KONTEXT Extra:
Fahrverbote beschlossen – Nordost-Ring vom Tisch

Wie ein Gespenst geisterte seit Wochen ein vor fast 40 Jahren beerdigtes Verkehrsprojekt durch die Debatte um Feinstaubalarmtage und Fahrverbote in der Landeshauptstadt: der Nordost-Ring. Jetzt hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) allen Spekulationen eine Absage erteilt. Auch deswegen, weil die Baumaßnahme entgegen den Behauptungen von Teilen der CDU keineswegs bereits im Bundesverkehrswegeplan steht. "Dort geht es um neun Kilometer der B 29", so Hermann nach dem heutigen Kabinettsbeschluss zu Fahrverboten ab 1.1.2018 an Feinstaubtagen, den schlussendlich auch die CDU-Landtagsfraktion mittrug.

Prompt gab es Lob von Umwelt- und Naturschützern. Hermann habe erkannt, so die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, "wenn nicht zeitnah effiziente Maßnahmen greifen, so werden die Gerichte die Entscheidungen zum Schutze der Bürger*innen treffen und die Politik das Heft aus der Hand geben müssen". Die Stuttgarter CDU ist noch nicht ganz so weit. Für den Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann sind Fahrverbote weiterhin "politisch klar abzulehnen". Und er träumt von Nordost-Ring: Jetzt gelte es "endlich neue Verkehrsprojekte wie den Nord-Ost-Ring auf den Weg zu bringen". Hermann machte dagegen deutlich, dass das nach dem eben erst in Kraft gesetzten Bundesverkehrswegeplan gar nicht möglich ist. 

In den Sechzigern und Siebzigern waren zwei Varianten durchdacht worden: eine größere mit einem Autobahnzubringer bei Mundelsheim und eine kleinere etwa auf der Gemarkungsgrenze zwischen Waiblingen und Fellbach. Schon damals vertraten Verkehrswissenschaftler allerdings die Ansicht, dass ein Ringschluss rund um Stuttgaart weniger die Stadt, sondern die Autobahnen im Westen und Süden entlasten würde.


Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kir¬che ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Für den Entwurf der Co2-neutralen Retortenstadt Masdar City in Abu Dhabi steuerte Wallissers Team die Vision für den zentralen Platz bei. Die Schirme verschatten und erzeugen Solarstrom.

Für den Entwurf der Co2-neutralen Retortenstadt Masdar City in Abu Dhabi steuerte Wallissers Team die Vision für den zentralen Platz bei. Die Schirme verschatten und erzeugen Solarstrom.

Abends werden die Schirme eingeklappt, sodass die warme Luft nach oben entweichen kann.

Abends werden die Schirme eingeklappt, sodass die warme Luft nach oben entweichen kann.

Die Plaza von Masdar City am Abend.

Die Plaza von Masdar City am Abend.

Das geplante Stadtzentrum in Masdar City von oben. In der Mitte die ausgebreiteten Schirme.

Das geplante Stadtzentrum in Masdar City von oben. In der Mitte die ausgebreiteten Schirme.

Innenansicht einer Shopping-Mall in Masdar City.

Innenansicht einer Shopping-Mall in Masdar City.

Stuttgart 22: Wallisser und sein Team halten mit Ihrem Vorschlag für den Stuttgarter Hauptbahnhof am Konzept Kopfbahnhof fest. Die Dachkonstruktion könnte zur Energieerzeugung genutzt werden, unten drunter ließen sich weitere Verkehrssysteme anbinden.

Stuttgart 22: Wallisser und sein Team halten mit Ihrem Vorschlag für den Stuttgarter Hauptbahnhof am Konzept Kopfbahnhof fest. Die Dachkonstruktion könnte zur Energieerzeugung genutzt werden, unten drunter ließen sich weitere Verkehrssysteme anbinden.

S 22 von oben. Bei den Schlichtungsgesprächen um den Stuttgarter Hauptbahnhof war Tobias Wallisser als Vertreter der Projektgegner beteiligt.

S 22 von oben. Bei den Schlichtungsgesprächen um den Stuttgarter Hauptbahnhof war Tobias Wallisser als Vertreter der Projektgegner beteiligt.

Entwurf für Solarkraftwerk nahe der saudi-arabischen Hauptstadt Riad.

Entwurf für Solarkraftwerk nahe der saudi-arabischen Hauptstadt Riad.

Es geht auch beschaulicher: Diese Jugendherberge in Berchtesgarden wird höchsten ökologischen Ansprüchen gerecht.

Es geht auch beschaulicher: Diese Jugendherberge in Berchtesgarden wird höchsten ökologischen Ansprüchen gerecht.

Für die Bundesregierung entwarfen Wallisser und sein Team diesen Bewerbungsvorschlag, mit dem der neue Hauptsitz des „Green Climate Fund“ nach Bonn geholt werden soll.

Für die Bundesregierung entwarfen Wallisser und sein Team diesen Bewerbungsvorschlag, mit dem der neue Hauptsitz des „Green Climate Fund“ nach Bonn geholt werden soll.

Die „Water Cube“ genannte Schwimmhalle für die Olympischen Spiele in Peking sorgte für weltweite Beachtung. Foto: CC BY 2.0 JonParry

Die „Water Cube“ genannte Schwimmhalle für die Olympischen Spiele in Peking sorgte für weltweite Beachtung. Foto: CC BY 2.0 JonParry

Ebenfalls in Peking könnte diese Studie für das Wohnen der Zukunft umgesetzt werden.

Ebenfalls in Peking könnte diese Studie für das Wohnen der Zukunft umgesetzt werden.

So könnte das „Ice Hotel“ im nordchinesischen Harbin aussehen. Die Kristallartige Hülle ist inspiriert von den berühmten Eisskulptur-Wettbewerben, die jedes Jahr in Harbin stattfinden.

So könnte das „Ice Hotel“ im nordchinesischen Harbin aussehen. Die Kristallartige Hülle ist inspiriert von den berühmten Eisskulptur-Wettbewerben, die jedes Jahr in Harbin stattfinden.

Ebenfalls ein Entwurf von LAVA: Das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart. Foto: CC BY 2.0 Christian Bortes

Ebenfalls ein Entwurf von LAVA: Das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart. Foto: CC BY 2.0 Christian Bortes

Ausgabe 155
Debatte

"Noch immer werden Dinosaurier gebaut"

Von Marius Münstermann (Interview)
Datum: 19.03.2014
Mit seinem "Labor für visionäre Architektur" entwirft der Stuttgarter Architekt Tobias Wallisser die Städte der Zukunft: Ein alternatives Konzept für den Stuttgarter Hauptbahnhof (S 21) ebenso wie das futuristische Zentrum einer Co2-neutralen Retortenstadt in der Wüste Abu Dhabis.

Herr Wallisser, in der Co2-neutralen Stadt Masdar City in Abu Dhabi haben Sie den zentralen Platz entworfen. Bisher wohnt dort niemand. Was ist aus Ihrem Entwurf geworden? 

Masdar ist eine Technikutopie, entwickelt 2007 vom Star-Architekten Norman Foster, zu einer Zeit, als in den Golfmonarchien alles möglich schien. Da war es schon spannend, dass neben einer Formel-1-Strecke und all den Luxustempeln überhaupt die Idee entstand, in der Wüste, ohne fossile Brennstoffe eine Stadt zu entwickeln. Nun muss man allerdings sagen, dass davon bislang wenig realisiert wurde. Leider existiert der von uns entworfene Platz bislang nur auf dem Papier.

Tobis Walliser (43) lehrt Architektur an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Mit zwei Kollegen gründete er 2007 die Agentur LAVA, das "Laborary for Visionary Architecture". Foto: Lava
Tobis Walliser (43) lehrt Architektur an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Mit zwei Kollegen gründete er 2007 die Agentur LAVA, das "Laborary for Visionary Architecture". Foto: Lava

Also alles vertane Mühe?

Ob und wie es in Masdar weiter geht, weiß ich im Moment nicht. Sie müssen sich Masdar aber wie eine große Forschungsuniversität mit integriertem Wohnbereich vorstellen. Die ganze Stadt ist im Grunde ihr eigenes Forschungsobjekt, in dem neue Technologien entwickelt und getestet werden, etwa Photovoltaik im großem Maßstab. Hersteller aus der ganzen Welt haben ihre Anlagen über ein Jahr im Wüstenklima mit all dem Sand getestet. Dabei sind praktische Erfahrungen herausgekommen, die man sich anderswo wieder zu Nutze machen kann.

Könnte man so eine Stadt also überall bauen?

Masdar ist ein extrem techniklastiges Projekt. Das ließe sich etwa auf Indien nicht übertragen, weil es dort gar nicht die notwendigen finanziellen Mittel gibt. Aber es ist ein guter Anfang, es hat Vorbildcharakter. Das ist in Deutschland beispielsweise ein großes Problem: Wir sind zwar führend in puncto Umwelttechnologie, aber wir haben kein einziges Vorzeigeprojekt. Masdar war genau mit dieser Idee entstanden: Schaut her, so wie es hier funktioniert, so könnte es bei euch auch funktionieren!

Ihrer Agentur ist besonders daran gelegen, die vorhandenen Ressourcen so effizient wie möglich zu nutzen. Was müssen Sie bei der Standortwahl beachten?

Vor allem die ortspezifischen Klimagegebenheiten. Aktuell sind wir etwa im Süden Chinas aktiv. Dort gibt es doppelt so viele Niederschläge pro Jahr wie in Deutschland. Wassersparen ist also kein Thema. Das Wasser können wir sammeln, damit können wir Kläranlagen betreiben und so weiter. Wir schauen an jedem Standort, wie sich die vorhandenen Ressourcen ausnutzen lassen, um etwas zu schaffen, das möglichst vielen Menschen dient.

In Saudi-Arabien haben Sie eine Vision für eine ganze Stadt entworfen. Was ist das Besondere?

Diese Stadtvision wird so nie gebaut werden, es handelt sich um eine reine Machbarkeitsstudie. Das ist ein Gebiet nahe der Hauptstadt Riad, ähnlich wie Stuttgart in Tälern zwischen Hügeln gelegen - nur eben mit absolut trockenem Wüstenklima. Die Frage war: Wenn wir dort eine Stadt ansiedeln würden, könnte die sich selbst versorgen?

Könnte sie?

Dort gibt es kein Baumaterial. Wasser ist auch ein großes Problem. Dafür gibt es Sonne im Überfluss. Wir müssten also zunächst mal ein großes Solarkraftwerk bauen, damit die Stadt überhaupt ein Handelsgut produziert: Energie gegen Wasser, gegen Baustoffe, gegen Nahrung.

Klingt nicht gerade nach einer nachhaltigen Standortwahl.

Der Standort war vorgegeben. Die Aufgabe lautete: Wie autark kann man an so einem Standort werden? Und nun können wir sagen: Autark geht es nicht - muss es aber vielleicht auch nicht. Eine absolut Co2-neutrale Stadt ist zwar ein tolles Ziel, aber einfache, robuste Lösungen haben nicht den Anspruch, Emissionen zu 100 Prozent zu eliminieren, sondern das, was mit dem vertretbaren, angemessenen Aufwand machbar ist, umzusetzen. Bei Riad lag die Herausforderung für uns in der Topographie. 

Was ist denn das Besondere an Ihrem Entwurf? 

Die meisten anderen Teams haben eine konventionelle Stadtentwicklung vorgeschlagen, die Topographie ignoriert und so gut es geht dagegen gearbeitet. Unser Ansatz – zusammen mit unserem Partner Transsolar – war, die Stadt in die Täler zu legen und erstmal ein Dach drüber zu setzen. Das Dach erfüllt zwei Funktionen: Wir können damit Energie erzeugen und die Stadt verschatten. So lässt sich das Mikroklima verändern, wodurch wir theoretisch - wir sprechen hier von Rechenmodellen - das Klima von Riad an jenes in Beirut oder Madrid angleichen könnten. Das wiederum würde natürlich den Energieverbrauch für alles in der Stadt deutlich verringern.

In Äthiopiens Hauptstadt Adis Abeba hat Wallissers „Labor für innovative Architektur“ diesen Sportpark entwickelt. Baubeginn ist in diesem Jahr.
In Äthiopiens Hauptstadt Adis Abeba hat Wallissers „Labor für innovative Architektur“ diesen Sportpark entwickelt. Baubeginn ist in diesem Jahr.

Sie entwickeln Projekte in Ländern wie Saudi-Arabien, Äthiopien, Abu Dhabi, China, Kasachstan oder Iran. Sie bauen im Grunde für autokratische Regimes grüne Aushängeschilder.

Natürlich haben wir uns Gedanken über die politische Dimension gemacht. Es gibt etwa deutsche Architekten, die Gerichtsgebäude in Saudi Arabien bauen. Das würden wir nicht machen. Wir realisieren Bauten für die Forschung. Im Prinzip denke ich, unsere Arbeit ist dann in Ordnung, wenn die Projekte eine politische Öffnung vorantreiben und das Leben der Menschen verbessern. 

Sind Sie noch nie bei einer Ausschreibung in einen moralischen Konflikt geraten?

In Abu Dhabi haben wir den Wettbewerb um den Entwurf für ein Hotel und ein Konferenzzentrum von Masdar City gewonnen. Wir wollten ein Statement abgeben, auch Abu Dhabi ist nicht gerade eine Demokratie. Wenn es keine öffentlichen Räume gibt, fehlt ein Ort des Meinungsaustausches. Plätze sind politische Orte, das ist uns spätestens mit den Protesten in Ägypten oder aktuell in der Ukraine bewusst geworden. Die von uns entworfene Plaza soll daher ein Ort sein, der das Gemeinwesen fördert und politische Meinungsäußerungen möglich macht. Das haben wir bei unserer Bewerbung natürlich noch nicht offensiv nach außen getragen.

Trotzdem haben wir sicherlich ernüchternde Erfahrungen gemacht: Ein Verantwortlicher in Abu Dhabi hat uns etwa eines Tages beiläufig erzählt, dass seine Regierung gerade Panzer bestellt hätte. Damit war für viele Visionen leider kein Geld mehr da. 

Das Credo der klassischen Moderne lautet "Weniger ist mehr". Ihre Agentur setzt dem "Mehr mit weniger" entgegen. Was hat es damit auf sich? 

"Weniger ist mehr", formal als Reduktion auf das äußerlich Wesentliche, ist gestalterisch durchaus positiv besetzt. Die klassische Moderne aber hat den Drang, alles einer Ordnung zu unterwerfen. Menschen müssen sich damit arrangieren. Das ist wirklich diktatorisch. Wer entscheidet denn, was weniger und damit mehr ist? 

Natürlich kann man sagen, dass jede Energie, die ich nicht verbrauche, nicht erzeugt werden muss. Das führt bloß dazu, den Leuten Verzicht zu predigen - und Verzicht geht immer mit dem Gefühl von Verlust einher. Wir sollten also umgekehrt darüber nachdenken, wo wir Energie einsparen können und für welche anderen Ideen uns diese eingesparte Energie dann zur Verfügung steht: Mehr mit weniger.

Wer inspiriert Sie bei Ihrer Arbeit? 

Der britische Architekt Cedric Price sagte: "Technology is the answer, but what was the question?" (Technik ist die Antwort, aber wie lautete die Frage?) Für mich ist das ein ganz wichtiges Motto. In Masdar City haben sich zum Beispiel viele technische Möglichkeiten geboten. Die Frage lautet aber immer: Wozu? Dieses Wozu zu definieren versäumen wir oft. Schauen Sie sich all die Baufelder bei Stuttgart 21 an, die bebaut werden sollen. Vielleicht sollten wir uns einmal die Frage stellen: Wozu wollen wir das überhaupt?

Sie haben eine Vision namens Stuttgart 22 entworfen, einen Alternative für den Stuttgarter Hauptbahnhof. Was macht Ihren Entwurf besser?

Für uns war die Gleisfläche nie ein Problem. Die Gleisfläche eines Kopfbahnhofs könnte sogar einen Vorteil darstellen, wenn wir das große Dach darüber zur Energieerzeugung nutzen. Unten drunter hätten wir die Möglichkeit, andere Verkehrssysteme anzubinden: Busse, Carsharing, U-Bahn und so weiter. Es wäre doch toll, wenn ein Bahnhof als Mobilitätsknotenpunkt Zugang zu möglichst vielen Verkehrssystemen bietet und Energie erzeugt. So würde er Technologie und einen bewussten Umgang mit der Natur zusammen bringen. Das muss doch der Anspruch sein. 

Was halten Sie von den jetzigen Planungen für Stuttgart 21?

Was uns maßlos geärgert hat, war die Vorstellung, dass Stuttgart 21 Fortschritt bedeutet und als Fortschrittsverweigerer gilt, wer dagegen ist. Es geht aber eben nicht darum, ob man für oder gegen Zukunft ist. Die Fragen müssen lauten: Um welche Zukunft geht es uns? Was ist uns in der Zukunft wichtig? Und: Ist ein futuristisches Bild automatisch ein zukunftsfähiges Konzept? S 21 zeigt, dass man auch heute noch einen Dinosaurier bauen kann. Das Konzept ist von vorgestern.

Marius Münstermann (24) pflegt ein ambivalentes Verhältnis zur Architektur - wie das eben so ist mit dem Job des Vaters. Beim nächsten Familientreffen wird sicherlich über visionäres Bauen gesprochen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

Kommentare

Menne, 19.03.2014 15:16
Tolles Interwiev, tolle Denkansätze/Philosophie - Technik, Umwelt, Nachhaltigkeit und Gemeinwohl verschmelzen ineinander.

"Bau eines Dinosauriers" bildhafter kann man den Rückschritt für die Gesellschaft mit dem Bau des Tunnelbahnhof S21 nicht darstellen. Neben dem Spruch "Marx ist tot Murx lebt" eine der besten Kurzformeln für S21 die ich kenne.

Kornelia, 19.03.2014 10:58
ja in der Architektur wurde in den letzten Jahrzehnten eine "näher bei Gott ich bin" Architektur und ein "ich entwickel für den "Feldherrenhügel" synobistisches tun entstanden
gutes Beispiel der Bücherknast: jeder konnte doch sofort ermitteln: der Knast wird eingebunden in viele andere Betonbauten und dann?

diese Stadt hat prozentual gesehen die meisten Architekten: wo sieht mensch das in dieser Stadt? die abgehobene Adresse des Haus der Architekten spricht eine deutliche Sprache: sie sind nicht präsent?
was für ein Trauerspiel in einer Stadt, die mal mit Bauhaus Standpunkte, auch soziale, visionäre, vertrat!

Stefan S., 19.03.2014 08:49
ja, das mit dem fortschritt hat mich schon immer aufgeregt. oder früher "das neue herz europas" oder dass unser wohl von dem bahnhof abhängt. noch nie kapiert.

auch gut:

"Ist ein futuristisches Bild automatisch ein zukunftsfähiges Konzept?"

für ganzen cdu wählenden prolerdörfler hat es gereicht ja.

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 307 / Kritik ist Lüge / Klaus, 21.02.2017 13:34
Frank Passau. Das stimmt so nicht, denn Hr. ST. schreibt niemandem etwas vor. Er bewertet Publikationen. Nach eigenen Kriterien. Das ist seine Sache. Was Sie lesen ist Ihre Sache.

Ausgabe 307 / Kritik ist Lüge / Bernd Oehler, 21.02.2017 12:52
In der Süddeutschen Zeitung von heute (21.2.) steht ein Interview mit der »Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky über Zuzügler aus Deutschland, die weiße Rasse von Atlantis und Wetterberichte in den Grenzen von 896«, kurz...

Ausgabe 307 / Entfesselte Kettenhunde / GelA, 20.02.2017 18:42
Was ist denn nun der grundsätzliche Unterschied zwischen der Denke von Trump (Denken kann man das ja nicht nennen), der alles verachtet und verdammt, was ihm nicht paßt und dieser Verallgemeinerung von @era und anderen, die alles in...

Ausgabe 307 / Pforzheim – Stadt der Extreme / Henny Deckmann, 20.02.2017 18:05
Das ist aber ein sehr negativer Bericht. So kenne ich meine Heimatstadt nicht.

Ausgabe 307 / Verbote werden kommen / Schwabe, 20.02.2017 16:50
@Feinstaub "es geht hier nicht um neoliberale Rohstoffverteilungskriege." Doch, genau darum geht es! Wo ist Ihr sachliches Argument das es nicht so ist? Sie sind jemand der diese ursächlichen Zusammenhänge von Öl-Verteilungskriegen,...

Ausgabe 307 / Entfesselte Kettenhunde / Rolf Steiner, 20.02.2017 15:17
Erst kürzlich - 17.2.17 - musste das Bundeskriminalamt ein Fake der AfD-Vorsitzenden Petry deutlich korrigieren. Sie behauptete, dass das BKA verlauten ließ, Flüchtlinge wären krimineller als Deutsche. Das BKA zeigte Petrys Fake auf...

Ausgabe 307 / Sitzen verboten / F. Stirling, London, 20.02.2017 14:54
Die Totenruhe ist gestört Die wiederkehrenden Erschütterungen am Grabe von Sir James Frazer Stirling, die vor einigen Jahren in London zu zahlreichen Vermutungen Anlass gab, scheinen nun eine plausible Erklärung zu finden: sie...

Ausgabe 307 / Kritik ist Lüge / Rolf Steiner, 20.02.2017 14:42
Wie armselig dieser Gorka "diskutiert", zeigt das Interview des BBC-Journalisten Evan Devis, das seit 16.2.17 im Netz ist und auch bei Stefan Niggemeier angesehen werden kann: https://twitter.com/niggi/status/832475880622428161 Ein...

Ausgabe 307 / Kritik ist Lüge / Rolf Steiner, 20.02.2017 14:21
Als anständiger Demokrat sollte man sich gegen die mit Flüchtlingshetze, Fremden- und Europa-Feindlichkeit sich nicht gerade zurückhaltenden vom Kopp-.Verlag vertriebenen Publikationen deutlich positionieren. Schädliche Angriffe auf...

Ausgabe 306 / "Die Ungerechtigkeit schreit zum Himmel" / Stefan Elbel, 20.02.2017 11:33
Laut der Bundesregierung geht es den Menschen in Deutschland so gut wie noch nie? Sind das nicht Fake-News? Diese Bundesregierung will es einfach nicht wahrhaben. Sie lobt sich selber, die geringste Arbeitslosenquote seit Jahren zu...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!