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Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Nils Schmid und Leni Breymaier (SPD) beobachten die Sonnenfinsternis 2015. Fotos: Joachim E. Röttgers

Nils Schmid und Leni Breymaier (SPD) beobachten die Sonnenfinsternis 2015. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 284
Debatte

SPD auf Profilsuche

Von Stephan Hebel
Datum: 07.09.2016
In der Mitte werden die Sozialdemokraten nicht gebraucht. Das hat deren Führungspersonal von Sigmar Gabriel bis Nils Schmid bis heute nicht verstanden. Es geht um die an den Rand Gedrängten und um die Frage, ob es für sie eine andere Alternative gibt als die Partei, die sich in vollendeter Verlogenheit "Alternative" nennt.

Das Zitat, das gleich folgt, ist ein bisschen ausführlich. Aber es wirft ein derart helles Licht auf einen der klarsten Momente sozialdemokratischer Selbstbetrachtung, dass sich die Lektüre lohnt. Gerade auch deshalb, weil sich nur so ermessen lässt, wie weit die SPD sich entfernt hat von dem, was sie schon einmal verstanden zu haben schien. Das gilt für Deutschland, und es gilt für Baden-Württemberg erst recht. Es lautet:

"Die Gründe für den Niedergang der Sozialdemokratie in vielen Ländern Europas, auch in Deutschland, liegen offenbar tiefer als auf der Oberfläche einzelner politischer Beschlüsse. Die schwierigen Beschlüsse, die uns so sehr von unserer Wählerschaft entfernt haben – zur Arbeitsmarktreform, zur Leiharbeit, zur Rente –, sind, glaube ich, nur Symptome, nicht die eigentlichen Ursachen. [...] Wir haben uns einreden lassen – und mit uns viele andere in der Sozialdemokratie Europas –, die politische Mitte sei etwas Festgelegtes, an das man sich anpassen müsse, wenn man Wahlen gewinnen will. Der Politologenglaube, man müsse sich einer vermeintlich festgelegten Mitte annähern, wenn man noch Wahlen gewinnen will, statt sie mit eigenen Antworten und Konzepten wieder für sich zu gewinnen, ist – so glaube ich – die eigentliche Ursache für unsere Wahlverluste. Denn die hinter dieser scheinbar festgelegten Mitte stehende Deutungshoheit lag ja seit dem Fall der Mauer nicht bei uns, sondern jeden Tag ein bisschen mehr bei den Marktideologen. Wettbewerbsfähigkeit im Zeitalter der Globalisierung – so die weltweite Deutungshoheit seit Mitte der Neunzigerjahre – sei nur durch Anpassung an die Märkte zu schaffen."

Was für eine klarsichtige Analyse! Und was für ein treffender Appell an die Sozialdemokratie: Nicht Anpassung an das ideologisch auf Marktideologie getrimmte Phantom der "Mitte" ist das Gebot der Stunde, sondern die Wiedergewinnung der gesellschaftlichen Mitte "mit eigenen Antworten und Konzepten".

Rechts geht's für die SPD nur abwärts.
Rechts geht's für die SPD nur abwärts.

Das stellt so ziemlich das genaue Gegenmodell zu dem Versuch dar, sich in ungebrochenem "Politologenglauben" mit der CDU von Angela Merkel (oder den Grünen von Winfried Kretschmann, das macht keinen großen Unterschied) um die bestmögliche Anpassung an die von "Marktideologen" definierte Mitte zu balgen. Das Gegenteil also auch jener ominösen Parole, die ein gewisser Nils Schmid vor der jüngsten Landtagswahl ausgab: "Wer mit Angela Merkel sympathisiert, [...] kann am 13. März eigentlich nur SPD wählen."

Der Aufruf, die SPD durch ein eigenständiges Profil aus der Krise zu führen, ist fast sieben Jahre alt, er stammt vom 13. November 2009. Gerade hatte die SPD ihr schlechtestes Wahlergebnis in der Geschichte der Bundesrepublik erzielt: 23 Prozent bei der Bundestagswahl. Kanzlerkandidat war Frank-Walter Steinmeier gewesen, ein Verfechter der von Gerhard Schröder durchgesetzten Ideologie der Mitte, die mit diesem Ergebnis eigentlich vernichtend abgestraft war. Was Steinmeier allerdings nicht hinderte, sich noch am Wahlabend selbst zum Vorsitzenden der geschrumpften Fraktion auszurufen. 

Sigmar Gabriel war einmal Hoffnungsträger

Zum Parteivorsitzenden aber ließ sich ein anderer wählen. Einer, dem viele zutrauten, der SPD endlich wieder Profil zu geben – erst recht, nachdem er auf dem Parteitag in Dresden diese oben zitierte, fulminante Rede gehalten hatte. Es war, man mag es heute kaum glauben, Sigmar Gabriel.

Der Vorsitzende, der er ja bis heute ist, würde sicher behaupten, das sei damals nicht nur ein heller Moment unter wenigen gewesen. Er würde behaupten, was die Führung der Bundes-SPD inzwischen ständig behauptet: Gerade jetzt, in der Koalition mit der Union, habe man doch das Profilierungsversprechen eingelöst. Mindestlohn, Rente, Mietpreisbremse – seien das etwa nicht alles sozialdemokratische Errungenschaften, die man Angela Merkel abgetrotzt habe? 

Das allerdings ist maximal die halbe Wahrheit. Wer sich die Bilanz der SPD in den vergangenen Jahren vollständig anschaut, kommt zu einem ganz anderen Ergebnis: Wäre es so, wie Gabriel es darstellt, hätte sich also die SPD erfolgreich profiliert seit 2009 – wäre es dann einem der großen Landesverbände der Partei "gelungen", bei einer Landtagswahl im Jahre 2016 das Bundesergebnis von 2009 fast noch zu halbieren?

"Volkspartei der linken Mitte" – was ist das denn für ein Krampf?
"Volkspartei der linken Mitte" – was ist das denn für ein Krampf?

Der Spitzenkandidat und damit Hauptverantwortliche für das Desaster übte sich anschließend in der Kunst, den Grundwiderspruch der SPD zwischen linkem Profil und mittiger Austauschbarkeit rhetorisch aufzulösen: "Wir sind die Volkspartei der linken Mitte." Das wird es sein, was Nils Schmid meint, wenn er von "Erzählungen" spricht. Denn Erzählungen sind, sieht man vom modischen Sprachmissbrauch durch stromlinienförmige Managerdarsteller einmal ab, vor allem dies: Fantasiegebilde mit allenfalls minimalem Bezug zur Wirklichkeit. 

Diese Wirklichkeit sieht, im Land wie im Bund, eher folgendermaßen aus: Die SPD ist derzeit weder Volkspartei noch links. Der Unterschied ist höchstens: Das Profilversprechen, das Gabriel nicht eingehalten hat, hat Schmid nicht einmal abgegeben.

In Berlin wie in Stuttgart ist die Partei unter der Dominanz des jeweils größeren Koalitionspartners praktisch verschwunden, während ihre jeweiligen Partner genüsslich jene bürgerliche "Mitte" besetzten, in der Schwarz und Grün wohl bald auch bundesweit das neubürgerliche Regierungsbündnis schmieden werden. Dass die Sozialdemokratie genau hier nicht auch noch gebraucht wird, hat Gabriel nicht verstanden und Schmid schon gar nicht – so wenig wie der ganze Rest der Mitte-Apologeten in der SPD, von Frank-Walter Steinmeier bis Olaf Scholz. 

In Baden-Württemberg ist das so offensichtlich, dass es hier keiner näheren Erläuterung bedarf. Dass die fünf Jahre als Juniorpartner der Grünen für eine Profilierung der SPD fünf verlorene Jahre waren, liegt auf der Hand. Im Bund mag das, mit Gabriels Mindestlohn-Mantra vor Augen, auf den ersten Blick etwas anders aussehen. Aber wer daran glaubt, unterliegt einer optischen Täuschung.

Erhebliche Lücken in der sozialdemokratischen Erzählung

Es stimmt ja durchaus, dass die Sozialdemokraten in der großen Koalition einige ihrer Projekte durchgesetzt haben: Mindestlohn, abschlagsfreie Rente mit 63 nach 40 Jahren, Mietpreisbremse, Frauenquote, Leiharbeit sind die wichtigsten Stichwörter, die sie mit zunehmender Wahlkampf-Lautstärke immer häufiger wiederholen. Dazu kommt eine (jedenfalls im Vergleich zu manchen schwarz-grünen Hardlinern) relativ deeskalierende Außenpolitik vor allem gegenüber Russland – etwas, das Steinmeier wesentlich besser beherrscht als die Positionierung der eigenen Partei. 

Allerdings weist diese "Erzählung" (für die Intellektuellen aus der Postmoderne: dieses "Narrativ") mindestens zwei erhebliche Lücken auf:

Sagt "Ja" zu linken Ideen: das SPD-Forum Demokratische Linke 21.
Sagt "Ja" zu linken Ideen: das SPD-Forum Demokratische Linke 21.

Erstens: Jedes der genannten Projekte hätte so (beziehungsweise wesentlich wirksamer und konsequenter) natürlich auch mit rot-rot-grüner Mehrheit verwirklicht werden können. Abgesehen vielleicht von der Rente mit 63, die eher ein Projekt für ohnehin privilegierte männliche Arbeitnehmer mit ungebrochener Erwerbsbiografie darstellt. Es ist wohl richtig, dass Gabriel nach der Wahl 2013 am Scholz-Steinmeier-Flügel gescheitert wäre, hätte er mit dieser Mehrheit, die es im Bundestag ja gibt, eine Kanzlerwahl versucht. Aber der Fehler wurde lange davor gemacht: Die rot-rot-grüne Perspektive wurde verschenkt. Vier gemeinsame Oppositionsjahre nach 2009 hätten genutzt werden können, die beachtlichen Gemeinsamkeiten auszubauen und an der Beseitigung von Hindernissen (etwa in der Außenpolitik) zu arbeiten. Aber die Gelegenheit blieb ungenutzt, weil Gabriel offensichtlich Angst vor der veröffentlichten Meinung und den eigenen Parteirechten hatte (womit nicht bestritten ist, dass auch Linke und Grüne zur Aussichtslosigkeit einer linken Machtperspektive beigetragen haben). 

Zweitens: Gabriels Erfolgsmeldungen sparen die zahlreichen Reformen aus, die unter Angela Merkel eben nicht angegangen werden konnten. Die Leute haben ja nicht vergessen, dass die SPD 2013 ein gerechteres Steuersystem, eine fairere Lastenverteilung in den Sozialsystemen, eine konsequentere Gleichstellungspolitik und vieles andere mehr gefordert hat, wovon sie erst im nächsten Wahlkampf wieder redet. Die Leute sehen auch, dass Gabriel selbst in aufkommenden Wahlkampfzeiten seine Signale nach links konterkariert. Siehe nur das Thema Freihandelsabkommen, wo er sich als Widerständler gegen das eine (TTIP) gebärdet, um das andere (CETA) gegen berechtigten Widerstand in seiner eigenen Partei und darüber hinaus noch durchzusetzen. Wer wissen will, mit welchem Druck auf Kritiker das verbunden ist, muss nur mal nach Ulm fahren und die unverdrossen mutige Hilde Mattheis fragen. 

Das also sind die beiden Lücken – um nicht zu sagen: Lügen durch Verschweigen –, die die Politik der SPD so unglaubwürdig machen. Suchte der Vorsitzende Gabriel ehrlich nach Gründen für das Verharren seiner Partei im demoskopischen Zwergenland – hier würde er fündig. 

Man könnte es dabei bewenden lassen und die SPD mit dem notwendigen Maß an hämischer Geringschätzung weitgehend ignorieren – also etwa das tun, was im schwarz-grünen Bürgertum schon längst zum guten beziehungsweise schlechten Ton gehört. Aber können wir uns das leisten? Nein, das können wir nicht. Wenn es noch eine Chance geben soll, den von Gabriel höchstens mal in Wahlkämpfen hervorgekramten politischen Alternativen zur Mehrheitsfähigkeit zu verhelfen, dann wird das ohne Druck aus der Gesellschaft nicht gehen – aber eben auch nicht ohne die einst große und immer noch traditionsreiche Partei der gemäßigten Linken.

Spätestens in Zeiten, da ein Nadelstreifen-Rassist wie Jörg Meuthen in manchen Medien allen Ernstes als "gemäßigt" durchgeht, müsste allen klar sein: Es geht nicht um irgendeine Partei. Es geht um die Zweifelnden und Abstiegsängstlichen, die Abgehängten und an den Rand Gedrängten und um alle in der "Mitte", die der "Alternativlosigkeit" überdrüssig sind. Es geht um die Frage, ob es für sie eine andere Alternative gibt als die Partei, die sich in vollendeter Verlogenheit "Alternative" nennt.

In Baden-Württemberg ist die SPD jetzt Opposition, und mit neuer Führung will sie einen Neustart versuchen. Im Bund wird sie, kommt es nicht wieder zur Flucht in die Große Koalition, diese "Chance" in einem Jahr bekommen. Von der Frage, ob sie sie nutzt, hängt mehr ab als "nur" das Schicksal der Sozialdemokratie.


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Kommentare

Werner Fischbach, 11.09.2016 13:51
Man könnte es durchaus drastischer formulieren: Die SPD mit ihrer Politi, ihren "Klienteln", ,insbesondre Hartz IV-Empfängern, mehr oder weniger in den Hintern getreten. Dazu leistet sie sich dazu noch einen Vorsitzenden, der seine Meinung nahezu genau so oft ändert, wie Herr Seehofer. Und wundert sich dann, dass sie nicht mehr gewählt wird.

Fritz, 09.09.2016 04:34
Es gibt viele gute Gründe, dieser SPD den Untergang zu wünschen. Aber Hartz IV ist und bleibt der ausschlaggebende:

"Verschärfungen beim Arbeitslosengeld II - Alles halb so wild?

Die derzeit medial behandelten Verschärfungen beim Arbeitslosengeld II-Bezug sind eigentlich gar keine Verschärfungen, sagt die Bundesagentur für Arbeit, aber das ist nicht korrekt"

http://www.heise.de/tp/artikel/49/49358/1.html

Heinz Greiner, 08.09.2016 10:16
Wenn man davon ausgeht , daß Beschäftigte des Öffentlichen Dienstes und Beschäftigte bei den Kirchen , der evangelischen besonders , weit jenseits der 50 % die Mehrheit der Parteimitglieder in Bw stellen , seit vielen Jahren Anwälte , die nicht einmal als Angestellte in eine Sozialversicherung einbezahlen , führen , dann erkennt man , daß diese Partei mit denen , die sie einstens vorgab , vertreten zu wollen nichts am Hut mehr haben kann .
Längstens haben auch die Gewerkschaften die Seiten gewechselt , die IGM verdient Geld mit der Privatrente , Verdi streikt für Beamte und gemeinsam akzeptieren alle , daß die Flüchtlingskosten nur von den GKV Versicherten , Arbeitnehmern bezahlt werden . Selbst die Reklame der GKV , die Mitfinanzierung des Profisportes , wird von den in den Aufsichtsräten dort hockenden Funktionären mitgetragen .
Daß mit Dr. Nils Schmid und den andern Führern in den übrigen Bundesländern Personen ohne jedes Charisma und Gestaltungsfähigkeit am Ruder sind , zeigt das Elend .
Von der Politik leben auch bei den anderen Parteien sehr viele
besser als im Erwerbsberuf . Nur im Unterschied zur SPD , tragen die das soziale Mäntelchen nicht vor sich her .

Manfred Fröhlich, 07.09.2016 12:43
Worum es geht? Das Konzept der Profilsuche ist falsch. Echte „Sozialdemokraten“ werden in allen Gruppierungen und Parteien der Gesellschaft dringend gebraucht. Die Armutspolitik der Hartz4-Parteien ist gescheitert. Gutes Geld für gute Arbeit und gute Ideen, dieses Prinzip ist richtig für das obere Drittel und es ist richtig für beide unteren Drittel. Jede Person, die sich auf Dauer unter Wert verkauft trägt dazu bei, dass alles so bleibt wie es ist. Ein bGE kann helfen, die Regulierung von fairen und bedarfsgerechten Einkommen mit weniger Verwaltungsaufwand zu erreichen. Probieren geht über studieren.

tauss, 07.09.2016 10:04
Bedauerlich, dass in der Analyse des Zustands beispielsweise das Wort "Rechtsstaat" in Zeiten der Terrorhysterie gar nicht vorkommt.

Fragt man heute, nicht nur in der "Residenz des Rechts", nach sozialdemokratischen Justizminister(inne)n, kommen an Namensnennungen bestenfalls noch Däubler- Gmelin, aber keine präventionsstaatlichen Heiko Maas- Gestalten, vor.

Genannt werden dem gegenüber die 50 Jahre zurückliegenden Heinemanns und Vogels.

Dieser Aspekt der "Mitte" kommt in der gegenwärtigen Diskussion viel zu kurz. Wenn Mitte nur ökonomisch- neoliberal definiert und als nach unten tretende Neidgesellschaft verstanden wird, liegt S. Hebel völlig richtig.

Mitte ist aber auch die "bürgerliche" und soziale Zivilgesellschaft, AUCH die von "Besserverdienenden", welche die "Rechte" nicht abdeckt und die aktuell auch von den Grünen aufgegeben wird. Insofern wäre eine weit tiefere Ananlyse nötig.

Da dazu die Gabriels, geschweige denn die "kleinen Jungs" der baden-württembergischen SPD, nicht fähig sind, ist dessen ungeachtet der SPD- Abwärtstrend weiter programmiert. Nur mit einer undifferenzierten. Absage an den diffusen Mitte- Begriff wird es aber beim besten Willen auch nicht gehen.

Jörg Tauss

PS: Auch eine Außenpolitik "light", die lediglich weniger säbelrasselnd als bei Schwarzgrün daherkommt, reißt keine "Mitte" vom Hocker. Mit einem Breschnew machte eine mutige SPD der Brandts und Bahrs in den Siebzigern Entspannungspolitik. Bei einem Putin gibt's aus devoter US- Ergebenheit einen Boykott, der auch der ökonomisch orientierten "Mitte" in der baden-württembergischen Wirtschaft schadet.

biggerB, 07.09.2016 02:02
Brillante Analyse Herr Hebel!

Nur steht leider zu befürchten, dass weder Herr Gabriel, noch ein anderer für die Misere der sPD verantwortlichen Herrschaften und Damenschaften die Mühe machen, sich eben den Fakten dieser Analyse zu unterwerfen und dann die richtigen Schlüsse aus ihnen zu ziehen.

Der VERRAT der sPD am "Kleinen Mann" hat schon VOR Gabriel begonnen und ist untrennbar mit G. Schröder und dessen Kotau vor der deutschen Wirtschaft durch die Agenda 2010 vollzogen worden.
ALLES danach in der sPD war, ist, und so steht es zu befürchten BLEIBT Agonie! Der Aufbruch wird nicht erfolgen -
Jedenfalls mit dieser derzeitigen "Führungsmannschaft" angefangen bei Gabriel über Oppermann bis hin zu Nahles, Maas oder, oder, oder.

MfG
biggerB

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