KONTEXT Extra:
NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


Jörg Meuthen weiter an Björn Höckes Seite

Im vergangenen Sommer hatte der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke seinen Bundesparteichef als "meinen verehrten Freund" begrüßt. Und Jörg Meuthen rückte sich selbst, auf dem Kyffhäuser-Treffen, zu dem ihn die Ultras geladen hatte, in die Nähe der besonders weit rechts stehenden parteiinternen Gruppierung "Der Flügel": Er wolle gar nicht als liberaler Kopf der Partei bezeichnet werden, sondern er stehe für "ein gemeinsames Wertefundament". Da hatte Höcke gerade alle anderen Parteien in Deutschland für "inhaltlich entartet" erklärt. Der Schulterschluss hält auch aktuell: Meuthen stellt sich gegen den Rausschmiss, den – wie am Montag bekannt wurde – der Bundesvorstand gegen den Thüringer Landes- und Fraktionschef anstrengt.

Nicht zum ersten Mal. Denn Höcke sollte 2015 schon einmal mit einem Verfahren überzogen werden. Da ging es ebenfalls um eine rassistische Rede, um Aussagen wie, man könne "nicht jedes einzelne NPD-Mitglied als extremistisch einstufen" und um den Vorwurf, Höcke schreibe unter Pseudonym für NPD-Publikationen. Meuthen äußerte sich reichlich schwammig, nahm für sich in Anspruch "als erster aus dem Bundesvorstand scharf reagiert zu haben". Zugleich erklärte er allerdings, dass Höckes "Äußerungen ohne weiteres als rassistisch interpretiert werden können – wobei man darüber diskutieren kann, ob sie es tatsächlich sind". Hans-Olaf Henkel, damals noch AfD-Mitglied, konterte unmissverständlich: "Herr Meuthen ist für mich ein klassischer Schattenboxer." Nach außen tue er immer wieder so, als würde er sich gegen den rechtsnationalen Flügel stellen, nach innen agiere er völlig anders. (13.2.2017)


NSU-Ausschuss: Schon wieder eine tote Zeugin

In seiner nächsten Sitzung wollte der NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags eine Zeugin hören, die in den Neunzigerjahren vermutlich zu einer Gruppierung von Rechtsextremisten im Raum Ludwigsburg gehörte. Und sie stand im persönlichen Austausch mit der Neonazi-Szene in Jena und Chemnitz. 1996 soll die Frau sich auch mit Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos getroffen haben und später mit einem aus Thüringen stammenden und in Baden-Württemberg lebenden Mitveranstalter diverser deklarierter Konzerte rechtsextremer Skinheadbands, darunter auch der Band "Noie Werte".

Allerdings ist die Zeugin seit einigen Tagen tot. Ihr Leichnam wurde eingeäschert, ehe der Ausschuss Aufklärung verlangen konnte. "Ich habe dem Justizministerium sofort mitgeteilt", so der Vorsitzende Wolfgang Drexler (SPD), "dass wir großes Interesse daran haben, zu erfahren, ob die Zeugin eines natürlichen Todes gestorben ist und Fremdeinwirkung oder Fremdverschulden bei ihrem Tod ausgeschlossen werden kann." Am Donnerstag teilte das Ministerium mit, dass an der Leichenschau "wohl auch ein forensisch erfahrener Mediziner" mitgewirkt habe. Die Abgeordneten wollen sich jetzt in ihrer nächsten Sitzung am 24. Februar 2017 mit dem Fall befassen. Er sei sicher, so Drexler, "dass die weiteren Abklärungen ebenso wie die Information des Ausschusses und der Öffentlichkeit mit der gebotenen vollständigen Gründlichkeit, Sorgfalt und Umsicht durch die zuständigen Behörden betrieben werden", nicht zuletzt, weil "die Behörden ihre Lektionen gelernt haben".

Ende März 2015 war die 20-jährige Melisa M., eine frühere Freundin des im September 2013 auf dem Cannstatter Wasen verbrannten rechten Aussteigers Florian Heilig, überraschend verstorben, nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft Karlsruhe als Folge eine Motocross-Unfalls. "Es dürfte sich aus dem unfallbedingten Hämatom im linken Knie ein Thrombus gelöst und letztlich die Embolie verursacht haben", hieß es damals in der Pressemitteilung. Auch ein technisches Gutachten zum Zustand ihrer Maschine wurde vorgelegt - ohne Hinweise auf technische Manipulation. Ein knappes Jahr später hatte sich ihr Verlobter Sascha W. das Leben genommen. (10.2.2017)

Mehr zum Thema gibts hier.


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Ausgabe 252
Gesellschaft

Kein Blumentopf zu gewinnen

Von Susanne Stiefel
Datum: 27.01.2016
Öffentlich wurde der Skandal 2014. Vor einem Jahr übernahm Mechthild Wolff die Aufgabe, die dunkle Heimvergangenheit der Evangelischen Brüdergemeinde in Korntal auszuleuchten. Große Hoffnungen wurden in die Landshuter Professorin gesetzt. Was ist geblieben?

Zunächst einmal Empörung. "Ich höre doch nicht auf, ich fange erst an", versucht Mechthild Wolff gegenüber Kontext die Wogen zu glätten. Doch wenn sich die Vertreter der Evangelischen Brüdergemeinde und der Korntaler Heimopfer am 10. Februar treffen, wird dies das letzte Mal sein. Die Chefin der Aufarbeitung beschränkt sich auf die Wissenschaft. Das ist aus Sicht der Erziehungswissenschaftlerin verständlich. Ein Forschungsprojekt verspricht Reputation, auch ein Buch schadet dem Image nicht, und dazu braucht man vor allem Ruhe.

Mechthild Wolff zieht sich in den Elfenbeinturm zurück.
Mechthild Wolff zieht sich in den Elfenbeinturm zurück.

Nun ist Wolffs Aufgabe kein wissenschaftliches Projekt wie die Erforschung der Fruchtfliege. Es geht um missbrauchte und gedemütigte Heimkinder, die bis heute an ihrer Kindheit in den Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde leiden. Viele von ihnen sind krank, haben Therapien hinter sich und leiden unter den Folgen. "Bis heute habe ich Schwierigkeiten, fremden Menschen zu vertrauen", sagt Martina Poferl, die schon als Säugling in den Korntaler Heimen lebte. Es geht auf der anderen Seite um die Evangelische Brüdergemeinde, die sich lange wenig aktiv um Aufklärung bemühte. Es geht um Anerkennung des Leids und Entschuldigung, um angemessene Entschädigung der Opfer und nicht zuletzt um die interne Aufarbeitung bei der Evangelischen Brüdergemeinde selbst.

Dass die Leitung eines so heiklen Prozesses kein ruhiger Sesseljob werden würde, war schon vor der ersten Sitzung der Steuerungsgruppe klar. Die Evangelische Brüdergemeinde brauchte ein Jahr, bis sie mit Mechthild Wolff jemanden fand, der sich der Aufgabe stellte und von den Heimopfern schließlich akzeptiert wurde. Der evangelische Landesbischof Otfried July feierte die Entscheidung ("kompetente Frau") im Kontext-Interview. Große Hoffnungen waren mit der 53-Jährigen verknüpft, die schon am Runden Tisch in Berlin saß, einer von der Bundesregierung 2010 eingesetzten Arbeitsgruppe, die Verhaltensregeln und Lösungen im Umgang mit Kindesmissbrauch entwickeln sollte. Mechthild Wolff hatte Erfahrung, sie war die Frau der Stunde. Doch die Bilanz nach einem Jahr fällt ernüchternd aus.

Ein Ort mit dunkler Vergangenheit: das Hoffmannhaus in Korntal.
Ein Ort mit dunkler Vergangenheit: das Hoffmannhaus in Korntal.

Zwölf Monate lang hatte die Brüdergemeinde nun Zeit, sich intern dem eigenen Versagen zu stellen. Wie konnte es passieren, dass Kinder im Hoffmann- und im Flattichhaus missbraucht, gedemütigt und geschlagen wurden? Wer hat weggeschaut, wer waren die Täter, warum hat niemand eingegriffen? Die schriftliche Antwort aus Korntal lässt auf wenig Aufklärungsfeuer in eigener Sache schließen: "Wir möchten innerhalb des Teilprojekts 'geistliche Aufarbeitung' neben externen Experten und ehemaligen Heimkindern auch Gemeindemitglieder beteiligen." Was immer das heißt: Ergebnisse sehen anders aus. Die von Landesbischof eingeforderte Transparenz ebenso. Und im internen Infobrief erfahren Gemeinde und Mitarbeiter, dass Pfarrer Jochen Hägele den Start der internen Aufarbeitung für 2016 erst vorbereite.

Auch Mechthild Wolff hängt in der Korntaler Warteschleife. Ihr Antrag ist noch keineswegs durch. Wann die Brüder den Daumen heben oder senken, wollen sie nicht preisgeben, nur so viel: "Das Konzept der wissenschaftlichen Aufarbeitung wird hier diskutiert und verabschiedet werden, wenn es so weit ist." Da verwundert es wenig, dass die Korntaler Verantwortlichen in der heikelsten Frage, nämlich der nach dem Geld, auch nicht viel weiter sind. Über die Einrichtung eines Fonds wurde schon in der ersten Sitzung der Steuerungsgruppe diskutiert, nach weiteren Monaten war von einem Durchbruch die Rede. Und heute liest sich die Antwort so: "Wir bedauern sehr, dass wir noch nichts Konkretes vermelden können. Für ehemalige Heimkinder und für uns ist das ein sehr wichtiges Thema. Deshalb wollen wir so bald wie möglich ein Ergebnis präsentieren."

Während man sich auf der Homepage der Brüdergemeinde über die "inzwischen faire Berichterstattung" freut, sinkt die Hoffnung vieler ehemaliger Heimkinder auf Gerechtigkeit. "Nicht mehr in diesem Leben", sagt Theo Kampouridis düster. Er ist nicht das einzige Korntaler Heimkind, das die Geduld verliert.

Mechthild Wolff sieht sich zu Unrecht am Pranger. "Ich mach doch keinen Rückzieher", wiederholt sie. Nach einem Jahr Vorbereitung werde nun endlich umgesetzt: Interviews mit den Opfern, mit den Tätern, Auswertungs-Workshops, themenspezifische Workshops – das alles steht auf ihrer Agenda. Um eine angemessene Entschädigung und um die interne Aufarbeitung der Brüdergemeinde – darum sollen sich zukünftig andere kümmern. "Ich bin keine Theologin und keine Mediatorin", sagt Wolff. Nun muss ein neuer Chefaufklärer gefunden werden.

Menschen mit seelischen Verletzungen: Treffen missbrauchter Heimkinder.
Menschen mit seelischen Verletzungen: Treffen missbrauchter Heimkinder.

Doch manche der ehemaligen Heimkinder haben das Vertrauen verloren. In vielen Opfertreffen haben sie sich ihre Geschichte erzählt. Es hat Kraft gekostet, sich zu outen. Keiner ist gerne Opfer. Keiner erinnert sich gerne daran, dass er geschlagen, verspottet, missbraucht wurde. Viele haben sich dennoch dazu bekannt und in Kauf genommen, dass die Traumata einer lieblosen Kindheit wieder nach oben gespült wurden. 200 Betroffene seien es inzwischen, sagt Detlev Zander, der einer der ersten war. Doch vielen von ihnen geht inzwischen die Kraft aus. 

Zumal sie sich intern zerstritten haben. Mechthild Wolff hat es nicht geschafft, diesen Streit zu schlichten. Wie viele sich bei ihrer wissenschaftlicher Hotline melden werden, um ein weiteres Mal in ihrem Inneren zu rühren, ist ungewiss. Theo Kampouridis jedenfalls weiß nicht, ob er sich das antun soll.

Der Auftraggeber mauert, die Mediatorin zieht sich in den Elfenbeinturm zurück, die ehemaligen Heimkinder sind zerstritten – eine Erfolgsbilanz sieht anders aus. Auch der Korntaler Musikschuldirektor Peter Meincke hat sich nach einem Jahr mehr Ergebnisse gewünscht.

Enttäuscht: Peter Meincke.
Enttäuscht: Peter Meincke.

Gemeinsam mit engagierten Korntaler Bürgern hat er vor zwei Jahren die Opferhilfe gegründet, um die schonungslose Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe zu unterstützen. Er weiß, dass sich Institutionen besonders schwertun, wenn es ums Geld und um die eigene Schuld geht. Meincke und seine Mitstreiter sind wenig überrascht, dass sich Mechthild Wolff nun ganz der Wissenschaft widmen will: Mit den anderen Themen sei halt kein Blumentopf zu gewinnen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

Kommentare

Angelika Oetken, 12.02.2016 21:33
@Jochen Strauß,

Ähnliches geschieht an anderen institutionellen Tatorten auch. Da nennt sich "Aufarbeitung", was nicht einmal den basalsten Kriterien für Seriosität entspricht. Was in anderen Zusammenhängen selbstverständlich ist, wird eben mal unterlassen

1. Datenschutzerklärungen und die entsprechenden Formulare öffentlich stellen
2. das Original der schriftlichen Vereinbarung über den Auftrag des vorgeblich unabhängigen Untersuchers veröffentlichen
3. der externe Untersucher erklärt, ebenfalls öffentlich, inwieweit Interessenkonflikte bestehen

Daraus leiten sich im Falle "Korntal" die selben Fragen ab wie aktuell auch bei den Regensburger Domspatzen:

A. was passiert mit den Angaben, der Menschen, die sich an den Untersucher bzw. irgendwelche Kommissionen wenden?
B. wie lautet der Auftrag an den mit der Aufklärung und Aufarbeitung Betrauten eigentlich?
C. ist der Ermittler, bzw. Vermittler der Institution, die ihn beauftragt hat in irgendeiner Form verpflichtet oder verbunden?

VG
Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

Jochen Strauß, 31.01.2016 12:48
Fr. Wolf streitet nicht gerne - und zu den Betroffenen / Opfern hat sie ein eher ambivalentes Verhältnis. Letztlich dient ihr Engagement im Thema stark ihrer Einwerbung von Drittmitteln und Auftragsgeldern - so zumindest mein Eindruck aus einer Diskussion im Kontext des "Runden Tisch sexueller Missbrauch". Das hierzulande auch in der Gremienarbeit vorwiegend Täterschutz betrieben wird vermag sie nicht zu sehen. Letztlich ist passiert, was absehbar war: Die Auftragsvergabe an Fr. Wolff diente dem Schutz der Interessen der Brüdergemeinde.

Angelika Oetken, 30.01.2016 15:45
Wenn innerhalb von Institutionen über einen längeren Zeitraum hinweg Kinder sexuell ausgebeutet und auch anderweitig misshandelt und missbraucht werden, dann stimmt etwas Grundsätzliches nicht. Oft sind es ganz banale Gründe, warum die Verantwortlichen die TäterInnen nicht nur schützen, sondern oft sogar fördern. Meistens geht es um Geld.
Das wissen die VerantwortungsträgerInnen ganz genau. Und gerade für die Brüdergemeinde, die sich ja nach außen hin als Hüterin einer besonders hochwertigen Moral hingestellt, wäre es fatal, wenn bei einer ernst gemeinten Aufklärung heraus käme, dass die ihr anvertrauten Heimkinder benutzt wurden um sich an ihnen zu bereichern. Wir sollten auch nicht vergessen, dass es staatliche Stellen waren und sind, die die Heime der Brüdergemeinde, die jetzt der Diakonie angehören finanziert haben. So stellt sich auch die Frage, wie dieser evangelikale Träger der Jugendhilfe so groß und wohlhabend werden konnte.
Bei den Korntaler Heimen gilt, was auch für viele andere Institutionen gilt, in denen systematisch missbraucht wurde: der Staat muss Kommissionen berufen, die wirklich unabhängig sind. Es geht auch um öffentliche Interessen. Es sind alle Bürger, die diese Kinderquäleinrichtungen subventioniert haben. Wir alle sind es auch, die für die Folgen aufkommen.

Angelika Oetken, Berlin Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

Betroffene, 29.01.2016 15:33
Die Hoffnung stirbt zuletzt....wieder über ein Jahr verstrichen und die lieben "Heimkinder" hoffen immer noch, glauben immer noch aus welch unerklärlichen Gründen auch immer, dass die Brüdergemeinde Korntal an einer schonungslosen Aufklärung interessiert ist......leere Versprechungen und Ankündigungen, Ansagen, die sich widersprechen.......es gibt doch auch so viele neue, lohnenswerte Aufgaben, wie z.Beispiel die traumatisierten Flüchtlinge, deren Betreuung vollen Einsatz verlangt und viel fürs ramponierte Image bringt, anstatt sich um die lästigen und auch schon verjährten Greuel zu kümmern, die man am liebsten vergessen will....die Opfer können aber nicht vergessen. Die Verschleppung der Aufarbeitung hat die Opfer zermürbt, verschreckt und nochmals gedemütigt. Viele haben sich geoutet und über ihr Martyrium berichtet. Täter und Tatorte sind benannt worden.....nachzulesen auf der Homepage Heimopfer und bei der Opferhilfe......keine öffentliche Stellungnahme der "Steuerungsgruppe" die sich scheinbar immer noch an ihr "Schweigegelübde" gegenüber der Brüdergemeinde gebunden fühlt.....Fragen über Fragen

wollschlaeger jockel, 28.01.2016 07:49
Dieser Bericht bringt es auf den Punkt. Ein Jahr verlorene Zeit.
Mitschuld an dieser Situation sind aber auch die Opfer selbst.
Man sollte nicht immer alles schönreden sondern versuchen einen neuen Weg aus dieser Situation zu finden,und zwar zusammen! Solange sich die Opfer/Betroffene gegenseitig bekriegen kann man wirklich keinen Blumentopf gewinnen!!!
Doch genau dieses wird jetzt schon wieder von einer kleinen Gruppe betrieben in dem sie versucht Betroffene und Opfer vom nächsten Opfertreffen durch falsche Infos abzuhalten.
Freuen werden sich wie so oft die SCHEINHEILIGEN aus Korntal!
Mehr ist an dieser Stelle nicht zu sagen!!!
Jockel Wollschlaeger

Martina Poferl, 27.01.2016 17:06
Als Betroffene bin ich an der Aufarbeitung der Mißbrauchsfälle interessiert und habe mich aktiv eingebracht.
Sicherlich ist es nicht einfach eine gute Lösung für alle Betroffenen/Opfer zu erreichen, und das braucht eben seine Zeit, die einfach gegeben werden muß und nicht alles so schlecht gelaufen wie berichtet.
ich bin davon überzeugt, dass wir die Betroffenen/ Opfer nur gemeinsam eine gute Lösung erreichen können und werden und mahne deshalb auch den Stand der Aufarbeitung nicht nur negativ zu sehen.

Ulrich Scheuffele, 27.01.2016 16:21
@Werner, deshalb ist es so wichtig, dass die Betroffenen an die Öffentlichkeit gehen und das geht nur wenn sie sich zusammenschließen. Wir von der Opferhilfe Korntal sind gerne bereit hier mit zu unterstützen und Ratschläge zu geben. Ärgerlich ist, dass auch für sexuelle Gewalt der Einspruch der Verjährung gilt und dadurch die Täter sich hinter einer juristischen Schutzmauer verkriechen können.

Detlev Zander, 27.01.2016 15:11
Wir Betroffene, und Opfer die wir unteranderem sexualisierte Gewalt in den Einrichtungen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal erlebt haben , wollen sicherlich keinen Blumentopf gewinnen.
Wir alle möchten unsere Würde zurück, und fordern die Evangelische Brüdergemeinde Korntal auf, dieses unerträgliche Leid, auch finanziell anzuerkennen. Lippenbekenntnisse , Sonntagsreden, davon haben wir genug.
Wenn Gott nicht wegschaut, Gebetskreise wurden gebildet, um für die Diakonie der Evangelischen Brüdergemeinde zu beten.

Wir fordern die Evangelische Brüdergemeinde Korntal auf, nicht nur dafür zu sorgen, dass der Schutz ihrer Einrichtungen und ihrer Gemeinde im Vordergrund steht. Wenn den schon gebetet wird, dann fordern wir die Evangelische Brüdergemeinde Korntal auf, auch für all ihre Betroffenen / Opfern in ihren Einrichtungen, und ihrer Gemeinde zu beten!

Ein Ziel ist es auch , dass kein Kind in den Einrichtungen, und der Gemeinde der Evangelischen Brüdergemeinde mit so einer Hypothek entlassen wird, wie wir es erlebt haben!

Detlev Zander, 27.01.2016 14:35
Wir glauben nicht, dass solche Kommentare dem Thema gerecht werden! Wir fordern alle auf, Ruhe und Besinnung zu bewahren, eine Personalisierung , hilft uns Betroffenenforum Missbrauch in den Kinderheimen der Brüdergemeinde Korntal nicht weiter.

Ulrich Scheuffele, 27.01.2016 13:46
ein Artikel, der die Situation darstellt wie sie ist.
Auch die wissenschaftliche Aufarbeitung wird in einer Sackgasse landen. Viele der Heimopfer scheuen sich einen Seelenstriptease vor Menschen zu machen, die sie nicht kennen. Aus diesem Grund hat die Arbeitsgemeinschaft Heimopfer Korntal beschlossen, eine Dokumentation der sexualisierten und physischen Gewalt in den Kinderheimen Hoffmann- und Flattichhaus in Korntal und dem Kinderheim in Wilhelmsdorf zu machen.
Mit der jetzigen Situation kann nur einer zufriden sein, die Brüder aus Korntal, hoffen sie doch, dass die Heimopfer immer mehr die Lust verlieren oder sich eine "biologische Lösunng" ergibt und die ganze Angelegenheit für die Presse uninteressant wird. Aber diesen gefallen tun ihr die betroffenen Heimopfer nicht.

Werner, 27.01.2016 12:04
Man kann auch als Außenstehender im Interesse der Geschändeten nur hoffen, dass tatsächlich noch Aufklärung betrieben wird. Ich möchte nicht wissen, wie viele Heime es gab, in welchen ähnliche Vorkommnisse geschahen, die aber niemand je erfahren wird.
In Leonberg gab es ein längst abgerissenes Margarethenheim für schwer erziehbare Mädchen, die von Schwestern mit Häubchen betreut wurden. Die einzigen Kontakte zur Außenwelt waren Feldarbeiten auf den anstaltseigenen Äckern und der sonntägliche Gang in die Leonberger Stadtkirche. Dort waren eigene Bänke für die Anstalt reserviert. Die jungen Frauen mussten wie Kindergartenkinder in Reih und Glied durch Leonberg marschieren, betreut und bewacht durch die barmherzigen Schwestern. Mich würde interessieren, werde es aber wohl nie erfahren, wie hinter den Mauern und Bretterzäunen die Erziehung zu ehrbaren Mitbürgerinnen ausgesehen hat.

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 307 / Kritik ist Lüge / Frank Passau, 18.02.2017 23:35
Rolf Steiner: "....der Kopp-Verlag mit den dümmsten und vor allem die Demokratie schädigenden Publikationen erscheint." Merkwürdiges Demokratieverständnis. Steiner würde gerne dem unmündigem Bürger vorschreiben, wo er sich...

Ausgabe 306 / "Die Ungerechtigkeit schreit zum Himmel" / Klingstedt, 18.02.2017 20:02
Phoenix Sendung,Sonnabend. (HÜTTER) Die Zahlen hätte ich mal gerne die sie genannt haben. Also die Prozentualen absenkungen,für Superreiche. Das sind Wahlkampfzahlen die wirken. MfG Ch.Klingstedt

Ausgabe 307 / Sitzen verboten / Gertrud Klartext, 18.02.2017 19:33
Jeder Arbeitnehmer hat einen fest definierten Arbeitsbereich den er ausfüllen muss und für den er bezahlt wird. Man erwartet von einem Chef, oder Direktor,dass er sich darum kümmert ,dass die Angestellten ihre Arbeit entsprechend...

Ausgabe 307 / Sitzen verboten / Isolde Vetter, 18.02.2017 18:44
!***Aufruf zur FALTHOCKER-Spende für die AufseherInnen*** Hiermit rufe ich uns Leser zur Spende für FALTHOCKER für die AufseherInnen auf! Es soll welche geben, die kaum größer als ein Taschenschirm in der Hülle und ganz leicht auf-...

Ausgabe 307 / Kein Haus für alle / Dieter Seewald, 18.02.2017 18:26
Ein wunderbares "potemkinsches Dorf", das sich OB Burschardt hier mit seinem Gefolge aufgebaut hat. Kompliment für Herrn Lünstroth, der in diese Eiterbeule sticht.

Ausgabe 307 / Entfesselte Kettenhunde / Gela, 18.02.2017 17:54
Den Aussagen von Hans Christ stimme ich zwar weitgehend zu, aber ich möchte diem Probleme doch ein bisschen anders gewichten. Die Rückkehr totalitärer Muster und der "Kampf gegen die Wahrheit" ist beängstigend und dass die Angst vor...

Ausgabe 307 / Sitzen verboten / Kunstfreundin aus Berlin, 18.02.2017 14:39
Endlich! Endlich findet sich eine kritische Stimme, die noch lange nicht alle Machenschaften der Stasi-Galerie erwähnt hat. Mobbing und Bossing - das ist der Stil des Vorstandes. Nein, liebe Frau Ministerin, diese Direktorin gehört...

Ausgabe 307 / Raffkes mit Mandat / Hartmut Hendrich, 18.02.2017 12:51
Es war sehr vernünftig, unseren Abgeordneten damals den Weg in die gesetzliche Rente zu öffnen. Dass ihnen der Arbeitgeberbeitrag dazu überlassen wurde, war wohl richtig, hatten sie so die Freiheit, auch eine andere Form der...

Ausgabe 307 / Verbote werden kommen / Schwabe, 18.02.2017 12:23
@thomase Wie wäre es für Sie mit Vanillepudding (ÖPNV)? Den können Sie sich bedenkenlos schmecken lassen! Ein flächendeckend landes-, besser noch bundesweiter Ausbau eines nachhaltigen und demokratisch kontrollierten öffentlichen...

Ausgabe 83 / Rassismus im Kinderzimmer / Hans Dierke, 17.02.2017 22:51
Man muss sich manchmal schon fragen, wo man eigentlich mit diesem linkspopulistischen um nicht zu sagen linksextremistischen Blödsinn in diesem Land hin will. Dürfen wir bald Alle nur noch die taz, die süddeutsche oder die Reinkarnation...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!