KONTEXT Aktuelles:
Klagen gegen Deutschland wegen Nazi-Verbrechen

Fr., 24.10.14: Das Verfassungsgericht in Rom hat Entschädigungsforderungen wegen Verbrechen aus der Zeit des Nationalsozialismus erlaubt. Damit können NS-Opfer und deren Angehörige Deutschland vor italienischen Zivilgerichten auf Schadenersatz verklagen. Das höchste italienische Gericht widerspricht damit einem Urteil des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag von 2012, das ein Klagerecht nach dem Völkerrechtsprinzip der Staatsimmunität selbst bei schwersten Kriegsverbrechen ausschloss. Damit könnte es nun in Italien zu Zivilprozessen gegen Deutschland kommen. Klageberechtigt wäre zum Beispiel Enrico Pieri, Überlebender des SS-Massaker im italienischen Sant'Anna di Stazzema. Siehe auch: www.kontextwochenzeitung.de/zeitgeschehen/136/die-biologische-loesung-1820.html


Stuttgarter Friedenspreis an Snowden

Fr., 24.10.14: Der Stuttgarter Friedenspreis des Bürgerprojekts Die AnStifter geht 2014 an Edward Snowden. Der NSA-Enthüller wird dafür geehrt, die weltweiten Überwachungs- und Spionagepraktiken von Geheimdiensten öffentlich gemacht zu haben. Die Preisverleihung im Rahmen der Friedensgala am 23. November 2014 im Stuttgarter Theaterhaus findet wohl ohne den Preisträger statt - ein US-Haftbefehl verhindert sein Erscheinen. 
Zuvor läuft ab 6. November die Snowden-Doku "Citizenfour" in den deutschen Kinos an. Der Film-Trailer: https://citizenfourfilm.com/


Freispruch für S21-Gegner im Betonblock-Prozess

Di., 21.10.2014: Das Landgericht Stuttgart hat gestern in einem Berufungsverfahren zwei S-21-Gegner vom Vorwurf des Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte freigesprochen. Die Aktivisten, die bei ROBIN WOOD und den Parkschützern aktiv sind, hatten am 15. Februar 2012 an der "Langen Nacht der Bürgerbeteiligung" teilgenommen, um gegen die unmittelbar bevorstehende Zerstörung des Schlossgartens für das Bahnprojekt Stuttgart21 zu protestieren. Die beiden hatten sich an einem im tiefgefrorenen Boden liegenden Betonblock festgemacht. Dadurch - so der Vorwurf - hätten sie Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte geleistet. Das Urteil könnte Auswirkungen auch auf andere Verfahren haben. Denn der Richter stellte fest, dass die Versammlung der "Langen Nacht der Bürgerbeteiligung" nicht rechtswirksam aufgelöst worden war. Die Staatsanwaltschaft kann gegen das Urteil in Revision gehen.


Weiter Rost in blauen Rohren?

Fr., 17.10.2014: Die vom Eisenbahn-Bundesamt (EBA) angeordnete zweimonatige Überwachung auf Rost in den blauen Rohren des Stuttgart-21-Grundwassermanagements endet heute. Laut EBA sind alle Proben unbedenklich. Dem widersprechen BUND und die Ingenieure22: Sie nennen die Überwachung als völlig untauglich und eine "Täuschung der Öffentlichkeit". Tatsächlich gehe das Rosten in den Rohren weiter, wie zwei neue, Mitte September von den Ingenieuren22 entnommene Proben beweisen sollen. Der Kontext-Bericht:
www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/178/raetsel-um-rostbruehe-2411.html


Stumpf hat Aussage verweigert

Mi, 15.10.: Der frühere Polizeipräsident Siegfried Stumpf hat heute morgen im Wasserwerfer-Prozeß die Aussage verweigert. Er beschränkte sich auf die Angabe seiner Personalien. Sein Auftritt war nach zwei Minuten beendet. Jetzt wird in seiner Abwesenheit über ihn verhandelt.


Zeuge Stumpf will Aussage verweigern

Die., 14.10.2014: Nach Informationen von Kontext:Wochenzeitung wird der ehemalige Stuttgarter Polizeipräsident Siegfried Stumpf, der morgen und am Mittwoch in einer Woche als Zeuge im Wasserwerfer-Prozess vor dem Landgericht geladen ist, nicht aussagen. Erscheinen muss der 63-jährige morgen dennoch; dann aber hat er die Möglichkeit, nach Paragraph 55 der Strafprozessordnung die Aussage zu verweigern. Seit Mitte Juli läuft bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart ein Ermittlungsverfahren gegen Stumpf. Der Verdacht gegen ihn war durch Aussagen der beiden im Wasserwerfer-Verfahren angeklagten Polizisten aufgekommen.


Eigene website zum Wasserwerfer-Prozess

So., 12.10.2014: Unsere Berichterstattung aus dem Wasserwerfer-Prozess am Stuttgarter Landgericht sorgt seit Monaten für Aufregung und hohe Klickzahlen. Jetzt gibt es zum Prozess eine eigene Homepage, auf der nicht nur sämtliche Kontext-Artikel verlinkt sind, sondern zusätzlich Infos und Service geboten werden. Die privat betriebene website ist seit heute online.
www.wasserwerfer-prozess.de
Morgen (13.10., 13.30 Uhr) geht der Prozess nach dreiwöchiger Pause mit Zeugenvernehmungen weiter, am Mittwoch (9 Uhr) ist der ehemalige Polizeipräsident Siegfried Stumpf geladen.
Bis dahin empfehlen wir die aktuelle Ausgabe zur Lektüre:
www.kontextwochenzeitung.de/politik/184/beifall-verboten-2487.html


Daimler unterliegt im Rechtsstreit gegen SWR

Do., 09.10.14: Gericht stärkt investigativen Jourmalismus: Der SWR darf die Reportage "Hungerlohn am Fließband - Wie Tarife ausgehebelt werden" weiter senden, die Daimler AG unterlag vor dem Landgericht Stuttgart heute mit einer Unterlassungsklage gegen den Sender. SWR-Reporter Jürgen Rose hatte, getarnt als Mitarbeiter einer Logistikfirma, mit versteckter Kamera aufgedeckt, dass der Autokonzern im Werk Untertürkheim über Werksverträge Menschen beschäftigt, die ihr Gehalt mit Hartz IV aufstocken müssen. Daimler kündigte an, gegen das Urteil Rechtsmittel einzulegen. Kontext-Autor Hermann G. Abmayr gehörte zum SWR-Rechercheteam. Sein Bericht: www.kontextwochenzeitung.de/macht-markt/113/hungerlohn-unterm-stern-464.html 


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Ausgabe 127
Medien

"Wir sind unentbehrlich"

Von Anna Hunger (Interview)
Datum: 04.09.2013 (Update: 11.07.2014)
Thomas Brackvogel ist Geschäftsführer der Neuen Pressegesellschaft in Ulm, des Verlags, der die "Südwest Presse" herausgibt. Ulrich Becker ist der Chefredakteur. Beide sind mit ihrem Blatt auf dem Weg in die Zukunft. Aber wie geht die? Ein Gespräch über journalistische Hybris, Glaubwürdigkeit, Tweets und den Leser, das unbekannte Wesen.

Herr Brackvogel, Sie haben 2009 in einem Interview gesagt: "Wir müssen die Zeitung nicht neu erfinden, sondern besser machen und nicht nur auf Online starren." Ihre Haltung vier Jahre später?

Thomas Brackvogel: Das sage ich immer noch, wenn auch modifizierter. Zeitung machen ist eine publizistische Tätigkeit, und die hat verschiedene Ausgabeformen: Print, Online, Tablet, E-Paper. Was wir dafür brauchen, sind gute Journalisten, Unabhängigkeit, Wahrhaftigkeit, Recherchesicherheit. Und ein vernünftiges publizistisches Grundverständnis. Journalisten müssen Überzeugungstäter sein. Das ist nicht papiergebunden. Wenn der Leser die Botschaft in Granit gemeißelt will, kriegen er sie auf Granitplatten – wenn er bereit ist, dies zu bezahlen.

Ulrich Becker: Es geht darum, im Netz mit der gleichen Akkuratesse zu arbeiten wie im Print. Wir müssen dem Leser und dem User zu verstehen geben, dass "Süddeutsche", "Spiegel" oder "Südwest Presse" journalistische Qualität auf allen Kanälen bieten.

Was macht Sie unentbehrlich als "Südwest Presse"? 

Brackvogel: Die Unentbehrlichkeit ist längst ein Gattungsthema geworden, ganz unabhängig von der "Südwest Presse". Wir müssen als Gesellschaft darüber nachdenken, ob wir Tageszeitungen noch brauchen. Brauchen wir überhaupt Journalismus? Es heißt ja, "die Nachricht, die für mich wichtig ist, erreicht mich schon irgendwann". Da wünsche ich viel Glück und gutes Wetter. Ich bin überzeugt: Wenn wir eine Gesellschaft haben wollen, die weiterhin freiheitlich organisiert und bürgerrechtlich orientiert funktionieren soll, kommen wir ohne einen spezialisierten Beruf, der genau das tut, was wir als Journalisten machen, nicht aus. Dinge sichten, bewerten: Das macht uns unentbehrlich. Der Schaden, den eine Gesellschaft hätte, wenn diese Gattung verloren ginge, wäre immens.

Thomas Brackvogel: "Brauchen wir Journalisten?" Foto: Joachim E. Röttgers
Thomas Brackvogel: "Brauchen wir Journalisten?" Foto: Joachim E. Röttgers

Ist das nicht journalistische Hybris? 

Brackvogel: Hybris ist es, wenn ein einzelner Journalist sagt, ohne mich geht die Welt unter.

Merkt der Leser, dass der Journalist in seiner Einordnung und Bewertung unentbehrlich ist?

Brackvogel: Es mag sein, dass es nicht genügend Leser tun. Aber ich glaube, dass die Welt deutlich schlechter und unser Gemeinwesen anders funktionieren würde, gäbe es keine Journalisten. Journalismus hat nicht ohne Grund das Verfassungsprivileg, das man sich übrigens verdienen muss. Was haben Journalisten und Medien nach 1945 erreicht, und lässt sich das ersetzen durch eine reine Netzdemokratie ohne ausgebildete Journalisten? Ich glaube nicht. Neben der Schwarmintelligenz steht die gleiche Chance zu ungeheurer Schwarmdummheit. Als wir im Internet die Kommentierungen und Tweets in der Diskussion um Günther Grass verfolgt haben, sind Kommentare geschrieben worden, für die man sich schämen muss. Bestimmte Dinge darf man unter unserer Marke einfach nicht publizieren, da muss jemand drüber wachen. Wenn Online-Journalismus also nicht nach denselben Grundsätzen funktioniert wie Printjournalismus, wird er überhaupt nicht funktionieren. Dass sich Journalisten aber auch der Zeit anpassen müssen, auch im Printbereich, ist keine Frage.

Becker: Das große Problem ist, dass der Journalismus in den Printredaktionen extrem traditionsbehaftet ist. Wenn wir zu dem Punkt kommen, anzuerkennen, dass die Denkweise von Online Print erneuern kann und nicht Printredakteure irgendwie und nebenher auch online machen, kriegen wir eine erneuerte, moderne Zeitung hin. Unentbehrlich macht uns, dass wir wissen, was in unserer Region, in unserem Umfeld passiert. Unser Markenkern sind das Land Baden-Württemberg, unsere Gemeinden und Städte, die wir mit unseren Regionalausgaben bedienen.

Der "Donaufisch", ein Ulmer Blog, das gegen Sie anschreibt, meint, die "Südwest Presse" habe keine kritische Distanz gegenüber der Ulmer Politik, sie würde den Bürgermeister verehren und Stuttgart 21 hochschreiben. Wie wichtig ist Glaubwürdigkeit?

Becker: Wenn wir sie verspielen, haben wir ein Problem. Aber in einer Stadt, in der es nur eine große Tageszeitung gibt, tritt man immer irgendjemandem auf die Füße. Beim Thema S 21 haben wir uns, vor meinem Amtsantritt, in einem heißen Diskussionsprozess zu einer einheitlichen Meinung durchgerungen, die sich weniger mit dem Bahnhof, sondern mit der Strecke auseinandersetzt. Wir haben uns klar dazu bekannt, dass wir diese Strecke für wichtig halten, weil sie verkehrstechnisch und ökologisch für Ulm wichtig ist. Wir müssen auf die Kosten schauen, klar, aber darüber berichten wir auch. Das ist auch Glaubwürdigkeit: Wir haben glaubwürdig vermittelt, warum wir dafür sind.

Ulrich Becker: "Wir saßen zu lang auf dem hohen Ross." Foto: Joachim E. Röttgers
Ulrich Becker: "Wir saßen zu lang auf dem hohen Ross." Foto: Joachim E. Röttgers

Brackvogel: Es steht jeder Redaktion und jedem Verlag zu, bestimmte Positionen zu Stuttgart 21 zu setzen. Ich finde, man darf, nein, man muss sogar zu seinen Positionen stehen. 

Die "Stuttgarter Zeitung" hat ihre Haltung zu Stuttgart 21 jede Menge Abonnenten gekostet. 

Brackvogel: Na ja, so schlimm ist es auch nicht. Aber wenn man den Kurs wechselt, weil ein paar Leser ihr Abo kündigen, verliert man seine Glaubwürdigkeit. Da muss man ruhig bleiben, nicht so hektisch reagieren. Die Leser kommen schon wieder zurück, wenn die Zeitung wirklich gut ist. Und – wenn ich mir das erlauben darf zu sagen: Stuttgart 21 ist ein Thema, das unheimlich polarisiert. Egal, was Sie machen, Sie machen es letztlich immer auch falsch.

Wenn ich mir Ihre Website anschaue, sehe ich viel Blaulicht.

Brackvogel: Man findet uns im Web als E-Zeitung, komplett identisch mit der gedruckten Zeitung. Und auf unserer Website gibt es eine ganze Reihe von seriösen, journalistischen Themen, auch ohne Blaulicht.

Ja, ganz weit unten. 

Brackvogel: Wir hatten hier ein Schlüsselerlebnis. Der stellvertretende Chefredakteur hat von seiner Wohnung aus eine Rauchsäule fotografiert, ein Auto, das auf dem Autobahnzubringer gebrannt hat. Das klickstärkste Bild auf der Seite. Es gibt offensichtlich ein Bedürfnis der Nutzer nach Themen, die guter seriöser Journalismus, wie Sie es vielleicht nennen würden, nicht gern bedient. Aber zu sagen, wir entziehen uns dem Wunsch des Lesers, geht auch nicht. Wer sind wir, das tun zu wollen? Es wäre auf der anderen Seite aber auch ein Fehler, eine Zeitung, entschuldigen Sie, Herr Becker, ausschließlich dem Boulevard zu überlassen.

Becker: Wenn Sie nur nach den Nutzungszahlen gehen würden, hätten Sie sogar einen reinen Boulevardjournalismus. Die Frage ist doch, wie seriös und glaubhaft bereite ich das auf. Man hat im Internet die schnelle Information, und die ist halt oftmals auch Blaulicht, das erzeugt Reichweite und hat so einen gewissen Vorrang vor dem Hintergründigen. Die Bedürfnisse der User im Netz sind anders als die der Menschen, die jetzt noch eine Zeitung kaufen. Die haben ein anderes Informationsverständnis.

Brackvogel: Ich erinnere mich an einen Tag, an dem die Redaktion mit großem Schrecken festgestellt hat, dass der klickstärkste Text eine Reportage über Westerwelle war. Nicht vorstellbar eigentlich, ein langes Stück. Über die FDP und dann auch noch über Westerwelle. Niemand hätte das gedacht. 

Becker: Mollath hat auch extrem gut funktioniert. Das hat die Leute bewegt, ganz egal was wir veröffentlicht haben. Also funktionieren Nähe, die Angst vor einem Überwachungsstaat, was macht der Staat mit mir, persönliches Schicksal. Da ist die Sozialreportage aus den Fernen des chilenischen Hochlands zwar gut, aber vielleicht nicht mehr zeitgemäß. In Print können Sie das noch lesen, weil Sie sich da freuen, wenn Sie ein solches Stück entdecken. Aber online wählen die Leser aus, was Sie wissen wollen. Darauf muss man eingehen. Vielleicht saßen wir zu lange auf dem hohen Ross. Wir müssen sehen, dass wir die Bedürfnisse der Leser erfüllen. Online ist eine große Chance, mehr über unsere Leser zu erfahren. Das war bisher schwer möglich.

Brackvogel: Eigentlich ist es eine tolle Zeit für Journalisten, weil man plötzlich so viele Instrumente und Mittel an die Hand bekommt. Von der Zeitung über das Tablet, über Online-Auftritte, über Tweets. Journalisten haben hoffentlich alle ein gewisses Sendungsbewusstsein, und für jemanden, der sich für ein Thema zuständig fühlt und begeistert, sind all diese Möglichkeiten doch großartig.

Aber irgendwie klappt das noch nicht richtig in den Verlagshäusern. Vor allem in den lokalen. Was steht dem im Weg? 

Becker: Bei regionalen Abonnementzeitungen sitzen oft Menschen, die sehr lange in diesem Modell gearbeitet haben. Die müssen nun umdenken, das fällt schwer und geht nicht so schnell, wie man sich das vielleicht wünschen würde. Plötzlich bekommt man sofort eine Reaktion auf einen Text und muss reagieren, das ist anstrengend, ein ganz anderes Arbeiten.

Brackvogel: Es ist aber keine Frage des Alters. Diese Haltung ist sehr bequem. Ich selbst bin näher an 60 als an 50 und halte mich nicht für überbordend innovativ. Aber ich kann mit diesen Medien umgehen und mich für sie begeistern. Gerade ein Journalist muss sich auf Neues einlassen. Im Moment kämpft Verdi wieder verstärkt für die Altersstaffel, weil Redakteure angeblich immer erfahrener werden, je älter sie sind. Das passt nun gar nicht zu dem Glauben, je älter ein Redakteur wird, desto weniger ist er für neue Medien zuständig. Man kann doch nicht sagen, die Welt ändert sich, aber für mich gilt das nicht. Da ist man als Journalist an der falschen Stelle. Dann muss man ins Archiv gehen oder Akten verwalten. 

Wie stehen Sie zu den kommenden Tarifverhandlungen? Gibt's mehr Geld bei der "Südwest Presse"? 

Brackvogel: Ich stehe voll und ganz hinter der Linie des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), bin ein großer Verfechter des Flächentarifs und halte nichts davon, dass es eine Spaltung in Landestarife gibt. Meine persönliche Meinung als Geschäftsführer dieses Unternehmens ist, dass die Tarifverhandlungen an unserer Unternehmenswirklichkeit vorbeigehen. Ich wäre froh, wir würden viel öfter darüber diskutieren, wie wir die journalistische Wirklichkeit in ein vernünftiges Tarif-Gefüge bringen, und uns nicht mehr so sehr mit einer Hand in der Zeit des Bleisatzes festhalten. 

Und Ihre Online-Redaktion?

Brackvogel: Ist in einer eigenen Gesellschaft, die ist nicht im Tarif. Darüber diskutieren wir schon. Ich kann mich nicht hinstellen und eine multimediale Redaktion fordern, und, wenn dann der Schritt ins Multimediale gegangen wird, sagen, das machen wir in drei verschiedenen Firmen, und davon sind zwei nicht tarifgebunden. Aber erklären Sie mir bitte, warum ich heute neue Bereiche aufstellen soll, die in Tarifgefüge gebunden sind aus einer Zeit, die nicht mehr die heutige ist? 

Becker: Im Grunde geht es um eine wirkliche Verzahnung. Das heißt nicht, dass der Printredakteur zur eierlegenden Wollmilchsau wird, sondern dass sich die Redaktionen öffnen für eine andere Denke. Da geht es darum, dass Teams zusammen überlegen, wie sie ein Thema im Print spielen und Online, mit Videos oder Bildergalerien. Das können wir nicht mit einer redaktionellen Zweiklassengesellschaft machen. Redakteure, egal ob Print oder Online, müssen dann in Einkommen und Status auf der gleichen Stufe stehen.

Brackvogel: Wenn wir die Online-Redakteure in den Tarif heben, dann ist das für uns richtig viel Geld. Das Geld fehlt dann in der technischen Entwicklung. Gleichzeitig müssen wir uns überlegen, wie wir dieses Haus nach vorn bekommen. Aber ich will auch nicht, dass Redakteure bei mir im Büro stehen, die sich weigern, ihre Texte für Online freizugeben, weil das nicht im Tarifvertrag steht. Ich will es am Geld nicht scheitern lassen. Aber es müssen halt alle mitmachen.

Ab Oktober wird es eine Bezahlschranke geben für Ihre Website. Wie wird die aussehen?

Brackvogel: Sehr weich: 20 Klicks sind frei, dann kommt die Bezahlschranke. Und wir bieten die elektronische Zeitung, also das E-Paper (E-Zeitung), zum gleichen Preis wie die gedruckte Zeitung an. Übrigens: Bei digitaler Veröffentlichung sparen wir zwar Druckkosten, Papier und Austräger, andererseits haben wir siebenstellige Investitionskosten im Digitalbereich. Das wird schnell übersehen. Diesen Weg müssen alle Zeitungsverlage gehen, auch wenn keiner heute weiß, ob es am Ende funktioniert. Wir selbst haben in Crailsheim ein Druckzentrum hingestellt, das 22 Millionen Euro gekostet hat. Da weiß ich sicher, das es kostendeckend ist. Wir glauben also auch noch an die alte Technik.

Wir sprechen die ganze Zeit über Digitalisierung, und Sie bauen ein neues Druckzentrum?

Brackvogel: Ich kann diese Katastrophenstimmung in der Branche nicht teilen. Das nervt mich sogar. Unsere Auflagenentwicklung ist nicht schön, aber noch leidlich gut. Wir haben gesehen, dass die "New York Times" extrem erfolgreich ist mit einer Kombi aus Online-Angebot und Sonntags- oder Samstagszeitung. Wir werden ein ähnliches Angebot testweise auf den Markt bringen. Klar gesagt: Wir bieten das journalistische Produkt "Südwest Presse" auf allen Kanälen an.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

Kommentare

Ulrich Werner+Schulze, 18.09.2013 16:37
Brackvogel hin, Brackvogel her, und auch das Donaufischlein mal gewendet: die entscheidende Passage des Interviews stammt von Brackvogel: sie lautet: "Meine persönliche Meinung als Geschäftsführer dieses Unternehmens ist, dass die Tarifverhandlungen an unserer Unternehmenswirklichkeit vorbeigehen. Ich wäre froh, wir würden viel öfter darüber diskutieren, wie wir die journalistische Wirklichkeit in ein vernünftiges Tarif-Gefüge bringen, und uns nicht mehr so sehr mit einer Hand in der Zeit des Bleisatzes festhalten". Da hat TB recht, denn es sieht so aus, als mache ver.di sie selben Fehler wie einst die Gewerkschaft Druck & Papier mit dem unsäglichen RTS-Tarifwerk - ein Zementbrocken am Fuße aller weiteren Verträge, der jede vernünftige Gestaltungsmöglichkeit der Setzer, Drucker und der Redakteure später erdrückte. Schreibt ein gelernter Setzer und langjähriger CvD, der seit 1974 für fasr 30 Jahre die Entwicklung selbst erlebte, durchlitt, in Teilen mit gestalten konnte.

Stephan Buck, 05.09.2013 22:43
Ich will keine Tageszeitung, die bei einem bestimmten Thema selbst Position bezieht und sich damit zur politischen Macht aufspielt, sondern ich will eine Zeitung, die möglichst objektiv berichtet und keine Kampagnen fährt. Die Aussagen hier sprechen doch Bände: " Beim Thema S 21 haben wir uns, vor meinem Amtsantritt, in einem heißen Diskussionsprozess zu einer einheitlichen Meinung durchgerungen, die sich weniger mit dem Bahnhof, sondern mit der Strecke auseinandersetzt. Wir haben uns klar dazu bekannt, dass wir diese Strecke für wichtig halten, weil sie verkehrstechnisch und ökologisch für Ulm wichtig ist. Wir müssen auf die Kosten schauen, klar, aber darüber berichten wir auch. Das ist auch Glaubwürdigkeit: Wir haben glaubwürdig vermittelt, warum wir dafür sind."
Vor der VA wurde in der Zeitung zugunsten der Nein- Kampagne gelogen, dass sich die Balken bogen: Der Gipfel, bzw. journalistische Tiefpunkt war wenige Tage vor der Volksabstimmung erreicht, als der Flyer der Ulmer Ja-Zum-Ausstieg-Kampagne als Panikmache diffamiert wurde: http://www.swp.de/ulm/lokales/ulm_neu_ulm/Volksabstimmung-Die-Panikmacher;art4329,1220360 Inzwischen wissen wir alle, dass der Inhalt keine Panikmache, sondern eher vorsichtige Zukunftsbeschreibung war. Aber ich frage mich diesbezüglich seither, ob wir wirklich noch in einer pluralistischen Gesellschaft leben, wenn es ein einziges Prinmedium in der Region gibt, welches seine Leser lenken und leiten will. Die große letzte Hoffnung sind die Socail Networks und Online- Medien wie z.B. Kontext, die den Etablierten hoffentlich ihre verfettete Selbstgefälligkeit austreiben werden.

donaufisch, 05.09.2013 13:06
Zum Kommentar von "jetztredichklartext":

Danke. Ein guter Tipp. Ich hätte da auch noch einen: SWP - vor allem die Ulmer Lokalausgabe mit den Artikeln des Lokalchefs - eignet sich ganz hervorragend, um Endiviensalat frisch zu halten.

jetztredichklartext, 05.09.2013 09:57
Erstaunlich wie hier ein Mantelredaktionsschef von Pressevielfalt und Glaubwürdigkeit redet.

Nein, mich hat die Südwestpresse als Kunden der Tageszeitung nicht verloren.

Jedesmal wenn ich Fenster putze, kaufe ich so ein Druckwerk. Ich kann es allen empfehlen. Kein Putzlappen wischt so streifenfrei wie die Tageszeitung.

donaufisch, 04.09.2013 17:25
Einige Denkweisen und Ziele von zwei führenden Leuten der Südwest Presse werden durch dieses Interview deutlich. Um nur einen Aspekt herauszugreifen - die umfängliche und exponierte Berichterstattung über Unfälle, Katastrophen, Verbrechen in der Online-Ausgabe der SWP.

Während Thomas Brackvogel zunächst den hoffnungslosen Versuch unternimmt, zu bestreiten, dass das „Blaulicht“ viel Raum einnehme („auf unserer Webseite gibt es eine ganze Reihe von seriösen ...Themen“), ändert er – auf Nachhaken - seine Argumentation: er gibt zu, dass die These stimmt, und verkauft die überbordende Berichterstattung über Boulevardthemen als verständnisvolles Eingehen auf Wünsche der Leser: „Aber zu sagen, wir entziehen uns dem Wunsch des Lesers, geht auch nicht. Wer sind wir, das tun zu wollen?“

Da ist der Chefredakteur Ulrich Becker ehrlicher, wenn er unumwunden einräumt, dass die SWP in der Onlineausgabe nicht auf seriöse, gründliche und kenntnisreiche Berichterstattung setzt: „...Blaulicht, das erzeugt Reichweite und hat … Vorrang vor dem Hintergründigen... online wählen die Leser aus, was sie wissen wollen. Darauf muss man eingehen.“

Ich frage mich:

Wie lässt sich Brackvogels hoher Anspruch, guter Journalismus („unabhängig, wahrhaftig und sicher in der Recherche“) sei unverzichtbar für das Funktionieren einer „freiheitlich organisierten“ und „bürgerrechtlich orientierten“ Gesellschaft mit Boulevardjournalismus vereinbaren, der doch nur darauf aus ist, die niederen Instinkte des Menschen zu bedienen und die Umsätze des Verlages zu erhöhen?

Kommentar schreiben




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


Letzte Kommentare:

Ausgabe 187 / "Wir sind die Guten" / Werner Rieter, 30.10.2014 18:00
@invinoveritas:Hat dir der Typ eigentlich was getan, daß du ihn bei längeren Kommentaren so eloquent anmachst?

Ausgabe 185 / Vernetzt und ausgeleuchtet / Rano, 30.10.2014 17:46
Man könnte ja einfach lachen über solche traurigen Gestalten. Leider aber sind diese unsäglichen Dummköpfe die Wegbereiter für eine totalitäre Welt, in der diese Überwachung zur Pflicht werden wird.

Ausgabe 187 / Auf den Spuren des NSU / Rolf Steiner, 30.10.2014 17:38
Aus dem "großen Versprechen in der Evangelischen Stadtkirche Sankt Dionysius in Böblingen" ist eine einzige Aufklärungsverhinderungsmaschinerie geworden. Wieviel Ungereimtheiten wurden unter den Teppich gekehrt? Von wem und zu wessen...

Ausgabe 187 / "Wir sind die Guten" / Schwabe, 30.10.2014 17:37
Danke für diesen hervorragend aufklärenden/informativen Artikel.

Ausgabe 187 / Nichts mitgekriegt vom Katastrophenalarm / tillupp, 30.10.2014 17:01
@ Gaigeler, 30.10.2014 15:56 Zufällig gestolpert über Drucksache des Landtags 15/603 v. 27.09.2011Danke für den Hyperlink. Die "große Anfrage" der "C"-"D"-U wurde im Landtag ziemlich genau ein Jahr nach dem Schwarzen Donnerstag...

Ausgabe 187 / Nichts mitgekriegt vom Katastrophenalarm / Rolf Steiner, 30.10.2014 17:00
Bisher dachte ich, ich würde in einer Demokratie leben. Doch jetzt muss ich mein Baden-Württemberg-Bild korrigieren. Danke, Kontext, für diese schmerzliche Aufklärungsarbeit.

Ausgabe 187 / Nichts mitgekriegt vom Katastrophenalarm / Gaigeler, 30.10.2014 15:56
Zufällig gestolpert über Drucksache des Landtags 15/603 v. 27.09.2011: http://www9.landtag-bw.de/WP15/Drucksachen/0000/15_0603_d.pdfEin Jahr nach dem schwarzen Donnerstag sorgen sich Hauk und Konsorten aus der Fraktion um die...

Ausgabe 187 / "Ein dummes Geschäft" / Schwabe, 30.10.2014 15:20
Der Quotenlinke bei den Grünen - mehr kann ich diesem Interwiew nicht entnehmen!Was spricht dagegen die Bereiche der öffentlichen Daseinsfürsorge WIEDER zu verstaatlichen (z.B. die Deutsche Bahn AG (den ÖPNV), das Gesundheitswesen...

Ausgabe 187 / Nichts mitgekriegt vom Katastrophenalarm / invinoveritas, 30.10.2014 14:44
@ Hermann Jack und CoDafür, dass Sie selbst offenbar zu den "hartgesottensten Beobachtern" zählen, denen die Menschenverachtung und menschliche Skrupellosigkeit der Polizei die Sprache verschlägt, sind Sie immer noch ganz schön...

Ausgabe 187 / "Wir sind die Guten" / FAU Freiburg, 30.10.2014 13:58
Die gesetzliche Tarifeinheit ist der nächste Angriff von oben zur Krisenbewältigung!Countdown zur Streikrechtseinschränkunghttp://www.fau.org/ortsgruppen/freiburg/art_141011-095209

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Werden Sie KONTEXT:Unterstützer