KONTEXT Extra:
Fahrverbote beschlossen – Nordost-Ring vom Tisch

Wie ein Gespenst geisterte seit Wochen ein vor fast 40 Jahren beerdigtes Verkehrsprojekt durch die Debatte um Feinstaubalarmtage und Fahrverbote in der Landeshauptstadt: der Nordost-Ring. Jetzt hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) allen Spekulationen eine Absage erteilt. Auch deswegen, weil die Baumaßnahme entgegen den Behauptungen von Teilen der CDU keineswegs bereits im Bundesverkehrswegeplan steht. "Dort geht es um neun Kilometer der B 29", so Hermann nach dem heutigen Kabinettsbeschluss zu Fahrverboten ab 1.1.2018 an Feinstaubtagen, den schlussendlich auch die CDU-Landtagsfraktion mittrug.

Prompt gab es Lob von Umwelt- und Naturschützern. Hermann habe erkannt, so die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, "wenn nicht zeitnah effiziente Maßnahmen greifen, so werden die Gerichte die Entscheidungen zum Schutze der Bürger*innen treffen und die Politik das Heft aus der Hand geben müssen". Die Stuttgarter CDU ist noch nicht ganz so weit. Für den Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann sind Fahrverbote weiterhin "politisch klar abzulehnen". Und er träumt von Nordost-Ring: Jetzt gelte es "endlich neue Verkehrsprojekte wie den Nord-Ost-Ring auf den Weg zu bringen". Hermann machte dagegen deutlich, dass das nach dem eben erst in Kraft gesetzten Bundesverkehrswegeplan gar nicht möglich ist. 

In den Sechzigern und Siebzigern waren zwei Varianten durchdacht worden: eine größere mit einem Autobahnzubringer bei Mundelsheim und eine kleinere etwa auf der Gemarkungsgrenze zwischen Waiblingen und Fellbach. Schon damals vertraten Verkehrswissenschaftler allerdings die Ansicht, dass ein Ringschluss rund um Stuttgaart weniger die Stadt, sondern die Autobahnen im Westen und Süden entlasten würde.


Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kirche ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


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Auf der Couch mit Thaddäus Troll: Domina Nicole Jahnke. Fotos: Joachim E. Röttgers

Auf der Couch mit Thaddäus Troll: Domina Nicole Jahnke. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 256
Gesellschaft

Her mit dem "Sex-Koffer"

Von Gastautorin Nicole "Arachne" Jahnke
Datum: 24.02.2016
Der "Sex-Koffer" ist das Symbol des Bösen. Und wer ihn in der Schule auspackt, verdirbt unsere Kinder. Sagen die Gegner des Bildungsplans, die Mitläufer der "Demo für alle", die am kommenden Sonntag schon wieder durch Stuttgart zieht. Unsere Autorin, ausgewiesene Expertin für Erotik, hält stramm dagegen. Sie will aufgeklärte Kinder und Schluss mit Jetzedle und Sodele.

"Wo kommen die kleinen Kinder her?" Klar, auch in meinem Kindergarten, einem christlichen, in dem ich einst Leiterin war, wurde diese Frage gestellt. Doch wo sollte ich anfangen? Blümchen und Bienen? Gott hat das Baby da reingelegt? Papi hat's im Bierkrug gefunden oder doch die Geschichte mit dem Klapperstorch? Und was wollten die Eltern auf keinen Fall hören?

Panik. Bei uns hat der Biolehrer noch ein Kondom über den Putzbesen gezogen. Wegen der Aids-Gefahr. Und wehe, jemand hat gelacht. In der Ausbildung zur Erzieherin war Sexualkunde kein Thema, und klar war auch, dass ich mich, egal welche Antwort ich geben würde, danach rechtfertigen müsste. Vor den Eltern aus verschiedenen Kulturen,vor Freidenkern, Liberalen, Konservativen, strenggläubigen Muslimen und Christen, der Kirchengemeinde und dem Pfarrer. Heute würde ich ruhig und souverän auftreten. Mit einem "Sex-Koffer". 

Kaka, Pipi, Penis, Vagina! Wer Kinder im Vorschul- und Grundschulalter erheitern will, muss nur ein paar dieser Begriffe sagen und kann strahlende Gesichter und glucksendes Lachen ernten. Kinder spüren sehr früh die Tabuisierung dieser Begriffe, Erwachsene lachen darüber nur im Kabarett.

Jetzedle, wer guckt denn da?
Jetzedle, wer guckt denn da?

Erinnern Sie sich noch an das seltsam peinliche Gespräch, zu dem uns unsere Eltern nötigten? Bei Youtube gibt es ein Video: "Parents explain the Birds and Bees." Mit 10 926 382 Aufrufen. Zu sehen sind Eltern im Aufklärungsgespräch mit ihren Kindern. Sie malen Vaginas auf Schautafeln, kichern und zeigen alle Anzeichen von Nervosität. Sie sehen sich Kindern gegenüber, die mit amüsantem Teilwissen, ungläubig staunenden Augen, skeptischen Blicken zuhören. Mir selbst blieb das "ernste Gespräch" mit meinen Eltern erspart. Sie haben es wohl solange rausgeschoben, bis ich die Antworten selbst gefunden hatte. Das Thema Sex war bei mir daheim tabu.

Pro familia ist ein Segen

Kein Wunder, wenn Kinder nicht mit ihren Eltern darüber reden wollen. Meist nur peinlich. Auch deshalb ist pro familia ein Segen. Ihre Mitarbeiter gehen mit den richtigen Unterrichtsmaterialien – jetzt verschrieen als "Sex-Koffer" – in die Schulen und informieren altersgerecht und umfassend. Sie wissen, was junge Menschen quält, treibt, verunsichert und überzeugen oft durch ihre Souveränität, Offenheit, Wertneutralität und Erfahrung. Ihr Anschauungsmaterial ist wichtig. Der taktile Umgang mit den Objekten unterstützt die reine Theorie durch Anfassen und Ausprobieren und beseitigt Unsicherheiten bei der Anwendung von Tampons, Kondomen und Ähnlichem. 

Und nicht zu vergessen: Sie vermitteln auch, dass Sexualität kein Leistungssport ist. Sie machen den jungen Menschen Mut, sich individuell und in ihrem Tempo der Sexualität zuzuwenden – oder eben noch nicht. Die vorgegaukelten Idealbilder der Medien und Pornografie werden relativiert und als das gezeigt, was sie sind: kommerziell erzeugte Scheinwelten. Es wird aufgeklärt, dass diese eben nicht mit der eigentlichen Sexualität verwechselt werden sollen, die von Empfinden, Zuneigung, Liebe und Verantwortung getragen wird. Ich hätte mir in meiner Jugend solche Aufklärungsarbeit sehr gewünscht. 

Nun bin ich trotzdem keine schwäbische Hausfrau geworden. Daran hat auch der Biolehrer mit dem Putzbesen nichts geändert. Auch wenn seine hygienisch einwandfreie, höchst effektive Darstellung des Gesamtzusammenhangs der pietistischischen Prägung hier im Ländle entsprochen hat. "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen", ist doch die Devise. Angeblich erlebt ein echter Schwabe den Orgasmus befriedigend, wenn er rationell und zweckdienlich ist. Jetzedle. Sodele!

Damit könnte das Thema "Sexualerziehung heute" eigentlich befriedigend erledigt sein. Die Kinder finden selbst bei schlechter Aufklärung irgendwie ihren Weg – wenn da nicht die reaktionären Lautsprecher und autoritären Charaktere unterwegs wären.

Was ist los? Ein neuer Bildungsplan ist los, und seitdem wird sich richtig gesamtgesellschaftlich erregt. Über die Möglichkeit der kindlichen Erregung.

Ja so was: Bei Holzpenissen werden Kinder ohnmächtig

Wer hier lange zuhört, dem schwinden wahrlich die Sinne. Abstruse Ängste werden auf die Straße getragen: Durch entfesselte, komplett enttabuisierte "Sexualpädagogen" kommt es zu Übergriffen auf unschuldige Kinder. Familie und Geschlechtsidentitäten werden abgeschafft und Kindergartenkinder zum Onanieren angeleitet. Wir erfahren, dass sensible Kinder angesichts der Holzpenisse im "Sex-Koffer" ohnmächtig geworden seien. Das staatlich verordnete Sodom und Gomorrha droht in Form des neuen Bildungplans.

Um das alles zu verstehen, ist es vielleicht notwendig zu wissen: Die Hirnforschung lehrt, dass überwiegend "alte Hirnregionen", die schon dem Neandertaler das Überleben erleichterten, aktiv werden, wenn es um Sexualität und Verteidigung des Nachwuchs beim erwachsenen Menschen geht. So überrascht es nicht, wenn viele in das Stadium von Brüllaffen zurückgefallen sind.

Nun sind wir sehr deutsch und zählen, in aller Gründlichkeit, alle möglichen sexuellen Identitäten und Präferenzen auf, keine, noch so kleine Erscheinungsform auslassend. "Wozu soll mein Kind etwas über Lesben, Schwule, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle und Queer-Geschlechtliche erfahren? Wo ist da der Bezug zur kindlichen Realität?", fragen sich entsetzte Eltern, während bei der Ausstrahlung des Grand Prix Eurovision ein nicht sofort geschlechtlich einzuordnendes Wesen mit Vollbart und Abendkleid über die Bühne schwebt und unter europaweiten Sympathiebekundungen auch noch gewinnt.

Mir scheint, es geht inzwischen um mehr als nur um die "Wurst".

Es geht um Homosexualität in der Schule, um Homophobie, um Diskriminierung, um die Sexualerziehung an sich. Es geht um ein drittes Geschlecht in Personaldaten, Ausweisen und Toilettenhäuschen, es geht um verschiedene Menschenbilder, die "richtige" Sicht auf die Gesellschaft, um Rücksichten und Einflüsse von Kirche(n), Lobbyisten, Parteigängern. Letztlich um einen Kulturkampf beziehungsweise um die Rettung des Abendlands.

Schwule, Lesben, Transen – in jeder TV-Soap zu sehen

Und was sagen die, um die es geht? Ich habe junge Menschen gefragt, was sie von der ganzen öffentlichen Erregung halten. Die häufigsten Rektionen: O Mann, wie peinlich! Komisch, dass Erwachsene auf einmal darüber diskutieren, was in der Schule nicht gelernt werden soll. Sonst kann es doch nie genug sein. Wozu die Diskussionen? Schwule, Lesben, Transen – in jeder TV-Soap zu sehen. Wo ist das Problem?

Bienchen und Blümchen: Oh, wie peinlich!
Bienchen und Blümchen: Oh, wie peinlich!

Wenn unsere Kinder schon so entspannt reagieren, warum dann diese Erregung? Möglicherweise deshalb: Kindern werden verschiedenste sexuelle Identitäten vorgestellt, die damit verführend bis frei wählbar sind. Zumindest aus der Sicht der Bildungsplangegner. Der Holzpenis im "Sex-Koffer" könnte das eigene Kind zum Schwulen machen. Auf die Idee muss man(n) erst mal kommen. Projektionen eigener, latenter, verleugneter Vorlieben ? An diesem Punkt würde ich liebend gerne einen "Sex-Koffer" für Erwachsene packen.

Womöglich geht es aber vielen gar nicht darum, junge Menschen zu befähigen, sich in einer multikulturellen Welt zurechtzufinden, mit verschiedenen Lebensweisen und Konzepten, geschlechtlichen und sexuellen Identitäten. Vielmehr haben wir es mit Konflikten in der Erwachsenenwelt zu tun, mit Revierkämpfen zwischen Liberalen und Konservativen. Ein bisschen erinnert mich das an Brechts Geschichte vom Kreidekreis – jeder will unsere Kinder in sein Lager ziehen. Jeder glaubt, das Recht, das richtige gesellschaftliche Konzept zu haben, und alle beanspruchen den Nachwuchs für sich.

Ich bin gespannt, wie der Streit ausgeht. Die Jugendlichen werden ihn ertragen, ziemlich cool voraussichtlich. Und die Erwachsenen können darüber nachdenken, ob mit den Debatten der 70er-Jahre das Thema Sex endgültig geklärt ist? Ob wir Schwaben nun extrem fortschrittlich, ein Land der erotischen Hochkultur, oder doch ein Entwicklungsland in puncto Erotik sind? Ich persönlich glaube lieber an die erotische Kultur.

Die sensationellen Erfolge der Sex-Romane wie "Shades Of Grey" oder "Feuchtgebiete" zeigen doch unsere Sehnsucht nach tabuloser freier Körperlichkeit, nach schamlosem und leidenschaftlichem Sex. Die Bücher werden auch in Baden-Württemberg gekauft, und nicht nur das. Starkes Interesse findet auch die Praxis. Nicht nur traditionell in Swingerclubs, sondern auch experimentell in SM-Studios. Stuttgart und Karlsruhe sind SM-Hochburgen in Deutschland.

Zur Beruhigung der Gemüter möchte ich auf Altbewährtes zurückgreifen. Auf das wunderbare Buch von Thaddäus Troll : "Wo kommet denn dia kloine Kender her?" – A Bilderbuach ieber a hoikels Thema ohne Dromromgschwätz fir Kender ond fir Alte, wo jongblieba send. Das sollte auf jeden Fall noch in den "Sex-Koffer".

Nicole Jahnke, 44, hat Erzieherin gelernt, war bis 1995 Leiterin eines christlichen Kindergartens in Stuttgart, hat danach Psychologie studiert und 1998 das SM-Studio Arachne eröffnet. Dort bildet sie bis heute Frauen zu Dominas aus.


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Kommentare

Roland Riedl, 26.02.2016 19:34
Kontext und Frau Jahnke - ich danke Ihnen für den vorzüglichen Artikel!

Sehr wohl ist Pro Familia und der Koffer ein Segen.
Warum?
Sexualität kann sich zwischen Faszination, Attraktivität, Unheimlichkeit, Neugierde, Sehnsucht und dem Unkrollierbaren bewegen.
Und Sexualität ist in der Tat nicht nur ein Lustspiel oder eine Komödie, sondern hier und da ein Drama oder auch eine Tragödie.
Um mit all den Gefühlen zurecht zu kommen haben wir die Aufklärung, ob mit oder ohne Koffer.

Mitarbeiter von pro familia

Rolf Steiner, 26.02.2016 16:46
Lieber Herr Pirkl, auch ihre Kinder sind vermutlich weiter als Sie selbst. Haben Sie Angst, Ihre Kompetenz und Autorität zu verlieren, wenn die Aufklärung von zeitorientierten PädagogenInnen durchgeführt wird? Wir sind nicht mehr in der Gegenaufklärung, sondern im 21. Jahrhundert.

Andrea, 26.02.2016 10:15
Herr Pirkl,

die Zeiten haben sich geändert. Heute gibt es alles im Internet, selbst Pornos sind für jedermann zugänglich. Natürlich nicht für die Kleinen - aber für die großen Geschwister. Und für die großen Geschwister der Freundinnen und Freunde.

Wenn Sie sich also gefragt haben, woher das Kind die Männlichkeit des Hengstes schon kannte, dann haben Sie die Aufklärung eben diesem Umfeld überlassen.

Als Frau habe ich die Nase gestrichen voll von jungen Männern, die ihr Bild von Frauen und Sexualität aus Pornofilmen haben. Ich möchte, dass junge Menschen ihre eigene Meinung und ihren eigenen Weg entwickeln dürfen. Und dies ist nur durch eine vernünftige Information möglich.
Es ist doch völlig Schizophren wenn Menschen einerseits denken, Kinder würden Homosexuell wenn sie wüssten, dass es das gibt, ihnen aber gleichzeitig ihr eigenes Bild von Familie und Sexualität überhaupt nicht vermitteln, sondern hoffen, dass sie das schon irgendwo erfahren werden.

Wer gibt ihnen die Garantie, dass ihr (fiktiver) Sohn nicht als erstes einen Schwulenporno zu sehen bekommt?

Birgit Bruder, 25.02.2016 20:10
Wo bin ich nur hier gelandet? Dunkeldeutschland regt sich darüber auf, ob in der Schule offen über Sexualität gesprochen werden darf? Unglaublich!

Wie Frau Jahnke schon schreibt: jede mittelmäßige Fernsehsendung bringt inzwischen irgendwo einen Schwulen, Transgender, Transvestiten oder Lesben, etc. unter, das scheint irgendwie der Zeitgeist und gut für die Quote zu sein.

Gleichzeitig sollen diese Menschen, die sich außerhalb des Mainstreams bewegen, in der Schule totgeschwiegen werden? Halten die Gegner des Bildungsplans dann auch ihre Kinder - sogar - vom Vorabendprogramm fern?

Sicher muss man Kindern diese Informationen nicht unbedingt im Sexualkundeunterricht aufdrängen. Pro Familia hat altersgemäße Unterrichtseinheiten, die nur so viele Informationen beinhalten, wie nötig. Damit habe ich bessere Erfahrungen gemacht als mit der Biologielehrerin meines Sohnes.

Rein statistisch dürfte an einer größeren Schule mindestens je ein Schüler pro Jahrgang sich später für einen Lebensstil außerhalb des Mainstreams entscheiden. Würde man mit dem Thema toleranter umgehen, könnten diese Kinder sich schon frühzeitig gemäß ihren speziellen Neigungen und Begabungen entfalten. Und Jungs würden z.B. nicht vor Scham unter dem Gelächter einer Horde von Mädchen aus der ersten Stunde "Rhythmische Sportgymnastik" fliehen.

Warum sollten Menschen, die einfach anders ticken, andere Bedürfnisse haben, tabuisiert werden? Und das sogar nur partiell in der Schule? In welchem Zeitalter leben wir denn?

Rolf Steiner, 25.02.2016 17:19
Bei den Nazis gab's noch den Klapperstorch. Bei der AfD ist es eine Frau v. Storch, die gegen jede Aufklärung ihren spitzen Schnabel öffnet. Und eine Reihe von Mit-Klapperern finden wir auch hier im Stuttarter Großraum. Mir gehen diese Über-Prüden schon längst auf den S... Was erzählen denn diese Komiker ihren Kindern, woher die kleinen Kinder kommen? Das muss man doch mal ernsthaft fragen.

Helmut Pirkl, 25.02.2016 14:02
Hätte ich schon zu Anfang des Artikels gelesen, „Nicole Jahnke, . . . bildet sie bis heute Frauen zu Dominas aus.“ wäre es infolge sofortigen Abbruchs nicht zu diesem Kommentar gekommen. Nachdem ich mir aber diesen Unsinn reingezogen habe, komme ich zu folgender Stellungnahme.

Ich bin Vater von 4 Kindern, Enkeln und hoffentlich werde ich auch noch Urgroßvater. Bei mir ist es ohne fremde Hilfe mit der Kindererziehung so gelaufen, wie bei Milliarden anderen Erziehern von Anbeginn der Menschheit. Das Geschlechtleben hat rein intuitiv seinen natürlichen Lauf genommen ohne wissenschaftliches Verstümmeln und dummes Geschwafel von arroganten Tanten, die meist selbser keine Kinder haben und meinen alles besser zu wissen.

Meine Kinder sind mit Pferden groß geworden. Als die Jüngste gerade gut sprechen konnte, stand sie vor einem Hengst, der in der Nähe eine rossige Stute roch und dabei seine Rute ausfuhr. Daraufhin sagte sie ganz unbefangen zu mir: „Jetzt zeigt er seine Männlichkeit.“ Woher sie das nur wissen konnte fragten wir Umstehenden uns und gingen zur Tagesordnung über.

Woher wissen übrigens alle anderen Lebewesen, die sich nicht mit Worten verständigen können, wie das mit der Fortpflanzung vor sich geht? Die tun es einfach. Genauso war das auch bei mir selber und meinem Nachwuchs. Da gab es keinen studierten Schlaumeier in der Nähe. Wir haben allesamt ein geregeltes Sexualleben und eine normale Fortpflanzung ohne wissenschaftliche Aufklärung. Daher kann ich auch nur allen meinen Mitbürgern davon abraten, ihre Kinder nicht in die Hände solcher Erzieher oder gar Psychologen zu geben. Die wissen zwar wie es geht, aber ob sie es auch alle richtig können, frage ich mich so manches Mal.

"Wozu soll mein Kind etwas über Lesben, Schwule, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle und Queer-Geschlechtliche erfahren? Wo ist da der Bezug zur kindlichen Realität?",

Peter Fackelmann, 25.02.2016 13:03
>kann es sein, dass auch Sie zu den heimlich Verklemmten gehören, statt sich OFFEN für oder gegen die alters-angemessene frühkindliche Sexualaufklärung zu bekennen??

Ferndiagnostiker?
Oder werden Sie immer gleich persönlich?

Offen? Lesen Sie meinen Kommentar zum Artikel "Demo für nicht alle".

Alters-angemessene frühkindliche Sexualaufklärung?
Sehen Sie den Widerspruch?

Rolf Schmid, 24.02.2016 23:46
Hallo Peter Fackelmann,
kann es sein, dass auch Sie zu den heimlich Verklemmten gehören, statt sich OFFEN für oder gegen die alters-angemessene frühkindliche Sexualaufklärung zu bekennen??

Peter Fackelmann, 24.02.2016 21:32
>Starkes Interesse findet auch die Praxis. Nicht nur traditionell in Swingerclubs, sondern auch experimentell in SM-Studios. Stuttgart und Karlsruhe sind SM-Hochburgen in Deutschland.

>und 1998 das SM-Studio Arachne eröffnet. Dort bildet sie bis heute Frauen zu Dominas aus.

Und ich dachte immer, Schleichwerbung sei Pfui.

Rolf Schmid, 24.02.2016 20:47
Ich - inzwischen über 82 Jahre alt - teile uneingeschränkt die Meinung von Frau Jahnke, auch hinsichtlich der zu vermutenden verqueren Wünsche und Veranlagungen der Gegnerschaft von - stufenweiser, alters-gerechter - sexueller AUFKLÄRUNG im Jugendalter, BEVOR "die Strasse" und/oder ältere Verführer bis hin zu Lehrern und Priestern sich der sexuell noch "unschuldigen" Kinder und Jugendlichen gezielt "annehmen" und vielleicht für ihr ganzes weiteres Leben prägen und verderben!
Wer sich gegen eine altersgerechte Sexualerziehung wendet, sollte sich konsequent auch gegen jede "Aufklärung" auf so ziemlich allen anderen Wissensgebieten wenden. Denn nur DAS wäre konsequent - und der Staatsdoktrin besonders zuträglich, die nur mit möglichst dummen, ungebildeten, Menschen funktioniert!

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