KONTEXT Extra:
Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


SPD-Parteitag: 93,99 Prozent für Leni Breymaier

Noch mehr wäre kitschig gewesen: Die frühere Verdi-Bezirksleiterin Leni Breymaier wurde mit 93,99 Prozent der Stimmen auf dem Parteitag in Schwäbisch Gmünd zur SPD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl am 24. September gekürt. Damit zieht die Südwest-SPD erstmals seit ihrer Gründung 1952 mit einer Frau und – überhaupt erst zum zweiten Mal – auch mit einer VertreterIn des linken Flügels in einen Wahlkampf für den Bundestag. Zuvor hatte die 56-Jährige einen engagierten, kreativen Wahlkampf ohne Hass, ohne Lügen und ohne Beleidigungen versprochen. Sie werde kämpfen um jedes Zehntelprozent. Als Sinnbild präsentierte sie zwei Löwen, einen roten aus dem 3D-Druck und ein Steifftier, die "uns zum Sieg führen werden".

Wie ein Popstar wurde schon bei seinem Einzug in die Halle Martin Schulz gefeiert. "Mit jedem Mann und jeder Frau steht die SPD in Baden-Württemberg hinter dir", so Breymaier, die Schulz als "den künftigen Kanzler" vorstellte. Schulz selber erklärte, die SPD wolle stärkste Partei in der Bundesrepublik werden und er selbst die nächste Bundesregierung führen: "Wir haben eine gute Chance." Inhaltlich widmete sich der künftige SPD-Bundesvorsitzende in seiner halbstündigen Rede auch dem von CDU, FDP und den Arbeitgeberverbänden kritisierten Vorschlag, im Falle einer Qualifizierung die Bezugsdauer des Arbeitslosengeld II zu verlängern. Nicht von dieser Zeit hänge die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland ab, sondern von Qualifizierung von Facharbeiterinnen und Facharbeitern. Deshalb müsse die Bundesagentur für Arbeit zu einer Bundesagentur für Arbeit und Qualifizierung umgebaut werden. Grundsätzlich widersprach er auch Kritikern, die "mir Sozialromantik vorwerfen". Die SPD wolle "nicht 82 Millionen Einzelschicksale in die Hand nehmen". Wer aber ins Kanzleramt der Bundesrepublik Deutschland einziehe, der müsse "im Herzen ein Gefühl für die Alltagsprobleme der Menschen haben".

Mehr zum Thema: "Leni, vidi, vici"


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Auf der Couch mit Thaddäus Troll: Domina Nicole Jahnke. Fotos: Joachim E. Röttgers

Auf der Couch mit Thaddäus Troll: Domina Nicole Jahnke. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 256
Gesellschaft

Her mit dem "Sex-Koffer"

Von Gastautorin Nicole "Arachne" Jahnke
Datum: 24.02.2016
Der "Sex-Koffer" ist das Symbol des Bösen. Und wer ihn in der Schule auspackt, verdirbt unsere Kinder. Sagen die Gegner des Bildungsplans, die Mitläufer der "Demo für alle", die am kommenden Sonntag schon wieder durch Stuttgart zieht. Unsere Autorin, ausgewiesene Expertin für Erotik, hält stramm dagegen. Sie will aufgeklärte Kinder und Schluss mit Jetzedle und Sodele.

"Wo kommen die kleinen Kinder her?" Klar, auch in meinem Kindergarten, einem christlichen, in dem ich einst Leiterin war, wurde diese Frage gestellt. Doch wo sollte ich anfangen? Blümchen und Bienen? Gott hat das Baby da reingelegt? Papi hat's im Bierkrug gefunden oder doch die Geschichte mit dem Klapperstorch? Und was wollten die Eltern auf keinen Fall hören?

Panik. Bei uns hat der Biolehrer noch ein Kondom über den Putzbesen gezogen. Wegen der Aids-Gefahr. Und wehe, jemand hat gelacht. In der Ausbildung zur Erzieherin war Sexualkunde kein Thema, und klar war auch, dass ich mich, egal welche Antwort ich geben würde, danach rechtfertigen müsste. Vor den Eltern aus verschiedenen Kulturen,vor Freidenkern, Liberalen, Konservativen, strenggläubigen Muslimen und Christen, der Kirchengemeinde und dem Pfarrer. Heute würde ich ruhig und souverän auftreten. Mit einem "Sex-Koffer". 

Kaka, Pipi, Penis, Vagina! Wer Kinder im Vorschul- und Grundschulalter erheitern will, muss nur ein paar dieser Begriffe sagen und kann strahlende Gesichter und glucksendes Lachen ernten. Kinder spüren sehr früh die Tabuisierung dieser Begriffe, Erwachsene lachen darüber nur im Kabarett.

Jetzedle, wer guckt denn da?
Jetzedle, wer guckt denn da?

Erinnern Sie sich noch an das seltsam peinliche Gespräch, zu dem uns unsere Eltern nötigten? Bei Youtube gibt es ein Video: "Parents explain the Birds and Bees." Mit 10 926 382 Aufrufen. Zu sehen sind Eltern im Aufklärungsgespräch mit ihren Kindern. Sie malen Vaginas auf Schautafeln, kichern und zeigen alle Anzeichen von Nervosität. Sie sehen sich Kindern gegenüber, die mit amüsantem Teilwissen, ungläubig staunenden Augen, skeptischen Blicken zuhören. Mir selbst blieb das "ernste Gespräch" mit meinen Eltern erspart. Sie haben es wohl solange rausgeschoben, bis ich die Antworten selbst gefunden hatte. Das Thema Sex war bei mir daheim tabu.

Pro familia ist ein Segen

Kein Wunder, wenn Kinder nicht mit ihren Eltern darüber reden wollen. Meist nur peinlich. Auch deshalb ist pro familia ein Segen. Ihre Mitarbeiter gehen mit den richtigen Unterrichtsmaterialien – jetzt verschrieen als "Sex-Koffer" – in die Schulen und informieren altersgerecht und umfassend. Sie wissen, was junge Menschen quält, treibt, verunsichert und überzeugen oft durch ihre Souveränität, Offenheit, Wertneutralität und Erfahrung. Ihr Anschauungsmaterial ist wichtig. Der taktile Umgang mit den Objekten unterstützt die reine Theorie durch Anfassen und Ausprobieren und beseitigt Unsicherheiten bei der Anwendung von Tampons, Kondomen und Ähnlichem. 

Und nicht zu vergessen: Sie vermitteln auch, dass Sexualität kein Leistungssport ist. Sie machen den jungen Menschen Mut, sich individuell und in ihrem Tempo der Sexualität zuzuwenden – oder eben noch nicht. Die vorgegaukelten Idealbilder der Medien und Pornografie werden relativiert und als das gezeigt, was sie sind: kommerziell erzeugte Scheinwelten. Es wird aufgeklärt, dass diese eben nicht mit der eigentlichen Sexualität verwechselt werden sollen, die von Empfinden, Zuneigung, Liebe und Verantwortung getragen wird. Ich hätte mir in meiner Jugend solche Aufklärungsarbeit sehr gewünscht. 

Nun bin ich trotzdem keine schwäbische Hausfrau geworden. Daran hat auch der Biolehrer mit dem Putzbesen nichts geändert. Auch wenn seine hygienisch einwandfreie, höchst effektive Darstellung des Gesamtzusammenhangs der pietistischischen Prägung hier im Ländle entsprochen hat. "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen", ist doch die Devise. Angeblich erlebt ein echter Schwabe den Orgasmus befriedigend, wenn er rationell und zweckdienlich ist. Jetzedle. Sodele!

Damit könnte das Thema "Sexualerziehung heute" eigentlich befriedigend erledigt sein. Die Kinder finden selbst bei schlechter Aufklärung irgendwie ihren Weg – wenn da nicht die reaktionären Lautsprecher und autoritären Charaktere unterwegs wären.

Was ist los? Ein neuer Bildungsplan ist los, und seitdem wird sich richtig gesamtgesellschaftlich erregt. Über die Möglichkeit der kindlichen Erregung.

Ja so was: Bei Holzpenissen werden Kinder ohnmächtig

Wer hier lange zuhört, dem schwinden wahrlich die Sinne. Abstruse Ängste werden auf die Straße getragen: Durch entfesselte, komplett enttabuisierte "Sexualpädagogen" kommt es zu Übergriffen auf unschuldige Kinder. Familie und Geschlechtsidentitäten werden abgeschafft und Kindergartenkinder zum Onanieren angeleitet. Wir erfahren, dass sensible Kinder angesichts der Holzpenisse im "Sex-Koffer" ohnmächtig geworden seien. Das staatlich verordnete Sodom und Gomorrha droht in Form des neuen Bildungplans.

Um das alles zu verstehen, ist es vielleicht notwendig zu wissen: Die Hirnforschung lehrt, dass überwiegend "alte Hirnregionen", die schon dem Neandertaler das Überleben erleichterten, aktiv werden, wenn es um Sexualität und Verteidigung des Nachwuchs beim erwachsenen Menschen geht. So überrascht es nicht, wenn viele in das Stadium von Brüllaffen zurückgefallen sind.

Nun sind wir sehr deutsch und zählen, in aller Gründlichkeit, alle möglichen sexuellen Identitäten und Präferenzen auf, keine, noch so kleine Erscheinungsform auslassend. "Wozu soll mein Kind etwas über Lesben, Schwule, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle und Queer-Geschlechtliche erfahren? Wo ist da der Bezug zur kindlichen Realität?", fragen sich entsetzte Eltern, während bei der Ausstrahlung des Grand Prix Eurovision ein nicht sofort geschlechtlich einzuordnendes Wesen mit Vollbart und Abendkleid über die Bühne schwebt und unter europaweiten Sympathiebekundungen auch noch gewinnt.

Mir scheint, es geht inzwischen um mehr als nur um die "Wurst".

Es geht um Homosexualität in der Schule, um Homophobie, um Diskriminierung, um die Sexualerziehung an sich. Es geht um ein drittes Geschlecht in Personaldaten, Ausweisen und Toilettenhäuschen, es geht um verschiedene Menschenbilder, die "richtige" Sicht auf die Gesellschaft, um Rücksichten und Einflüsse von Kirche(n), Lobbyisten, Parteigängern. Letztlich um einen Kulturkampf beziehungsweise um die Rettung des Abendlands.

Schwule, Lesben, Transen – in jeder TV-Soap zu sehen

Und was sagen die, um die es geht? Ich habe junge Menschen gefragt, was sie von der ganzen öffentlichen Erregung halten. Die häufigsten Rektionen: O Mann, wie peinlich! Komisch, dass Erwachsene auf einmal darüber diskutieren, was in der Schule nicht gelernt werden soll. Sonst kann es doch nie genug sein. Wozu die Diskussionen? Schwule, Lesben, Transen – in jeder TV-Soap zu sehen. Wo ist das Problem?

Bienchen und Blümchen: Oh, wie peinlich!
Bienchen und Blümchen: Oh, wie peinlich!

Wenn unsere Kinder schon so entspannt reagieren, warum dann diese Erregung? Möglicherweise deshalb: Kindern werden verschiedenste sexuelle Identitäten vorgestellt, die damit verführend bis frei wählbar sind. Zumindest aus der Sicht der Bildungsplangegner. Der Holzpenis im "Sex-Koffer" könnte das eigene Kind zum Schwulen machen. Auf die Idee muss man(n) erst mal kommen. Projektionen eigener, latenter, verleugneter Vorlieben ? An diesem Punkt würde ich liebend gerne einen "Sex-Koffer" für Erwachsene packen.

Womöglich geht es aber vielen gar nicht darum, junge Menschen zu befähigen, sich in einer multikulturellen Welt zurechtzufinden, mit verschiedenen Lebensweisen und Konzepten, geschlechtlichen und sexuellen Identitäten. Vielmehr haben wir es mit Konflikten in der Erwachsenenwelt zu tun, mit Revierkämpfen zwischen Liberalen und Konservativen. Ein bisschen erinnert mich das an Brechts Geschichte vom Kreidekreis – jeder will unsere Kinder in sein Lager ziehen. Jeder glaubt, das Recht, das richtige gesellschaftliche Konzept zu haben, und alle beanspruchen den Nachwuchs für sich.

Ich bin gespannt, wie der Streit ausgeht. Die Jugendlichen werden ihn ertragen, ziemlich cool voraussichtlich. Und die Erwachsenen können darüber nachdenken, ob mit den Debatten der 70er-Jahre das Thema Sex endgültig geklärt ist? Ob wir Schwaben nun extrem fortschrittlich, ein Land der erotischen Hochkultur, oder doch ein Entwicklungsland in puncto Erotik sind? Ich persönlich glaube lieber an die erotische Kultur.

Die sensationellen Erfolge der Sex-Romane wie "Shades Of Grey" oder "Feuchtgebiete" zeigen doch unsere Sehnsucht nach tabuloser freier Körperlichkeit, nach schamlosem und leidenschaftlichem Sex. Die Bücher werden auch in Baden-Württemberg gekauft, und nicht nur das. Starkes Interesse findet auch die Praxis. Nicht nur traditionell in Swingerclubs, sondern auch experimentell in SM-Studios. Stuttgart und Karlsruhe sind SM-Hochburgen in Deutschland.

Zur Beruhigung der Gemüter möchte ich auf Altbewährtes zurückgreifen. Auf das wunderbare Buch von Thaddäus Troll : "Wo kommet denn dia kloine Kender her?" – A Bilderbuach ieber a hoikels Thema ohne Dromromgschwätz fir Kender ond fir Alte, wo jongblieba send. Das sollte auf jeden Fall noch in den "Sex-Koffer".

Nicole Jahnke, 44, hat Erzieherin gelernt, war bis 1995 Leiterin eines christlichen Kindergartens in Stuttgart, hat danach Psychologie studiert und 1998 das SM-Studio Arachne eröffnet. Dort bildet sie bis heute Frauen zu Dominas aus.


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Kommentare

Roland Riedl, 26.02.2016 19:34
Kontext und Frau Jahnke - ich danke Ihnen für den vorzüglichen Artikel!

Sehr wohl ist Pro Familia und der Koffer ein Segen.
Warum?
Sexualität kann sich zwischen Faszination, Attraktivität, Unheimlichkeit, Neugierde, Sehnsucht und dem Unkrollierbaren bewegen.
Und Sexualität ist in der Tat nicht nur ein Lustspiel oder eine Komödie, sondern hier und da ein Drama oder auch eine Tragödie.
Um mit all den Gefühlen zurecht zu kommen haben wir die Aufklärung, ob mit oder ohne Koffer.

Mitarbeiter von pro familia

Rolf Steiner, 26.02.2016 16:46
Lieber Herr Pirkl, auch ihre Kinder sind vermutlich weiter als Sie selbst. Haben Sie Angst, Ihre Kompetenz und Autorität zu verlieren, wenn die Aufklärung von zeitorientierten PädagogenInnen durchgeführt wird? Wir sind nicht mehr in der Gegenaufklärung, sondern im 21. Jahrhundert.

Andrea, 26.02.2016 10:15
Herr Pirkl,

die Zeiten haben sich geändert. Heute gibt es alles im Internet, selbst Pornos sind für jedermann zugänglich. Natürlich nicht für die Kleinen - aber für die großen Geschwister. Und für die großen Geschwister der Freundinnen und Freunde.

Wenn Sie sich also gefragt haben, woher das Kind die Männlichkeit des Hengstes schon kannte, dann haben Sie die Aufklärung eben diesem Umfeld überlassen.

Als Frau habe ich die Nase gestrichen voll von jungen Männern, die ihr Bild von Frauen und Sexualität aus Pornofilmen haben. Ich möchte, dass junge Menschen ihre eigene Meinung und ihren eigenen Weg entwickeln dürfen. Und dies ist nur durch eine vernünftige Information möglich.
Es ist doch völlig Schizophren wenn Menschen einerseits denken, Kinder würden Homosexuell wenn sie wüssten, dass es das gibt, ihnen aber gleichzeitig ihr eigenes Bild von Familie und Sexualität überhaupt nicht vermitteln, sondern hoffen, dass sie das schon irgendwo erfahren werden.

Wer gibt ihnen die Garantie, dass ihr (fiktiver) Sohn nicht als erstes einen Schwulenporno zu sehen bekommt?

Birgit Bruder, 25.02.2016 20:10
Wo bin ich nur hier gelandet? Dunkeldeutschland regt sich darüber auf, ob in der Schule offen über Sexualität gesprochen werden darf? Unglaublich!

Wie Frau Jahnke schon schreibt: jede mittelmäßige Fernsehsendung bringt inzwischen irgendwo einen Schwulen, Transgender, Transvestiten oder Lesben, etc. unter, das scheint irgendwie der Zeitgeist und gut für die Quote zu sein.

Gleichzeitig sollen diese Menschen, die sich außerhalb des Mainstreams bewegen, in der Schule totgeschwiegen werden? Halten die Gegner des Bildungsplans dann auch ihre Kinder - sogar - vom Vorabendprogramm fern?

Sicher muss man Kindern diese Informationen nicht unbedingt im Sexualkundeunterricht aufdrängen. Pro Familia hat altersgemäße Unterrichtseinheiten, die nur so viele Informationen beinhalten, wie nötig. Damit habe ich bessere Erfahrungen gemacht als mit der Biologielehrerin meines Sohnes.

Rein statistisch dürfte an einer größeren Schule mindestens je ein Schüler pro Jahrgang sich später für einen Lebensstil außerhalb des Mainstreams entscheiden. Würde man mit dem Thema toleranter umgehen, könnten diese Kinder sich schon frühzeitig gemäß ihren speziellen Neigungen und Begabungen entfalten. Und Jungs würden z.B. nicht vor Scham unter dem Gelächter einer Horde von Mädchen aus der ersten Stunde "Rhythmische Sportgymnastik" fliehen.

Warum sollten Menschen, die einfach anders ticken, andere Bedürfnisse haben, tabuisiert werden? Und das sogar nur partiell in der Schule? In welchem Zeitalter leben wir denn?

Rolf Steiner, 25.02.2016 17:19
Bei den Nazis gab's noch den Klapperstorch. Bei der AfD ist es eine Frau v. Storch, die gegen jede Aufklärung ihren spitzen Schnabel öffnet. Und eine Reihe von Mit-Klapperern finden wir auch hier im Stuttarter Großraum. Mir gehen diese Über-Prüden schon längst auf den S... Was erzählen denn diese Komiker ihren Kindern, woher die kleinen Kinder kommen? Das muss man doch mal ernsthaft fragen.

Helmut Pirkl, 25.02.2016 14:02
Hätte ich schon zu Anfang des Artikels gelesen, „Nicole Jahnke, . . . bildet sie bis heute Frauen zu Dominas aus.“ wäre es infolge sofortigen Abbruchs nicht zu diesem Kommentar gekommen. Nachdem ich mir aber diesen Unsinn reingezogen habe, komme ich zu folgender Stellungnahme.

Ich bin Vater von 4 Kindern, Enkeln und hoffentlich werde ich auch noch Urgroßvater. Bei mir ist es ohne fremde Hilfe mit der Kindererziehung so gelaufen, wie bei Milliarden anderen Erziehern von Anbeginn der Menschheit. Das Geschlechtleben hat rein intuitiv seinen natürlichen Lauf genommen ohne wissenschaftliches Verstümmeln und dummes Geschwafel von arroganten Tanten, die meist selbser keine Kinder haben und meinen alles besser zu wissen.

Meine Kinder sind mit Pferden groß geworden. Als die Jüngste gerade gut sprechen konnte, stand sie vor einem Hengst, der in der Nähe eine rossige Stute roch und dabei seine Rute ausfuhr. Daraufhin sagte sie ganz unbefangen zu mir: „Jetzt zeigt er seine Männlichkeit.“ Woher sie das nur wissen konnte fragten wir Umstehenden uns und gingen zur Tagesordnung über.

Woher wissen übrigens alle anderen Lebewesen, die sich nicht mit Worten verständigen können, wie das mit der Fortpflanzung vor sich geht? Die tun es einfach. Genauso war das auch bei mir selber und meinem Nachwuchs. Da gab es keinen studierten Schlaumeier in der Nähe. Wir haben allesamt ein geregeltes Sexualleben und eine normale Fortpflanzung ohne wissenschaftliche Aufklärung. Daher kann ich auch nur allen meinen Mitbürgern davon abraten, ihre Kinder nicht in die Hände solcher Erzieher oder gar Psychologen zu geben. Die wissen zwar wie es geht, aber ob sie es auch alle richtig können, frage ich mich so manches Mal.

"Wozu soll mein Kind etwas über Lesben, Schwule, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle und Queer-Geschlechtliche erfahren? Wo ist da der Bezug zur kindlichen Realität?",

Peter Fackelmann, 25.02.2016 13:03
>kann es sein, dass auch Sie zu den heimlich Verklemmten gehören, statt sich OFFEN für oder gegen die alters-angemessene frühkindliche Sexualaufklärung zu bekennen??

Ferndiagnostiker?
Oder werden Sie immer gleich persönlich?

Offen? Lesen Sie meinen Kommentar zum Artikel "Demo für nicht alle".

Alters-angemessene frühkindliche Sexualaufklärung?
Sehen Sie den Widerspruch?

Rolf Schmid, 24.02.2016 23:46
Hallo Peter Fackelmann,
kann es sein, dass auch Sie zu den heimlich Verklemmten gehören, statt sich OFFEN für oder gegen die alters-angemessene frühkindliche Sexualaufklärung zu bekennen??

Peter Fackelmann, 24.02.2016 21:32
>Starkes Interesse findet auch die Praxis. Nicht nur traditionell in Swingerclubs, sondern auch experimentell in SM-Studios. Stuttgart und Karlsruhe sind SM-Hochburgen in Deutschland.

>und 1998 das SM-Studio Arachne eröffnet. Dort bildet sie bis heute Frauen zu Dominas aus.

Und ich dachte immer, Schleichwerbung sei Pfui.

Rolf Schmid, 24.02.2016 20:47
Ich - inzwischen über 82 Jahre alt - teile uneingeschränkt die Meinung von Frau Jahnke, auch hinsichtlich der zu vermutenden verqueren Wünsche und Veranlagungen der Gegnerschaft von - stufenweiser, alters-gerechter - sexueller AUFKLÄRUNG im Jugendalter, BEVOR "die Strasse" und/oder ältere Verführer bis hin zu Lehrern und Priestern sich der sexuell noch "unschuldigen" Kinder und Jugendlichen gezielt "annehmen" und vielleicht für ihr ganzes weiteres Leben prägen und verderben!
Wer sich gegen eine altersgerechte Sexualerziehung wendet, sollte sich konsequent auch gegen jede "Aufklärung" auf so ziemlich allen anderen Wissensgebieten wenden. Denn nur DAS wäre konsequent - und der Staatsdoktrin besonders zuträglich, die nur mit möglichst dummen, ungebildeten, Menschen funktioniert!

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