flüchtlingssituation und Finanzkatastrophen positiv in die Zukunft blicken.

Wie inhaltsleer und auslegungsfähig die Fragen und Antworten sind, sieht man gut an der Frage, ob man sich an einem "Aufstand gegen die Mächtigen" beteiligen würde. Von denjenigen Personen, die eine wachsende Ungleichheit im Land feststellten (90 Prozent), würden 42 Prozent diese Frage mit Ja beantworten. Weder werden "die Mächtigen" näher konkretisiert noch genau differenziert, durch was sich dieses Ungerechtigkeitsgefühl genau definiert. "Die da oben" lassen grüßen.

Mitglieder der Jungen Union bei ihrer Lieblingsbeschäftigung: dem "Chillen".
Mitglieder der Jungen Union bei ihrer Lieblingsbeschäftigung: dem "Chillen".

Aus wissenschaftlicher Sicht ist der Fall klar, weiß Marcel Schütz von der Uni Oldenburg. Denn mit Wissenschaft haben die meisten Jugendstudien für ihn nur begrenzt zu tun. "Mit den Fragestellungen werden ja immer schon mögliche Antworten mitgedacht", erklärt der Soziologe. Keine Frage stehe in einem luftleeren Raum. Stelle man Fragen zu Europa oder der "Flüchtlingskrise" gebe es bereits einen vorangegangenen Diskurs. Man gehe bei der Auswertung der Ergebnisse deshalb auch immer von Werten aus, die der Anschauungsgruppe, die man zu erörtern versucht, vorgelagert seien. Gespickt mit dem Mythos "absoluter" Wissenschaftlichkeit erzeuge man zusätzliche Aufmerksamkeit und generiere einen Markt.

Als gefragter Organisationswissenschaftler und Dozent für Betriebswirtschaft und Soziologie hat Schütz die Personalabteilungen großer Unternehmen von innen kennengelernt. Der Nutzen der zahlreichen Studien zur Jugend beschränkt sich seiner Meinung nach auf die Wirtschaft. "Jugendstudien sind sehr attraktiv für Personalabteilungen und Berater", sagt Schütz. Sie produzierten mit schmissigen Bezeichnungen wie "Generation Y" einen Markt, auf dem sich plötzlich selbsternannte Experten zu Jugendverstehern aufschwingen würden. "Bis ein anderer einen neuen Begriff nachschießt, der den bisherigen Generationenbegriff konterkariert. Das sind klassische Marketing-Methoden." Außerdem fühlten sich Unternehmen und ältere Menschen wahnsinnig gut, erklärt Schütz, wenn sie glauben, die Jugendlichen jetzt endlich verstanden zu haben. Dabei sei die Konstruktion einer Generation völlig willkürlich. "Es kommt ja selten jemand auf die Idee, eine Generationsstudie über Pensionäre zu machen - die sind marketingtechnisch einfach nicht so attraktiv wie Jugendliche".

Jugendstudie als Marketingstragie

Klaus Farin vom Archiv der Jugendkulturen in Berlin sieht das ähnlich. Er geht sogar noch einen Schritt weiter und erklärt: "Die Zahlen in dieser Studie kann man komplett vergessen, denn sie ist überhaupt nicht repräsentativ". Die Auswertung des Riesenprojekts beruht auf einem Online-Fragebogen, den man völlig anonym und bei freier Angabe von Alter, Geschlecht und Bildungsniveau ausfüllen kann – sogar mehrmals vom selben Computer aus.

Marktrelevant: junge Frauen.
Marktrelevant: junge Mädchen.

Offenbar ist die "Generation What?" auch für das Sinus-Institut kein Werk, mit dem man sich schmücken mag. An keiner Stelle auf der hauseigenen Homepage wird sie erwähnt. "Das Online-Spielchen mit den vielen bunten Bildern ist bloß Entertainment, das ORF spricht ja interessanterweise auch nicht von einer Studie, sondern von einem 'Experiment'", erklärt Farin. "Das Projekt ist vor allem eine geniale Marktstrategie, damit junge Leute einschalten. Wer unter Fünfundsechzig interessiert sich sonst für den Bayerischen Rundfunk?"

Farin hält die Rede von einer homogenen "Generation Y" oder ähnlichen, gepushten Bezeichnungen für Quatsch. Erstens machten bei derartigen Umfragen eh tendenziell nur Leute mit, die sich gerne narzisstisch präsentierten. Zweitens seien AkademikerInnen überrepräsentiert, die dazu neigen würden, sozial erwünschte Antworten zu geben. Drittens wären die Haltungen zu Fragen über Europa, Medien und Politik oft schon wieder ganz andere, wenn die Ergebnisse von Umfragen wie "Generation What?" öffentlich gemacht würden. "Das geht heute alles ganz schnell, je nach aktueller Informations- und Medienlage."

In Anbetracht der Relevanz von Jugendstudien für Markt, Medien, Unternehmen und zahlreiche selbsternannte "Jugendexperten", stellt sich abschließend die Frage, weshalb den Marketing-Menschen bislang nichts fresheres als "Generation Adaption" eingefallen ist. Dass das nicht "trendet", sieht ein Blinder mit Selfiestick.

Screenshot www.generation-what.de
Screenshot www.generation-what.de

Als gemeinnütziger Verein hat Kontext deshalb tief in den Erste-Hilfe-Koffer gegriffen, um ein Generationen-Etikett zu pitchen, das garantiert eine heiße Performance aufs mediale Parkett legen wird. Schaut man auf die Zahlen, die sich aus der "Generation What?"-Frage zum Masturbationsverhalten ergeben haben, gibt es für Menschen zwischen 18 und 34 Jahren nur eine sinnvolle und zeitlose Bezeichnung: "Generation Wichs". Auf die Frage "Hast du dich schon mal selbst befriedigt?" antworteten 81 Prozent der Befragten mit "Ja, und das ist genau mein Ding!"


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Kommentare

Gela, 24.11.2016 18:49
@Barolo: ich habe auch erst gestutzt, dann aber gerechnet: 27 (überhaupt kein Vertrauen ) + 44 (eher kein Vertrauen) = 71% kein Vertrauen.
Was nichts sagt zur (fehlenden) Aussagekraft der zitierten "Studie"!

Dr. Diethelm Gscheidle, 24.11.2016 08:38
Sehr geehrte Damen und Herren,

selbstverständlich kann man von "der Jugend" sprechen, denn viele - leider sehr unredliche - Dinge und Einstellungen treffen auf über 95% unserer heutigen Jugendlichen zu!

Ich habe meine eigene Jugendstudie durchgeführt und dabei wissenschaftlich erwiesen, wie böse, unredlich und kriminell unsere heutige Jugend ist:
* 77% aller Jugendlichen spielen gewaltverherrlichende Schieß-Spiele (sind also potenzielle Amokläufer!)
* 85% aller Jugendlichen haben schon einmal den diabolischen und gesundheitsschädlichen Alkohol getrunken
* 93% aller Jugendlichen haben schon einmal diese widernatürliche, unhygienische und extrem ekelerregende sogenannte "Sechs"-Sache da praktiziert
* 95% aller Jugendlichen benutzen diabolische Handtelefone, deren Strahlung bekanntlich das Hirn der Menschen schädigt und den gefährlichen Gehirnbrand verursacht
* 96% aller Jugendlichen bekleiden sich unkeusch (also z.B. mit sogenannten T-Hemden, welche die Unterarme unbedeckt lassen - von vielen weiblichen jugendlichen Metzen, welche insbesondere im Sommer so herumlaufen, als würden sie gerade vom nächsten Huren-Ausstatter kommen, möchte ich gar nicht erst reden!)
* 97% aller Jugendlichen verletzten die Sonntagspflicht, gehen also am Sonntag nicht in die löbliche Kirche
* 98% aller Jugendlichen hören scheußliche und gewaltverursachende Krachmusik
* 99% aller Jugendlichen waren bereits mindestens einmal kriminell (haben also z.B. die Altpapiertonne nach der zugelassenen Einwurfzeit befüllt oder sind bei Rot über die Straße gelaufen).

Ich würde daher unsere heutige Jugend die "Generation Diabolus" nennen - so unredlich und diabolisch wie sie sich zum allergrößten Teil verhalten! Glücklicherweise ist mein redlicher Neffe Rhabanus da völlig anders - aufgrund der hervorragenden Erziehung meines Schwagers und meiner Schwester mittels traditioneller, bewährter und erfolgreicher Erziehungsmethoden (z.B. Rohrstock, Essensentzug, Auf-einem-Bein-in-der-Ecke-stehen) hat er sich zu einem intelligenten, braven, gottesfürchtigen, fleißigen, keuschen und redlichen Jugendlichen entwickelt! Unsere heutige verkommene Jugend sollte sich von ihm mal eine Scheibe abschneiden!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Diethelm Gscheidle
(Jugend-Fachmann, Verkehrswissenschaftler & Dipl.-Musikexperte)

Blender, 23.11.2016 12:48
Klaus Farin: "Die Zahlen in dieser Studie kann man komplett vergessen, denn sie ist überhaupt nicht repräsentativ". Danke Herr Farin, mehr ist nicht dazu zu sagen. Schrott, Schubladendenken. DIE Jugendlichen gibt es nicht, aber wie bei den Wutbürgern versucht man ihnen ein Etikett anzuheften. Am liebsten mit nur einem Wort. Wie wäre es mit "Pflegeleicht". Dann muss man sie auch nicht weiter ernst nehmen, kann Lebensarbeitszeiten erhöhen, Gehälter kürzen, Abgaben erhöhen, Bildungseinrichtungen schließen, Klassen vergrößern, ...

Barolo, 23.11.2016 11:39
Irgendwie dachte ich 100% wäre eine Gesamtmenge.
Hier
"ob die Befragten der Politik uneingeschränkt vertrauen. Nur ein Prozent tut das völlig, 27 Prozent immerhin mehr oder weniger. 71 Prozent haben kein Vertrauen, 27 Prozent haben "überhaupt keines" und 44 Prozent haben "eher kein"
Wären ein paar Worte zur Erklärung angebracht.

Die Europakarte finde ich cool aber etwas undifferenziert ;-)

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Fußgängerstegle ... eine echt schwäbische Lösung. München hat sich einen Park gegönnt, um zwei voneinander getrennte Stadtteile über eine große Straße hinweg zusmmenzuführen: https://de.wikipedia.org/wiki/Petuelpark Mit...

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