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S-21-Ausstieg ernsthaft erwogen

Jetzt ist es amtlich: Aus den entschwärzten Teilen eines für Angela Merkel erstellten Vermerks vom 5. Februar 2013 geht hervor, dass die Staatssekretäre der beteiligten Bundesministerien vor drei Jahren die Frage eines Ausstiegs aus Stuttgart 21 ernsthaft prüfen lassen wollten, bevor über die Kostensteigerungen entschieden werden sollte. Der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium Michael Odenwald (CDU) hatte "eine umfassende Unterlage" erstellen lassen, wonach, wie es in dem vierseitigen Schreiben an die Kanzlerin heißt, "offenbar die Antwortentwürfe der DB AG auf die Fragen des AR kritisch kommentiert, weitere Fragen zur Kostenentwicklung und Risiken sowie nach Projektabbruch und Alternativen formuliert" wurden.

Unter anderem gibt der Vermerk die Auffassung des Bahnvorstands wieder, nach der die seinerzeit eingeräumten Kostensteigerungen nicht allein zu Lasten des Bundes gehen und andere Vorhaben der Bahn nicht tangieren würden. Das Bundesverkehrsministerium hatte dieser Ansicht zuvor widersprochen. Abschließend heißt es: "Um ein Scheitern des Projekts auf der Zeitschiene zu verhindern, muss der Aufsichtsrat nach Erörterung und Bewertung der von der DB beantworteten Fragen zügig eine Entscheidung (...)" fällen. Und das Verkehrsministerium wird gedrängt, "zügig zu einer abschließenden Bewertung der Faktenlage zu kommen und diese mit den anderen Ressorts abzustimmen".

Für Eisenhart von Loeper, der die Entschwärzung am Donnerstag in Berlin in einem Vergleich vor dem Verwaltungsgericht erreicht hat, ist damit der "Verdacht der rechtswidrigen Einflussnahme auf die Weiterbauentscheidung erhärtet". Die weiteren nun einsehbaren Passagen des bisher Dokuments zeigten, so das Aktionsbündnis in seiner Pressemitteilung, "dass es in der Sache massive, wenn auch diplomatisch formulierte Forderungen gab, Verkehrs-Staatssekretär Odenwald solle seine begründete Forderung der ernsthaften Prüfung des Ausstiegs aus dem Projekt aufgeben". Von Loeper weiter: "Obwohl es den Staatssekretären darum ging, bei Stuttgart 21 'vor dem Hintergrund der Entwicklung beim BER eine möglichst belastbare Finanzierung gewährleisten und Risiken soweit wie möglich ausschließen' zu können, sollte sich das Verkehrsministerium die Meinung des Bahnvorstands zu eigen machen. Dieser votierte dann trotz der enormen Kostensteigerung für Weiterbau."


Stuttgart 21: Steter Tropfen

Das Kanzleramt entschwärzt weitere Teile eines brisanten Stuttgart-21-Vermerks. Wie Eisenhart von Loeper am Donnerstag nach dem Erörterungstermin zur Aktenvorlage vor dem Berliner Verwaltungsgericht mitteilte, werden damit rund 80 Prozent jenes Papiers mit Datum 5. Februar 2013 öffentlich, in dem es um das Okay des DB-Aufsichtsrats für das Milliardenprojekt trotz der Kostensteigerungen und vor allem der Tatsache geht, dass nicht geklärt war und ist, wer die Mehrkosten trägt. Von Loeper hofft jetzt nachvollziehen zu können, wie und was in den entscheidenden Wochen 2013 intern diskutiert wurde. Im Raum steht seit dem umstrittenen Votum der Vorwurf, dass das Kanzleramt Einfluss auf die Aufsichtsräte genommen hat. Schon im Sommer 2014 hatte von Loeper die Herausgabe wichtiger Dokumente durchsetzen können, die seither auf der Internetseite www.strafvereitelung.de eingesehen werden können. Die neuen Passagen sollen dem Aktionsbündnis noch diese Woche zugestellt werden.


VfB gewinnt die Süperlig

Der VfB ist nun doch noch Meister geworden! Nach dem Abstieg aus der 1. Bundesliga am Samstag hat er schon am Tag darauf die türkische Süperlig gewonnen. Wenigstens ein bisschen. Sagen wir mal, unter Einberechnung des Schön-war-die-Zeit-Vergangenheitsbonus', zu zwei Elfteln. Die beiden Besiktas-Istanbul-Spieler Mario Gomez und Andreas Beck haben nämlich ihre VfB-Meisterschaftserfahrung aus dem Jahr 2007 in den türkischen Club eingebracht. Nach dem 3:1-Sieg gegen Osmanlispor kann Besiktas am letzten Spieltag nicht mehr eingeholt werden. Gefeiert wurde das auch auf dem Stuttgarter Schlossplatz, schließlich hat der Verein viele Fans. Die sind übrigens Weltrekordhalter: in einem Spiel gegen Tottenham im Jahr 2006 (nach anderen Angaben 2007 gegen Liverpool) haben sie sich mit 132 Dezibel den Höchstwert für Fußballstadien zusammengejubelt. Die Besiktas-Fangruppe Carsi (offiziell aufgelöst, aber weiter virulent und freundschaftlich mit Sankt Pauli verbunden) umrundet das A im Namen zum Zeichen für Anarchie, versteht sich auch als soziale Bewegung und war etwa bei den Taksim-Platz-Protesten gegen Erdogan aktiv. Was jetzt eventuell weniger an den VfB und seine Fans erinnert. Aaaaaber: Trainiert wurde Besiktas auch einige Jahre von Christoph Daum, der den VfB 1992 zum Meister machte. Und drei Jahre später hat Daum mit Besiktas die Süperlig gewonnen! Wenn man also auch noch den Daum-Faktor einrechnet, dann ist der VfB an diesem Sonntag sogar mit mehr als Zwei-Elfteln türkischer Meister geworden. (17.5.2016)


Stuttgarter Friedenspreis 2016 an Jürgen Grässlin

Die Verleihung des diesjährigen Anstifter-Preises an Jürgen Grässlin ist ein Signal. Denn dem Rüstungsgegner droht eine Haftstrafe. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat wenige Monate nach seinem Enthüllungsbuch "Netzwerk des Todes" über die Verflechtungen von Rüstungsindustrie und Behörden Vorermittlungen eingeleitet: Gegen ihn und seine Mitautoren Daniel Harrich und Danuta Harrich-Zandberg - wegen des Verdachts verbotener Mitteilungen über Gerichtsverhandlungen gemäß § 353d Strafgesetzbuch.

Dabei hatte Mitautor und Regisseur Daniel Harrich der Staatsanwaltschaft zahlreiche Dokumente zur Verfügung gestellt, auf deren Basis die staatsanwaltschaftliche Klageschrift gegen Heckler & Koch verfasst werden konnte. Vor rund einem Monat hat Daniel Harrich noch den Grimme-Preis dafür entgegengenommen. Nicht nur im Fall Böhmermann - auch sonst sehen sich deutsche Medienmacher und kritische Autoren immer wieder mit Strafermittlungen konfrontiert. Jetzt erst recht - Kontext gratuliert zum Friedenspreis.

In diesem Jahr wird er zum 14. Mal verliehen, 25 Vorschläge gingen bei den Anstiftern ein. Der erste Preis ist mit 5000 Euro dotiert. Auf weiteren Plätzen folgen der Zeitzeuge Theodor Bergmann, Seawatch (Geflüchtete in Seenot), Ärzte ohne Grenzen und die kurdische Menschenrechtsaktivistin Leyla Zana. (16.Mai 2016)


Bündnis gegen rechts

Winfried Kretschmann engagiert sich im österreichischen Präsidentschaftswahlkampf: Er ist einem breit verankerten Komitee gegen rechts und zur Unterstützung von Alexander van der Bellen beigetreten. Der frühere Bundesvorsitzende der österreichischen Grünen, der als parteiunabhängiger Kandidat antritt, kam bei der Volkswahl Mitte April im ersten Wahlgang auf 21,3 Prozent der Stimmen. Norbert Hofer, der Kandidat der rechtspopulistischen "Freiheitlichen Partei Österreichs" (FPÖ), liegt mit 35 Prozent weit vorn. Zusammengefunden haben sich vor dem entscheidenden zweiten Wahlgang am 22. Mai viele Promis aus dem deutschsprachigen Raum, die sich für van der Bellen stark machen. Darunter Oscar-Preisträger Christoph Waltz, Everest-Bezwinger Reinhold Messner oder Liedermacher Konstantin Wecker und hunderte Schauspieler, Künstler, Journalisten, Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler oder Diplomaten aus dem linken, aber auch aus dem bürgerlichen Lager. Nach Pfingsten, am Dienstagabend,  wird Kretschmann nach Wien reisen, um im Wahlkampf des Universitätsprofessors aufzutreten. Er habe van der Bellen "als engagierten, fairen und vertrauenswürdigen Menschen kennen und schätzen gelernt, der für Demokratie, Menschenrechte, ökologische Nachhaltigkeit, gegenseitigen Respekt und Chancengleichheit" eintrete. Unter weiter: "Gerade in diesen bewegten Zeiten ist eine besonnene, weltoffene und weitsichtige Person in einem solchen Amt besonders wichtig." Hofer ist programmatisch einer der führenden Köpfe der FPÖ und damit der europäischen Rechten. Seine schlagende Verbindung Marko Germania hält wenig vom selbständigen Staat Österreich, sondern bekennt sich zu einem "deutschen Vaterland", "unabhängig von bestehenden staatlichen Grenzen". Er wäre in Mitteleuropa der erste Rechtspopulist im höchsten Amt eines Staates. (15.5.2016)


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Ausgabe 50
Medien

Der einsame Kampf des Albert B.

Von Anna Hunger (Text) und Martin Storz (Fotos)
Datum: 14.03.2012
Deutschlands größter Verlag für Verschwörungstheorien sitzt in Rottenburg am Neckar. Gegründet von einem ehemaligen Polizisten. Jochen Kopp verlegt Bücher über Außerirdische, über Freimaurer oder die angebliche jüdische Weltverschwörung, Der Kopp-Verlag kann die 68er-Bewegung nicht leiden und Linke sowieso nicht. Nun will er expandieren. Das scheint kaum einen zu stören. Außer Albert Bodenmiller, Vorsitzender der Rottenburger Fraktionsgemeinschaft BFH, "Bürgerfreundliche Heimat"/Die Linke. Er findet, der Kopp-Verlag sei ein "brauner Fleck" in der Bischofsstadt.

Albrecht Bodenmiller führt in der Bischofsstadt Rottenburg einen einsamen Kampf gegen den umstrittenen Kopp-Verlag.Deutschlands größter Verlag für Verschwörungstheorien sitzt in Rottenburg am Neckar. Gegründet von einem ehemaligen Polizisten und Ufologen. Jochen Kopp verlegt Bücher über Außerirdische, die Madonnenerscheinungen auf die Erde projizieren, über Freimaurer oder die angebliche jüdische Weltverschwörung. Der Kopp-Verlag kann die 68er-Bewegung nicht leiden und Linke sowieso nicht. Nun will er expandieren. Das scheint kaum einen zu stören. Außer Albert Bodenmiller, Vorsitzender der Rottenburger Fraktionsgemeinschaft BFH, "Bürgerfreundliche Heimat"/Die Linke. Er findet, der Kopp-Verlag sei ein "brauner Fleck" in der Bischofsstadt.

Albert Bodenmiller kämpft seit fast genau einem Jahr gegen die Expansion des Kopp-Verlags im Rottenburger Industriegebiet Siebenlinden III. Es geht ihm in dieser Frage nicht um Geld, nicht mal ums Recht. Es geht ihm um die Moral, um Anstand und darum, Rückgrat zu beweisen. "Ich bin doch Demokrat und Christ!", sagt er aufgebracht und rudert mit den Armen über dem Tisch mit der Spitzendecke. Hinter ihm hängen Zinnteller an der Wand, auf dem Fensterbrett lebt eine Orchideensammlung, im Regal stehen ein paar Bergkristalle und eine Menge Bücher, "Ägypten", "Frankreich", "Degas", "Unser Baden-Württemberg", was sich eben so ansammelt in einem 73-jährigen gutbürgerlichen Leben. Und als Demokrat und Christ, sagt er, könne er drei Dinge nicht vertragen: Erstens Verschwörungstheorien gegen Juden und Freimaurer. Zweitens Ausländer- und Islamfeindlichkeit. Drittens Geschichtsrevisionismus.

Albert Bodenmiller lebt in Bad Niedernau, einem winzigen Ort westlich von Rottenburg, hier war er mal Ortsvorsteher, und die Leute lieben ihren Albert, sagt Albert Bodenmiller über sich selbst.

Im Rottenburger Gemeinderat lieben ihn die Leute nicht, weil er unbequem ist und immer mal wieder aus nicht öffentlichen Sitzungen plaudert, weil er findet, öffentliche Sitzungen sind nicht öffentlichen meistens vorzuziehen. Seine Ratskollegen nennen ihn einen "Querulanten". Beim Brauchtumsabend zu Fasching attestierten die Lausbühlhexen der Narrenzunft Ergenzingen Rottenburgs Oberbürgermeister Stephan Neher sogar eine "Bodenmiller-Allergie".

Bodenmiller leidet unter einer Kopp-Allergie

Kopp hat eine eigene Online-Nachrichtenseite. Dort schreiben vor allem Verschwörungstheoretiker. Wie Gerhard Wisnewski, Journalist für diverse Frankfurter Regionalblätter, der davon überzeugt ist, die Attentate von Oslo, der Bombenanschlag in der Stadt und das Massaker im Jugendlager auf der Insel Utøya, bei denen der Attentäter Anders Breivik 77 Menschen umbrachte, seien von "oben" geplant worden seien.

Bis zu 3000 Büchersendungen verschicken die Kopp-Mitarbeiter nach eigener Auskunft am Tag, das Geschäft brummt. Und weil der Verlag noch mehr verkaufen will, braucht er mehr Platz.

Jochen Kopp, der Verlagschef, kaufte im vergangenen März ein Stück des neu geplanten Industriegebiets Siebenlinden III, 3,2 Hektar gleich neben Siebenlinden II, am östlichen Rand von Rottenburg, oberhalb des grasigen Wegs, auf dem Jogger joggen und Radfahrer Rad fahren. Dorthin will er eine Lagerhalle bauen. Das Gelände ist ein Wasserschutzgebiet. Eigentlich sollten dort Dienstleister angesiedelt werden, Institute, die mit der Uni Tübingen zusammenarbeiten sollten, Ingenieurbüros, Architekten und so weiter. Aber keiner wollte dorthin, weil Rottenburg eben doch zu weit von Tübingen entfernt ist. Jahre später beschloss die Stadt schließlich, das Grundstück an einen Elektrofachmarkt und ein Gartencenter zu verkaufen. Aber der Handels- und Gewerbeverein fand, damit würden die Geschäfte in der Innenstadt kaputtgehen.

Im März 2011 meldete Jochen Kopp Interesse an. Stadtrat Albert Bodenmiller war damals überrascht. "Ich dachte, ich bin doch ein Büchermensch und kenne diesen Verlag nicht?" Dann schaltete er den Rechner ein, googelte "Kopp" und war entsetzt. "Gefährliche rechtsextreme Elemente im Verlagsprogramm", meint Bodenmiller und knetet die Hände über der Spitzentischdecke.

Kopp hat zwei prominente Zugpferde, die zwar von Kritikern nicht in die rechtsextreme, dafür aber in die rechtspopulistische Ecke gestellt werden. Was Bodenmiller fast noch schlimmer findet, weil das Nationale dieses Unternehmens so im Gewand des Bürgerlichen daherkommt. Unauffällig, leise, unterschwellig, getarnt als ganz normal.

Eva Hermann als Zugpferd

Eine Prominente ist die Moderatorin Eva Herman, die 2007 beim NDR rausflog, weil sie öffentlich fand, im Dritten Reich sei nicht alles schlimm gewesen. Angefangen hat sie im Kopp-Verlag als Sprecherin für die Nachrichtensendung der Homepage Kopp-online. Eine Sendung, die seriös aussah wie "heute" oder "Tagesschau". Eva Herman überbrachte "Nachrichten, die die Massenmedien verschweigen". Mittlerweile sind die Kopp-Nachrichten eingestellt, und Eva Herman schreibt auf Kopp-online Texte gegen Homosexualität und solche, die entlarven wollen, dass Medienkonzerne mitsamt der Regierung extra Brigitte Nielsen ins Dschungelcamp gesetzt haben, um Deutschland von all den wichtigen politischen Krisen auf der Welt abzulenken.

Vor ein paar Jahren sorgte Eva Herman mit einem Artikel auf der Kopp-Homepage für einen Eklat und platzierte sich samt Verlag bundesweit in den Nachrichten. Die Opfer der Duisburger Loveparade, dieser "riesigen Drogen-, Alkohol- und Sexorgie", seien gottgewollt gewesen, schreibt Herman. Und weiter: "Eventuell haben hier auch andere Mächte eingegriffen, um dem schamlosen Treiben ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen!"

Der vermeintlich "Lustige Migrantenstadel"

Auch Udo Ulfkotte arbeitet für Kopp. Der ehemalige Politikredakteur der FAZ, Geheimdienst- und Islamexperte, mittlerweile abgedriftet in einen regelrechten Hass auf den Islam. Ulfkotte, der Deutschland medienwirksam und in einer seiner Publikationen als einen "Lustigen Migrantenstadel" bezeichnet und statt Integrationsbeauftragten Rückführungsbeauftragte fordert. Außerdem Reparationszahlungen von Migranten – für die angefallenen Kosten, die Ausländer, vor allem Muslime, in Deutschland verursachen würden. Sein im Kopp-Verlag erschienenes Buch "Vorsicht Bürgerkrieg" schaffte es sogar auf die Titelseite des Blatts "National-Zeitung", das vom Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextrem bezeichnet wird.

Beschauliche Bischofsstadt Rottenburg am Neckar.Im Kopp-Verlag gibt es Bücher aus dem als rechtsextrem eingeschätzten Ares-Verlag: "Zu den schlimmsten Verbrechen im Zweiten Weltkrieg gehören die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen durch die sowjetischen Soldaten." Aus dem rechtsextremen Grabert-Verlag: "Verrat an der Ostfront: Warum der endgültige Sieg nicht unter Dach und Fach gebracht wurde." Aus dem rechten Bublies-Verlag: "Migrantengewalt gehört zu den großen tabuisierten Themen in unserer Gesellschaft." Ein Buch, das auch auf der islamfeindlichen Seite PI angepriesen wird. Aber wirklich beobachtungswürdig sei der Kopp-Verlag trotzdem nicht, findet der Verfassungsschutz.

2008 kooperierte Kopp mit dem rechten Klosterhaus-Verlag Hans Grimm für einen Werbeprospekt. Er wird in der "Jungen Freiheit" beworben, die als Medium der neuen Rechten angesehen wird. Aber seine Prospekte und Werbeanzeigen fanden sich auch bei Schlecker, in der "ADAC Motorwelt", in "Readers Digest Deutschland", im Computermagazin "Chip" und als Beilage im Naturkostmagazin "Schrot und Korn". Kopp soll bis vor einigen Jahren sogar Anzeigen im Magazin "Der Spiegel" geschaltet haben. Kopp wirbt vor allem mit Gesundheit: Homöopathie, die gesunde Schilddrüse, Saftfasten macht leicht. Verschwörungen und Islamfeindlichkeit erscheinen erst auf den hinteren Seiten.

Unauffällig "den Boden des rechten Denkens bepflanzt"

Jochen Kopp sei einer, der mit seinen Büchern schleichend und unauffällig den Boden des rechten Denkens bepflanzt, sagt Albert Bodenmiller. Und keiner tue etwas dagegen. Dabei habe die Kanzlerin doch zur Gedenkfeier an die Opfer der NSU, des Nationalsozialistischen Untergrunds, der Zwickauer Zelle, die über Jahre unbemerkt die "Dönermorde" beging, gesagt, man müsse gegen jede Form der Ausländerfeindlichkeit vorgehen.

Seitdem er sich einsetzt gegen den Kopp-Verlag, wenden sich immer mehr Menschen in Rottenburg von ihm ab, erzählt Bodenmiller. Und die, die sich noch mit ihm unterhalten, sagen Dinge wie: Naja, wenn die von der NSU getöteten Türken gar nicht erst nach Deutschland gekommen wären, wären sie nun auch nicht tot. Außerdem rufen ihn seit einigen Monaten dauernd Nazis an und bedrohen ihn, sagt Bodenmiller. Sein Leben und seine Gesundheit seien gefährdet, sagen sie.

Udo Ulfkotte hatte Bodenmillers Telefonnummer und Adresse in einem zynischen wie zornigen Artikel auf Kopp-online veröffentlicht, als er von Bodenmillers Unwillen gegen den Verlag erfuhr. Ulfkotte empfahl seiner Leserschaft, sich doch selbst an den Stadtrat zu wenden. Der freue sich bestimmt. Ulfkotte äußert sich gerne, wenn einer den Verlag kritisiert, weil Jochen Kopp sich doch lieber im Hintergrund hält. Für ein Gespräch stand Kopp auch der Kontext-Wochenzeitung nicht zur Verfügung.

Kopp kaufte das Gelände Siebenlinden III. Wie viel er bezahlt hat, ist nicht öffentlich. Die Stadt war jedenfalls froh, die Wiese los zu sein. Die Verwaltung änderte sogar den Bebauungsplan für Kopps neue Lagerhalle, 35 Meter breit, 70 Meter lang, 14 Meter hoch statt nur acht. "Der will sich da eine Wohnung hinbauen", sagt Bodenmiller. "Oben drauf, auch noch mit Blick auf die Wurmlinger Kapelle."

Eine Plastik von Eugen Bolz, der in Rottenburg als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime geehrt wird. Wie passt zu diesem politischen Profil ein umstrittener Verlag für Verschwörungstheorien?Albert Bodenmiller tobte, als er davon erfuhr. Ein politischer Skandal sei das. Rottenburg habe ein "klares politische Profil, das sich gegen den Nationalsozialismus richtet". Mit Eugen Bolz, dem Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime, der von den Nazis ermordet wurde. Oder Johannes Baptista Sproll, dem siebten römisch-katholischen Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, erklärter Gegner des nationalsozialistischen Regimes, Verfolgter, Verbannter. "Die würden sich im Grabe rumdrehen", sagte Bodenmiller in der Ratssitzung. Die CDU, die Christdemokraten, lachten ihn aus, auch die SPD und der Oberbürgermeister.

Alle außer den Grünen finden, der Kopp-Verlag sei ja nicht verboten, die Bücher bekomme man auch bei Amazon oder in Bibliotheken. Außerdem bringe er Arbeitsplätze, immerhin 30 mehr durch den Ausbau, er ist einer der Hauptsponsoren des TV Rottenburg, und der Verkauf des Grundstücks und die Gewerbesteuer von Kopp bringen Geld in die Stadtkasse. Und: viele kennen Jochen Kopp persönlich. Der sei schon in Ordnung, der Kopp, ein Typ, der sich aufopferungsvoll um seine Mitarbeiter kümmere und der Stadt, zum Beispiel durch sein Sportsponsoring, etwas zurückgebe. So was sei ja selten und eine gute Tugend, finden sie hier.

Er wolle den Kopp-Verlag ja nicht verbieten, sagt Bodenmiller, Artikel fünf, Grundgesetz: Meinungsfreiheit. Er wolle nur nicht, dass die Stadt Rottenburg ihn auch noch unterstützt und ihm dieses Grundstück im Industriegebiet verkauft. In einer Bischofsstadt dürfe sich doch kein rechtes Gedankengut verbreiten. Das hat er auch Bischof Gebhard Fürst von der Diözese Rottenburg-Stuttgart mitgeteilt, aber der ließ ihm ausrichten, er wolle sich nicht in die Stadtplanung einmischen.

"Man muss nicht gut finden, was die veröffentlichen, aber es gibt keinen Grund, warum er nicht in Siebenlinden III bauen sollte", sagt Bürgermeister Stefan Neher. Keine Öle, keine Säuren, nichts, was das Grundwasser gefährden könnte. Eigentlich perfekt.

Albert Bodenmiller sitzt in seinem Wohnzimmer unter den Zinntellern und ärgert sich. "Das ist wie Panzer nach Saudi-Arabien zu verkaufen oder Kriegsschiffe nach Angola. Moral gegen Geld, und in Rottenburg hat das Geld mal wieder gewonnen."


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Kommentare

Bernhard Meyer, 21.10.2015 19:17
Was mich saumäßig stört, ist, wenn in einem seriösen Zeitungsartikel das Wort "Verschwörungstheorie" verwendet wird in der heute üblichen abwertenden Bedeutung: "Wer eine V. verbreitet, ist ein Spinner oder Schlimmeres".

Und dann werden die unterschiedlichsten Typen in einen Topf geworfen: Wer an die "jüdische Weltverschwörung" glaubt und wer glaubt, dass hinter dem Kennedy-Mord NICHT eine verwirrter Einzeltäter steckt und dass der Warren-Report Fehler aufweist, landet im selben Topf. Überhaupt kann mit dem Begriff jeglicher Zweifel an offizieller Verlautbarung diskreditiert werden. Wer mit dem Kampfbegriff "Verschwörungstheoretiker" arbeitet, glaubt und behauptet also, dass es keine Verschwörungen gäbe. Das ist reiner Quatsch. Snowden muss doch dem letzten Naiven die Augen geöffnet haben. Die Verschwörungsabstreiter wollen also, dass wir blind allem glauben, was von oben serviert wird, jede Beschönigung, Verzerrung, jede Propaganda und jede Lüge - wenn sie von oben kommt. Das ist einfach Quatsch!

Es ist sogar schlimmer als Quatsch: Die Verschwörungsleugner arbeiten mit am von Chomsky beschriebenen Programm zur Herstellung von Konsens, an der Einlullung des Volks, damit es aufhört, seine Regierung kritisch zu beobachten. Sie arbeiten mit daran, Demokratie langsam einzuschläfern. Und wenn ich das schreibe, behaupte ich auch nicht, dass es keine unsinnigen Theorien gäbe. Gegen Rechte und andere mutmaßlich gefährliche Ideen muss man mit überzeugenden Argumenten vorgehen, mit guten Beispielen oder mit handfesten Klagen vor Gericht. Aber nicht mit Denunziation und nebulösen Anschuldigungen, bei denen an Schuldigen wie Unschuldigen allerlei Verdächte kleben bleiben und ein Klima schafft, wie bei der Hexenjagd mit McCarthy.

Differenzierung ist in so einer Atmosphäre nicht gefragt. Wenn Ulfkotte auf der Anklagebank sitzt - möglicherweise zu Recht in Bezug auf seine islamfeindlichen Schriften und in Bezug auf die schlechte literarische Qualität - so ist er deswegen noch lange nicht unglaubwürdig, wenn er eine Innenansicht eines großen Zeitungsbetriebs gibt. Das undifferenzierte Einschlagen auf ihn verdeckt, dass der Mann auch wichtige Informationen liefern kann.

max, 21.10.2015 18:34
Dieser Verlag ist weder links noch rechts und dort schreiben auch keine Verschwörungstheoretiker. So ein Unsinn. Und Herr Dr. U. Ulf Kotte sowie andere, die für den Verlag schreiben, schreiben unzensierte, genau das ist es, was die Politiker und deren Medien nicht sehen wollen. Wir haben Demokratie und so soll es auch bleiben. Man kann es nicht mehr hören, das Gehetze gegen Menschen, die sich eine eigene Meinung bilden wollen. Es gibt genug Journalisten, die wissen warum sie nicht mehr für die Mainstream Medien schreiben oder berichten wollen.
Der Kopp Verlag ist nicht rechts oder links, blau oder grün..... Wenn doch endlich das sinnlose Gehetze aufhören würde. Unser Land zerfällt, aber jeder hetzt gegen jeden. Das ist lächerlich.

HeikoSchmidt, 20.04.2012 11:53
Zu diesem Albert B. fällt mir ein Zitat von Helmut Qualtinger ein:
"Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen".
Heute soll der Verlag aus der Stadt verbannt werden und morgen werden dann seine Bücher auf dem Marktplatz verbrannt ...

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