KONTEXT Extra:
Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Sängerstraße: Aussicht auf Stuttgarter Hauptbahnhof und Enteignung. Foto: Joachim E. Röttgers

Sängerstraße: Aussicht auf Stuttgarter Hauptbahnhof und Enteignung. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 112
Politik

Enteignet wird erst nach der Wahl

Von Hermann G. Abmayr
Datum: 22.05.2013
Stuttgart 21 soll Angela Merkels Wahlkampf nicht stören. Bahnchef Rüdiger Grube will den ursprünglich für diese Woche geplanten Abriss eines teilweise noch bewohnten Mehrfamilienhauses in der Nähe des Hauptbahnhofs auf die Zeit nach der Wahl verschieben.

Eigentlich sollten in der Stuttgarter Sängerstraße in der Woche nach Pfingsten die Bagger anrollen, um ein stattliches Gebäude abzureißen, das dem Bau des Tunneleingangs für Stuttgart 21 im Weg steht, der den künftigen Tiefbahnhof mit den Gleisröhren verbinden soll. Doch die Bautrupps müssen warten, denn das Regierungspräsidium Stuttgart hat bisher kein grünes Licht gegeben. Eine Sprecherin bestätigte gegenüber Kontext, dass das Enteignungsverfahren noch läuft. Damit müssen die beiden letzten Bewohner des Hauses nicht ausziehen. Die anderen acht Mitbesitzer, so der Wohnungseigentümer Werner Frank (Name geändert), haben ihren Anteil an Haus und Grundstück bereits der Bahn verkauft.

Im Berliner DB-Hochhaus will man vor der Bundestagswahl keinen Ärger wegen Stuttgart 21. Schließlich hat das umstrittene Milliardenprojekt Angela Merkel und ihrer CDU schon mehrere Wahlen vermasselt, obwohl die Bahn Horrormeldungen wie die Kostenexplosionen oder umstrittene Baumaßnahmen immer erst nach den jeweiligen Wahlen bekannt gegeben beziehungsweise durchgeführt hat. Zuletzt bei der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart, als Grube und Kefer längst wussten, dass die Kosten von Stuttgart 21 von 4,5 Milliarden auf 6,8 Milliarden Euro ansteigen. Genutzt hat es nichts. Bahn-Liebling Sebastian Turner, der Kandidat von CDU, FDP und Freien Wählern, hat die Wahl trotzdem verloren.

Haus und Haltestelle stehen S 21 im Weg. Foto: Joachim E. Röttgers
Haus und Haltestelle stehen S 21 im Weg. Foto: Joachim E. Röttgers

Grube und Kefer wissen jedenfalls, was sie ihrer Kanzlerin schuldig sind. Ohne ihren Segen wären ihre lukrativen Verträge 2012 nicht verlängert worden. Klar, dass Angela Merkel bei der Bundestagswahl nicht erneut wegen des Stuttgarter Milliardenprojekts Stimmen verlieren will. Eine willkürliche Enteignung und ein Abriss eines Mehrfamilienhauses könnten Schlagzeilen produzieren, die das S- 21-Debakel der Kanzlerin wieder bundesweit ins Bewusstsein rücken. Deshalb kann es ihr nur recht sein, wenn die Bagger erst am 23. September anrücken, am Montag nach der Wahl.

Beim Enteignen nicht zimperlich

Das Enteignungsverfahren soll dennoch fortgesetzt werden. Dabei ist man im Land der "Häuslebauer" nicht zimperlich. Zumindest wenn es der Wirtschaft oder einem anderen "höheren Zweck" dient. So hat der Landtag mit den Stimmen von CDU, FDP und drei Sozialdemokraten 1998 extra ein Messegesetz verabschiedet, um die Enteignung der Bauern zu ermöglichen, deren Felder dem Milliardenprojekt südlich von Stuttgart im Wege standen. "Enteignet werden kann nach dem Grundgesetz nur zum öffentlichen Wohl," hatte Winfried Kretschmann 2004 aufgebrachte Landwirte unterstützt, die vor dem Regierungspräsidium gegen das Enteignungsverfahren protestierten. "Ihr Eigentum soll für eine Messe enteignet werden, die keiner auf den Fildern will und nur der Wirtschaft nützt und nicht dem öffentlichen Wohl," sagte der damalige Oppositionsführer der Grünen im Landtag.

Genützt hatte der Protest der Bürger damals nichts. CDU und FDP hatten das Messegesetz auf ihrer Seite. Die beiden Parteien hatten damit die Lehren aus einer gerichtlichen Niederlage in den Achtzigerjahren gezogen. Damals konnten Bauern den Bau einer Teststrecke des Daimler-Konzerns in Boxberg im Norden Baden-Württembergs auf dem Rechtsweg verhindern.

Heute ist Kretschmanns Regierung auch für die Regierungspräsidien verantwortlich, die Enteignungsverfahren durchführen. Wie jetzt gegen Werner Frank aus der Stuttgarter Sängerstraße. Der Eigentümer der letzten bewohnten Wohnung in dem Gebäude ist zwei Jahre älter als Kretschmann und wie der heutige MP seit vielen Jahren S-21-Gegner. Beide waren jahrzehntelang als Lehrer tätig. Frank (67) ist mittlerweile im Ruhestand. 

Werner Franks Anwalt Bernhard Ludwig hält die Enteignung seiner Wohnung sogar für verfassungswidrig, denn sie diene nicht dem Gemeinwohl. Einen Verfassungsbruch sieht Ludwig auch in der Finanzierung von S 21; zudem fehle nach wie vor eine Gesamtgenehmigung, sodass das Tunnelprojekt nach aktuellem Stand nicht zu Ende gebaut werden könne.

Dies sehen auch Rechtswissenschaftler wie Hans Meyer, Joachim Wieland, Helmuth Goerlich und Oliver Lepsius so. Grund: Bahnprojekte sind nach dem Grundgesetz ausschließlich eine Angelegenheit des Bundes. Und kein Land darf sich Investitionen der Bahn durch eigene Zuzahlung quasi erkaufen, da Mischfinanzierungen von Bund und Land generell unzulässig sind. Gegen dieses Gebot hatten Ex-Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) und Stuttgarts Ex-Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) verstoßen, indem sie für den Bau von S 21 und der Neubaustrecke nach Ulm milliardenschwere Zuzahlungen garantierten.

Der ehemalige Oppositionsführer Winfried Kretschmann versprach deshalb 2010, er werde als Ministerpräsident alle S-21-Zahlungen stoppen. Doch dieses Versprechen fiel schon wenige Monate später bei den Koalitionsverhandlungen mit der SPD unter den Tisch. Und mangels Kläger hat bisher kein Gericht den Verfassungsbruch gestoppt. Klagen könnte beispielsweise jede Landesregierung, die sich benachteiligt fühlt. Doch die CDU- und SPD-dominierten Regierungen wollen nicht, weil beide Parteien S 21 befürworten. Auch Bundestagsabgeordnete könnten eine Organklage einreichen – mit einem Drittel der Stimmen. Die der Linken, der Grünen und weiterer elf Abgeordneter würden ausreichen. Doch weder bei der SPD noch bei Union und FDP gibt es Dissidenten.

Verfassungsgericht drückt sich

Bernhard Ludwig hatte gehofft, dass sich das Bundesverfassungsgericht mit der Enteignung des Hauses Sängerstraße befassen wird und damit gezwungen wäre, auch zur Verfassungsmäßigkeit der Mischfinanzierung Stellung zu nehmen. Aber die Richter in Karlsruhe haben den Fall erst gar nicht zur Entscheidung angenommen. Der VGH hatte in der Abweisung des Eilantrags zwar anerkannt, dass die Analyse Engelhardts ein neues Beweismittel darstellt, gleichzeitig aber erklärt, dies sei nicht entscheidungserheblich. Christoph Engelhardt kann dies nicht nachvollziehen: "Es ist, als würde in einem Mordfall behauptet, die DNA-Spur eines bis dahin nur vage Verdächtigen ist zwar ein neues Beweismittel, liefert aber keine neue Sachlage", empört sich der Wissenschaftler.

Eingang bis zum Wahlausgang. Foto: Joachim E. Röttgers
Eingang bis zum Wahlausgang. Foto: Joachim E. Röttgers

Doch noch steht das Gebäude Sängerstraße im Stadtzentrum von Stuttgart. Die Enteignung sei mit dem Planfeststellungsbeschluss aus dem Jahr 2005 lediglich "dem Grunde nach" genehmigt, erklärte ein Sprecher des Eisenbahnbundesamts (EBA) auf Anfrage. Um sie durchzusetzen, sei ein Verfahren nach dem Landesenteignungsgesetz erforderlich, das auch die Frage der Entschädigung zu klären habe. Entscheiden müsse dann das zuständige Regierungspräsidium. Doch der Stuttgarter Behörde liegt nach Informationen von Kontext kein entsprechender Antrag vor.

Ein Sprecher des S-21-Kommunikationsbüros wollte zwar – wie Rechtsanwalt Bernhard Ludwig – zu dem laufenden Verfahren keine Angaben machen; er bestätigte allerdings, dass es im Falle Sängerstraße um eine "vorzeitige Besitzeinweisung" gehe, also eine vorzeitige Enteignung. Dies wäre allerdings erst dann möglich, wenn der Betroffene sich quer stellte und wenn die Bahn nachweisen könnte, dass der sofortige Beginn des Abrisses des Mehrfamilienhauses für den Baufortschritt erforderlich ist.

Dies können die Leute von Bahnchef Rüdiger Grube und Volker Kefer aber nicht. Denn die Bahn darf immer noch keine Baugrube für das Megaprojekt ausheben, weil für das Abpumpen und Umleiten großer Mengen an Grundwasser während der Bauphase noch keine Genehmigung vorliegt und weil noch etliche weitere Planänderungsverfahren in dem Bereich offen sind, etwa die Umplanung des Nesenbachdükers und der neuen Stadtbahnhaltestelle Staatsgalerie. Ein Abriss des Hauses und die Enteignung Werner Franks wäre also aktuell nicht erforderlich. Die Behörde von Regierungspräsident Johannes Schmalzel (FDP) könnte die Bahn deshalb auf das Hauptsacheverfahren verweisen, also das eigentliche Enteignungsverfahren.

 

Doppelmoral

Ein Kommentar von Hermann G. Abmayr 

"Geht doch rüber", hieß es in Zeiten, in denen es noch eine DDR gab. Und als Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit oder Winfried Kretschmann noch "Enteignet Springer" gerufen hatten. Dies war 1968 nach dem Attentat auf Rudi Dutschke die Forderung der APO. "Springer hat mitgeschossen", hieß es. Gemeint war die Hetze der "Bild"-Zeitung gegen die rebellischen Studenten, Lehrlinge und Schüler. 

Auch die Forderung nach einer Vergesellschaftung der Großbanken, die die Finanzkrise der vergangenen Jahre mit verursacht haben, wurde von Politik und Wirtschaft reflexartig zurückgewiesen. Dabei könnte man durchaus die Meinung vertreten, dass eine bürgernahe Rechtsformen der Finanzinstitute dem Gemeinwohl nützt. Stattdessen haben Angela Merkel und ihre jeweiligen Koalitionspartner (SPD und FDP) die Bankenwelt mit zig Milliarden an Steuergeldern beschenkt. Die Verluste der Eigentümer wurden sozialisiert. Die Gewinne hatten sie zuvor immer selbst kassiert. 

Doch wenn es um ein Mehrfamilienhaus geht, das Stuttgart 21 im Weg steht, oder um fruchtbares Ackerland wie beim Messeneubau südlich von Stuttgart, dann wird das Recht auf Eigentum kleingeschrieben. Und das Gemeinwohlgebot bis zur Unkenntlichkeit verbogen. Ein typischer Fall von Doppelmoral, auch wenn das Wort Moral in diesem Zusammenhang schon ein Euphemismus ist.


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Kommentare

Hans-Peter Piepho, 28.07.2013 09:29
Die sehr detaillierte und fundierte Kritik von Herrn Engelhardt wird systematisch von der Presse ignoriert. Das Bahn, StZ und Co das ignorieren, ist klar. Ich würde mir wünschen, dass KONTEXT die neueren Veröffentlichungen auf WikiReal mal journalistisch im Detail aufarbeitet und für ein breiteres Publikum leicht verdaulich darstellt.

Klaus Neumann, 30.05.2013 13:08
Zitat aus dem Beitrag Knallgas, 24.05.2013 11:03
""Fruchtbares Ackerland" an der Messe - Ich kanns nicht mehr hören !
Das was in einer 500m breiten Schleppe rechts und links der Autobahn, Bundesstrasse rund um das Echterdinger Ei /Messe an Boden zu finden ist, ist vielleicht fruchtbar, aber hochgradig abgasverseucht..." Klar doch. Da bleibt nur eines: dieses Gebiet weiter aufzuwerten mit noch mehr Dreck.

Im Übrigen: wenn Sie biologisch anbauen, dann haben sie bei weitem weniger Schadstoffe auch aus dem Autoverkehr in den dort gezogenen Pflanzen. Das wurde schon zu Zeiten nachgewiesen, als noch Blei im Kraftstoff war. Aber auch für die heutigen Schadstoffe aus dem Autoverkehr gilt nur eine 1000 m breiter Streifen für Ihre Aussage zur Schadstoffbelastung recht und links der Autobahn.

Und zur Erinnerung: die letzten Hungerrevolten in Ägypten und anderen Ländern kamen nicht vom Getreidepreis, sondern wurden durch die Verteuerung der Transportkosten für das Getreide verursacht. Es kommt daher darauf an, das könnte auch einmal durchaus für uns gelten, dass verbrauchernah produziert wird.

Vernetztes Denken ist eben nicht so das Ding der Proler. Ziel anvisieren, draufhalten und dann losballern. Wenn´s nicht über das Trommelfeuer der PR-Arbeit funktioniert steht immer noch die anmassende Dummheit derjenigen, die die Gesetze oder Verträge gemacht haben und deren Einfluss auf die "Rechtspflege" sichernd hinter dem eigenen Unsinn, der weiteres Geld ohne Rücksicht und Vorsicht für wenige demokratisch und dann auch rechtlich legitimiert produziert. Ich möchte nicht persönlich werden. Aber der sensiblere Zeitgenosse kann ja einmal vor dem inneren Auge jene Gesichter passieren lassen, die hier das Sagen haben und in die das geschrieben steht, was wir im Moment an Zerstörung des Rechtsstaates von innen heraus durch dieses Projekt erleben. Nun ja, es war nie anders. Nur an diesem Projekt wird es zum ersten Male in aller Breite öffentlich, wie man´s sonst mit dem Einzelbürger von der breiten Öffentlichkeit unbeachtet gemacht hat. Und was, glauben Sie werter Herr „Knallgas“, wäre in diesem Land los, wenn sich alle, die bisher durch die Gerichte und Staatsanwaltschaften einzeln abgezockt wurden in dem, was S21 widerspiegelt, wiederfinden und aufwachen, weil sie jetzt ihr Schicksal im grossen Zusammenhang erkennen?

Zuallerletzt dann ganz allgemein zu den Böden, die die Bahn dort zerstören will, auch mit der Zuführung zur NBS nach Wendlingen: „Mit den besonders fruchtbaren Lössböden ist die Filderebene sehr gut für die landwirtschaftliche Erzeugung geeignet. Rund 50 Prozent der Filderböden erreichen eine Bodenwertzahl von 75 und mehr, an einigen Stellen über 90. Die Parabraunerden der Filder zählen zu den fruchtbarsten Böden Deutschlands.“ l. c. http://de.wikipedia.org/wiki/Filder

Wolfi, 27.05.2013 13:26
Die Bahn muss nur aufpassen, dass sie nicht mit den Fristen auf die Fresse fällt. Rechte können nämlich verfristen. Das ist dann besonders gut, wenn ich einen Titel habe, den aber wegen Verfristung nicht mehr vollstrecken kann.

peterwmeisel, 26.05.2013 15:36
Aber wir können jetzt schon Wahlplakate anbringen:

"Schenken Sie uns Ihr Vertrauen
Hier baut Ihre CDU an Ihrer Zukunft!
Bezahlt vom Steuerzahler -
Nicht vom Steuerhinterzieher"

CDU Convent Der Unwahrhaftigkeiten

maguscarolus, 25.05.2013 20:46
In einer Kleptokratie geschieht nur das, woran sich die immer gleichen "reichen Eliten" noch weiter bereichern können, und zwar auf Kosten des Volksvermögens.
Bei uns kommen zu diesem inzwischen alltäglichen Vorgang noch hysterisch aufgedrehte "Qualitätsmedien" hinzu, die bei der geringsten denkbaren Abweichung vom alleinseligmachenden Weg des neoliberalen Dogmas ein Riesengeschrei erheben, als sei das Land vom Untergang bedroht.
Und so muss eben durch viel Propaganda das Wohl und Wehe des ganzen Landes mit der Fortführung des S21-Wahnsinns in direkten Zusammenhang gebracht werden, und ich vermute inzwischen, dass die Chancellière bereit wäre, jeden Betrag aus Steuermitteln des Bundes in das Projekt zu leiten, nur um nicht zugeben zu müssen, dass sie sich für einen technischen, wirtschaftlichen, verkehrsplanerischen und ökologischen Humbug verbürgt hat.

Knallgas, 24.05.2013 11:03
"Fruchtbares Ackerland" an der Messe - Ich kanns nicht mehr hören !
Das was in einer 500m breiten Schleppe rechts und links der Autobahn, Bundesstrasse rund um das Echterdinger Ei /Messe an Boden zu finden ist, ist vielleicht fruchtbar, aber hochgradig abgasverseucht. (Ich empfehle einen persönlichen Test mit Sauerstoffflasche an der Autobahn). Das dort Nahrungsmittel angebaut werden ist der eigentliche Skandal - und dann wohl auf dem Markt zu finden als leckere regionale Produkte....
Die ganze Ecke war schon vor dem Messebau hinüber - genauso wie das gesamte Umfeld des Hauptbahnhofs schon vor dem Abriss vollkommen zerstört war - sechs Spuren zwischen Bahnhof und Innenstadt, die Passanten unter der Erde. Arnulf Klett und seine Erben lassen grüßen.
Grüsse

Andreas, 24.05.2013 11:02
Ich dachte Enteignung ist das letzte Mittel und darf nur angewendet werden, wenn das Wohl vieler über dem einzelner steht?
Wie ist das Wohl einiger Privatunternehmen, die an S21 verdienen höher einzuschätzen als jenes der Millionen von Bürgern, deren Steuergelder hier verschwendet werden?

thomas a, 23.05.2013 14:55
Seit 17 Jahren bearbeitet die DB verdeckt und offen das politische Feld zugunsten S21. Bei der OB-Wahl RezzoSchlauch/WolfgangSchuster wurde mit erheblichen Mitteln Kampagne gemacht. 6000 Stimmen waren der Unterschied. Bekannt wurde der Infobus der DB. Von der neoliberalen Initiative NeueSozialeMarktwirtschaft wurde bekannt, daß Auftragsdiskutanten mit verdecktem Auftrag (Oswald Metzger soll einer geheißen haben) in Podiumsdiskussionen geschickt wurden. In einer Fernsehsoap soll für wenig Geld eine Rolle hineingeschrieben worden sein eines Zeitarbeiters, der die Umstände so toll fand. Laufen für S21 betrieb eine Agentur aus Stuttgart. Mit Werbemillionen wird die Öffentlichkeit verdummt und das Wahlkampffinanzierungsgesetz unterloffen, Wahlen beeinflußt. Und meistens verdeckt. Welche verdeckten Schweinereien sind unerkannt ? Die Behörden, siehe Heilquellenverordnung und Denkmalamt, werden auch missbraucht die negativen Auswirkungen zu verstecken, kleinzureden, abzustreiten. Damit leisten sie nicht nur Mithilfe beim Verladen der Öffentlichkeit , sondern behindern aus ihren Hinterzimmern heraus die demokratische Kontrolle.

NahDran, 23.05.2013 08:44
"Die Mehrheit der an politischen Prozessen interessierten Bürger will Stuttgart21."

Und mit welcher Umfrage kann man das aktuell nachvollziehen?

Der grüne Rocdonzo, 22.05.2013 19:09
Die Mehrheit der an politischen Prozessen interessierten Bürger will Stuttgart21. Sogar die Grünen wollen das Projekt inzwischen nicht mehr stoppen. Mehr noch, sie haben sich zu Befürwortern entwickelt, die schnell gelernt haben, wie man die Macht nutzt, welche ihnen gegeben wurde. Der geplante Nationalpark im Schwarzwald ist de facto auch eine Enteignung. Wenn schon eine Region touristisch entwickelt werden sollte, dann die Schwäbische Alb!

NahDran, 22.05.2013 14:26
Erfreulich, dass sich Kontext diesem Thema einmal in seriöser Form annimmt.

Bei den einheitlichen, äh einheimischen Zeitungen StZ/StN würde man darauf wohl vergeblich warten.

Und die Leser-Kommentare hier dürften wohl auch deutlich anders ausfallen als die der dortigen Bezahlschandmäuler (Klartext, Degerlocher usw.).

AufrechterGang, 22.05.2013 11:46
Wenn mit der vereinten Macht aller im Landtag vertretenen Parteien verhindert wird, dass ein sehr gut und in verschiedenen Herangehensweisen begründeter Betrugsverdacht nicht untersucht wird, ist eine Enteignung ohne nachprüfbare Begründung ein Nebeneffekt. Der dennoch, wie das gesamte Projekt Stuttgart 21 Schlaglichtartig beleuchtet, wie weit das Gemeinwesen bereits von Interessensnetzwerken aller Art unterwandert und missbraucht wird. Als Demokrat und nicht nur Scheindemokratische Lobbyisten, wie die meisten Politiker in diesem Licht erscheinen müssen, kann einem diese Entwicklung nur größte Sorgen bereiten. In hundert Jahren wird man die Auswirkungen dieses nicht mehr korrigierbaren Rückbaus der Bahninfrastruktur immer noch spüren und Kopfschüttelnd fragen: Wie konnte das nur geschehen? Es war doch schon damals alles bekannt.

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