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Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Ausgabe 163
Zeitgeschehen

Fünf Kilometer Todesmarsch

Von Gerhard Reischmann
Datum: 14.05.2014
Die KZ-Häftlinge von der Schwäbischen Alb wurden von der SS im April 1945 Richtung Dachau getrieben. Der Todesmarsch führte die ausgehungerten Menschen auch durch Oberschwaben. In Dachau angekommen sind sie nie.

Als die französische Armee unter General de Lattre Anfang April 1945 den Rhein überschritten hatte und unaufhaltsam Richtung Stuttgart und Bodensee vorrückte, hatte die SS in den KZs auf der Schwäbischen Alb ein Problem: wohin mit den Häftlingen? Am 13., 17. und 18. April wurden insgesamt 1997 Häftlinge, wie die Erinnerungsinitiative "Gedenkstätte Eckerwald" dokumentiert hat, aus den Lagern Frommern, Dautmergen, Schömberg und Schörzingen, alle bei Balingen, Zollernalbkreis, auf Todesmärsche geschickt. Quer durch Oberschwaben trieben die KZ-Schergen ihre Häftlinge Richtung Dachau. Der Pfarrer von Ebersbach, einem Ort im Kreis Ravensburg, notierte damals in der Pfarrchronik: "Wer nicht mehr kann, erhält den Genickschuss – aus."

Denkmal auf dem Friedhof in Molpertshaus bei Wolfegg. Bis vor kurzem wusste so gut wie niemand mehr warum es dort steht. Foto: Gerhard Reischmann
Denkmal auf dem Friedhof in Molpertshaus bei Wolfegg. Bis vor kurzem wusste so gut wie niemand mehr warum es dort steht. Fotos: Gerhard Reischmann

Am 22. April 1945 – es war ein Sonntag – kam ein Todesmarsch durch Waldsee. Michael Barczyk, Stadtarchivar im oberschwäbischen Bad Waldsee, sprach darüber am Volkstrauertag 2013: "Ein Teilnehmer erinnert sich an eine tropfende Dachrinne des Bachem-Werkes. Er wollte daran lecken und wurde sogleich brutal zusammengeschlagen. In der Biberacher Straße standen Waldseer Anlieger, schauten zu, trauten sich nicht, den Hilferufen 'pain, pain' ('Brot, Brot') nachzukommen. Und dann fand man einen Tag später, am 23. April 1945, bei der Eisenbahnunterführung bei Unterurbach die Leichen von zwei KZlern."

Nach der Rede des Archivars war vergessener Doppelmord Thema an vielen Tischen. Ernst Fricker, Jahrgang 1929, zwei Kilometer vom Ort des Geschehens zu Hause, war nach der Gedenkfeier im Hasen; dort hockten einige der Alten, kramten in Erinnerungen. Kaum war er zu Hause, schaute er nach seinem kleinen schwarzen Notizbuch, nach der Kladde von 1945.

"Die wurden verraten"

Frühschoppen im Rad in Mittelurbach, sechs Wochen danach. Ernst Fricker hat sein Büchle von damals dabei. "Zwei Sträflinge (KZ) erschossen von Offiz." ­– größer ist die Eintragung nicht. "Dia hot ma verrota", ist sich der 83-jährige Bauer sicher. Er hatte damals, im Sommer 45, mit zwei "Molle" (Ochsen) den Grabstein für die Verratenen herbeigeschafft. "Innerhalb vo 24 Stunda hot mei Großvatr a Grabstell für dia Erschossene braucht", berichtet Franz Knitz (73). Sein Großvater war in den Tagen des "Umsturzes" Bürgermeister von Unterurbach gewesen. "Däa Leichagschmack hon i lang it wegkriegt", sagt Alois Fricker (81). "Bei dr Umbettung anno 48 hond alte Nazi vom Dorf helfa müssa", sagt ein anderer.

Alois Fricker, 1945 13 Jahre alt, schildert eine gespenstische Szene. Es hatte geheißen, bei Feinkost Linder in Waldsee gebe es Blockschokolade. "Viel Leut send agschtanda." Da zogen KZ-Häftlinge vorbei. Etwa 30 bis 40 Sträflinge, angetan mit der gestreiften KZ-Kleidung. Brav anstehende Bürger trafen auf ausgemergelte Opfer des Regimes. Alois Fricker: "Einige hond kaum no laufa kenna." Er erinnert sich, wie ein Wachmann einen strauchelnden Häftling mit dem Gewehrkolben stieß.

Nur wenige Tage später werden die Bürger Besiegte sein und die Opfer Befreite. Aber noch ist es nicht so weit.

Die Häftlinge und ihre zahlenmäßig schwache Bewachung marschieren weiter Richtung Haisterkirch; "drei oder vier" können sich absetzen, berichtet Ernst Fricker, der Bruder von Alois. Die Flüchtigen verstecken sich in der Nacht vermutlich in einem Wäldchen oberhalb des Urbachs. Am Montagmorgen (23. April) halten sich laut Ernst Fricker drei Flüchtige am Urbach auf, wohl um sich zu waschen und um etwas zu trinken. Da fährt ein deutscher Jeep heran. Einer der KZ-Sträflinge kann flüchten, die beiden anderen aber folgen dem Ruf aus dem Kübelwagen, worauf sie an Ort und Stelle erschossen werden. Die Täter lassen die Toten einfach liegen und fahren weiter.

Wer nicht weiterkonnte, wurde erschossen

Alois Fricker kann den Wochentag nicht mehr sagen, an dem er Schokolade gehamstert hatte, doch es muss jener Sonntag, der 22. April, gewesen sein. Damals hatte der Lebensmittelhandel auf dem Land vielfach auch am Sonntagvormittag, nach der Kirche, geöffnet. Vielleicht war es auch eine Sonderabgabe am Nachmittag gewesen, denn Anna Krattenmacher, geboren 1925, meint, es sei Abend gewesen, als der Elendszug an ihrem Haus am Fuße des Haidgauer Berges, vier Kilometer östlich Waldsees, vorbeigekommen sei. "Mei Vatr hot dene Häftling Wasser nausbringe müssa", berichtet die 89-Jährige. Sie selbst durfte das Haus nicht verlassen, sah aber, wie die Sträflinge den Berg hochkeuchten, graue Decken über ihrer gestreiften Kleidung tragend. Knapp vor der Bergkuppe, 800 Meter vom Haus Fiegel, in einem Waldstück links der Straße, erschossen die Bewacher zwei Entkräftete.

Alois Fricker: "Däa Leichagschmack hon i lang it wegkriegt."

Die Schüsse habe man unten im Dorf gehört, berichtet Helga Heinzelmann, damals 13 Jahre alt; sie war zu Hause im Heustöckle, einem einzeln stehenden Hofe wenige Hundert Meter südwestlich vom Haus Fiegel. An jenem Abend war sie von der Andacht in der Kirche gekommen und hat den Elendszug ebenfalls gesehen. Sie spricht von mehreren Hundert Häftlingen und hat auch noch die Bewacher mit geschulterten Gewehren vor Augen. Anni Kübler, Jahrgang 1931, kommen heute noch die Tränen, wenn sie von dem schweigenden Zug der Häftlinge spricht. Insbesondere die Letzten im Zug hätten kaum noch gehen können und seien von den Wärtern angeschrien worden. Die Augenzeugin spricht von einem "nicht enden wollenden Zug" in Dreier- oder Viererreihen.

Demnach hat Alois Fricker am Vormittag oder früheren Nachmittag nur eine Teilgruppe gesehen.

Am 2. Juni 1945 findet man oben auf dem Berg die zwei Toten. Unter den Augen einer Kommission der französischen Besatzer werden die Leichen geborgen und auf dem Haisterkircher Friedhof bestattet. Haisterkirchs Pfarrer Erich Dolderer hält eine aufrüttelnde Predigt: "Darum, liebe Christen, müssen wir aufs Tiefste beklagen, was vor sechs Wochen auf der Gemarkung unserer Gemeinde geschehen ist. Aus einem jener Konzentrationslager, die von der Hölle erfunden sind, wurde ein Trupp Gefangener durch unser Dorf getrieben, die Straße zum Berg empor. Auf der Höhe wurden zwei Gefangene von ihren Wärtern erschossen und unbeerdigt ihrem Schicksal überlassen. Alle, die von dieser Untat hörten, wurden mit Abscheu und Entsetzen erfüllt. Hinter diesen beiden unbekannten Männern erhebt sich eine ungeheure Zahl von Menschen, die ebenso und noch grausamer ermordet worden sind ... Diese beiden Gräber inmitten unseres Gottesackers müssen uns stete Mahnung sein, wohin Menschen kommen, wenn sie den lebendigen Glauben verlieren."

Der Todesmarsch.
Der Todesmarsch.

Des Dorfpfarrers Totenklage kam nach Jahrzehnten wieder zutage; der seinerzeitige Kirchenpfleger hatte eine Abschrift aufbewahrt.

Am 23. April 1945, es ist ein Montagmorgen, geht die 13-jährige Maria Knitz von Mittelurbach ins nahe Waldsee. Auch ihre Familie hat von der Blockschokolade erfahren. "Dass der Feind fünf Kilometer vor der Stadt stand", habe man bei dieser Besorgung nicht groß problematisiert, sagt sie im Rückblick. Als Maria zurückkommt, sieht sie nach der Unterurbacher Eisenbahnunterführung zwei Tote. Sie kann die Szene auch heute, nach bald sieben Jahrzehnten, noch genau beschreiben. Die beiden Ermordeten seien in knien­der Stellung gewesen, die kahl geschorenen Köpfe auf den Boden gesunken. Über den Körpern hätten Decken gelegen, vermutlich jene grauen Umhänge, von denen Anna Krattenmacher weiß. Maria Bausinger meint, sich auch an einen Ruf wie "Mädle, weg do!" zu erinnern. In all den Jahren, wenn sie an der Stelle vorbeikommt, hat sie stets ein mulmiges Gefühl. Sie kann das im Herbst 45 dort errichtete Grabmal gut beschreiben, meint, sich an eine Bodenplatte zu erinnern, auf der das französische Wort für Fabrikant (oder Ingenieur?) gestanden sei.

Der dritte Flüchtling wurde im Strohschuppen versteckt

Noch am Morgen desselben Tages: Am Küchenfenster von Greggs Hof am Westabhang des Haidgauer Berges, in besagtem Heustöckle, klopft es. Helga, die Gregg-Tochter, heute 82 Jahre alt, kann die Szene genau beschreiben. Ihre Mutter habe hinausgeschaut und ausgerufen: "Jessas, wa ischt au des für oiner?!" Maria, die 20-jährige weißrussische Fremdarbeiterin, geht vor die Türe und bringt den abgehetzten, völlig erschöpften Mann herein. Auf dem Herd werden gerade Kartoffeln für die Schweine gekocht. Mitsamt den Schalen schlingt der Fremde die Kartoffeln hinunter. "Däa sieht jo aus wia dä Tod", sagt Mutter Gregg. Im Strohschuppen nebenan wird ihm ein Lager bereitet, das Essen bringen Greggs nachts hinüber. Niemand darf von dem Versteckten wissen. So kommt der Entflohene über die Tage des "Umsturzes". Nach dem Einmarsch der Franzosen wird er im Krankenhaus Waldsee auskuriert. Vieles spricht dafür, dass das der dritte Mann vom Bach war.

Die Rettungstat vom Heustöckle wurde erst jetzt bekannt

Am diesem Aprilmontag 1945 ist das Verbrechen am Bach geschehen, einen Tag später wird Waldsee von den Franzosen eingenommen. Unterurbach und Mittelurbach sind noch nicht besetzt; die Gemeinde Unterurbach hat nun mit den zwei am Ortsrand liegenden Toten ein Problem. "Ma ka se doch it liega lau", heißt es im Dorf. Bürgermeister Franz Knitz, der nicht weiß, dass die Toten in ihren Sträflingsbekleidungen französische Staatsangehörige waren, sorgt für eine rasche, wohl nur notdürftige Beerdigung.

Nach dem Einmarsch französischen Militärs in Urbach kommt es zu einer dramatischen Zuspitzung. "Zur Vergeltung wollten die Franzosen nach der Besetzung zwanzig Bürger von Urbach erschießen", schreibt Ernst Fricker in seinem Buch "Erinnerungen aus meinem Leben", "dies konnte Bürgermeister Knitz verhindern, weil er glaubhaft machen konnte, dass niemand von uns beteiligt war."

Die Franzosen fordern eine würdige Bestattung der Ermordeten

Ultimativ, "binnen 24 Stunden", fordern die Franzosen eine würdige Bestattung der bei Unterurbach ermordeten KZ-Häftlinge sowie die Errichtung eines Denkmals. Das wird bis zum Herbst fertig. Für den 2. November 1945 setzt der französische Stadtkommandant Waldsees eine Trauerfeier für die Ermordeten an. Offensichtlich von ihm angewiesen, fordert Waldsees Bürgermeister die Mitglieder seines Gemeindeausschusses schriftlich auf, an der Trauerfeier in der Nachbargemeinde teilzunehmen. "Bei dr Trauerfeier hond zwoi Dutzend Leit vo Urbach atreta müssa", erinnert sich Franz Schmid aus Mittelurbach. Er ist der wohl letzte Zeuge jener Trauerfeier und hat noch den Salut im Ohr, den die Franzosen zu Ehren der Ermordeten geschossen hatten. Einige Wochen zuvor hatte er als 15-jähriger Bursche den Sockel des Grabmals mit einem Ochsengespann herbeischaffen müssen.

Helga Heinzelmann war damals 13 Jahre alt.
Helga Heinzelmann war damals 13 Jahre alt.

Außer dem Trauerakt am Grabmal gab es anscheinend auch einen Trauerakt auf dem Waldseer Stadtfriedhof sowie, das ist gesichert, Trauerfeiern in beiden Waldseer Kirchen. Die Teilnahme der Bevölkerung war von der Besatzungsmacht ausdrücklich erwünscht.

Drei Jahre später, Herbst 1948: Franz Knitz, Jahrgang 1940, ein Enkel des seinerzeitigen Urbacher Bürgermeisters, wird Augenzeuge der Exhumierung. Mit einem Kuhgespann kommen er und sein Vater vom Steinacher Ried her, wo sie Torf gestochen hatten; auf der Höhe des Grabmals werden sie von einem französischen Posten angehalten. Und dann sehen sie, wie die ausgegrabenen Särge mit einer Axt aufgewuchtet werden und die sterblichen Überreste in Zinksärge gegeben werden. Ein französischer Lastwagen steht für den Abtransport bereit. Stets habe in Urbach eines der Opfer als Fabrikant oder Fabrikantensohn gegolten, weiß Rad-Wirt Franz Spehn aus der mündlichen Überlieferung. Er meint, dass die Exhumierung und Überführung nach Frankreich auf Wunsch jener offenbar vermögenden Familie erfolgt sei.

Die Todesmärsche von den KZs auf der Schwäbischen Alb wurden in den Jahren 1948 bis 1952 juristisch aufgearbeitet ("Rastätter Prozesse"). Ob auch der Urbacher Fall dort verhandelt wurde, ist derzeit nicht bekannt. Laut Barczyk waren die Urbacher Täter ein SS-Offizier und ein Mann des Werwolfs, wie er den Akten des Kriminalkommissariates Ravensburg von 1950 entnehmen konnte.

Keiner der vier Todesmärsche hat das Ziel Dachau erreicht. Große Häftlingsgruppen wurden am 23. April von französischen Truppenverbänden im Raum Altshausen/Ostrach befreit. Ein dritter Elendszug löste sich am 17. April bei Pfronten im Allgäu auf. Ein vierter aber ging, nachdem die Amerikaner kurz vor Dachau standen, noch Richtung "Alpenfestung". Am 1. Mai, sieben Tage vor der Kapitulation des Großdeutschen Reiches, endete das Martyrium dieser Todesmarschierer bei Mittenwald.

Das Urbacher Franzosengrab gibt es nicht mehr. Seit circa 1960 steht das Denkmal, ein stattliches Kreuz, im Friedhof in Molpertshaus bei Wolfegg. Bis vor Kurzem wusste so gut wie niemand mehr etwas über die Geschichte des Kreuzes. Dank der Erinnerungsarbeit des Stadtarchivars und der anderen Bewahrer kennt man wieder die Namen derer, an die jenes Kreuz erinnern soll: Auguste Bonal, geb. 1898 in Sorres-Seine, Manager bei Peugeot, und Jules Monjoin. Auch die Namen der Toten vom Haidgauer Berg sind nun bekannt: Karl Panhans aus dem Sudetenland und Julius Spiegel aus dem Burgenland. Karl Panhans wurde 52 Jahre alt, Julius Spiegel starb mit 42.


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Kommentare

Tillupp, 19.05.2014 13:01
Danke für diesen Artikel. Es ist unermesslich wichtig sich immer wieder zu erinnern, zu welchen Taten manche unserer Vorfahren fähig waren. Noch wichtiger ist es, daraus zu lernen und entsprechende nationalistische Entwicklungen in unserer Zeit konsequent und entschieden entgegenzutreten.

Inglorious Basterd, 17.05.2014 16:09
Ich frage mich immer wieder, warum man beinahe überall auf der schwäbischen Alb kleineren Denkmälern, Gedenksteinen usw. begegnet, auf denen Dinge wie "Wir gedenken unseren tapferen Helden von 1914-1918 und 1939-1945" stehen, aber Gedenkorte für die Opfer dieser bestialischen Verbrecher oder diejenigen, die die Deutschen gegen deren Willen ihrer selbsgewählten Schreckensherrschaft entreissen mussten, so rar gesät sind, dass sie einem nie "zufällig" an einem "normalen" Ort begegnen. Auch heute noch. Die Leute kucken sich das einfach an und nichts deutet darauf hin, dass sie daran irgendetwas unpassend oder seltsam finden.

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Ausgabe 312 / Ächzen im Maschinenraum / Schwabe, 23.03.2017 17:35
Auch von mir vielen Dank an den Autor und an Kontext (E.M., 22.03.2017 01:27 hat das wunderbar formuliert). Dennoch, um das erfolgreich anzupacken bzw. umzusetzen was Fabian Scheidler so treffend wie beängstigend und unmissverständlich...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / CharlotteRath, 23.03.2017 14:51
Fußgängerstegle ... eine echt schwäbische Lösung. München hat sich einen Park gegönnt, um zwei voneinander getrennte Stadtteile über eine große Straße hinweg zusmmenzuführen: https://de.wikipedia.org/wiki/Petuelpark Mit...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / Bruno Neidhart, 23.03.2017 09:51
Selbstverständlich bräuchte Stuttgart in dieser Kulturecke einen Fußgängersteg. Möglichst als breite Grünbrücke. Dies hat weder mit Sozialwohnungen, noch mit Kitas zu tun. Es ist eine andere, ebenso stadtbildende Ebene.

Ausgabe 312 / Afrika kommt / Dr. Diethelm Gscheidle, 23.03.2017 09:24
Sehr geehrte Damen und Herren, selbstverständlich ist es äußerst wichtig, Entwicklungshilfe zu betreiben - und das geht natürlich jeden Einzelnen von uns an. Als bekennender und praktizierender Katholik ist mir die Entwicklungshilfe...

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