KONTEXT Extra:
Mit klassischer Musik gegen Kampfdrohnen

Mit Cello und Bratsche rücken 80 MusikerInnnen vor der US-Kommandozentrale in Stuttgart-Möhringen an. Am kommenden Montag, 29. 8., 10 Uhr, wollen sie dem "Drohnenmord den Schlussakkord" setzen. Sie sammeln sich seit 30 Jahren unter dem Namen "Lebenslaute" und finden sich überall dort ein, wo sie Menschen bedroht sehen: auf Militärübungsplätzen, Abschiebeflughäfen, vor Atomkraftwerken und Raketendepots. Ihr Konzert ist verbunden mit einer Demonstration, bei der die Organisatoren von "Ohne Rüstung Leben" 13 000 Unterschriften an einen Vertreter von Africom und Eucom übergeben wollen. Sie fordern die Schließung der Kommandozentralen. Mit der "stillschweigenden Duldung" von Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) werde hier der Einsatz von tödlichen Kampfdrohnen koordiniert, schreibt das Bündnis. (26. 8.)


Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


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Auf der Couch mit Thaddäus Troll: Domina Nicole Jahnke. Fotos: Joachim E. Röttgers

Auf der Couch mit Thaddäus Troll: Domina Nicole Jahnke. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 256
Gesellschaft

Her mit dem "Sex-Koffer"

Von Gastautorin Nicole "Arachne" Jahnke
Datum: 24.02.2016
Der "Sex-Koffer" ist das Symbol des Bösen. Und wer ihn in der Schule auspackt, verdirbt unsere Kinder. Sagen die Gegner des Bildungsplans, die Mitläufer der "Demo für alle", die am kommenden Sonntag schon wieder durch Stuttgart zieht. Unsere Autorin, ausgewiesene Expertin für Erotik, hält stramm dagegen. Sie will aufgeklärte Kinder und Schluss mit Jetzedle und Sodele.

"Wo kommen die kleinen Kinder her?" Klar, auch in meinem Kindergarten, einem christlichen, in dem ich einst Leiterin war, wurde diese Frage gestellt. Doch wo sollte ich anfangen? Blümchen und Bienen? Gott hat das Baby da reingelegt? Papi hat's im Bierkrug gefunden oder doch die Geschichte mit dem Klapperstorch? Und was wollten die Eltern auf keinen Fall hören?

Panik. Bei uns hat der Biolehrer noch ein Kondom über den Putzbesen gezogen. Wegen der Aids-Gefahr. Und wehe, jemand hat gelacht. In der Ausbildung zur Erzieherin war Sexualkunde kein Thema, und klar war auch, dass ich mich, egal welche Antwort ich geben würde, danach rechtfertigen müsste. Vor den Eltern aus verschiedenen Kulturen,vor Freidenkern, Liberalen, Konservativen, strenggläubigen Muslimen und Christen, der Kirchengemeinde und dem Pfarrer. Heute würde ich ruhig und souverän auftreten. Mit einem "Sex-Koffer". 

Kaka, Pipi, Penis, Vagina! Wer Kinder im Vorschul- und Grundschulalter erheitern will, muss nur ein paar dieser Begriffe sagen und kann strahlende Gesichter und glucksendes Lachen ernten. Kinder spüren sehr früh die Tabuisierung dieser Begriffe, Erwachsene lachen darüber nur im Kabarett.

Jetzedle, wer guckt denn da?
Jetzedle, wer guckt denn da?

Erinnern Sie sich noch an das seltsam peinliche Gespräch, zu dem uns unsere Eltern nötigten? Bei Youtube gibt es ein Video: "Parents explain the Birds and Bees." Mit 10 926 382 Aufrufen. Zu sehen sind Eltern im Aufklärungsgespräch mit ihren Kindern. Sie malen Vaginas auf Schautafeln, kichern und zeigen alle Anzeichen von Nervosität. Sie sehen sich Kindern gegenüber, die mit amüsantem Teilwissen, ungläubig staunenden Augen, skeptischen Blicken zuhören. Mir selbst blieb das "ernste Gespräch" mit meinen Eltern erspart. Sie haben es wohl solange rausgeschoben, bis ich die Antworten selbst gefunden hatte. Das Thema Sex war bei mir daheim tabu.

Pro familia ist ein Segen

Kein Wunder, wenn Kinder nicht mit ihren Eltern darüber reden wollen. Meist nur peinlich. Auch deshalb ist pro familia ein Segen. Ihre Mitarbeiter gehen mit den richtigen Unterrichtsmaterialien – jetzt verschrieen als "Sex-Koffer" – in die Schulen und informieren altersgerecht und umfassend. Sie wissen, was junge Menschen quält, treibt, verunsichert und überzeugen oft durch ihre Souveränität, Offenheit, Wertneutralität und Erfahrung. Ihr Anschauungsmaterial ist wichtig. Der taktile Umgang mit den Objekten unterstützt die reine Theorie durch Anfassen und Ausprobieren und beseitigt Unsicherheiten bei der Anwendung von Tampons, Kondomen und Ähnlichem. 

Und nicht zu vergessen: Sie vermitteln auch, dass Sexualität kein Leistungssport ist. Sie machen den jungen Menschen Mut, sich individuell und in ihrem Tempo der Sexualität zuzuwenden – oder eben noch nicht. Die vorgegaukelten Idealbilder der Medien und Pornografie werden relativiert und als das gezeigt, was sie sind: kommerziell erzeugte Scheinwelten. Es wird aufgeklärt, dass diese eben nicht mit der eigentlichen Sexualität verwechselt werden sollen, die von Empfinden, Zuneigung, Liebe und Verantwortung getragen wird. Ich hätte mir in meiner Jugend solche Aufklärungsarbeit sehr gewünscht. 

Nun bin ich trotzdem keine schwäbische Hausfrau geworden. Daran hat auch der Biolehrer mit dem Putzbesen nichts geändert. Auch wenn seine hygienisch einwandfreie, höchst effektive Darstellung des Gesamtzusammenhangs der pietistischischen Prägung hier im Ländle entsprochen hat. "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen", ist doch die Devise. Angeblich erlebt ein echter Schwabe den Orgasmus befriedigend, wenn er rationell und zweckdienlich ist. Jetzedle. Sodele!

Damit könnte das Thema "Sexualerziehung heute" eigentlich befriedigend erledigt sein. Die Kinder finden selbst bei schlechter Aufklärung irgendwie ihren Weg – wenn da nicht die reaktionären Lautsprecher und autoritären Charaktere unterwegs wären.

Was ist los? Ein neuer Bildungsplan ist los, und seitdem wird sich richtig gesamtgesellschaftlich erregt. Über die Möglichkeit der kindlichen Erregung.

Ja so was: Bei Holzpenissen werden Kinder ohnmächtig

Wer hier lange zuhört, dem schwinden wahrlich die Sinne. Abstruse Ängste werden auf die Straße getragen: Durch entfesselte, komplett enttabuisierte "Sexualpädagogen" kommt es zu Übergriffen auf unschuldige Kinder. Familie und Geschlechtsidentitäten werden abgeschafft und Kindergartenkinder zum Onanieren angeleitet. Wir erfahren, dass sensible Kinder angesichts der Holzpenisse im "Sex-Koffer" ohnmächtig geworden seien. Das staatlich verordnete Sodom und Gomorrha droht in Form des neuen Bildungplans.

Um das alles zu verstehen, ist es vielleicht notwendig zu wissen: Die Hirnforschung lehrt, dass überwiegend "alte Hirnregionen", die schon dem Neandertaler das Überleben erleichterten, aktiv werden, wenn es um Sexualität und Verteidigung des Nachwuchs beim erwachsenen Menschen geht. So überrascht es nicht, wenn viele in das Stadium von Brüllaffen zurückgefallen sind.

Nun sind wir sehr deutsch und zählen, in aller Gründlichkeit, alle möglichen sexuellen Identitäten und Präferenzen auf, keine, noch so kleine Erscheinungsform auslassend. "Wozu soll mein Kind etwas über Lesben, Schwule, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle und Queer-Geschlechtliche erfahren? Wo ist da der Bezug zur kindlichen Realität?", fragen sich entsetzte Eltern, während bei der Ausstrahlung des Grand Prix Eurovision ein nicht sofort geschlechtlich einzuordnendes Wesen mit Vollbart und Abendkleid über die Bühne schwebt und unter europaweiten Sympathiebekundungen auch noch gewinnt.

Mir scheint, es geht inzwischen um mehr als nur um die "Wurst".

Es geht um Homosexualität in der Schule, um Homophobie, um Diskriminierung, um die Sexualerziehung an sich. Es geht um ein drittes Geschlecht in Personaldaten, Ausweisen und Toilettenhäuschen, es geht um verschiedene Menschenbilder, die "richtige" Sicht auf die Gesellschaft, um Rücksichten und Einflüsse von Kirche(n), Lobbyisten, Parteigängern. Letztlich um einen Kulturkampf beziehungsweise um die Rettung des Abendlands.

Schwule, Lesben, Transen – in jeder TV-Soap zu sehen

Und was sagen die, um die es geht? Ich habe junge Menschen gefragt, was sie von der ganzen öffentlichen Erregung halten. Die häufigsten Rektionen: O Mann, wie peinlich! Komisch, dass Erwachsene auf einmal darüber diskutieren, was in der Schule nicht gelernt werden soll. Sonst kann es doch nie genug sein. Wozu die Diskussionen? Schwule, Lesben, Transen – in jeder TV-Soap zu sehen. Wo ist das Problem?

Bienchen und Blümchen: Oh, wie peinlich!
Bienchen und Blümchen: Oh, wie peinlich!

Wenn unsere Kinder schon so entspannt reagieren, warum dann diese Erregung? Möglicherweise deshalb: Kindern werden verschiedenste sexuelle Identitäten vorgestellt, die damit verführend bis frei wählbar sind. Zumindest aus der Sicht der Bildungsplangegner. Der Holzpenis im "Sex-Koffer" könnte das eigene Kind zum Schwulen machen. Auf die Idee muss man(n) erst mal kommen. Projektionen eigener, latenter, verleugneter Vorlieben ? An diesem Punkt würde ich liebend gerne einen "Sex-Koffer" für Erwachsene packen.

Womöglich geht es aber vielen gar nicht darum, junge Menschen zu befähigen, sich in einer multikulturellen Welt zurechtzufinden, mit verschiedenen Lebensweisen und Konzepten, geschlechtlichen und sexuellen Identitäten. Vielmehr haben wir es mit Konflikten in der Erwachsenenwelt zu tun, mit Revierkämpfen zwischen Liberalen und Konservativen. Ein bisschen erinnert mich das an Brechts Geschichte vom Kreidekreis – jeder will unsere Kinder in sein Lager ziehen. Jeder glaubt, das Recht, das richtige gesellschaftliche Konzept zu haben, und alle beanspruchen den Nachwuchs für sich.

Ich bin gespannt, wie der Streit ausgeht. Die Jugendlichen werden ihn ertragen, ziemlich cool voraussichtlich. Und die Erwachsenen können darüber nachdenken, ob mit den Debatten der 70er-Jahre das Thema Sex endgültig geklärt ist? Ob wir Schwaben nun extrem fortschrittlich, ein Land der erotischen Hochkultur, oder doch ein Entwicklungsland in puncto Erotik sind? Ich persönlich glaube lieber an die erotische Kultur.

Die sensationellen Erfolge der Sex-Romane wie "Shades Of Grey" oder "Feuchtgebiete" zeigen doch unsere Sehnsucht nach tabuloser freier Körperlichkeit, nach schamlosem und leidenschaftlichem Sex. Die Bücher werden auch in Baden-Württemberg gekauft, und nicht nur das. Starkes Interesse findet auch die Praxis. Nicht nur traditionell in Swingerclubs, sondern auch experimentell in SM-Studios. Stuttgart und Karlsruhe sind SM-Hochburgen in Deutschland.

Zur Beruhigung der Gemüter möchte ich auf Altbewährtes zurückgreifen. Auf das wunderbare Buch von Thaddäus Troll : "Wo kommet denn dia kloine Kender her?" – A Bilderbuach ieber a hoikels Thema ohne Dromromgschwätz fir Kender ond fir Alte, wo jongblieba send. Das sollte auf jeden Fall noch in den "Sex-Koffer".

Nicole Jahnke, 44, hat Erzieherin gelernt, war bis 1995 Leiterin eines christlichen Kindergartens in Stuttgart, hat danach Psychologie studiert und 1998 das SM-Studio Arachne eröffnet. Dort bildet sie bis heute Frauen zu Dominas aus.


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Kommentare

Roland Riedl, 26.02.2016 19:34
Kontext und Frau Jahnke - ich danke Ihnen für den vorzüglichen Artikel!

Sehr wohl ist Pro Familia und der Koffer ein Segen.
Warum?
Sexualität kann sich zwischen Faszination, Attraktivität, Unheimlichkeit, Neugierde, Sehnsucht und dem Unkrollierbaren bewegen.
Und Sexualität ist in der Tat nicht nur ein Lustspiel oder eine Komödie, sondern hier und da ein Drama oder auch eine Tragödie.
Um mit all den Gefühlen zurecht zu kommen haben wir die Aufklärung, ob mit oder ohne Koffer.

Mitarbeiter von pro familia

Rolf Steiner, 26.02.2016 16:46
Lieber Herr Pirkl, auch ihre Kinder sind vermutlich weiter als Sie selbst. Haben Sie Angst, Ihre Kompetenz und Autorität zu verlieren, wenn die Aufklärung von zeitorientierten PädagogenInnen durchgeführt wird? Wir sind nicht mehr in der Gegenaufklärung, sondern im 21. Jahrhundert.

Andrea, 26.02.2016 10:15
Herr Pirkl,

die Zeiten haben sich geändert. Heute gibt es alles im Internet, selbst Pornos sind für jedermann zugänglich. Natürlich nicht für die Kleinen - aber für die großen Geschwister. Und für die großen Geschwister der Freundinnen und Freunde.

Wenn Sie sich also gefragt haben, woher das Kind die Männlichkeit des Hengstes schon kannte, dann haben Sie die Aufklärung eben diesem Umfeld überlassen.

Als Frau habe ich die Nase gestrichen voll von jungen Männern, die ihr Bild von Frauen und Sexualität aus Pornofilmen haben. Ich möchte, dass junge Menschen ihre eigene Meinung und ihren eigenen Weg entwickeln dürfen. Und dies ist nur durch eine vernünftige Information möglich.
Es ist doch völlig Schizophren wenn Menschen einerseits denken, Kinder würden Homosexuell wenn sie wüssten, dass es das gibt, ihnen aber gleichzeitig ihr eigenes Bild von Familie und Sexualität überhaupt nicht vermitteln, sondern hoffen, dass sie das schon irgendwo erfahren werden.

Wer gibt ihnen die Garantie, dass ihr (fiktiver) Sohn nicht als erstes einen Schwulenporno zu sehen bekommt?

Birgit Bruder, 25.02.2016 20:10
Wo bin ich nur hier gelandet? Dunkeldeutschland regt sich darüber auf, ob in der Schule offen über Sexualität gesprochen werden darf? Unglaublich!

Wie Frau Jahnke schon schreibt: jede mittelmäßige Fernsehsendung bringt inzwischen irgendwo einen Schwulen, Transgender, Transvestiten oder Lesben, etc. unter, das scheint irgendwie der Zeitgeist und gut für die Quote zu sein.

Gleichzeitig sollen diese Menschen, die sich außerhalb des Mainstreams bewegen, in der Schule totgeschwiegen werden? Halten die Gegner des Bildungsplans dann auch ihre Kinder - sogar - vom Vorabendprogramm fern?

Sicher muss man Kindern diese Informationen nicht unbedingt im Sexualkundeunterricht aufdrängen. Pro Familia hat altersgemäße Unterrichtseinheiten, die nur so viele Informationen beinhalten, wie nötig. Damit habe ich bessere Erfahrungen gemacht als mit der Biologielehrerin meines Sohnes.

Rein statistisch dürfte an einer größeren Schule mindestens je ein Schüler pro Jahrgang sich später für einen Lebensstil außerhalb des Mainstreams entscheiden. Würde man mit dem Thema toleranter umgehen, könnten diese Kinder sich schon frühzeitig gemäß ihren speziellen Neigungen und Begabungen entfalten. Und Jungs würden z.B. nicht vor Scham unter dem Gelächter einer Horde von Mädchen aus der ersten Stunde "Rhythmische Sportgymnastik" fliehen.

Warum sollten Menschen, die einfach anders ticken, andere Bedürfnisse haben, tabuisiert werden? Und das sogar nur partiell in der Schule? In welchem Zeitalter leben wir denn?

Rolf Steiner, 25.02.2016 17:19
Bei den Nazis gab's noch den Klapperstorch. Bei der AfD ist es eine Frau v. Storch, die gegen jede Aufklärung ihren spitzen Schnabel öffnet. Und eine Reihe von Mit-Klapperern finden wir auch hier im Stuttarter Großraum. Mir gehen diese Über-Prüden schon längst auf den S... Was erzählen denn diese Komiker ihren Kindern, woher die kleinen Kinder kommen? Das muss man doch mal ernsthaft fragen.

Helmut Pirkl, 25.02.2016 14:02
Hätte ich schon zu Anfang des Artikels gelesen, „Nicole Jahnke, . . . bildet sie bis heute Frauen zu Dominas aus.“ wäre es infolge sofortigen Abbruchs nicht zu diesem Kommentar gekommen. Nachdem ich mir aber diesen Unsinn reingezogen habe, komme ich zu folgender Stellungnahme.

Ich bin Vater von 4 Kindern, Enkeln und hoffentlich werde ich auch noch Urgroßvater. Bei mir ist es ohne fremde Hilfe mit der Kindererziehung so gelaufen, wie bei Milliarden anderen Erziehern von Anbeginn der Menschheit. Das Geschlechtleben hat rein intuitiv seinen natürlichen Lauf genommen ohne wissenschaftliches Verstümmeln und dummes Geschwafel von arroganten Tanten, die meist selbser keine Kinder haben und meinen alles besser zu wissen.

Meine Kinder sind mit Pferden groß geworden. Als die Jüngste gerade gut sprechen konnte, stand sie vor einem Hengst, der in der Nähe eine rossige Stute roch und dabei seine Rute ausfuhr. Daraufhin sagte sie ganz unbefangen zu mir: „Jetzt zeigt er seine Männlichkeit.“ Woher sie das nur wissen konnte fragten wir Umstehenden uns und gingen zur Tagesordnung über.

Woher wissen übrigens alle anderen Lebewesen, die sich nicht mit Worten verständigen können, wie das mit der Fortpflanzung vor sich geht? Die tun es einfach. Genauso war das auch bei mir selber und meinem Nachwuchs. Da gab es keinen studierten Schlaumeier in der Nähe. Wir haben allesamt ein geregeltes Sexualleben und eine normale Fortpflanzung ohne wissenschaftliche Aufklärung. Daher kann ich auch nur allen meinen Mitbürgern davon abraten, ihre Kinder nicht in die Hände solcher Erzieher oder gar Psychologen zu geben. Die wissen zwar wie es geht, aber ob sie es auch alle richtig können, frage ich mich so manches Mal.

"Wozu soll mein Kind etwas über Lesben, Schwule, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle und Queer-Geschlechtliche erfahren? Wo ist da der Bezug zur kindlichen Realität?",

Peter Fackelmann, 25.02.2016 13:03
>kann es sein, dass auch Sie zu den heimlich Verklemmten gehören, statt sich OFFEN für oder gegen die alters-angemessene frühkindliche Sexualaufklärung zu bekennen??

Ferndiagnostiker?
Oder werden Sie immer gleich persönlich?

Offen? Lesen Sie meinen Kommentar zum Artikel "Demo für nicht alle".

Alters-angemessene frühkindliche Sexualaufklärung?
Sehen Sie den Widerspruch?

Rolf Schmid, 24.02.2016 23:46
Hallo Peter Fackelmann,
kann es sein, dass auch Sie zu den heimlich Verklemmten gehören, statt sich OFFEN für oder gegen die alters-angemessene frühkindliche Sexualaufklärung zu bekennen??

Peter Fackelmann, 24.02.2016 21:32
>Starkes Interesse findet auch die Praxis. Nicht nur traditionell in Swingerclubs, sondern auch experimentell in SM-Studios. Stuttgart und Karlsruhe sind SM-Hochburgen in Deutschland.

>und 1998 das SM-Studio Arachne eröffnet. Dort bildet sie bis heute Frauen zu Dominas aus.

Und ich dachte immer, Schleichwerbung sei Pfui.

Rolf Schmid, 24.02.2016 20:47
Ich - inzwischen über 82 Jahre alt - teile uneingeschränkt die Meinung von Frau Jahnke, auch hinsichtlich der zu vermutenden verqueren Wünsche und Veranlagungen der Gegnerschaft von - stufenweiser, alters-gerechter - sexueller AUFKLÄRUNG im Jugendalter, BEVOR "die Strasse" und/oder ältere Verführer bis hin zu Lehrern und Priestern sich der sexuell noch "unschuldigen" Kinder und Jugendlichen gezielt "annehmen" und vielleicht für ihr ganzes weiteres Leben prägen und verderben!
Wer sich gegen eine altersgerechte Sexualerziehung wendet, sollte sich konsequent auch gegen jede "Aufklärung" auf so ziemlich allen anderen Wissensgebieten wenden. Denn nur DAS wäre konsequent - und der Staatsdoktrin besonders zuträglich, die nur mit möglichst dummen, ungebildeten, Menschen funktioniert!

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Ausgabe 282 / Politische Luxusreisen / Alt-Laizer (Loizer), 28.08.2016 14:40
Ich freue mich für Gerlinde Kretschmann, die als Frau des MP von Baden-Württemberg an Reisen teilnehmen darf, die sie privat sicher nie unternommen hätte.

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