KONTEXT Extra:
Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Merkel fliegt für Wahlverlierer Turner. Fotos: Joachim E. Röttgers und Michael Latz. Montage: Röttgers

Merkel fliegt für Wahlverlierer Turner. Fotos: Joachim E. Röttgers und Michael Latz. Montage: Röttgers

Ausgabe 114
Politik

Air Merkel

Von Jürgen Lessat
Datum: 05.06.2013
Als Bundeskanzlerin darf Angela Merkel auf Kosten des Steuerzahlers mit dem Regierungsflieger abheben. Geht sie als CDU-Vorsitzende in die Luft, um etwa im Stuttgarter OB-Wahlkampf ihren Kandidaten Sebastian Turner zu unterstützen, muss ihre Partei den Trip bezahlen. Tut sie aber nicht. Für Kritiker ein Fall von illegaler Parteienfinanzierung.

Eine Woche vor dem entscheidenden Wahlsonntag im Oktober 2012 durfte Sebastian Turner noch hoffen. "Die Kanzlerin kommt" kündigten Plakate prominente Wahlkampfhilfe für den parteilosen Werbeunternehmer an. Den Millionär aus Berlin hatten hiesige Christdemokraten als Kandidaten für den Stuttgarter OB-Sessel nominiert, freundlich unterstützt von Freidemokraten und Freien Wählern. Es war kurz nach 14 Uhr am 12. Oktober 2012, einem Freitag, als der zweistrahlige Luftwaffenjet mit Angela Merkel an Bord von Berlin kommend auf dem Flughafen in Echterdingen landete.

Doch die Kundgebung auf dem Stuttgarter Marktplatz, die Turner einen Schub gegenüber dem späteren grünen Wahlsieger Fritz Kuhn geben sollte, stand unter keinem guten Stern. Die Mehrheit unter den 3000 Zuhörern stellten Stuttgart-21-Gegner, die Merkel mit einem gellenden Pfeifkonzert begrüßten. Pünktlich zu Beginn des Redereigens prasselte zudem ein Platzregen nieder. "Und deshalb müssen Sie das Kreuz bei Sebastian Turner machen", nach dreizehn Redeminuten war Merkels Wahlempfehlung wegen des Protestgetöses kaum zu verstehen. Kurzes Händeschütteln, Lächeln, Winken – und die Kanzlerin entschwand zum Flughafen, wo der VIP-Flieger der Bundesluftwaffe wartete. Um 16.30 Uhr hob die Bombardier Global 5000 vom Filder-Airport ab. Eine Stunde später landete sie in Berlin-Tegel.

PLatzregen und Pfeifkonzert für Merkel. Foto: Martin Storz
PLatzregen und Pfeifkonzert für Merkel. Foto: Martin Storz

Die Bundeskanzlerin zählt neben dem Außenminister zu den Vielfliegern im Regierungslager. Allein ein Viertel der Flugausgaben gingen 2011 auf das Konto von Angela Merkel, wie eine Anfrage des FDP-Haushaltspolitikers Jürgen Koppelin ergab. Das Kanzleramt buchte Flüge, die rund 3,5 Millionen Euro reine Flugkosten verursachten. Teuer zu stehen kommt den Steuerzahler nach Kontext-Informationen auch Merkels Wahlkampf-Kurztrip an den Neckar. Private Flugcharterunternehmen, die die Global 5000 "on operation" haben, berechnen für die gleiche Flugstrecke 20 000 Euro. "In dieser Größenordnung liegt auch der Einsatz des Fluggeräts der Bundesluftwaffe", heißt es inoffiziell aus dem Bundesverteidigungsministerium. Offiziell bestätigt ein Sprecher nur die Flugdaten. Weitergehende Fragen, etwa zur Abrechnung des offensichtlichen Parteiflugs, bleiben mit Hinweis auf "Sicherheit und Datenschutz" unbeantwortet. Als Tipp heißt es aus dem Ministerium nur: "Fragen Sie die anfordernde Stelle." Die lässt sich nach vergeblicher Anfrage im Bundespresseamt ("Bei uns ist die Reise nach Stuttgart nicht vermerkt") im Berliner Konrad-Adenauer-Haus verorten, dem Hauptquartier der CDU Deutschlands. "Die Kosten der Veranstaltung in Stuttgart trägt der dortige Kreisverband", sagt deren Sprecher Jochen Blind zunächst am Telefon. Das stimmt zwar nicht ganz, da der Turner-Wahlkampf nach amerikanischem Vorbild von einem extra gegründeten Unterstützer-Verein finanziert wurde. An diesen überwies auch der Stuttgarter CDU-Kreisverband Geld. Schriftlich reicht Blind später eine ausschweifendere Erklärung nach: "Grundsätzlich gilt für alle Rednereinsätze und Auftritte von Angela Merkel in ihrer Eigenschaft als CDU-Vorsitzende, dass die Kosten dafür von der CDU-Bundesgeschäftsstelle übernommen werden." Darunter fielen selbstverständlich auch die Kosten für An- und Abreise. Konkreteres bleibt er trotz mehrfacher Nachfrage schuldig. Das Schweigen des Sprechers kommt nicht von ungefähr.

Denn Angela Merkel startet mit der weißen Regierungsflotte im parteipolitischen Einsatz für die CDU immer auch auf Kosten des Steuerzahlers durch, wie Recherchen von Kontext ergaben. Dies lässt sich aus den vertraulichen "Richtlinien für den Einsatz von Luftfahrzeugen der Flugbereitschaft zur Beförderung von Personen des politischen und parlamentarischen Bereichs" ablesen. Nicht auf Anhieb, sondern erst, wenn man das Regelwerk genau studiert, Ticketpreise recherchiert und anschließend den Taschenrechner aktiviert. Demnach gestatten die Richtlinien den Vorsitzenden der im Bundestag vertretenen Parteien zwar wie Bundespräsident, Bundeskanzlerin oder Bundesratspräsident Sonderflüge der Luftwaffe unter bestimmten Voraussetzungen (nur zur Ausübung amtlicher Tätigkeit, bei Ausschluss anderer günstigerer Verkehrsmittel, aus Zeitgründen, etc.) zu buchen. Anders als die höchsten Repräsentanten des Staates müssen Parteichefs und deren Begleiter jedoch den exklusiven Luftwaffen-Service bezahlen: laut Richtlinien den Preis eines 1. Klasse Linienflugs respektive den eines Lufthansa-Business-Tickets. Dieser Tarif deckt allerdings so gut wie nie die Einsatzkosten von VIP-Fluggerät und Bundeswehr-Personal, wie der Taschenrechner schnell verrät. Beim Merkel'schen Wahlkampfeinsatz in Stuttgart, bei dem sich die Erstattung an den damaligen Preisen der Lufthansa-Business-Class zwischen 515 und 635 Euro orientiert, flog die Flugbereitschaft bei Flugkosten von 20 000 Euro defizitär. Auch wenn der zwölfsitzige Bombardier-Jet bis auf den letzten Platz besetzt gewesen wäre: maximal waren der CDU-Bundesgeschäftsstelle nur 7620 Euro in Rechnung zu stellen. Fazit: der Steuerzahler subventioniert die Wahlveranstaltung eines parteilosen Millionärs und seiner prominenten CDU-Unterstützerin mit einem fünfstelligen Euro-Betrag.

Kanzlerjet Bombardier Global 5000 hebt ab. Foto: Michael Groß
Kanzlerjet Bombardier Global 5000 hebt ab. Foto: Michael Groß

Während die Oppositionsführer von SPD, Grünen und Linken während der aktuellen Legislaturperiode bislang nur Linie fliegen oder klimafreundlicher mit der Bahn zu Parteiterminen reisen, sind werbewirksame Parteiflüge der CDU-Kanzlerin nach Kontext-Informationen kein Einzelfall. Als Unionschefin jettet Merkel auch ins Ausland. Fünf Tage nach dem Stuttgarter Wahlkampftrip flog sie zum Kongress der Europäischen Volksparteien (EVP) in die rumänische Hauptstadt Bukarest. Dort warb sie – diesmal erfolgreich – für die Wiederwahl des CDU-Bundestagsabgeordneten und Koordinators der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt Peter Hintze als stellvertretenden Vorsitzenden der größten Fraktion im Europaparlament. "Ich bin sehr gern hierhergekommen", bekannte Merkel vor 1200 konservativen Kongressbesuchern im Bukarester Parlamentspalast. Kaum freuen dürfte sich jedoch der deutsche Steuerzahler: die sechs Flugstunden des Bombardier-Jets auf der Strecke Köln, Berlin, Bukarest und zurück schlugen mit rund 60 000 Euro zu Buche. Das Verteidigungsministerium stellte dem Konrad-Adenauer-Haus für Merkels Blitzbesuch jedoch nur 6500 Euro in Rechnung.

Vielfliegerin Merkel ist gelegentlich in doppelter Mission unterwegs: am Zielflughafen steigt sie als Bundeskanzlerin aus, bei Zwischenstopps tritt sie als CDU-Chefin auf. So auch im Vorfeld der Landtagswahl in Baden-Württemberg. Am 1. und 23. März 2011 legten die VIP-Jets auf dem Weg zu Kanzler-Terminen jeweils eine Zwischenlandung im umkämpften Südwesten ein, damit Merkel dem damaligen CDU-Ministerpräsidenten Stefan Mappus auf Partei-Events in Stuttgart und Ludwigsburg beistehen konnte. Bekanntlich vergeblich, die Landtagswahl gewann Grün-Rot. "Die Rechnungen für die An- und Abreisen zu den beiden Wahlkampfterminen wurden unmittelbar nach Erhalt durch die CDU-Bundesgeschäftsstelle beglichen", versichert Sprecher Blind zwar. Doch wie teuer die parteipolitischen Zwischenstopps genau kamen, verraten trotz mehrfacher Nachfrage weder CDU-Geschäftsstelle noch das CDU-geführte Verteidigungsressort. "Für die Erfüllung der Bedingungen eines VIP-Fluges ist die anfordernde Stelle verantwortlich", heißt es wieder lapidar aus dem Verteidigungsministerium. Der Prüfvorgang von Beamten und Militärs beschränkt sich in erster Linie auf die fliegerische Durchführbarkeit. "Wir prüfen, ob wir eine Maschine haben, die Crew verfügbar und der Landeplatz anfliegbar ist", so der Ministeriumssprecher. Die anfordernde Stelle prüft sich somit selbst, ob alle Voraussetzungen für einen VIP-Flug erfüllt sind.

Dass es auch anders geht, demonstrierte im Stuttgarter OB-Wahlkampf der SPD-Spitzenkandidat für die bayerische Landtagswahl, Christian Ude. Der Münchner Oberbürgermeister plauderte drei Tage vor dem Urnengang mit dem grünen Kandidaten Fritz Kuhn im Württembergischen Kunstverein der Schwabenmetropole über Bürden und Würden des angestrebten Amts. Ude darf zwar keine VIP-Flieger der Luftwaffe anfordern, doch die Unterscheidung zwischen Amts- und Parteireise tangiert auch ihn. Er kam mit dem Auto von der Isar an den Neckar, im SPD-eigenen Audi Hybrid. "Ich trenne streng zwischen Dienst- und Parteiterminen, auch weil der bayerische Freistaat als Rechtsaufsichtsbehörde sehr genau darauf achtet", betont Ude, warum der städtische Dienstwagen mit Münchner Kennzeichen in der Garage blieb.

Angela Merkel auf dem Stuttgarter Marktplatz. Foto: Flügel TV
Angela Merkel auf dem Stuttgart Marktplatz. Foto: Flügel TV

Mit der Flugbereitschaft erlitten Politiker immer wieder Bruchlandungen. Ende der neunziger Jahre etwa sorgte die "Dienstreisen-Affäre" von Rita Süssmuth für Schlagzeilen. Der damaligen Bundestagspräsidentin der CDU war vorgehalten worden, für Flüge zu ihrer Tochter nach Zürich die Bundeswehrflieger privat genutzt zu haben. In der Folge wurden die Richtlinien der Flugbereitschaft überarbeitet. Der neue Katalog fiel länger, allerdings nur unwesentlich strenger aus. Im Januar 2001 begab sich der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) mit Flugzeugen der Luftwaffe und Hubschraubern des Bundesgrenzschutzes auf eine viertägige Informationsreise durch Rheinland-Pfalz. Weil dort zwei Monate später Landtagswahl war, vermutete die CDU-/CSU-Opposition im Bundestag eine Wahltournee zu Gunsten des damaligen SPD-Ministerpräsidenten Kurt Beck. "Die Flüge im Rahmen der Informationsreise wurden vom Bundeskanzler in seiner amtlichen Tätigkeit durchgeführt. Hierfür sind keine Kosten zu entrichten", lautete die nichtssagende Antwort der Bundesregierung auf eine entsprechende Anfrage der Opposition.

So stochern Kontrollorgane wie der Bundestags-Haushaltsausschuss beim politisch-parlamentarischen Flugbetrieb bis heute im Nebel. Zwar bekommen dessen Mitglieder halbjährlich Bericht aus dem Verteidigungsministerium. Angeblich aus Sicherheitsgründen beschränken sich die Informationen zu Inlandsflügen auf Flugmuster, Anzahl von Passagieren und Teilstrecken. Daraus lässt sich nicht ablesen, ob korrekt zwischen Regierungs- und Parteiamt unterschieden wurde. Etwas transparenter fallen die Rapports bei Auslandsflügen aus. Hier werden Flugdatum, Flugstrecke, VIP-Gast und anfordernde Stelle an die Haushaltsexperten der Fraktionen übermittelt.

Parteienkritiker wie der Rechtsprofessor Hans Herbert von Arnim fordern, den VIP-Service der Luftwaffe auszumustern. "Die Nutzung der Flugbereitschaft berührt die Parteienfinanzierung, für die es genau definierte gesetzliche Obergrenzen gibt", kritisiert er das Check-in-Privileg der Parteivorsitzenden. "Weil die großen Parteien bereits bis zu dieser Obergrenze Staatszuschüsse kassieren, sind Sonderflüge von Parteivorsitzenden eine verdeckte Zuwendung öffentlicher Mittel an Parteien und damit letztlich unzulässig", umschreibt von Arnim das, was auch als illegale verdeckte Parteienfinanzierung gilt. Auch verletzten die Flugrichtlinien den grundgesetzlich verankerten Gleichheitsgrundsatz, sagt von Arnim: "Der Vorsitzende einer Partei, die nicht im Bundestag vertreten ist, darf kein Fluggerät anfordern." So muss etwa Oberpirat Sebastian Nerz bislang am Boden bleiben, obwohl die Piratenpartei in zwei Länderparlamenten vertreten ist. "Flüge auf Kosten des Steuerzahlers sind eine Verschwendung öffentlicher Mittel, was den Straftatbestand der Untreue erfüllt", spitzt von Arnim zu.

Dessen ungeachtet vergrößert sich ab Mitte Juli der exklusive Kreis der Sonderflugberechtigten. Die Richtlinien erlauben auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück für zehn Wochen vor der Bundestagswahl bei der Luftwaffe einzuchecken. Die Steinbrück-Werbeflüge gibt es wie bei Konkurrentin Angela Merkel nur auf Rechnung – und mit dem Steuerzahler als Sponsor. 

INFO

Den Flug der Kanzlerin absolvierte die Flugbereitschaft des Bundesverteidigungsministeriums. Diese betreibt die weiße Flotte, wie die auf dem militärischen Teil des Köln-Bonner-Flughafens stationierten neun VIP-Maschinen – ein Airbus A 310, je zwei Airbus A 319 und A 340 sowie vier Bombardier Global 5000 - genannt werden. Nach Eröffnung des skandalbefrachteten Hauptstadtflughafens BER sollen die mehr als 1000 Soldaten und zivilen Mitarbeiter des Kölner Lufttransportgeschwaders nach Berlin umziehen. Bis dahin pendeln die Maschinen meist leer zwischen Köln und Berlin, um Promi-Passagiere am Regierungsflughafen Tegel aufzunehmen. Unvermeidbare Leerflüge und neues Fluggerät trugen dazu bei, dass die jährlichen Aufwendungen für den VIP-Service in den vergangenen fünf Jahren um knapp 50 Prozent auf zuletzt 34 Millionen Euro in die Höhe schossen. Als Kostentreiber gelten auch Amtsträger und Politiker: sie fliegen immer häufiger mit der zivilen Luftwaffe. Im zweiten Halbjahr 2012 beförderte die weiße Flotte allein auf Inlandsflügen 1265 Passagiere. Im selben Vorjahreszeitraum kamen nur 848 Fluggäste an Bord.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

Kommentare

Tyler Durden Volland, 08.06.2013 01:29
Ich kann das stetige Gejammer nicht nachvollziehen.

Merkel & Co sind nach demokratischen Wahlen an die Macht gekommen und damit vom Bürger, vom Volk, vom Souverän legitimiert.

Wenn es den Deutschen nicht gefällt, könnten sie die Faru jederzeit abwählen. Das tun sie nicht... ob aus Dummheit oder Überzeugung ist doch völlig nebensächlich.

Welchen Sinn kann die Verteidigung dieses Gejammers haben, für das der Dumme selber verantwortlich ist, das er durch seine aktive Wahlbeteiligung herbeigeführt hat?

Gibt es einen ebsonderen Grund, warum das eigentliche Problem, die eigentliche Ursache der ganzen Sch... nicht ein einziges Mal erwähnt wird bei Euch?

Ausreden, nichts als Ausreden...

Halt, das ist falsch! "...nichts als Ausreden..." stimmt nicht, Zensur gibts ja auch noch für unangenehme Wahrheiten, gell?

Schönes Wochenende, TDV

Thor, 05.06.2013 18:47
Es reizt mich richtig,zu S.Turners Stuttgarter Ob Wahlkampfpleitenpech, noch etwas hinzuzufügen.Nachdem ich in(einmal vor der Wahl,zum zweiten nach der Wahl)das zweite Mal freundlich gebeten hab,auf unsere Fragen zu antworten,schrieb er mir per E-Mail folgendes:"Er sehe nur wenig Sinn darin,nach einer Wahl,Wahlaussagen zu machen." Ein anderer Kandidat sah noch vor der Entscheidung,sehr wohl einen Sinn darin,wir bekamen Antworten auf unsere Fragen.-Anmerkung:Hat Herr Turner,die Wahlveranstaltung am Marktplatz,womöglich durch seinen Brezelverkauf mit finanziert?

Heike, 05.06.2013 14:40
Ich hatte direkt nach Merkels Auftritt bei Turners Wahlkampf in Stuttgart bei der Stadt nachgefragt, wer die Kosten dafür trug und diese Antwort erhalten:
"An den Aufwendungen für die Wahlkampfkosten der Kandidaten ist die
Landeshauptstadt Stuttgart in keiner Weise beteiligt. Diese Mittel müssen
die Bewerber schon selbst aufbringen. Die Wahlveranstaltung am letzten
Freitag auf dem Marktplatz ist direkt vom CDU-Kreisverband finanziert
worden."
Das stimmt dann also gar nicht, dass dies der CDU-Kreisverband finanziert hat?

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 313 / Begleitmusik des Terrors / Dr. Diethelm Gscheidle, 29.03.2017 10:47
Sehr geehrter Herr Barolo, bestimmte Musik ist wirklich sehr gefährlich und gewaltverursachend und kann somit Menschen tatsächlich töten! Die innovativen Forschungen des redlichen Freiburger Musikwissenschaftlers Dr. Klaus Miehling...

Ausgabe 313 / "Mutige Kraft für ein gutes Morgen" / Peter S, 29.03.2017 10:28
Ach ja die Grünen. Einmal dachte ich, ich brauche sie. Was danach kam war eine totale Enttäuschung. Heute sage ich, Parteien sind nicht nur überflüssig, sondern auch schädlich. Eine Direktwahl bei der der Kandidat den Bürgern...

Ausgabe 313 / Richard Lutz, der Stellschraubendreher / Thomas A, 29.03.2017 10:04
Es gibt "gutes" Sparen, nennen wir es optimieren und "schlechtes", so eine Art Kahlschlag mit Folgeschäden. Effizienzssteigerung kann auch zu mehr Beschäftigung durch mehr Umsatz führen. Firmen mit der Kundenorientierung (siehe...

Ausgabe 313 / Begleitmusik des Terrors / Barolo, 29.03.2017 10:02
Unfassbar mit was sich der NSU Untersuchungsausschuss im Ländle befasst. Statt auch nur eine der den Uwes nachgesagten Straftaten aufzudecken macht man auf Musik. Da muss ich wirklich scharf nachdenken, wann denn schon mal Musik einen...

Ausgabe 313 / PETA zwickt den Oberförster / Dr. Diethelm Gscheidle, 29.03.2017 09:34
Sehr geehrte Damen und Herren, der unredlichen und kriminellen Tierschutzorganisation MEBT ("Menschen für die ethische Behandlung von Tieren") das Verbandsklagerecht zu verweigern, ist sehr redlich und zeigt erneut, dass es sich bei...

Ausgabe 313 / Geschichte klittern mit Günther Oettinger / Thomas A, 29.03.2017 09:30
Bis zur Geschichtsstunde um Filbinger(man dachte fast die Nazis seien gegen Hitler gewesen) war der wahre Oppositionsführer im Landtag der Stefan Mappus. Von da ab wurde Oettinger weniger vom Parteifreund malträtiert. Kurz darauf wurden...

Ausgabe 313 / Richard Lutz, der Stellschraubendreher / Horst Ruch, 29.03.2017 09:27
......drehen wir die Bilanz besser um... er wird ein Wahnzeichen für Stuttgart, als Wahrzeichen machen.... Ich dachte immer der Boss einer Aktiengesellschaft hat für den Gewinn seiner Aktionäre zu sorgen. Hier ist es umgekehrt, der...

Ausgabe 313 / Revolution und Wahrheit / Peterwmeisel, 29.03.2017 09:05
Herzlichen Dank für die Darstellungen "der Anstalt" in der wir leben! Das Konzept ist ein bedeutender Bruder der "Aufklärung". der uns hilft hin zu schauen und zu erkennen was mit uns, dem "Souverän" gespielt wird. Wir lernen, dass das...

Ausgabe 313 / Richard Lutz, der Stellschraubendreher / Jue.So Jürgen Sojka, 29.03.2017 08:45
Hier lässt sich informatives zu jenem Dr. Richard Lutz nachlesen (¹) Auszug: Tatsächlich - Neue Demut bei der Bahn? Dazu müsste es allerdings zuvor Demut gegeben haben, um "Neue Demut" zu zeigen!! Wie sich erkennen lässt, lediglich...

Ausgabe 313 / "Mutige Kraft für ein gutes Morgen" / Heinz Heckele, 29.03.2017 08:41
Die Botschaft hör ich wohl..... Ich glaube dagegen, daß Urban Priol kürzlich den Nagel auf den Kopf getroffen hat, als er feststellte, "die heutigen Grünen sind wie FDP mit Fahrrad". Siehe Kretschmann!

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!