KONTEXT Extra:
Die Anstifter: Ex-Minister Goll raus aus dem NSU-Ausschuss

Der frühere Landesjustizminister Ulrich Goll sei im Stuttgarter NSU-Ausschuss nicht mehr tragbar. Dies erklärt die Initiative NSU-Aufklärung des Bürgerprojekts "Die Anstifter" in einem offenen Brief. Der FDP-Abgeordnete war zum Zeitpunkt des Kiesewetter-Mordes in Heilbronn als Minister Vorgesetzter der Staatsanwaltschaft und damit mit verantwortlich für den Ermittlungsschlamassel. Kontext dokumentiert den Brief, in dem die Initiative eine Zwischenbilanz zieht. (Link zum Brief)


Burladinger Kino zeigt "Elser" jetzt doch

Unser Artikel über das Burladinger Kino muss an einer Stelle korrigiert werden. In diesem Fall können wir uns darüber sogar freuen: Ludwig Schülzle zeigt den Film "Elser - er hätte die Welt verändert" jetzt doch in seinen "Alb-Lichtspielen". So berichtet die lokale Presse. Am Freitagabend (8.5.) soll der Film anlaufen. Schülzle fühlt sich von der Polizei geschützt und hat doch noch viel Zuspruch aus der Burladinger Zivilgesellschaft erhalten. Aus Solidarität will das Melchinger Theater Lindenhof sein Stück "Elser - Allein gegen Hitler" am 3. Juni außerplanmäßig zurück auf die Bühne bringen.


Kontext bei der Re:publica

Zur Re:publica, Europas größter Konferenz zum Thema Internet und digitale Gesellschaft sind zur Zeit mehr als 6000 Netzaktivisten in Berlin versammelt. Gleich am ersten Tag war auch von Kontext die Rede. Günter Bartsch vom "Netzwerk Recherche" bezeichnete Kontext als Pionier des deutschen Non-Profit Journalismus. Etwa 300 TeilnehmerInnen lauschten ihm und seinen Co-Referenten beim Panel zu diesem Thema in der Halle 10 der Re:publica.


Stuttgarter Friedenspreis 2015 geht nach Lampedusa

Giuseppina Maria Nicolini (54), die Bürgermeisterin von Lampedusa und Linosa, erhält den Friedenspreis der Stuttgarter Anstifter. Sie habe sich für diejenigen eingesetzt, "die der Hölle in Syrien und Libyen entkommen sind, aber von der Europäischen Union grausam im Stich gelassen werden", begründet Fritz Mielert, der Geschäftsführer des Bürgerprojekts, die Ehrung.

Nicolini ist eine scharfe Kritikerin der EU-Flüchtlingspolitik und immer wieder Anfeindungen und Brandanschlägen ausgesetzt. Die neueste Katastrophe kommentierte sie so: "Wenn jemand aus einem brennenden Haus fliehen muss, dann flieht er einfach. Und in unserem Fall über das Meer."

Auf Platz zwei des Friedenspreises setzten die Anstifter den palästinensischen Arzt Izzeldin Abuelaish, auf Platz drei die Friedensinitiative "Keine Waffen vom Bodensee". Der Preis wird am 6. Dezember 2015 Uhr im Theaterhaus Stuttgart verliehen. Die letzten Geehrten waren der Whistleblower Edward Snowden (2014), Enio Mancini und Enrico Pieri aus Sant'Anna di Stazzema (2013) sowie die "Aktion Aufschrei - Stoppt den Waffenhandel!" (2012).


Die seemoz wird acht – Kontext gratuliert

Glückwünsche an den Bodensee: Die seemoz wird acht Jahre alt. Das kritische, widerborstige und informative Online-Magazin aus Konstanz ist zurecht stolz auf sein langes Leben. Entgegen vieler widriger Prognosen ("nach einem Jahr seid ihr weg vom Fenster") mischt die seemoz seit 2007 munter die See-Szene auf. Verantwortlich dafür sind Holger Reile und Hans-Peter Koch, die es tatsächlich geschafft haben, mit knappem Geld ein nicht mehr wegzudenkender Teil der lokalen Medienlandschaft zu werden. Die LeserInnen danken mit wachsenden Zugriffszahlen und dem Bekenntnis, dass sie das Alternativangebot nicht missen möchten, angesichts des "Niedergangs der traditionellen Printmedien". Das müsste sich dann wohl der Konstanzer "Südkurier" im Kopf herum gehen lassen. Noch besser wär's freilich, sie würden neben dem Lesen auch noch spenden, damit die seemoz auf "finanziell halbwegs solide Füße" kommt, wie Reile betont. Das können wir von Kontext nur unterstreichen, allein schon deshalb, weil die seemoz unser geschätzter Kooperationspartner ist.


Aller Titelzeilen zum Trotz: Piëch bleibt im Spiel

Rasante Demontage, schneller Absturz, überraschender Rücktritt. Nach den Titelzeilen zu urteilen, war VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch am Ende. Und Kontext-Autor Ulrich Viehöver daneben gelegen mit der Überschrift "Piëch hat den VW-Plan". Ist er aber nicht. Piëch überrascht zwar mit seinem Schachzug, die Brocken bei VW als Oberaufseher hinzuwerfen. In zwei Jahren wäre dort ohnehin Schluss für ihn gewesen. Aber der 78-jährige Patriarch ist längst nicht aus dem Spiel. Denn im Gegensatz zum Manager Martin Winterkorn ist Piëch kein Angestellter, sondern ein Großaktionär des Autogiganten - und darüber hinaus der wichtigste Stratege im Machtzentrum seines Familienclans. Und hier steht ein Generationswechsel an, der darüber entscheiden wird, wer künftig das Sagen im größten Industrieimperium Europas haben wird. Bei dieser Schicksalsfrage wird ein Ferdinand Piëch kaum still als Zuschauer am Rande stehen. Nach den Hauptversammlungen im Mai in Wolfsburg und Stuttgart wird die Öffentlichkeit wieder von der Autodynastie hören - laut oder leise.


Die Linke stellt "Stern"-Autor Luik aufs S-21-Gleis

Großer Bahnhof in Berlin: Am 6. Mai wird im Bundestag über Stuttgart 21 gestritten. Offiziell heißt das Anhörung und sie hat das Ziel, dem Thema wieder eine bundesweite Reichweite zu geben. Beantragt haben sie die Grünen und die Linke, die "offene Fragen" klären wollen. Geladen sind Vorstand Volker Kefer, Projektleiter Manfred Leger, Brandschutzbeauftragter Klaus-Jürgen Bieger (alle Deutsche Bahn) sowie Ullrich Martin, der Direktor des Stuttgarter Instituts für Eisenbahn- und Verkehrswesen. Die Grünen haben Matthias Lieb vom VcD Baden-Württemberg als Sachverständigen benannt, für die Linke geht Arno Luik in die Bütt. Dem "Stern"-Autor gebührt das Verdienst, Stuttgart 21 mit seinen kritischen Berichten auf die Bundesbühne gehoben zu haben. In der Vorbereitung auf die Debatte liest Luik derzeit eifrig Kontext. Vieles komme ihm sehr bekannt vor, sagt er, darunter viele Schlimmfingereien, die er schon frühzeitig beim Namen genannt habe. Mit jeweils scharfen Dementis der Bahn gekoppelt.


Schorlaus "Letzte Flucht" im ZDF - nicht im SWR

Am heutigen Montagabend, 20.15 Uhr, unbedingt die Glotze anschalten: Wolfgang Schorlaus Thriller ("Die letzte Flucht") kommt im ZDF. Darin wird die Pharmaindustrie aufs Korn genommen, die Ärzte, Forschung und Wissenschaft korrumpiert, Studien manipuliert und Gewinne erzielt wie beim Waffenhandel. Und mitten drin Schorlaus Ermittler Georg Dengler, der einem Krebsforscher zur Hilfe eilt. Gespielt wird der Stuttgarter Privatdetektiv von Ronald Zehrfeld, von dem das ZDF sagt, man hätte sich keinen besseren Dengler wünschen können. Nicht von ungefähr plant der Mainzer Sender zwei weitere Folgen. Schorlaus Heimatanstalt, der Südwestrundfunk, hatte eine Verfilmung aus Kostengründen verworfen. Kontext wird in der kommenden Ausgabe einen Experten zu Wort kommen lassen, der die Pharmaindustrie ganz real betrachtet.


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Ausgabe 41
Zeitgeschehen

Außer Kontrolle

Von Thomas Moser
Datum: 11.01.2012
Wenn V-Leute in eine fremde Organisation eindringen, erfährt ein Geheimdienst nicht nur etwas, sondern muss auch in ihrem Sinne handeln, um nicht enttarnt zu werden. Auch in Terrorgruppen. Was am Beispiel der Neonazizellen sichtbar wird, gehört zur Praxis des Verfassungsschutzes. Auch in der RAF in den 70er-Jahren spielte er eine größere Rolle, als man bisher wusste. Das zeigt in besonderer Weise der Buback-Becker-Prozess vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart.

Wenn V-Leute in eine fremde Organisation eindringen, erfährt ein Geheimdienst nicht nur etwas, sondern muss auch in ihrem Sinne handeln, um nicht enttarnt zu werden. Auch in Terrorgruppen. Was am Beispiel der Neonazizellen sichtbar wird, gehört zur Praxis des Verfassungsschutzes. Auch in der RAF in den 70er-Jahren spielte er eine größere Rolle, als man bisher wusste. Das zeigt in besonderer Weise der Buback-Becker-Prozess vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart.

2007 erfuhr die Öffentlichkeit erstmals von einem pensionierten Geheimdienstler, Winfried Ridder, ehemals Leiter der Terrorabwehr beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), dass Verena Becker, das frühere Mitglied der Bewegung 2. Juni und dann der RAF, 1981 vor dem Kölner Amt umfangreiche Aussagen gemacht hat und als dessen Informantin gelten kann. Das wird von keiner Seite mehr bestritten. Unklar ist bisher allerdings, wie lang und vor allem seit wann Beckers Kontakt zum VS besteht. Doch die Frage beginnt aufzuplatzen wie eine Laufmasche.

Dass der bundesdeutsche Inlandsgeheimdienst in der Hauptverhandlung gegen Verena Becker zusehends beleuchtet wird, ist nicht nur einfach ein unfreiwilliges Nebenprodukt des Verfahrens, sondern ein Ergebnis der Bemühungen des 6. Strafsenats unter dem Vorsitz von Richter Hermann Wieland, den Mordfall Buback aufzuklären. Die Bundesanwaltschaft wirft Becker lediglich vor, den Tatort ausgespäht und Bekennerbriefe verschickt zu haben. Wenn sie gehofft hatte, mit dieser verschobenen und billigen Anklage einen Deckel auf den ganzen Fall legen zu können, hat sie sich gründlich getäuscht.

Gericht bohrt nach Verfassungsschutz

Wer den Prozess verfolgt, kann feststellen, dass es weder den Nebenkläger Michael Buback, Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts, noch das Gericht sonderlich interessiert, wer die Bekennerbriefe verschickte. Sie wollen wissen, wer den Anschlag vom 7. April 1977 verübte, auf dem Tatmotorrad saß und die tödlichen Schüsse abgab. Das Gericht will sogar noch mehr: Es will die Hintergründe beleuchten, also vor allem die Frage, welche Rolle der Verfassungsschutz vor, bei oder nach dem Attentat möglicherweise spielte. Und obwohl der Prozess bisher nicht klären konnte, wer der oder die Mordschützin war, hat er die Aufmerksamkeit in einer Weise auf den Verfassungsschutz gelenkt, die nicht nur ihm nicht recht sein kann.

Seit Beginn des Prozesses am 30. September 2010 führt das Gericht eine Auseinandersetzung mit der Bundesregierung um die Freigabe und Verwertbarkeit von Verfassungsschutzakten zu Verena Becker. Das ist einmal ein 227-seitiger sogenannter Befragungsvermerk sowie ein 82-seitiger sogenannter Auswertevermerk dieser 227 Seiten, beide aus dem Jahr 1981. Die befragte Quelle wird nicht identifiziert. Es ist davon auszugehen, dass es sich um Verena Becker handelte. Die Inhalte der beiden Vermerke sind gleichwohl fragwürdig und nicht unbedingt kompatibel.

Heute weiß man, dass die Quelle laut Auswertevermerk erklärt haben soll: Günter Sonnenberg sei der Lenker des Tatmotorrads am 7. April 1977 gewesen, Stefan Wisniewski der Schütze auf dem Sozius und Christian Klar der Fahrer des Fluchtautos. Erst seit November 2011 weiß man aber zugleich, dass sich keiner dieser drei Namen im umfangreicheren Befragungsvermerk findet.

Papiere angeblich verschwunden

Unklar ist, was mit dem ursprünglichen Original-Vernehmungsprotokoll Beckers passierte, das Grundlage des 227-seitigen Befragungsvermerks war und das mehrere hundert Seiten umfassen müsste. Es sei im BfV nicht mehr vorhanden, heißt es nur. Überprüfen kann das niemand. Und ob die Vernehmungen Beckers damals auf Tonband mitgeschnitten wurden und wenn ja, wo dieser Mitschnitt ist, beantwortet bisher keiner der Verfassungsschützer.

1982 stellte das Verfassungsschutzamt die beiden Aktenteile der Bundesanwaltschaft zur Verfügung. Das wurde im Jahr 2007 bekannt. Allerdings erklärte die Karlsruher Behörde, die Akten seien bei ihr nicht mehr auffindbar. Bis heute nicht. Im Januar 2008 wurden diese Akten auf einmal vom damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble gesperrt. Für den Prozess bedeutet das, dass die Akten, die dem Gericht immerhin vorliegen, nicht verwertet werden dürfen. In diesen Unterlagen sind obendrein mehrere Stellen geschwärzt.

Das Gericht hat beim Bundesinnenministerium die Freigabe dieser VS-Akten beantragt. Das Ministerium lehnte ab. Das Gericht wollte daraufhin einen Kabinettsbeschluss der Bundesregierung herbeiführen lassen. Ein ungewöhnlicher Schritt, der vom Innenministerium und vom Kanzleramt gleichfalls verworfen wurde. Schließlich rief das Gericht das Bundesjustizministerium als seinen obersten Dienstherrn an und bat um Unterstützung in der Sache. Auch das wurde verweigert.

Kooperation mit Nachrichtendienst

Verena Becker ist nicht die einzige Terroristin, die mit einem Nachrichtendienst kooperierte. Zum Beispiel war Klaus Steinmetz, der in Kontakt mit Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld stand, V-Mann des LfV Rheinland-Pfalz. Vor allem im eingemauerten und überschaubaren Westberlin war es dem dortigen Verfassungsschutz gelungen, in die Terrorgruppierung Bewegung 2. Juni einzudringen. Ulrich Schmücker wurde 1972 in Haft als V-Mann angeworben. Der Mord an Schmücker 1974 wurde nie aufgeklärt. Die Tatwaffe lagerte beim LfV Berlin. Auch Volker Weingraber, Angela Luther und Ingeborg Barz werden Geheimdienstkontakte nachgesagt. Die beiden Letzten sind verschwunden. Verena Becker wurde im Juli 1972 aufgrund der Aussage eines Gruppenmitglieds bei der Polizei verhaftet. Es ist anzunehmen, dass auch sie in Haft vom Verfassungsschutz aufgesucht wurde.

Einige ehemalige RAF-Mitglieder, so Peter Jürgen Boock, Silke Meier-Witt und Werner Lotze, der heute einen anderen Namen trägt, sagen als Zeugen im Buback-Prozess aus. Sie fragt das Gericht auch, ob sie vom Verfassungsschutz kontaktiert wurden, zum Beispiel in Haft. Alle bejahen. Boock schränkt ein, als sich seine Gegenüber als VS-Mitarbeiter zu erkennen gaben, habe er das Gespräch abgebrochen und sei zurück in seine Zelle gegangen. Silke Meier-Witt führte Gespräche. Als sie der Vorsitzende Richter fragt, was der VS von ihr wollte, antwortet sie: "Dasselbe wie Sie! Informationen über die RAF." Weiteren Fragen weicht sie aus, sie könne sich nicht mehr richtig erinnern. Das Thema ist ihr unangenehm.

Peter Jürgen Boock scheint das Thema Verfassungsschutz und RAF inzwischen zu beunruhigen. Gegen Ende seiner Vernehmung, die insgesamt fünf Tage dauert, gibt er sich überzeugt, dass die Geheimdienste Einfluss auf die RAF hatten. Und wörtlich: "Wir sind sicher manipuliert worden." In diesem Zusammenhang erwähnt er, es habe ihn immer gewundert, dass die Tatwaffe, eine Maschinenpistole von Heckler und Koch, nicht sofort versteckt wurde, zum Beispiel in einem Erddepot. Die RAF habe nur drei solcher Langwaffen besessen, so Boock, sie mussten schnell in Sicherheit gebracht werden. Es widersprach allen Regeln, dass RAF-Mitglieder die Waffe nach dem Attentat mit sich führten und damit in Deutschland unterwegs waren. Günter Sonnenberg und Verena Becker hatten sie bei ihrer Festnahme im Mai 1977 in Singen dabei.

Illegale Aktionen mit Wissen der Behörden?

V-Leute der Geheimdienste in den Reihen von Terrorgruppen – ein solcher war der Zeuge Peter Becker. Mit der Angeklagten ist er nicht verwandt oder verschwägert. Er hat nichts dagegen, dass sein Name genannt wird. Um verständlich zu machen, worum es geht, ist das sogar nötig. Als 19-Jähriger schloss er sich im Jahr des Buback-Attentats 1977 der Gruppe Antiimperialistischer Kampf Kaiserslautern an, in der unter anderem Dieter Faber, ein Cousin von Gudrun Ensslin, und Elisabeth van Dyck aktiv waren. Beide leben nicht mehr. Die Gruppe zählte zum Umfeld der RAF und verübte verschiedene kriminelle Taten. Becker wurde gefasst und erklärte sich bereit, für das LfV Rheinland-Pfalz als V-Mann mit dem Decknamen "Volker Koch" zu arbeiten. Die weiteren illegalen Aktionen der Gruppe geschahen mit Wissen des Amtes.

Im Buback-Prozess vor dem OLG in Stuttgart macht Peter Becker nun folgende Aussage: Im Sommer 1979 habe er zusammen mit Faber Christian Klar getroffen. Dabei habe Klar zu erkennen gegeben, dass Verena Becker die Mörderin Bubacks sei. "Deine Namensvetterin war's", habe Klar erklärt. Er, Peter B., so der Zeuge weiter, habe seine beiden Führungsmänner beim LfV über das Treffen mit Klar und dessen Aussage, Verena Becker sei die Schützin gewesen, informiert. Die Verfassungsschützer haben sich das notiert, aber keine weiteren Fragen gehabt. Von Peter B. weiß das Gericht, weil er sich 30 Jahre später, im Sommer 2009, schriftlich an die Bundesanwaltschaft gewandt und mitgeteilt hat, er könne etwas zum Fall Verena Becker beitragen. Peter B. wurde daraufhin vom BKA offiziell vernommen. Doch auch Folgendes erzählt der Zeuge: Kurze Zeit später habe er Besuch vom Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz bekommen. B. lebt zurzeit in Thüringen. Er sei aufgefordert worden, nicht über Verena Becker auszusagen.

Zeugen vom Hörensagen

Den BKA-Beamten, die Peter B. im Jahr 2009 vernahmen, bestätigte das LfV Rheinland-Pfalz, dass er in den 70er-Jahren tatsächlich als Informant tätig war. Unterlagen über ihn seien aber nicht mehr vorhanden. Den Antrag der Nebenklage, die beiden ehemaligen V-Mann-Führer B.s vom LfV Rheinland-Pfalz sowie eine leitende Verfassungsschützerin des LfV Thüringen als Zeugen vorzuladen, lehnt das Gericht allerdings ab. Sie hätten das Attentat ja nicht selber beobachtet.

Es sind Zeugen aus der zweiten Reihe, vom Hörensagen, auf die das Gericht bei seiner Wahrheitsfindung angewiesen ist. Dazu zählt Nils von der Heyde, Exchefreporter der "Bild"-Zeitung in Hamburg, der mit dem verstorbenen ehemaligen Präsidenten des Landesamts für Verfassungsschutz von Hamburg, Christian Lochte, befreundet war. Lochte, so von der Heyde, habe ihm kurz nach dem Attentat erklärt, Verena Becker habe Buback erschossen.

Im Oktober 2011 sind dann erstmals die erwähnten VS-Vermerke von 1981 Gegenstand der Hauptverhandlung. Zwei ehemalige Beamte des BfV in Köln, die für diese Vermerke verantwortlich zeichnen, können als Zeugen gehört werden. Manfred Sundberg, 70, schrieb den 227-seitigen Befragungsvermerk und Lothar Meerfeld, 68, den 82-seitigen Auswertevermerk. "Sundberg" und "Meerfeld" sind Decknamen. Ein seltsam anmutendes Schauspiel. Im Gerichtssaal darf niemand seine Mütze auf dem Kopf lassen, ohne zu riskieren, vom Gericht wegen Ungebührlichkeit aus dem Saal verwiesen zu werden. Und hier treten Zeugen unter falschem Namen auf. Ein Symbol auch für die Respektlosigkeit, die die Staatsschutzorgane diesem Verfahren und diesem Gericht entgegenbringen.

Gericht lässt sich nicht mehr alles gefallen

Neun Fragen hat das Gericht dem BfV vorab zugeleitet, vier – die Fragen sechs bis neun – dürfen die Schlapphüte beantworten. Darauf erstreckt sich ihre Aussagegenehmigung. Frage sechs lautet zum Beispiel: Hat die Quelle ihre Kenntnis aus eigenem Wissen oder mittelbar erlangt? Und Frage acht: Hat die Quelle weitere Angaben zu Anschlägen und Tatbeteiligten gemacht? "Herr Meerfeld", über 40 Jahre lang im Dienst des Dienstes, denkt allerdings nicht daran, auch nur eine Frage einigermaßen verbindlich und klar zu beantworten. Er könne dazu nichts sagen; er habe keine Erinnerung mehr; er sei nicht berechtigt, darauf zu antworten. Doch das Gericht lässt ihm das nicht durchgehen. "Das ist unglaublich", befindet Richter Wieland. "Dass einer kommt und sagt, ich weiß nichts mehr, haben wir in diesem Verfahren wenig erlebt." Und dann schickt der Richter den Mann, immerhin Oberregierungsrat a. D., mit der Maßgabe wieder nach Hause, sich gefälligst auf die Zeugenvernehmung vorzubereiten. Hier wird deutlich, welche Entwicklung auch das Gericht im letzten Jahr durchgemacht hat. Es lässt sich von Beamten der Sicherheitsbehörden nicht mehr alles ohne Weiteres gefallen.

Kollege "Manfred Sundberg", in den Pausen von "Meerfeld" und einem dritten Mann, der an diesem Tag im Zuschauerraum sitzt, anzunehmenderweise informiert, gibt sich danach etwas gesprächiger, aber nicht wesentlich substanzieller. Er hatte die Quelle befragt und wird jetzt danach befragt. Seine Antworten sind vieldeutig: Sie habe zu Verena Becker keine Angaben gemacht, was offenlässt, ob die Quelle selber Becker war. An Einzelheiten über den Ablauf des Anschlages könne er sich nicht mehr erinnern. Ebenso, ob die Quelle am Anschlag beteiligt war, die Attentäter kennt oder noch andere Anschläge beschrieben habe. Zur RAF und ihren Mitgliedern habe die Quelle Angaben gemacht, was konkret, wisse er nicht mehr. Wie lange der Kontakt zur Quelle bestand, dürfe er nicht sagen. Der Auftritt belegt zumindest den Kontakt des VS zu einem führenden RAF-Mitglied. Und sollte die Quelle nicht Verena Becker selber gewesen sein, gab es folglich schon zwei Informanten des BfV aus den Reihen der RAF.

Woher kommen die drei Namen?

Ein paar Wochen später, am 10. November, erscheint "Lothar Meerfeld" dann zum zweiten Mal vor Gericht. Es wird ein Auftritt, der die Glaubwürdigkeit des BfV zertrümmert – und die der Bundesanwaltschaft gleich mit. Die wichtigste Information des 82-seitigen Auswertevermerks ist, wie gesagt, Sonnenberg, Wisniewski und Klar hätten das Mordkommando gestellt und Wisniewski sei der Schütze auf dem Sozius des Motorrads gewesen. "Meerfeld" bestätigt, dass er die drei Namen in den Auswertevermerk geschrieben hat.

Nun wird es spannend. Auf Nachfrage erklärt er, die einzige Grundlage seiner Auswertung sei jener 227-seitige Befragungsvermerk des "Kollegen Sundberg" gewesen. Doch in diesem Befragungsvermerk finden sich die drei Namen Sonnenberg, Wisniewski und Klar gar nicht. "Meerfeld" räumt das ein. Dann sagt er, ihm sei es ein Rätsel, woher er die drei Namen hätte. Das Gericht hakt nach. Und nun leistet der Verfassungsschützer eine Art Offenbarungseid: Sogar dem gesamten Bundesamt für Verfassungsschutz sei das ein Rätsel. Seit Jahren, schon als er noch im Dienst war (er ist seit sechs Jahren im Ruhestand), also seit mindestens 2005, suche man in der Behörde nach der Grundlage dieser drei Namen, durchforste Archive, bisher ohne Erfolg.

Wer hat wen getäuscht?

Die Information, Wisniewski sei der Schütze gewesen, wird seit Jahren auf den Medienmarkt getragen. Zum Beispiel durch die Bundesanwaltschaft. Auf ihrer Jahrespressekonferenz im Dezember 2008 erklärte sie, das BfV habe ihr am 15. Juni 2007 eine "unbestätigte Einzelinformation" übermittelt, nach der Wisniewski der Todesschütze gewesen sein soll. Seit mindestens 2005 weiß das BfV, dass diese Information keine gesicherte Grundlage hat, und übermittelt sie dennoch im Jahre 2007 so mir nix, dir nix der Strafverfolgungsbehörde in Karlsruhe? Ob die Information seitens des BfV womöglich mit der Einschränkung weitergeben wurde, die Grundlage sei unsicher, dazu verweigert die Bundesanwaltschaft eine Stellungnahme. Der Presse gab sie die Information "Wisniewski" damals jedenfalls ohne relativierende Einschränkung weiter. Wer hat wen getäuscht: das BfV die Bundesanwaltschaft oder sie die Öffentlichkeit? Oder beide zusammen die Öffentlichkeit?

Nach dem Auftritt des Verfassungsschützers "Meerfeld" beantragt die Nebenklage, BfV-Präsident Heinz Fromm als Zeugen zu laden sowie den früheren BfV-Präsidenten Richard Meier. Die besagte "Einzelinformation Wisniewski" von Juni 2007 trägt die Unterschrift Fromms, und Meier stand dem Amt in den fraglichen Jahren von 1977 bis 1983 vor. Meier sollte am 12. Januar in den Zeugenstand treten, wenn der Prozeß nach der Winterpause weitergeht. Doch der frühere Verfassungsschutzchef hat einen Tag vorher kurzfristig abgesagt, wegen "gesundheitlicher Beschwerden". Fromm als Zeugen zu hören lehnt das Gericht dagegen ab. Anzeichen einer Kapitulation vor diesem nicht beherrschbaren Fall?

Das macht der Auftritt von Nebenkläger Michael Buback deutlich, der Ende November 2011 ebenfalls auf dem Zeugensessel Platz nimmt. Etwa 40 Zeugen haben sich im Laufe der vergangenen vier Jahre an ihn gewendet. Darunter Augenzeugen des Attentates. Es ist typisch für das Gesamtverfahren, dass sich so viele Zeugen an den Sohn des Mordopfers wenden und nicht an die zuständigen Ermittlungsbehörden. Das Vertrauen in sie scheint nicht groß zu sein. Buback berichtet aber auch von Zeugen, die angeblich Informationen über den Hintergrund des Attentates oder über Kontakte Verena Beckers mit dem Verfassungsschutz besitzen wollen. Einer behauptet, das LfV Bayern habe entsprechende Unterlagen; einer, Verena Becker sei schon im Jahre 1971 auf der Gehaltsliste des Verfassungsschutzes gestanden. Informationen, die nun eigentlich offiziell ermittelt und auf ihre Authentizität hin überprüft werden müssten. Nur, wer soll das tun? Lediglich in einem Fall vergibt das Gericht einen Ermittlungsauftrag – und zwar an die Bundesanwaltschaft. Die Aufklärung sitzt auch in einer Ermittlungsfalle fest.


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Ausgabe 216 / Mahlzeit! / Kornelia, 22.05.2015 17:42
Irgendwo schrieb jemand dass wir heute den Sinn der Expo verloren haben. Ein Produkt des vor-vorletzten Jahrhunderts!Und heute nur noch eine Mega-show, die viel Steuergeld "in genehme Bahnen" versacken...

Ausgabe 216 / Vollpfosten / Kornelia, 22.05.2015 17:03
Ha @Zuckelmann, dich wollte ich immer schon live treffen aber irgendwie -manchmal um Sekunden, grinsIn einem Zeitalter der gelenkten Medienhysterie sollte schon übrrlegt werden gibt man Öl ins Feuer oder lässt man es "beobachtend"...

Ausgabe 216 / Summen und Brummen / Kornelia, 22.05.2015 16:44
@zara ..."Willensbildung und die darauf folgende Abwägung und Entscheidung in der parlamentarischen Demokratie gestärkt wird"Jau....Die Willen s Bildung soll marktradikalen gestärkt werden damit die asoziale, unrechte und...

Ausgabe 216 / Vollpfosten / Zwuckelmann, 22.05.2015 15:40
@Kornelia: Man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen. Auch wenn ich mir der Instrumentalisierung bewusst bin, ist es dennoch wichtig, auf die Straße zu gehen. Eigentlich wünschte ich mir, dass man sie einfach demonstrieren...

Ausgabe 216 / Der Baum-Hausbauer / Forstwissenschaftler, 22.05.2015 13:09
Weiterer sachlicher Fehler: um dem "Klimawandel entgegenzuwirken" genügt es leider nicht "Millionen Bäume zu pflanzen". Seit Beginn des Industriezeitalters ist der Gehalt des Klimagases Kohlendioxid in der Atmosphäre durch Verbrennung...

Ausgabe 216 / Die Biegekraft der Macht / Hans Paul+Lichtwald, 22.05.2015 11:53
Vor allen Parteistrategen liegt ein schweres Jahr. Hier wird deutlich, wie groß die Gefahr ist, das grüne Glück im schwarzen Musterländle zu verspielen. Als ich bei Facebook Kretschmanns PR-Kampagne aus den USA sah, war ich entsetzt....

Ausgabe 216 / Mahlzeit! / Schwabe, 22.05.2015 09:17
Sehr guter und m.E. unterhaltsam geschriebener Artikel über ein enorm wichtiges Thema. Vielen Dank Hans-Ulrich Grimm und Kontext.Ich wußte nichts von dieser "Weltausstellung" oder vielleicht besser "Konzernausstellung".

Ausgabe 216 / Vollpfosten / Schwabe, 22.05.2015 09:06
Ergänzung zu Kornelia 20.05.2015 19:12 Uhr:2014 brannte jede zweite Woche ein Asylbewerberheim. Die Gewalt ist vor allem seit den Pegida-Demonstrationen enorm angestiegen. Rassisten und Faschisten haben durch sie Selbstbewußtsein...

Ausgabe 216 / Summen und Brummen / zara, 22.05.2015 08:49
Ich verstehe den Ansatz der frühzeitigen Bürgerbeteiligung so, dass die Willensbildung und die darauf folgende Abwägung und Entscheidung in der parlamentarischen Demokratie gestärkt wird. Dies sollte die Demokratie insgesamt stärken...

Ausgabe 216 / Summen und Brummen / M.C., 22.05.2015 08:33
Zitat: "Ein Fabrikbesitzer hat ein verfassungsrechtlich geschütztes Anrecht auf die Erweiterung seiner Fabrik. Das können wir auch nicht über Bundesratsinitiativen aushebeln. Möglich ist es aber, die Abwägungsentscheidung der Behörde...

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