KONTEXT Extra:
Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kir¬che ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


Jörg Meuthen weiter an Björn Höckes Seite

Im vergangenen Sommer hatte der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke seinen Bundesparteichef als "meinen verehrten Freund" begrüßt. Und Jörg Meuthen rückte sich selbst, auf dem Kyffhäuser-Treffen, zu dem ihn die Ultras geladen hatte, in die Nähe der besonders weit rechts stehenden parteiinternen Gruppierung "Der Flügel": Er wolle gar nicht als liberaler Kopf der Partei bezeichnet werden, sondern er stehe für "ein gemeinsames Wertefundament". Da hatte Höcke gerade alle anderen Parteien in Deutschland für "inhaltlich entartet" erklärt. Der Schulterschluss hält auch aktuell: Meuthen stellt sich gegen den Rausschmiss, den – wie am Montag bekannt wurde – der Bundesvorstand gegen den Thüringer Landes- und Fraktionschef anstrengt.

Nicht zum ersten Mal. Denn Höcke sollte 2015 schon einmal mit einem Verfahren überzogen werden. Da ging es ebenfalls um eine rassistische Rede, um Aussagen wie, man könne "nicht jedes einzelne NPD-Mitglied als extremistisch einstufen" und um den Vorwurf, Höcke schreibe unter Pseudonym für NPD-Publikationen. Meuthen äußerte sich reichlich schwammig, nahm für sich in Anspruch "als erster aus dem Bundesvorstand scharf reagiert zu haben". Zugleich erklärte er allerdings, dass Höckes "Äußerungen ohne weiteres als rassistisch interpretiert werden können – wobei man darüber diskutieren kann, ob sie es tatsächlich sind". Hans-Olaf Henkel, damals noch AfD-Mitglied, konterte unmissverständlich: "Herr Meuthen ist für mich ein klassischer Schattenboxer." Nach außen tue er immer wieder so, als würde er sich gegen den rechtsnationalen Flügel stellen, nach innen agiere er völlig anders. (13.2.2017)


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Ausgabe 295
Gesellschaft

Generation Wichs

Von Elena Wolf
Datum: 23.11.2016
Studien über Jugendliche haben Konjunktur. Als vermeintliche Seismographen der Gesellschaft werden sie mehrmals im Jahr herangezogen, um einen Zeitgeist zu ermitteln. Dabei sind "Generation Golf" und "Generation Y" vor allem attraktiv für Personalabteilungen und die Werbeindustrie. Die aktuelle, europaweite Jugendstudie "Generation What?" ist da nicht anders.

Die Erwachsenen haben es mal wieder getan. Sie haben die Jugendlichen vermessen. Dieses Mal haben sie dabei sogar Grenzen überschritten. "Generation What?" heißt die "umfangreichste Jugendstudie Europas", die Aufschluss darüber geben soll, wie junge Menschen zwischen 18 und 34 Jahren so ticken. Um das herauszufinden, hat die Europäische Rundfunkunion in Kooperation mit verschiedenen europäischen Rundfunkanstalten die multimediale Seite www.generation-what.de ins Netz gestellt, auf der 149 Fragen zu Politik, Sexualität, Religion, Geld, Beruf, Freizeit und Liebe beantwortet werden konnten. In Deutschland wurde das Mammutprojekt von ZDF, dem Bayerischen Rundfunk und dem SWR begleitet. Seit vergangener Woche liegen die Ergebnisse vor und deutsche JugendversteherInnen haben bereits einen neuen Stempel aus der Klischeekiste gekramt.

Geheimnisvolle Spezies: Jugendliche.
Geheimnisvolle Spezies: Jugendliche.

Nach der "Generation Golf", der "Generation Y", der "Generation Porno", der "Generation Beziehungsunfähig" oder der "Generation X" wurden 940 000 junge StudienteilnehmerInnen europaweit vom Bayerischen Rundfunk kurzerhand zur "Generation Adaption" gemacht. Seit das Sinus-Institut die Umfrage für Deutschland ausgewertet hat, wird durch alle Kanäle posaunt: Menschen bis 34 Jahre zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie besonders anpassungsfähig sind. Sie seien "pragmatische Realisten", die "trotz Bedrohungen durch Terroranschläge optimistisch in die Zukunft" schauten. Weiter sind sie so und so und so und so. Schaut man sich die Fragen genauer an, wird klar, weshalb es Blödsinn ist, Pauschalaussagen über "die Jugendlichen" machen zu wollen.

"Völliges Vertrauen oder Misstrauen in die Justiz ist untypisch für die junge Generation", heißt es im Abschlussbericht der Jugendstudie. Konkret heißt das, dass 43 Prozent der Befragten bei der Frage "Vertraust du der Justiz" "eher ja" geklickt haben; 34 Prozent "eher nicht". Extreme Positionen, also "überhaupt nicht" und "völlig" dümpeln bei etwa 10 Prozent. Ach nee, schießt es einem durch den Kopf. Das ist bei Erwachsenen doch nicht anders.

Jugendliche sind Aliens. Alarmierend!

Der gleiche Gedanke drängt sich bei der Frage auf, ob die Befragten der Politik uneingeschränkt vertrauen. Nur ein Prozent tut das völlig, 27 Prozent immerhin mehr oder weniger. 71 Prozent haben kein Vertrauen, 27 Prozent haben "überhaupt keines" und 44 Prozent haben "eher kein" Vertrauen in die Politik. Außerdem sei es eher die jüngere Gruppe zwischen 18 und 19 Jahren, die der Politik stärker vertraue, als die ältere. Das Sinus-Institut erklärt sich diese Erkenntnis damit, dass die Älteren wohl stärker vom medialen Diskurs beeinflusst seien und schon mehr negative Eindrücke gesammelt hätten. Ach nee! Danke für diese clevere Analyse.

Jugendliche in freier Wildbahn.
Jugendliche in freier Wildbahn.

Apropos Vertrauen: Den Medien vertrauen auch nur drei Prozent der Befragten "völlig". 25 Prozent haben überhaupt kein Vertrauen in die Medien, 40 Prozent stehen ihnen zumindest skeptisch gegenüber. Die Profi-Ansage im Abschlussbericht: "Vor dem Hintergrund, dass die Glaubwürdigkeit der Medien essentiell für einen demokratischen Staat ist, sind diese niedrigen Vertrauenswerte alarmierend." Das gilt doch aber nicht nur für Menschen bis 34 Jahre, sondern generell für einen beachtlichen Teil der BürgerInnen der Bundesrepublik Deutschland. Alarmierend!

Verfolgt man die Ergebnisse des Abschlussberichts weiter, stellt man auf über dreißig Seiten fest, dass es überhaupt keinen Sinn macht, von einer Generation zu sprechen, die grundlegend anders denkt, als die Älteren. Studien wie "Generation What?" suggerieren, dass Menschen zwischen 18 und 34 Jahren eine komplett andere Wahrnehmung der gemeinsamen Welt haben. Dabei ist es nicht schockierend, dass Europa "keine Herzensangelegenheit" von Jugendlichen ist, sondern für 36 Prozent ein "notwendiges Konstrukt". Wieso sollten Jugendliche auch ein identitäreres Verhältnis zu einem Kontinent haben als der Rest? Was haben sich "die Erwachsenen" – also Menschen ab 35 Jahre – wiederum beim Verfassen dieser Fragen gedacht? Dass Jugendliche Aliens sind?

Diesen Eindruck gewinnt man, wenn man außerdem liest, wie das Sinus-Institut überrascht darüber ist, dass trotzdem 78 Prozent gegen einen EU-Austritt im Fall der Fälle wären – obwohl junge Deutsche ja kein Vertrauen in Institutionen hätten. Und kommt es wirklich so überraschend, dass nur 20 Prozent angeben, ohne den Glauben an einen Gott glücklich sein zu können?

Jugendlicher in seiner natürlichen Umgebung.
Jugendlicher in seiner natürlichen Umgebung.

Auch die Ergebnisse zu Bildung überraschen nicht. Wer hätte gedacht, dass die meisten Jugendlichen das Bildungssystem nicht gut finden? 44 Prozent sind der Meinung, dass dieses "eher nicht" gut auf die spätere Arbeitswelt vorbereite. 23 Prozent gaben sogar "gar nicht" gut an. Ach nee! Die ganze Umfrage scheint eine einzige Projektion von offenliegenden Gesellschaftsproblemen zu sein, die durch jugendliche Aussprache erst zutage tritt. Wer ist bitteschön jemals aus der Schule gekommen und hat sich gedacht: "Geil, jetzt bin ich aber sowas von auf den Arbeitsmarkt vorbereitet"?

Jugendliche gucken positiv in die Zukunft. Prima.

Ist es wirklich überraschend, dass "bildungsferne 18- bis 34-Jährige" "weniger optimistisch in die Zukunft blicken" und sich "von der Politik im Stich gelassen fühlen" als die Abi-Streber-Vergleichsgruppe? Wobei, in Zeiten, in denen sich auch gut situierte BildungsbürgerInnen abgehängt und "von denen da oben" verarscht fühlen, wirkt es vielleicht auf eine bizarre Weise menschlich, dass Ängste kein Unterschichtenphänomen sind. Besonders erstaunt sind die Jugendexperten darüber, dass 64 Prozent der 18- bis 34-Jährigen trotz Terroranschlägen, Klimaproblematiken, Flüchtlingssituation und Finanzkatastrophen positiv in die Zukunft blicken.

Wie inhaltsleer und auslegungsfähig die Fragen und Antworten sind, sieht man gut an der Frage, ob man sich an einem "Aufstand gegen die Mächtigen" beteiligen würde. Von denjenigen Personen, die eine wachsende Ungleichheit im Land feststellten (90 Prozent), würden 42 Prozent diese Frage mit Ja beantworten. Weder werden "die Mächtigen" näher konkretisiert noch genau differenziert, durch was sich dieses Ungerechtigkeitsgefühl genau definiert. "Die da oben" lassen grüßen.

Mitglieder der Jungen Union bei ihrer Lieblingsbeschäftigung: dem "Chillen".
Mitglieder der Jungen Union bei ihrer Lieblingsbeschäftigung: dem "Chillen".

Aus wissenschaftlicher Sicht ist der Fall klar, weiß Marcel Schütz von der Uni Oldenburg. Denn mit Wissenschaft haben die meisten Jugendstudien für ihn nur begrenzt zu tun. "Mit den Fragestellungen werden ja immer schon mögliche Antworten mitgedacht", erklärt der Soziologe. Keine Frage stehe in einem luftleeren Raum. Stelle man Fragen zu Europa oder der "Flüchtlingskrise" gebe es bereits einen vorangegangenen Diskurs. Man gehe bei der Auswertung der Ergebnisse deshalb auch immer von Werten aus, die der Anschauungsgruppe, die man zu erörtern versucht, vorgelagert seien. Gespickt mit dem Mythos "absoluter" Wissenschaftlichkeit erzeuge man zusätzliche Aufmerksamkeit und generiere einen Markt.

Als gefragter Organisationswissenschaftler und Dozent für Betriebswirtschaft und Soziologie hat Schütz die Personalabteilungen großer Unternehmen von innen kennengelernt. Der Nutzen der zahlreichen Studien zur Jugend beschränkt sich seiner Meinung nach auf die Wirtschaft. "Jugendstudien sind sehr attraktiv für Personalabteilungen und Berater", sagt Schütz. Sie produzierten mit schmissigen Bezeichnungen wie "Generation Y" einen Markt, auf dem sich plötzlich selbsternannte Experten zu Jugendverstehern aufschwingen würden. "Bis ein anderer einen neuen Begriff nachschießt, der den bisherigen Generationenbegriff konterkariert. Das sind klassische Marketing-Methoden." Außerdem fühlten sich Unternehmen und ältere Menschen wahnsinnig gut, erklärt Schütz, wenn sie glauben, die Jugendlichen jetzt endlich verstanden zu haben. Dabei sei die Konstruktion einer Generation völlig willkürlich. "Es kommt ja selten jemand auf die Idee, eine Generationsstudie über Pensionäre zu machen - die sind marketingtechnisch einfach nicht so attraktiv wie Jugendliche".

Jugendstudie als Marketingstragie

Klaus Farin vom Archiv der Jugendkulturen in Berlin sieht das ähnlich. Er geht sogar noch einen Schritt weiter und erklärt: "Die Zahlen in dieser Studie kann man komplett vergessen, denn sie ist überhaupt nicht repräsentativ". Die Auswertung des Riesenprojekts beruht auf einem Online-Fragebogen, den man völlig anonym und bei freier Angabe von Alter, Geschlecht und Bildungsniveau ausfüllen kann – sogar mehrmals vom selben Computer aus.

Marktrelevant: junge Frauen.
Marktrelevant: junge Mädchen.

Offenbar ist die "Generation What?" auch für das Sinus-Institut kein Werk, mit dem man sich schmücken mag. An keiner Stelle auf der hauseigenen Homepage wird sie erwähnt. "Das Online-Spielchen mit den vielen bunten Bildern ist bloß Entertainment, das ORF spricht ja interessanterweise auch nicht von einer Studie, sondern von einem 'Experiment'", erklärt Farin. "Das Projekt ist vor allem eine geniale Marktstrategie, damit junge Leute einschalten. Wer unter Fünfundsechzig interessiert sich sonst für den Bayerischen Rundfunk?"

Farin hält die Rede von einer homogenen "Generation Y" oder ähnlichen, gepushten Bezeichnungen für Quatsch. Erstens machten bei derartigen Umfragen eh tendenziell nur Leute mit, die sich gerne narzisstisch präsentierten. Zweitens seien AkademikerInnen überrepräsentiert, die dazu neigen würden, sozial erwünschte Antworten zu geben. Drittens wären die Haltungen zu Fragen über Europa, Medien und Politik oft schon wieder ganz andere, wenn die Ergebnisse von Umfragen wie "Generation What?" öffentlich gemacht würden. "Das geht heute alles ganz schnell, je nach aktueller Informations- und Medienlage."

In Anbetracht der Relevanz von Jugendstudien für Markt, Medien, Unternehmen und zahlreiche selbsternannte "Jugendexperten", stellt sich abschließend die Frage, weshalb den Marketing-Menschen bislang nichts fresheres als "Generation Adaption" eingefallen ist. Dass das nicht "trendet", sieht ein Blinder mit Selfiestick.

Screenshot www.generation-what.de
Screenshot www.generation-what.de

Als gemeinnütziger Verein hat Kontext deshalb tief in den Erste-Hilfe-Koffer gegriffen, um ein Generationen-Etikett zu pitchen, das garantiert eine heiße Performance aufs mediale Parkett legen wird. Schaut man auf die Zahlen, die sich aus der "Generation What?"-Frage zum Masturbationsverhalten ergeben haben, gibt es für Menschen zwischen 18 und 34 Jahren nur eine sinnvolle und zeitlose Bezeichnung: "Generation Wichs". Auf die Frage "Hast du dich schon mal selbst befriedigt?" antworteten 81 Prozent der Befragten mit "Ja, und das ist genau mein Ding!"


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Kommentare

Gela, 24.11.2016 18:49
@Barolo: ich habe auch erst gestutzt, dann aber gerechnet: 27 (überhaupt kein Vertrauen ) + 44 (eher kein Vertrauen) = 71% kein Vertrauen.
Was nichts sagt zur (fehlenden) Aussagekraft der zitierten "Studie"!

Dr. Diethelm Gscheidle, 24.11.2016 08:38
Sehr geehrte Damen und Herren,

selbstverständlich kann man von "der Jugend" sprechen, denn viele - leider sehr unredliche - Dinge und Einstellungen treffen auf über 95% unserer heutigen Jugendlichen zu!

Ich habe meine eigene Jugendstudie durchgeführt und dabei wissenschaftlich erwiesen, wie böse, unredlich und kriminell unsere heutige Jugend ist:
* 77% aller Jugendlichen spielen gewaltverherrlichende Schieß-Spiele (sind also potenzielle Amokläufer!)
* 85% aller Jugendlichen haben schon einmal den diabolischen und gesundheitsschädlichen Alkohol getrunken
* 93% aller Jugendlichen haben schon einmal diese widernatürliche, unhygienische und extrem ekelerregende sogenannte "Sechs"-Sache da praktiziert
* 95% aller Jugendlichen benutzen diabolische Handtelefone, deren Strahlung bekanntlich das Hirn der Menschen schädigt und den gefährlichen Gehirnbrand verursacht
* 96% aller Jugendlichen bekleiden sich unkeusch (also z.B. mit sogenannten T-Hemden, welche die Unterarme unbedeckt lassen - von vielen weiblichen jugendlichen Metzen, welche insbesondere im Sommer so herumlaufen, als würden sie gerade vom nächsten Huren-Ausstatter kommen, möchte ich gar nicht erst reden!)
* 97% aller Jugendlichen verletzten die Sonntagspflicht, gehen also am Sonntag nicht in die löbliche Kirche
* 98% aller Jugendlichen hören scheußliche und gewaltverursachende Krachmusik
* 99% aller Jugendlichen waren bereits mindestens einmal kriminell (haben also z.B. die Altpapiertonne nach der zugelassenen Einwurfzeit befüllt oder sind bei Rot über die Straße gelaufen).

Ich würde daher unsere heutige Jugend die "Generation Diabolus" nennen - so unredlich und diabolisch wie sie sich zum allergrößten Teil verhalten! Glücklicherweise ist mein redlicher Neffe Rhabanus da völlig anders - aufgrund der hervorragenden Erziehung meines Schwagers und meiner Schwester mittels traditioneller, bewährter und erfolgreicher Erziehungsmethoden (z.B. Rohrstock, Essensentzug, Auf-einem-Bein-in-der-Ecke-stehen) hat er sich zu einem intelligenten, braven, gottesfürchtigen, fleißigen, keuschen und redlichen Jugendlichen entwickelt! Unsere heutige verkommene Jugend sollte sich von ihm mal eine Scheibe abschneiden!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Diethelm Gscheidle
(Jugend-Fachmann, Verkehrswissenschaftler & Dipl.-Musikexperte)

Blender, 23.11.2016 12:48
Klaus Farin: "Die Zahlen in dieser Studie kann man komplett vergessen, denn sie ist überhaupt nicht repräsentativ". Danke Herr Farin, mehr ist nicht dazu zu sagen. Schrott, Schubladendenken. DIE Jugendlichen gibt es nicht, aber wie bei den Wutbürgern versucht man ihnen ein Etikett anzuheften. Am liebsten mit nur einem Wort. Wie wäre es mit "Pflegeleicht". Dann muss man sie auch nicht weiter ernst nehmen, kann Lebensarbeitszeiten erhöhen, Gehälter kürzen, Abgaben erhöhen, Bildungseinrichtungen schließen, Klassen vergrößern, ...

Barolo, 23.11.2016 11:39
Irgendwie dachte ich 100% wäre eine Gesamtmenge.
Hier
"ob die Befragten der Politik uneingeschränkt vertrauen. Nur ein Prozent tut das völlig, 27 Prozent immerhin mehr oder weniger. 71 Prozent haben kein Vertrauen, 27 Prozent haben "überhaupt keines" und 44 Prozent haben "eher kein"
Wären ein paar Worte zur Erklärung angebracht.

Die Europakarte finde ich cool aber etwas undifferenziert ;-)

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