KONTEXT Extra:
Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Für mehr Fotos auf das Bild klicken. Fotos: Joachim E. Röttgers

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Ausgabe 210
Gesellschaft

Geisterhaus Karstadt

Von Susanne Stiefel
Datum: 08.04.2015
Seit Ostern haben die Stuttgarter Karstadt-Beschäftigten ihre Kündigung auf dem Tisch. Nun sollen sie verramschen und besenrein übergeben, was einmal ihr Arbeitsleben war. Über die Menschen, denen das Warenhaus mehr war als eine Immobilie.

Die breite Brust der Schaufensterpuppe ist nackt. Einst spannte sie schicke Hemden. Jetzt stehen die zwei Torsi ebenso verloren vor den blanken Regalen wie der Verkäufer in der Herrenabteilung. Von den Wänden verkünden riesige Banner Rabatte bis zu 70 Prozent, andere schreien in lauten Farben, was hier sowieso alle wissen: "Wir räumen diese Filiale". "So aufgeräumt war es hier noch nie", sagt der gut gekleidete Verkäufer lakonisch und mit einem Lachen, das die Augen nicht erreicht. Schluss. Ausverkauf. Feierabend. Bis zum 16. Mai wird er alles verramschen, was an Waren noch übrig ist. Am 30. Juni wird er besenrein übergeben, was einmal sein Arbeitsplatz war. So will es der neue Eigentümer René Benko, der in der Stuttgarter Karstadt Filiale weniger Arbeitsplätze sieht als eine Immobile in bester Lage.

Von den einst 230 Stuttgarter Karstadtmitarbeitern sind noch 150 an Bord. Die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Gabriele Pilz, 37 Jahre Karstadt, seit Jahren Herrenkonfektion, gehört dazu. Gleich hinter den nackten Torsi liegt ihr Betriebsratsbüro. Deprimierend sei das inzwischen hier, Kunden beschwerten sich, weil sie ihre Größe nicht finden oder keine Bedienung. "Aber was gibt es bei drei paar Schuhen noch groß zu bedienen?", fragt die Betriebsrätin. Den Ausverkauf haben professionelle Abwickler übernommen. Sie entscheiden nun, welche Prozente auf welche Ware kommen und was noch nachbestellt wird. Sie sind die Totengräber, die mit der Schließung des Warenhauses Geld verdienen. Für eine wie Gabriele Pilz muss das wie Leichenfledderei wirken.

Das Karstadt-Aus lockt auch schräge Vögel an 

Doch für morbide Gedanken hat sie keine Zeit. Kurz vor Ostern hat die Gewerkschaft verdi mit Karstadt einen Tarifsozialplan ausgehandelt, für die Stuttgarter Beschäftigten ebenso wie für die fünf anderen Filialen, die geschlossen werden. Rückwirkende Tarifleistungen, einen Betrag von 2300 Euro, um soziale Härten abzufedern, Wechsel in eine Transfergesellschaft - all das wird Gabriele Pilz nun wieder erklären, sie wird helfen bei der Jobsuche, wird trösten, aufmuntern, locker bleiben. Obwohl sie weiß: "Wir sind einer der besten Standorte, mit einem guten Umsatz. Uns hat die hohe Miete das Genick gebrochen." Profit sticht Arbeitsplatz, das Ende eines Stuttgarter Warenhauses. "Willst du auch noch etwas sagen?", fragt sie die Verkäuferin, die im Betriebsratsbüro sitzt. "Was gibt es da noch zu sagen?", fragt die zurück. Zuckt mit den Schultern. Geht.

Gabriele Pilz, Betriebsrätin, seit 37 Jahren Karstadt-Verkäuferin.
Gabriele Pilz, Betriebsrätin, seit 37 Jahren Karstadt-Verkäuferin.

Seit Anfang 2014 wird bei Karstadt kein Tarif mehr gezahlt. Viel ist es sowieso nicht, 2248 Euro haben die gelernten VerkäuferInnen monatlich maximal erhalten, brutto, wohlgemerkt. Immer wieder haben sie auf Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld verzichtet. Geholfen hat es nichts. Seit 25 Jahren ist Gabriele Pilz Gewerkschaftsmitglied, die goldene Nadel hat sie schon erhalten. Seit Jahren sitzt sie in der Tarifkommission. "Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden", hängt an der Pinnwand im Betriebsratszimmer. So lapidar könnte man auch den emotionalen Zustand der 54-Jährigen Verkäuferin zusammenfassen. Das sagt sie auch öffentlich, auch in Mikrofone, auch mit Unterstützung mancher Kolleginnen. So wie kürzlich bei Radio Stuttgart.

Einer hat in den drei Frauen die "Golden Girls" entdeckt und bombardiert das Betriebsratsbüro seitdem mit seinen Einschreiben. Er will Karstadt und die "Golden Girls" retten mit seinen Patenten, etwa einem Anziehlöffel, der auch das einarmige Anprobieren von Kleidungsstücken ermöglicht. Das Geisterhaus Karstadt zieht auch schräge Vögel an. Gabriele Pilz nimmt nun keine Einschreiben mehr an. Aber ein anderer Mann beschäftigt sie viel mehr. René Benko. 

René Benko – einer der schillendsten Unternehmer Österreichs

"Wer ist der Mann, dem Karstadt gehört?", titelte die Wirtschaftswoche im August vergangenen Jahres. Das hat sich Gabriele Pilz auch schon oft gefragt. Laut Medienberichten ist René Benko einer der 100 reichsten Österreicher, 37 Jahre alt, ein Überflieger, der mit 17 die Schule geschmissen hat, 2011 von Landeshauptmann Günther Platter zum Tiroler des Jahres 2011 gekürt, vom österreichischen Wirtschaftsmagazins "Trend" zum Mann des Jahres. "Trend" bezifferte Benkos persönliches Vermögen auf rund 850 Millionen Euro. Die von ihm 1999 gegründete Signa Holding, die Karstadt übernommen hat, ist Österreichs größtes privates Immobilienunternehmen, das heute 150 Mitarbeiter beschäftigt. Sein Geschäftsmodell: Benko sammelt bei Investoren Geld ein und steckt es in teure Immobilien. Etwa in die Wiener Shoppingmeile mit Luxusappartements "Goldenes Quartier". Oder eben in Karstadt.

Doch das ist nur ein Teil der Antwort. René Benko ist auch einer der schillerndesten Unternehmer Österreichs, in Politik und Wirtschaft gilt er als bestens vernetzt. Im Beirat seiner Signa-Gruppe, so die "Wirtschaftswoche", sitzen Unternehmensberater Roland Berger, der frühere Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und der ehemalige österreichische Bundeskanzler Alfred Gusenbauer. Wegen "versuchter verbotener Intervention" - die Richterin sprach von einem Musterfall für Korruption" - wurde René Benko 2012 zu zwölf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. 

Benko, Berggruen, Middelhoff - Daniela Venezia kann sich schon kaum mehr an das Karussell der wechselnden Karstadt-Chefs erinnern. Die Verkäuferin in der Wäscheabteilung ist froh, wenn alles vorbei ist. "Karstadt liegt seit Jahren im Koma", sagt die 31-Jährige, "ich bin erleichtert, wenn der Stecker gezogen wird." Als Azubi hat sie vor 13 Jahren die Insolvenz bei Karstadt Böblingen überlebt. Nach dem Wechsel nach Stuttgart hat sie wie alle auf Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld verzichtet. Nun also die Kündigung, klare Verhältnisse, endlich. Daniela Venezia ist fertig mit Karstadt.

Mit Galgenhumor gegen die Angst vor der Arbeitslosigkeit

Den Schutzpanzer, den sie sich umgelegt hat, sieht keiner. Soll auch keiner sehen. Aber sie braucht ihn wie alle, die nun aufräumen und auskehren, was einmal ihr Arbeitsleben war. Sie brauchen ihn genauso wie den Galgenhumor, mit dem sie die Angst vor der Arbeitslosigkeit weglachen. "Wann schließen Sie", hat kürzlich eine Kundin mitleidig gefragt. "Um 20 Uhr", hat sie geantwortet. Jemand hat im Personalbüro der Wäscheabteilung eine Postkarte mit einem angeblichen Voltaire-Zitat aufgehängt. "Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein", steht da zu lesen. Daniela Venezia ist erprobt in solchen Gesundheitsmaßnahmen.

Daniela Venezia, Verkäuferin in der Wäscheabteilung, hat einen neuen Job.
Daniela Venezia, Verkäuferin in der Wäscheabteilung, hat einen neuen Job.

Die Rolltreppe hoch ins Karstadt-Café ist wie eine Fahrt mit der Geisterbahn. Schreiende Banner, tote Flecken, das Gerippe eines Gebäudes wird sichtbar, das einmal ein Warenhaus war. Für Daniela Venezia ist die Rolltreppe nach oben so etwas wie ein vorweggenommener Abschied. Sie winkt hierhin, grüßt dorthin, erzählt nebenher, dass sich hier alle kennen, dass dumme Sprüche manchmal gut tun, wie etwa der: "Wenn eine Tür zu geht, geht eine andere auf", dass alle zwischen Depression und Kampfbereitschaft hin und her schwanken. Mehr als Zweidrittel der Stuttgarter Karstadt-Beschäftigten sind Frauen. Daniela Venezia, derzeit blond, Faible für auffälligen Schmuck, leistet sich den Luxus eines eigenen Stils und einer eigener Meinung. Brünett war sie auch schon, lockenlos auch, aber niemals unauffällig. Schon immer hat sie gesagt, was sie denkt. Als jüngste Kollegin unter älteren Verkäuferinnen. Als Patin für Azubis. Als Ersthelferin. Seit einem halben Jahr als Betriebsrätin, nachgerückt für eine, die schon gegangen ist. 

Mit Karstadt stirbt in Stuttgart auch eine Institution. 1996 zog Karstadt in das Gebäude in der Königstraße, das 1952 gebaut worden war, ein Filetstück, eine Premiumlage mitten im Herzen der Landeshauptstadt. Königstraße eben. Ein Leckerbissen für den Luxusmagnaten René Benko. Seine Signa-Holding will das Haus umbauen. Büros soll es geben, Einzelhändler sollen in das ehemalige Karstadtgebäude einziehen. Ob schon Verträge unterschreiben wurden, ob die Fläche schon vergeben ist, wurde von der Signa-Pressestelle nicht beantwortet.

Es werden immer weniger, die im Geisterhaus Karstadt arbeiten. Wer kann, flüchtet. Gabriele Pilz nicht. Sie wird bis zum bitteren Ende bleiben. Sie arbeitet gerne ab, sortiert, eins nach dem anderen. Erst wenn bei Karstadt die Türen zu sind, will sie sich nach Arbeit umsehen. Mit 54 Jahren wird das nicht leicht. Doch ob jung oder alt, ihre junge Kollegin Daniela Venezia ist sich sicher: "Es gibt kein gutes Alter, um den Job zu verlieren." Vor kurzem hat sie sich bei einem Kaufhaus vorgestellt, sie hat den Job bekommen. Jetzt ist sie wirklich fertig mit Karstadt.


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Kommentare

Manuela Kunkel, 12.04.2015 13:52
Ich finde sämtliche Mitarbeiter die auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichtet haben sollten dies nachträglich bei Schließung ausbezahlt bekommen, denn sie haben keine Entscheidungsgewalt und haben jahrelang für das Management eingespart.

W.Draeger, 11.04.2015 11:59
Karstadt war seit Jahren nicht der Renner, das Haus diente im Winter zum Aufwärmen oder es ging lediglich ins Kundenrestaurant.
Die Angebote waren nicht überzeugend.
Schade, daß das Menagement derart unfähig war und kein bedarfs-
gerechtes Sortiment anbot.
Jetzt kommt die unausweichliche Quittung, leider zu Lasten des Personals.

By-the-way, 09.04.2015 23:42
"Alles muss raus"

... wie auf dem ersten Foto zutreffend zu lesen ist.

Man könnte das natürlich, im Sinne von

"WEG DAMIT!" interpretieren...

Das ganze Sch... marktkonform "demokratische" System !

Ulrich Frank, 09.04.2015 17:15
Die bei Karstadt beschäftigten Männer und Frauen mußten leider auch die Erfahrung machen daß die von Ihnen geforderten "Beiträge" (hierzu noch mehr) ihnen selbst letztendlich nicht nachhaltig genutzt haben, und daß sie jetzt weitgehend auf sich selbst gestellt sind bei Arbeitssuche und wahrscheinlich auch Wohnungssuche - wenn es keine neue Stelle gibt oder diese noch schlechter bezahlt wird. Für die politischen Vertretungen scheinen andere Dinge in den Vordergrund zu treten: z.B. freies WLAN in der City. So macht man gutes Wetter wohl vor allem bei den Jungwählern, z.B. von Seiten der CDU. Nach "heutigem Erleben" (eine Wendung des Erlebensspezialisten Alexander Kotz) dürfte das halt angesagt sein. Wir sind gespannt auf die Lobpreisungen dieser Technik im städtischen Märchenblatt, dem "Amtsblatt".

Immerhin hat man bei Karstadt überhaupt noch Lohn gezahlt. Im Schlepptau der von fülligen Christlichen Frontmännern und -Frauen und Sozialdemokratischen Boss- und Maschmeyerkompatiblen "Reform"politikern eingeführten Veränderungen wurde das neoliberale Ab- und Leerräumen (lassen) Mode. Und die Aktivität des Kapitals, ohne politische "Beunruhigung", Prinzip. Man denke z.B. auch an das Tübinger Traditionsunternehmen für Frotteewaren Egeria. Dort wurden die Mitarbeiter monatelang gar nicht mehr bezahlt. Ob die öffentliche Hand den entgangenen bzw. geraubten Lohn vollständig ersetzte ist unbekannt. Die Investoren ließen schon damals wissen: sie seien "nicht an den Mitarbeitern" sondern "nur an der Marke" interessiert.

Die Karstadt-Mitarbeiter sollten hierüber nachdenken wo sie bei nächster Gelegenheit ihr Kreuz machen, ob sie sich auf x-te vage Zukunftsversprechungen einlassen. Das neoliberale Prinzip der letztendlichen Abwälzung, Verwahrlosung und Verwüstung ist ungebrochen, die von eigentlicher und uneigentlicher PR betriebene Gleitmittel-Flankierung in vollem Schwange. "Alternativen"? Herr Kretschmann schwärmt von Industrie 4.0 und singt in Jerusalem, Herr Kuhn besucht Immobilienmessen und läßt hier möglichst alles in Ruh.

Womit wir bei den "Beiträgen" wären. In den heutigen (09.04) Artikeln in der Stuttgarter Zeitung* beschreibt Redakteur Jörg Nauke die derzeitigen finanziellen Verhältnisse der Stadt Stuttgart. Einige Mehreinnahmen, viele Ausgaben, teure Versäumnisse (versäumte Instandhaltungen) in der Vergangenheit. Hinsichtlich des städtischen Klinikums mit seinen Finanzierungsproblemen wird dann auch ein zu leistender "Beitrag" der "Belegschaft" zur Sprache gebracht: "Auch wird wohl mit dem Personalrat über einen Beitrag der Belegschaft diskutiert werden".

Soweit so gut. Oder eben nicht gut. Wie es nämlich Herr JÖRG NAUKE schafft im ganzen raumgreifenden zweiteiligen Beitrag das Thema Stuttgart 21 - und dessen Kosten für die Stadt Stuttgart - mit keinem einzigen Wort zu erwähnen, das ist schon phänomenal.

Herr NAUKE, sie haben sich doch schon mit Stuttgart 21 beschäftigt. Und Demenz kann es nicht sein?!

Es dürfte wohl bekannt sein, daß Stuttgart sich dieses politische Projekt schon eine große Stange Geld hat kosten lassen, daß die Stadt Stuttgart in einem ungeklärten Finanzierungsvertrag hängt, daß z.B. die S21 geschuldeten Umbaumaßnahmen für die Stadtbahn enorme Summen kosten. Im "Beitrag" Herrn Naukes wird das nicht erwähnt. Par ordre de mufti, de Mr. Cool-J-Dorfs?

Ich mache da nicht viele Worte. Ich nenne es einfach Lügenpresse. Eine Presse welche die heutigen Verhältnisse mitverschuldet hat und weiter mitverschuldet.

*(S.1, "Wolken am Horizont", S. 19, mit W.Schulze Braunschmidt, " "Hohe Ausgleichszahlungen belasten die Stadt".)

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