KONTEXT Extra:
Büttel der Bahn - nein danke

Vor dem S-21-Lenkungskreis am Donnerstag (30.6.) wird Verkehrsminister Winfried Hermann und Oberbürgermeister Fritz Kuhn (beide Grüne) heftig ins Gewissen geredet. Der Theologe Martin Poguntke vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erklärt, die Projektgegner hätten es aufgegeben zu hoffen, dass "wir politische Helden an die Macht gebracht haben". Aber verlangt werden könne, dass sie ihr Amt "nicht so ganz der Würdelosigkeit preisgeben". Konkret bedeute das:

Fordern Sie von der Bahn die restlose Offenlegung aller Zahlen und deren Überprüfung durch eine wirklich unabhängige Stelle. Sie haben nicht das Recht, sich auf die Bahn einfach zu verlassen - denn Sie sind uns, dem Souverän, gegenüber verantwortlich.

Fordern Sie, dass die Bahn dem Vieregg&Rössler-Gutachten von mindestens 9,8 Milliarden nicht nur blumig widerspricht, sondern es Punkt für Punkt mit konkreten Zahlen widerlegt. Es geht hier nämlich nicht nur um eine Kostensteigerung von wenigen hundert Millionen, sondern seit 2009 sind die von der Bahn scheibchenweise eingestandenen Kosten um 3,4 Milliarden von 3,1 auf 6,5 Milliarden gestiegen - das sind über 100 Prozent in sieben Jahren.

Fordern Sie - wenn schon keinen Projekt-Abbruch - wenigstens ein Moratorium, bis alle strittigen Fragen geklärt sind. Denn in weniger als der Hälfte der geplanten Bauzeit hat die Bahn 99 Prozent des Risikopuffers von 1,5 Milliarden verbraucht. Es kann nicht sein, dass die Bahn jetzt immer weiter baut, immer mehr Verpflichtungen eingeht, ein immer höheres Erpressungspotenzial an schon ausgegebenem Geld aufhäuft - bevor geklärt ist, wie sie das bezahlen will.

Fordern Sie eine ergebnisoffene Gegenüberstellung der Chancen und Risiken von S21 mit den Chancen und Risiken eines Umstiegs auf den modernisierten Kopfbahnhof und verstecken Sie sich nicht hinter dem angeblichen Ergebnis der Volksabstimmung. Kein halbwegs verantwortlicher Politiker kann ignorieren, dass ein Umstieg auf eine Modernisierung des Kopfbahnhofs nur ca. 2 Milliarden kosten würde und dass nur 1,5 Milliarden des bereits verbauten Geldes wirklich verloren, also viele Milliarden gespart wären - dafür, dass wir einen besseren Bahnhof bekommen, als es S21 je hätte sein können.

Und schließlich bei all Ihren Forderungen: Nennen Sie Konsequenzen, für den Fall, dass Ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Was tun Sie, wenn die Bahn nicht auf Ihre Forderungen eingeht? Denn Forderungen ohne Ankündigung von Konsequenzen sind leeres Gerede fürs Publikum.

Zeigen Sie einmal, dass Sie nicht die Büttel der Bahn sind! Zeigen Sie einmal ein klein wenig politische Größe! Zeigen Sie einmal, dass der Lenkungskreis wirklich lenkt!


Ein Zeichen für Europa

Über Stuttgart wehen EU-Flaggen! Mit der Verkündung des amtlichen Endergebnisses der Volksabstimmung in Großbritainnien über den Austritt aus der EU werden auf der Villa Reitzenstein und dem Neuem Schloss in Stuttgart europäische Flaagen gehisst. Die grün-schwarze Koalition möchte damit ein Zeichen für Europa setzen. "Wir wollen unsere proeuropäische Haltung deutlich zeigen", so Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Die gehöre in Baden-Württemberg "zur Staatsräson". Als "überzeugten Europäer" treffe ihn die Entscheidung der Briten "ganz persönlich ins Mark". Europa sei in den Grundfesten erschüttert.


AfD-Fraktion schließt Gedeon vorerst nicht aus

Die Zerreißprobe in der "Alternative für Deutschland" (AfD) ist aufgeschoben. Ihr Bundesvorsitzender Jörg Meuthen, zugleich Chef der baden-württembergischen Landtagsfraktion, hatte am Dienstag jedenfalls keine erforderliche Zweidrittelmehrheit für den Ausschluss von Wolfgang Gedeon. Über die Äußerungen Gedeons, Anhänger der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", wird jetzt statt dessen ein Gutachten bei drei Fachleuten in Auftrag gegeben – von Religionswissenschaftlern ist die Rede, ein Experte soll jüdischen Glaubens sein –, um die von Meuten selbst erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Singener Mediziner zu überprüfen. Der lässt vorerst seine Mitgliedschaft in der Fraktion ruhen und wird im Plenarsaal auch einen neuen Platz erhalten.

Fraktionsgeschäftsführer Bernd Grimmer erklärte nach den dreistündigen Beratungen, die für einen Ausschluss notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit sei nicht klar gewesen und etwa ein Drittel der Abgeordneten nicht bereit gewesen, Meuthen zu folgen. Sie schätzten den Stellenwert von Meinungsfreiheit höher ein als den einer "politisch korrekten Ausdrucksweise". Sollte die Fraktion nach der Sommerpause und der Bewertung des Gutachtens abermals nicht bereit sein, dem von Meuthen seit Tagen vehement verlangten Antrag auf Ausschluss Gedeons zuzustimmen, bleibt der dabei, seinerseits die Fraktion verlassen zu wollen. Außerdem gibt es Gerüchte, dass eine Handvoll Abgeordneter Gedeon – im Falle seines Ausschlusses – nicht allein gehen lassen, sondern mit ihm aus der Fraktion ausscheiden wolle.

Nicht nur im Internet tobt seit Tagen eine heftige Auseinandersetzung über den künftigen Kurs der Partei, die sich zur Retterin Deutschlands ernannt hat. Meuthens Co-Vorsitzende auf Bundesebene Frauke Petry hat sich öffentlich gegen ihn gestellt, ist damit aber im Bundesvorstand isoliert. Zahlreiche Mitglieder des rechten Flügels verlangen von dem Kehler Wirtschaftsprofessor, von sich aus die AfD zu verlassen. "Die Bewegung muss sich von Volksverrätern wie Meuthen trennen", postet ein Thorsten Baeuml. Und weiter: "Linksversiffte Gutmenschen braucht die Bewegung nicht! Ein Krebsgeschwür wird auch entfernt, so lange es noch geht und Meuthen hat sich zur Selbstoperation verdonnert. Gut so!" Den Ausdruck "linksversifft" hatte Meuthen selbst vor Wochen benutzt, ihn allerdings auf die ganze Bundesrepublik bezogen.


S 21: BUND verlangt "Öffnung in Richtung Kombi-Lösung"

Der BUND Baden-Württemberg hat am Montag ein Positionspapier zu Stuttgart 21 vorgelegt, um "konstruktive Lösungen aus der Sackgasse" aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht der "Einstieg in eine Kombi-Lösung". Wie die Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender erläutert, könnten damit "einerseits die Kosten und Risiken von Stuttgart 21 deutlich gesenkt und andererseits finanzielle Spielräume zur Realisierung eines tatsächlich zukunftsfähigen Bahnknotenpunkts gewonnen werden". Außerdem sieht das Konzept vor, auf den unterirdischen Flughafenbahnhof zu verzichten und stattdessen einen oberirdischen Halt beim Messeparkhaus zu errichten. Zudem soll die Gäubahn über die bestehende Panoramabahn oberirdisch in den Hauptbahnhof geführt werden und "die Zuführungsstrecken zum Hauptbahnhof und die Wendlinger Kurve sollen leistungsfähig ausgebaut werden".

Dahlbender, die für die Tiefbahnhofgegner 2010 in der Schlichtung saß, nennt S 21 ein "auch heute noch in ganz wesentlichen Teilen weder vollständig geplantes noch vollständig genehmigtes Projekt". Es gebe weiterhin keine qualifizierten Aussagen zu Kosten und zum Zeitablauf. Für die SPD-Politikerin und Ulmer Gemeinderätin steht fest, dass deutlich mehr als acht Bahnsteiggleise unverzichtbar sind für einen Großknoten Stuttgart und eine Entmischung der S-Bahn, des Regional- und des Fernverkehrs. Eine nachhaltige Mobilitätswende müsse sich an den Wünschen der Bahnkunden und der tatsächlichen Verkehrsströme orientieren, "und das bedeutet einen Einstieg in die Diskussion einer Kombi-Lösung".

Mehr dazu unter diesem Link.


Jetzt offiziell: Kefer geht späestens im Herbst 2017

Von einem "Eingeständnis des Scheiterns" sprechen die Parkschützer, von "großem Respekt und Wertschätzung" der Aufsichtsratsvorsitzende der DB Utz-Hellmuth Felcht. Auf jeden Fall wirft der für Stuttgart 21 zuständige Bahnvorstand Volker Kefer das Handtuch. Er stehe für eine Verlängerung seines im September 2017 auslaufenden Vertrags nicht zur Verfügung, teilte er dem Aufsichtsrat am Mittwochvormittag mit. Möglicherweise wird er, wenn seine Nachfolge geregelt ist, den Konzern aber schon deutlich früher verlassen. Hier werde kein "Bauer geopfert", so der Sprecher der Parkschützer Matthias von Herrmann. Vielmehr nehme sich ein "allzu stolzer Turm selbst aus dem Spiel": Der für Stuttgart 21 verantwortliche oberste Bahnmanager ziehe "nun offenbar seine persönliche Notbremse vor dem sicheren Aufprall auf dem Prellbock eines baulich, finanziell und kommunikativ völlig unkontrolliert taumelnden Projekts". Kefer ist seit 2009 bei der Deutschen Bahn und galt lange Zeit als möglicher Nachfolger von Bahnchef Rüdiger Grube, dessen Stellvertreter er auch ist. Kritisiert wird intern vor allem, dass der frühere Siemens-Vorstand den Aufsichtsrat zu spät über die Kostenexplosionen und die immer neuen Risiken bei Stuttgart 21 informiert hat.

Insider in Berlin sehen auch Grube selber nicht mehr sicher im Sattel, weil der nicht nur das nach seinen vielzitierten Worten "bestgerechnete" Milliardenprojekt nie wirklich in den Griff bekommen hat. Matthias von Herrmann erinnert an des marode, dringend sanierungsbedürftige Schienennetz und daran, dass trotz der groß angekündigten fernverkehrsoffensive nicht einmal mehr 78 Prozent der Züge pünktlich fahren: "Wir brauchen endlich wieder eine gute zuverlässige Bahn statt Tunnelwahn." Zum Vergleich: In der Schweiz treffen knapp 97 Prozent der Züge pünktlich im Bahnhof ein. (15.6.2017)


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Ausgabe 50
Medien

Der einsame Kampf des Albert B.

Von Anna Hunger (Text) und Martin Storz (Fotos)
Datum: 14.03.2012
Deutschlands größter Verlag für Verschwörungstheorien sitzt in Rottenburg am Neckar. Gegründet von einem ehemaligen Polizisten. Jochen Kopp verlegt Bücher über Außerirdische, über Freimaurer oder die angebliche jüdische Weltverschwörung, Der Kopp-Verlag kann die 68er-Bewegung nicht leiden und Linke sowieso nicht. Nun will er expandieren. Das scheint kaum einen zu stören. Außer Albert Bodenmiller, Vorsitzender der Rottenburger Fraktionsgemeinschaft BFH, "Bürgerfreundliche Heimat"/Die Linke. Er findet, der Kopp-Verlag sei ein "brauner Fleck" in der Bischofsstadt.

Albrecht Bodenmiller führt in der Bischofsstadt Rottenburg einen einsamen Kampf gegen den umstrittenen Kopp-Verlag.Deutschlands größter Verlag für Verschwörungstheorien sitzt in Rottenburg am Neckar. Gegründet von einem ehemaligen Polizisten und Ufologen. Jochen Kopp verlegt Bücher über Außerirdische, die Madonnenerscheinungen auf die Erde projizieren, über Freimaurer oder die angebliche jüdische Weltverschwörung. Der Kopp-Verlag kann die 68er-Bewegung nicht leiden und Linke sowieso nicht. Nun will er expandieren. Das scheint kaum einen zu stören. Außer Albert Bodenmiller, Vorsitzender der Rottenburger Fraktionsgemeinschaft BFH, "Bürgerfreundliche Heimat"/Die Linke. Er findet, der Kopp-Verlag sei ein "brauner Fleck" in der Bischofsstadt.

Albert Bodenmiller kämpft seit fast genau einem Jahr gegen die Expansion des Kopp-Verlags im Rottenburger Industriegebiet Siebenlinden III. Es geht ihm in dieser Frage nicht um Geld, nicht mal ums Recht. Es geht ihm um die Moral, um Anstand und darum, Rückgrat zu beweisen. "Ich bin doch Demokrat und Christ!", sagt er aufgebracht und rudert mit den Armen über dem Tisch mit der Spitzendecke. Hinter ihm hängen Zinnteller an der Wand, auf dem Fensterbrett lebt eine Orchideensammlung, im Regal stehen ein paar Bergkristalle und eine Menge Bücher, "Ägypten", "Frankreich", "Degas", "Unser Baden-Württemberg", was sich eben so ansammelt in einem 73-jährigen gutbürgerlichen Leben. Und als Demokrat und Christ, sagt er, könne er drei Dinge nicht vertragen: Erstens Verschwörungstheorien gegen Juden und Freimaurer. Zweitens Ausländer- und Islamfeindlichkeit. Drittens Geschichtsrevisionismus.

Albert Bodenmiller lebt in Bad Niedernau, einem winzigen Ort westlich von Rottenburg, hier war er mal Ortsvorsteher, und die Leute lieben ihren Albert, sagt Albert Bodenmiller über sich selbst.

Im Rottenburger Gemeinderat lieben ihn die Leute nicht, weil er unbequem ist und immer mal wieder aus nicht öffentlichen Sitzungen plaudert, weil er findet, öffentliche Sitzungen sind nicht öffentlichen meistens vorzuziehen. Seine Ratskollegen nennen ihn einen "Querulanten". Beim Brauchtumsabend zu Fasching attestierten die Lausbühlhexen der Narrenzunft Ergenzingen Rottenburgs Oberbürgermeister Stephan Neher sogar eine "Bodenmiller-Allergie".

Bodenmiller leidet unter einer Kopp-Allergie

Kopp hat eine eigene Online-Nachrichtenseite. Dort schreiben vor allem Verschwörungstheoretiker. Wie Gerhard Wisnewski, Journalist für diverse Frankfurter Regionalblätter, der davon überzeugt ist, die Attentate von Oslo, der Bombenanschlag in der Stadt und das Massaker im Jugendlager auf der Insel Utøya, bei denen der Attentäter Anders Breivik 77 Menschen umbrachte, seien von "oben" geplant worden seien.

Bis zu 3000 Büchersendungen verschicken die Kopp-Mitarbeiter nach eigener Auskunft am Tag, das Geschäft brummt. Und weil der Verlag noch mehr verkaufen will, braucht er mehr Platz.

Jochen Kopp, der Verlagschef, kaufte im vergangenen März ein Stück des neu geplanten Industriegebiets Siebenlinden III, 3,2 Hektar gleich neben Siebenlinden II, am östlichen Rand von Rottenburg, oberhalb des grasigen Wegs, auf dem Jogger joggen und Radfahrer Rad fahren. Dorthin will er eine Lagerhalle bauen. Das Gelände ist ein Wasserschutzgebiet. Eigentlich sollten dort Dienstleister angesiedelt werden, Institute, die mit der Uni Tübingen zusammenarbeiten sollten, Ingenieurbüros, Architekten und so weiter. Aber keiner wollte dorthin, weil Rottenburg eben doch zu weit von Tübingen entfernt ist. Jahre später beschloss die Stadt schließlich, das Grundstück an einen Elektrofachmarkt und ein Gartencenter zu verkaufen. Aber der Handels- und Gewerbeverein fand, damit würden die Geschäfte in der Innenstadt kaputtgehen.

Im März 2011 meldete Jochen Kopp Interesse an. Stadtrat Albert Bodenmiller war damals überrascht. "Ich dachte, ich bin doch ein Büchermensch und kenne diesen Verlag nicht?" Dann schaltete er den Rechner ein, googelte "Kopp" und war entsetzt. "Gefährliche rechtsextreme Elemente im Verlagsprogramm", meint Bodenmiller und knetet die Hände über der Spitzentischdecke.

Kopp hat zwei prominente Zugpferde, die zwar von Kritikern nicht in die rechtsextreme, dafür aber in die rechtspopulistische Ecke gestellt werden. Was Bodenmiller fast noch schlimmer findet, weil das Nationale dieses Unternehmens so im Gewand des Bürgerlichen daherkommt. Unauffällig, leise, unterschwellig, getarnt als ganz normal.

Eva Hermann als Zugpferd

Eine Prominente ist die Moderatorin Eva Herman, die 2007 beim NDR rausflog, weil sie öffentlich fand, im Dritten Reich sei nicht alles schlimm gewesen. Angefangen hat sie im Kopp-Verlag als Sprecherin für die Nachrichtensendung der Homepage Kopp-online. Eine Sendung, die seriös aussah wie "heute" oder "Tagesschau". Eva Herman überbrachte "Nachrichten, die die Massenmedien verschweigen". Mittlerweile sind die Kopp-Nachrichten eingestellt, und Eva Herman schreibt auf Kopp-online Texte gegen Homosexualität und solche, die entlarven wollen, dass Medienkonzerne mitsamt der Regierung extra Brigitte Nielsen ins Dschungelcamp gesetzt haben, um Deutschland von all den wichtigen politischen Krisen auf der Welt abzulenken.

Vor ein paar Jahren sorgte Eva Herman mit einem Artikel auf der Kopp-Homepage für einen Eklat und platzierte sich samt Verlag bundesweit in den Nachrichten. Die Opfer der Duisburger Loveparade, dieser "riesigen Drogen-, Alkohol- und Sexorgie", seien gottgewollt gewesen, schreibt Herman. Und weiter: "Eventuell haben hier auch andere Mächte eingegriffen, um dem schamlosen Treiben ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen!"

Der vermeintlich "Lustige Migrantenstadel"

Auch Udo Ulfkotte arbeitet für Kopp. Der ehemalige Politikredakteur der FAZ, Geheimdienst- und Islamexperte, mittlerweile abgedriftet in einen regelrechten Hass auf den Islam. Ulfkotte, der Deutschland medienwirksam und in einer seiner Publikationen als einen "Lustigen Migrantenstadel" bezeichnet und statt Integrationsbeauftragten Rückführungsbeauftragte fordert. Außerdem Reparationszahlungen von Migranten – für die angefallenen Kosten, die Ausländer, vor allem Muslime, in Deutschland verursachen würden. Sein im Kopp-Verlag erschienenes Buch "Vorsicht Bürgerkrieg" schaffte es sogar auf die Titelseite des Blatts "National-Zeitung", das vom Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextrem bezeichnet wird.

Beschauliche Bischofsstadt Rottenburg am Neckar.Im Kopp-Verlag gibt es Bücher aus dem als rechtsextrem eingeschätzten Ares-Verlag: "Zu den schlimmsten Verbrechen im Zweiten Weltkrieg gehören die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen durch die sowjetischen Soldaten." Aus dem rechtsextremen Grabert-Verlag: "Verrat an der Ostfront: Warum der endgültige Sieg nicht unter Dach und Fach gebracht wurde." Aus dem rechten Bublies-Verlag: "Migrantengewalt gehört zu den großen tabuisierten Themen in unserer Gesellschaft." Ein Buch, das auch auf der islamfeindlichen Seite PI angepriesen wird. Aber wirklich beobachtungswürdig sei der Kopp-Verlag trotzdem nicht, findet der Verfassungsschutz.

2008 kooperierte Kopp mit dem rechten Klosterhaus-Verlag Hans Grimm für einen Werbeprospekt. Er wird in der "Jungen Freiheit" beworben, die als Medium der neuen Rechten angesehen wird. Aber seine Prospekte und Werbeanzeigen fanden sich auch bei Schlecker, in der "ADAC Motorwelt", in "Readers Digest Deutschland", im Computermagazin "Chip" und als Beilage im Naturkostmagazin "Schrot und Korn". Kopp soll bis vor einigen Jahren sogar Anzeigen im Magazin "Der Spiegel" geschaltet haben. Kopp wirbt vor allem mit Gesundheit: Homöopathie, die gesunde Schilddrüse, Saftfasten macht leicht. Verschwörungen und Islamfeindlichkeit erscheinen erst auf den hinteren Seiten.

Unauffällig "den Boden des rechten Denkens bepflanzt"

Jochen Kopp sei einer, der mit seinen Büchern schleichend und unauffällig den Boden des rechten Denkens bepflanzt, sagt Albert Bodenmiller. Und keiner tue etwas dagegen. Dabei habe die Kanzlerin doch zur Gedenkfeier an die Opfer der NSU, des Nationalsozialistischen Untergrunds, der Zwickauer Zelle, die über Jahre unbemerkt die "Dönermorde" beging, gesagt, man müsse gegen jede Form der Ausländerfeindlichkeit vorgehen.

Seitdem er sich einsetzt gegen den Kopp-Verlag, wenden sich immer mehr Menschen in Rottenburg von ihm ab, erzählt Bodenmiller. Und die, die sich noch mit ihm unterhalten, sagen Dinge wie: Naja, wenn die von der NSU getöteten Türken gar nicht erst nach Deutschland gekommen wären, wären sie nun auch nicht tot. Außerdem rufen ihn seit einigen Monaten dauernd Nazis an und bedrohen ihn, sagt Bodenmiller. Sein Leben und seine Gesundheit seien gefährdet, sagen sie.

Udo Ulfkotte hatte Bodenmillers Telefonnummer und Adresse in einem zynischen wie zornigen Artikel auf Kopp-online veröffentlicht, als er von Bodenmillers Unwillen gegen den Verlag erfuhr. Ulfkotte empfahl seiner Leserschaft, sich doch selbst an den Stadtrat zu wenden. Der freue sich bestimmt. Ulfkotte äußert sich gerne, wenn einer den Verlag kritisiert, weil Jochen Kopp sich doch lieber im Hintergrund hält. Für ein Gespräch stand Kopp auch der Kontext-Wochenzeitung nicht zur Verfügung.

Kopp kaufte das Gelände Siebenlinden III. Wie viel er bezahlt hat, ist nicht öffentlich. Die Stadt war jedenfalls froh, die Wiese los zu sein. Die Verwaltung änderte sogar den Bebauungsplan für Kopps neue Lagerhalle, 35 Meter breit, 70 Meter lang, 14 Meter hoch statt nur acht. "Der will sich da eine Wohnung hinbauen", sagt Bodenmiller. "Oben drauf, auch noch mit Blick auf die Wurmlinger Kapelle."

Eine Plastik von Eugen Bolz, der in Rottenburg als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime geehrt wird. Wie passt zu diesem politischen Profil ein umstrittener Verlag für Verschwörungstheorien?Albert Bodenmiller tobte, als er davon erfuhr. Ein politischer Skandal sei das. Rottenburg habe ein "klares politische Profil, das sich gegen den Nationalsozialismus richtet". Mit Eugen Bolz, dem Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime, der von den Nazis ermordet wurde. Oder Johannes Baptista Sproll, dem siebten römisch-katholischen Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, erklärter Gegner des nationalsozialistischen Regimes, Verfolgter, Verbannter. "Die würden sich im Grabe rumdrehen", sagte Bodenmiller in der Ratssitzung. Die CDU, die Christdemokraten, lachten ihn aus, auch die SPD und der Oberbürgermeister.

Alle außer den Grünen finden, der Kopp-Verlag sei ja nicht verboten, die Bücher bekomme man auch bei Amazon oder in Bibliotheken. Außerdem bringe er Arbeitsplätze, immerhin 30 mehr durch den Ausbau, er ist einer der Hauptsponsoren des TV Rottenburg, und der Verkauf des Grundstücks und die Gewerbesteuer von Kopp bringen Geld in die Stadtkasse. Und: viele kennen Jochen Kopp persönlich. Der sei schon in Ordnung, der Kopp, ein Typ, der sich aufopferungsvoll um seine Mitarbeiter kümmere und der Stadt, zum Beispiel durch sein Sportsponsoring, etwas zurückgebe. So was sei ja selten und eine gute Tugend, finden sie hier.

Er wolle den Kopp-Verlag ja nicht verbieten, sagt Bodenmiller, Artikel fünf, Grundgesetz: Meinungsfreiheit. Er wolle nur nicht, dass die Stadt Rottenburg ihn auch noch unterstützt und ihm dieses Grundstück im Industriegebiet verkauft. In einer Bischofsstadt dürfe sich doch kein rechtes Gedankengut verbreiten. Das hat er auch Bischof Gebhard Fürst von der Diözese Rottenburg-Stuttgart mitgeteilt, aber der ließ ihm ausrichten, er wolle sich nicht in die Stadtplanung einmischen.

"Man muss nicht gut finden, was die veröffentlichen, aber es gibt keinen Grund, warum er nicht in Siebenlinden III bauen sollte", sagt Bürgermeister Stefan Neher. Keine Öle, keine Säuren, nichts, was das Grundwasser gefährden könnte. Eigentlich perfekt.

Albert Bodenmiller sitzt in seinem Wohnzimmer unter den Zinntellern und ärgert sich. "Das ist wie Panzer nach Saudi-Arabien zu verkaufen oder Kriegsschiffe nach Angola. Moral gegen Geld, und in Rottenburg hat das Geld mal wieder gewonnen."


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Kommentare

Bernhard Meyer, 21.10.2015 19:17
Was mich saumäßig stört, ist, wenn in einem seriösen Zeitungsartikel das Wort "Verschwörungstheorie" verwendet wird in der heute üblichen abwertenden Bedeutung: "Wer eine V. verbreitet, ist ein Spinner oder Schlimmeres".

Und dann werden die unterschiedlichsten Typen in einen Topf geworfen: Wer an die "jüdische Weltverschwörung" glaubt und wer glaubt, dass hinter dem Kennedy-Mord NICHT eine verwirrter Einzeltäter steckt und dass der Warren-Report Fehler aufweist, landet im selben Topf. Überhaupt kann mit dem Begriff jeglicher Zweifel an offizieller Verlautbarung diskreditiert werden. Wer mit dem Kampfbegriff "Verschwörungstheoretiker" arbeitet, glaubt und behauptet also, dass es keine Verschwörungen gäbe. Das ist reiner Quatsch. Snowden muss doch dem letzten Naiven die Augen geöffnet haben. Die Verschwörungsabstreiter wollen also, dass wir blind allem glauben, was von oben serviert wird, jede Beschönigung, Verzerrung, jede Propaganda und jede Lüge - wenn sie von oben kommt. Das ist einfach Quatsch!

Es ist sogar schlimmer als Quatsch: Die Verschwörungsleugner arbeiten mit am von Chomsky beschriebenen Programm zur Herstellung von Konsens, an der Einlullung des Volks, damit es aufhört, seine Regierung kritisch zu beobachten. Sie arbeiten mit daran, Demokratie langsam einzuschläfern. Und wenn ich das schreibe, behaupte ich auch nicht, dass es keine unsinnigen Theorien gäbe. Gegen Rechte und andere mutmaßlich gefährliche Ideen muss man mit überzeugenden Argumenten vorgehen, mit guten Beispielen oder mit handfesten Klagen vor Gericht. Aber nicht mit Denunziation und nebulösen Anschuldigungen, bei denen an Schuldigen wie Unschuldigen allerlei Verdächte kleben bleiben und ein Klima schafft, wie bei der Hexenjagd mit McCarthy.

Differenzierung ist in so einer Atmosphäre nicht gefragt. Wenn Ulfkotte auf der Anklagebank sitzt - möglicherweise zu Recht in Bezug auf seine islamfeindlichen Schriften und in Bezug auf die schlechte literarische Qualität - so ist er deswegen noch lange nicht unglaubwürdig, wenn er eine Innenansicht eines großen Zeitungsbetriebs gibt. Das undifferenzierte Einschlagen auf ihn verdeckt, dass der Mann auch wichtige Informationen liefern kann.

max, 21.10.2015 18:34
Dieser Verlag ist weder links noch rechts und dort schreiben auch keine Verschwörungstheoretiker. So ein Unsinn. Und Herr Dr. U. Ulf Kotte sowie andere, die für den Verlag schreiben, schreiben unzensierte, genau das ist es, was die Politiker und deren Medien nicht sehen wollen. Wir haben Demokratie und so soll es auch bleiben. Man kann es nicht mehr hören, das Gehetze gegen Menschen, die sich eine eigene Meinung bilden wollen. Es gibt genug Journalisten, die wissen warum sie nicht mehr für die Mainstream Medien schreiben oder berichten wollen.
Der Kopp Verlag ist nicht rechts oder links, blau oder grün..... Wenn doch endlich das sinnlose Gehetze aufhören würde. Unser Land zerfällt, aber jeder hetzt gegen jeden. Das ist lächerlich.

HeikoSchmidt, 20.04.2012 11:53
Zu diesem Albert B. fällt mir ein Zitat von Helmut Qualtinger ein:
"Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen".
Heute soll der Verlag aus der Stadt verbannt werden und morgen werden dann seine Bücher auf dem Marktplatz verbrannt ...

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Letzte Kommentare:

Ausgabe 274 / Kleines Zubrot für den Kontrolleur / Zaininger, 29.06.2016 00:14
Und da wundern sich manche bei der SPD und drum herum noch, warum sie angesichts solcher Abkassierer keinen Fuß auf den Boden bekommen und misstrauisch beäugt werden

Ausgabe 273 / Jeden Tag ein guter Freund / Schwabe, 28.06.2016 10:17
Man merkt auch, dass die Beschneidung von Pressefreiheit sprich der Abbau von Demokratie hart verteidigt wird!

Ausgabe 273 / Wer eine Grube gräbt / Schwabe, 28.06.2016 09:38
Der "Müller" hat m.E. von Bau keine Ahnung - aber hier kann man ja rumpoltern und sich seine eigene Schlüssigkeit zusammenbasteln. Was "Damals" angeht hat Frau Rath recht wenn Sie sagt: "Damals" musste der Vorhabenträger ein Projekt...

Ausgabe 273 / Wer eine Grube gräbt / Müller, 28.06.2016 07:27
@frau Rath Selbstverständlich ist nicht der behördliche Schwergang alleine für die Verzögerungen verantwortlich. S21 hat einfach eine mords Komplexität. Aber auch K21 würde man in viele Planfeststellungen zerschneiden. Das geht...

Ausgabe 273 / Wer eine Grube gräbt / CharlotteRath, 27.06.2016 17:56
@mueller zu "damals" bzw. "langwierige Genehmigungsverfahren": Sie meinen tatsächlich, vor Erlass der "Planungsvereinfachungs- und -beschleunigungsgesetze" und vor der Änderung der öffentlichen Haushaltsordnungen ging alles...

Ausgabe 273 / Sofadeutsche / Horst Ruch, 27.06.2016 17:05
......nur nach vorne blicken, nie mit den Schmuddelkindern spielen. Die NATO das wirkliche TTIP-Europa, das aus den USA gesteuerte Programm, zur wundersamen Geldvermehrung. Kaiser Wilhelm war mit Krupp&Co zwar auch schon ohne Amerika...

Ausgabe 83 / Rassismus im Kinderzimmer / Demokrator, 27.06.2016 07:08
Ist dieser Artikel ernst gemeint?

Ausgabe 273 / Jeden Tag ein guter Freund / Demokrator, 27.06.2016 07:07
Man merkt schon, Kontext hat den Finger in die Wunde gelegt.

Ausgabe 273 / Trumps Luftnummer / Demokrator, 27.06.2016 07:05
Na, "Müller", wieder nur gegen die Kritiker keilen, wenn einem die Argumente ausgegangen sind? http://omec.us/ddg/lohnschreiber-regeln.html

Ausgabe 273 / Jeden Tag ein guter Freund / Dieter Kief, 26.06.2016 21:33
Grüzi Hr. Reile! Die Entwicklung des "Südkurier-Skandals" hat leider eine neue Wendung genommen, von der Ihr hiesiges Entlastungsangriffle auf mich am Ende sogar ablenken könnte, was aber nicht richtig wäre. Josef-Otto Freudenreich...

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