KONTEXT Extra:
Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


Bahn muss Stuttgarts Bahnhof nicht offiziell stilllegen

Das Verwaltungsgericht Stuttgart hat mit Urteil vom 09.08.2016 die Klage der Stuttgarter Netz AG als unzulässig abgewiesen. Mit der Klage wollte die Gesellschaft privater Eisenbahnunternehmen verhindern, dass die Deutsche Bahn nach der Fertigstellung des unterirdischen Durchgangsbahnhofs Stuttgart 21 das bestehende Gleisvorfeld des oberirdischen Stuttgarter Kopfbahnhofes abbaut, bevor hierfür ein Stilllegungsverfahren nach dem Allgemeinen Eisenbahngesetz (AEG) durchgeführt wurde. Nach Auffassung des Gerichts handelt es sich bei dem "Umbau des Bahnknotens Stuttgart/Stuttgart 21" um ein ausschließlich planfeststellungspflichtiges Änderungsvorhaben nach dem AEG, für das ein zusätzliches Stilllegungsverfahren nicht erforderlich ist. Zugleich stellte das Gericht aber auch fest, dass der Rückbau des Gleisvorfeldes ohne vorherige Durchführung eines Planfeststellungsverfahrens rechtlich unzulässig sei. Da die Stuttgarter Netz AG in diesem Planfeststellungsverfahren ihre Interessen noch geltend machen und gegebenenfalls auch gerichtlich durchsetzen könne. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Sache hat das Gericht die Berufung zum Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg in Mannheim sowie die Sprungrevision zum Bundesverwaltungsgericht zugelassen.


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Karikatur: Gus

Karikatur: Gus

Ausgabe 260
Medien

Stirb langsam

Von Susanne Stiefel
Datum: 23.03.2016
Ab April bleibt der Briefkasten sonntags leer. "Sonntag Aktuell" wird endgültig beerdigt, der Preis für AbonnentInnen allerdings bleibt. Nun versucht man im Pressehaus, weniger für mehr zu verkaufen. Über das klammheimliche Verschwinden einer Sonntagszeitung.

Chefredakteur Christoph Reisinger hatte einen heißen Tipp für einen heikles Ende: Man müsse "die dunklen und die hellen Seiten auf einen Schlag präsentieren", gab Reisinger die Parole auf einer Betriebsversammlung im Stuttgarter Pressehaus aus. Dunkel, so der Mann, der seit 2011 "Sonntag Aktuell" verantwortet, sei, dass der Sonntag zeitungslos bleiben werde. Hell allerdings, dass alle Abonnenten am Samstag etwas mehr bekämen, was sie sich, ganz nach Schwabenart, für Sonntag aufsparen können. Die Strategie scheint im Pressehaus Gefallen gefunden zu haben.

Leuchtende Farben vor düsterem Pressehaus. Fotos: Joachim E. Röttgers
Leuchtende Farben vor düsterem Pressehaus. Fotos: Joachim E. Röttgers

Am 10. März wurde das Ende der siebten Ausgabe in Stuttgarter Zeitung (StZ) und Stuttgarter Nachrichten (StN) vermeldet. Strahlend hell natürlich und unter der verheißungsvollen Überschrift "Das neue Wochenende". In den leuchtendsten Farben wird beschrieben, was denn nun alles besser wird: Das Wochenende beginnt schon am Donnerstag mit den Freizeittipps – schließlich will der Wochenendausflug nicht erst am Sonntag geplant werden. "Eine geballte Ladung Lesefreude aus den Themenbereichen Lebensart, Ratgeber, Reise und Rätsel", so der Werbetext, wird am Samstag geliefert, zum Beispiel, wie die Familie tickt und was im Garten so wächst. "Wochenende. Das Magazin von Sonntag Aktuell" heißt die Samstags-Wundertüte. Für Sportliebhaber gibt es am Sonntag sogar eine App, auch wenn man bis heute noch nicht so recht weiß, ob die funktioniert.

Ach ja, übrigens und leider, gibt es die Sonntagszeitung am Ostersonntag zum letzten Mal. Selten wurde das Ende einer Zeitung so fröhlich nebenbei verkündet.

Für zusätzliche Leserverwirrung sorgte Anfang März eine Online-Befragung der "Stuttgarter Zeitung" und der Dualen Hochschule (DHBW) bei StZ-LeserInnen. Ausgerechnet "Sonntag Aktuell" sollten sie mit Noten von 1 bis 5 bewerten. Mitteilungswilligen wurde ein Gutschein im Wert von 40 Euro in Aussicht gestellt und eine "ergänzende Umfrage" Ende April. "Wir würden uns freuen, wenn Sie auch an dieser Umfrage teilnehmen. Damit erhöhen Sie auch Ihre Gewinnchancen für die Verlosung." Ende April eine zweite Umfrage? Da ist die Zeitung schon vier Wochen Geschichte.

Journalistisch abgespeckt bis zur Bedeutungslosigkeit

Nebelkerzen allerorten. Deshalb noch einmal im Klartext: Ab 3. April 2016 gibt es für AbonnentInnen von StZ, StN und nahezu 30 regionalen Zeitungen keine Sonntagszeitung mehr. Schluss, aus und Feierabend. Mag der Name des Samstagsmagazins auch etwas anderes suggerieren: Am Sonntag bleibt der Briefkasten zukünftig leer.

Protestaktion vor dem Stuttgarter Pressehaus im Juni 2015.
Protestaktion vor dem Stuttgarter Pressehaus im Juni 2015.

Das Ende kam nicht überraschend. Schon vor einem Jahr haben die Gesellschafter beschlossen, "Sonntag Aktuell" einzustellen: zu teuer im Vertrieb, die Gesellschafter unzufrieden, so damals wie heute die Begründung. In den eigenen Zeitungen wurde in eigener Sache nicht informiert. Zuerst musste das Wording und das Bonbon vorbereitet werden, mit dem AbonnentInnen der Verlust einer Dienstleistung versüßt werden sollte. Schließlich sollen sie für weniger Zeitung denselben Preis zahlen. Und bei den Turbulenzen um den Stuttgarter Weg, also der Zusammenlegung von StZ und StN, ging das Zeitungsende vollends unter. Zumal schon seit Jahren journalistisch so abgespeckt worden war, dass "Sonntag Aktuell" kaum mehr wahrgenommen wurde: Personalabbau seit 2006 bis hin zur Auflösung der eigenständigen Redaktion vor sechs Jahren. Seitdem dümpelt die Sonntagszeitung unter der Regie der "Stuttgarter Nachrichten" vor sich hin.

Dabei ist man vor 37 Jahren voller journalistischem Elan aufgebrochen. Jürgen Lösselt gehörte zum Redaktionsteam und erinnert sich noch gut an die Anfänge. Knapp eine Million Auflage hatte die Zeitung, die im kleinen Tabloid-Format daherkam, aber große Geschichten schreiben wollte. "Der Sonntag ist ein anderes Lebensgefühl", sagt Jürgen Lösselt, heute Teamchef der SWR-Fernsehredaktion am Bodensee, "das wollte 'Sonntag Aktuell' aufgreifen: Lesestoff bieten, Hintergründe und Analysen, und wir hatten keine Angst vor Unterhaltung." Waldsterben, Klimawandel, Artenschwund waren schon bald die Themen, die das Team um Chefredakteur Hans-Joachim Schlüter früh entdeckte. Sehr zum Ärger von Wieland Backes, damals "Abendschau"-Chef, der Jürgen Lösselt kurzerhand abwarb, weil er es satthatte, dauernd hinterherzuhinken.

Arnd Brummer, damals Politikchef, erfand das politische Frühstück, wo er schon in den 80er-Jahren mit Rezzo Schlauch über Grün-Schwarz diskutierte. Heute ist Brummer Chefredakteur von "Chrismon". Achim Negwer erinnert sich an Umweltkampagnen, als andere erst anfingen, Umwelt zu buchstabieren. Er war Ressortleiter Reise, heute ist er Chef der Cross-Media-Redaktion bei Hamburg. "Sonntag Aktuell war ein Karrieresprungbrett. Die Zeiten sind längst vorbei. "Wer eine Redaktion erst personell ausdünnt und dann ganz abschafft, der beschließt den Tod einer Zeitung", sagt Negwer heute mit Blick aus Hamburg. Darauf hat der Geschäftsführer der Südwestdeutschen Medien-Holding (SWMH), Richard Rebmann, zielstrebig hingearbeitet.

Zum Ende vergießen die Verantwortlichen brav Krokodilstränen

Ende 2005, damals noch Verleger des "Schwarzwälder Boten" und einer von rund 30 Gesellschaftern von "Sonntag Aktuell", maulte Richard Rebmann über die immensen Kosten des Sonntagsvertriebs und verlangte, die Zeitung einzustellen. Im März 2006 musste die Redaktion 750 000 Euro einsparen. Um Entlassungen zu verhindern, verzichteten JournalistInnen wie AssistentInnen auf elf Prozent ihres Gehalts. Genutzt hat es nichts. 2008 wird Richard Rebmann Geschäftsführer der SWMH, kauft die "Süddeutsche Zeitung" dazu und arbeitet weiter daran, die Zeitung am Sonntag loszuwerden. Erfolgreich. Die 17-köpfige Redaktion wird zum 31. 12. 2009 entlassen.

Kontext trauert mit – und hängt die Flagge auf halbmast. Fotomontage: Kontext
Kontext trauert mit – und hängt die Flagge auf halbmast. Fotomontage: Kontext

Heute vergießen alle Krokodilstränen: Christoph Reisinger, in Personalunion Chefredakteur von StN und von "Sonntag Aktuell" ("Ich bedaure sehr, dass 'Sonntag Aktuell' als eigenständige gedruckte Sonntagszeitung wirtschaftlich keine Zukunft mehr hat"), StZ-Chefredaktuer Joachim Dorfs ("Für die Leser bedeutet das sicher eine große Umstellung") und last, but not least StN-Politikchef Wolfgang Molitor: "Sie sehen uns weinen!", sagte er kürzlich auf einer Veranstaltung in der Echterdinger Zehntscheuer. Womöglich weint man im Pressehaus bald über Abbestellungen. Er sei zuversichtlich, dass sich viele Abonnenten überzeugen und sogar neue Leser gewinnen ließen, so Reisinger gegenüber Kontext. So ganz scheint er das selbst nicht zu glauben. Dem Vernehmen nach stellt man sich im Pressehaus auf 10 000 Abokündigungen ein. Um das zu verhindern, schieben Christoph Reisinger und sein StZ-Chefredakteurskollege Joachim Dorfs am ersten zeitungslosen Sonntag Dienst, um empörte AbonnentInnen bei der Stange zu halten.

Zuletzt nicht viel mehr als Sportergebnisse, Hägar und Sudoku

Man darf gespannt sein, wie groß die Aufregung noch sein wird. Hat man doch schon seit Jahren vieles dafür getan, durch Totsparen aus der Sonntagszeitung ein journalistisches Leichtgewicht zu machen. Geschätzt wird heute vor allem der aktuelle Sport, dicht gefolgt von Hägar und Sudoko. Das Wetter auf den Kanaren nicht zu vergessen. Die Geschichte von "Sonntag Aktuell" ist ein Tod auf Raten.

Anzeige ja, Kennzeichnung nein: Fullcover ist eine "besonders aufmerksamkeitsstarke Werbeform".
Anzeige ja, Kennzeichnung nein: Fullcover ist eine "besonders aufmerksamkeitsstarke Werbeform".

Geld hat man allerdings bis zum Schluss herausgeholt. Da wurde sogar die Titelseite geopfert, eine heilige Kuh für jede Zeitung, die etwas auf sich hält. Sie ist das journalistische Schaufenster, das LeserInnen einen Überblick über die wichtigsten Ereignisse gibt. Manch einer von ihnen war im vergangenen November wie vom Donner gerührt: Das Titelblatt war rabenschwarz, viele dachten an Terror, wenige Tage nach den Pariser Anschlägen, bis sie den silbernen Stern entdeckten.

So wurde fünf Monate vor dem Ende noch einmal Kasse gemacht. Vorne und hinten schwarz, Fullcover nennt sich die Ummantelung, eine "besonders aufmerksamkeitsstarke Werbeform", so Geschäftsführer Bernhard Reese, "mit einem Brutto-Mediawert von rund 290 000 Euro". Da mochte man es mit der Trennung von Redaktion und Anzeige nicht zu genau nehmen. Anzeige jedenfalls war nirgendwo zu lesen.

Ganz genau nahm es dagegen Gerhard Manthey, dem die tiefschwarze Zeitung gehörig auf die Nerven ging. Der langjährige Verdi-Mediensekretär reichte eine Beschwerde beim Deutschen Presserat ein. "Selbst Zeitungen, die eingehen, müssen sich an die Trennung von Redaktion und Anzeigen halten", so die Begründung des Mannes, der den Presserat mit gegründet hat. "Es liegt im Ermessen des Verlages, ob er eine solche Anzeige veröffentlicht", so die Antwort aus Berlin. Der hat nun beschlossen, am Sonntag gar nichts mehr zu veröffentlichen.

 

Susanne Stiefel war bis 2010 Chefreporterin bei "Sonntag Aktuell".


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Kommentare

Blender, 05.04.2016 14:12
Das erste Wochenende ohne SonntagsZeitung war ohne Entzugserscheinung. Das Wichtigste, der Aldi-Prospekt, lag nun schon am Samstag im "Käsblättle" Mannheimer Morgen, und wertete diesen dadurch auch noch auf. Für alle die den Mannheimer Morgen bisher nicht kannten: Nichts Verpasst! Der ist genau so tendentiös anti-migrantisch, rechtslastig und oberflächlich wie die meisten Zeitungen im Baden Württemberg und eilt meldungsmäßig damit seiner baldigen Übernahme durch die SWMH voraus.

Werner, 04.04.2016 16:43
Leserbrief an die StZ

Toll, dass die Stuttgarter Zeitung ihr journalistisches Angebot ausweitet. Jetzt bekomme ich samstags zu der ohnehin fast pfundschweren und deshalb in großen Teilen langweiligen und nicht zu lesenden Ausgabe noch ein 24-seitenlanges Wochenendmagazin, welches über kurz oder lang sicherlich das Niveau ihrer Fernsehbeilage erreichen wird. Und alle Leser, die keinen Internetanschluß besitzen (solche soll es tatsächlich noch in großer Zahl geben), werden sich am Sonntagmorgen über die für sie nicht lesbare digitale Sportausgabe freuen. Für schlappe 40 Euro pro Monat (sollten Sie es vergessen haben, das waren mal fast 80 DM oder mehr als 3,30 DM pro Tageszeitung) kann man auch nicht mehr erwarten. Die nächste Einschränkung wird dann sein, dass Sie an Brückentagen oder montags Ihr Blättle nicht mehr drucken.




Bitte sagen Sie Ihrer Verlagsleitung und den für die entsprechenden Artikel in der Ausgabe vom 10.3 2016 verantwortlichen Redakteuren, dass ich mich als Leser bei Bedarf selbst vergackeiern kann und das ohne dümmliche Zeitungsartikel. Allen Beziehern Ihrer Zeitung muß ja daran gelegen sein, dass Sie Ihre Kosten senken. Ein probates Mittel dafür ist die Kündigung des Zeitungsabos. Mit jedem nicht mehr gedruckten Exemplar kommen Sie diesem Ziel näher. Und wenn Sie keine Zeitung mehr drucken müssen, entstehen keine Kosten und Ihr Gewinn steigt ins Unermessliche. Ich (und mit mir hoffentlich viele Andere) werde Sie dabei tatkräftig unterstützen.

uli völker, 26.03.2016 20:17
Mit diesem Schreiben habe ich es Anfang 2011 geschafft, das mir dieses Sonntagsblatt nicht mehr in den Briefkasten gesteckt wurde. In der Antwort übrigens wurde mir mitgeteilt, die Sonntag Aktuell sei kostenfrei und hätte deshalb keinen Einfluss auf den Abo-Preis. (HaHa!)
"...da ich nicht mit der Sonntag Aktuell GmbH sondern mit Ihnen in einer Geschäftsbeziehung stehe, richte ich meine durchaus ernst gemeinte Aufforderung an Sie.

Seit der überraschenden Redaktionsauflösung der „Sonntag Aktuell-Redaktion“ im Jahr 2009 ist diese sogenannte siebte Ausgabe „meiner Tageszeitung“ nur noch ein Grund vieler Ärgernisse. Ich schicke voraus, dass ich nicht zur Zielgruppe der Apotheken-Rundschau, Bäckerblume oder BUNTE gehöre. Der Qualitätsverlust und teilweise billig gemachte, triviale Boulevard der „neuen Sonntag-Aktuell“ hat dafür gesorgt, dass ich die Ausgaben oft un- oder nur angelesen ins Altpapier entsorgt habe.
Wegen der aktuellen politischen Themen habe ich sie heute wieder einmal richtig gelesen. Ich bin entsetzt. Von einer sogenannten unparteiischen Tageszeitung hätte ich nicht erwartet, dass diese mir – einem jahrzehntelangem Abonnenten- ein solches CDU-Wahlpropagandablatt in den Briefkasten werfen lässt.
Den Gipfel der Zumutung sehe ich auch darin erreicht, dass es Frau Susanne Offenbach ermöglicht wird, ihre Ansichten als Mitglied des „ Kommunikationsbeirats Bahnstrecke Stuttgart-Ulm“ und öffentlich bekennender „glühender“ Befürworterin des Projekts (so Website S21) als redaktionellen Beitrag getarnt unterzubringen, ohne dies als „Anzeige“ zu kennzeichnen.
Persönlich finde ich es untragbar, die K21-Befürworter gemeinsam mit Hooligans und Rechtsradikalen zu beschreiben und dabei sogar noch die Personalvertreter eines Teils der Polizeibeamten dafür zu missbrauchen. Eine Differenzierung der Gruppierungen hätte genauso Not getan wie eine Differenzierung im Hinblick auf Einzelfall bezogene Übergriffe sowohl von Polizeibeamten als auch von Teilnehmern an Demonstrationen oder Aktionen. Wenn es sich denn um Journalismus gehandelt hätte.

Diesen Stil beobachte ich zwar auch in der Stuttgarter Zeitung immer mehr, habe aber unter Zurückstellung großer Bedenken bisher von einer Abo-Kündigung abgesehen.
Dennoch bitte ich Sie - nein, ich fordere Sie auf-
• dafür Sorge zu tragen, dass mir ab sofort die Sonntag Aktuell nicht mehr zugestellt wird
• mir mitzuteilen, ob und in welchem Umfang die Sonntag Aktuell Einfluss auf den von mir entrichteten Abo-Preis hat. Mir ist bewusst, dass dieses Blatt als „Gratisausgabe“ bezeichnet wird, aber schließlich ist es nicht kostenfrei herzustellen und es ist allgemein bekannt, dass gerade die Kostenfrage die SWMH bewogen haben, diese vorgenannten Einschnitte bei der redaktionellen Arbeit zu machen.

Ihre Antwort sehe ich mit Interesse entgegen und werde sowohl dieses Schreiben und ggf. Ihre Antwort in interessierten Kreisen veröffentlichen.
Mit freundlichen Grüßen

Karl Haessner, 25.03.2016 20:32
Klar, das Ding war anspruchslos. Aber ich habe mich dennoch immer gefreut, wenn es im Briefkasten lag. Klar, wenn man sich nicht für die aktuellen Sportergebnisse interessiert, ist das Blatt schon ziemlich uninteressant. Klar, wenn man kein Auto hat, konnte man mit der Rubrik "Veranstaltungen im Ländle am Sonntag" nichts anfangen. Klar, wenn man für Reiseberichte unempfänglich ist, weil man sowieso schon überall war, ist das Blatt schon langweilig. Klar, die Kommentare der Kolumnisten waren oft ärgerlich und trafen auch oft nicht die eigene Meinung. Klar, das traf oft auch auf die Leserbriefe zu. Hägar der Schreckliche: Muss man sich nicht unbedingt jeden Sonntag reinziehen. Klar, die politische Berichterstattung kann man wie auch in allen anderen Mainstreammedien, vergessen. Aber ich werde dieses Blättle unheimlich vermissen.

Fridolin Hinterhuber, 25.03.2016 00:46
Ganz ehrlich:Auch wenn es mir für die betroffenen Mitarbeiter leid tut,dass die Zeitung eingestellt wird - in den vielen Jahren,in denen ich das Blatt in Händen hielt,fand ich,anders als hier im Artikel beschrieben,nicht Allzuvieles,was ich ausgerechnet am Sonntag hätte lesen müssen.Die wichtigeren Artikel können genauso gut auch von Montag bis Samstag in der Zeitung bzw. in den Nachrichten abgedruckt werden."Sonntag aktuell" war in meinen Augen eine Reiseanzeigen-Plantage,angereichert mit dazu passendem redaktionellen Umfeld und allerlei Buntem,das man nicht vermisst,wenn man es nicht zu lesen bekommt.Von den angeblich so wichtigen politischen Debatten,von denen hier im Artikel die Rede ist,habe ich nicht viel mitbekommen - vielleicht waren die vor meiner Lesezeit mal häufiger im Blatt drin,weniger allerdings in den letzten Jahren,in denen ich "Sonntag aktuell" - zugegebenermaßen gelangweilt - durchblätterte.

Heike Schiller, 24.03.2016 12:48
hach, das horoskop wird mir schon sehr fehlen.

hortulan, 24.03.2016 10:17
Die Sonntagsinhalte auf die Woche verteilen? Als Leser hätte ich mir das genau anders herum gewünscht: Manche Feuilletoninhalte, manches Hintergründige in eine Sonntagsausgabe verlegt. Die Sonntagszeitung damit als ein Medium, das über das tagesorientierte Konzept der Wochentagsausgaben hinausgeht. Solch ein Weg würde auch Lesezeitentlastung unter der Woche bringen.

Stuagetter, 24.03.2016 07:24
Selbst das Apothekerblättle und die Kirchenzeitung haben schon ausgewogener berichtet als dieses Schwarzblatt. Auf Nimmerwiedersehen!

Thomas, 23.03.2016 15:13
Ich hätte dieses Blättchen schon gerne früher nicht mehr in meinem Briefkasten gehabt: Vierfarbige Kreuzfahrtwerbung und dazwischen faktenfreie neoliberale und neovölkische Schwurbelkommentare von Wolfgang Bok, das braucht kein Mensch und es wirft auch ein schlechtes Licht auf die halbwegs ordentliche Zeitung (nicht SWMH), die werktags im Kasten liegt.

Andreas Braun, 23.03.2016 10:26
Dass "Sonntag Aktuell" beerdigt wird, ist nur folgerichtig. Darauf hat man im Pressehaus schließlich seit mindestens acht, neun Jahren hingearbeitet - durch Aushöhlung der Qualität, durch massiven Druck auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, durch den Hinauswurf einer eigenständigen Redaktion. Lieblos und nebenher produziert: so sah das einst stolze Blatt zuletzt aus. Die Art und Weise, wie Leser und Abonnenten jetzt für dumm verkauft werden, kann man nur eines nennen: schäbig.

Makepeace, 23.03.2016 06:58
Die "Sonntag aktuell" als Sonntagszeitung zu titulieren war ja schon länger mehr als geschmeichelt. Wenn man mal über den Ärmelkanal schaut, kann man sehen, was wirkliche Sonntagszeitungen sind. Da kann man sich an einem verrregneten Sonntag stundenlang vertiefen. Hier gab es nur noch ein bisschen Politik, wenig Regionales, Sport und das Horoskop. Ich werde sie nicht vermissen, höchstens als Verpackung für meine sonntäglichen Gemüseabfälle.

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