KONTEXT Extra:
Stuttgarter Filmwinter startet mit "Mut zur Lüge"

Der Stuttgarter Filmwinter – Eröffnung am 18. Januar – steht in diesem Jahr ganz im Zeichen der Lüge. So ist es natürlich auch nicht der 300. Filmwinter, wie auf den quietschgelben Werbeplakaten zu lesen ist, sondern der 30. – immerhin. Bis 22. Januar sind im FITZ! in der Eberhardstrasse, im Haus der Geschichte, im Kunstbezirk, und im Theater tri-bühne experimentelle Filme und Medienkunst zu sehen und zu erleben bei diesem "bedeutendsten Festival Experimentalfilm im süddeutschen Raum ". So die Eigenwerbung und das ist natürlich keine Lüge. Wie in den vergangenen Jahren auch, sollen die anspruchsvollen und meist auch anstrengenden experimentellen Filmkunstwerke einer größeren Öffentlichkeit spielerisch näher gebracht werden. Damit der Nachwuchs an interessierten Zuschauern nicht ausbleibt, gibt es auch bei diesem Filmwinter im Zeichen der Lüge ein spezielles Programm für Kinder und Jugendliche mit Kurzfilmen, Workshops, Führungen. Das Programm und mehr gibt es unter www.filmwinter.de.


Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


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Aldi-Baustelle in Rommelshausen.

Aldi-Baustelle in Rommelshausen.

Ausgabe 182
Schaubühne

Fluch und Segen

Von Jürgen Lessat
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 24.09.2014
Die Discounter gewinnen immer mehr Marktanteile im Lebensmitteleinzelhandel. Wo sie neue Filialen eröffnen, mussten in der Vergangenheit Tante Emma und andere Läden schließen. In einer alternden Gesellschaft ist Nahversorgung jedoch (überlebens-)wichtig. Kontext besucht zwei Ortschaften in der Region Stuttgart, wo mit Neuansiedlungen von Aldi & Co. große Erwartungen verknüpft sind.

Ein Kreisverkehr ist gewöhnlich ein untrügliches Zeichen dafür, dass Größeres geplant ist. Erst recht, wenn das kreuzungsfreie Rondell in einer Gegend steht, in der sich Hase und Igel gute Nacht sagen. So wie auf den Höhen des Schurwalds, rund 30 Kilometer südöstlich von Stuttgart. Im Zuge der L 1151 empfängt den Besucher kurz vorm Dorfeingang von Thomashardt, einem Ortsteil der Gemeinde Lichtenwald, ein derart mächtiger Kreisel.

Großstadtkreisel vorm Schurwalddorf Thomashardt.
Großstadtkreisel vorm Schurwalddorf Thomashardt.

Ortsfremden erschließt sich anhand eines großen Baustellenschilds, warum der 1200-Seelen-Flecken sich das großstädtisch anmutende Verkehrsbauwerk vor die Nase gesetzt hat: Vom Kreisverkehr führt eine Stichstraße hinauf ins neu erschlossene Gewerbegebiet "Thomashardt-Ost". Während im hinteren Areal noch umgewühlte Ackerkrume kommende Bebauung ankündigt, ist der mit knapp 5700 Quadratmeter größte Bauplatz ganz vorne unweit des Kreisels bereits aufgesiedelt. Ein Heilbronner Investor hat dort einen dieser schmucklosen Flachbauten samt ausgedehntem Parkplatz errichtet, die bundesweit Schnäppchen-Einkaufsdomizile beherbergen. Vermietet ist der neue Funktionsbau im einstigen Grünen an die Firma Netto-Marken-Discount, einer Edeka-Tochter mit nach eigenen Angaben 19 Millionen Kunden und rund 69 700 Mitarbeitern. Der Laden im einsamen Schurwald ist mit das neueste Glied im Netto-Netz von über 4150 Filialen.

Werbung fürs Gewerbegebiet "Thomashardt-Ost".
Werbung fürs Gewerbegebiet "Thomashardt-Ost".

Für die "Perle in der Region Stuttgart", wie sich die Schurwaldgemeinde Lichtenwald selbst bewirbt, war die Discounter-Eröffnung im vergangenen Mai fast wie Ostern und Weihnachten auf einmal, schwärmt Ferdinand Rentschler. "Die Dorfbewohner stürmten den Laden regelrecht", erinnert sich der Bürgermeister der Gemeinde. "Ich selbst bekam auch erst im dritten Anlauf einen Parkplatz", sagt er. Sein Einkauf dauerte gefühlte Stunden, so groß war nicht nur der Andrang, so zahlreich musste er auch Glückwünsche seiner Bürger zur Discounter-Ansiedlung entgegennehmen. Der junge Schultes (30), der vor zwei Jahren als unabhängiger Kandidat ins Amt gewählt wurde, war die treibende Kraft dazu. Er warb bei allen Discounter-Ketten für Thomashardt als neuen Filialstandort. Als einziges Unternehmen zeigte Netto Interesse. "Nach Jahren haben wir endlich wieder einen Nahversorger", kommt die Euphorie der Einheimischen für Rentschler nicht von ungefähr. Im Gemeinderat stieß die Ansiedlung parteiübergreifend auf mehrheitliche Zustimmung.

Discounter im Grünen: Netto-Filiale Thomashardt.
Discounter im Grünen: Netto-Filiale Thomashardt.

Denn auf der Einzelhandels-Landkarte war die Schurwaldgemeinde seit Langem ein weißer Fleck. "Die letzten Dorfläden in unseren beiden Ortsteilen haben vor etwa 15 Jahren geschlossen", erzählt der Schultes. Zuletzt gab es in Thomashardt nur noch einen Bäcker, der halbtags ein begrenztes Angebot vorhielt. Holzofenbrot sowie saisonales Obst und Gemüse bietet der Erlenhof, der einzige Direktvermarkter im Ort. Auch die Gastronomie trat den Rückzug an. Das einzige Wirtshaus im Dorfkern schloss vor Jahren. Als Alternative blieb nur das Sportlerheim weit draußen im Grünen. Kaum besser war die Versorgungssituation im Ortsteil Hegenlohe. Ein kleines Sortiment an Fleisch- und Wurstwaren ist stundenweise bei einem Nebenerwerbs-Metzger erhältlich.

Kein Café mehr: Gastronomie im Dorfzentrum? Fehlanzeige
Kein Café mehr: Gastronomie im Dorfzentrum? Fehlanzeige.

Fürs Notwendigste oder Alltäglichste mussten sich die Lichtenwalder so zuletzt immer in Bus oder Auto setzen und hinunter ins Filstal nach Reichenbach oder in die andere Richtung bis nach Schorndorf im Remstal fahren. Mit einer Wegstrecke von ungefähr zehn Kilometer ist das nicht die Welt. Doch aufgrund der steilen und kleinen Straßen vor allem in kalten und schneereichen Wintern oft keine Selbstverständlichkeit.

Der Bürgermeister blickt optimistisch in die Dorfzukunft

"Damit eine ländliche Gemeinde funktioniert, braucht es auch einen richtigen Laden", betont Rentschler. Dabei versteht der Bürgermeister die Einkaufsmöglichkeit auch als Teil dörflicher Lebensqualität. Denn Lichtenwald ist wie viele Schurwaldorte eine Pendlergemeinde, die werktags fast wie ausgestorben wirkt, weil viele Bewohner tagsüber im industriell geprägten Filstal oder noch weiter entfernt in der Landeshauptstadt Stuttgart arbeiten.

Rentschler glaubt, dass die Pendler ihre Einkäufe wieder mehr vor Ort tätigen werden, auch weil der Netto-Discount mit rund 3600 Artikeln fast schon ein Vollsortimenter sei. Für Attraktivität sorgten auch Bäckerei und Getränkehandel, die sich an den Laden angedockt haben. "So ein breites Sortiment ist schon etwas Besonderes in einer kleinen ländlichen Gemeinde", freut sich Rentschler. Eine Einschätzung, die offenbar stimmt: Auch ein halbes Jahr nach Ladeneröffnung hält der Andrang an, ist der Parkplatz vor allem am späteren Nachmittag gefüllt. Die Autokennzeichen verraten, dass auch Bewohner anderer ladenloser Schurwalddörfer den Thomashardter Discounter ansteuern. Dass die Geschäfte gut laufen, lassen auch die Öffnungszeiten vermuten. Einkaufen in einer Gegend, wo gewöhnlich Hase und Igel den Tag beschließen, ist bis 21 Uhr möglich.

Discounter-Ansiedlung verkürzt den Weg zur Nahversorgung.
Discounter-Ansiedlung verkürzt den Weg zur Nahversorgung.

Remstal-Rechnung: drei Supermärkte plus ein Aldi  

Ortswechsel vor die Tore Stuttgarts nach Rommelshausen, einem Ortsteil von Kernen im Remstal. Knapp zehn Kilometer oder zwei S-Bahn-Stationen haben es die "Römer", wie sich die 9000 Bewohner nennen, bis zur östlichen Stadtgrenze der Landeshauptstadt. Die Situation im Einzelhandel ist hier im Vergleich zur Schurwaldgemeinde Lichtenwald eine völlig andere. Mitten im Ortskern von Rommelshausen residiert ein großer Edeka-Aktiv-Markt. In fußläufiger Entfernung vom Dorfzentrum sichern zwei weitere, kleinere Supermärkte die Nahversorgung der Römer – ein "Treff-Lebensmittel" im Dorfkern sowie ein "Nah und Gut"-Laden im benachbarten Wohnquartier. In der Stettener Straße, der "Einkaufsmeile" von Rommelshausen, finden sich zudem Metzger, Bäcker, Bank, Blumen- und Buchladen, Optiker und Gebrauchtwarenladen. Einen Katzensprung weiter hat die Drogeriekette Rossmann im neu erbauten "Römer-Carré" eine Filiale eröffnet. Und im fünf Kilometer entfernten Ortsteil Stetten können sich die Bewohner in einem zentral gelegenen modernen Rewe-Markt versorgen. Dennoch planierten vor wenigen Wochen Bulldozer eine ökologisch wertvolle Streuobstwiese am östlichen Ortsrand von Rommelshausen, um Platz für eine neue Aldi-Süd-Filiale zu machen. Im Winter soll der Discounter in der Remstalgemeinde eröffnen.

Protest gegen weitere Versiegelung fruchtbaren Ackerbodens in Rommelshausen.
Protest gegen weitere Versiegelung fruchtbaren Ackerbodens in Rommelshausen.

Vorausgegangen ist der Aldi-Ansiedlung eine jahrzehntelange Diskussion im Gemeinderat von Kernen. Umstritten waren Sinn wie Standort des Discounters. Zuletzt standen sich zwei Lager gegenüber. Eine Koalition aus Christdemokraten, der stärksten Fraktion im Rat, und Offener Grüner Liste votierte zuletzt unter Vorbehalt für einen innerstädtischen Standort. Der ließ sich aber aufgrund der benötigten Fläche nicht finden. Eine Mehrheit aus Freien Wählern und Sozialdemokraten setzte dagegen auf einen Discounter und dessen Ansiedlung am Ortsrand. Bürgermeister Stefan Altenberger, der seit 2003 als unabhängiger Schultes Kernen verwaltet, unterstützte das Mehrheitsvotum auf Kosten der Streuobstwiese. Im Ausschreibungsverfahren setzte sich Aldi-Süd gegen das Neckarsulmer Unternehmen Lidl durch.

Aldi statt Streuobst: Im Remstal kommen immer mehr Äpfel aus Neuseeland.
Aldi statt Streuobst: Im Remstal kommen immer mehr Äpfel aus Neuseeland.

"Mit der Aldi-Ansiedlung wollen wir Kaufkraft zurückholen", begründet Bürgermeister Altenberger die Entscheidung. Kernen besitzt den niedrigsten Kaufkraftbindungswert der gesamten Region Stuttgart. Sprich: Die Römer tätigen ihre Einkäufe am wenigsten zu Hause, sondern geben ihr Geld lieber im Umland aus. Darunter leidet der ortsansässige Handel massiv. Mit 1663 Euro pro Einwohner machen die Einzelhändler in Kernen den geringsten Umsatz in der Region. Zum Vergleich: Im benachbarten Fellbach lässt sich ein Umsatz von 8051 Euro pro Einwohner erzielen, in der Landeshauptstadt Stuttgart sind es 6884 Euro. "Die Leute steigen ins Auto und machen ihre Großeinkäufe in den benachbarten Städten und Gemeinden, wo es große Discounter und SB-Märkte gibt", sagt Kernens Bürgermeister Altenberger. Vor Ort kauften sie allenfalls Milch und Butter. "Aber davon kann keiner überleben."

Für selbstbestimmtes Leben auch im hohen Alter wichtig: kurze Wege zum Einkaufen.
Für selbstbestimmtes Leben auch im hohen Alter wichtig: kurze Wege zum Einkaufen.

Ob ortsansässige Einzelhändler von einem Aldi tatsächlich profitieren, bleibt umstritten. Mittlerweile bietet das Unternehmen ein breites Standardsortiment, das selbst frische Brötchen und Blumen umfasst und sich mit dem Angebot örtlicher Geschäfte vielfach überschneidet. Und dies oft zu unschlagbar günstigen Preisen. Ein Gutachten hatte dem Kernener Gemeinderat dennoch positive Umsatzeffekte für den hiesigen Einzelhandel prognostiziert. "Das glaube ich erst, wenn ich die echten Umsätze schwarz auf weiß sehe", sagt Andreas Stiene, Fraktionsvorsitzender der Grünen Liste. "Nicht alle, die zu Aldi gehen, werden danach zum Einkaufen nach Rommelshausen kommen", gesteht auch Altenberger zu. Doch wenn nur drei bis fünf Prozent der Discounter-Kunden auch die hiesigen Geschäfte besuche, sei viel gewonnen. Sprich: dann steige der Umsatz der örtlichen Händler spürbar.

Bestehende Edeka-Filiale in der Ortsmitte von Rommelhausen.
Eine bestehende Edeka-Filiale sowie zwei weitere Supermärkte in der Ortsmitte von Rommelhausen ...

Dass sich drei Supermärkte in fußläufiger Entfernung zu einem Aldi-Markt auf Dauer halten können, glaubt auch das Gemeindeoberhaupt nicht. "Wir wollten keinen Vollsortimenter", betont er zwar, direkten Wettbewerb vermeiden zu wollen. Letztlich entscheide wohl Sortiment, Ladengröße sowie das Einzugsgebiet, wer im Wettbewerb bestehe. Altenberger verweist auf die alte Kaufmannsregel, wonach Konkurrenz auch das Geschäft belebe. Dafür habe man in Rommelshausen bereits ein Beispiel mit der Neuansiedlung einer Tankstelle direkt gegenüber der künftigen Aldi-Filiale. Die Befürchtung sei groß gewesen, dass durch die neue Konkurrenz eine alteingesessene Tanke in der Ortsmitte bald auf dem Trockenen sitze. Das habe sich jedoch nicht bestätigt, betont Altenberger. Stattdessen habe deren Besitzer vor Kurzem viel investiert, um Zapfsäulen und Verkaufsraum zu modernisieren.

... haben eine Mehrheit im Gemeinderat nicht von der Ansiedlung einer Aldi-Filiale auf der grünen Wiese abgehalten.
... haben eine Mehrheit im Gemeinderat nicht von der Ansiedlung einer Aldi-Filiale auf der grünen Wiese abgehalten.

"Unser neue Einkaufsmöglichkeit wird auch kein 08/15-Aldi", unterstreicht der Bürgermeister, dass die Bebauung am Ortsrand ein schönes Eingangstor werde. Im städtebaulichen Vertrag hat sich die Discounter-Kette zum Bau eines Ladengebäudes mit ansprechender Holz-/Glasfassade sowie ökologischer Dachbegrünung und Regenwasser-Versickerung verpflichtet.

 

Kontext wird überprüfen, ob sich die Erwartungen an die Discounter-Ansiedlungen in der Schurwaldgemeinde Lichtenwald und Kernen im Remstal tatsächlich erfüllen. In einem Jahr will der Autor die neuen Discounter-Gemeinden wieder besuchen und von seinen Eindrücken berichten.


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Kommentare

Silvia Müller, 05.10.2014 11:53
Meine Eltern hatten einen Eisenwarenladen, dazu nötigste Lebensmittel, Getränke, Haushaltartikel, Spirituosen und allerlei. In der Schweiz hier ist das in einem Dorf, das sich seit meiner Kindheit verdreifacht hat in der Einwohnerzahl und verfünfzehnfacht im Ausländeranteil.
Rentieren tut der Laden hier seit den 70er Jahren nicht mehr (davor war man oberer Mittelstand), seit 3 Einkaufszentren im Umkreis von 25 km aus dem Boden geschossen sind.
Alle Läden, die aus meiner Kindheit noch existieren, gehören den Hausbesitzern (müssen keine Miete zahlen), die vermieteten Läden gehen regelmässig im 6 Monate-takt Konkurs.
Lebensmittel werden abgedeckt wird durch zentral gelegene Migros, Coop und 2 km ausserhalb vom Dorf von Aldi, Lidl.
Mein Vater und meine Mutter konnten mit der Veränderung der Welt nicht klarkommen, beide wurden pflegebedürftig krank.
Die Depressionen meiner Mutter fingen schon vor 15 Jahren an, weil einfach niemand mehr in den Laden kam. Vor allem im Jan./Feb.
Sie hat wohl mehr draufgelegt, als eingenommen gegen Schluss.
Das Dorf (mittlerweile Städtchenstatus) ist eine Schlafstadt geworden. Die reichen zugezogenen Ausländer in den völlig überteuerten Wohnungen nehmen nicht am Dorfleben teil. Arbeiten in Zürich oder Zug und gehen auch dort aus. Neue, teure Wohnungen werden aus dem Boden gestampft viel schneller als in Amerika. Wahnsinn, was hier abgeht.

M.B., 26.09.2014 14:38
@Batura
und ich empfehle Ihnen bei unserer Politik mal genauer hinzuschauen, denn die "gestaltet" unser aller Leben bis ins Detail - auch den Zerfall ländlicher Strukturen (den meisten nur nicht bewußt). So z,B. auch, dass "kleine" landwirtschaftliche Mischbetriebe mit gesunden Lebensmitteln nicht mehr überleben und große, z.B. ein spezialisierter Milchbauer, nur schwer. Doch dafür gibts dann bei "Netto" den ultrahocherhitzten Liter "Milch" mit 1,5 % Fett bestimmt schon für unter 50 Cent. Dieser Politik kommen Sie mit Eigeninitiative in Ihrem Sinne nicht bei.

Anderes Beispiel. In dem kleinen Ort in dem ich aufgewachsen bin hat die Politik trotz Protest (auch von mir) das Backhäusle abgerissen (obwohl noch in Gebrauch). Jetzt hat der Ort 2 neue (m.E. überflüssige) PKW-Stellplätze (die keinen Unterhalt kosten).
Ein Backhäusle ist Kulturgut und mit dem entsprechenden Willen z.B. ein schöner Mittelpunkt (evtl. neuer) dörflicher Veranstaltungen. So werden dörfliche Strukturen zerstört anstatt gefördert.

@M. B., 26.09.2014 13:04
Und was machen Sie, M. B., um den ländlichen Raum zu stärken? Ist es nicht etwas zu einfach, nur wieder einmal die Schlagworte "fehlender politischer Wille" und "Nachhaltig" (es fehlt noch die Schuld der Vorgänger) anzubringen?
Stattdessen sollten Sie sich fragen, ob die "Insellösung" den Einwohnern denn weniger oder schlechter hilft und ob denn nicht viele "Insellösungen" wieder Hoffnung und Zukunftsperspektive bieten können! Richtig: Der Discounter auf der grünen Wiese kann eine lebendige Innenstadt schädigen und sogar zerstören ... aber nicht immer. Bitte einfach mal die sw-Brille abnehmen und Realismus und keine Parolen walten lassen!

M.B., 26.09.2014 11:18
@Batura
Solange der politische Wille nicht vorhanden ist den ländlichen Raum nachhaltig, wie von mir beschrieben oder in ähnlicher Weise zu stärken, beleben und (wieder) aufzubauen, so lange werden Sie sich und die von ihnen genannten tausende von Menschen (leider) vergeblich bemühen. Da helfen auch keine "Insellösungen" indem man einzelnen Läden Unterstützung zukommen läßt. Die politische Haltung muß sich grundsätzlich ändern - das ist m.E. der entscheidende Punkt. Die seit Jahrzehnten betriebene und andauernde Politik hat diese schlechte Entwicklung erst möglich gemacht!
Das Sie und viele andere froh sind über den "Netto" bezweifel ich nicht - würde mir genau so gehen.

Batura, 26.09.2014 08:24
@M. B.
Anscheinend kennen Sie die örtlichen Gegebenheiten nicht. Die von Ihnen vorgeschlagenen "Maßnahmen" hat man über 20 Jahre lang versucht. Man hat den letzten noch vorhandenen Läden sogar Zuschüsse gezahlt. Aber dennoch wurde alles geschlossen. Daher würde ich meine Argumentation nicht als einfältig bezeichnen, schon gar nicht, wenn man sich nicht auskennt.
Der Laden, ob nun NETTO oder aber auch jede andere Filiale einer Kette, ist in diesem Fall ein Segen für den Ort und bildet wieder die Grundlage für eine Zukunft!
Und wenn der Ort weiter ausblutet, dann wäre bald auch NETTO nicht mehr gekommen.
Und noch eine kleine Anmerkung, lieber M. B.: Im ländlichen Raum versuchen viele tausend Menschen täglich, die Struktur zu stärken. Leider funktioniert dies nur in Einzelfällen, meist aufgrund Einwirkung von Außen (was in der Regel die ländliche Struktur zerstört). Nur mit Ihren Parolen machen Sie es sich nur selbst einfach, eine Lösung sind sie nicht. Fragen Sie doch mal eine Partei, egal ob grün, rot, schwarz oder gelb, ob sie ein Ministerium oder eine Behörde in den ländlichen Raum verlegen würden! Sehen Sie, die wollen das nicht und die Firmen daher auch nicht. Und zum Schluss: Als Handwerkerbetrieb mit 9 Mitarbeitern stärke ich den ländlichen Raum.
Und Sie?

M. B., 25.09.2014 12:44
@Batura
Entschuldigen Sie, aber ihre Argumantation halte ich schon für etwas einfältig:
a) der Ortskern ist tot, also ist ein Discounter willkommen
b) durch den Discounter muss ich für meinen Brühwürfel nicht mehr bis nach Reichenbach fahren, sondern nur noch bis zum Ortsrand bzw. in den Nachbarort
c) der neue Discounter stoppt vielleicht die Landflucht
So ganz nach dem Motto, einer Scheißentwicklung was (vermeintlich) Gutes abzugewinnen.

Warum um Himmelswillen kommt eigentlich niemand auf die naheliegende, sinnvolle und fortschrittliche Idee ländliche Ortskerne sprich ländliche Strukturen neu zu beleben? Einfach mal über die vorgegebenen Strukturen hinausdenken! Und zwar ohne die Zentralisierung/Arbeitsplatzvernichtung durch einen Discounter! "Back to the rutes", viele anständige Arbeitsplätze in vielen ländlichen Gemeinden/Ortskernen schaffen mit allem was zum Leben dazu gehört (Landwirtschaft, Markt, Metzger, Bäcker, Friseur, (Zahn)Arzt, Nahverkehr, undundund). Den ländlichen Raum sinnvoll und nachhaltig wieder attraktiv machen. Dann brauchen Sie das Auto nicht mal mehr bis zum Ortsrand.

Das eine solche Entwicklung politisch nicht gewollt ist und eine andere Politik Voraussetzung wäre, ist ein anderes Thema, heißt aber nicht, dass es nicht geht!

Batura, 24.09.2014 17:59
Ich will hier nicht generell die Lanze für einen Dicounter brechen. Aber im Fall von Lichtenwald muss man einfach festhalten, dass
a) es keinen Laden im Ort mehr gab, Netto daher niemanden verdrängt;
b) die Bewohner nach Reichenbach fahren mussten, um einen Brühwürfel zu kaufen;
c) das Fehlen der Einkaufsmöglichkeit eine der Ursachen des Einwohnerschwundes war (obwohl der Ort an sich keine schlechte Lage hat);

Es war eigentlich egal, welcher Laden sich ansiedelte; aber nur ein Discounter war bereit. Ohne diesen würde in 10 Jahren noch keine Einkaufsmöglichkeit bestehen und der Ort würde immer weiter vergreisen. Und es ist tatsächlich so, dass viele Bewohner, vor allem die Rentner, nun fast vollständig sich dort versorgen und die ganzen (klimaschädlichen) Fahrten in den Nachbarort entfallen.

Wenn man also Risiken und Chancen hier abwägt überwiegen die Chancen, die der Ort wie auch die Umwelt (weniger Abgase) nun hat deutlich. Ok, für alle, die per Autostopp nach Reichenbach fuhren sind schlechte Zeiten angebrochen, das nun weniger Nachbarn dorthin fahren...

Kornelia, 24.09.2014 12:12
Politik und den ihnen gehörigen Systemen machen das schon gaaaanz lange:
super in der Landwirtschaft im Norde zu beobachten: nach und nach sind die Kleinen Betriebe ausgestorben: zurückgeblieben sind Konzerne! bis zur Halskrause mit Sozial-Hilfe gepampert! aber extra übersehen, dass kleine Betriebe einen Mehrwert haben, und die Sozial-Hilfe dort hätte viel gezielter eingesetzt werden müssen.
sichtbar auch in der Energie-Politik..
sichtbar auch in der Sozial-Politik...
egal wo: es wird ein künstliches Darwinistische Konzept herbeigeführt! Das Andere kommt dann ins "Wort zum Sonntag"

Kornelia, 24.09.2014 12:07
1. es wird seit Jahrhunderten nicht über den Tellerrand geschaut!!!
2. es wird nicht sozial geplant, sozial gilt als igitt
3. es wird nicht langfristig geplant und gebaut!
4. es wird nicht der Kleine, der ach so oft in Hochglanz-Worten gelobte, unterstützt sondern massiv der Große (das angebliche Darwinistische Konzept: der Stärkere gewinnt)

Grüne Wiese Politik, da war doch schon klar: es wird nicht daran gedacht, wie Kind, Kranker und Alter versorgt wird und/oder sich versorgt...
Folge: in die StadtFlucht.

künstliches Darwin-Syndrom:
siehe Gerber: der Große bekommt super Strassen, super Infrastruktur, die kleinen Läden vor diesem GroßBunker wurden mit hässlichen vertröstet!
die Großen kriegen, die Kleinen lässt man verhungern!
ungerecht, undemokratisch und unsozial übrigens
und entgegen der viel gerühmten Marktwirtschaft!

Blinkfeuer, 24.09.2014 11:20
Ist ja so eine Sache. Montags klagt irgendwer, dass es im Dorf nix mehr gibt, keine Post, kein Doc, Tante Emma ist schon längst weg, nur ein mickriger Mobilladen per Kleinbus kommt.
Kommt A*DI oder sonstwer, klagt Dienstag ein anderer, gerne Studienrat/ Grünwähler mit Geländewagen, der seine Ruhe will und bei Bedarf zum Bio- Bauern brettert.
Und abends verpestet er mit seinem Kamin die Gegend. Während der Supermarkt voll- öko heizt....

FernDerHeimat, 24.09.2014 07:56
Ein ganz bitteres Thema und die Sprüchle der Politik kennt man auch schon zur Genüge von anderen, noch grösseren Versagern an ihren Schutzbefohlenen.

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