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Ein Zeichen für Europa

Über Stuttgart wehen EU-Flaggen! Mit der Verkündung des amtlichen Endergebnisses der Volksabstimmung in Großbritainnien über den Austritt aus der EU werden auf der Villa Reitzenstein und dem Neuem Schloss in Stuttgart europäische Flaagen gehisst. Die grün-schwarze Koalition möchte damit ein Zeichen für Europa setzen. "Wir wollen unsere proeuropäische Haltung deutlich zeigen", so Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Die gehöre in Baden-Württemberg "zur Staatsräson". Als "überzeugten Europäer" treffe ihn die Entscheidung der Briten "ganz persönlich ins Mark". Europa sei in den Grundfesten erschüttert.


AfD-Fraktion schließt Gedeon vorerst nicht aus

Die Zerreißprobe in der "Alternative für Deutschland" (AfD) ist aufgeschoben. Ihr Bundesvorsitzender Jörg Meuthen, zugleich Chef der baden-württembergischen Landtagsfraktion, hatte am Dienstag jedenfalls keine erforderliche Zweidrittelmehrheit für den Ausschluss von Wolfgang Gedeon. Über die Äußerungen Gedeons, Anhänger der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", wird jetzt statt dessen ein Gutachten bei drei Fachleuten in Auftrag gegeben – von Religionswissenschaftlern ist die Rede, ein Experte soll jüdischen Glaubens sein –, um die von Meuten selbst erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Singener Mediziner zu überprüfen. Der lässt vorerst seine Mitgliedschaft in der Fraktion ruhen und wird im Plenarsaal auch einen neuen Platz erhalten.

Fraktionsgeschäftsführer Bernd Grimmer erklärte nach den dreistündigen Beratungen, die für einen Ausschluss notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit sei nicht klar gewesen und etwa ein Drittel der Abgeordneten nicht bereit gewesen, Meuthen zu folgen. Sie schätzten den Stellenwert von Meinungsfreiheit höher ein als den einer "politisch korrekten Ausdrucksweise". Sollte die Fraktion nach der Sommerpause und der Bewertung des Gutachtens abermals nicht bereit sein, dem von Meuthen seit Tagen vehement verlangten Antrag auf Ausschluss Gedeons zuzustimmen, bleibt der dabei, seinerseits die Fraktion verlassen zu wollen. Außerdem gibt es Gerüchte, dass eine Handvoll Abgeordneter Gedeon – im Falle seines Ausschlusses – nicht allein gehen lassen, sondern mit ihm aus der Fraktion ausscheiden wolle.

Nicht nur im Internet tobt seit Tagen eine heftige Auseinandersetzung über den künftigen Kurs der Partei, die sich zur Retterin Deutschlands ernannt hat. Meuthens Co-Vorsitzende auf Bundesebene Frauke Petry hat sich öffentlich gegen ihn gestellt, ist damit aber im Bundesvorstand isoliert. Zahlreiche Mitglieder des rechten Flügels verlangen von dem Kehler Wirtschaftsprofessor, von sich aus die AfD zu verlassen. "Die Bewegung muss sich von Volksverrätern wie Meuthen trennen", postet ein Thorsten Baeuml. Und weiter: "Linksversiffte Gutmenschen braucht die Bewegung nicht! Ein Krebsgeschwür wird auch entfernt, so lange es noch geht und Meuthen hat sich zur Selbstoperation verdonnert. Gut so!" Den Ausdruck "linksversifft" hatte Meuthen selbst vor Wochen benutzt, ihn allerdings auf die ganze Bundesrepublik bezogen.


S 21: BUND verlangt "Öffnung in Richtung Kombi-Lösung"

Der BUND Baden-Württemberg hat am Montag ein Positionspapier zu Stuttgart 21 vorgelegt, um "konstruktive Lösungen aus der Sackgasse" aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht der "Einstieg in eine Kombi-Lösung". Wie die Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender erläutert, könnten damit "einerseits die Kosten und Risiken von Stuttgart 21 deutlich gesenkt und andererseits finanzielle Spielräume zur Realisierung eines tatsächlich zukunftsfähigen Bahnknotenpunkts gewonnen werden". Außerdem sieht das Konzept vor, auf den unterirdischen Flughafenbahnhof zu verzichten und stattdessen einen oberirdischen Halt beim Messeparkhaus zu errichten. Zudem soll die Gäubahn über die bestehende Panoramabahn oberirdisch in den Hauptbahnhof geführt werden und "die Zuführungsstrecken zum Hauptbahnhof und die Wendlinger Kurve sollen leistungsfähig ausgebaut werden".

Dahlbender, die für die Tiefbahnhofgegner 2010 in der Schlichtung saß, nennt S 21 ein "auch heute noch in ganz wesentlichen Teilen weder vollständig geplantes noch vollständig genehmigtes Projekt". Es gebe weiterhin keine qualifizierten Aussagen zu Kosten und zum Zeitablauf. Für die SPD-Politikerin und Ulmer Gemeinderätin steht fest, dass deutlich mehr als acht Bahnsteiggleise unverzichtbar sind für einen Großknoten Stuttgart und eine Entmischung der S-Bahn, des Regional- und des Fernverkehrs. Eine nachhaltige Mobilitätswende müsse sich an den Wünschen der Bahnkunden und der tatsächlichen Verkehrsströme orientieren, "und das bedeutet einen Einstieg in die Diskussion einer Kombi-Lösung".

Mehr dazu unter diesem Link.


Jetzt offiziell: Kefer geht späestens im Herbst 2017

Von einem "Eingeständnis des Scheiterns" sprechen die Parkschützer, von "großem Respekt und Wertschätzung" der Aufsichtsratsvorsitzende der DB Utz-Hellmuth Felcht. Auf jeden Fall wirft der für Stuttgart 21 zuständige Bahnvorstand Volker Kefer das Handtuch. Er stehe für eine Verlängerung seines im September 2017 auslaufenden Vertrags nicht zur Verfügung, teilte er dem Aufsichtsrat am Mittwochvormittag mit. Möglicherweise wird er, wenn seine Nachfolge geregelt ist, den Konzern aber schon deutlich früher verlassen. Hier werde kein "Bauer geopfert", so der Sprecher der Parkschützer Matthias von Herrmann. Vielmehr nehme sich ein "allzu stolzer Turm selbst aus dem Spiel": Der für Stuttgart 21 verantwortliche oberste Bahnmanager ziehe "nun offenbar seine persönliche Notbremse vor dem sicheren Aufprall auf dem Prellbock eines baulich, finanziell und kommunikativ völlig unkontrolliert taumelnden Projekts". Kefer ist seit 2009 bei der Deutschen Bahn und galt lange Zeit als möglicher Nachfolger von Bahnchef Rüdiger Grube, dessen Stellvertreter er auch ist. Kritisiert wird intern vor allem, dass der frühere Siemens-Vorstand den Aufsichtsrat zu spät über die Kostenexplosionen und die immer neuen Risiken bei Stuttgart 21 informiert hat.

Insider in Berlin sehen auch Grube selber nicht mehr sicher im Sattel, weil der nicht nur das nach seinen vielzitierten Worten "bestgerechnete" Milliardenprojekt nie wirklich in den Griff bekommen hat. Matthias von Herrmann erinnert an des marode, dringend sanierungsbedürftige Schienennetz und daran, dass trotz der groß angekündigten fernverkehrsoffensive nicht einmal mehr 78 Prozent der Züge pünktlich fahren: "Wir brauchen endlich wieder eine gute zuverlässige Bahn statt Tunnelwahn." Zum Vergleich: In der Schweiz treffen knapp 97 Prozent der Züge pünktlich im Bahnhof ein. (15.6.2017)


Hermann kritisiert S-21-Befürworter scharf

Der grüne Verkehrsminister Winne Hermann wirft den Befürworter von Stuttgart 21 "in der Politik und bei der Bahn" vor, jahrelang die Kosten heruntergerechnet und die Risiken des Milliardenprojekts nicht ernst genommen zu haben. Jetzt zeige sich immer mehr, wie richtig die Kritiker gelegen hätten. Als Beispiel nennt der S-21-Gegner seit Mitte der Neunziger im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk den Tunnelbau. Zehn Jahre sei über die Schwierigkeiten in dem Gestein diskutiert worden, das die Bahn aktuell für einen Teil der Kostensteigerungen verantwortlich mache.

Der DB wirft er zudem vor, die Glaubwürdigkeit zu "zerstören", wenn an die Landesregierung "kurz vor der Veröffentlichung dieser neuen Dinge beruhigende fünf Zeilen" geschickt würden, dass letztendlich alles in Ordnung sei. "Und dann liest man einen Tag später, es wird wieder teurer, und es wird wieder später", so Hermann weiter. Das mache misstrauisch. Einem Ausstieg erteilt er dennoch eine Absage: Die Bevölkerung habe "keinen Ausstieg beschlossen", und seitdem sei es für jeden in der Regierung Pflicht, das Projekt zu begleiten und zu befördern.


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Rebell, Aufklärer und Master of suspense: Wolfgang Schorlau am Neckarufer in Heilbronn. Fotos: Joachim E. Röttgers

Rebell, Aufklärer und Master of suspense: Wolfgang Schorlau am Neckarufer in Heilbronn. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 240
Kultur

Dengler im Haifischbecken

Von Susanne Stiefel
Datum: 04.11.2015
Wolfgang Schorlau hat seinen achten Politthriller abgeschlossen. Seinen Ermittler schickt er mitten rein ins Feuer des NSU-Komplexes. Es geht um Rechtsradikalismus, internationale Geheimdienste und die Frage: Wer erschoss Michèle Kiesewetter? Kontext war mit Schorlau am Tatort auf der Heilbronner Theresienwiese.

Auf dem Frühstücksbrot liegen Apfelschnitze, die Kaffeetasse ist groß und voll, das Handy liegt griffbereit daneben. Es könnte ja noch eine Info kommen, eine heiße womöglich. Wolfgang Schorlau sitzt am Küchentisch in der Wohnung seiner Freundin, die nicht nur Rektorin der Kunstakademie ist, sondern als Journalistin auch gestrenge Erstleserin seiner Romane. Manchmal gibt er ihre Stuttgarter Altbauwohnung als seine eigene aus, "weil die schöner ist als meine", bekennt er. Ein jungenhaftes Grinsen wischt für einen kurzen Moment die Müdigkeit aus seinem Gesicht. Eine kleine Dosis Fiktion erleichtert den Alltag.

Der 64-Jährige hat eine harte Zeit hinter sich. In seinem neuesten Politthriller hat der Kriminalschriftsteller seinen Privatermittler Dengler in ein Haifischbecken geworfen, in dem die Haie ziemlich real und noch sehr lebendig sind. Er lässt den Stuttgarter Ex-BKA-ler zum "Nationalsozialistischen Untergrund", kurz NSU, ermitteln, während in München noch der Prozess gegen Beate Zschäpe läuft und in hessischen, nordrhein-westfälischen und baden-württembergischen Untersuchungsausschüssen versucht wird, die Wahrheit zum NSU-Komplex zu ermitteln. Am 12. November wird "Die schützende Hand" erscheinen.

Doch für Schorlau ist der Fall damit nicht abgeschlossen. "Wir gehen alle davon aus, dass wir in einem liberalen Land leben", sagt er: "Und dann wurde mir klar, dass wir wahrscheinlich in einem Land Leben, das in weiten Bereichen von den Amerikanern kontrolliert wird." Das steckt ein kritischer Zeitgenosse ebenso wenig weg wie die Erkenntnis, die er durch das Aktenstudium gewonnen hat: Dass die Ermittler den Bundestagsausschuss gnadenlos und schlecht angelogen haben. Dass der Verfassungsschutz mauert. Dass die Polizei schlampig ermittelt hat. Das riecht nach Vertuschung. Wer die Akten kennt, weiß, wo die Unwahrheit gesagt wurde. Dengler weist das akribisch nach.

Immer wieder schwappte die Realität auf Schorlaus Schreibtisch

In den vergangenen anderthalb Jahren, in denen Schorlau an seinem achten Politkrimi saß, sind immer wieder Zeugen gestorben, ganz plötzlich. V-Mann Corelli im Zeugenschutzprogramm an einer nicht erkannten Diabetes. Der rechte Aussteiger Florian Heilig in seinem ausgebrannten Auto. Dessen Ex-Freundin an einer Lungenembolie. Einen nicht abgeschlossenen Kriminalfall so tief nachzuermitteln, das hat noch kein Krimiautor gemacht. Immer wieder schwappte die Realität in die Fiktion und auf seinen Schreibtisch. Sie machte aus dem Schriftsteller einen Sachverständigen, der Anfang des Jahres vom NSU-Untersuchungsausschuss in Stuttgart gehört wurde - und dessen Vertrauen in den Rechtsstaat gelitten hat. "Zerfleddert" nennt Schorlau diesen Zustand. Es war seine bisher anstrengendste und verstörendste Recherche.

Tatort Theresienwiese: Was wird noch alles ans Licht kommen?
Tatort Theresienwiese: Was wird noch ans Licht kommen?

Ein letzter Schluck Kaffee, eine längere Suche nach seinem Schal, bis er unter den vielen bunten der Freundin seinen dunklen herausgefischt hat, und die Aufforderung: "Fahren wir zur Theresienwiese." Tatortbegehung mit einem Schriftsteller, der die Wahrheit sucht. Das Handy steckt er ein. Man weiß ja nie.

Es ist nicht das erste Mal, dass Wolfgang Schorlau gesellschaftliche Missstände zum Thema seiner Krimis macht. Er hat seinen Dengler durch die tier- und menschenfeindlichen Ställe der Fleischindustrie gejagt, er ließ ihn die bitteren Pillen der Pharmaindustrie schlucken oder die kriminellen Geschäfte mit Trinkwasser enthüllen. Sein Ermittler ist so politisch wie sein Autor, der immer genau weiß, worüber er schreibt. Es steckt viel Finden in Schorlaus Erfinden. Er ist ein Rechercheur, der nicht nur Spaß an der Jagd nach neuen Erkenntnissen hat, sondern sich auch hartnäckig in sein Sujet verbeißt.

Erstmals hatte er in dem langjährigen "Monitor"-Mitarbeiter Ekki Sieker einen investigativen Journalisten an seiner Seite. Der hat die Ermittlungsakten und Protokolle herbeigeschafft, durch die sich Schorlau gefressen hat. "Wie Ekki das gemacht hat, weiß ich nicht", sagt er am Heilbronner Neckar und guckt unschuldig durch seine zweigeteilte Brille, oben Weitsicht, unten Nahschärfe. Der Verlag hat alles rechtlich geprüft, die Fotos vom Inneren des Wohnmobils in Eisenach-Stregda, in dem Böhnhardt und Mundlos erschossen aufgefunden wurden, die Ermittlungsprotokolle. Das Handy schweigt beharrlich in der Jackentasche. 

Von keinem Geheimdienst der Welt lässt er sich die Lebenslust stehlen

Herbstliche Nebel steigen vom Neckar hoch auf die Theresienwiese, legen einen grauen Schleier über das verzweifelte Bunt der Bäume. An dem Transformatorenhäuschen nahe dem Ufer stand das Polizeiauto, hier wurde die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen. Inzwischen ziert ein lachendes Graffiti die Wand. Schorlau schlägt den Kragen hoch. Dort oben an der Böschung fuhr ein Zeuge auf dem Rad vorbei, weiter unten am Ufer wurde einer gesehen, der sich das Blut abwusch. Der Stuttgarter NSU-Ausschuss hat sich im Sommer vor Ort ein Bild gemacht. Viel schlauer ist er nicht geworden. Ein Ermittler hat Schorlau gesagt: "Ein Zufall ist ok. Zwei machen misstrauisch. Und bei drei Zufällen stimmt was nicht." Im Fall Kiesewetter gibt es mehr als drei Zufälle. Und bei Wolfgang Schorlau machte sich Erkenntnisfurcht breit: Was kommt da noch alles?

Schorlau am Tatort.
Schorlau am Tatort.

Nun ist dieser Mann keiner, der sich so schnell ängstigt. Mit Morddrohungen hat er nur nach seinem ersten Dengler zu tun. "Du denkst, dass dir der Grimme-Preis angeboten wird, und dann das", sagt er mit einem Augenzwinkern. Nein, sein Telefon knackst heute nicht mehr als sonst, er sieht nicht hinter jedem Baum einen Schlapphut und Paranoia ist auch nicht sein Ding. "Ich bin ja nicht größenwahnsinnig", sagt er: "An dem Thema sind drei Dutzend brillante Journallisten dran, da werden die sich doch nicht ausgerechnet vor einem Kriminalschriftsteller fürchten. Aber vielleicht sollte ich mal im Rauchmelder nachschauen?" Den Humor und die Lebenslust will er sich von keinem Geheimdienst der Welt stehlen lassen.

Da greift er lieber zur Gegenwehr. Bevor Recherchen zur Depression führen, geht er mit netten Menschen - ganz wie sein private eye - gut essen und trinken in der Weinstube Vetter, wo er gern gesehener Stammgast ist. Bevor ihm am häuslichen Schreibtisch die Decke auf den Kopf fällt oder er mehr Joghurts aus dem Kühlschrank holt, als Wörter in den Computer hackt, flüchtet er in die bibliophile Disziplin der Landesbibliothek. Aber selbstverständlich kennt er auch die dortige Cafeteria ganz gut. "Einmal hieß ein Drink sogar Schorlanowska", erzählt er, "eine teuflische Mischung." Das Rezept verrät er nicht, es ist davon auszugehen, dass Alkohol mit im Spiel ist.

Seinen letzten Dengler-Satz ("Sie geben nicht auf, sie machen immer weiter") hat er erst vor Kurzem im Urlaub in den Bergen geschrieben, da sollte sein Manuskript schon längst beim Verlag sein. Doch wie immer hat Schorlau großzügig um den Abgabetermin herumgeschrieben, ein kreativer Schluri, der sich zu helfen weiß, voller Vertrauen in sich und seine Freunde, dass alles schon irgendwie klappt.

Tiefere Erkenntnis schließt tiefen Staat nicht aus 

Hat es auch immer. Etwa, als er mit Ende 40 den sicheren Job als IT-Manager hinschmiss, um sich ganz auf's Schreiben zu konzentrieren. Die Mutter war entsetzt, die Freunde hielten ihn für verrückt, aber sie haben ihn unterstützt. Es hat schon in Freiburg alles irgendwie geklappt, als Schorlau mit elf Jahren ins Waisenhaus kam und seine selbstgeschriebenen Groschenromanen für ein paar Pfennige an Mitschüler verkaufte. Es hat auch irgendwie geklappt, als er in den 70er-Jahren beim "Kommunistischen Bund Westdeutschland" die Welt verändern wollte, aber vor allem an der sexuellen Revolution interessiert war. So hat er sich charmant und kunstvoll durchs Leben geschlängelt, das Herz immer auf dem rechten linken Fleck.

Scharfen Blick auf die Unschärfen der Wirklichkeit.
Scharfen Blick auf die Unschärfen der Wirklichkeit.

Den Rebellen hat die Herausforderung gereizt. Der ehemalige KBW-Aktivist erkannte früh, dass einiges nicht stimmte in diesem Land. Als Lehrling demonstrierte er in Freiburg gegen die Erhöhung der Fahrpreise und verkaufte vor den Werktoren die "Kommunistische Volkszeitung". Und für seinen NSU-Krimi wollte er mehr herauszukriegen als all die vielen NSU-Ausschüsse. Ein ambitioniertes Projekt. Aber so ist das nun mal bei ihm. So sucht und findet er seine Plots - sie müssen ihn packen. Er hat lange geschwankt zwischen dem NSU und dem Tod von Bin Laden.

Dabei mutet er sich einiges zu. Aber auch seinen LeserInnen. Seitenlange Aktenzitate etwa. Fotos vom ausgebrannten Wohnmobil in Stregda. Fußnoten zur Erklärung. Und nicht zuletzt die Geschichte hinter der Geschichte. Die zweite Geschichte. Die tiefere Erkenntnis, die auch einen tiefen Staat nicht ausschließt. "Er sehnte sich nach seinem früheren unschuldigen Glauben an die Demokratie zurück", schreibt Schorlau einem thüringischen Ermittler zu. Nun haben in Berlin alle Fraktionen einen zweiten NSU-Untersuchungsausschuss beantragt, auch in Baden-Württemberg wird es weitergehen. Der Schriftsteller mit dem scharfen Blick auf die Wirklichkeit freut sich.

Das Handy klingelt erst auf der Rückfahrt nach Stuttgart. Das Gespräch dauert lange, erst leise, dann lauter tönt es vom Rücksitz: "Alle Waffen waren durchgeladen... ok. Ja. Hab' lange mit meinem Verfassungsschutzinformanten gesprochen... Ja. Hm. ... Der hat denen nicht erzählt, dass er beim Ku Klux Klan ist. ... Nein... Ich bin sicher, dass die Amis ihn umgedreht haben, aber das ist Spekulation ... Fokussieren. Gut. Ja." Es war nicht der Verlag. Es war der Regisseur Lars Kraume, der schon den ersten Dengler-Krimi verfilmt hat. Keine Spur mehr von Müdigkeit bei Wolfgang Schorlau. "Das wird der dritte Fernseh-Dengler", sagt er. Hat doch mal wieder geklappt.

In der nächsten Kontext veröffentlichen wir einen Vorabdruck aus Wolfgang Schorlaus "Die schützende Hand".

 

Info:

Der Schriftsteller und Kontext-Redakteurin Susanne Stiefel.
Der Schriftsteller und Kontext-Redakteurin Susanne Stiefel.

Am 12. November kommt "Die schützende Hand" in den Buchhandel. Vormittags von 10 bis 12 Uhr ist Wolfgang Schorlau Gast bei SWR-Leute, abends um 20 Uhr stellt er sein Buch im Stuttgarter Hospitalhof vor.

Am 15. November liest und diskutiert er ab 11 Uhr mit Gregor Gysi im Deutschen Theater in Berlin.

Weitere Lesungen gibt es am 16. November 2015 in Eberswalde, am 18. November 2015 in Herrenberg und am 19. November in Tübingen.


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Kommentare

Barolo, 10.11.2015 11:10
Hallo Gela, ich glaube wir sind gar nicht so weit auseinander. Ich habe nur langsam eine Allergie, wenn ich im Zusammenhang mit dem Polizistenmord, den Dönermorden und dem NSU von Fehlern, Versagen, Problemen etc lese.
Die Menge an Weglassen, Nichtermitteln, Aktenmanipulation, Aktenverschwinden, Erfinden von Nebelkerzen (nicht nur die Wattestäbchennummer) ist dermassen gigantisch gross und startet schon mit dem Tattag, daß hier das Wort "Fehler" gestrichen werden muss und durch das Wort "Vertuschungsversuche" ersetzt werden muss. Oder wie oben im Artikel steht ""Ein Zufall ist ok. Zwei machen misstrauisch. Und bei drei Zufällen stimmt was nicht."

Da alle beteiligten Behörden (Polizei, LfV, BfV, LKA, BKA, GBA etc) hierarchisch aufgebaut sind, muss auch nachvollziehbar sein, wer wem einen bestimmten Befehl bzw eine Anordnung gegeben hat. An dieser Stelle wird aber nie nachgebohrt, weder beim PUA noch in München. In Thüringen sieht es nur minimal besser aus. (Russlungenlüge auffgedeckt)

Und sollte ein Ausschussmitglied wirklich nicht wissen, welche Fragen denn zielführend sind, dann könnte es sich sehr leicht durch Lesen Anregungen holen.
Ich war schon mal versucht eine Liste zu schreiben:
Die wichtigen Fragen, welche am nächsten Sitzungstag garantiert NICHT gestellt werden.

Mein Fazit:
Das o.g. Verhalten ist ein starkes Indiz, daß es kein echtes Interesse gibt eine wirkliche Aufklärung zu betreiben.
Alle Beteiligten, inklusive der Nebenklägeranwälte und den MSM unterwerfen sich, aus unterschiedlichen Gründen, der Staatsräson die es nicht ertragen könnte, daß bestimmte Menschen sofort ihren Posten verlören.
Es sind leider nur wenige mutige Einzelkämpfer wie Schorlau, welche den Mut haben den Kant rauszulassen.
Und weil Sapere aude immer etwas verkürzt ist hier der ganze Teil:
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündgkeit.
Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Sapere Aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Theil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter majorennes), dennoch gerne Zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen.
Es ist so bequem unmündig zu seyn.
Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurtheilt. u.s.w, so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.

Gela, 09.11.2015 19:31
@ Barolo: ich spreche ja nicht nur von" bösen Fehlern" und stelle nicht nur die Frage nach"Schlamperei" bei den Verfassungsschützern, sondern auch weitere Fragen: nach Rechtsblindheit und aktiver Unterstützung des NSU. Aber Sie haben recht: Sie stellen auch berechtigte Fragen , ich hätte Sie nicht in meine (ansonsten berechtigte Kritik an vielen Kommentatoren zu Kontext-Beiträgen) einbeziehen sollen!

Peter Schey, 09.11.2015 15:29
Kleine Pointe am Rande:

Soeben melden Nachrichtenagenturen, daß Beate Zschäpe am Mittwoch umfassend aussagen will...

Barolo, 09.11.2015 14:19
@Gela,
es ist wirklich interessant wenn man auf die Sprache schaut. Sie sprechen von "bösen Fehlern" und "Schlamperei".
Ich stelle nur Fragen die jeder stellen kann und zeige auf eigentlich unmögliche Widersprüche. Und auf Mitarbeiter von Behörden, welche diese Widersprüche produzieren.
Ein Beispiel: Können Sie den einfachen Widerspruch klären, wie die Uwes sich erschiessen konnten ohne Fingerabdrücke an den Waffen zu hinterlassen? Und warum trotz der zentralen Russlungenlüge von Ziercke und Range eben kein Russ bei beiden Uwes in der Lunge war?
Allein mit dem Wissen um diese zwei Tatsachen ist es eigentlich unmöglich auf einen Uwe Selbstmord zu schliessen.
Und wenn Sie diese in den Ermittlungsakten festgehaltenen Widersprüche als Paranoia bezeichnen, dann leben Sie vielleicht gerne ohne Erkenntnis und lassen sich vielleicht auch gerne auf den Arm nehmen.
Da bin ich anders gestrickt.
Auch wenn ich nicht alles weiss, so muss ich nicht bei jedem per MSM verbreiteten Mist meinen Verstand auf Urlaub schicken.

P.S.: Also böse Fehler sind vermutlich schon gemacht worden, aber eben nicht beim aufdecken sondern eher beim vertuschen ;-)

Peter Schey, 09.11.2015 08:27
Vollkommen überrascht - da auf den 12. November als Erstverkaufstag fixiert - sah ich das Buch bereits am Samstag in der Auslage einer Buchhandlung. Tja ...

Will mich vielleicht jemand fragen, was ich den Rest des Wochenendes trieb ? Oder woher mein zufriedenes Lächeln kommt ?

Liane, 08.11.2015 23:47
in einer zeit wo ein linkes denken, ein linkes visionieren dringend erforderlich ist, scheint eine bewusste lust am mobbing link gegen link tagesspiel zu sein......
dazu gehört mittlerweile die #wer nicht meiner meinung ist sympatisiert mit den rechten# und wichtig ist dabei der spruch #uns geht 'doch gut'#
dabei wird fast immer die historie,also die seit ca 30 jahre andauernde entdemokratisierung, vergessen, die vielfalt der desaströsen vorkommnisse und die zustaende all jener 'institutionen', die ein garant fuer die #beste der demokratien der welt# bilden sollen.
ein #alles ist gut, geht shoppen# klingt durch die zeilen

kritiker werden gnadenlos verleumdet und gemobbt, so dass die hauptverantwortungstragenden sich still und leise aus dem fokus ziehen können.... (so werden buerger gegen buerger gehetzt, und die taeter sind in schutzzonen)
SO wird der rechten, den menschenfeindlichen rattenfaenger zugetrieben....

guantanamo ohne reaktion der besten demokratie der welt
NSA....juckt uns nicht
finanzbeamte oder kritische richter in die psychiatrie.....egal
weltweite zockermentalitaet.... super...keine haftung
massiver diepstahl, ups privatisierung von volkseigentum zu gunsten Einger.... machtwirtschaft
drohnenkriege ohne jede reaktion der weltweiten richterschaft......
deutschland ist einreiseland der mafia.....aber hier sind die alle brav....
gesundheitssysteme sind zum klassensystem verkommen
bildungssysteme auch,

meine liste ist lang, die da die waagschale gen scheindemokratie, gen fassadendemokratie senken laesst....
80 %der bevölkerung vertrauen den systemen nicht mehr..... eine firma wuerde da pleite machen und massiv gegenlenken..... unsere wohlstandsverwoehnten staatssysteme brauchen sich nicht aendern......im gegenteil...sie versorgen sich immer mehr mit wohlstansverwoehnenden mitteln...

Gela, 05.11.2015 22:53
Es ist wohl keine Frage, dass im Verfassungsschutz böse Fehler gemacht worden sind und dass da noch viel geklärt werden muß: was war Schlamperei, was war Prestigedenken, was war Rechtsblindheit, was war aktive Unterstützung des NSU?
Aber offenbar ist eine weitere Aufklärung gar nicht nötig, denn Leute wie @Blender und @Barolo u.a. wissen ja sowieso schon, daß der Verfassungsschutz eine kriminelle Vereinigung ist, der mordet und lügt. Sie wissen, dass natürlich alle etablierten Parteien ( außer den Linken) und die Regierungen in Bund und Land auch kriminell sind.
Das nenne ich Paranoia. So schön einfach gedacht, alles passt. Genau so unerschütterlich glauben die Rechten von Pegida etc. an ihre Feindbilder, nur sind es eben andere, gefährlichere.

Warum ärgert mich das so? Weil mein Herz auch links schlägt und ich nicht möchte, dass man die Linken nicht mehr ernst nehmen kann. Weil ich der Meinung bin, dass wir in einem der besten Staaten der Welt leben, in dem es viel Freiheit, viel Toleranz und ziemlich viel Gerechtigkeit gibt. Leider gibt es auch eine Menge Missstände und Ungerechtigkeiten, die sowohl im System als auch im Egoismus der Menschen begründet sind - aber es ist eben kritischen Journalisten wie von Kontext ( aber auch von bürgerlichen Blättern) doch möglich , diese aufzudecken, jedoch nur durch sorgfältige Recherchen und nicht durch Verbreiten von Vorurteilen und pauschalem Schlechtreden von allen Institutionen..

Barolo, 04.11.2015 17:31
Hallo Blender, macht Sie nicht stutzig, daß in den einschlägigen Kreisen der NSU so gut wie unbekannt war?
Was an sich schon seltsam ist wenn man keinerlei Bekennerschreiben a la RAF verschickt. Weder bei den Kurden, den Türken, dem Griechen oder der Polizistin.
Allerdings fragte ich mich bei Schorlaus Aussage "An dem Thema sind drei Dutzend brillante Journallisten dran," wo denn diese 36 Journalisten sind.
Und was die genau machen.
Den Finger in die Wunde legen?
Etwa den Mord an den Uwes einen Doppel-Mord nennen?
Die Russlungenlüge dokumentieren?
Ist doch beides leicht zu beweisen.
Wo sind die 36 Journalisten und ein paar Zeitungen, die dieses für die breite Masse rausblasen?
Denn danach wird es doch erst richtig spannend.
Denn wenn einmal klar ist, daß man 10 Morde bei den Uwes entsorgen will, dann fragt sich doch sicherlich jeder brilliante Journalist: Was treibt denn einige unserer Verfassungsschützer/LKA/BKA zu einer solchen Verzweiflungstat? Das macht man ja nicht ohne Not und die war anscheinend sehr groß. Stand etwa die Aufklärung des Polizistenmordes bevor? Und wäre dies ein Disaster für manche Leute gewesen?
Also Herr Schorlau, es gibt schon einige wenige Journalisten, welche sich mit dem NSU-Märchen beschäftigen. Die allermeisten werfen allerdings mehr Nebelkerzen (Desinformtion) als Licht ins Dunkel zu bringen.
Und wer kürzlich die ARD angeschaut hat................da wird ja nachweisbar gelogen, daß sich die Balken biegen. Da kann also keiner von den 36 genannten Journalisten sitzen.

P.S.: Herr Schorlau, ich kauf auf jeden Fall ein Exemplar von Ihnen!

Blender, 04.11.2015 15:07
@"Ein Zufall ist ok. Zwei machen misstrauisch. Und bei drei Zufällen stimmt was nicht."
Meines Erachtens konnte der NSU von einschlägigen Kreisen nicht übersehen worden sein. Es gibt nur einen Schluss den man ziehen kann: der Verfassungsschutz ist eine kriminelle Vereinigung die ihre Verbrechen außerhalb staatlicher Kontrolle aber staatlich geschützt verübt. Auch aus dem ersten NPD Verbotsverfahren wurden die falschen Schlüssen gezogen, indem gesagt wurde, die NPD kann nicht verboten werden solange sie von Verfassungsschutz V-Menschen unterwandert ist. Die Richtige Schlussfolgerung wäre gewesen die NPD und den Verfassungsschutz gleichzeitig zu verbieten, weil beide offensichtlich rechtsstaatfeindliche Ziele verfolgen.

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Ausgabe 273 / "Gysi ist top" / Emily W., 24.06.2016 11:11
Also das würde ich an Gysis Stelle aber nicht auf mir sitzen lassen! In jeder Hand eine Flug-Schoko-Torte würde ich mich den beiden stinkreaktionären und ziemlich geschäftstüchtigen Extremquerfrontlern nähern... :-)

Ausgabe 273 / Wer eine Grube gräbt / ophir, 24.06.2016 07:44
@ adabei, 23.06.2016 11:45: Einfach grotesk, Ihr Vergleich mit anno 1933. Soll mal wieder die "Nazi-Keule" geschwungen werden? Lächerlich! Mehrheit bleibt Mehrheit! Basta!

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