KONTEXT Extra:
Zwei Afd-Fraktionen im Landtag zulässig

Nach dem von der Landtagsverwaltung in Auftrag gegebenen Gutachten zur Vertretung der "Alternative für Deutschland" (AfD) im baden-württembergischen Parlament gibt es keine Handhabe gegen die Parallelfraktion. Die Professoren Christofer Lenz, Martin Morlok und Martin Nettesheim schreiben in ihrer 35-seitigen Stellungnahme: Der unter der Bezeichnung "Fraktion der Alternative für Baden-Württemberg im Landtag von Baden-Württemberg" auftretende Zusammenschluss von 14 der AfD angehörenden Abgeordneten sei "seit seiner Konstituierung am 06.07.2016 eine Fraktion im Sinne der Geschäftsordnung des Landtags". Einer Anerkennung bedürfe es nicht. Es bestünden keine über den Wortlaut Geschäftsordnung "hinausgehende, rechtliche Anforderungen an die Zulässigkeit einer Fraktionsbildung".

Auch das "Verbot der Fraktionsvermehrung" greift nach Einschätzung der Gutachter nicht. "Der Landtag würde die verfassungsrechtlichen Grenzen seiner Geschäftsordnungsautonomie aber nicht überschreiten", heißt es weiter, "wenn er eine Regelung erließe, die die Gründung einer 'Parallelfraktion' untersagt." Einer bereits bestehenden Fraktion ist der Status aber auch dadurch nicht zu nehmen. Denn: "Eine derartige Regelung dürfte nur mit Wirkung für die Zukunft erlassen werden, zweckmäßigerweise zum Zeitpunkt des Zusammentritts des neuen Landtag."

Damit müssen sich die anderen Fraktionen, wenn der AfD-Bundes- und Landessprecher Jörg Meuthen mit den Bemühungen eines Zusammenschlusses unter seiner Führung keinen Erfolg hat, weiterhin mit mindestens zwei rechtspopulistischen Rednern und Rednerinnen zu jedem Tagesordnungspunkt abfinden. Die geschätzen Kosten der Spaltung für die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen liegen bei drei Millionen Euro. Denn auch die zweite AfD-Fraktion hat ein Recht auf die allen anderen zustehende finanzielle Ausstattung. (25.7.2016)


Zweiter NSU-Ausschuss: Geheimdienste auf der Theresienwiese?

Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags hat in seiner konstituierenden Sitzung am Donnerstag die ersten zwei Zeugen benannt. Sie sollen nach den Worten des Vorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) Auskunft darüber geben, "ob sich am Tag des Anschlags auf die beiden Polizeibeamten in Heilbronn Geheimdienste am oder in der Nähe des Tatorts befunden" haben.

Im ersten Ausschuss in der vergangenen Legislaturperiode hatte der Journalist und NSU-Experte Rainer Nübel als Sachverständiger dazu Stellung genommen. "Er verwies", wie es im Abschlussbericht heißt, "zunächst auf die mutmaßliche Anwesenheit der Defence Intelligence Agency (DIA) zur Tatzeit am Tatort". Mitte November 2011 habe er, wie Nübel weiter zitiert wird, eine Nachricht von der "Stern"-Redaktion in Hamburg erhalten, wonach ein dort vorliegendes Papier ein mutmaßliches Observationsprotokoll des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA darstelle. Daraus gehe hervor, dass zur Tatzeit eine Observation von "M. K." und einer weiteren, nicht näher definierten Person durch US-Agenten stattgefunden habe. Zumindest eine dieser beiden Personen habe zuvor bei der Santander-Bank 2,3 Millionen Dollar oder Euro abgeholt. Und weiter: "Sicherheitsbeamte entweder aus Baden-Württemberg oder Bayern sollten präsent gewesen sein und die Operation aufgrund eines 'Shooting Incident' zwischen 'White Wings', also Neonazis bzw. Rechtsextremisten, und einer Polizeistreife abgebrochen worden sein."

Nübel hatte bei seinem Auftritt als Sachverständiger umfangreiche Ausführungen zu den eigenen Recherchen gemacht. Aus Zeitgründen und angesichts des Endes der Legislaturperiode, so Drexler, der auch den ersten Ausschuss führte, habe diesem Komplex aber nicht mehr detailliert nachgegangen werden können. Im Einsatzbeschluss des zweiten Gremiums heißt es jetzt, insbesondere sei zu klären, ob "Angehörige von ausländischen Sicherheitsbehörden auf der Theresienwiese oder in der Umgebung im Umfeld des Mordanschlags am 25. April 2007 anwesend waren, ob und welche Rolle diese beim Tatgeschehen gespielt und welche Erkenntnisse dazu bei deutschen Sicherheits- und Ermittlungsbehörden vorgelegen haben". Die erste öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses findet am 19. September statt. Gehört werden zum Auftakt auch noch einmal vier Sachverständige.


Keine Nebenabsprache zu Stuttgart 21

Um Streit zu vermeiden, sind laut Winfried Kretschmann die bis zum Wochenanfang geheimen Nebenabreden mit der CDU zusätzlich zum Koalitionsvertrag getroffen worden. Die Aufregung darüber, dass Ausgaben von 1,3 Milliarden Euro ohne Finanzierungsvorbehalt an der Öffentlichkeit vorbei festgeschrieben wurden, versuchte der Regierungschef mit neuen Einblicken in seinen Politikstil zu kontern: "Auch ich muss mal mauscheln, auch ich muss mal dealen." Kein Mensch auf der Erde, der vernünftig Politik machen wolle, kriege das hin ohne Absprachen hinter den Kulissen. Da habe er kein schlechtes Gewissen, denn es sei "unspektakulär", einzelne Maßnahmen zu priorisieren, die grundsätzlich ohnehin im Koalitionsvertrag vereinbart seien.

Unter anderem ist im Detail aufgeführt, dass 325 Millionen Euro ohne Finanzierungsvorbehalt in die Digitalisierung fließen sollen, 100 Millionen in die bessere Ausstattung der Polizei oder 40 Millionen in die Elektromobilität. Der mit 500 Millionen Euro größte Betrag ist allerdings nicht mit konkreten Informationen versehen, die Summe steht für "Investieren/Sanieren (Straße/Schiene, Hochbau, Hochschulen, ...)" zur Verfügung. Der Ministerpräsident widersprach Mutmaßungen, dass in dieser halben Milliarde auch zusätzliche Mittel für Stuttgart 21 über den Kostendeckel hinaus versteckt sein könnten. Für die laufenden Zahlungen gebe es einen Sonderposten im Haushalt. Nebenabsprachen zu diesem Thema hätten nicht stattgefunden.

(19.07.2016)


Die Reichen sind noch viel reicher

Einkommenserhebungen bei Spitzenverdienern aus mehr als 1300 Firmen haben ergeben, dass alle offiziellen Einschätzungen zur wachsenden sozialen Kluft in der Bundesrepublik die Situation beschönigen. Nach den Zahlen, die das ARD-Magazin "Monitor" in diesen Tagen veröffentlichte, verdienen Manager und Vorstände im Durchschnitt nicht 200 000 Euro jährlich, sondern rund eine halbe Million. Die 200 000 Euro sind aber offiziell im sogenannten Sozioökonomischen Panel (SOEP) ausgewiesen, welches wiederum wichtiger Eckpfeifer der bisherigen Armuts- und Reichtums-Berichterstattung in Bund und Ländern ist.

Das Bundesarbeitsministerium will die Daten dort jetzt einfließen lassen, ebenso wie die Erkenntnisse einer in der vergangenen Woche von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie. Danach verdienen die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als die unteren 40 Prozent zusammen. Und die Einkommensungleichheit wächst weiter. In "Monitor" präsentierte Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine vergleichsweise einfache Lösung: "Aus meiner Sicht würde es naheliegen, wieder zu den Steuersätzen zurückzukehren, die wir in den Neunzigerjahren hatten, und das war ein Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer von 53 Prozent." Zurzeit liegt er bei 42 Prozent. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe werden drei Prozentpunkte Reichensteuer hinzugerechnet. Von ihr sind aber nicht einmal ein halbes Prozent der Steuerzahler und Steuerzahlerinnen betroffen.


Stuttgart 21: Großdemo und Umstiegskonzept

Zur Großdemo gegen Stuttgart 21 am kommenden Samstag erwarten die Initiatoren Tausende Teilnehmer. Kontext kommt auch. Mit hübschen neuen Postkarten und Aufklebern!

Heute, Freitag, hat eine Expertengruppe des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 ihr Konzept "Umstieg21" vorgestellt, mit dem die derzeitige Projektbaustelle doch noch zu einem sinnvollen Ende finden könnte. Unter www.umstieg-21.de stellen die Planer ihre Ideen in einer umfänglichen Broschüre dar. "In meinen dreißig Jahren als Literaturkritiker im Fernsehen habe ich nie eine Prosa gelesen, die so wohltuend war, so sinnvoll wohltätig", schreibt der berühmte Schriftsteller aus Freiburg, Jürgen Lodemann, über das Heft. "Endlich wird da nicht mehr nur Nein gesagt, sondern entstand da eine wunderbare Broschüre, die mit Sorgfalt und mit großer Eisenbahnliebe und Stuttgartliebe reale Vorschläge macht, wie man aus dem unverantwortlichen Desaster noch jetzt 'positiv' aussteigen kann - und muss! - das spart tatsächlich immense Kosten und da bleibt im Herzen der Landeshauptstadt keine dauerhaft blamable Bau-Ruine, sondern es entstehen zahlreiche überaus einleuchtende Lösungen rund um einen tollen Kopfbahnhof!"


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Ausgabe 50
Medien

Der einsame Kampf des Albert B.

Von Anna Hunger (Text) und Martin Storz (Fotos)
Datum: 14.03.2012
Deutschlands größter Verlag für Verschwörungstheorien sitzt in Rottenburg am Neckar. Gegründet von einem ehemaligen Polizisten. Jochen Kopp verlegt Bücher über Außerirdische, über Freimaurer oder die angebliche jüdische Weltverschwörung, Der Kopp-Verlag kann die 68er-Bewegung nicht leiden und Linke sowieso nicht. Nun will er expandieren. Das scheint kaum einen zu stören. Außer Albert Bodenmiller, Vorsitzender der Rottenburger Fraktionsgemeinschaft BFH, "Bürgerfreundliche Heimat"/Die Linke. Er findet, der Kopp-Verlag sei ein "brauner Fleck" in der Bischofsstadt.

Albrecht Bodenmiller führt in der Bischofsstadt Rottenburg einen einsamen Kampf gegen den umstrittenen Kopp-Verlag.Deutschlands größter Verlag für Verschwörungstheorien sitzt in Rottenburg am Neckar. Gegründet von einem ehemaligen Polizisten und Ufologen. Jochen Kopp verlegt Bücher über Außerirdische, die Madonnenerscheinungen auf die Erde projizieren, über Freimaurer oder die angebliche jüdische Weltverschwörung. Der Kopp-Verlag kann die 68er-Bewegung nicht leiden und Linke sowieso nicht. Nun will er expandieren. Das scheint kaum einen zu stören. Außer Albert Bodenmiller, Vorsitzender der Rottenburger Fraktionsgemeinschaft BFH, "Bürgerfreundliche Heimat"/Die Linke. Er findet, der Kopp-Verlag sei ein "brauner Fleck" in der Bischofsstadt.

Albert Bodenmiller kämpft seit fast genau einem Jahr gegen die Expansion des Kopp-Verlags im Rottenburger Industriegebiet Siebenlinden III. Es geht ihm in dieser Frage nicht um Geld, nicht mal ums Recht. Es geht ihm um die Moral, um Anstand und darum, Rückgrat zu beweisen. "Ich bin doch Demokrat und Christ!", sagt er aufgebracht und rudert mit den Armen über dem Tisch mit der Spitzendecke. Hinter ihm hängen Zinnteller an der Wand, auf dem Fensterbrett lebt eine Orchideensammlung, im Regal stehen ein paar Bergkristalle und eine Menge Bücher, "Ägypten", "Frankreich", "Degas", "Unser Baden-Württemberg", was sich eben so ansammelt in einem 73-jährigen gutbürgerlichen Leben. Und als Demokrat und Christ, sagt er, könne er drei Dinge nicht vertragen: Erstens Verschwörungstheorien gegen Juden und Freimaurer. Zweitens Ausländer- und Islamfeindlichkeit. Drittens Geschichtsrevisionismus.

Albert Bodenmiller lebt in Bad Niedernau, einem winzigen Ort westlich von Rottenburg, hier war er mal Ortsvorsteher, und die Leute lieben ihren Albert, sagt Albert Bodenmiller über sich selbst.

Im Rottenburger Gemeinderat lieben ihn die Leute nicht, weil er unbequem ist und immer mal wieder aus nicht öffentlichen Sitzungen plaudert, weil er findet, öffentliche Sitzungen sind nicht öffentlichen meistens vorzuziehen. Seine Ratskollegen nennen ihn einen "Querulanten". Beim Brauchtumsabend zu Fasching attestierten die Lausbühlhexen der Narrenzunft Ergenzingen Rottenburgs Oberbürgermeister Stephan Neher sogar eine "Bodenmiller-Allergie".

Bodenmiller leidet unter einer Kopp-Allergie

Kopp hat eine eigene Online-Nachrichtenseite. Dort schreiben vor allem Verschwörungstheoretiker. Wie Gerhard Wisnewski, Journalist für diverse Frankfurter Regionalblätter, der davon überzeugt ist, die Attentate von Oslo, der Bombenanschlag in der Stadt und das Massaker im Jugendlager auf der Insel Utøya, bei denen der Attentäter Anders Breivik 77 Menschen umbrachte, seien von "oben" geplant worden seien.

Bis zu 3000 Büchersendungen verschicken die Kopp-Mitarbeiter nach eigener Auskunft am Tag, das Geschäft brummt. Und weil der Verlag noch mehr verkaufen will, braucht er mehr Platz.

Jochen Kopp, der Verlagschef, kaufte im vergangenen März ein Stück des neu geplanten Industriegebiets Siebenlinden III, 3,2 Hektar gleich neben Siebenlinden II, am östlichen Rand von Rottenburg, oberhalb des grasigen Wegs, auf dem Jogger joggen und Radfahrer Rad fahren. Dorthin will er eine Lagerhalle bauen. Das Gelände ist ein Wasserschutzgebiet. Eigentlich sollten dort Dienstleister angesiedelt werden, Institute, die mit der Uni Tübingen zusammenarbeiten sollten, Ingenieurbüros, Architekten und so weiter. Aber keiner wollte dorthin, weil Rottenburg eben doch zu weit von Tübingen entfernt ist. Jahre später beschloss die Stadt schließlich, das Grundstück an einen Elektrofachmarkt und ein Gartencenter zu verkaufen. Aber der Handels- und Gewerbeverein fand, damit würden die Geschäfte in der Innenstadt kaputtgehen.

Im März 2011 meldete Jochen Kopp Interesse an. Stadtrat Albert Bodenmiller war damals überrascht. "Ich dachte, ich bin doch ein Büchermensch und kenne diesen Verlag nicht?" Dann schaltete er den Rechner ein, googelte "Kopp" und war entsetzt. "Gefährliche rechtsextreme Elemente im Verlagsprogramm", meint Bodenmiller und knetet die Hände über der Spitzentischdecke.

Kopp hat zwei prominente Zugpferde, die zwar von Kritikern nicht in die rechtsextreme, dafür aber in die rechtspopulistische Ecke gestellt werden. Was Bodenmiller fast noch schlimmer findet, weil das Nationale dieses Unternehmens so im Gewand des Bürgerlichen daherkommt. Unauffällig, leise, unterschwellig, getarnt als ganz normal.

Eva Hermann als Zugpferd

Eine Prominente ist die Moderatorin Eva Herman, die 2007 beim NDR rausflog, weil sie öffentlich fand, im Dritten Reich sei nicht alles schlimm gewesen. Angefangen hat sie im Kopp-Verlag als Sprecherin für die Nachrichtensendung der Homepage Kopp-online. Eine Sendung, die seriös aussah wie "heute" oder "Tagesschau". Eva Herman überbrachte "Nachrichten, die die Massenmedien verschweigen". Mittlerweile sind die Kopp-Nachrichten eingestellt, und Eva Herman schreibt auf Kopp-online Texte gegen Homosexualität und solche, die entlarven wollen, dass Medienkonzerne mitsamt der Regierung extra Brigitte Nielsen ins Dschungelcamp gesetzt haben, um Deutschland von all den wichtigen politischen Krisen auf der Welt abzulenken.

Vor ein paar Jahren sorgte Eva Herman mit einem Artikel auf der Kopp-Homepage für einen Eklat und platzierte sich samt Verlag bundesweit in den Nachrichten. Die Opfer der Duisburger Loveparade, dieser "riesigen Drogen-, Alkohol- und Sexorgie", seien gottgewollt gewesen, schreibt Herman. Und weiter: "Eventuell haben hier auch andere Mächte eingegriffen, um dem schamlosen Treiben ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen!"

Der vermeintlich "Lustige Migrantenstadel"

Auch Udo Ulfkotte arbeitet für Kopp. Der ehemalige Politikredakteur der FAZ, Geheimdienst- und Islamexperte, mittlerweile abgedriftet in einen regelrechten Hass auf den Islam. Ulfkotte, der Deutschland medienwirksam und in einer seiner Publikationen als einen "Lustigen Migrantenstadel" bezeichnet und statt Integrationsbeauftragten Rückführungsbeauftragte fordert. Außerdem Reparationszahlungen von Migranten – für die angefallenen Kosten, die Ausländer, vor allem Muslime, in Deutschland verursachen würden. Sein im Kopp-Verlag erschienenes Buch "Vorsicht Bürgerkrieg" schaffte es sogar auf die Titelseite des Blatts "National-Zeitung", das vom Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextrem bezeichnet wird.

Beschauliche Bischofsstadt Rottenburg am Neckar.Im Kopp-Verlag gibt es Bücher aus dem als rechtsextrem eingeschätzten Ares-Verlag: "Zu den schlimmsten Verbrechen im Zweiten Weltkrieg gehören die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen durch die sowjetischen Soldaten." Aus dem rechtsextremen Grabert-Verlag: "Verrat an der Ostfront: Warum der endgültige Sieg nicht unter Dach und Fach gebracht wurde." Aus dem rechten Bublies-Verlag: "Migrantengewalt gehört zu den großen tabuisierten Themen in unserer Gesellschaft." Ein Buch, das auch auf der islamfeindlichen Seite PI angepriesen wird. Aber wirklich beobachtungswürdig sei der Kopp-Verlag trotzdem nicht, findet der Verfassungsschutz.

2008 kooperierte Kopp mit dem rechten Klosterhaus-Verlag Hans Grimm für einen Werbeprospekt. Er wird in der "Jungen Freiheit" beworben, die als Medium der neuen Rechten angesehen wird. Aber seine Prospekte und Werbeanzeigen fanden sich auch bei Schlecker, in der "ADAC Motorwelt", in "Readers Digest Deutschland", im Computermagazin "Chip" und als Beilage im Naturkostmagazin "Schrot und Korn". Kopp soll bis vor einigen Jahren sogar Anzeigen im Magazin "Der Spiegel" geschaltet haben. Kopp wirbt vor allem mit Gesundheit: Homöopathie, die gesunde Schilddrüse, Saftfasten macht leicht. Verschwörungen und Islamfeindlichkeit erscheinen erst auf den hinteren Seiten.

Unauffällig "den Boden des rechten Denkens bepflanzt"

Jochen Kopp sei einer, der mit seinen Büchern schleichend und unauffällig den Boden des rechten Denkens bepflanzt, sagt Albert Bodenmiller. Und keiner tue etwas dagegen. Dabei habe die Kanzlerin doch zur Gedenkfeier an die Opfer der NSU, des Nationalsozialistischen Untergrunds, der Zwickauer Zelle, die über Jahre unbemerkt die "Dönermorde" beging, gesagt, man müsse gegen jede Form der Ausländerfeindlichkeit vorgehen.

Seitdem er sich einsetzt gegen den Kopp-Verlag, wenden sich immer mehr Menschen in Rottenburg von ihm ab, erzählt Bodenmiller. Und die, die sich noch mit ihm unterhalten, sagen Dinge wie: Naja, wenn die von der NSU getöteten Türken gar nicht erst nach Deutschland gekommen wären, wären sie nun auch nicht tot. Außerdem rufen ihn seit einigen Monaten dauernd Nazis an und bedrohen ihn, sagt Bodenmiller. Sein Leben und seine Gesundheit seien gefährdet, sagen sie.

Udo Ulfkotte hatte Bodenmillers Telefonnummer und Adresse in einem zynischen wie zornigen Artikel auf Kopp-online veröffentlicht, als er von Bodenmillers Unwillen gegen den Verlag erfuhr. Ulfkotte empfahl seiner Leserschaft, sich doch selbst an den Stadtrat zu wenden. Der freue sich bestimmt. Ulfkotte äußert sich gerne, wenn einer den Verlag kritisiert, weil Jochen Kopp sich doch lieber im Hintergrund hält. Für ein Gespräch stand Kopp auch der Kontext-Wochenzeitung nicht zur Verfügung.

Kopp kaufte das Gelände Siebenlinden III. Wie viel er bezahlt hat, ist nicht öffentlich. Die Stadt war jedenfalls froh, die Wiese los zu sein. Die Verwaltung änderte sogar den Bebauungsplan für Kopps neue Lagerhalle, 35 Meter breit, 70 Meter lang, 14 Meter hoch statt nur acht. "Der will sich da eine Wohnung hinbauen", sagt Bodenmiller. "Oben drauf, auch noch mit Blick auf die Wurmlinger Kapelle."

Eine Plastik von Eugen Bolz, der in Rottenburg als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime geehrt wird. Wie passt zu diesem politischen Profil ein umstrittener Verlag für Verschwörungstheorien?Albert Bodenmiller tobte, als er davon erfuhr. Ein politischer Skandal sei das. Rottenburg habe ein "klares politische Profil, das sich gegen den Nationalsozialismus richtet". Mit Eugen Bolz, dem Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime, der von den Nazis ermordet wurde. Oder Johannes Baptista Sproll, dem siebten römisch-katholischen Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, erklärter Gegner des nationalsozialistischen Regimes, Verfolgter, Verbannter. "Die würden sich im Grabe rumdrehen", sagte Bodenmiller in der Ratssitzung. Die CDU, die Christdemokraten, lachten ihn aus, auch die SPD und der Oberbürgermeister.

Alle außer den Grünen finden, der Kopp-Verlag sei ja nicht verboten, die Bücher bekomme man auch bei Amazon oder in Bibliotheken. Außerdem bringe er Arbeitsplätze, immerhin 30 mehr durch den Ausbau, er ist einer der Hauptsponsoren des TV Rottenburg, und der Verkauf des Grundstücks und die Gewerbesteuer von Kopp bringen Geld in die Stadtkasse. Und: viele kennen Jochen Kopp persönlich. Der sei schon in Ordnung, der Kopp, ein Typ, der sich aufopferungsvoll um seine Mitarbeiter kümmere und der Stadt, zum Beispiel durch sein Sportsponsoring, etwas zurückgebe. So was sei ja selten und eine gute Tugend, finden sie hier.

Er wolle den Kopp-Verlag ja nicht verbieten, sagt Bodenmiller, Artikel fünf, Grundgesetz: Meinungsfreiheit. Er wolle nur nicht, dass die Stadt Rottenburg ihn auch noch unterstützt und ihm dieses Grundstück im Industriegebiet verkauft. In einer Bischofsstadt dürfe sich doch kein rechtes Gedankengut verbreiten. Das hat er auch Bischof Gebhard Fürst von der Diözese Rottenburg-Stuttgart mitgeteilt, aber der ließ ihm ausrichten, er wolle sich nicht in die Stadtplanung einmischen.

"Man muss nicht gut finden, was die veröffentlichen, aber es gibt keinen Grund, warum er nicht in Siebenlinden III bauen sollte", sagt Bürgermeister Stefan Neher. Keine Öle, keine Säuren, nichts, was das Grundwasser gefährden könnte. Eigentlich perfekt.

Albert Bodenmiller sitzt in seinem Wohnzimmer unter den Zinntellern und ärgert sich. "Das ist wie Panzer nach Saudi-Arabien zu verkaufen oder Kriegsschiffe nach Angola. Moral gegen Geld, und in Rottenburg hat das Geld mal wieder gewonnen."


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Kommentare

Bernhard Meyer, 21.10.2015 19:17
Was mich saumäßig stört, ist, wenn in einem seriösen Zeitungsartikel das Wort "Verschwörungstheorie" verwendet wird in der heute üblichen abwertenden Bedeutung: "Wer eine V. verbreitet, ist ein Spinner oder Schlimmeres".

Und dann werden die unterschiedlichsten Typen in einen Topf geworfen: Wer an die "jüdische Weltverschwörung" glaubt und wer glaubt, dass hinter dem Kennedy-Mord NICHT eine verwirrter Einzeltäter steckt und dass der Warren-Report Fehler aufweist, landet im selben Topf. Überhaupt kann mit dem Begriff jeglicher Zweifel an offizieller Verlautbarung diskreditiert werden. Wer mit dem Kampfbegriff "Verschwörungstheoretiker" arbeitet, glaubt und behauptet also, dass es keine Verschwörungen gäbe. Das ist reiner Quatsch. Snowden muss doch dem letzten Naiven die Augen geöffnet haben. Die Verschwörungsabstreiter wollen also, dass wir blind allem glauben, was von oben serviert wird, jede Beschönigung, Verzerrung, jede Propaganda und jede Lüge - wenn sie von oben kommt. Das ist einfach Quatsch!

Es ist sogar schlimmer als Quatsch: Die Verschwörungsleugner arbeiten mit am von Chomsky beschriebenen Programm zur Herstellung von Konsens, an der Einlullung des Volks, damit es aufhört, seine Regierung kritisch zu beobachten. Sie arbeiten mit daran, Demokratie langsam einzuschläfern. Und wenn ich das schreibe, behaupte ich auch nicht, dass es keine unsinnigen Theorien gäbe. Gegen Rechte und andere mutmaßlich gefährliche Ideen muss man mit überzeugenden Argumenten vorgehen, mit guten Beispielen oder mit handfesten Klagen vor Gericht. Aber nicht mit Denunziation und nebulösen Anschuldigungen, bei denen an Schuldigen wie Unschuldigen allerlei Verdächte kleben bleiben und ein Klima schafft, wie bei der Hexenjagd mit McCarthy.

Differenzierung ist in so einer Atmosphäre nicht gefragt. Wenn Ulfkotte auf der Anklagebank sitzt - möglicherweise zu Recht in Bezug auf seine islamfeindlichen Schriften und in Bezug auf die schlechte literarische Qualität - so ist er deswegen noch lange nicht unglaubwürdig, wenn er eine Innenansicht eines großen Zeitungsbetriebs gibt. Das undifferenzierte Einschlagen auf ihn verdeckt, dass der Mann auch wichtige Informationen liefern kann.

max, 21.10.2015 18:34
Dieser Verlag ist weder links noch rechts und dort schreiben auch keine Verschwörungstheoretiker. So ein Unsinn. Und Herr Dr. U. Ulf Kotte sowie andere, die für den Verlag schreiben, schreiben unzensierte, genau das ist es, was die Politiker und deren Medien nicht sehen wollen. Wir haben Demokratie und so soll es auch bleiben. Man kann es nicht mehr hören, das Gehetze gegen Menschen, die sich eine eigene Meinung bilden wollen. Es gibt genug Journalisten, die wissen warum sie nicht mehr für die Mainstream Medien schreiben oder berichten wollen.
Der Kopp Verlag ist nicht rechts oder links, blau oder grün..... Wenn doch endlich das sinnlose Gehetze aufhören würde. Unser Land zerfällt, aber jeder hetzt gegen jeden. Das ist lächerlich.

HeikoSchmidt, 20.04.2012 11:53
Zu diesem Albert B. fällt mir ein Zitat von Helmut Qualtinger ein:
"Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen".
Heute soll der Verlag aus der Stadt verbannt werden und morgen werden dann seine Bücher auf dem Marktplatz verbrannt ...

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