KONTEXT Extra:
Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


Sichere Herkunftsstaaten: Kretschmann schon lange für längere Liste

Winfried Kretschmann hat sich mit jüngsten Äußerungen zur Einstufung von Marokko, Tunesien und Algerien als sichere Herkunftsländer derart in die Nesseln gesetzt, dass sich sein Staatsministerium zu einer "Klarstellung" aufgerufen sah. Tatsächlich handelt es sich um einen durchsichtigen Versuch der Schadensbegrenzung. Der grüne Regierungschef hatte auf Anfrage der "Rheinischen Post" in einer Stellungnahme zur aktuellen Sicherheitsdebatte erklärt: "Die kriminelle Energie, die von Gruppierungen junger Männer aus diesen Staaten ausgeht, ist bedenklich und muss mit aller Konsequenz bekämpft werden." Zugleich sprach er sich für die Aufnahme der drei Maghreb-Staaten auf die Liste sicherer Herkunftsländer aus: "Baden-Württemberg wird der Ausweitung zustimmen, sofern die Bundesregierung das Ansinnen in den Bundesrat einbringt."

Die Wirkung beider Sätze im Zusammenhang sind ihm und "meinen Leut", wie er seine engsten Mitarbeiter gern nennt, offenbar entgangen. Jedenfalls stellte "das Staatsministerium klar, dass die signalisierte Zustimmung weder aus aktuellem Anlass beschlossen wurde, noch ihre Begründung in der Gewaltbereitschaft mancher Gruppen junger Männer aus diesen Ländern hat". Vielmehr sei die Entscheidung "schon im Frühsommer 2016 nach einem langen Abwägungsprozess, in dem vor allem der Frage nachgegangen wurde, ob es angesichts der Menschenrechtssituation in den besagten Ländern vertretbar wäre, diese zu sicheren Herkunftsländern zu erklären (...), als sich die Bundesregierung dem Ministerpräsidenten gegenüber bereit erklärte, in einer Protokollerklärung festzuhalten, Personen aus sogenannten vulnerablen Gruppen wie Homosexuellen, verfolgten Journalisten, religiösen Minderheiten mit gleicher Sorgfalt zu prüfen wie Flüchtlinge aus sonstigen Ländern". Das Staatsministerium sagt allerdings nichts dazu, ob die Forderung erfüllt wurde und warum das Thema nicht längst endgültig ausgetreten ist. Denn laut dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration werden die drei Länder in der Statistik überhaupt nicht mehr einzeln ausgewiesen, weil die Zahl der einreisenden Asylbewerber so niedrig ist. Und bereits 2015 gehörten die drei Staaten nicht zu jenen zehn Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen. (5.1.2017)


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Schwäbisch Hall anno 1862 mit neuem Bahnhof (linker Bildrand).

Schwäbisch Hall anno 1862 mit neuem Bahnhof (linker Bildrand).

Bahnhof Schwäbisch Hall heute.

Bahnhof Schwäbisch Hall heute.

Der "Kraft durch Freude"-Propagandazug der Nationalsozialisten macht im Dritten Reich Station. Quelle: Stadtarchiv Schwäbisch Hall

Der "Kraft durch Freude"-Propagandazug der Nationalsozialisten macht im Dritten Reich Station. Quelle: Stadtarchiv Schwäbisch Hall

Kultur- und Kneipenbahnhof, betrieben vom Verein Gleis 1.

Kultur- und Kneipenbahnhof, betrieben vom Verein Gleis 1.

Am Ende eines Tausendjährigen Reiches: Nach einem amerikanischen Bombenangriff liegt das Bahnhofsgebäude in Schutt und Asche. Foto: Kubach

Am Ende eines Tausendjährigen Reiches: Nach einem amerikanischen Bombenangriff liegt das Bahnhofsgebäude in Schutt und Asche. Foto: Kubach

Alte Bahntechnik, schon länger außer Betrieb.

Alte Bahntechnik, schon länger außer Betrieb.

Sonderzug der Queen am 25. Mai 1965.

Sonderzug der Queen am 25. Mai 1965.

Noch nicht verscherbelt: DB-Anlage Bahnhof.

Noch nicht verscherbelt: DB-Anlage Bahnhof.

Ausblick im Jahr 1960. Foto: Kubach

Ausblick im Jahr 1960. Foto: Kubach

Manches interessante Detail ist erhalten geblieben.

Manches interessante Detail ist erhalten geblieben.

Ausgabe 163
Schaubühne

Nächster Halt: Tristesse

Von unserer Redaktion
Datum: 14.05.2014
Großer Bahnhof in Schwäbisch Hall: Am 24. Mai 1965 besuchte Königin Elisabeth II. von Großbritannien die hohenlohische Kreisstadt, die rund 60 Kilometer nordöstlich von Stuttgart malerisch im Kochertal liegt. Die Queen und Prinzgemahl Philip reisten standesgemäß mit einem Sonderzug an, spazierten durch das historische Zentrum und "trugen sich in das Goldene Buch der Stadt ein", wie die Stadtchronik vermerkt. Knapp 50 Jahre später ist nicht mehr viel von dem einstigen Glanz geblieben, den die "königliche" Haltestation einst ausstrahlte.

Die auch als Haller Stadtbahnhof bezeichnete Station an der Strecke zwischen Heilbronn und Crailsheim verlor schon kurz nach ihrer Eröffnung im Jahr 1862 an Bedeutung. Seit dem Bau der Murrtalbahn zwischen Stuttgart und Crailsheim, ein knappes Jahrzehnt später fertiggestellt, umfahren die meisten Züge Hall und halten im nahe gelegenen Hessental, heute ein Teilort der Kreisstadt. Das alte Eingangstor der Stadt lag deshalb seit Längerem in einem Dornröschenschlaf.

Wachgeküsst wurde es im Sommer 2013 durch den Kunstverein Gleis 1, der seitdem in der Schalterhalle und alten Bahnräumen Kunstwerke präsentiert. Durch die Warteraum-Installation "Zwischenlager zeitRaum – die Ordnung der Dinge" des Konzeptkünstlers Hans A. Graef wurde das 140 Jahre alte Sandsteingebäude zum Kunstbahnhof, zur "sozialen Skulptur". Ihr Ziel ist die Reanimation des Bahnhofs – auch in Erwartung einer Stadtbahnanbindung von Hall. 



Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen hat das Stadtarchiv Schwäbisch Hall zur Verfügung gestellt, die aktuellen Farbbilder hat Walter Steiger im Mai 2014 aufgenommen.


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Kommentare

FernDerHeimat, 14.05.2014 07:28
Guter Artikel!

Ja, viele schöne Städte und Gemeinden hoffen, dass man ihre Bahnhöfe - aber auch stillgelegte Strecken - wiederbelebt. Aber bei der Bahn stossen sie fast immer auf taube Ohren.

Dort zählt nur der Wille der lobbygesteuerten Politik, möglichst keine Konkurrenz zum Auto aufkommen zu lassen. Oder sich - und Milliarden Euro an Steuergeldern - in sinnlosen Grossprojekten zu verlieren.

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