KONTEXT Extra:
Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

"I survived", sagt Tosin Johnson. Wieder und wieder. Fotos: Joachim E. Röttgers

"I survived", sagt Tosin Johnson. Wieder und wieder. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 233
Gesellschaft

Eine Frau flieht vor Boko Haram

Von Susanne Stiefel
Datum: 16.09.2015
Sie lebte in einem behüteten Elternhaus in Nigeria. Dann wurde ihr Dorf von den Milizen der Boko Haram überfallen. Seitdem ist Tosin Johnson Waise und auf der Flucht. Gejagt von einer islamistischen Terrororganisation, die Frauen versklavt und mit ihren Kriegern zwangsverheiratet. Tosin hat in Deutschland Asyl beantragt.

Der Rauch. Die Flammen. Die Menschen, die wild durcheinanderlaufen. Die sie festhalten, sie fernhalten wollen. Die das Schulmädchen hindern wollen, dorthin zu gehen, wo der Rauch herkommt. Dorthin, wo die Flammen hochschlagen und wo heute Morgen noch ihr Elternhaus stand, als sie unbeschwert in die Schule aufbrach. Diese Bilder holen Tosin Johnson immer wieder ein. Auch im Flüchtlingsheim in Cannstatt, wo sie seit zwei Jahren lebt. "Ich muss darüber reden, meint meine Therapeutin, das hilft", sagt die Nigerianerin tapfer.

Tosin Johnson im Flüchtlingsheim: "Ich wusste nicht, wohin"
Tosin Johnson im Flüchtlingsheim: "Ich wusste nicht, wohin."

Tosin Johnson ist eine freundliche Frau, die gerne lacht, stattlich, weder zu übersehen noch zu überhören, wenn sie spricht mit dieser vollen, resoluten Stimme. Deren Mund sich zu einem glücklichen Lächeln biegt, wenn sie von ihrem zweijährigen Jungen erzählt, von David, der mit ihr in dem kleinen Zimmer im Flüchtlingsheim lebt und heute im Kindergarten ist. Doch das Strahlen erlischt, wenn die 27-Jährige berichtet, wie die muslimische Terrormiliz Boko Haram an diesem Tag ihr Dorf im Nordosten Nigerias überfallen hat, die Kirche anzündete und das Haus des Pastors, ihres Vaters, ihr Elternhaus. "Sie sind alle verbrannt, du musst weg, Tosin, die suchen dich, die Tochter des Pastors, schnell", drängten die Nachbarn. Es war die schrecklichste Entscheidung, die die damals 18-jährige junge Frau treffen musste. Nicht wissend, was mit den Eltern, dem Bruder passiert ist, ob sie vielleicht noch leben, versklavt von der gefürchteten Boko Haram, sich vielleicht doch retten konnten.

Tosin, die am Morgen noch eine fröhliche Studentin war, die in einem behüteten Elternhaus aufwuchs, Business Management studierte und von einem Job in Kanada träumte, ist am Abend eine Frau auf der Flucht. Und allein. "Ich wusste nicht, wohin", sagt Tosin und ihre Stimme wird ganz klein.

Boko Haram wütete lange vor "Bring back our girls"

Es war die Entführung der Schulmädchen von Chibok, die Boko Haram weltweit bekannt machte. "Bring back our girls" hieß 2014 die weltweite Kampagne, an der sich neben vielen Prominenten auch Michelle Obama, die Frau des US-Präsidenten, beteiligte. Im April dieses Jahres jährte sich die Entführung der 276 nigerianischen Schulmädchen, die bis heute nicht befreit wurden. Auch Tosin Johnson ist zum Jahrestag auf die Straße gegangen. Sie hat David im Kinderwagen durch Stuttgarts Straßen geschoben, eine Hand am Kinderwagen, die andere am Megafon: keine Abschiebung nach Nigeria. Lasst die Mädchen frei. Doch Boko Haram hat den Nordosten Nigerias schon lange vor der spektakulären Entführung terrorisiert.

Flüchtlingsunterkunft in Cannstatt: Hier endete Tosins Flucht.
Flüchtlingsunterkunft in Cannstatt: Hier endete Tosins Flucht.

Was 2002 als soziale Bewegung im Nordosten Nigerias begann, mit Mikrokrediten und Unterstützung der armen Bevölkerung, wurde schon bald zu einer terroristischen Gruppe, die Anschläge auf Polizisten und Behörden verübte. Boko Haram, übersetzt "Bücher sind Sünde" oder "westliche Bildung verboten", machte erstmals um 2004 mit der Einrichtung des Trainingslagers "Afghanistan" an der Grenze zum nördlichen Nachbarland Niger von sich reden. Dort rekrutierte sie gezielt junge Männer. Warnungen von Imamen vor der Gefährlichkeit dieser Sekte wurden von den Behörden zunächst ignoriert. Doch in die Dörfer im Nordosten Nigerias war sie da schon längst eingesickert.

Tosin erinnert sich genau an die anfangs subtile Schreckensherrschaft. Die Mutter schickte sie aufs Feld, um Gemüse fürs Essen zu holen. Drei Männer folgten der 14-Jährigen, sie waren Muslime, sie gehörten zu Boko Haram, das wussten alle im Dorf, in dem viele Mädchen nicht mehr in die Schule gingen, aus Angst vor Entführungen. Sie ging schneller, die gingen auch schneller. Sie lief, die liefen auch. Da rannte Tosin zum ersten Mal um ihr Leben. Ihr Glück war, dass sie als Kind auf dem Farmland ihrer Familie gespielt hatte und alle Verstecke kannte, sie duckte sich am Wegesrand. Sie hörte, wie die Männer vorbeikamen, direkt vor ihr beratschlagten, ist sie da vorne oder doch noch hier. Sie hielt den Atem an, schlug sich die Hand vor den Mund, "So", demonstriert sie, erstickt fast an der Erinnerung. Erst um Mitternacht traute sie sich nach Hause. Im Nordosten Nigerias sind Frauen Freiwild für die Gotteskrieger von Boko Haram. Sie werden geraubt, wie die Schulmädchen von Chibok. Sie werden versklavt und verkauft oder zwangsverheiratet mit deren Kriegern. Tosin ist vor dieser Gewalt geflohen. Sie hat in Deutschland Asyl beantragt.

Immer wieder haben Pro Asyl und die Frauenrechtsorganisation medica mondiale kritisiert, dass sich die deutsche Rechtsprechung an einem männlichen Flüchtlingsbegriff orientiert. Doch Frauen fliehen auch vor Zwangsheirat, Genitalbeschneidung, vor häuslicher Gewalt, vor Menschenhandel, der in der Prostitution endet. Solche frauenspezifische Fluchtgründe werden im Vergleich zu "traditionellen" Fluchtgründen selten als Asylgrund anerkannt, obwohl sie 2005 ins Einwanderungsgesetz aufgenommen wurden. Dort ist zu lesen: "Eine Verfolgung wegen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe kann auch dann vorliegen, wenn die Bedrohung des Lebens, der körperlichen Unversehrtheit oder der Freiheit allein an das Geschlecht anknüpft." Doch die Praxis sieht anders aus.

Warten auf den Asylbescheid.
Warten auf den Asylbescheid.

Das weiß auch Doris Köhncke. "Es ist ein Drama, dass die wirklichen Fluchtgründe von Frauen oft in den Mühlen des Asylverfahrens zermahlen werden", sagt die Leiterin des Stuttgarter Fraueninformationszentrums (FIZ). Doris Köhncke unterstützt Tosin bei ihrem Asylantrag. Sie weiß, wie schambehaftet es für viele Frauen ist, über die sexuelle Gewalt zu berichten, die sie erfahren haben. Oder wie sie in die Hände von Menschenhändlern fielen und in die Prostitution gezwungen wurden. Wenn sie dies auf Englisch tun sollen, das nicht ihre erste Sprache ist. Wie misstrauisch sie sind, wenn der Übersetzer ein männlicher Nigerianer ist, der zwar ihre Sprache versteht, aber nicht die Probleme der Frauen. "Frauenspezifische Fluchtgründe sind subtil", sagt Köhncke, "sie brauchen Raum, Zeit und Vertrauen." Doch beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge müsse es schnell, schnell gehen, da bleibe kein Raum für diffizile Einzelschicksale. Dabei brauchen traumatisierte Frauen wie Tosin Johnson ganz besondere Unterstützung und Beratung im Asylverfahren. Seit Jahren hat sich deshalb auch der Arbeitsbereich des FIZ erweitert. Längst beraten sie nicht mehr nur Migrantinnen, sondern auch Flüchtlingsfrauen.

Doris Köhncke hat Tosin zur Anhörung begleitet. Sie hat sich um den kleinen David gekümmert, während die Mutter über zwei Stunden ihre Fluchtgründe darlegte. "Wie sollen denn Frauen über sexuelle Gewalterfahren erzählen, wenn ihre Kinder dabei sind", fragt Doris Köhncke, "die womöglich noch alles verstehen, wenn sie älter sind?" Es sind immer mehr Frauen wie Tosin ins FIZ gekommen. Die Frauen des FIZ haben deshalb beschlossen, ihr Arbeitsgebiet zu erweitern. Sie haben nun bei der "Aktion Mensch" einen Antrag auf eine weitere Stelle gestellt. Es soll eine Frau sein, die sich ausschließlich um die spezifischen Probleme der Flüchtlingsfrauen kümmert.

"Und ich überlebte wieder"

Um Menschen wie Tosin. Die nach dem Tod ihrer Familie über die nächste Grenze geflohen ist, in den Norden, nach Niger. Wo sie sich anderen Flüchtlingen angeschlossen hat, dort als alleinstehende Frau und Christin in einer muslimischen Gesellschaft keine Chance hatte, beschloss, nach Libyen zu fliehen, dort gebe es Arbeit, sagten die anderen. Sie hatte kein Geld, sie wartete mit vielen anderen auf Lastwagen, die nach Tripolis fuhren, wie die Flüchtlinge in Calais auf den Eurostar nach England. Sie wurden entdeckt und verjagt. Sie gingen zu Fuß weiter, wurden überfallen. Zwei Wochen dauerte die Flucht durch die Wüste, sie sah Menschen und Tiere sterben. "Und ich überlebte wieder, I survived", sagt sie. Tosin hat viele Leben.

Sie arbeitete bei einer reichen libyschen Familie, erlebte zum ersten Mal Rassismus, hatte aber ein Dach über dem Kopf. Dann wurde Gaddafi gestürzt, und die Familie floh ins Ausland und Tosin vor dem Bürgerkrieg aufs Meer. In einem völlig überfüllten Boot, ohne Kapitän, ins Meer gestoßen in der Hoffnung, Italien zu erreichen. Fünf Tage treiben sie auf dem Mittelmeer, Hunderte Menschen dicht gedrängt auf einem kleinen Boot, kaum Wasser, nichts zu essen, die Sonne verbrennt Haut und Mut, und manche sprangen vor Hunger, Durst und Verzweiflung ins Meer, um dem Leiden ein Ende zu machen. "Da sprang auch eine schwangere Frau", sagt Tosin. Sie stockt, sie sieht sich um in ihrem kleinen Zimmer, als wolle sie die Bilder abschütteln. Schaut auf die Koffer auf dem Schrank, das kleine Waschbecken, wo sich Putzmittel und Kosmetika drängeln, auf den kleinen Tammy, der auf dem Fußboden spielt, der Junge, auf den sie aufpasst, während sie erzählt. Die Therapeutin hat gesagt, dass sie über die Vergangenheit reden muss. Doch manchmal braucht es den Blick auf die Gegenwart, auf den Alltag in Deutschland, auf all die Dinge, die sie erinnern, dass sie überlebt hat.

Johnson mit ihrem kleinen Sohn.
Johnson mit ihrem kleinen Sohn.

Auch diesen Moment, als sie ein italienisches Patrouillenboot sahen. Als Hunderte Menschen vor Freude hochsprangen und jubelten und das Boot kenterte. Es war der Moment, in dem Tosin ihr Gedächtnis verlor, Tosin, die Angst vor Wasser hat und nicht schwimmen kann. Sie weiß nicht, wie sie ins Krankenhaus gekommen ist, wo sie einen Tag später aufwachte. Sie weiß heute, dass nur die Hälfte der Bootsflüchtlinge gerettet werden konnten. Tosin mit den vielen Leben war dabei. "I survived", sagt sie als sei sie selbst überrascht. Der kleine Tammy hält ihr wie zum Trost sein Polizeiauto hin. "Wenn Sie ein Problem haben, rufen Sie 110", sagt eine Computerstimme aus dem Wagen. Wenn es nur so einfach wäre.

Vom Krankenhaus in Lager nach Salerno, und als das zugemacht wurde, Neapel. Dort versuchten Menschenhändler sie in die Prositution zu zwingen. Sie floh mit einem Nigerianer, den sie kennen und lieben gelernt hatte, nach Turin. Die Beziehung zerbrach, als sie schwanger wurde, sie wollte das Kind, er nicht. Da erinnerte sich Tosin an ihren Jungmädchentraum von Kanada, sie bettelte das Geld für ein Ticket zusammen und setzte sich hochschwanger ins Flugzeug. Die Italiener haben nicht so genau hingesehen, die Deutschen schon. Beim Zwischenstopp in Frankfurt beantragte Tosin Asyl, sie kam nach Karlsruhe, dann nach Stuttgart und landete irgendwann im FIZ. Doris Köhncke hat der traumatisierten Frau zugehört, ihr einen Therapieplatz besorgt, sie zur Anhörung begleitet, hilft ihr auch beim Einrichten in der Unterkunft in Cannstatt.

Die Frau vom FIZ weiß auch, dass die Situation von Frauen im Flüchtlingsheim nicht einfach ist. "Warum werden sie mit ihren Kindern nicht im Erdgeschoss untergebracht, wo sie ihren Kinderwagen nicht hochtragen müssen?", fragt sie. Warum denkt keiner daran, dass Männer zur Anhörung selbstverständlich alleine gehen, Frauen aber meist ihre Kinder dabei haben und sich schwer auf ihre eigene Geschichte konzentrieren können? Und nicht nur in den Gemeinschaftsunterkünften gilt eine junge schwarze Frau als Freiwild.

Heute lebt Tosin, die Nigerianerin mit den vielen Leben, auf neun Quadratmeter Deutschland. Das Zimmer ist vollgestellt wie ein Setzkasten. Und doch finden hier noch zwölf Firmlinge Platz, denen sie beibringt, dass man Menschen, älteren Menschen, Fremden, allen Menschen, mit Respekt begegnet. Und wenn in St. Martin gleich gegenüber Flüchtlingstag gefeiert wird, predigt die Pastorentochter Tosin Johnson schon mal in der deutschen Kirche. Auf Italienisch oder auf Englisch.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

Kommentare

Noch keine Kommentare. Schreiben Sie Ihre Meinung.

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 312 / Das große Fressen / Peter S, 28.03.2017 13:52
Stimme tauss und Kornelia zu. Man ändert an dem Leid Afrikas null wenn sich der Tourismus ändert, egal ob auf den Kanaren oder in Afrika oder der Türkei. Die meide ich allerdings bis auf weiteres auch. Wir (also BRD, Nato und...

Ausgabe 312 / Der zweite Verrat / Udo Sürer, 28.03.2017 11:38
Kappler war nicht der Eínzige. Auch Walter Reder war in Gaeta, bis 1985. Katholiken verkennen tendenziell die heilende Funktion von Gerechtigkeit und meinen, stattdessen mit "Gottes Gnade und Vergebung" alles unter den Teppich kehren zu...

Ausgabe 311 / Sehnsucht nach Franz Josef Strauß / Kornelia, 28.03.2017 11:37
http://www.deutschlandfunk.de/politisch-korrekte-sprache-die-eliten-betreiben-eine.691.de.html?dram:article_id=381780 "Jürgen Trabant: Die Sprachwaschmaschine ist ein gesellschaftliches Spiel, wenn Sie so wollen, in dem Sprache, die...

Ausgabe 312 / Reiche auf der Flucht / Peter S, 28.03.2017 11:18
Also rein geografisch ist der Wempe nach einem Umzug an die Stiftskirche aber noch näher am Primark als heute.

Ausgabe 312 / Wohnen am Anschlag / Schwabe, 28.03.2017 09:28
Jeder wohnt (irgendwie), doch das Thema scheint niemanden zu interessieren. Jedenfalls nicht so sehr das es einen Leserkommentar wert ist. Vielleicht denken sich die meisten "Scheiße, ich will auch so wohnen" oder "Mittelstand 3.500 €...

Ausgabe 312 / Kritik und Klausur / josef tura, 28.03.2017 09:22
Ein Herr Produzent, der grammatikalischen Blödsinn wie "weder...sondern..." schreibt, sollte sich nicht über das makellose Deutsch eines renommierten Kritikers mokieren. Aber natürlich sind Verleihfirmen, deren Pressefuzzies und auch...

Ausgabe 312 / Meckerärsche, die Augen rechts! / andromeda, 28.03.2017 00:22
@ Schleiermacher, exakt so ist es . Allerbesten Dank für den hervorragenden Link und Folgelinks bis zu den Beweihräucherungen von pulseofeurope im Bundestag. Die Verträge von Lissabon / Neo"liberalismus" (Neofeudalismus) /CETA /...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / Jupp, 27.03.2017 22:22
Na prima ... Jetzt haben wir es also wieder geschafft, von einem kleinen städtebaulichen Thema auf globale Missstände und Bankenbillionen etcpp zu kommen. Super. Nicht mal die Farbe einer einzigen Parkbank könnte man hier diskutieren...

Ausgabe 312 / Lipps Liste / Zaininger, 27.03.2017 22:14
Zu Ziegler: So, wie viele vor 1945 "dem Führer eifrig zugearbeitet" haben gab es im deutschen Beamtenapparat auch nach 1945. g Genügend Eifrige, die dem zeitgemäß aktualisierten Kampf gegen den "Bolschewismus" übereifrig zur Hand...

Ausgabe 312 / Afrika kommt / andromeda, 27.03.2017 21:49
Wie Entwicklungshilfe funktioniert : Beispiel 1 ARTE-Dokumentation "Milliarden für den Stillstand" https://www.youtube.com/watch?v=3Q7piBiWENk Vorsicht , nicht den SW -Film (ist zum Ende hin einseitige Propaganda) Beispiel...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!