KONTEXT Extra:
NSU: Unterstützerumfeld nicht ausermittelt

Die NSU-Expertin im Landeskriminalamt Sabine Rieger hat dem zweiten parlamentarischen Untersuchungsausschuss empfohlen, weitere Zeugen zu den Verbindungen von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nach Baden-Württemberg zu vernehmen. Denn: Sie hält nicht für plausibel, dass die Kontakte 2001 tatsächlich abrupt abrissen – bis dahin sind rund 30 Besuche des Trios belegt – und dementsprechend die Arbeit nicht für "hundertprozentig abgeschlossen". Sie könne sich nicht vorstellen, dass es über 2001 hinaus "keinen gab, der zumindest Ansprechpartner war", sagte die Kriminalhauptkommissarin in der siebten Sitzung am Freitag im Landtag. Rieger nannte dem Ausschussvorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) verschiedene Namen von Zeugen, die möglicherweise ihrerseits Kontakt zu Kontaktpersonen gehabt haben könnten. Ein starkes Indiz dafür, dass der NSU immer weiter Verbindungen nach Baden-Württemberg pflegte, ist der Stadtplan von Ludwigsburg, der nach dem Auffliegen im November 2011 im Brandschutt von Zwickau gefunden wurde. Der stammt auf dem Jahr 2009.

Bekannt wurde inzwischen auch, dass die drei Rechtsterroristen vor ihrem Abtauchen 1998 von Thüringer Behörden abgehört wurden. Nach Angaben Drexlers ist allerdings ungeklärt, ob die entsprechenden Protokolle noch vorhanden sind. Der Ausschuss will dem nachgehen, weil darin ebenfalls Kontakte, etwa nach Ludwigsburg oder nach Heilbronn, belegt sein könnten. (24.2.2017)

Weitere Ausschuss-Termine: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni, 17. Juli 2017. 


Abschiebung nach Afghanistan: Strobls "katastrophale Pannen"

Immerhin eines ist geklärt: was CDU-Innenminister Thomas Strobl unter dem "konsequenten Vollzug von Recht und Gesetz" versteht. Nach einer Einzelfallprüfung durch sein Haus sollten am Mittwochabend ein psychisch kranker Mann, der per Gerichtsbeschluss schon einmal von der baden-württembergischen Abschiebe-Liste geholt wurde, und ein afghanisch-türkischer Familienvater aus München nach Kabul reisen müssen. Abermals griffen Gerichte ein. Der grüne Koalitionspartner tobt, von "katastrophalen Pannen" ist die Rede und davon, dass der CDU-Landeschef alle Absprachen gebrochen hat. Sogar Ministerpräsident Winfried Kretschmann knöpfte sich den Stellvertreter vor. Und die baden-württembergischen Jusos sprechen von einem "Spiel mit dem Leben der Betroffenen". Dass wieder Gerichte "eingreifen müssen, um diesem Irrsinn ein Ende zu setzten, zeigt, wie leichtfertig mit dem Schicksal einzelner Menschen umgegangen wird". Die Landesregierung habe den Spielraum, "das zu stoppen, und muss diesen endlich nutzen".

Bisher wollte sich Kretschmann dem vorübergehenden Abschiebestopp nach Afghanistan, den andere grün-mitregierte Länder bereits umsetzen, allerdings nicht anschließen. Der Druck auf ihn steigt aber weiter, nachdem am Mittwoch auch ein Mann abgeschoben wurde, der seit Jahren einen Arbeitsplatz in Baden-Württemberg hatte. Außerdem ist Strobl weiter uneinsichtig und will die Aufregung beim Koalitionspartner, bei den Jusos, den Flüchtlingsorganisationen und vielen Unterstützern vor Ort nicht verstehen. Stattdessen sieht er in einer Aussetzung von Abschiebungen eine "Aushöhlung des Rechtsstaats". Er könne nicht nachvollziehen, sagt der Merkel-Vize, dass es Länder gibt, die sich "systematisch weigern", geltendes Recht zu vollziehen: "Das sind Schläge gegen den Föderalismus."

Mehr zum Thema: "Späte Einsicht", "Kritik ist Lüge", "Der Hardliner", "Geisterfahrer unterwegs" https://www.kontextwochenzeitung.de/politik/300/der-hardliner-4100.html


Alles von vorne

Nicht alle bekommen eine zweite Chance, baden-württembergische Landtagsabgeordnete nehmen sie sich: Mit einem sogenannten Aufhebungsgesetz beginnen die Reparaturarbeiten nach dem bisher größten Aufreger der Legislaturperiode, der im Hau-Ruck-Verfahren beschlossenen knappen Verdoppelung der Pauschalen für Aufwand und Wahlkreis, sowie der Rückkehr zur staatlichen Altersversorgung. Die Grünen wollten alle Vorhaben gemeinsam auf den Prüfstand stellen, CDU und SPD setzten sich durch mit einer Expertenkommission, die allein die Rentenreform prüfen wird.

Zuerst allerdings muss Mitte März das entsprechende Gesetz endgültig aufgehoben werden. Danach werden die Experten, einschließlich jener vom Rechnungshof, benannt. Irgendwann im Herbst soll dann mit jener Transparenz, an der es im ersten Durchlauf bitter mangelte, über die Veränderungen, mit denen eine Anhebung der Alters- und Hinterbliebenenversorgung einhergeht, diskutiert werden. Eile haben die Abgeordneten keine, denn niemand will sich ausgerechnet in den Wochen vor der Bundestagswahl abermals Vorwürfen aussetzen, sich eine Luxuspension auf Staatskosten zu genehmigen. (22.2.2017)

Mehr zum Thema: "Raffkes mit Mandat"


Fahrverbote beschlossen – Nordost-Ring vom Tisch

Wie ein Gespenst geisterte seit Wochen ein vor fast 40 Jahren beerdigtes Verkehrsprojekt durch die Debatte um Feinstaubalarmtage und Fahrverbote in der Landeshauptstadt: der Nordost-Ring. Jetzt hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) allen Spekulationen eine Absage erteilt. Auch deswegen, weil die Baumaßnahme entgegen den Behauptungen von Teilen der CDU keineswegs bereits im Bundesverkehrswegeplan steht. "Dort geht es um neun Kilometer der B 29", so Hermann nach dem heutigen Kabinettsbeschluss zu Fahrverboten ab 1.1.2018 an Feinstaubtagen, den schlussendlich auch die CDU-Landtagsfraktion mittrug.

Prompt gab es Lob von Umwelt- und Naturschützern. Hermann habe erkannt, so die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, "wenn nicht zeitnah effiziente Maßnahmen greifen, so werden die Gerichte die Entscheidungen zum Schutze der Bürger*innen treffen und die Politik das Heft aus der Hand geben müssen". Die Stuttgarter CDU ist noch nicht ganz so weit. Für den Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann sind Fahrverbote weiterhin "politisch klar abzulehnen". Und er träumt von Nordost-Ring: Jetzt gelte es "endlich neue Verkehrsprojekte wie den Nord-Ost-Ring auf den Weg zu bringen". Hermann machte dagegen deutlich, dass das nach dem eben erst in Kraft gesetzten Bundesverkehrswegeplan gar nicht möglich ist. 

In den Sechzigern und Siebzigern waren zwei Varianten durchdacht worden: eine größere mit einem Autobahnzubringer bei Mundelsheim und eine kleinere etwa auf der Gemarkungsgrenze zwischen Waiblingen und Fellbach. Schon damals vertraten Verkehrswissenschaftler allerdings die Ansicht, dass ein Ringschluss rund um Stuttgaart weniger die Stadt, sondern die Autobahnen im Westen und Süden entlasten würde.


Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kirche ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


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Peter (Frederick Lau) auf der Spur der Waldgeister. Fotos: Weltkino

Peter (Frederick Lau) auf der Spur der Waldgeister. Fotos: Weltkino

Ausgabe 290
Kultur

Herzen an Lederriemen

Von Rupert Koppold
Datum: 19.10.2016
Der Schwarzwald wird zum Fantasy-Wald, der eher an "Herr der Ringe" als an Heimat erinnert. Der antikapitalistische Kern des Hauff'schen Märchens bleibt erhalten. "Das kalte Herz", meint unser Filmkritiker, taugt nicht für klassische Schwarzwald-Touristikwerbung. Aber für einen Kino-Besuch.

"Aber es freute ihn nichts, kein Bild, kein Haus, keine Musik, kein Tanz; sein Herz von Stein nahm an nichts Anteil, und seine Augen, seine Ohren waren abgestumpft für alles Schöne."
(Aus: "Das kalte Herz" von Wilhelm Hauff)

Der Wald steht schwarz und schweiget nicht. Denn die düsteren Bilder von Bergen und Bäumen werden akustisch aufgewuchtet durch dröhnende Musik und blitzdonnerndes Gewitter, eine schwere Stimme erzählt dazu von einem archaischen, aber sterbenden Reich voller Naturgeister, denen der Raum entzogen wird. Der Holländer-Michel, so das Verdikt, "brachte die Gier in die Welt". Jetzt ist es vorbei mit dem Einklang zwischen Natur und Mensch, jetzt fallen massenhaft die Bäume und werden verflößt und verkauft, jetzt teilt sich die Welt auf in Arm und Reich. Die Welt? Jawohl, die Welt. Denn das Märchen von Wilhelm Hauff, das der 1802 in Stuttgart geborene und dort schon 1827 gestorbene Autor gleich im ersten Satz dezidiert in den Schwarzwald einschreibt, wird gleich im Prolog von Johannes Nabers Kinoadaption aufgebrochen und ausgeweitet. Der Ort der Handlung mag noch Schwarzwald heißen, aber er ist aus dem Regionalen hinausgewachsen, er ist nun ein Fantasywald, der eher an den "Herrn der Ringe" oder "Avatar" erinnern soll als an den deutschen Heimatfilm.

Und nun ein sehr putziges Eichhörnchen auf einem Ästlein, ein höhnisch ins Sonnenlicht gesetztes Idyll, das nur entworfen wird, um es sofort zu zerstören. Denn da unten am dämmrigen Boden droht Peter Munk (Frederick Lau), der Köhlerjunge, an seinem mühsam aufgeschichteten Meiler zu verkümmern. Aber nein, er will sich nicht seinem Schicksal fügen! Der Trotz lauert in seinem rußigen Gesicht, er legt die Stirn in Falten, er hat Aufruhr im Sinn - und dazu noch Lisbeth (Henriette Confurius), die schöne Tochter des arroganten Glashüttenbesitzers Löbl (Sebastian Blomberg). Zunächst jedoch hagelt es für Peter Niederlagen: Die Flößer schauen vorbei und verprügeln ihn, in der Wirtsstube wird er vom vierschrötigen Holzhändler Etzel (Roeland Wiesnekker) lächerlich gemacht, auf dem Tanzboden wirbt der selbstbewusste Bastian (David Schütter) um die angebetete Lisbeth.

Nur gucken nicht anfassen: Peter mit der schönen Lisbeth (Henriette Confurius).
Nur gucken nicht anfassen: Peter mit der schönen Lisbeth (Henriette Confurius).

"‘So geht es nicht mehr weiter’, sagte Peter eines Tages schmerzlich betrübt zu sich ...". So freilich steht es nur bei Hauff. Der Film dagegen setzt sich vom betulich wirkenden Märchenduktus der Vorlage ab, hier herrscht ein rauerer Ton. "Die Ferkel essen nicht am Metzgertisch!", so wird Peter beschieden, und in Sachen Lisbeth wird er mit diesen Worten gewarnt: "Wenn du noch einmal meine Tochter angrinst, dann kastrier ich dich." Nein, das hätte so weder im Märchen gesagt werden können noch in Paul Verhoevens berühmter Defa-Verfilmung von 1950, auch wenn sich schon diese im Plot einige Freiheiten gegenüber der Vorlage herausnahm. Am Kern der Hauff'schen Erzählung allerdings, dieser mit expressiver Symbolik formulierten Kritik am Frühkapitalismus, hat Verhoeven nichts geändert, und auch der seinerseits den Plot mit etlichen Figuren und Motiven anreichernde Johannes Naber stellt sie ins Zentrum. Auch in diesem Film geht es also um den Verlust der Empathie, ersetzt der Holländer-Michel, eine ins riesen- und sagenhafte gehobene Holzfäller- und Flößerfigur, die Herzen der Menschen durch Steine.

Bevor es zu diesem faustischen Pakt kommt, versucht Peter sein Glück noch beim Glasmännlein (Milan Peschel), der guten Gegenfigur aus dem Reich der Geister. Drei Wünsche hat Peter frei, aber wie alle Märchenfiguren "verwünscht" er sich natürlich. Also doch in die Höhle des Holländer-Michels, den Moritz Bleibtreu sehr dunkel- und stechäugig spielt, dabei aber nicht ganz die furchterregende Präsenz von Erwin Geschonneck in der Defa-Verfilmung erreicht. Bei Hauff bewahrt der Böse die Herzen übrigens in Einmachgläsern auf. In Nabers Adaption hängen sie an Lederriemen herum, an manchen fressen schon die Maden. Auch die Trachten der Protagonisten sind bei Hauff genau beschrieben, sogar das Glasmännlein ("spitzes Hütlein mit großem Rand, mit Wams und Pluderhöschen und roten Strümpfen") ist eingebettet in die regionale Kleiderordnung. Das Glasmännlein des aktuellen Films dagegen ist zum einen nicht allein, sondern Führer eines Stammes, und zum anderen sieht es mit seinem kalkigen Gesicht, seinem Moosbehang und seinem Röckchen aus wie das Mitglied eines indigenen Urwaldvolkes.

Entregionalisierte Märchen fürs Kino sind Trend

Natürlich wäre es müßig, die Unterschiede zwischen Hauffs Märchen und Nabers Verfilmung aufzulisten, steckte dahinter nicht ein Trend: Eine Art Entregionalisierung des Brauchtums und des Erzählens nämlich, und parallel dazu die Erfindung von globaler Fantasy und Folklore. Die Disney-Studios haben es ja vorgemacht, sie bemächtigen sich seit Jahrzehnten regionaler Stoffe - etwa der Grimm'schen Märchen - schleifen deren spezifische Kanten ab, machen alles rund und allgemein verständlich und speisen es dann ein ins Weltkino. In Deutschland hat sich in den fünfziger Jahren der kriegübermalende Heimatfilm zunächst noch in verschiedenen Regionen ausprobiert, etwa im Norden ("Grün ist die Heide", 1951) und auch im Südwesten ("Schwarzwaldmädel", 1950), bis sich, abgekoppelt von zu spezifischen Eigenheiten, die bayerisch-österreichische Alpin-Variante durchsetzen konnte. Die beherrschte dann auch den degenerierten Heimat-Sexfilm-Nachklapp, in den siebziger Jahren hieß es im Kino "Unterm Dirndl wird gejodelt" - und eben nicht unterm Bollenhut.

Global vermarktbar: Kämpfe mit Stöcken.
Global vermarktbar: Kämpfe mit Stöcken.

Apropos: Die Dirndlerei hat sich inzwischen durchgesetzt als eine ans Österreichisch-Bayerisch angelehnte Fantasy-Folklore, und dies nicht nur auf Wies'n und Wasen. Sie hat sich dabei aus dem ursprünglichen Kontext von Region, Brauchtum und Historie komplett gelöst und ist zum globalen Freizeit-Spaß geworden. In Nabers Patchwork-Fantasy-Film, der unter anderem im Elbsandsteingebirge und vor allem im Studio Babelsberg gedreht wurde, kommt das Dirndl zwar nicht vor, dafür bedient sich der Regisseur aus internationalem Folklore-Fundus: Stockkämpfe im Martial-Arts-Stil, ständische Gesichtsmarkierungen in Tattoo-Optik, und Tanzeinlagen, in denen die Schuhplattler-Anklänge schnell von keltischen "Lord of the Dance"-Anleihen weggestampft werden. Anders gesagt: Für klassische Schwarzwald-Touristik-Werbung taugt dieses "Kalte Herz" eher nicht. Andererseits spürt man die Begeisterung des Regisseurs für diesen Stoff und auch die seiner Schauspieler. Und wenn Peter als kaltherziger Großkotz zurückkehrt, seine Lisbeth ansieht wie eine Ware und herrisch befiehlt: "Zieh dein Nachthemd aus!", dann ist das eine Szene, die so zwar nicht im Buche steht, dessen Geist aber doch gut erfasst.


Info:

Johannes Nabers "Das kalte Herz" kommt am Donnerstag, den 20. Oktober in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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