KONTEXT Extra:
S 21-Bürgerbegehren in der nächsten Runde

Bei neun Gegenstimmen und sechs Enthaltungen hat der Stuttgarter Gemeinderat die beiden Bürgerbegehren zu Stuttgart 21 abermals als rechtlich nicht zulässig abgelehnt. Hannes Rockenbauch, der Sprecher von SÖS/Linke-plus, bewertet die Darlegungen der Mehrheit als nicht schlüssig. Gerade die Tatsache, dass die Bahn jetzt vor Gericht ziehe, sei Beleg für den Entfall der "Geschäftsgrundlage zur Finanzierung von Stuttgart 21". Der Gutachter der Stadt, Christian Kirchberg, argumentiert mit Blick auf "Storno 21", dass eine Veränderung der Kostensituation nach dem Willen der Vertragspartner "gerade nicht zu einem Ausstieg aus dem Projekt führen sollte". Für diesen Fall sei vielmehr die Sprechklausel vereinbart worden, die aber nur das Land und die Bahn betrifft. Für das Bürgerbegehren "Ausstieg der Stadt Stuttgart aus S 21 aufgrund des Leistungsrückbaus" sieht Kirchberg ebenfalls keinen Wegfall, vielmehr "würde sich die Stadt vertragsbrüchig verhalten, wenn sie die Verträge kündigte". Die Leistungsfähigkeit des Schienenverkehrs - Hauptanliegen des angestrebten Bürgerbegehrens - falle nicht in die kommunale Zuständigkeit. Daher, so Kirchberg, "wäre die Stadt auch gar nicht berechtigt". Der Gemeinderat hatte die Bürgerbegehren im Sommer 2015 schon einmal abgelehnt. Die Initiatoren widersprachen. Mit der Mehrheit von 42 Stimmen wurde am Donnerstagabend festgesstelllt, "dass diesen Widersprüchen nicht abgeholfen werden kann", wie es in der Pressemitteilung der Stadt heißt. Nun würde die Entscheidung dem Regierungspräsidium Stuttgart vorgelegt. Gegen einen Widerspruch sei dann der Klageweg eröffnet. (09.12.2016)


Räuberpreis für Wolfgang Niedecken

Der Whistleblower Edward Snowden hat ihn verliehen bekommen, ebenfalls die Initiative "Wunsiedel ist bunt - nicht braun" für den Spendenmarsch "Rechts gegen Rechts". In diesem Jahr ging der "Widerstandspreis der Freunde der Räuberhöhle" an Wolfgang Niedecken, Frontmann von BAP – für mehr als 40 Jahre konsequenten Einsatzes für Toleranz und gegen Rechts.

Seit zwei Jahren verleiht die antifaschistische Gruppe rund um den Aktivisten Made Höld und die linke Szene-Kneipe "Räuberhöhle" in Ravensburg den Preis an Personen, die sich im Sinne einer bunten und gerechten Gesellschaft engagieren. Der Widerstandspreis selbst ist geklaut: Bis 2010 haben sich Rechtsradikale gegenseitig damit ausgezeichnet, dann kaperten Höld und seine Räuber die Auszeichnung von links.

Made Höld ist der wohl bunteste Hund in ganz Oberschwaben. Immer wieder machen er und seine Bande mit durchdachten und öffentlichkeitswirksamen Aktionen auf sich aufmerksam. Höld bewarb sich einmal als Landrat, um den Filz aufzuzeigen, der bei dieser Wahl vorherrscht. Er und seine Gruppe organisierten eine digitale Menschenkette gegen Rechts und boten Edward Snowden exterritoriales Asyl in ihrer Kneipe an. (8.12.2016)


Kretschmann Schirmherr für 199 kleine Helden

Ihr Dokumentarfilm hat bei drei Kinderfilmfestivals Preise abgeräumt, zuletzt in Chicago. Klar, dass sich die Regisseurin Sigrid Klausmann über diese Auszeichnungen freut. Seit Jahren begleitet die Stuttgarterin für ihr Filmprojekt "199 kleine Helden" Kinder weltweit auf ihrem Schulweg. Sie redet mit ihnen über ihre Ängste und Wünsche und darüber, wie sich die kleinen Protagonisten die Zukunft vorstellen. Daraus hat Klausmann den preisgekrönten Dokumentarfilm "Nicht ohne uns!" gemacht. Bereits diesen Sonntag (4.12.) wird er im Stuttgarter Metropol Kino gezeigt (16 Uhr), der offizielle Kinostart ist am 19. Januar.

Dass Stuttgart so früh dran ist, liegt mit daran, dass der Stuttgarter OB Fritz Kuhn die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen hat. Zusammen mit der Schauspielerin Senta Berger, die sich nun allerdings altersbedingt zurückzieht. Demnächst werden Sigrid Klausmann und ihre kleinen Helden neue Schirmeltern bekommen: Winfried Kretschmann und Hannelore Kraft, die Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Beide Länder unterstützen die kleinen Helden über ihre Landesfilmförderung.

Die Stuttgarter Preview am Sonntag wird ein Familienfest werden. Die Regisseurin Sigrid Klausmann wird ebenso vor Ort sein wie ihr Mann Walter Sittler (Produzent) und die Tochter Lea. Die Musikerin hat den Titelsong zum Film der Mutter komponiert. (2.12.2016)


Im Hajek-Haus soll wieder Feuer brennen

Das Trauerspiel um das Hajek-Haus mag jetzt zumindest die Fraktion SÖS/Linke/Plus nicht mehr mit ansehen. Sie will, per Antrag im Stuttgarter Gemeinderat, dass die Stadt das Kultur-Denkmal "vor dem Verfall" rettet. Wie in Kontext ausführlich berichtet steht die Villa an der Hasenbergsteige 65 seit dem Tod des Bildhauers (2005) leer. Vor fünf Jahren kaufte sie der Möbelfabrikant Markus Benz und ließ sie – Denkmalschutz hin oder her – entkernen. Das wiederum gefiel den behördlichen Denkmalschützern nicht, die sich auf den Gerichtsweg machten, bis heute ohne Ergebnis.

Und seitdem rottet das Haus in bester Halbhöhenlage vor sich hin. Die kulturpolitische Sprecherin der Fraktionsgemeinschaft, Guntrun Müller-Enßlin, vermutet, dass der Möbelmensch auf einen Abriss, und damit eine "verdeckte Immobilienspekulation" hin arbeitet. Stadträtin Laura Halding-Hoppenheit erinnert an die Tradition des Hauses, in dem auch schon Willy Brandt Rotwein trank. Die Villa sei ein Treffpunkt für Menschen gewesen, die etwas bewegen wollten, und dieses "Feuer muss weiter brennen", sagt sie.(30.11.2016)


Das Geschäft mit Waffen läuft

Heckler & Koch hat einen Großauftrag erhalten und wird französische Soldaten aller drei Teilstreitkräfte ab 2017 zehn Jahre lang mit 100 000 Sturmgewehren vom Typ HK 416 ausstatten. Es soll um ein Volumen von 300 Millionen Euro gehen. Der Rüstungsauftrag, heißt es in Paris, werde "die soliden Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich im Verteidigungssektor und besonders in der Rüstungsindustrie" stärken. Die Nachbarn stehen also auf der Liste der sogenannten "grünen Länder", denn – immerhin – nur die sollen weiter beliefert werden.

Am Montagmorgen wurde bekannt, dass der Oberndorfer Waffenhersteller Neugeschäfte allein mit Staaten abschließen will, die demokratisch und nicht korrupt sind. Nach einer Meldung der Deutsche-Presse-Agentur würden damit Kunden wie Saudi-Arabien, Mexiko, Brasilien, Indien oder die Türkei wegfallen. Alte Aufträge sollen allerdings abgewickelt werden, gerade auch mit den Saudis. Das Unternehmen wartet aktuell auf die Genehmigung deutscher Behörden zur Ausfuhr unter anderen von Bauteilen für eine Gewehrfabrik.

Daimler-Chef Dieter Zetsche hatte bei seinem Auftritt kürzlich auf dem Bundesparteitag der Grünen in Münster ausdrücklich die Politik in der Pflicht gesehen: "Wohin wir exportieren, das muss die Politik entscheiden." Zugleich machte er klar, dass es für sein Unternehmen um 3500 von 100 000 Trucks gehe. Appelle, freiwillig auf deren Verkauf zu verzichten, verhallten bisher ungehört. (28.11.2016)


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Für den Entwurf der Co2-neutralen Retortenstadt Masdar City in Abu Dhabi steuerte Wallissers Team die Vision für den zentralen Platz bei. Die Schirme verschatten und erzeugen Solarstrom.

Für den Entwurf der Co2-neutralen Retortenstadt Masdar City in Abu Dhabi steuerte Wallissers Team die Vision für den zentralen Platz bei. Die Schirme verschatten und erzeugen Solarstrom.

Abends werden die Schirme eingeklappt, sodass die warme Luft nach oben entweichen kann.

Abends werden die Schirme eingeklappt, sodass die warme Luft nach oben entweichen kann.

Die Plaza von Masdar City am Abend.

Die Plaza von Masdar City am Abend.

Das geplante Stadtzentrum in Masdar City von oben. In der Mitte die ausgebreiteten Schirme.

Das geplante Stadtzentrum in Masdar City von oben. In der Mitte die ausgebreiteten Schirme.

Innenansicht einer Shopping-Mall in Masdar City.

Innenansicht einer Shopping-Mall in Masdar City.

Stuttgart 22: Wallisser und sein Team halten mit Ihrem Vorschlag für den Stuttgarter Hauptbahnhof am Konzept Kopfbahnhof fest. Die Dachkonstruktion könnte zur Energieerzeugung genutzt werden, unten drunter ließen sich weitere Verkehrssysteme anbinden.

Stuttgart 22: Wallisser und sein Team halten mit Ihrem Vorschlag für den Stuttgarter Hauptbahnhof am Konzept Kopfbahnhof fest. Die Dachkonstruktion könnte zur Energieerzeugung genutzt werden, unten drunter ließen sich weitere Verkehrssysteme anbinden.

S 22 von oben. Bei den Schlichtungsgesprächen um den Stuttgarter Hauptbahnhof war Tobias Wallisser als Vertreter der Projektgegner beteiligt.

S 22 von oben. Bei den Schlichtungsgesprächen um den Stuttgarter Hauptbahnhof war Tobias Wallisser als Vertreter der Projektgegner beteiligt.

Entwurf für Solarkraftwerk nahe der saudi-arabischen Hauptstadt Riad.

Entwurf für Solarkraftwerk nahe der saudi-arabischen Hauptstadt Riad.

Es geht auch beschaulicher: Diese Jugendherberge in Berchtesgarden wird höchsten ökologischen Ansprüchen gerecht.

Es geht auch beschaulicher: Diese Jugendherberge in Berchtesgarden wird höchsten ökologischen Ansprüchen gerecht.

Für die Bundesregierung entwarfen Wallisser und sein Team diesen Bewerbungsvorschlag, mit dem der neue Hauptsitz des „Green Climate Fund“ nach Bonn geholt werden soll.

Für die Bundesregierung entwarfen Wallisser und sein Team diesen Bewerbungsvorschlag, mit dem der neue Hauptsitz des „Green Climate Fund“ nach Bonn geholt werden soll.

Die „Water Cube“ genannte Schwimmhalle für die Olympischen Spiele in Peking sorgte für weltweite Beachtung. Foto: CC BY 2.0 JonParry

Die „Water Cube“ genannte Schwimmhalle für die Olympischen Spiele in Peking sorgte für weltweite Beachtung. Foto: CC BY 2.0 JonParry

Ebenfalls in Peking könnte diese Studie für das Wohnen der Zukunft umgesetzt werden.

Ebenfalls in Peking könnte diese Studie für das Wohnen der Zukunft umgesetzt werden.

So könnte das „Ice Hotel“ im nordchinesischen Harbin aussehen. Die Kristallartige Hülle ist inspiriert von den berühmten Eisskulptur-Wettbewerben, die jedes Jahr in Harbin stattfinden.

So könnte das „Ice Hotel“ im nordchinesischen Harbin aussehen. Die Kristallartige Hülle ist inspiriert von den berühmten Eisskulptur-Wettbewerben, die jedes Jahr in Harbin stattfinden.

Ebenfalls ein Entwurf von LAVA: Das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart. Foto: CC BY 2.0 Christian Bortes

Ebenfalls ein Entwurf von LAVA: Das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart. Foto: CC BY 2.0 Christian Bortes

Ausgabe 155
Debatte

"Noch immer werden Dinosaurier gebaut"

Von Marius Münstermann (Interview)
Datum: 19.03.2014
Mit seinem "Labor für visionäre Architektur" entwirft der Stuttgarter Architekt Tobias Wallisser die Städte der Zukunft: Ein alternatives Konzept für den Stuttgarter Hauptbahnhof (S 21) ebenso wie das futuristische Zentrum einer Co2-neutralen Retortenstadt in der Wüste Abu Dhabis.

Herr Wallisser, in der Co2-neutralen Stadt Masdar City in Abu Dhabi haben Sie den zentralen Platz entworfen. Bisher wohnt dort niemand. Was ist aus Ihrem Entwurf geworden? 

Masdar ist eine Technikutopie, entwickelt 2007 vom Star-Architekten Norman Foster, zu einer Zeit, als in den Golfmonarchien alles möglich schien. Da war es schon spannend, dass neben einer Formel-1-Strecke und all den Luxustempeln überhaupt die Idee entstand, in der Wüste, ohne fossile Brennstoffe eine Stadt zu entwickeln. Nun muss man allerdings sagen, dass davon bislang wenig realisiert wurde. Leider existiert der von uns entworfene Platz bislang nur auf dem Papier.

Tobis Walliser (43) lehrt Architektur an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Mit zwei Kollegen gründete er 2007 die Agentur LAVA, das "Laborary for Visionary Architecture". Foto: Lava
Tobis Walliser (43) lehrt Architektur an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Mit zwei Kollegen gründete er 2007 die Agentur LAVA, das "Laborary for Visionary Architecture". Foto: Lava

Also alles vertane Mühe?

Ob und wie es in Masdar weiter geht, weiß ich im Moment nicht. Sie müssen sich Masdar aber wie eine große Forschungsuniversität mit integriertem Wohnbereich vorstellen. Die ganze Stadt ist im Grunde ihr eigenes Forschungsobjekt, in dem neue Technologien entwickelt und getestet werden, etwa Photovoltaik im großem Maßstab. Hersteller aus der ganzen Welt haben ihre Anlagen über ein Jahr im Wüstenklima mit all dem Sand getestet. Dabei sind praktische Erfahrungen herausgekommen, die man sich anderswo wieder zu Nutze machen kann.

Könnte man so eine Stadt also überall bauen?

Masdar ist ein extrem techniklastiges Projekt. Das ließe sich etwa auf Indien nicht übertragen, weil es dort gar nicht die notwendigen finanziellen Mittel gibt. Aber es ist ein guter Anfang, es hat Vorbildcharakter. Das ist in Deutschland beispielsweise ein großes Problem: Wir sind zwar führend in puncto Umwelttechnologie, aber wir haben kein einziges Vorzeigeprojekt. Masdar war genau mit dieser Idee entstanden: Schaut her, so wie es hier funktioniert, so könnte es bei euch auch funktionieren!

Ihrer Agentur ist besonders daran gelegen, die vorhandenen Ressourcen so effizient wie möglich zu nutzen. Was müssen Sie bei der Standortwahl beachten?

Vor allem die ortspezifischen Klimagegebenheiten. Aktuell sind wir etwa im Süden Chinas aktiv. Dort gibt es doppelt so viele Niederschläge pro Jahr wie in Deutschland. Wassersparen ist also kein Thema. Das Wasser können wir sammeln, damit können wir Kläranlagen betreiben und so weiter. Wir schauen an jedem Standort, wie sich die vorhandenen Ressourcen ausnutzen lassen, um etwas zu schaffen, das möglichst vielen Menschen dient.

In Saudi-Arabien haben Sie eine Vision für eine ganze Stadt entworfen. Was ist das Besondere?

Diese Stadtvision wird so nie gebaut werden, es handelt sich um eine reine Machbarkeitsstudie. Das ist ein Gebiet nahe der Hauptstadt Riad, ähnlich wie Stuttgart in Tälern zwischen Hügeln gelegen - nur eben mit absolut trockenem Wüstenklima. Die Frage war: Wenn wir dort eine Stadt ansiedeln würden, könnte die sich selbst versorgen?

Könnte sie?

Dort gibt es kein Baumaterial. Wasser ist auch ein großes Problem. Dafür gibt es Sonne im Überfluss. Wir müssten also zunächst mal ein großes Solarkraftwerk bauen, damit die Stadt überhaupt ein Handelsgut produziert: Energie gegen Wasser, gegen Baustoffe, gegen Nahrung.

Klingt nicht gerade nach einer nachhaltigen Standortwahl.

Der Standort war vorgegeben. Die Aufgabe lautete: Wie autark kann man an so einem Standort werden? Und nun können wir sagen: Autark geht es nicht - muss es aber vielleicht auch nicht. Eine absolut Co2-neutrale Stadt ist zwar ein tolles Ziel, aber einfache, robuste Lösungen haben nicht den Anspruch, Emissionen zu 100 Prozent zu eliminieren, sondern das, was mit dem vertretbaren, angemessenen Aufwand machbar ist, umzusetzen. Bei Riad lag die Herausforderung für uns in der Topographie. 

Was ist denn das Besondere an Ihrem Entwurf? 

Die meisten anderen Teams haben eine konventionelle Stadtentwicklung vorgeschlagen, die Topographie ignoriert und so gut es geht dagegen gearbeitet. Unser Ansatz – zusammen mit unserem Partner Transsolar – war, die Stadt in die Täler zu legen und erstmal ein Dach drüber zu setzen. Das Dach erfüllt zwei Funktionen: Wir können damit Energie erzeugen und die Stadt verschatten. So lässt sich das Mikroklima verändern, wodurch wir theoretisch - wir sprechen hier von Rechenmodellen - das Klima von Riad an jenes in Beirut oder Madrid angleichen könnten. Das wiederum würde natürlich den Energieverbrauch für alles in der Stadt deutlich verringern.

In Äthiopiens Hauptstadt Adis Abeba hat Wallissers „Labor für innovative Architektur“ diesen Sportpark entwickelt. Baubeginn ist in diesem Jahr.
In Äthiopiens Hauptstadt Adis Abeba hat Wallissers „Labor für innovative Architektur“ diesen Sportpark entwickelt. Baubeginn ist in diesem Jahr.

Sie entwickeln Projekte in Ländern wie Saudi-Arabien, Äthiopien, Abu Dhabi, China, Kasachstan oder Iran. Sie bauen im Grunde für autokratische Regimes grüne Aushängeschilder.

Natürlich haben wir uns Gedanken über die politische Dimension gemacht. Es gibt etwa deutsche Architekten, die Gerichtsgebäude in Saudi Arabien bauen. Das würden wir nicht machen. Wir realisieren Bauten für die Forschung. Im Prinzip denke ich, unsere Arbeit ist dann in Ordnung, wenn die Projekte eine politische Öffnung vorantreiben und das Leben der Menschen verbessern. 

Sind Sie noch nie bei einer Ausschreibung in einen moralischen Konflikt geraten?

In Abu Dhabi haben wir den Wettbewerb um den Entwurf für ein Hotel und ein Konferenzzentrum von Masdar City gewonnen. Wir wollten ein Statement abgeben, auch Abu Dhabi ist nicht gerade eine Demokratie. Wenn es keine öffentlichen Räume gibt, fehlt ein Ort des Meinungsaustausches. Plätze sind politische Orte, das ist uns spätestens mit den Protesten in Ägypten oder aktuell in der Ukraine bewusst geworden. Die von uns entworfene Plaza soll daher ein Ort sein, der das Gemeinwesen fördert und politische Meinungsäußerungen möglich macht. Das haben wir bei unserer Bewerbung natürlich noch nicht offensiv nach außen getragen.

Trotzdem haben wir sicherlich ernüchternde Erfahrungen gemacht: Ein Verantwortlicher in Abu Dhabi hat uns etwa eines Tages beiläufig erzählt, dass seine Regierung gerade Panzer bestellt hätte. Damit war für viele Visionen leider kein Geld mehr da. 

Das Credo der klassischen Moderne lautet "Weniger ist mehr". Ihre Agentur setzt dem "Mehr mit weniger" entgegen. Was hat es damit auf sich? 

"Weniger ist mehr", formal als Reduktion auf das äußerlich Wesentliche, ist gestalterisch durchaus positiv besetzt. Die klassische Moderne aber hat den Drang, alles einer Ordnung zu unterwerfen. Menschen müssen sich damit arrangieren. Das ist wirklich diktatorisch. Wer entscheidet denn, was weniger und damit mehr ist? 

Natürlich kann man sagen, dass jede Energie, die ich nicht verbrauche, nicht erzeugt werden muss. Das führt bloß dazu, den Leuten Verzicht zu predigen - und Verzicht geht immer mit dem Gefühl von Verlust einher. Wir sollten also umgekehrt darüber nachdenken, wo wir Energie einsparen können und für welche anderen Ideen uns diese eingesparte Energie dann zur Verfügung steht: Mehr mit weniger.

Wer inspiriert Sie bei Ihrer Arbeit? 

Der britische Architekt Cedric Price sagte: "Technology is the answer, but what was the question?" (Technik ist die Antwort, aber wie lautete die Frage?) Für mich ist das ein ganz wichtiges Motto. In Masdar City haben sich zum Beispiel viele technische Möglichkeiten geboten. Die Frage lautet aber immer: Wozu? Dieses Wozu zu definieren versäumen wir oft. Schauen Sie sich all die Baufelder bei Stuttgart 21 an, die bebaut werden sollen. Vielleicht sollten wir uns einmal die Frage stellen: Wozu wollen wir das überhaupt?

Sie haben eine Vision namens Stuttgart 22 entworfen, einen Alternative für den Stuttgarter Hauptbahnhof. Was macht Ihren Entwurf besser?

Für uns war die Gleisfläche nie ein Problem. Die Gleisfläche eines Kopfbahnhofs könnte sogar einen Vorteil darstellen, wenn wir das große Dach darüber zur Energieerzeugung nutzen. Unten drunter hätten wir die Möglichkeit, andere Verkehrssysteme anzubinden: Busse, Carsharing, U-Bahn und so weiter. Es wäre doch toll, wenn ein Bahnhof als Mobilitätsknotenpunkt Zugang zu möglichst vielen Verkehrssystemen bietet und Energie erzeugt. So würde er Technologie und einen bewussten Umgang mit der Natur zusammen bringen. Das muss doch der Anspruch sein. 

Was halten Sie von den jetzigen Planungen für Stuttgart 21?

Was uns maßlos geärgert hat, war die Vorstellung, dass Stuttgart 21 Fortschritt bedeutet und als Fortschrittsverweigerer gilt, wer dagegen ist. Es geht aber eben nicht darum, ob man für oder gegen Zukunft ist. Die Fragen müssen lauten: Um welche Zukunft geht es uns? Was ist uns in der Zukunft wichtig? Und: Ist ein futuristisches Bild automatisch ein zukunftsfähiges Konzept? S 21 zeigt, dass man auch heute noch einen Dinosaurier bauen kann. Das Konzept ist von vorgestern.

Marius Münstermann (24) pflegt ein ambivalentes Verhältnis zur Architektur - wie das eben so ist mit dem Job des Vaters. Beim nächsten Familientreffen wird sicherlich über visionäres Bauen gesprochen.


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Kommentare

Menne, 19.03.2014 15:16
Tolles Interwiev, tolle Denkansätze/Philosophie - Technik, Umwelt, Nachhaltigkeit und Gemeinwohl verschmelzen ineinander.

"Bau eines Dinosauriers" bildhafter kann man den Rückschritt für die Gesellschaft mit dem Bau des Tunnelbahnhof S21 nicht darstellen. Neben dem Spruch "Marx ist tot Murx lebt" eine der besten Kurzformeln für S21 die ich kenne.

Kornelia, 19.03.2014 10:58
ja in der Architektur wurde in den letzten Jahrzehnten eine "näher bei Gott ich bin" Architektur und ein "ich entwickel für den "Feldherrenhügel" synobistisches tun entstanden
gutes Beispiel der Bücherknast: jeder konnte doch sofort ermitteln: der Knast wird eingebunden in viele andere Betonbauten und dann?

diese Stadt hat prozentual gesehen die meisten Architekten: wo sieht mensch das in dieser Stadt? die abgehobene Adresse des Haus der Architekten spricht eine deutliche Sprache: sie sind nicht präsent?
was für ein Trauerspiel in einer Stadt, die mal mit Bauhaus Standpunkte, auch soziale, visionäre, vertrat!

Stefan S., 19.03.2014 08:49
ja, das mit dem fortschritt hat mich schon immer aufgeregt. oder früher "das neue herz europas" oder dass unser wohl von dem bahnhof abhängt. noch nie kapiert.

auch gut:

"Ist ein futuristisches Bild automatisch ein zukunftsfähiges Konzept?"

für ganzen cdu wählenden prolerdörfler hat es gereicht ja.

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@Bernd Oehler: Habe ich behauptet, Sie würden dies tun? Ich habe so allgemein formuliert, wie Sie auch.

Ausgabe 297 / Intellektuell prügeln / Bernd Oehler, 08.12.2016 14:07
@Dr. Diethelm Gscheidle: Ihre redlichen Bemühungen in allen Ehren, aber Sie sehen doch, dass diese manchen Leuten komplett am Textverständnis vorbeigehen - um einen unredlichen Ausdruck zu vermeiden!

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