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Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Sioux schleicht sich – Abschiedsgruß in Zeichensprache. Montage: Kontext

Sioux schleicht sich – Abschiedsgruß in Zeichensprache. Montage: Kontext

Ausgabe 282
Wirtschaft

Sioux auf dem Kriegspfad

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 24.08.2016
Was passiert, wenn einer Olympia kritisiert? Ihm wird fristlos gekündigt. So geschehen in Walheim bei Ludwigsburg, wo der Schuhhersteller Sioux zu Hause ist. Der Ausstatter der Olympiamannschaft hat es gewagt, die Milliardenshow infrage zu stellen.

Die Freunde des gepflegten Mokassins sind noch ungebrochen. Mit herzlichen Grüßen aus dem "Wigwam in Walheim" beantworten sie Anfragen, was insofern erstaunt, als der Pfad, den sie beschreiten, voller Fallen ist. Sioux gegen Olympia. Ein kleiner schwäbischer Mittelständler gegen eine Milliardenmaschine. Aber hoppla.

Lewin Berner, Sioux-Häuptling. Foto: Joachim E. Röttgers
Lewin Berner, Sioux-Häuptling. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgelöst hat den Krieg Lewin Berner, der Geschäftsführer des Walheimer Schuhherstellers, der so gar nicht aussieht wie ein Indianer ohne Friedenspfeife. Offenes weißes Hemd, Jeans, ordentliche Frisur. Am 10. August hat er per Pressemeldung, geschmückt mit den fünf Ringen, mitgeteilt, dass er seinen Ausstattervertrag mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) nicht verlängern werde. Der wäre Ende des Jahres ausgelaufen. Das wäre nicht weiter erwähnenswert gewesen, hätte auch niemand gejuckt, wenn der Sioux-Chef nicht auch noch eine garstige Begründung mitgeliefert hätte: Olympia habe sich vom "eigentlichen Sinn entfernt", sei von "kommerziellen Interessen beseelt", treibe die Austragungsorte in "überdimensionierte Prestigebauten", in eine "hohe Verschuldung" und schädige die "lokalen Ökosysteme". Howgh – ich habe gesprochen.

So ähnlich hat es auch Pastor Alfred Buß in seinem "Wort zum Sonntag" in der ARD am 21. August formuliert, als er davon sprach, Olympia habe seine "Seele verkauft", wer an jene Idee noch glaube, müsse "selber gedopt sein", und im Übrigen stinke der Fisch vom Kopf her. Aber Buß ist Pfarrer, Berner Geschäftsmann. Von der Kanzel herunter ist gut predigen, vom Schreibtisch des Geschäftspartners ist's schwerer. Und dennoch, es musste sein. "Ich ducke mich nicht weg", sagt Berner, "in Deutschland wird ohnehin zu wenig diskutiert." Man könnte auch betonen: im Sport noch weniger.

Der Häuptling will sich nicht wegducken

Der 42-jährige Betriebswirt weiß, dass er damit mit einer Tradition bricht. Seit 1972 marschieren die deutschen Olympioniken in Sioux-Schuhen in die Stadien ein. Die stolzen Funktionäre auch. Für Rio hat er 850 Paare geliefert, schwarz-rot-gold am Fuß, schön bequem und schon früh auf ihre Tauglichkeit getestet von der Agentin Emma Peel, die in den 60ern schlimme Finger in "Grashoppers" jagte. Noch 2013 präsentierte er den letzten Vertrag mit DOSB-Vorstandschef Michael Vesper, der früher einmal grüner Minister in NRW war, und alles war gut. Aber schon damals hat er gelernt, dass es nicht gut ist, wenn ein Dreistreifen-Sportler neben einem Sioux-Beschuhten steht. Der Bildbetrachter könnte durcheinandergeraten, was von adidas nicht geschätzt wird.

Bei der Eröffnungsfeier trugen alle deutschen Olympioniken dieses Modell. Foto: Joachim E. Röttgers
Bei der Eröffnungsfeier trugen alle deutschen Olympioniken dieses Modell. Foto: Joachim E. Röttgers

Dann kamen München und Hamburg, die gescheiterten Olympiabewerbungen 2013 und 2015. Sie seien ein "Augenöffner" gewesen, erzählt Berner in seinem Walheimer Showroom, in dem die Modelle für 2017 stehen. Schuhe, die "Freiheit verleihen", verspricht die Firma. Wenn die Bewerbungen um die Spiele "aus der Mitte der Gesellschaft" heraus abgelehnt würden, sagt er, könne etwas nicht stimmen. Sie hätten lange darüber nachgedacht, im Vertrieb, im Marketing, in der Produktion, was das ist. Um zu dem Schluss zu gelangen, dass sie "nicht mehr Teil dieser olympischen Entwicklungen" sein wollten.

Berner erzählt das ganz nüchtern, stets darauf bedacht, nicht in die Ecke des Olympiagegners gesteckt zu werden. Mit No-olympics-Aktivisten hat er nichts am Hut, parteipolitisch will er's schon gar nicht verstanden wissen. Es ist dieses Unbehagen, das ihn seit Jahren beschleicht, wenn er das Sportbusiness betrachtet. Wenn Organisationen wie das IOC Milliarden kassieren, die Funktionäre in Luxushotels logieren und junge Menschen aus sogenannten Randsportarten zu ihm nach Walheim kommen und fragen, ob sie vielleicht einen Fahrtkostenzuschuss kriegen könnten. Das will dem Schwaben aus Grafenau nicht so recht in den Kopf gehen. Auch weil er "im Herzen ein Sportfan" sei. Womöglich gerade deshalb.

"Vielleicht war's blauäugig", sinniert er bei einem Glas Latte macchiato, naiv zu glauben, die Kündigung und die Kritik würden sich versenden oder gar auf offene Ohren stoßen. Würde er die Klientel kennen, hätte er eine Ahnung davon, dass Sportfunktionäre dafür nicht zu haben sind. Sie haben sich ihre Welt zusammengezimmert, scheinbar bedeutend gemacht von Funk und Fernsehen, und sie haben darüber vergessen, dass, wenn überhaupt, die Sportlerinnen und Sportler wichtig sind. Wer daran rüttelt, wer ihre Wichtigkeit in Frage stellt, wer ihre unheilige Messe namens Olympia stört, muss bestraft werden. Oder wie Berner sagt: The empire strikes back.

Den Vertrag haben einst Bach und Vesper unterschrieben

Zurückgeschlagen hat das Imperium in Gestalt eines Neu-Isenburger Anwalts, der den DOSB und seine Marketinggesellschaft DSM vertritt. Seine Mandantschaft sei sehr enttäuscht darüber, schreibt er, dass Sioux die "Olympische Bewegung in Misskredit" gebracht habe. Nämlich dadurch, dass das Unternehmen, das lange Jahre ein "verlässlicher und guter Partner" gewesen sei, seine Kritik in einer öffentlichen Presseerklärung vorgebracht habe – "entgegen der vertraglichen Vereinbarungen ohne vorherige Abstimmung". Das habe die fristlose Kündigung des Kontrakts, der 2013 von Vesper und dem damaligen DOSB-Präsidenten Thomas Bach unterschrieben wurde, zur Folge.

Michael Vesper überreicht Berner die Urkunde, welche Sioux als offiziellen Schuhausstatter der deutschen Olympiamannschaft auszeichnet. Foto: Sioux
Michael Vesper überreicht Berner die Urkunde, welche Sioux als offiziellen Schuhausstatter der deutschen Olympiamannschaft auszeichnet. Foto: Sioux

Berner sagt, er sei sehr schockiert gewesen, schließlich habe er keinen "Maulkorbvertrag" unterzeichnet. Festgeschrieben sei lediglich, dass öffentliche Äußerungen zu Vertragsinhalten abzustimmen seien. Die "Olympische Bewegung" findet sich darin nicht. Das mag dem DOSB und seinem Rechtsbeistand entgangen sein, ist aber auch nicht der Kern der Kündigung. Es geht ums Prinzip, um eine Botschaft, die in Rio von den Bossen auf den Punkt gebracht wurde: Klappe halten, oder ihr fliegt raus. In Rio war's die Whistleblowerin Julia Stepanowa, die offenlegte, wie Staatsdoping geht, und wegen "ethischer Defizite" ausgeschlossen wurde. In Walheim trifft's einen Sponsor, der sich erdreistet zu sagen, es bestehe kein vertraglicher Anspruch darauf, dass er "jeder Fehlentwicklung kritiklos zuschauen" müsse. Und ganz nebenbei: Als Staatsbürger bestehe er auf seinem Grundrecht der Meinungsfreiheit.

"Hoka hey! It's a good day to fight"

Wie der Streit ausgeht, weiß Berner noch nicht. Vorsorglich hat er seine Abteilungen angewiesen, alle Olympia-Logos vom Briefpapier, von der Homepage, von den Schuhkartons zu tilgen. Seine Visitenkarte, auf der die Ringe noch stehen, gibt er erst her, nachdem er sie übermalt hat. Bloß keine Angriffsflächen bieten, wenn der juristische Grabenkampf beginnt. Berner wird ihn aufnehmen, sich "gebührend wehren", wie er ankündigt. Er müsse es tun, sagt er, auch wegen seiner 300 Mitarbeiter, die einen sicheren Arbeitsplatz haben wollten. Für Sioux, den kleinen Mittelständler mit einem Jahresumsatz von 30 Millionen, sind Kündigung und Konsequenzen keine Peanuts.

Das frühere Sioux-Logo. Leise schleicht der Indianer – ruhig ist er deshalb noch lange nicht.
Das frühere Sioux-Logo. Leise schleicht der Indianer – ruhig ist er deshalb noch lange nicht. Foto: Joachim E. Röttgers

Von den organisierten Olympioniken in Frankfurt war bis Redaktionsschluss noch keine Stellungnahme zu erhalten. In der DOSB-Zentrale heißt es, die Rückkehrer aus Rio seien noch mit ihrer Willkommensfeier beschäftigt. Eine erste sichtbare Reaktion war bei der Abschlussfeier in Brasilien zu verzeichnen: Alle Sportlerinnen und Sportler sowie die angeschlossenen Funktionäre trugen adidas-Schuhe. Die Sioux-Indianer in Walheim kommentieren das nicht, sie verabschieden sich mit dem alten Kriegerspruch: "Ho'ka hey! It's a good day to fight."

 

Info:

Der Schuhhersteller Sioux wurde 1954 von Peter Sapper, dem Erfinder des Mokassins, gegründet. 1992 ging das Unternehmen an Salamander, 2003 wurde es von der Egana Goldpfeil Gruppe übernommen. Nach der Insolvenz von Egana stieg die Frankfurter Investmentfirma Square Four 2009 ein. Seitdem führt Lewin Berner als Mitgesellschafter die Geschäfte.


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Kommentare

Fritz, 31.08.2016 07:31
Und die "Spassposter" meinen auch eine Meinung zu haben.

Heldenverheerer, 30.08.2016 09:21
Schon witzig wie hier dem Werbegag eines ansonsten stets als böse erkannten Investors Beifall geklatscht wird. Die Firma Sioux fährt einem Vertragspartner während der Vertragslaufzeit öffentlich an den Karren, möchte aber die Vorteile aus dem Sponsorenvertrag aber noch mitnehmen?
Jetzt geht das Ganze auch noch mit großem Tamtam vor Gericht, welch eine großartige Show.

Vielleicht sollte Sioux Werbung zusätzlich auf Kontext schalten? Ach ja, geht ja nicht, die "Berichte" in Kontext sind ja die Werbung.
Aber vielleicht sollte Sioux dann wenigstens die Montagsdemos sponsern. Das wär doch was, wenn die 300 K21-Indianer die nächsten 20 Jahre jeden Montag in den immer gleichen Schläppchen auflaufen würden. Aber halt, die Seniorentruppe hat die Dinger ja schon längst an.....man gönnt sich ja sonst nichts.

by-the-way, 29.08.2016 23:31
Aus eigener Erfahrung: die Schuhe sind sehr gut, sowohl qualitativ wie auch vom Tragecomfort her.
Da passt die Haltung des Sioux-Häuptlings, Herrn Berner, nahtlos dazu, das überzeugt mehr als "Olympia-Sponsor" zu sein. Diese Veranstaltung ist soweieso nur noch nicht-beachtenswert!

@ Kornelia:
Danke! Endlich benennt mal Jemand die wahre Definition, wer in der Gesellschaft als "Sozialschmarotzer" bezeichnet werden muss!!

Sabine Mattil, 29.08.2016 21:12
Ein guter Grund mehr!!!!!
Die Einstellung von Herrn Berner und des Unternehmens ist für mich noch mehr Grund mir meine nächsten Sioux zu kaufen!! Die Qualität der Schuhe spricht für sich!! Luxus pur für meine Füße.

Kornelia, 28.08.2016 15:49
Erschreckend ist doch:
Hier Olympia, Fifa dort Rankingfirmen, PWH, Mc Kinsey, oder "Investoren" etc..... das sind künstliche ÖPP Firmen!
(Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert)
und sie schafften es quasi Recht und Gesetz im Feudalsinne zu ignorieren!

künstlich: sie stellt weder etwas her, noch "leistet" sie etwas im ur- und im volkswirtenden Interesse! Sie ist eine reine fett und fetter werdende Zwischenabschröpfstation!
(Davon gibt es zum Schaden der reinen Volkswirtschaft immer mehr! Diese sogenannten Dienstleister, die sich und Ihresgleichen den grössten Dienst erweisen!)

Und immer mehr kommt der Hammer: unsere "Angestellten des Volkes" ignorieren nicht nur solche Vorgänge, nein sie befördern sie, sie unterstützen sie!
Sie sind domestizierte Pfötchen-gebende Schoßhündchen geworden!
Es ist als würden wir Krebs ermöglichen und füttern anstatt ihn zu bekämpfen!

Und das noch erschreckendere ist:
der Normalbürger wird im Konflikt Staat/Privat verhunzt!
"Mehr Staat" bedeutet doch noch mehr solcher kaputt machenden Sozialschmarotzer.....
"Mehr Privat" bedeutet auch noch mehr kaputt machenden Sozialschmarotzer....
der Normalbürger wird im Konflikt Recht/Gesetz - Recht/Gesetz komplett vera....
Hier organiserte Unverantwortlichkeit und freiwillige ErkenntsnisIsolation und
dort pegidistisch komplette Überwachung, Kontrolle, Sanktionen etc...

Diese "nicht haftenden" Pseudogesellschaften müssen kontrolliert UND deren Aufsichtsrat, deren hochsubventionierten Chefs müssen privat haftend gemacht werden..... dafür braucht es Konrollinstanzen, doch mit den Schoßhündchen, den privat profitierenden Sozialschmarotzern ist das nicht möglich!
Die noch verbliebene einzige Chance sind Bürgerbewegungen, Kunden und Kleinunternehmer!

Ist es wirklich ein Zufall, dass uns in den letzten 20 Jahren massiv von allen Medien(!!) die "heile" Welt der Adeligen ins Haus und ans Herz gelegt wird?

Ulrich Herbst, 26.08.2016 21:28
Ich wünschte mir, es gäbe mehr von solchen Unternehmern. Es wird Zeit, der Mafia von IOC, FIFA und anderen 'ehrenwerten Sportfunktionären' die rote Karte zu zeigen, wenn schon die Regierungen der Veranstaltungsorte zu blöd, zu volksfern (oder zu korrupt?) sind, diesen Herrschaften zu widerstehen.

Das ist m. E. die beste (und ehrlichste) PR, die ein Unternehmen erzielen kann. Ich, jedenfalls werde SIOUX-Schuhe zukünftig nicht nur unter Preis-Gesichtspunkten betrachten.

Andrea, 26.08.2016 13:09
Super Statement dass dem NOK/IOC die olympische Idee völlig abhanden gekommen ist.
SIOUX Schuhe kaufen wir auch so, ohne dass diese Firma Olympiaausstatter ist, denn Qualität spricht für sich

Marion Aust, 26.08.2016 10:43
Viele kleine Dinge machen das Große aus, deshalb sollten wir Sioux beim Kampf unterstützen und das tun was wir Frauen eh gerne machen...... Schuhe kaufen......hab schon so schöne Grashopper entdeckt!

Zaininger, 25.08.2016 21:47
Dass sich da jemand derart und mit solchem wirtschaftlichen Risiko mit den Paten der fünf Ringe anlegt , hätte ich nicht gedacht.
Und zu Grinse-Mann Vesper lässt sich seit seinen Zeiten als Geschäftsführer der 1990er Grünen Bundestagsfraktion nur sagen: Fett schwimmt oben, egal wo und in welcher Funktion!

Dr. Dierk+Helmken, 25.08.2016 19:13
"Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" ist die Erwartungshaltung des DOSB. Mit anderen Worten: Die Meinungsfreiheit des Art. 5 GG gilt nicht im Bereich der Privatwirtschaft. Und wieder ist der EX-Grüne und Ex-Minister Vetter einer von denen, die diese undemokratische Ausnutzung einer wirtschaftlichen Machtposition zu verantworten hat.
Ich wünsche dem DOSB und Herrn Vetter eine krachende Niederlage vor dem zuständigen Zivilgericht.
Hut ab vor der Courage des Herrn Berner.

Argonautiker, 25.08.2016 14:23
Es war abzusehen, daß auch vor dem Mittelstand nicht halt gemacht wird. Hut ab, aber in übertriebene Hurra Rufe, möchte ich da deswegen auch nicht fallen, wenn sich da nun jemand zu wehren beginnt, denn von dieser Seite gab es auch keine Solidarität, als es den Kleinunternehmen an den Kragen ging.

Dieses System bedingt, daß es final nur noch Einen geben kann, weil der Kapitalismus muß wachsen um bestehen zu können. Geben die Real Märkte kein Wachstum mehr her, muß es zu Fusionen, oder feindlichen Übernahmen kommen. Da das Monster gewachsen ist, braucht es nun auch größere Happen. Die Mittelständler. Man sieht den gleichen Prozeß gerade bei den VW Zulieferern, die sich nun auch wehren.

Keine Frage, das ist gut, aber etwas spät würde ich sagen, denn Olympia und Sport ist ja nun mal nicht erst seit 2016 eine Industrie geworden, und bevor das Kapitale Monster in seiner Freßnot anfing auch seine direkten „Zuarbeiter“ zu fressen, hat man durch das Hofieren ja auch ganz gut gelebt, und es waren „nur“ sämtliche Kleinunternehmen die Leidtragenden gewesen. Und da hat der sogenannte Mittelstand gut bei geholfen, weil der sie damals geschluckt hat.

Beste Grüße

Jürgen Maier, 25.08.2016 00:24
Herr Berner ist für mich ein herausragendes Beispiel für unternehmerischen Mut gepaart mit verantwortlichem Handeln - das können sich einige CEOs von Großunternehmen zum Vorbild nehmen. Sioux Schuhe kaufen wird zum Symbol der Solidarität mit einem neuen unternehmerischen Selbstverständnis.

Theresa, 24.08.2016 20:30
Mein Respekt vor diesem verantwortungsbewussten Signal. Bewundernswert!

thomas knaupp, 24.08.2016 12:11
Ganz großartig !

Ich werde nun vermehrt wieder Sioux-Schuhe kaufen und es allen Menschen mitteilen.

Liebe Grüße aus Portugal, thomas

Fritz, 24.08.2016 11:51
Vielen Dank für den Artikel! Höchst erfreulich daß es noch Unternehmen und Unternehmer mit Rückgrat gibt.

Ein weiterer Grund diese Marke weiterzuempfehlen.

Manfred Corte, 24.08.2016 11:34
... jetzt werde ich mir wohl bald die ersten Sioux-Schuhe kaufen - oder gleich mehrere Paare ...

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