KONTEXT Extra:
Fahrverbote beschlossen – Nordost-Ring vom Tisch

Wie ein Gespenst geisterte seit Wochen ein vor fast 40 Jahren beerdigtes Verkehrsprojekt durch die Debatte um Feinstaubalarmtage und Fahrverbote in der Landeshauptstadt: der Nordost-Ring. Jetzt hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) allen Spekulationen eine Absage erteilt. Auch deswegen, weil die Baumaßnahme entgegen den Behauptungen von Teilen der CDU keineswegs bereits im Bundesverkehrswegeplan steht. "Dort geht es um neun Kilometer der B 29", so Hermann nach dem heutigen Kabinettsbeschluss zu Fahrverboten ab 1.1.2018 an Feinstaubtagen, den schlussendlich auch die CDU-Landtagsfraktion mittrug.

Prompt gab es Lob von Umwelt- und Naturschützern. Hermann habe erkannt, so die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, "wenn nicht zeitnah effiziente Maßnahmen greifen, so werden die Gerichte die Entscheidungen zum Schutze der Bürger*innen treffen und die Politik das Heft aus der Hand geben müssen". Die Stuttgarter CDU ist noch nicht ganz so weit. Für den Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann sind Fahrverbote weiterhin "politisch klar abzulehnen". Und er träumt von Nordost-Ring: Jetzt gelte es "endlich neue Verkehrsprojekte wie den Nord-Ost-Ring auf den Weg zu bringen". Hermann machte dagegen deutlich, dass das nach dem eben erst in Kraft gesetzten Bundesverkehrswegeplan gar nicht möglich ist. 

In den Sechzigern und Siebzigern waren zwei Varianten durchdacht worden: eine größere mit einem Autobahnzubringer bei Mundelsheim und eine kleinere etwa auf der Gemarkungsgrenze zwischen Waiblingen und Fellbach. Schon damals vertraten Verkehrswissenschaftler allerdings die Ansicht, dass ein Ringschluss rund um Stuttgaart weniger die Stadt, sondern die Autobahnen im Westen und Süden entlasten würde.


Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kirche ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


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Ausgabe 50
Medien

Der einsame Kampf des Albert B.

Von Anna Hunger (Text) und Martin Storz (Fotos)
Datum: 14.03.2012
Deutschlands größter Verlag für Verschwörungstheorien sitzt in Rottenburg am Neckar. Gegründet von einem ehemaligen Polizisten. Jochen Kopp verlegt Bücher über Außerirdische, über Freimaurer oder die angebliche jüdische Weltverschwörung, Der Kopp-Verlag kann die 68er-Bewegung nicht leiden und Linke sowieso nicht. Nun will er expandieren. Das scheint kaum einen zu stören. Außer Albert Bodenmiller, Vorsitzender der Rottenburger Fraktionsgemeinschaft BFH, "Bürgerfreundliche Heimat"/Die Linke. Er findet, der Kopp-Verlag sei ein "brauner Fleck" in der Bischofsstadt.

Albrecht Bodenmiller führt in der Bischofsstadt Rottenburg einen einsamen Kampf gegen den umstrittenen Kopp-Verlag.Deutschlands größter Verlag für Verschwörungstheorien sitzt in Rottenburg am Neckar. Gegründet von einem ehemaligen Polizisten und Ufologen. Jochen Kopp verlegt Bücher über Außerirdische, die Madonnenerscheinungen auf die Erde projizieren, über Freimaurer oder die angebliche jüdische Weltverschwörung. Der Kopp-Verlag kann die 68er-Bewegung nicht leiden und Linke sowieso nicht. Nun will er expandieren. Das scheint kaum einen zu stören. Außer Albert Bodenmiller, Vorsitzender der Rottenburger Fraktionsgemeinschaft BFH, "Bürgerfreundliche Heimat"/Die Linke. Er findet, der Kopp-Verlag sei ein "brauner Fleck" in der Bischofsstadt.

Albert Bodenmiller kämpft seit fast genau einem Jahr gegen die Expansion des Kopp-Verlags im Rottenburger Industriegebiet Siebenlinden III. Es geht ihm in dieser Frage nicht um Geld, nicht mal ums Recht. Es geht ihm um die Moral, um Anstand und darum, Rückgrat zu beweisen. "Ich bin doch Demokrat und Christ!", sagt er aufgebracht und rudert mit den Armen über dem Tisch mit der Spitzendecke. Hinter ihm hängen Zinnteller an der Wand, auf dem Fensterbrett lebt eine Orchideensammlung, im Regal stehen ein paar Bergkristalle und eine Menge Bücher, "Ägypten", "Frankreich", "Degas", "Unser Baden-Württemberg", was sich eben so ansammelt in einem 73-jährigen gutbürgerlichen Leben. Und als Demokrat und Christ, sagt er, könne er drei Dinge nicht vertragen: Erstens Verschwörungstheorien gegen Juden und Freimaurer. Zweitens Ausländer- und Islamfeindlichkeit. Drittens Geschichtsrevisionismus.

Albert Bodenmiller lebt in Bad Niedernau, einem winzigen Ort westlich von Rottenburg, hier war er mal Ortsvorsteher, und die Leute lieben ihren Albert, sagt Albert Bodenmiller über sich selbst.

Im Rottenburger Gemeinderat lieben ihn die Leute nicht, weil er unbequem ist und immer mal wieder aus nicht öffentlichen Sitzungen plaudert, weil er findet, öffentliche Sitzungen sind nicht öffentlichen meistens vorzuziehen. Seine Ratskollegen nennen ihn einen "Querulanten". Beim Brauchtumsabend zu Fasching attestierten die Lausbühlhexen der Narrenzunft Ergenzingen Rottenburgs Oberbürgermeister Stephan Neher sogar eine "Bodenmiller-Allergie".

Bodenmiller leidet unter einer Kopp-Allergie

Kopp hat eine eigene Online-Nachrichtenseite. Dort schreiben vor allem Verschwörungstheoretiker. Wie Gerhard Wisnewski, Journalist für diverse Frankfurter Regionalblätter, der davon überzeugt ist, die Attentate von Oslo, der Bombenanschlag in der Stadt und das Massaker im Jugendlager auf der Insel Utøya, bei denen der Attentäter Anders Breivik 77 Menschen umbrachte, seien von "oben" geplant worden seien.

Bis zu 3000 Büchersendungen verschicken die Kopp-Mitarbeiter nach eigener Auskunft am Tag, das Geschäft brummt. Und weil der Verlag noch mehr verkaufen will, braucht er mehr Platz.

Jochen Kopp, der Verlagschef, kaufte im vergangenen März ein Stück des neu geplanten Industriegebiets Siebenlinden III, 3,2 Hektar gleich neben Siebenlinden II, am östlichen Rand von Rottenburg, oberhalb des grasigen Wegs, auf dem Jogger joggen und Radfahrer Rad fahren. Dorthin will er eine Lagerhalle bauen. Das Gelände ist ein Wasserschutzgebiet. Eigentlich sollten dort Dienstleister angesiedelt werden, Institute, die mit der Uni Tübingen zusammenarbeiten sollten, Ingenieurbüros, Architekten und so weiter. Aber keiner wollte dorthin, weil Rottenburg eben doch zu weit von Tübingen entfernt ist. Jahre später beschloss die Stadt schließlich, das Grundstück an einen Elektrofachmarkt und ein Gartencenter zu verkaufen. Aber der Handels- und Gewerbeverein fand, damit würden die Geschäfte in der Innenstadt kaputtgehen.

Im März 2011 meldete Jochen Kopp Interesse an. Stadtrat Albert Bodenmiller war damals überrascht. "Ich dachte, ich bin doch ein Büchermensch und kenne diesen Verlag nicht?" Dann schaltete er den Rechner ein, googelte "Kopp" und war entsetzt. "Gefährliche rechtsextreme Elemente im Verlagsprogramm", meint Bodenmiller und knetet die Hände über der Spitzentischdecke.

Kopp hat zwei prominente Zugpferde, die zwar von Kritikern nicht in die rechtsextreme, dafür aber in die rechtspopulistische Ecke gestellt werden. Was Bodenmiller fast noch schlimmer findet, weil das Nationale dieses Unternehmens so im Gewand des Bürgerlichen daherkommt. Unauffällig, leise, unterschwellig, getarnt als ganz normal.

Eva Hermann als Zugpferd

Eine Prominente ist die Moderatorin Eva Herman, die 2007 beim NDR rausflog, weil sie öffentlich fand, im Dritten Reich sei nicht alles schlimm gewesen. Angefangen hat sie im Kopp-Verlag als Sprecherin für die Nachrichtensendung der Homepage Kopp-online. Eine Sendung, die seriös aussah wie "heute" oder "Tagesschau". Eva Herman überbrachte "Nachrichten, die die Massenmedien verschweigen". Mittlerweile sind die Kopp-Nachrichten eingestellt, und Eva Herman schreibt auf Kopp-online Texte gegen Homosexualität und solche, die entlarven wollen, dass Medienkonzerne mitsamt der Regierung extra Brigitte Nielsen ins Dschungelcamp gesetzt haben, um Deutschland von all den wichtigen politischen Krisen auf der Welt abzulenken.

Vor ein paar Jahren sorgte Eva Herman mit einem Artikel auf der Kopp-Homepage für einen Eklat und platzierte sich samt Verlag bundesweit in den Nachrichten. Die Opfer der Duisburger Loveparade, dieser "riesigen Drogen-, Alkohol- und Sexorgie", seien gottgewollt gewesen, schreibt Herman. Und weiter: "Eventuell haben hier auch andere Mächte eingegriffen, um dem schamlosen Treiben ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen!"

Der vermeintlich "Lustige Migrantenstadel"

Auch Udo Ulfkotte arbeitet für Kopp. Der ehemalige Politikredakteur der FAZ, Geheimdienst- und Islamexperte, mittlerweile abgedriftet in einen regelrechten Hass auf den Islam. Ulfkotte, der Deutschland medienwirksam und in einer seiner Publikationen als einen "Lustigen Migrantenstadel" bezeichnet und statt Integrationsbeauftragten Rückführungsbeauftragte fordert. Außerdem Reparationszahlungen von Migranten – für die angefallenen Kosten, die Ausländer, vor allem Muslime, in Deutschland verursachen würden. Sein im Kopp-Verlag erschienenes Buch "Vorsicht Bürgerkrieg" schaffte es sogar auf die Titelseite des Blatts "National-Zeitung", das vom Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextrem bezeichnet wird.

Beschauliche Bischofsstadt Rottenburg am Neckar.Im Kopp-Verlag gibt es Bücher aus dem als rechtsextrem eingeschätzten Ares-Verlag: "Zu den schlimmsten Verbrechen im Zweiten Weltkrieg gehören die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen durch die sowjetischen Soldaten." Aus dem rechtsextremen Grabert-Verlag: "Verrat an der Ostfront: Warum der endgültige Sieg nicht unter Dach und Fach gebracht wurde." Aus dem rechten Bublies-Verlag: "Migrantengewalt gehört zu den großen tabuisierten Themen in unserer Gesellschaft." Ein Buch, das auch auf der islamfeindlichen Seite PI angepriesen wird. Aber wirklich beobachtungswürdig sei der Kopp-Verlag trotzdem nicht, findet der Verfassungsschutz.

2008 kooperierte Kopp mit dem rechten Klosterhaus-Verlag Hans Grimm für einen Werbeprospekt. Er wird in der "Jungen Freiheit" beworben, die als Medium der neuen Rechten angesehen wird. Aber seine Prospekte und Werbeanzeigen fanden sich auch bei Schlecker, in der "ADAC Motorwelt", in "Readers Digest Deutschland", im Computermagazin "Chip" und als Beilage im Naturkostmagazin "Schrot und Korn". Kopp soll bis vor einigen Jahren sogar Anzeigen im Magazin "Der Spiegel" geschaltet haben. Kopp wirbt vor allem mit Gesundheit: Homöopathie, die gesunde Schilddrüse, Saftfasten macht leicht. Verschwörungen und Islamfeindlichkeit erscheinen erst auf den hinteren Seiten.

Unauffällig "den Boden des rechten Denkens bepflanzt"

Jochen Kopp sei einer, der mit seinen Büchern schleichend und unauffällig den Boden des rechten Denkens bepflanzt, sagt Albert Bodenmiller. Und keiner tue etwas dagegen. Dabei habe die Kanzlerin doch zur Gedenkfeier an die Opfer der NSU, des Nationalsozialistischen Untergrunds, der Zwickauer Zelle, die über Jahre unbemerkt die "Dönermorde" beging, gesagt, man müsse gegen jede Form der Ausländerfeindlichkeit vorgehen.

Seitdem er sich einsetzt gegen den Kopp-Verlag, wenden sich immer mehr Menschen in Rottenburg von ihm ab, erzählt Bodenmiller. Und die, die sich noch mit ihm unterhalten, sagen Dinge wie: Naja, wenn die von der NSU getöteten Türken gar nicht erst nach Deutschland gekommen wären, wären sie nun auch nicht tot. Außerdem rufen ihn seit einigen Monaten dauernd Nazis an und bedrohen ihn, sagt Bodenmiller. Sein Leben und seine Gesundheit seien gefährdet, sagen sie.

Udo Ulfkotte hatte Bodenmillers Telefonnummer und Adresse in einem zynischen wie zornigen Artikel auf Kopp-online veröffentlicht, als er von Bodenmillers Unwillen gegen den Verlag erfuhr. Ulfkotte empfahl seiner Leserschaft, sich doch selbst an den Stadtrat zu wenden. Der freue sich bestimmt. Ulfkotte äußert sich gerne, wenn einer den Verlag kritisiert, weil Jochen Kopp sich doch lieber im Hintergrund hält. Für ein Gespräch stand Kopp auch der Kontext-Wochenzeitung nicht zur Verfügung.

Kopp kaufte das Gelände Siebenlinden III. Wie viel er bezahlt hat, ist nicht öffentlich. Die Stadt war jedenfalls froh, die Wiese los zu sein. Die Verwaltung änderte sogar den Bebauungsplan für Kopps neue Lagerhalle, 35 Meter breit, 70 Meter lang, 14 Meter hoch statt nur acht. "Der will sich da eine Wohnung hinbauen", sagt Bodenmiller. "Oben drauf, auch noch mit Blick auf die Wurmlinger Kapelle."

Eine Plastik von Eugen Bolz, der in Rottenburg als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime geehrt wird. Wie passt zu diesem politischen Profil ein umstrittener Verlag für Verschwörungstheorien?Albert Bodenmiller tobte, als er davon erfuhr. Ein politischer Skandal sei das. Rottenburg habe ein "klares politische Profil, das sich gegen den Nationalsozialismus richtet". Mit Eugen Bolz, dem Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime, der von den Nazis ermordet wurde. Oder Johannes Baptista Sproll, dem siebten römisch-katholischen Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, erklärter Gegner des nationalsozialistischen Regimes, Verfolgter, Verbannter. "Die würden sich im Grabe rumdrehen", sagte Bodenmiller in der Ratssitzung. Die CDU, die Christdemokraten, lachten ihn aus, auch die SPD und der Oberbürgermeister.

Alle außer den Grünen finden, der Kopp-Verlag sei ja nicht verboten, die Bücher bekomme man auch bei Amazon oder in Bibliotheken. Außerdem bringe er Arbeitsplätze, immerhin 30 mehr durch den Ausbau, er ist einer der Hauptsponsoren des TV Rottenburg, und der Verkauf des Grundstücks und die Gewerbesteuer von Kopp bringen Geld in die Stadtkasse. Und: viele kennen Jochen Kopp persönlich. Der sei schon in Ordnung, der Kopp, ein Typ, der sich aufopferungsvoll um seine Mitarbeiter kümmere und der Stadt, zum Beispiel durch sein Sportsponsoring, etwas zurückgebe. So was sei ja selten und eine gute Tugend, finden sie hier.

Er wolle den Kopp-Verlag ja nicht verbieten, sagt Bodenmiller, Artikel fünf, Grundgesetz: Meinungsfreiheit. Er wolle nur nicht, dass die Stadt Rottenburg ihn auch noch unterstützt und ihm dieses Grundstück im Industriegebiet verkauft. In einer Bischofsstadt dürfe sich doch kein rechtes Gedankengut verbreiten. Das hat er auch Bischof Gebhard Fürst von der Diözese Rottenburg-Stuttgart mitgeteilt, aber der ließ ihm ausrichten, er wolle sich nicht in die Stadtplanung einmischen.

"Man muss nicht gut finden, was die veröffentlichen, aber es gibt keinen Grund, warum er nicht in Siebenlinden III bauen sollte", sagt Bürgermeister Stefan Neher. Keine Öle, keine Säuren, nichts, was das Grundwasser gefährden könnte. Eigentlich perfekt.

Albert Bodenmiller sitzt in seinem Wohnzimmer unter den Zinntellern und ärgert sich. "Das ist wie Panzer nach Saudi-Arabien zu verkaufen oder Kriegsschiffe nach Angola. Moral gegen Geld, und in Rottenburg hat das Geld mal wieder gewonnen."


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Kommentare

Bernhard Meyer, 21.10.2015 19:17
Was mich saumäßig stört, ist, wenn in einem seriösen Zeitungsartikel das Wort "Verschwörungstheorie" verwendet wird in der heute üblichen abwertenden Bedeutung: "Wer eine V. verbreitet, ist ein Spinner oder Schlimmeres".

Und dann werden die unterschiedlichsten Typen in einen Topf geworfen: Wer an die "jüdische Weltverschwörung" glaubt und wer glaubt, dass hinter dem Kennedy-Mord NICHT eine verwirrter Einzeltäter steckt und dass der Warren-Report Fehler aufweist, landet im selben Topf. Überhaupt kann mit dem Begriff jeglicher Zweifel an offizieller Verlautbarung diskreditiert werden. Wer mit dem Kampfbegriff "Verschwörungstheoretiker" arbeitet, glaubt und behauptet also, dass es keine Verschwörungen gäbe. Das ist reiner Quatsch. Snowden muss doch dem letzten Naiven die Augen geöffnet haben. Die Verschwörungsabstreiter wollen also, dass wir blind allem glauben, was von oben serviert wird, jede Beschönigung, Verzerrung, jede Propaganda und jede Lüge - wenn sie von oben kommt. Das ist einfach Quatsch!

Es ist sogar schlimmer als Quatsch: Die Verschwörungsleugner arbeiten mit am von Chomsky beschriebenen Programm zur Herstellung von Konsens, an der Einlullung des Volks, damit es aufhört, seine Regierung kritisch zu beobachten. Sie arbeiten mit daran, Demokratie langsam einzuschläfern. Und wenn ich das schreibe, behaupte ich auch nicht, dass es keine unsinnigen Theorien gäbe. Gegen Rechte und andere mutmaßlich gefährliche Ideen muss man mit überzeugenden Argumenten vorgehen, mit guten Beispielen oder mit handfesten Klagen vor Gericht. Aber nicht mit Denunziation und nebulösen Anschuldigungen, bei denen an Schuldigen wie Unschuldigen allerlei Verdächte kleben bleiben und ein Klima schafft, wie bei der Hexenjagd mit McCarthy.

Differenzierung ist in so einer Atmosphäre nicht gefragt. Wenn Ulfkotte auf der Anklagebank sitzt - möglicherweise zu Recht in Bezug auf seine islamfeindlichen Schriften und in Bezug auf die schlechte literarische Qualität - so ist er deswegen noch lange nicht unglaubwürdig, wenn er eine Innenansicht eines großen Zeitungsbetriebs gibt. Das undifferenzierte Einschlagen auf ihn verdeckt, dass der Mann auch wichtige Informationen liefern kann.

max, 21.10.2015 18:34
Dieser Verlag ist weder links noch rechts und dort schreiben auch keine Verschwörungstheoretiker. So ein Unsinn. Und Herr Dr. U. Ulf Kotte sowie andere, die für den Verlag schreiben, schreiben unzensierte, genau das ist es, was die Politiker und deren Medien nicht sehen wollen. Wir haben Demokratie und so soll es auch bleiben. Man kann es nicht mehr hören, das Gehetze gegen Menschen, die sich eine eigene Meinung bilden wollen. Es gibt genug Journalisten, die wissen warum sie nicht mehr für die Mainstream Medien schreiben oder berichten wollen.
Der Kopp Verlag ist nicht rechts oder links, blau oder grün..... Wenn doch endlich das sinnlose Gehetze aufhören würde. Unser Land zerfällt, aber jeder hetzt gegen jeden. Das ist lächerlich.

HeikoSchmidt, 20.04.2012 11:53
Zu diesem Albert B. fällt mir ein Zitat von Helmut Qualtinger ein:
"Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen".
Heute soll der Verlag aus der Stadt verbannt werden und morgen werden dann seine Bücher auf dem Marktplatz verbrannt ...

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