KONTEXT Extra:
Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


Sichere Herkunftsstaaten: Kretschmann schon lange für längere Liste

Winfried Kretschmann hat sich mit jüngsten Äußerungen zur Einstufung von Marokko, Tunesien und Algerien als sichere Herkunftsländer derart in die Nesseln gesetzt, dass sich sein Staatsministerium zu einer "Klarstellung" aufgerufen sah. Tatsächlich handelt es sich um einen durchsichtigen Versuch der Schadensbegrenzung. Der grüne Regierungschef hatte auf Anfrage der "Rheinischen Post" in einer Stellungnahme zur aktuellen Sicherheitsdebatte erklärt: "Die kriminelle Energie, die von Gruppierungen junger Männer aus diesen Staaten ausgeht, ist bedenklich und muss mit aller Konsequenz bekämpft werden." Zugleich sprach er sich für die Aufnahme der drei Maghreb-Staaten auf die Liste sicherer Herkunftsländer aus: "Baden-Württemberg wird der Ausweitung zustimmen, sofern die Bundesregierung das Ansinnen in den Bundesrat einbringt."

Die Wirkung beider Sätze im Zusammenhang sind ihm und "meinen Leut", wie er seine engsten Mitarbeiter gern nennt, offenbar entgangen. Jedenfalls stellte "das Staatsministerium klar, dass die signalisierte Zustimmung weder aus aktuellem Anlass beschlossen wurde, noch ihre Begründung in der Gewaltbereitschaft mancher Gruppen junger Männer aus diesen Ländern hat". Vielmehr sei die Entscheidung "schon im Frühsommer 2016 nach einem langen Abwägungsprozess, in dem vor allem der Frage nachgegangen wurde, ob es angesichts der Menschenrechtssituation in den besagten Ländern vertretbar wäre, diese zu sicheren Herkunftsländern zu erklären (...), als sich die Bundesregierung dem Ministerpräsidenten gegenüber bereit erklärte, in einer Protokollerklärung festzuhalten, Personen aus sogenannten vulnerablen Gruppen wie Homosexuellen, verfolgten Journalisten, religiösen Minderheiten mit gleicher Sorgfalt zu prüfen wie Flüchtlinge aus sonstigen Ländern". Das Staatsministerium sagt allerdings nichts dazu, ob die Forderung erfüllt wurde und warum das Thema nicht längst endgültig ausgetreten ist. Denn laut dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration werden die drei Länder in der Statistik überhaupt nicht mehr einzeln ausgewiesen, weil die Zahl der einreisenden Asylbewerber so niedrig ist. Und bereits 2015 gehörten die drei Staaten nicht zu jenen zehn Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen. (5.1.2017)


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Neckarprawda im Regen. Foto: Joachim E. Röttgers

Neckarprawda im Regen. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 109
Medien

"Interner Mittelfinger"

Von Anna Hunger
Datum: 30.04.2013
Das "Schwäbische Tagblatt" war eine der bekanntesten und außergewöhnlichsten Lokalzeitungen Deutschlands. Jetzt wird es abgewirtschaftet und gemolken. Schuld daran ist eine fragwürdige Firmenpolitik und kaum Verständnis für das, was eigentlich die vierte Gewalt sein sollte. Eine Geschichte über eine gute Zeitung, die zum schlechten Beispiel wurde.

Es war der Klimax der Bekanntheit dieses kleinen Lokalblatts aus dem Süden Deutschlands. Im Jahr 2002 machte Tübingen Weltpolitik und brüskierte sogar den US-Präsidenten. Ein Autor des "Schwäbischen Tagblatts" hatte auf einer Gewerkschaftsversammlung mit angehört, wie die damalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) die Außenpolitik von George Bush Junior mit der von Adolf Hitler verglichen hatte. Und so hat er es am kommenden Tag geschrieben. Die Weltpolitik – empört! Spanien berichtete, England, US-Zeitschriften. Altkanzler Schröder telefonierte mit einem "persönlich tief getroffenen" US-Präsidenten, der US-Außenminister mit Joschka Fischer, und Condolezza Rice ließ öffentlich verlautbaren, die Bundesregierung habe das Klima der beiden befreundeten Nationen vergiftet. Däubler-Gmelin musste zurücktreten, und das "Schwäbische Tagblatt", die Lokalpresse aus Tübingen, hatte das Transatlantische Bündnis in eine tiefe Krise gestürzt.

Das "Schwäbische Tagblatt", derzeit 43 222 Auflage, mit Außenstellen in Rottenburg am Neckar ("Rottenburger Post"), Mössingen ("Steinlach-Bote") und Reutlingen, war nie eine normale Lokalzeitung. Sie war der rote Klecks in einem dunkelschwarzen Land, links, immer respektlos, manchmal aufrührerisch, frech und laut, wenn es notwendig war. Die "Neckar-Prawda", in Anlehnung an den Fluss, der vor der Verlagstür vorbeifließt, und an die von Lenin im zaristischen Russland gegründete Arbeiterzeitung. In besten Zeiten mit 40 Redakteuren ausgestattet, war das "Tagblatt" Talentschmiede für solche, die heute für den "Spiegel" oder die "Zeit" arbeiten. Es lehrte Haltung und Rückgrat. Das "Schwäbische Tagblatt" war der Prototyp einer gelungenen, unabhängigen und meinungsstarken kleinen Zeitung, wie jede Region eine haben sollte. 

Heute ist sie das Musterbeispiel für den Triumph der Shareholder-Value-Mentalität über das, was eigentlich die vierte Gewalt sein sollte. Denn mittlerweile ist die Zeitung abgestiegen von ihrem einstmals stolzen Streitross und geht den Weg bergab zu Fuß, wie die allermeisten Lokal- und Regionalzeitungen in Deutschland. Wird leiser, politisch angepasster und so kostengünstig, dass kein Hintern mehr einen Stuhl wärmt, der nicht irgendwie auch noch eingespart werden könnte. 

Schuld daran sind nur in zweiter Linie die sattsam bekannten Gebrechen der Presselandschaft – Internet, Anzeigenrückgang, Abonnentenschwund. Sondern die falsche Reaktion der Verleger darauf und, speziell in Baden-Württemberg, die oft undurchsichtigen Vernetzungen der Eigentumsverhältnisse innerhalb der süddeutschen Presselandschaft.

Eine Lizenz zum Gelddrucken

In den Nachkriegsjahren war eine Lizenz für eine Zeitung gleichbedeutend mit einer Lizenz zum Gelddrucken. Die Verleger – bald reiche Kerle, deren Familien bis heute oftmals ganze Straßenzüge in Innenstädten gehören. Sie waren Meinungs-Monopolisten in ihren kleinen Reichen, aber eben auch vom Krieg Geprägte, die auf die Trümmer der Diktatur demokratische Eckpfeiler aufbauten und einen Auftrag in dem erkannten, was sie da taten. Ihre Kinder und Kindeskinder dagegen wuchsen im Verleger-Wirtschaftswunder auf, und wurden sehr viel mehr auf betriebswirtschaftliche Denke getrimmt, als mit Herz und Mut Zeitung zu machen. Die Zeitung in zweiter, dritter Generation – zu oft Spekulationsobjekt, renditegebende Milchkuh, die längst von allen Seiten leer gemolken wird.

Beim "Tagblatt" ist Elisabeth Frate die zweite Generation. Sie hat die Hälfte des Verlags von Vater Will Hans Hebsacker geerbt (51 Prozent) und später 10 Prozent an ihren Mann Alexander verschenkt. Das Paar lebt in einem hübschen Haus, einen Steinwurf vom Hölderlinturm in Tübingen entfernt, exklusive Wohnlage direkt am Neckar. Die andere Hälfte hatte damals Christoph Müller geerbt, Verleger und Chefredakteur von 1969 bis 2004. Er hat das Tagblatt zu dem gemacht, was es einmal war. 

Verleger und Paradiesvogel in einem: Christoph Müller auf seiner Redaktionscouch. Foto: Joachim E. Röttgers

Er war der Paradiesvogel unter den schwäbischen Verlegern. Schwul, links bis grün, einer mit Biss und Chuzpe, der sein Blatt als seine Familie begriff und es genoss, den schwäbischen Sumpf ein bisschen aufzumischen. Und wenn da einer drohte, keine Anzeigen mehr zu schalten oder das Abo abzubestellen, dann soll er nur gesagt haben: "Sollen sie doch, die kommen alle wieder." Und als die Bushs und Rices und Schröders und Gmelins dieser Welt rotierten, wegen des Berichts seines Redakteurs, sagte er auf allen Kanälen: "Ich sehe keinerlei Grund, unseren Bericht zurückzunehmen, und werde den Bush-Hitler-Vergleich auch gegenüber Washington vertreten!" Es klingt wie Hohn, dass ausgerechnet er den Anstoß gab zum Abstieg.

Christoph Müller besaß knapp die Hälfte Verlagsanteil. Er übernahm die Zeitung mit einer Auflage von 32 382 Exemplaren und verließ sie, als sich die Anzahl der verkauften Exemplare um rund 35 Prozent auf 45 117 gesteigert hatte und durch die erste Anzeigenflaute schon wieder gefallen war. Sollte er gehen, hatte er ehedem versprochen, werde er seinen Teil der Redaktion vermachen. 2004 hat er aufgehört. Und seine 49 Prozent "Tagblatt" an die Südwestpresse in Ulm verkauft. Christoph Müller zog mit einer Summe von, so sagt man, rund 20 Millionen Euro nach Berlin und sammelt seither Kunst. Seinen Zögling überließ er einem der größten Zeitungsverbunde in Deutschland, der mit seiner Auflage etwa ein Drittel der Fläche Baden-Württembergs abdeckt, eine dieser Mediengroßmächte, die eine einstmals vielfältige Medienlandschaft mit ihren Mantelteilen beglücken, weil sich kleine Lokalzeitungen schon lange keinen eigenen Mantel mehr leisten können.

Nach Müller war Eckhard Ströbel Leiter der Redaktion. Ein Original, WG-gestählt, als langjähriger Müller-Vize führungserfahren und auch mit den schrägen Seiten der Firma vertraut. Er stellte sich im Sturm vor seine Belegschaft, auch, als die verbliebene Verleger-Familie Frate immer häufiger nach Ulm schielte, weil die dort die Zeitung billiger machten als die in Tübingen. Und wenn die dort in Ulm mit nur soundsovielen Redakteuren eine Zeitung machen können, fand die Verlagsleitung, dann müsse das doch auch in Tübingen gehen. Sie erweiterte den Umfang der Berichterstattung auf dem Land. Beschnitt das Budget für Freie, erst ein bisschen, dann immer mehr, bis ein Drittel davon gestrichen war und Redakteure teils drei, vier Orte gleichzeitig bedienen mussten. Der Druck wuchs. Aber er wurde irgendwie immer abgefangen, weil sie mit Ströbel einen Chef und mit Martin Mayer einen Chef vom Dienst hatten, die ihnen den Rücken stärkten. 

2012 sind Ströbel und Mayer in den Ruhestand gegangen. Mit ihnen ging Jörg Röver, der Verlagsleiter unter dem 2003, als Internet und Anzeigenflaute schon erste Opfer gefordert hatten, die erste Einsparungswelle rund 50 Beschäftigte den Arbeitsplatz kostete.

Und dann kam "Lord Voldemort"

Für Jörg Röver kam der aktuelle Verlagsleiter Gerd Waldenmaier, 55 Jahre alt, grauer Seitenscheitel. Waldenmaier war einer der "Top-Manager" des Ippen-Zeitungskonzerns, Anzeigen-Monopolist in Hessen und ein Unternehmen, das unter seinem Chef Dirk Ippen die kleinsten der kleinen Lokalzeitungen aufkauft und zu einem renditestarken Einheitsbrei zusammenrührt. Waldenmaier war dort in Chefpositionen bei zehn Verlagen, Herr über zeitweise bis zu 34 Anzeigenblätter, ein Geldmacher soll er sein, Jurist, Unternehmensberater, ein Sanierer. Und ein cholerischer Typ offenbar, der die Menschen kleinmacht und zusammenstaucht, bis sie sich entweder krank melden oder kündigen. 

Wenn man bei Verdi München anruft, sagen sie, oje, der Waldenmaier, der hinterlässt überall verbrannte Erde. Seine Dissertation an der Uni Freiburg trägt den Titel: "Der Betriebsführer in der Betriebsverfassung des Dritten Reiches nach dem Gesetz zur Ordnung der Nationalen Arbeit vom 20. Januar 1934." Die Tagblatt-Redakteure meinen in dunklen Stunden, das sei ihm offenbar ins Blut übergegangen, und nennen ihn hinter vorgehaltener Hand Lord Voldemort, nach dem bösen Zauberer aus "Harry Potter". Der Waldenmaier sei wohl ein arger Griff daneben gewesen, sagen solche, die die Familie Frate gut kennen, ein Versehen. Eventuell, sagen sie, wolle die alternde Verlegerin ihr Blatt nun mit Gewalt auf den letzten Metern lukrativer machen, um dann auch noch die restlichen 51 Prozent an die Südwestpresse zu verkaufen.

Eine Woche saß der neue Verlagschef in seinem Tübinger Büro. Dann beschloss er, die Honorare für freien Mitarbeiter müssten runter. Außerdem käme die "Neue Züricher Zeitung" doch auch gut ohne Fotos aus, warum also nicht auch das Tagblatt. Er strich zwei von drei langjährigen Archivarinnen die Stelle, steckte sie als Volontärinnen in die Redaktion und vermietete gleich noch das Tagblatt-Eck, die ehemalige Geschäftsstelle, in der Abos verkauft wurden, Reisen und Anzeigen, an die Sonderangebot-Ramschabteilung der Osiander-Buchhandlung. Waldenmaier: "Wir freuen uns, einen so renommierten und in der Region bestens verankerten Mieter begrüßen zu dürfen." 

Noch unter Verlagsleiter Jörg Röver hatten Redakteure und Verlagsleitung begonnen, im Zuge eines "Strategieprozesses" ein Leitbild zu erarbeitet. Eine Seite Kleingedrucktes mit Herz und Verstand, die Überschrift: "Wir gestalten Zukunft: zuverlässig, Kompetent, unabhängig, fair, mutig". Die Verlagsleitung hat dieses Leitbild zur Vorarbeit demontiert und es um gut vier Fünftel reduziert. Es heißt nun: "Das moderne Medienhaus in den Regionen Neckar-Alb/Nordschwarzwald." Es geht vor allem um Wirtschaftlichkeit. 

Noch zur Betriebsversammlung im Oktober 2012 hatte Waldenmaier versichert, es werde trotz Umstrukturierung keine personellen Einsparungen geben. Eine gute Nachricht in einem schlechten Klima. Denn der Verlagschef, erzählen Redakteure, habe an diesem denkwürdigen Nachmittag alle abgekanzelt, die sich irgendwie zu Wort meldeten. Zu Fragen, wie es um den Verlag stehe, sagte er sinngemäß nur, alle anderen Anwesenden seien sowieso nicht in der Lage, diese Informationen richtig einzuordnen, zu Kritik wurde er giftig, und zum Schluss ließ er seine Belegschaft wissen, dass es strafrechtliche Konsequenzen haben werde, wenn einer irgendwas Internes aus der Versammlung rausließe. Seither schweigen sie zu all den kleinen und großen Unverschämtheiten, die "Lord Voldemort" sich täglich leistet. 

Im Februar 2013 verschickte die Verlagsleitung intern ein Papier: "Liebe Mitarbeiter, wie sie wissen, ist unsere Branche einem sehr negativen und besorgniserregenden Strukturwandel in Form sinkender Abonnentenzahlen sowie massiv rückläufiger Werbeumsätze unterworfen. Eine Trendwende zum Besseren erscheint aus mehreren Gründen auch auf lange Sicht gesehen ausgeschlossen." "Signifikante Kostenreduktion", Arbeitszeitreduzierung und Abfindungs-Angebote waren die Folge. Zehn Mitarbeiter, heißt es, werden in absehbarere Zeit wohl gehen.

Die Bilanzen des "Tagblatts" sprechen nicht die Sprache eines darbenden Pressehauses

2011 hieß es: "Der Jahresüberschuss in Höhe von 1 512 133,62 Euro wird in Höhe von 151 213,37 Euro in die Gewinnrücklage eingestellt und in Höhe von 1 360 920,25 Euro an die Gesellschafter ausgeschüttet." 2010 erwirtschaftete der Verlag 1,5 Millionen Euro, rund 1,4 davon gingen an Frates und die SWP. Im Jahr davor waren es zwei Millionen, davon gingen anderthalb an die Gesellschafter. Umsatzrendite aktuell: 8,3 Prozent, Umsatzrendite-Ziel: 12 bis 14. Gerd Manthey, Mediensekretär bei Verdi, sagte kürzlich, die Verlagshäuser in Deutschland sollten sich Schilder an ihre Häuser nageln: "Dieser Verlag wurde von meinen Mitarbeitern bezahlt." Die Tagblatt-Chefs könnten es sich sogar vergolden lassen. Und die Südwestpresse tilgt damit bequem die Zinsen für den Kredit, mit dem sie das "Tagblatt" gekauft hat.

Elisabeth Frate äußert sich nicht zu ihrem Verlag und lässt ausrichten, sie habe momentan zu viel zu tun. Der Druck der SWP auf die Verlegerfamilie sei immens, sagen Kollegen, und stetig steigend. Manchmal, erzählen manche, würde Frau Frate mit Tränen in den Augen durchs Haus laufen, wenn Waldenmaier sich wieder einen Fauxpas geleistet hat. 

Sie hat im vergangenen Jahr zehn Prozent ihrer 51 am Verlag an ihren Mann Alexander, den derzeitigen Geschäftsführer, verschenkt. Seitdem haben sich die Mehrheitsverhältnisse geändert. Alexander Frate, eher Weinkenner als Zeitungsmensch, ein Feinschmecker und Autonarr. Er soll spendabel sein, sagen solche, die ihn kennen. Kein Knicker, sondern einer, der gerne schenkt und gibt. Früher, erzählt ein Weggenosse, sei er immer zum Weltverlegerverbandstreffen gefahren und hatte "globale Verlegerluft" geschnuppert.

Schwäbischer Kampfbetrieb 1990. Foto: Joachim E. Röttgers
Schwäbischer Kampfbetrieb 1990. Foto: Joachim E. Röttgers

Elisabeth Frate soll eine Frau sein, die gerne nochmal eine Nacht über schwere Entscheidungen schläft, eine sparsame, schwäbische und nie leichtfertige Person. Ihr Mann, so sagt man, sei da eher mit Geld zu locken. Gerd Manthey sagt: "Muss wohl ein Versehen gewesen sein, dass die Frates ausgerechnet einen wie Waldenmaier eingestellt haben." Aber vielleicht brauchen solche, die selbst nur wenig vom Verlagsgeschäft verstehen, einen internen Wadenbeißer. 

Auch die Chefetage auf Redaktionsseite wurde unter Verlagsleiter Waldenmaier umstrukturiert. Für Eckard Ströbel kam Gernot Stegert als Chefredakteur, ehemaliger Politikredakteur der "Heilbronner Stimme". Stegert, sagen Leute, die ihn mögen, sei ein sanfter, lieber Mensch. Andere sagen im Zorn, er sei einer, der sofort flachliege, wenn es brenzlig wird. In einem Antritts-Interview mit dem Deutschen Journalistenverband sagte er, eines der wichtigsten Ziele sei es, den Lokalteil des "Tagblatts" mehr dem Mantelteil aus Ulm anzupassen. Links goes konservativ. "Tagblatt" goes SWP.

Aber auch an Stegert wurde in der jüngsten Zeit geschraubt. Als "Chefredakteur" verpflichtet firmiert er mittlerweile nur noch als "Redaktionsleiter Tübingen". Sein Stellvertreter ist Ulrich Janßen, der gleichzeitig auch für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Das sei, sagen Kollegen, nicht nur für Tagblatt-Verhältnisse eine steile Mischung. 

Noch im vergangenen Jahr gab es neben den Chefs in Tübingen noch "Leiter der Außenredaktionen". Einer davon war Ernst Bauer, der dem "Steinlachboten" vorstand. Er kannte jeden Pflasterstein in der Gegend. Anfang des Jahres hat er über den Mössinger Generalstreik gegen die Machtübernahme Hitlers Anfang 1933 geschrieben, wogegen danach eine Gruppe Geschichtsrevisionisten Sturm lief, die behauptete, einen Generalstreik hätte es in Mössingen nie gegeben. Letztlich schrieb er über einen CDU-Mann aus selbiger Gruppe, der den Aufgang zu seiner Arztpraxis mit CDU-Plakaten pflastert. Da hat man ihn versetzt, den Bauer, nach Tübingen, drei Jahre vor seiner Pensionierung. "Er hat sich als kommunalpolitischer Berichterstatter profiliert und interessiert sich für lokalgeschichtliche Hintergründe", rechtfertigte Gernot Stegert die Versetzung im Blatt. Ernst Bauer hatte eine Abmahnung im Briefkasten. Von Abmahnungen hatte man bis dahin beim Tagblatt kaum etwas gehört. Mittlerweile häufen sie sich. 

"Strafversetzt" schrieb einer in einem Leserbrief zum Abkommando Bauers. Und weiter: "Das Schlimmste an der traurigen Aktion der Verlagsleitung gegen einen bewährten Mitarbeiter ist jedoch die Tatsache, dass auf Druck einiger konservativer Mössinger Stadträte das Tagblatt selbst mit dem hohen Gut der Pressefreiheit leichtfertig umgeht. Die beste Lokalzeitung der Welt, wie sie Walter Jens noch kannte, ist so zu einer willfährigen Vollstreckerin stockkonservativer Machtspiele heruntergekommen, dass mir graust." Dreimal schickte er den Brief ans Tagblatt, bis sie zumindest Auszüge davon druckten. Und er war nicht der einzige Bauer-Verfechter, der erstmal ungedruckt blieb.

Kürzlich kam wieder eine Mail über den "Tagblatt"-Verteiler. Ab dem 1. 6. 2013 werden die Essensmarken gestrichen, mit freundlichen Grüßen , Dr. Gerd Waldenmaier. "Das ist der interne Mittelfinger", sagt ein Redakteur. Dabei geht es ihm nicht um die zwei Euro Zuschuss für ein Mittagessen. Es geht um die Abschaffung von Wertschätzung.

 


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Kommentare

Fedor Außerhalb, 08.01.2014 21:32
Es muss ein furchtbarer Jurist sein, der jetzt das Tagblatt führt. Sein Dissertationsthema und Werdegang zeigen deutlich welchen Idealen sich der Seitenscheitel verpflichtet fühlt. Gegen diese "Personifizierung ökonomischer Kategorien" hilft nur die Renitenz und Kompromisslosigkeit der Tagblatt-Redakteure.
Danke den Wüste Welle und Kontext Autoren für den Trost und die Intervention. Und danke an Frederico für die tolle Wortneuschöpfung.

Gegen die Verkäseblattisierung des Tagblatts! Solidarität mit Ernst Bauer!

Birger W. Kochert, 26.07.2013 15:59
Überwiegend sind die Kommentare, was die Verlegerfamilie Frate anbelangt
überzogen. Wenn diese ein schönes Haus, ein großes Auto besitzt und Herr
Frate gerne einen guten Wein trinkt, so hat das gar nichts mit dem Nieder-
gang des Blattes zu tun. Futterneid lässt grüßen.
Die Steuergesetzgebung lässt der Verlegerfamilie keine andere Wahl in dieser ökonomischen Lage. Mein Vorwurf an die Familie Frate : Sie hätte ihre Kinder beizeiten für den Journalismus und das Verlagsgeschäft begei-
stern müssen.
Einen Initialpunkt hat indes die Lichtgestalt Christoph Müller gesetzt ! Den
Verkaufserlös seiner Verlagsanteile nach Ulm hat er wahrscheinlich steuer-
ermäßigend (Null Steuern ??) in eine Stiftung gelegt, die sein Hobby Bilder-
kauf finanziert.
Das kleinere Übel ist wohl, wenn der Tagblattverlag "im Ländle" bleibt. Zu
überlegen ist für die Kapitalseite eine Fusion mit dem GEA.

Clara Madlener, 10.05.2013 14:30
Auch wenn Gernot Stegert es in seinem Kommentar dementiert - der Artikel entspricht in vielem meinem eigenen Eindruck, seit ich nach vielen Jahren wieder ein (Halb-)Abo habe. Die Ausgaben bleiben bei mir liegen, denn der Mantelteil ist unsolide und zu wenig informativ, der Landteil zu ausgedappt, nur vor Ort von Interesse. Keine Zeitung, die man auf Dauer mit Gewinn lesen kann. Sehr schade, weil ich mit dem Abo das Schwäbische Tagblatt unterstützen wollte.

Frederico Elwing, 10.05.2013 11:10
Herr Stegert lehnt die Veröffentlichung von Leserbriefen zu dem Thema ab. Ich weiß von mehreren Leserbriefen, die nicht veröffentlicht wurden. Er scheut die Debatte wie der Teufel das Weihwasser. Unterdessen schreitet die Boulevardisierung/Verkäseblattisierung des Tagblatts mit voller Geschwindigkeit voran.

Der Hauptartikel auf Seite 1 des Lokalteils ist mittlerweile fest für ein Boulevard-Thema gebucht. Heute unter dem Titel "Überall Herzchen für Mutti" bringt eine investigativ recherchierte Reportage beeindruckende Erkenntnisse zu Tage: "Eine TAGBLATT-Umfrage zeigt: Muttertag wird noch von vielen zelebriert".

Welch bahnbrechende Erkenntnis! Wer hätte das vermutet?! Das ist sauber recherchiert, das lese ich nur in einem Qualitätsblatt! Das unterscheidet Qualitätszeitungen wie das "Schwäbische Tagblatt" von "Postillen" (Stegert) wie KONTEXT.

Nun kündigt Stegert gar eine "redaktionelle Qualitätsoffensive" an, von der sich die Leser/innen in wenigen Wochen überzeugen werden können. Dem kritischen Leser schwant übles.

Martin Nienhaus, 05.05.2013 11:55
In der Tat: Die Qualität des Tagblatts lässt immer mehr zu wünschen übrig. Die des Mantels (SWP Ulm) gar seit den Zeiten eines Ulrich Wildermuths, dessen neoliberalistische Kampfparolen und die durch ihn initiierte politische Neuausrichtung stramm an der Seite der damaligen schwarzen Landesregierung mich (damals noch FDP - Mitglied) dazu bewegt haben, das Tagblatt-Abo zu kündigen.

Wenn man heute mitbekommt, wie Redakteuren Maulkörbe verpasst werden, weil sich Betroffene eines Artikels bei der Leitung beschweren, wie sie angewiesen werden, bestimmte Themen nicht mehr zu bearbeiten oder sich gar bei den Beschwerdeführern entschuldigen sollen, kann man den Absturz des Tagblatts aus den Höhen vergangener Jahrzehnte in die Niederungen der rein betriebswirtschaftlichen Betrachtung journalistischer Tätigkeit ohne Probleme nachvollziehen.

@ Herrn Eichenbrenner: Sie schreiben:"Was Tübingen fehlt sind also Leute vom Kaliber des Doktor Waldenmaiers, die die neue Zeit hereinbringen, die aus Nichts noch ein, zwei Millionen Rendite rausholen".
Richtig, auch eine Zeitung muss Geld verdienen, um sich zu finanzieren. Aber eine Zeitung ist mehr als eine Firma, sie ist auch ein Wert an sich, sie ist ein Teil der vierten Gewalt, nicht nur einfach ein x-beliebiges börsennotiertes Unternehmen, dass zum Nutzen und Frommen der Gesellschafter Renditen erwirtschaften soll.
Sie hat eine gesellschaftliche Aufgabe zu leisten, sie hat und ist eine politische Kraft, sie hat Verantwortung, zumal in einer Monopolstellung. Eine Zeitung ist mehr als nur ein Mittel zum Zweck.

Wenn ich Ihre Wortmeldung lese, frage ich mich, warum sind Sie denn noch in Tübingen und nicht in Frankfurt, Berlin oder München? Allesamt Städte, die doch weit mehr Städte des Geldes und der Macht sind (die sie ja anzubeten scheinen) denn Stätte des Geistes?

J. Eichenbrenner, 04.05.2013 14:36
Fehler kann ich im Artikel keine großartigen erkennen, als Außenstehender Medienkonsument und nicht -Produzent, aber doch ein etwas verklärtes, einseitig und überhöht gezeichnetes Bild vom ehemaligen wohl doch auch mit ausgeprägt abstoßend egozentrischen Seiten gesegneten Blattmacher Müller. Er hat damals zweifellos ein herausragend gutes Lokalblatt gemacht und wirkt nun im Schatten der derzeitigen Tagblatt-Akteure wie eine engelsgleiche Lichtgestalt. Die war er aber eben nicht. Dass er am Ende sein fast schon als Lebenswerk einzustufendes Blatt so elend den Millionen der Ulmer Südwestpresse zum Fraß vorwarf und herunterkommen ließ, das muss er sich bis mit ins Grab als Kritik laut und öffentlich vorwerfen lassen, das kann sein ganzes Kunstmäzenatentum nicht gut machen.

@Herrn Stegert: Falls ihre Vorgesetzten es Ihnen gestatten bzw. befehlen, Richtigstellungen der angeblichen Halbwahrheiten und Falschinformationen vorzunehmen, dann achten Sie doch bitte wenigstens in modernen Onlinemedien dabei ein wenig mehr, nicht nur auf korrekte Rechtschreibung, sondern auch auf eine den Lesefluss nicht allzu störende Interpunktion.

J. Eichenbrenner, 04.05.2013 13:51
Die Verlagsleitungs-Marionette, Redaktionsleiter Gernot Stegert, hat in der Samstagsausgabe in einer Randnotiz Stellung genommen und streitet den Wahrheitsgehalt des Kontext-Artikels weitgehend ab. Anstatt nun, mit journalistischer Sorgfalt, korrekte Zahlen, Fakten und Beschreibungen zu liefern, die den täglich ersichtlichen inhaltlichen Jammerzustand des Blattes erklären, springt er auf die Metaebene, singt das ausgeleierte unglaubwürdige Klagelied über angeblich allgemein schwierige wirtschaftliche Zeiten bei Print und Presse und endet mit einer billigen Verunglimpfung über wertloses Geschreibsel auf Facebook und in der Onlinewelt.

Gernot Stegert, 04.05.2013 13:06
Dieser Text ist "Kontext" unwürdig. Er strotzt vor Fehlern zu Zahlen, Personen und Zusammenhängen und diffamiert Personen, mit denen nicht einmal telefoniert wurde. Ich dachte bis zur eigenen Erfahrung, "Kontext" stehe für Recherche und Fairness. Das Gegenteil ist nun bewiesen. Fakten hätten ja nur die flotte (am eigentlichen Sparproblem vorbeigeschriebene) Geschichte gestört. Ein Schlag in die Magengrube für alle beim Tagblatt, ja noch unter die Gürtellinie, danke Kolleg/innen! Und das ausgerechnet zu eurem zweijährigen Jubiläum, das wirken alle Belobigungen wie Hohn. Die Tagblatt-Redaktion und auch ich müssen nun mit dieser Verunglimpfung und den Falschinformationen umgehen. Als hätten wir nicht schon genug damit zu tun, unter erschwerten Bedingungen ein gutes Blatt zu machen. Hinweise von uns auf Fehler wurden übrigens bewusst ignoriert. "Kontext" goes "Bild".
Dr. Gernot Stegert, Chefredakteur des Schwäbischen Tagblatts (immer noch, nur im Impressum stand vom ersten Tag an Redaktionsleiter!)

P.S. Danke Pia Grund-Ludwig für die Richtigstellung in einem anderen Punkt (was würde "Kontext" wohl sagen, wenn bei ihnen ein Zitat so sinnverdrehend aus dem Zusammenhang in einen neuen gestellt würde?)

J. Eichenbrenner, 03.05.2013 23:55
Ja Martin, da stimme ich zu, dass Tübingen wenig vernünftige Substanz hat: Im Süden das öde Behördenviertel mit seinen drögen Beamten, auf der Höhe lauter Krankenhäuser und unten eine mittelmäßig bis belanglose Universität, über die es auch nicht viel zu schreiben gibt; In der Mitte fürchterlich eingezwängt, auf einem Hügel, die enggassige Altstadt, in der es nichts Gescheites zu kaufen gibt, in der Ramsch-Osianders und von diesen organisierte kostenlose Lieferwagen-Bus-Shuttles die Highlights darstellen. Wohngebiete gibt es für all das viel zu wenig, weshalb es obendrein völlig überteuert ist. Was soll man hier? Und worüber soll man da auch schreiben? Was Tübingen fehlt sind also Leute vom Kaliber des Doktor Waldenmaiers, die die neue Zeit hereinbringen, die aus Nichts noch ein, zwei Millionen Rendite rausholen. Solche Leute sollten Vorbild sein! Er soll sich zur nächsten OB-Wahl aufstellen lassen!

Martin Kramer, 03.05.2013 16:22
Spannender Artikel. Aber ziemlich traurig, das alles. Tübingen hat jetzt nicht so viel vernünftige Substanz, als daß man die Zeitung einfach herschenken könnte.

Pia Grund-Ludwig, 03.05.2013 15:06
guter Text, danke dafür, leider mit zwei kleinen Fehlern. Bei der Aufzählung der Außenredaktionen fehlt Horb mit 10 Leuten. Und bei Gernot Stegert gab es kein Antritts-Interview, sondern ein Gespräch mit dem DJV. Die oben angegebene Stelle zitiert nicht Stegert, sondern den Bericht darüber, und den leider mißverständlich, finde ich. An der genannten Stelle geht es um die Gestaltung und Optik, die sich am Mantel der SWP orientieren müsse, nicht (in erster Linie) um Inhalte. Das wäre das komplette Zitat aus dem Bericht über die Veransltaltung: "Beim Crossmedia-Mix muss laut Stegert darauf geachtet werden, wie jedes Teilmedium „mediengerecht“ gestaltet wird. Beim Tagblatt als Druckausgabe wird mehr auf Struktur geachtet, wobei auf die Mantelthematik Rücksicht genommen werden muss. Da darf man sich nicht zu sehr von den Vorgaben der Südwestpresse entfernen. Doch mehr Grafiken und visualisierte Zahlen können Themen verständlicher machen."
Daraus zu konstruieren "Links goes konservativ" halte ich für eine steile These, bei aller Liebe zur Zuspitzung. Zumal es sich noch nicht mal um ein direktes Zitat von Gernot Stegert handelt. Ein O-Ton wäre fairer gewesen, finde ich.
Pia Grund-Ludwig

Dr.Kühn, Albrecht, Tübingen, 03.05.2013 13:56
Herr Stegert, der Chefredakteur ( oder "Leiter der Redaktion Tübingen")
tut mir leid. Wie kann man so etwas durchstehen ?
Die Gier nach Umsatzrendite und Gewinn macht unsere Gesellschaft kaput. Leider war mit dem Verkauf der Müllerschen und Teilverkauf der Frate`schen Anteile irgendwann der Niedergang des Tagblatts
(im Sinne des Artikels) zu erwarten.
Sehr gut recherchierte Arbeit !

Irene Waller, 03.05.2013 00:29
Es ist sehr traurig! Fast 20 Jahre hat diese Zeitung mich in Tübingen begleitet. Sehr deutlich war das Niveau dem des Mantelteils haushoch überlegen. Wie man das so gegen die Wand fahren kann.
Ach Tübingen: kleine kritische Identität, Geburtsort der Kinderuni - auch eine Schöpfung des Tagblattes. Jetzt wird alles verramscht. Nur noch putzig und Mittelmaß.

besserwisser, 02.05.2013 22:36
artikel inhaltlich stark und interessant, trotzdem heißt es immer noch die klimax...

Frederico Elwing, 02.05.2013 22:35
Schon als ich gemeinsam mit Fabian Anfang der 2000er Jahre der Flugplatz-Jugendredaktion des Schwäbischen Tagblatts angehörte bekam man den damaligen Stellenabbau hautnah mit. Es ist traurig, dass auch das Tagblatt, dass einmal so stolz darauf war, anders zu sein als die üblichen, langweiligen, konservativen und unter journalistischen Gesichtspunkten minderwertigen Käseblätter sich jetzt selbst an die Wand fährt. Die Krise der Zeitungen ist zum großen Teil hausgemacht: es wurde nur noch auf Rendite geschaut, auf Stromlinienförmigkeit. Immer mehr Hofberichterstattung für die Mächtigen. Kritische Journalisten werden vergrault oder strafversetzt. So manövriert sich eine ganze Branche selbst ins Aus!

Heinz Sonnberger, 02.05.2013 21:56
Danke für den Artikel, verstehe jetzt einiges.

Korbinian Much, 02.05.2013 15:30
Der Artikel liest sich sehr gut, trotz der Länge. Prägnante und treffende Analyse.

Kreativität und der freie Fluss von Ideen sind - so scheint mir - eben manchmal sinnvoller als der Dampfhammer...

Fabian Everding, 02.05.2013 15:21
Kapitalismus as usual

Sandro, 02.05.2013 14:31
Manchmal, so scheint es mir, erkennt man nicht, wie herum ein Schuh draus wird: Da stellen sich Verleger hin und klagen, dass ihre Zeitung immer weniger Leser findet. Doch wenn man genauer hinschaut, sind die Leser eben doch nicht so blöd wie von Verlegerseite angenommen (jawoll!) und bemerken sehr wohl, dass ihre Zeitung an Qualität verloren hat, weil die Verleger wieder etwas mehr Geld mit ihr verdienen wollten, und reagieren nur darauf.
Und was machen wir Journalisten? Beten fleißig weiter die Geschichte nach, dass ja das Internet unsere Zeitungen kaputt macht und die Stellenanzeigen abwandern und unsere Verleger eben sparen müssen. Lassen sie gewähren. Schauen zu, wie verdiente Fotografen keine Aufträge mehr bekommen. Ertragen, dass Freie schlecht bezahlt werden. Akzeptieren Überstunden, zahlen Spesen selber. Und hauen nicht auf den Tisch.
Dabei war schon immer klar, dass man nur mit Investitionen in die Qualität eines Produkts die Käufer vom Kauf überzeugt. Der Protest wäre also allein schon aus egoistischen Motiven angebracht. Wenn wir uns nur nicht so ohnmächtig fühlen würden... Ob man beim Tagblatt wohl immer noch in ironischer Melancholie das Lied singt "Schmiert die Druckmaschinen mit Verlegerblut"? Oder jetzt wieder und mit ernstem Nachdruck?

Elvira Neundorf, 02.05.2013 13:56
mir gefällt der Artikel von Anna Hunger und trifft sicher den Nagel auf den Kopf was die Presselandschaft hier im südwestdeutschen Raum angeht. Streitbare Geister gehen in Ruhestand und Großmogule wollen das Sagen haben. Aber Schwaben sind nicht so einfach in die Tasche zu stecken...
Der Untergrund lebt und wird nicht so schnell klein bei geben!

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