KONTEXT Extra:
Ein Zeichen für Europa

Über Stuttgart wehen EU-Flaggen! Mit der Verkündung des amtlichen Endergebnisses der Volksabstimmung in Großbritainnien über den Austritt aus der EU werden auf der Villa Reitzenstein und dem Neuem Schloss in Stuttgart europäische Flaagen gehisst. Die grün-schwarze Koalition möchte damit ein Zeichen für Europa setzen. "Wir wollen unsere proeuropäische Haltung deutlich zeigen", so Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Die gehöre in Baden-Württemberg "zur Staatsräson". Als "überzeugten Europäer" treffe ihn die Entscheidung der Briten "ganz persönlich ins Mark". Europa sei in den Grundfesten erschüttert.


AfD-Fraktion schließt Gedeon vorerst nicht aus

Die Zerreißprobe in der "Alternative für Deutschland" (AfD) ist aufgeschoben. Ihr Bundesvorsitzender Jörg Meuthen, zugleich Chef der baden-württembergischen Landtagsfraktion, hatte am Dienstag jedenfalls keine erforderliche Zweidrittelmehrheit für den Ausschluss von Wolfgang Gedeon. Über die Äußerungen Gedeons, Anhänger der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", wird jetzt statt dessen ein Gutachten bei drei Fachleuten in Auftrag gegeben – von Religionswissenschaftlern ist die Rede, ein Experte soll jüdischen Glaubens sein –, um die von Meuten selbst erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Singener Mediziner zu überprüfen. Der lässt vorerst seine Mitgliedschaft in der Fraktion ruhen und wird im Plenarsaal auch einen neuen Platz erhalten.

Fraktionsgeschäftsführer Bernd Grimmer erklärte nach den dreistündigen Beratungen, die für einen Ausschluss notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit sei nicht klar gewesen und etwa ein Drittel der Abgeordneten nicht bereit gewesen, Meuthen zu folgen. Sie schätzten den Stellenwert von Meinungsfreiheit höher ein als den einer "politisch korrekten Ausdrucksweise". Sollte die Fraktion nach der Sommerpause und der Bewertung des Gutachtens abermals nicht bereit sein, dem von Meuthen seit Tagen vehement verlangten Antrag auf Ausschluss Gedeons zuzustimmen, bleibt der dabei, seinerseits die Fraktion verlassen zu wollen. Außerdem gibt es Gerüchte, dass eine Handvoll Abgeordneter Gedeon – im Falle seines Ausschlusses – nicht allein gehen lassen, sondern mit ihm aus der Fraktion ausscheiden wolle.

Nicht nur im Internet tobt seit Tagen eine heftige Auseinandersetzung über den künftigen Kurs der Partei, die sich zur Retterin Deutschlands ernannt hat. Meuthens Co-Vorsitzende auf Bundesebene Frauke Petry hat sich öffentlich gegen ihn gestellt, ist damit aber im Bundesvorstand isoliert. Zahlreiche Mitglieder des rechten Flügels verlangen von dem Kehler Wirtschaftsprofessor, von sich aus die AfD zu verlassen. "Die Bewegung muss sich von Volksverrätern wie Meuthen trennen", postet ein Thorsten Baeuml. Und weiter: "Linksversiffte Gutmenschen braucht die Bewegung nicht! Ein Krebsgeschwür wird auch entfernt, so lange es noch geht und Meuthen hat sich zur Selbstoperation verdonnert. Gut so!" Den Ausdruck "linksversifft" hatte Meuthen selbst vor Wochen benutzt, ihn allerdings auf die ganze Bundesrepublik bezogen.


S 21: BUND verlangt "Öffnung in Richtung Kombi-Lösung"

Der BUND Baden-Württemberg hat am Montag ein Positionspapier zu Stuttgart 21 vorgelegt, um "konstruktive Lösungen aus der Sackgasse" aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht der "Einstieg in eine Kombi-Lösung". Wie die Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender erläutert, könnten damit "einerseits die Kosten und Risiken von Stuttgart 21 deutlich gesenkt und andererseits finanzielle Spielräume zur Realisierung eines tatsächlich zukunftsfähigen Bahnknotenpunkts gewonnen werden". Außerdem sieht das Konzept vor, auf den unterirdischen Flughafenbahnhof zu verzichten und stattdessen einen oberirdischen Halt beim Messeparkhaus zu errichten. Zudem soll die Gäubahn über die bestehende Panoramabahn oberirdisch in den Hauptbahnhof geführt werden und "die Zuführungsstrecken zum Hauptbahnhof und die Wendlinger Kurve sollen leistungsfähig ausgebaut werden".

Dahlbender, die für die Tiefbahnhofgegner 2010 in der Schlichtung saß, nennt S 21 ein "auch heute noch in ganz wesentlichen Teilen weder vollständig geplantes noch vollständig genehmigtes Projekt". Es gebe weiterhin keine qualifizierten Aussagen zu Kosten und zum Zeitablauf. Für die SPD-Politikerin und Ulmer Gemeinderätin steht fest, dass deutlich mehr als acht Bahnsteiggleise unverzichtbar sind für einen Großknoten Stuttgart und eine Entmischung der S-Bahn, des Regional- und des Fernverkehrs. Eine nachhaltige Mobilitätswende müsse sich an den Wünschen der Bahnkunden und der tatsächlichen Verkehrsströme orientieren, "und das bedeutet einen Einstieg in die Diskussion einer Kombi-Lösung".

Mehr dazu unter diesem Link.


Jetzt offiziell: Kefer geht späestens im Herbst 2017

Von einem "Eingeständnis des Scheiterns" sprechen die Parkschützer, von "großem Respekt und Wertschätzung" der Aufsichtsratsvorsitzende der DB Utz-Hellmuth Felcht. Auf jeden Fall wirft der für Stuttgart 21 zuständige Bahnvorstand Volker Kefer das Handtuch. Er stehe für eine Verlängerung seines im September 2017 auslaufenden Vertrags nicht zur Verfügung, teilte er dem Aufsichtsrat am Mittwochvormittag mit. Möglicherweise wird er, wenn seine Nachfolge geregelt ist, den Konzern aber schon deutlich früher verlassen. Hier werde kein "Bauer geopfert", so der Sprecher der Parkschützer Matthias von Herrmann. Vielmehr nehme sich ein "allzu stolzer Turm selbst aus dem Spiel": Der für Stuttgart 21 verantwortliche oberste Bahnmanager ziehe "nun offenbar seine persönliche Notbremse vor dem sicheren Aufprall auf dem Prellbock eines baulich, finanziell und kommunikativ völlig unkontrolliert taumelnden Projekts". Kefer ist seit 2009 bei der Deutschen Bahn und galt lange Zeit als möglicher Nachfolger von Bahnchef Rüdiger Grube, dessen Stellvertreter er auch ist. Kritisiert wird intern vor allem, dass der frühere Siemens-Vorstand den Aufsichtsrat zu spät über die Kostenexplosionen und die immer neuen Risiken bei Stuttgart 21 informiert hat.

Insider in Berlin sehen auch Grube selber nicht mehr sicher im Sattel, weil der nicht nur das nach seinen vielzitierten Worten "bestgerechnete" Milliardenprojekt nie wirklich in den Griff bekommen hat. Matthias von Herrmann erinnert an des marode, dringend sanierungsbedürftige Schienennetz und daran, dass trotz der groß angekündigten fernverkehrsoffensive nicht einmal mehr 78 Prozent der Züge pünktlich fahren: "Wir brauchen endlich wieder eine gute zuverlässige Bahn statt Tunnelwahn." Zum Vergleich: In der Schweiz treffen knapp 97 Prozent der Züge pünktlich im Bahnhof ein. (15.6.2017)


Hermann kritisiert S-21-Befürworter scharf

Der grüne Verkehrsminister Winne Hermann wirft den Befürworter von Stuttgart 21 "in der Politik und bei der Bahn" vor, jahrelang die Kosten heruntergerechnet und die Risiken des Milliardenprojekts nicht ernst genommen zu haben. Jetzt zeige sich immer mehr, wie richtig die Kritiker gelegen hätten. Als Beispiel nennt der S-21-Gegner seit Mitte der Neunziger im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk den Tunnelbau. Zehn Jahre sei über die Schwierigkeiten in dem Gestein diskutiert worden, das die Bahn aktuell für einen Teil der Kostensteigerungen verantwortlich mache.

Der DB wirft er zudem vor, die Glaubwürdigkeit zu "zerstören", wenn an die Landesregierung "kurz vor der Veröffentlichung dieser neuen Dinge beruhigende fünf Zeilen" geschickt würden, dass letztendlich alles in Ordnung sei. "Und dann liest man einen Tag später, es wird wieder teurer, und es wird wieder später", so Hermann weiter. Das mache misstrauisch. Einem Ausstieg erteilt er dennoch eine Absage: Die Bevölkerung habe "keinen Ausstieg beschlossen", und seitdem sei es für jeden in der Regierung Pflicht, das Projekt zu begleiten und zu befördern.


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Sängerstraße: Aussicht auf Stuttgarter Hauptbahnhof und Enteignung. Foto: Joachim E. Röttgers

Sängerstraße: Aussicht auf Stuttgarter Hauptbahnhof und Enteignung. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 112
Politik

Enteignet wird erst nach der Wahl

Von Hermann G. Abmayr
Datum: 22.05.2013
Stuttgart 21 soll Angela Merkels Wahlkampf nicht stören. Bahnchef Rüdiger Grube will den ursprünglich für diese Woche geplanten Abriss eines teilweise noch bewohnten Mehrfamilienhauses in der Nähe des Hauptbahnhofs auf die Zeit nach der Wahl verschieben.

Eigentlich sollten in der Stuttgarter Sängerstraße in der Woche nach Pfingsten die Bagger anrollen, um ein stattliches Gebäude abzureißen, das dem Bau des Tunneleingangs für Stuttgart 21 im Weg steht, der den künftigen Tiefbahnhof mit den Gleisröhren verbinden soll. Doch die Bautrupps müssen warten, denn das Regierungspräsidium Stuttgart hat bisher kein grünes Licht gegeben. Eine Sprecherin bestätigte gegenüber Kontext, dass das Enteignungsverfahren noch läuft. Damit müssen die beiden letzten Bewohner des Hauses nicht ausziehen. Die anderen acht Mitbesitzer, so der Wohnungseigentümer Werner Frank (Name geändert), haben ihren Anteil an Haus und Grundstück bereits der Bahn verkauft.

Im Berliner DB-Hochhaus will man vor der Bundestagswahl keinen Ärger wegen Stuttgart 21. Schließlich hat das umstrittene Milliardenprojekt Angela Merkel und ihrer CDU schon mehrere Wahlen vermasselt, obwohl die Bahn Horrormeldungen wie die Kostenexplosionen oder umstrittene Baumaßnahmen immer erst nach den jeweiligen Wahlen bekannt gegeben beziehungsweise durchgeführt hat. Zuletzt bei der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart, als Grube und Kefer längst wussten, dass die Kosten von Stuttgart 21 von 4,5 Milliarden auf 6,8 Milliarden Euro ansteigen. Genutzt hat es nichts. Bahn-Liebling Sebastian Turner, der Kandidat von CDU, FDP und Freien Wählern, hat die Wahl trotzdem verloren.

Haus und Haltestelle stehen S 21 im Weg. Foto: Joachim E. Röttgers
Haus und Haltestelle stehen S 21 im Weg. Foto: Joachim E. Röttgers

Grube und Kefer wissen jedenfalls, was sie ihrer Kanzlerin schuldig sind. Ohne ihren Segen wären ihre lukrativen Verträge 2012 nicht verlängert worden. Klar, dass Angela Merkel bei der Bundestagswahl nicht erneut wegen des Stuttgarter Milliardenprojekts Stimmen verlieren will. Eine willkürliche Enteignung und ein Abriss eines Mehrfamilienhauses könnten Schlagzeilen produzieren, die das S- 21-Debakel der Kanzlerin wieder bundesweit ins Bewusstsein rücken. Deshalb kann es ihr nur recht sein, wenn die Bagger erst am 23. September anrücken, am Montag nach der Wahl.

Beim Enteignen nicht zimperlich

Das Enteignungsverfahren soll dennoch fortgesetzt werden. Dabei ist man im Land der "Häuslebauer" nicht zimperlich. Zumindest wenn es der Wirtschaft oder einem anderen "höheren Zweck" dient. So hat der Landtag mit den Stimmen von CDU, FDP und drei Sozialdemokraten 1998 extra ein Messegesetz verabschiedet, um die Enteignung der Bauern zu ermöglichen, deren Felder dem Milliardenprojekt südlich von Stuttgart im Wege standen. "Enteignet werden kann nach dem Grundgesetz nur zum öffentlichen Wohl," hatte Winfried Kretschmann 2004 aufgebrachte Landwirte unterstützt, die vor dem Regierungspräsidium gegen das Enteignungsverfahren protestierten. "Ihr Eigentum soll für eine Messe enteignet werden, die keiner auf den Fildern will und nur der Wirtschaft nützt und nicht dem öffentlichen Wohl," sagte der damalige Oppositionsführer der Grünen im Landtag.

Genützt hatte der Protest der Bürger damals nichts. CDU und FDP hatten das Messegesetz auf ihrer Seite. Die beiden Parteien hatten damit die Lehren aus einer gerichtlichen Niederlage in den Achtzigerjahren gezogen. Damals konnten Bauern den Bau einer Teststrecke des Daimler-Konzerns in Boxberg im Norden Baden-Württembergs auf dem Rechtsweg verhindern.

Heute ist Kretschmanns Regierung auch für die Regierungspräsidien verantwortlich, die Enteignungsverfahren durchführen. Wie jetzt gegen Werner Frank aus der Stuttgarter Sängerstraße. Der Eigentümer der letzten bewohnten Wohnung in dem Gebäude ist zwei Jahre älter als Kretschmann und wie der heutige MP seit vielen Jahren S-21-Gegner. Beide waren jahrzehntelang als Lehrer tätig. Frank (67) ist mittlerweile im Ruhestand. 

Werner Franks Anwalt Bernhard Ludwig hält die Enteignung seiner Wohnung sogar für verfassungswidrig, denn sie diene nicht dem Gemeinwohl. Einen Verfassungsbruch sieht Ludwig auch in der Finanzierung von S 21; zudem fehle nach wie vor eine Gesamtgenehmigung, sodass das Tunnelprojekt nach aktuellem Stand nicht zu Ende gebaut werden könne.

Dies sehen auch Rechtswissenschaftler wie Hans Meyer, Joachim Wieland, Helmuth Goerlich und Oliver Lepsius so. Grund: Bahnprojekte sind nach dem Grundgesetz ausschließlich eine Angelegenheit des Bundes. Und kein Land darf sich Investitionen der Bahn durch eigene Zuzahlung quasi erkaufen, da Mischfinanzierungen von Bund und Land generell unzulässig sind. Gegen dieses Gebot hatten Ex-Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) und Stuttgarts Ex-Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) verstoßen, indem sie für den Bau von S 21 und der Neubaustrecke nach Ulm milliardenschwere Zuzahlungen garantierten.

Der ehemalige Oppositionsführer Winfried Kretschmann versprach deshalb 2010, er werde als Ministerpräsident alle S-21-Zahlungen stoppen. Doch dieses Versprechen fiel schon wenige Monate später bei den Koalitionsverhandlungen mit der SPD unter den Tisch. Und mangels Kläger hat bisher kein Gericht den Verfassungsbruch gestoppt. Klagen könnte beispielsweise jede Landesregierung, die sich benachteiligt fühlt. Doch die CDU- und SPD-dominierten Regierungen wollen nicht, weil beide Parteien S 21 befürworten. Auch Bundestagsabgeordnete könnten eine Organklage einreichen – mit einem Drittel der Stimmen. Die der Linken, der Grünen und weiterer elf Abgeordneter würden ausreichen. Doch weder bei der SPD noch bei Union und FDP gibt es Dissidenten.

Verfassungsgericht drückt sich

Bernhard Ludwig hatte gehofft, dass sich das Bundesverfassungsgericht mit der Enteignung des Hauses Sängerstraße befassen wird und damit gezwungen wäre, auch zur Verfassungsmäßigkeit der Mischfinanzierung Stellung zu nehmen. Aber die Richter in Karlsruhe haben den Fall erst gar nicht zur Entscheidung angenommen. Der VGH hatte in der Abweisung des Eilantrags zwar anerkannt, dass die Analyse Engelhardts ein neues Beweismittel darstellt, gleichzeitig aber erklärt, dies sei nicht entscheidungserheblich. Christoph Engelhardt kann dies nicht nachvollziehen: "Es ist, als würde in einem Mordfall behauptet, die DNA-Spur eines bis dahin nur vage Verdächtigen ist zwar ein neues Beweismittel, liefert aber keine neue Sachlage", empört sich der Wissenschaftler.

Eingang bis zum Wahlausgang. Foto: Joachim E. Röttgers
Eingang bis zum Wahlausgang. Foto: Joachim E. Röttgers

Doch noch steht das Gebäude Sängerstraße im Stadtzentrum von Stuttgart. Die Enteignung sei mit dem Planfeststellungsbeschluss aus dem Jahr 2005 lediglich "dem Grunde nach" genehmigt, erklärte ein Sprecher des Eisenbahnbundesamts (EBA) auf Anfrage. Um sie durchzusetzen, sei ein Verfahren nach dem Landesenteignungsgesetz erforderlich, das auch die Frage der Entschädigung zu klären habe. Entscheiden müsse dann das zuständige Regierungspräsidium. Doch der Stuttgarter Behörde liegt nach Informationen von Kontext kein entsprechender Antrag vor.

Ein Sprecher des S-21-Kommunikationsbüros wollte zwar – wie Rechtsanwalt Bernhard Ludwig – zu dem laufenden Verfahren keine Angaben machen; er bestätigte allerdings, dass es im Falle Sängerstraße um eine "vorzeitige Besitzeinweisung" gehe, also eine vorzeitige Enteignung. Dies wäre allerdings erst dann möglich, wenn der Betroffene sich quer stellte und wenn die Bahn nachweisen könnte, dass der sofortige Beginn des Abrisses des Mehrfamilienhauses für den Baufortschritt erforderlich ist.

Dies können die Leute von Bahnchef Rüdiger Grube und Volker Kefer aber nicht. Denn die Bahn darf immer noch keine Baugrube für das Megaprojekt ausheben, weil für das Abpumpen und Umleiten großer Mengen an Grundwasser während der Bauphase noch keine Genehmigung vorliegt und weil noch etliche weitere Planänderungsverfahren in dem Bereich offen sind, etwa die Umplanung des Nesenbachdükers und der neuen Stadtbahnhaltestelle Staatsgalerie. Ein Abriss des Hauses und die Enteignung Werner Franks wäre also aktuell nicht erforderlich. Die Behörde von Regierungspräsident Johannes Schmalzel (FDP) könnte die Bahn deshalb auf das Hauptsacheverfahren verweisen, also das eigentliche Enteignungsverfahren.

 

Doppelmoral

Ein Kommentar von Hermann G. Abmayr 

"Geht doch rüber", hieß es in Zeiten, in denen es noch eine DDR gab. Und als Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit oder Winfried Kretschmann noch "Enteignet Springer" gerufen hatten. Dies war 1968 nach dem Attentat auf Rudi Dutschke die Forderung der APO. "Springer hat mitgeschossen", hieß es. Gemeint war die Hetze der "Bild"-Zeitung gegen die rebellischen Studenten, Lehrlinge und Schüler. 

Auch die Forderung nach einer Vergesellschaftung der Großbanken, die die Finanzkrise der vergangenen Jahre mit verursacht haben, wurde von Politik und Wirtschaft reflexartig zurückgewiesen. Dabei könnte man durchaus die Meinung vertreten, dass eine bürgernahe Rechtsformen der Finanzinstitute dem Gemeinwohl nützt. Stattdessen haben Angela Merkel und ihre jeweiligen Koalitionspartner (SPD und FDP) die Bankenwelt mit zig Milliarden an Steuergeldern beschenkt. Die Verluste der Eigentümer wurden sozialisiert. Die Gewinne hatten sie zuvor immer selbst kassiert. 

Doch wenn es um ein Mehrfamilienhaus geht, das Stuttgart 21 im Weg steht, oder um fruchtbares Ackerland wie beim Messeneubau südlich von Stuttgart, dann wird das Recht auf Eigentum kleingeschrieben. Und das Gemeinwohlgebot bis zur Unkenntlichkeit verbogen. Ein typischer Fall von Doppelmoral, auch wenn das Wort Moral in diesem Zusammenhang schon ein Euphemismus ist.


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Kommentare

Hans-Peter Piepho, 28.07.2013 09:29
Die sehr detaillierte und fundierte Kritik von Herrn Engelhardt wird systematisch von der Presse ignoriert. Das Bahn, StZ und Co das ignorieren, ist klar. Ich würde mir wünschen, dass KONTEXT die neueren Veröffentlichungen auf WikiReal mal journalistisch im Detail aufarbeitet und für ein breiteres Publikum leicht verdaulich darstellt.

Klaus Neumann, 30.05.2013 13:08
Zitat aus dem Beitrag Knallgas, 24.05.2013 11:03
""Fruchtbares Ackerland" an der Messe - Ich kanns nicht mehr hören !
Das was in einer 500m breiten Schleppe rechts und links der Autobahn, Bundesstrasse rund um das Echterdinger Ei /Messe an Boden zu finden ist, ist vielleicht fruchtbar, aber hochgradig abgasverseucht..." Klar doch. Da bleibt nur eines: dieses Gebiet weiter aufzuwerten mit noch mehr Dreck.

Im Übrigen: wenn Sie biologisch anbauen, dann haben sie bei weitem weniger Schadstoffe auch aus dem Autoverkehr in den dort gezogenen Pflanzen. Das wurde schon zu Zeiten nachgewiesen, als noch Blei im Kraftstoff war. Aber auch für die heutigen Schadstoffe aus dem Autoverkehr gilt nur eine 1000 m breiter Streifen für Ihre Aussage zur Schadstoffbelastung recht und links der Autobahn.

Und zur Erinnerung: die letzten Hungerrevolten in Ägypten und anderen Ländern kamen nicht vom Getreidepreis, sondern wurden durch die Verteuerung der Transportkosten für das Getreide verursacht. Es kommt daher darauf an, das könnte auch einmal durchaus für uns gelten, dass verbrauchernah produziert wird.

Vernetztes Denken ist eben nicht so das Ding der Proler. Ziel anvisieren, draufhalten und dann losballern. Wenn´s nicht über das Trommelfeuer der PR-Arbeit funktioniert steht immer noch die anmassende Dummheit derjenigen, die die Gesetze oder Verträge gemacht haben und deren Einfluss auf die "Rechtspflege" sichernd hinter dem eigenen Unsinn, der weiteres Geld ohne Rücksicht und Vorsicht für wenige demokratisch und dann auch rechtlich legitimiert produziert. Ich möchte nicht persönlich werden. Aber der sensiblere Zeitgenosse kann ja einmal vor dem inneren Auge jene Gesichter passieren lassen, die hier das Sagen haben und in die das geschrieben steht, was wir im Moment an Zerstörung des Rechtsstaates von innen heraus durch dieses Projekt erleben. Nun ja, es war nie anders. Nur an diesem Projekt wird es zum ersten Male in aller Breite öffentlich, wie man´s sonst mit dem Einzelbürger von der breiten Öffentlichkeit unbeachtet gemacht hat. Und was, glauben Sie werter Herr „Knallgas“, wäre in diesem Land los, wenn sich alle, die bisher durch die Gerichte und Staatsanwaltschaften einzeln abgezockt wurden in dem, was S21 widerspiegelt, wiederfinden und aufwachen, weil sie jetzt ihr Schicksal im grossen Zusammenhang erkennen?

Zuallerletzt dann ganz allgemein zu den Böden, die die Bahn dort zerstören will, auch mit der Zuführung zur NBS nach Wendlingen: „Mit den besonders fruchtbaren Lössböden ist die Filderebene sehr gut für die landwirtschaftliche Erzeugung geeignet. Rund 50 Prozent der Filderböden erreichen eine Bodenwertzahl von 75 und mehr, an einigen Stellen über 90. Die Parabraunerden der Filder zählen zu den fruchtbarsten Böden Deutschlands.“ l. c. http://de.wikipedia.org/wiki/Filder

Wolfi, 27.05.2013 13:26
Die Bahn muss nur aufpassen, dass sie nicht mit den Fristen auf die Fresse fällt. Rechte können nämlich verfristen. Das ist dann besonders gut, wenn ich einen Titel habe, den aber wegen Verfristung nicht mehr vollstrecken kann.

peterwmeisel, 26.05.2013 15:36
Aber wir können jetzt schon Wahlplakate anbringen:

"Schenken Sie uns Ihr Vertrauen
Hier baut Ihre CDU an Ihrer Zukunft!
Bezahlt vom Steuerzahler -
Nicht vom Steuerhinterzieher"

CDU Convent Der Unwahrhaftigkeiten

maguscarolus, 25.05.2013 20:46
In einer Kleptokratie geschieht nur das, woran sich die immer gleichen "reichen Eliten" noch weiter bereichern können, und zwar auf Kosten des Volksvermögens.
Bei uns kommen zu diesem inzwischen alltäglichen Vorgang noch hysterisch aufgedrehte "Qualitätsmedien" hinzu, die bei der geringsten denkbaren Abweichung vom alleinseligmachenden Weg des neoliberalen Dogmas ein Riesengeschrei erheben, als sei das Land vom Untergang bedroht.
Und so muss eben durch viel Propaganda das Wohl und Wehe des ganzen Landes mit der Fortführung des S21-Wahnsinns in direkten Zusammenhang gebracht werden, und ich vermute inzwischen, dass die Chancellière bereit wäre, jeden Betrag aus Steuermitteln des Bundes in das Projekt zu leiten, nur um nicht zugeben zu müssen, dass sie sich für einen technischen, wirtschaftlichen, verkehrsplanerischen und ökologischen Humbug verbürgt hat.

Knallgas, 24.05.2013 11:03
"Fruchtbares Ackerland" an der Messe - Ich kanns nicht mehr hören !
Das was in einer 500m breiten Schleppe rechts und links der Autobahn, Bundesstrasse rund um das Echterdinger Ei /Messe an Boden zu finden ist, ist vielleicht fruchtbar, aber hochgradig abgasverseucht. (Ich empfehle einen persönlichen Test mit Sauerstoffflasche an der Autobahn). Das dort Nahrungsmittel angebaut werden ist der eigentliche Skandal - und dann wohl auf dem Markt zu finden als leckere regionale Produkte....
Die ganze Ecke war schon vor dem Messebau hinüber - genauso wie das gesamte Umfeld des Hauptbahnhofs schon vor dem Abriss vollkommen zerstört war - sechs Spuren zwischen Bahnhof und Innenstadt, die Passanten unter der Erde. Arnulf Klett und seine Erben lassen grüßen.
Grüsse

Andreas, 24.05.2013 11:02
Ich dachte Enteignung ist das letzte Mittel und darf nur angewendet werden, wenn das Wohl vieler über dem einzelner steht?
Wie ist das Wohl einiger Privatunternehmen, die an S21 verdienen höher einzuschätzen als jenes der Millionen von Bürgern, deren Steuergelder hier verschwendet werden?

thomas a, 23.05.2013 14:55
Seit 17 Jahren bearbeitet die DB verdeckt und offen das politische Feld zugunsten S21. Bei der OB-Wahl RezzoSchlauch/WolfgangSchuster wurde mit erheblichen Mitteln Kampagne gemacht. 6000 Stimmen waren der Unterschied. Bekannt wurde der Infobus der DB. Von der neoliberalen Initiative NeueSozialeMarktwirtschaft wurde bekannt, daß Auftragsdiskutanten mit verdecktem Auftrag (Oswald Metzger soll einer geheißen haben) in Podiumsdiskussionen geschickt wurden. In einer Fernsehsoap soll für wenig Geld eine Rolle hineingeschrieben worden sein eines Zeitarbeiters, der die Umstände so toll fand. Laufen für S21 betrieb eine Agentur aus Stuttgart. Mit Werbemillionen wird die Öffentlichkeit verdummt und das Wahlkampffinanzierungsgesetz unterloffen, Wahlen beeinflußt. Und meistens verdeckt. Welche verdeckten Schweinereien sind unerkannt ? Die Behörden, siehe Heilquellenverordnung und Denkmalamt, werden auch missbraucht die negativen Auswirkungen zu verstecken, kleinzureden, abzustreiten. Damit leisten sie nicht nur Mithilfe beim Verladen der Öffentlichkeit , sondern behindern aus ihren Hinterzimmern heraus die demokratische Kontrolle.

NahDran, 23.05.2013 08:44
"Die Mehrheit der an politischen Prozessen interessierten Bürger will Stuttgart21."

Und mit welcher Umfrage kann man das aktuell nachvollziehen?

Der grüne Rocdonzo, 22.05.2013 19:09
Die Mehrheit der an politischen Prozessen interessierten Bürger will Stuttgart21. Sogar die Grünen wollen das Projekt inzwischen nicht mehr stoppen. Mehr noch, sie haben sich zu Befürwortern entwickelt, die schnell gelernt haben, wie man die Macht nutzt, welche ihnen gegeben wurde. Der geplante Nationalpark im Schwarzwald ist de facto auch eine Enteignung. Wenn schon eine Region touristisch entwickelt werden sollte, dann die Schwäbische Alb!

NahDran, 22.05.2013 14:26
Erfreulich, dass sich Kontext diesem Thema einmal in seriöser Form annimmt.

Bei den einheitlichen, äh einheimischen Zeitungen StZ/StN würde man darauf wohl vergeblich warten.

Und die Leser-Kommentare hier dürften wohl auch deutlich anders ausfallen als die der dortigen Bezahlschandmäuler (Klartext, Degerlocher usw.).

AufrechterGang, 22.05.2013 11:46
Wenn mit der vereinten Macht aller im Landtag vertretenen Parteien verhindert wird, dass ein sehr gut und in verschiedenen Herangehensweisen begründeter Betrugsverdacht nicht untersucht wird, ist eine Enteignung ohne nachprüfbare Begründung ein Nebeneffekt. Der dennoch, wie das gesamte Projekt Stuttgart 21 Schlaglichtartig beleuchtet, wie weit das Gemeinwesen bereits von Interessensnetzwerken aller Art unterwandert und missbraucht wird. Als Demokrat und nicht nur Scheindemokratische Lobbyisten, wie die meisten Politiker in diesem Licht erscheinen müssen, kann einem diese Entwicklung nur größte Sorgen bereiten. In hundert Jahren wird man die Auswirkungen dieses nicht mehr korrigierbaren Rückbaus der Bahninfrastruktur immer noch spüren und Kopfschüttelnd fragen: Wie konnte das nur geschehen? Es war doch schon damals alles bekannt.

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