KONTEXT Extra:
Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


Sichere Herkunftsstaaten: Kretschmann schon lange für längere Liste

Winfried Kretschmann hat sich mit jüngsten Äußerungen zur Einstufung von Marokko, Tunesien und Algerien als sichere Herkunftsländer derart in die Nesseln gesetzt, dass sich sein Staatsministerium zu einer "Klarstellung" aufgerufen sah. Tatsächlich handelt es sich um einen durchsichtigen Versuch der Schadensbegrenzung. Der grüne Regierungschef hatte auf Anfrage der "Rheinischen Post" in einer Stellungnahme zur aktuellen Sicherheitsdebatte erklärt: "Die kriminelle Energie, die von Gruppierungen junger Männer aus diesen Staaten ausgeht, ist bedenklich und muss mit aller Konsequenz bekämpft werden." Zugleich sprach er sich für die Aufnahme der drei Maghreb-Staaten auf die Liste sicherer Herkunftsländer aus: "Baden-Württemberg wird der Ausweitung zustimmen, sofern die Bundesregierung das Ansinnen in den Bundesrat einbringt."

Die Wirkung beider Sätze im Zusammenhang sind ihm und "meinen Leut", wie er seine engsten Mitarbeiter gern nennt, offenbar entgangen. Jedenfalls stellte "das Staatsministerium klar, dass die signalisierte Zustimmung weder aus aktuellem Anlass beschlossen wurde, noch ihre Begründung in der Gewaltbereitschaft mancher Gruppen junger Männer aus diesen Ländern hat". Vielmehr sei die Entscheidung "schon im Frühsommer 2016 nach einem langen Abwägungsprozess, in dem vor allem der Frage nachgegangen wurde, ob es angesichts der Menschenrechtssituation in den besagten Ländern vertretbar wäre, diese zu sicheren Herkunftsländern zu erklären (...), als sich die Bundesregierung dem Ministerpräsidenten gegenüber bereit erklärte, in einer Protokollerklärung festzuhalten, Personen aus sogenannten vulnerablen Gruppen wie Homosexuellen, verfolgten Journalisten, religiösen Minderheiten mit gleicher Sorgfalt zu prüfen wie Flüchtlinge aus sonstigen Ländern". Das Staatsministerium sagt allerdings nichts dazu, ob die Forderung erfüllt wurde und warum das Thema nicht längst endgültig ausgetreten ist. Denn laut dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration werden die drei Länder in der Statistik überhaupt nicht mehr einzeln ausgewiesen, weil die Zahl der einreisenden Asylbewerber so niedrig ist. Und bereits 2015 gehörten die drei Staaten nicht zu jenen zehn Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen. (5.1.2017)


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Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Ausgabe 210
Gesellschaft

Smart überwacht

Von Gastautor Peter Hensinger
Datum: 08.04.2015
Pforzheim, Heidenheim und Böblingen haben freien WLAN-Zugang, die Landeshauptstadt noch nicht. Rechtzeitig zum Kirchentag im Juni will Stuttgart bereit sein. Auch die Gläubigen können dann in der Innenstadt tun, was die Kundschaft im Milaneo oder Gerber schon lange kann: sich gratis im Netz bewegen. Es wird ein Segen werden – vor allem für die Geschäftemacher.

Sie betreten in der Shopping-Mall ein Schuhgeschäft. Ihr Smartphone meldet dem Verkäufer, dass Sie der Schuhtyp High Heels sind und im Internet bereits danach gegoogelt haben. Jede ihrer Suchanfragen wurde von mehr als 50 Firmen abgespeichert und verarbeitet. In dem Shop werden Sie von kleinen, in den Regalen versteckten Bluetooth-Sendern, sogenannten Beacons, ausgeforscht. Über sie erfährt der Verkäufer, welche Produkte Sie sich anschauen, wie er sein Sortiment optimieren und für Sie neue Angebote stricken kann.

Sie sind HeilerziehungspflegerIn, ErgotherapeutIn oder SozialarbeiterIn und schwul oder lesbisch. Sie bewerben sich bei der Caritas. Sie haben bei Amazon ein Buch über Aids bestellt. Sie sind immer wieder auf schwule-literatur.de und anderen Homepages von Schwulen- und Lesbenvereinigungen. Sie waren auch auf der Christopher Street Parade und hatten Ihr Smartphone an. Alles ist gespeichert, dank Firmen, die auf "People Analytics" spezialisiert sind, und von denen es allein in den USA 3600 gibt. Sie schreiben Ihren gesamten Lebenslauf anhand von Algorithmen auf. Ihr digitaler Zwilling liegt dem Personalchef vor. Er wird sie nicht zum Vorstellungsgespräch einladen.

Der Versicherer Generali lockt Kunden mit einer ermäßigten Krankenversicherung, wenn Sie per App belegen, dass Sie Sport treiben. Versicherungen werden zukünftig speichern, was Sie im Supermarkt einkaufen, ob Sie rauchen, wie viel Alkohol Sie konsumieren, welche Risikosportarten Sie betreiben, auch ihr Fahrverhalten im Verkehr. Auf dieser Grundlage wird die Prämie festgesetzt, werden Sie erst gar nicht versichert oder wird Ihnen gar gekündigt. Versicherungen werden billiger, wenn man die Überwachung akzeptiert.

Wer gegen den Castor protestiert, ist potenzieller Unruhestifter

Sie protestieren gegen Castor-Transporte, sind gegen Stuttgart 21 auf die Straße gegangen, aktiv in einer linken Gruppierung oder auch nur Mitglied im BUND. Der Algorithmus der Datenfirma empfiehlt der Personalabteilung, Sie nicht einzustellen, weil Sie ein potenzieller Unruhestifter sind.

Familienglück: Endlich ordentlich überwacht! Foto: Screenshot mspy.com
Familienglück: Endlich ordentlich überwacht! Foto: Screenshot mspy.com

Das Smartphone ist ohnehin das ideale Datensammel-, Überwachungs- und Manipulationstool. Mit freiem WLAN lassen sich die Daten noch einfacher abgreifen, in den Apps sind die Spionagefunktionen schon versteckt. 

Eine dezidierte Spionagesoftware kann in vereinfachter Version jeder kaufen. Auf der Homepage der Software mSpy wird das Spionieren für jedermann angeboten: "mSpy ist eine Anwendung für Smartphones, die im Hintergrund ausgeführt wird und so unauffällig SMS, Anrufe, Kalendereinträge, Notizen und vieles mehr aufzeichnet und speichert. mSpy kann als Wanze Konferenzräume belauschen, die Position des Handys via GPS ermitteln und alle Bewegungen als Karte aufbereiten. Die Software wird direkt auf dem Mobiltelefon installiert."

Dabei ist auch das Smartphone präpariert, ganz selbständig als Superwanze aktiv zu sein. In einem Experiment hat der britische Fernsehsender Channel 4 herausgefunden, dass Smartphones heimlich jede Menge Informationen versenden. Innerhalb von 24 Stunden kontaktierte das Test-Handy etwa 350 000 mal 315 Server über das Internet, sogar im Standby-Modus. Mit diesen Informationen legen die Werbetreibenden ein genaues Nutzerprofil an und können so die Reklame den Gewohnheiten des Betrachters anpassen. Einziger Schutz sei, das Smartphone vom Netz zu trennen oder es komplett auszuschalten.

Freies WLAN bedeutet freie Daten für die Wirtschaft

Ganz nüchtern betrachtet: Derzeit wird eine kundennahe Infrastruktur zum Daten-Sammeln und Überwachen aufgebaut. Ein riesiges Geschäft, wie der Unternehmerverband BITKOM notiert. In seinem Leitfaden "Big Data" beziffert er den Gesamtmarkt auf 73,4 Milliarden Euro in 2014, prognostiziert auf 160,6 Milliarden in 2016. Verkauft wird das mit "Freiheit", ja sogar mit sozialer Gerechtigkeit. Eine Internet-Zweiklassengesellschaft müsse vermieden werden, heißt es, Arme und benachteiligte Kinder dürften nicht vom Internet ausgeschlossen werden. Und papageienhaft plappern Politiker diese Vermarktungs- und Durchsetzungsstrategie nach.

Auch ohne WLAN laufen über Mobilfunkmasten unzählige Verbindungen. Foto: Joachim E. Röttgers
Auch ohne WLAN laufen über Mobilfunkmasten unzählige Verbindungen. Foto: Joachim E. Röttgers

Freies WLAN aber bedeutet freie Daten für die Wirtschaft. Die Kombination der personalisierten Daten aus Smartphone- und Tablet-Nutzung, Google, Facebook, Twitter, Schufa-, Bank- und Gesundheitsdaten, Kassenauswertungen der Einkaufsketten, Apotheken und der Vernetzung der Autos über LTE und WLAN ergibt den gläsernen Konsumenten, ein exaktes Profil eines jeden Bürgers. Laut BITKOM können in Deutschland für fast 90 Prozent aller Website-Besucher Daten aufbereitet werden. 

Inzwischen ist es auch möglich, durch die Analyse der sozialen Netzwerke, die semantische Textanalyse, kombiniert mit Video, Skype und Spielen, Gefühlsdaten und Meinungen zu erfassen. Daraus werden personenspezifische Informationen und Werbebotschaften entwickelt. Mit dem Ziel, insbesondere die Konsumwünsche bei Kindern und Jugendlichen anzuheizen. Die Congstar-Werbung zeichnet das Bild des Jugendlichen, wie ihn die Industrie gerne hätte: "Du willst es. Du kriegst es. Jedes Jahr ein neues Smartphone". Einer Studie des Smartphone-Herstellers Nokia zufolge, nutzen Jugendliche ihr Gerät 150 Mal am Tag.

Konsum und Überwachung gehen hier Hand in Hand. Die Autorin Juli Zeh kommentiert die Folgen in der Süddeutschen Zeitung so: "Im 20. Jahrhundert gingen Unterdrückung und diktatorische Methoden von Staaten aus. Inzwischen erleben wir, wie große Konzerne immer mehr Macht gewinnen, sich zum Teil gar nicht mehr an Politik und Gesetze gebunden fühlen. Totalitäre Strukturen kleiden sich heute ins Gewand von Serviceangeboten. Wir wissen gar nicht, was unsere Daten wert sind, also wissen wir auch nicht, wie viel wir für eine Leistung bezahlen. Momentan ist das Geschäft mit Daten in den meisten Fällen Abzocke - der Verbraucher bekommt eine lächerliche Prämie für einen Datensatz, der womöglich sehr viel Geld wert ist".

Die App im Kinderwagen ist der nächste Schritt

Das hat weitreichende Folgen, denn seit Snowdens Enthüllungen ist jedem bekannt, dass die Überwachung allgegenwärtig ist. Die Auswirkungen dieser permanenten Ungewissheit werden sich im Unterbewusstsein festsetzen und Handeln bestimmen. Die Überwachung können wir nicht verdrängen, sie wird zum Über-Ich. Was bleibt da jetzt noch von dem Argument: "Ich habe nichts zu verbergen!"? Heribert Prantl analysiert diese Entwicklung treffend in der Le Monde diplomatique: "Diese Überwachung wird den freiheitlichen Geist der früher sogenannten freien Welt zerfressen, weil die Überwachung es verhindert, schöpferisch zu sein. Wer überwacht wird, verhält sich konform. Damit verschwindet die Privatheit; und mit ihr verschwindet die Unbefangenheit. Die Überwachungsmacht veranlasst die Menschen, sich selbst in Gefangenschaft zu nehmen." Eine Generation ohne Bewusstsein für die Bedeutung der Privatsphäre aber wächst heute schon heran, industrie-kompatibel.

Warum also nicht schon in der Wiege beginnen? Der Unternehmerverband BITKOM geht davon aus, dass mit sinkenden Kosten für die neuen Technologien "auch bald Kinderwagen" ausgestattet werden. Der data-infused Kinderwagen wird die Anzahl der Schreie des Kindes messen, seine Lacher, seine Mimik, seine Körpertemperatur. Der am Smartphone daddelnden Mutter (oder dem Vater) wird am Display der Zustand per Fernwartung eingeblendet. In Echtzeit werden die passenden Pharmaprodukte, digitalen Spielzeuge oder die richtige Babynahrung empfohlen, entsprechend dem sozialen Statuts der Eltern. Und die Apotheke mit den Sonderangeboten kann sofort per Navigation angesteuert werden. 

Peter Hensinger, Jahrgang 1948, ist Vorstandsmitglied im BUND-Kreisverband Stuttgart sowie Leiter des Bereichs Wissenschaft bei der Verbraucherorga­nisation Diagnose-Funk e.V.. Er war auch 20 Jahre Gruppenleiter im Rudolf-Sophien-Stift und hat zuletzt über "Risiken der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen durch digitale Medien" geschrieben. 

Hensinger referiert auch bei der grünen Stadtratsfraktion und SÖSLinkePluS, die am 16. April (19.30 Uhr) ins Stuttgarter Rathaus laden. Dort wird die St. Galler Mobilfunkversorgung vorgestellt, die als leistungsstark und strahlungsarm gilt.


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Kommentare

vpn, 10.04.2015 12:52
"Mit freiem WLAN lassen sich die Daten noch einfacher abreifen"

Dem muss ich leider zustimmen, man kann sich jedoch relativ leicht dagegen wehren, indem man über einen VPN-Server auf das Internet zugreift. Diese VPN-Verbindung muss natürlich verschlüsselt sein, dann kann jedoch der Betreiber des "freien" W-LANs nur noch die Verbindungsdaten des VPN-Servers sehen, jedoch nicht mehr die Webseiten, die man aufruft.

Mehr dazu steht auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Virtual_Private_Network#Praktischer_Nutzen_eines_VPNs

Markus Hitter, 08.04.2015 17:27
> Es gibt eine recht schlichte Lösung

Eine weitere Option ist, ein Etui aus Metall zu verwenden. Muss nicht dick sein, Alufolie genügt. Dann hat man einen Faraday'schen Käfig, da gehen Funksignale weder rein noch raus, egal wie sehr sich die Telefon-Software einen abstrampelt.

Gelegentlich ist so ein Smartphone ja schon ganz praktisch, z.B. wenn man mal einen Stadtplan braucht. Steckt das Ding in einem Metall-Etui, bekommt man allerdings auch keine Anrufe mehr.

Markus Hitter, 08.04.2015 17:18
> PS: Kontext könnte mal mit gutem Beispiel vorangehen und
> sein Capchta von Google entdongeln ;)

Ja, richtig. Bis es soweit ist, gibt es Ghostery: https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/ghostery/

Die Benutzung ist durchaus erhellend. kontextwochenzeitung.de bringt es auf nur 5 Tracker (Facebook, Flattr, Twitter, Google+ und Piwik), auf so manch anderer Zeitungsseite kommt man schnell auf 15 oder 20.

Wobei man nicht alle Tracker deaktiviert lassen kann, z.B. braucht man bei der StZ/N den INFOnline um Kommentare schreiben zu können. Andere Webseiten verwenden Tracker, um ganze Inhalte anzuzeigen (Brightcove). Dennoch kommt man mit weniger als 10 von rund 2000 bekannten Exemplaren aus. Da ist man schon mal 99,5% los.

Susanne Jallow, 08.04.2015 14:06
Es gibt eine recht schlichte Lösung :

Ein Leben ohne Smartphone und Co. ist möglich. Und NICHT sinnlos.

Wer was zum Telefonieren von unterwegs aus braucht, oder mal ne SMS verschicken möchte, was manchmal ganz prakisch sein kann - der kann ein altes Mobiltelefon nutzen. Dazu reichen sogar die ohne Kamerafuntkion. - Die sind auch nicht zu orten, wenn sie ausgeschaltet sind. Die Smartphones schon.

N. Karstens, 08.04.2015 13:52
Sehr gut, dass dieses Thema mal in Kontext auftaucht.

Allerdings muss man auch sagen: Wer es wissen wollte, hätte es wissen können. Jedoch tun die Leitmedien auch auf dieser Strecke alles Erdenkliche dafür, dass die Bürger nicht adäquat informiert werden. Adäquat bedeutet in diesem Fall, darauf hinzuweisen, dass das, was sich da gerade im Bereich Big Data und "Internet der Dinge" abspielt, unter spätkapitalistischen Bedingungen fast zwangsläufig zu einem gesellschaftlichen Szenario führen muss, gegen welches sich Orwells Teleschirme und Mikrofone im Wald wie ein Kindergeburtstag ausnehmen werden.

Was mir im Beitrag fehlt, ist der Verweis auf existierende Alternativen: Zum Beispiel muss niemand mit einem Smartphone durch die Kante stolpern, welches mit Google (oder einem anderen Megakonzern; Apple, Microsoft) verdongelt ist - siehe bspw. und u.a. Cyanogenmod/ UbuntuPhone/ Firefox OS. Und diese Alternativen bedeuten mitnichten ein Weniger an Funktionalität und Komfort. Nur wissen das leider die Wenigsten. Entsprechende Aufklärung durch die Massenmedien? Fehlanzeige. (Das trifft natürlich auch auf sogenannte soziale Netzwerke zu - es gibt Alternativen. Von klassischen Computerbetriebssystemen ganz zu schweigen.)

Es ist dasselbe Spiel, wie in den 90-igern und Nullern mit den kommerziellen Computerbetriebssystemen von Microsoft und Apple: Erst werden die Leute abhängig gemacht. Dann werden sie ausgenommen wie die Weihnachtsgänse. Ausgenutzt wird durch die Megakonzerne - und durch die sie bedienende Politik! - die Unwissenheit, die Bequemlichkeit und die (Denk)Faulheit der potenziellen Kunden (wozu auch Behörden und Unternehmen zählen, die sich bspw. Microsofts Windows haben aufschwatzen lassen). Und genau so läuft das auch im Augenblick. Richtig lustig aber wird das erst demnächst, wenn die Quartals-Irren aus der Politik die Vorratsdatenspeicherung wieder eingeführt haben werden und jeder neben seiner persönlichen Körper-Wanze (Smartphone/Tablet) noch einen intelligenten Stromzähler, ein selbstfahrendes Auto, einen smarten Kühlschrank, die coole Smartwatch und mehrere weitere wearables sein eigen nennen darf. Von den NFC-Chips in Klamotten und sämtlichen Ausweisen und Kredit- und Geld- und sonstigen Karten ganz zu schweigen.

Diese Typen, die den Leuten diesen ganzen Dreck unterjubeln, zumal den ganz jungen Menschen, die Politiker einerseits und die Dealer der Internetkonzerne andererseits, Hand in Hand mit den Leitmedien, sind nicht besser als etwa die Drogen-Dealer, welche an den Schulhöfen herumlungern, um jungen Menschen den ersten Schuss, der sie abhängig machen wird, zu verticken. Die einen Verbrecher aber sollten genau so gesellschaftlich geächtet, medial gebrandmarkt und juristisch und strafrechtlich verfolgt werden und behandelt werden wie diese anderen Verbrecher.

Und man muss die Menschen über die Alternativen aufklären!

PS: Kontext könnte mal mit gutem Beispiel vorangehen und sein Capchta von Google entdongeln ;)

FernDerHeimat, 08.04.2015 08:09
Fantastisch! So einen Artikel hätte ich Kontext nun wirklich nicht zugetraut!

Die meisten meinen ja, sie hätten "nichts" zu verbergen. Nun, das gilt zunächst einmal höchstens für Exhibitionisten. Und es geht auch schon längst nicht mehr nur um die kommerzielle Auswertung (zu "Werbezwecken").

Denn die gern verharmlosten* sog. "Metadaten" sind nicht unbedingt ein Ausdruck des Ist-Zustandes, sondern durchaus... interpretationsfreudig!

So kann einem z.B. schon die Nähe zu einer Demonstration oder einem Verbrechen durchaus zum Schaden gereichen. Siehe Dresden, wo illegalerweise - und konsequenzlos - allerlei Handydaten "abgeschnorchelt" wurden. Die Verknüpfung solcher Informationen mit den Personen dahinter ist das geringste Problem. Und das gilt übrigens auch für's Internet. Für diejenigen die noch meinen, ein Nick statt dem Klarnamen wäre "sicher".

Und im kleineren Masstab wird durch eine - entsprechend nicht wohlwollende Auslegung - aus einem genossenen Bier bei schönem Wetter schnell ein "Alkoholproblem" wenn der Arbeitgeber oder eine Versicherung diese Information in ihrem Sinne auswerten - was sie übrigens bereits tun.

Manche Personalchefs stellen schon aus Prinzip niemanden mehr ein, der keinen Facebook-Account hat und sich dort der Öffentlichkeit "präsentiert". Was nichts anderes als sein Privatleben zu offenbaren bedeutet.

Und "unter" Hartz IV sollte man sich schon gar nicht auf Facebook und. Co. tummeln, da dort auch eifrig gespitzelt wird und die "Auslegefreudigkeit" gegen die Empfänger beim Kürzen ihrer Leistungen ja bekanntlich besonders gross ist.

Auch persönliche, niedere Motive wie z.B. Rache oder Schadenfreude können eine Rolle spielen - egal wie "wenig" einer zu verbergen hat. Im Notfall wird dann eben etwas erfunden. Oder untergejubelt. Denn wer letztendlich einen Account anmeldet bzw. betreibt, kann oft gar nicht richtig nachvollzogen werden. Und es lässt sich durchaus auch mit geringerem Aufwand die Herkunft verschleiern. Die Nachweispflicht liegt dann häufig beim Opfer eines "Streichs".

Und das Finanzamt sowie die Polizei interessieren sich natürlich auch brennend für "Schilderungen" von Freizeitspass und neuen Erwerbungen. Es könnte sich ja "lohnen". Und ist auch so einfach abzurufen. "Onlinepatrouille" nennt man diese Form der Bespitzelung.

Mal ganz davon zu schweigen, dass die gesammelten Daten auch durchaus bei echten Kriminellen landen können. Da wird die vielgepriesene Sammlung dann schnell zum "Einbruchsführer". Vor allem wenn man seine Abwesenheit (aufgrund Urlaub) treudoof twittert.

Alles nur Einzelfälle?

Nun, in den kommenden Jahren wird das Thema leider noch viel häufiger eine Rolle spielen. Dann wird es wohl auch die "nichts zu verbergen"-Fraktion merken.


* Aufgrund der Metadaten (u.a.) aus der Handy-Überwachung lässt die US-Regierung schon seit Jahren Menschen per Drohnen ermorden. Man war dann eben zur falschen Zeit am falschen Ort. Und natürlich automatisch ein "Kombatant".

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