KONTEXT Extra:
Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


Bahn muss Stuttgarts Bahnhof nicht offiziell stilllegen

Das Verwaltungsgericht Stuttgart hat mit Urteil vom 09.08.2016 die Klage der Stuttgarter Netz AG als unzulässig abgewiesen. Mit der Klage wollte die Gesellschaft privater Eisenbahnunternehmen verhindern, dass die Deutsche Bahn nach der Fertigstellung des unterirdischen Durchgangsbahnhofs Stuttgart 21 das bestehende Gleisvorfeld des oberirdischen Stuttgarter Kopfbahnhofes abbaut, bevor hierfür ein Stilllegungsverfahren nach dem Allgemeinen Eisenbahngesetz (AEG) durchgeführt wurde. Nach Auffassung des Gerichts handelt es sich bei dem "Umbau des Bahnknotens Stuttgart/Stuttgart 21" um ein ausschließlich planfeststellungspflichtiges Änderungsvorhaben nach dem AEG, für das ein zusätzliches Stilllegungsverfahren nicht erforderlich ist. Zugleich stellte das Gericht aber auch fest, dass der Rückbau des Gleisvorfeldes ohne vorherige Durchführung eines Planfeststellungsverfahrens rechtlich unzulässig sei. Da die Stuttgarter Netz AG in diesem Planfeststellungsverfahren ihre Interessen noch geltend machen und gegebenenfalls auch gerichtlich durchsetzen könne. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Sache hat das Gericht die Berufung zum Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg in Mannheim sowie die Sprungrevision zum Bundesverwaltungsgericht zugelassen.


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Ausgabe 252
Gesellschaft

Kein Blumentopf zu gewinnen

Von Susanne Stiefel
Datum: 27.01.2016
Öffentlich wurde der Skandal 2014. Vor einem Jahr übernahm Mechthild Wolff die Aufgabe, die dunkle Heimvergangenheit der Evangelischen Brüdergemeinde in Korntal auszuleuchten. Große Hoffnungen wurden in die Landshuter Professorin gesetzt. Was ist geblieben?

Zunächst einmal Empörung. "Ich höre doch nicht auf, ich fange erst an", versucht Mechthild Wolff gegenüber Kontext die Wogen zu glätten. Doch wenn sich die Vertreter der Evangelischen Brüdergemeinde und der Korntaler Heimopfer am 10. Februar treffen, wird dies das letzte Mal sein. Die Chefin der Aufarbeitung beschränkt sich auf die Wissenschaft. Das ist aus Sicht der Erziehungswissenschaftlerin verständlich. Ein Forschungsprojekt verspricht Reputation, auch ein Buch schadet dem Image nicht, und dazu braucht man vor allem Ruhe.

Mechthild Wolff zieht sich in den Elfenbeinturm zurück.
Mechthild Wolff zieht sich in den Elfenbeinturm zurück.

Nun ist Wolffs Aufgabe kein wissenschaftliches Projekt wie die Erforschung der Fruchtfliege. Es geht um missbrauchte und gedemütigte Heimkinder, die bis heute an ihrer Kindheit in den Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde leiden. Viele von ihnen sind krank, haben Therapien hinter sich und leiden unter den Folgen. "Bis heute habe ich Schwierigkeiten, fremden Menschen zu vertrauen", sagt Martina Poferl, die schon als Säugling in den Korntaler Heimen lebte. Es geht auf der anderen Seite um die Evangelische Brüdergemeinde, die sich lange wenig aktiv um Aufklärung bemühte. Es geht um Anerkennung des Leids und Entschuldigung, um angemessene Entschädigung der Opfer und nicht zuletzt um die interne Aufarbeitung bei der Evangelischen Brüdergemeinde selbst.

Dass die Leitung eines so heiklen Prozesses kein ruhiger Sesseljob werden würde, war schon vor der ersten Sitzung der Steuerungsgruppe klar. Die Evangelische Brüdergemeinde brauchte ein Jahr, bis sie mit Mechthild Wolff jemanden fand, der sich der Aufgabe stellte und von den Heimopfern schließlich akzeptiert wurde. Der evangelische Landesbischof Otfried July feierte die Entscheidung ("kompetente Frau") im Kontext-Interview. Große Hoffnungen waren mit der 53-Jährigen verknüpft, die schon am Runden Tisch in Berlin saß, einer von der Bundesregierung 2010 eingesetzten Arbeitsgruppe, die Verhaltensregeln und Lösungen im Umgang mit Kindesmissbrauch entwickeln sollte. Mechthild Wolff hatte Erfahrung, sie war die Frau der Stunde. Doch die Bilanz nach einem Jahr fällt ernüchternd aus.

Ein Ort mit dunkler Vergangenheit: das Hoffmannhaus in Korntal.
Ein Ort mit dunkler Vergangenheit: das Hoffmannhaus in Korntal.

Zwölf Monate lang hatte die Brüdergemeinde nun Zeit, sich intern dem eigenen Versagen zu stellen. Wie konnte es passieren, dass Kinder im Hoffmann- und im Flattichhaus missbraucht, gedemütigt und geschlagen wurden? Wer hat weggeschaut, wer waren die Täter, warum hat niemand eingegriffen? Die schriftliche Antwort aus Korntal lässt auf wenig Aufklärungsfeuer in eigener Sache schließen: "Wir möchten innerhalb des Teilprojekts 'geistliche Aufarbeitung' neben externen Experten und ehemaligen Heimkindern auch Gemeindemitglieder beteiligen." Was immer das heißt: Ergebnisse sehen anders aus. Die von Landesbischof eingeforderte Transparenz ebenso. Und im internen Infobrief erfahren Gemeinde und Mitarbeiter, dass Pfarrer Jochen Hägele den Start der internen Aufarbeitung für 2016 erst vorbereite.

Auch Mechthild Wolff hängt in der Korntaler Warteschleife. Ihr Antrag ist noch keineswegs durch. Wann die Brüder den Daumen heben oder senken, wollen sie nicht preisgeben, nur so viel: "Das Konzept der wissenschaftlichen Aufarbeitung wird hier diskutiert und verabschiedet werden, wenn es so weit ist." Da verwundert es wenig, dass die Korntaler Verantwortlichen in der heikelsten Frage, nämlich der nach dem Geld, auch nicht viel weiter sind. Über die Einrichtung eines Fonds wurde schon in der ersten Sitzung der Steuerungsgruppe diskutiert, nach weiteren Monaten war von einem Durchbruch die Rede. Und heute liest sich die Antwort so: "Wir bedauern sehr, dass wir noch nichts Konkretes vermelden können. Für ehemalige Heimkinder und für uns ist das ein sehr wichtiges Thema. Deshalb wollen wir so bald wie möglich ein Ergebnis präsentieren."

Während man sich auf der Homepage der Brüdergemeinde über die "inzwischen faire Berichterstattung" freut, sinkt die Hoffnung vieler ehemaliger Heimkinder auf Gerechtigkeit. "Nicht mehr in diesem Leben", sagt Theo Kampouridis düster. Er ist nicht das einzige Korntaler Heimkind, das die Geduld verliert.

Mechthild Wolff sieht sich zu Unrecht am Pranger. "Ich mach doch keinen Rückzieher", wiederholt sie. Nach einem Jahr Vorbereitung werde nun endlich umgesetzt: Interviews mit den Opfern, mit den Tätern, Auswertungs-Workshops, themenspezifische Workshops – das alles steht auf ihrer Agenda. Um eine angemessene Entschädigung und um die interne Aufarbeitung der Brüdergemeinde – darum sollen sich zukünftig andere kümmern. "Ich bin keine Theologin und keine Mediatorin", sagt Wolff. Nun muss ein neuer Chefaufklärer gefunden werden.

Menschen mit seelischen Verletzungen: Treffen missbrauchter Heimkinder.
Menschen mit seelischen Verletzungen: Treffen missbrauchter Heimkinder.

Doch manche der ehemaligen Heimkinder haben das Vertrauen verloren. In vielen Opfertreffen haben sie sich ihre Geschichte erzählt. Es hat Kraft gekostet, sich zu outen. Keiner ist gerne Opfer. Keiner erinnert sich gerne daran, dass er geschlagen, verspottet, missbraucht wurde. Viele haben sich dennoch dazu bekannt und in Kauf genommen, dass die Traumata einer lieblosen Kindheit wieder nach oben gespült wurden. 200 Betroffene seien es inzwischen, sagt Detlev Zander, der einer der ersten war. Doch vielen von ihnen geht inzwischen die Kraft aus. 

Zumal sie sich intern zerstritten haben. Mechthild Wolff hat es nicht geschafft, diesen Streit zu schlichten. Wie viele sich bei ihrer wissenschaftlicher Hotline melden werden, um ein weiteres Mal in ihrem Inneren zu rühren, ist ungewiss. Theo Kampouridis jedenfalls weiß nicht, ob er sich das antun soll.

Der Auftraggeber mauert, die Mediatorin zieht sich in den Elfenbeinturm zurück, die ehemaligen Heimkinder sind zerstritten – eine Erfolgsbilanz sieht anders aus. Auch der Korntaler Musikschuldirektor Peter Meincke hat sich nach einem Jahr mehr Ergebnisse gewünscht.

Enttäuscht: Peter Meincke.
Enttäuscht: Peter Meincke.

Gemeinsam mit engagierten Korntaler Bürgern hat er vor zwei Jahren die Opferhilfe gegründet, um die schonungslose Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe zu unterstützen. Er weiß, dass sich Institutionen besonders schwertun, wenn es ums Geld und um die eigene Schuld geht. Meincke und seine Mitstreiter sind wenig überrascht, dass sich Mechthild Wolff nun ganz der Wissenschaft widmen will: Mit den anderen Themen sei halt kein Blumentopf zu gewinnen.


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Kommentare

Angelika Oetken, 12.02.2016 21:33
@Jochen Strauß,

Ähnliches geschieht an anderen institutionellen Tatorten auch. Da nennt sich "Aufarbeitung", was nicht einmal den basalsten Kriterien für Seriosität entspricht. Was in anderen Zusammenhängen selbstverständlich ist, wird eben mal unterlassen

1. Datenschutzerklärungen und die entsprechenden Formulare öffentlich stellen
2. das Original der schriftlichen Vereinbarung über den Auftrag des vorgeblich unabhängigen Untersuchers veröffentlichen
3. der externe Untersucher erklärt, ebenfalls öffentlich, inwieweit Interessenkonflikte bestehen

Daraus leiten sich im Falle "Korntal" die selben Fragen ab wie aktuell auch bei den Regensburger Domspatzen:

A. was passiert mit den Angaben, der Menschen, die sich an den Untersucher bzw. irgendwelche Kommissionen wenden?
B. wie lautet der Auftrag an den mit der Aufklärung und Aufarbeitung Betrauten eigentlich?
C. ist der Ermittler, bzw. Vermittler der Institution, die ihn beauftragt hat in irgendeiner Form verpflichtet oder verbunden?

VG
Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

Jochen Strauß, 31.01.2016 12:48
Fr. Wolf streitet nicht gerne - und zu den Betroffenen / Opfern hat sie ein eher ambivalentes Verhältnis. Letztlich dient ihr Engagement im Thema stark ihrer Einwerbung von Drittmitteln und Auftragsgeldern - so zumindest mein Eindruck aus einer Diskussion im Kontext des "Runden Tisch sexueller Missbrauch". Das hierzulande auch in der Gremienarbeit vorwiegend Täterschutz betrieben wird vermag sie nicht zu sehen. Letztlich ist passiert, was absehbar war: Die Auftragsvergabe an Fr. Wolff diente dem Schutz der Interessen der Brüdergemeinde.

Angelika Oetken, 30.01.2016 15:45
Wenn innerhalb von Institutionen über einen längeren Zeitraum hinweg Kinder sexuell ausgebeutet und auch anderweitig misshandelt und missbraucht werden, dann stimmt etwas Grundsätzliches nicht. Oft sind es ganz banale Gründe, warum die Verantwortlichen die TäterInnen nicht nur schützen, sondern oft sogar fördern. Meistens geht es um Geld.
Das wissen die VerantwortungsträgerInnen ganz genau. Und gerade für die Brüdergemeinde, die sich ja nach außen hin als Hüterin einer besonders hochwertigen Moral hingestellt, wäre es fatal, wenn bei einer ernst gemeinten Aufklärung heraus käme, dass die ihr anvertrauten Heimkinder benutzt wurden um sich an ihnen zu bereichern. Wir sollten auch nicht vergessen, dass es staatliche Stellen waren und sind, die die Heime der Brüdergemeinde, die jetzt der Diakonie angehören finanziert haben. So stellt sich auch die Frage, wie dieser evangelikale Träger der Jugendhilfe so groß und wohlhabend werden konnte.
Bei den Korntaler Heimen gilt, was auch für viele andere Institutionen gilt, in denen systematisch missbraucht wurde: der Staat muss Kommissionen berufen, die wirklich unabhängig sind. Es geht auch um öffentliche Interessen. Es sind alle Bürger, die diese Kinderquäleinrichtungen subventioniert haben. Wir alle sind es auch, die für die Folgen aufkommen.

Angelika Oetken, Berlin Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

Betroffene, 29.01.2016 15:33
Die Hoffnung stirbt zuletzt....wieder über ein Jahr verstrichen und die lieben "Heimkinder" hoffen immer noch, glauben immer noch aus welch unerklärlichen Gründen auch immer, dass die Brüdergemeinde Korntal an einer schonungslosen Aufklärung interessiert ist......leere Versprechungen und Ankündigungen, Ansagen, die sich widersprechen.......es gibt doch auch so viele neue, lohnenswerte Aufgaben, wie z.Beispiel die traumatisierten Flüchtlinge, deren Betreuung vollen Einsatz verlangt und viel fürs ramponierte Image bringt, anstatt sich um die lästigen und auch schon verjährten Greuel zu kümmern, die man am liebsten vergessen will....die Opfer können aber nicht vergessen. Die Verschleppung der Aufarbeitung hat die Opfer zermürbt, verschreckt und nochmals gedemütigt. Viele haben sich geoutet und über ihr Martyrium berichtet. Täter und Tatorte sind benannt worden.....nachzulesen auf der Homepage Heimopfer und bei der Opferhilfe......keine öffentliche Stellungnahme der "Steuerungsgruppe" die sich scheinbar immer noch an ihr "Schweigegelübde" gegenüber der Brüdergemeinde gebunden fühlt.....Fragen über Fragen

wollschlaeger jockel, 28.01.2016 07:49
Dieser Bericht bringt es auf den Punkt. Ein Jahr verlorene Zeit.
Mitschuld an dieser Situation sind aber auch die Opfer selbst.
Man sollte nicht immer alles schönreden sondern versuchen einen neuen Weg aus dieser Situation zu finden,und zwar zusammen! Solange sich die Opfer/Betroffene gegenseitig bekriegen kann man wirklich keinen Blumentopf gewinnen!!!
Doch genau dieses wird jetzt schon wieder von einer kleinen Gruppe betrieben in dem sie versucht Betroffene und Opfer vom nächsten Opfertreffen durch falsche Infos abzuhalten.
Freuen werden sich wie so oft die SCHEINHEILIGEN aus Korntal!
Mehr ist an dieser Stelle nicht zu sagen!!!
Jockel Wollschlaeger

Martina Poferl, 27.01.2016 17:06
Als Betroffene bin ich an der Aufarbeitung der Mißbrauchsfälle interessiert und habe mich aktiv eingebracht.
Sicherlich ist es nicht einfach eine gute Lösung für alle Betroffenen/Opfer zu erreichen, und das braucht eben seine Zeit, die einfach gegeben werden muß und nicht alles so schlecht gelaufen wie berichtet.
ich bin davon überzeugt, dass wir die Betroffenen/ Opfer nur gemeinsam eine gute Lösung erreichen können und werden und mahne deshalb auch den Stand der Aufarbeitung nicht nur negativ zu sehen.

Ulrich Scheuffele, 27.01.2016 16:21
@Werner, deshalb ist es so wichtig, dass die Betroffenen an die Öffentlichkeit gehen und das geht nur wenn sie sich zusammenschließen. Wir von der Opferhilfe Korntal sind gerne bereit hier mit zu unterstützen und Ratschläge zu geben. Ärgerlich ist, dass auch für sexuelle Gewalt der Einspruch der Verjährung gilt und dadurch die Täter sich hinter einer juristischen Schutzmauer verkriechen können.

Detlev Zander, 27.01.2016 15:11
Wir Betroffene, und Opfer die wir unteranderem sexualisierte Gewalt in den Einrichtungen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal erlebt haben , wollen sicherlich keinen Blumentopf gewinnen.
Wir alle möchten unsere Würde zurück, und fordern die Evangelische Brüdergemeinde Korntal auf, dieses unerträgliche Leid, auch finanziell anzuerkennen. Lippenbekenntnisse , Sonntagsreden, davon haben wir genug.
Wenn Gott nicht wegschaut, Gebetskreise wurden gebildet, um für die Diakonie der Evangelischen Brüdergemeinde zu beten.

Wir fordern die Evangelische Brüdergemeinde Korntal auf, nicht nur dafür zu sorgen, dass der Schutz ihrer Einrichtungen und ihrer Gemeinde im Vordergrund steht. Wenn den schon gebetet wird, dann fordern wir die Evangelische Brüdergemeinde Korntal auf, auch für all ihre Betroffenen / Opfern in ihren Einrichtungen, und ihrer Gemeinde zu beten!

Ein Ziel ist es auch , dass kein Kind in den Einrichtungen, und der Gemeinde der Evangelischen Brüdergemeinde mit so einer Hypothek entlassen wird, wie wir es erlebt haben!

Detlev Zander, 27.01.2016 14:35
Wir glauben nicht, dass solche Kommentare dem Thema gerecht werden! Wir fordern alle auf, Ruhe und Besinnung zu bewahren, eine Personalisierung , hilft uns Betroffenenforum Missbrauch in den Kinderheimen der Brüdergemeinde Korntal nicht weiter.

Ulrich Scheuffele, 27.01.2016 13:46
ein Artikel, der die Situation darstellt wie sie ist.
Auch die wissenschaftliche Aufarbeitung wird in einer Sackgasse landen. Viele der Heimopfer scheuen sich einen Seelenstriptease vor Menschen zu machen, die sie nicht kennen. Aus diesem Grund hat die Arbeitsgemeinschaft Heimopfer Korntal beschlossen, eine Dokumentation der sexualisierten und physischen Gewalt in den Kinderheimen Hoffmann- und Flattichhaus in Korntal und dem Kinderheim in Wilhelmsdorf zu machen.
Mit der jetzigen Situation kann nur einer zufriden sein, die Brüder aus Korntal, hoffen sie doch, dass die Heimopfer immer mehr die Lust verlieren oder sich eine "biologische Lösunng" ergibt und die ganze Angelegenheit für die Presse uninteressant wird. Aber diesen gefallen tun ihr die betroffenen Heimopfer nicht.

Werner, 27.01.2016 12:04
Man kann auch als Außenstehender im Interesse der Geschändeten nur hoffen, dass tatsächlich noch Aufklärung betrieben wird. Ich möchte nicht wissen, wie viele Heime es gab, in welchen ähnliche Vorkommnisse geschahen, die aber niemand je erfahren wird.
In Leonberg gab es ein längst abgerissenes Margarethenheim für schwer erziehbare Mädchen, die von Schwestern mit Häubchen betreut wurden. Die einzigen Kontakte zur Außenwelt waren Feldarbeiten auf den anstaltseigenen Äckern und der sonntägliche Gang in die Leonberger Stadtkirche. Dort waren eigene Bänke für die Anstalt reserviert. Die jungen Frauen mussten wie Kindergartenkinder in Reih und Glied durch Leonberg marschieren, betreut und bewacht durch die barmherzigen Schwestern. Mich würde interessieren, werde es aber wohl nie erfahren, wie hinter den Mauern und Bretterzäunen die Erziehung zu ehrbaren Mitbürgerinnen ausgesehen hat.

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