KONTEXT Extra:
Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


Bahn muss Stuttgarts Bahnhof nicht offiziell stilllegen

Das Verwaltungsgericht Stuttgart hat mit Urteil vom 09.08.2016 die Klage der Stuttgarter Netz AG als unzulässig abgewiesen. Mit der Klage wollte die Gesellschaft privater Eisenbahnunternehmen verhindern, dass die Deutsche Bahn nach der Fertigstellung des unterirdischen Durchgangsbahnhofs Stuttgart 21 das bestehende Gleisvorfeld des oberirdischen Stuttgarter Kopfbahnhofes abbaut, bevor hierfür ein Stilllegungsverfahren nach dem Allgemeinen Eisenbahngesetz (AEG) durchgeführt wurde. Nach Auffassung des Gerichts handelt es sich bei dem "Umbau des Bahnknotens Stuttgart/Stuttgart 21" um ein ausschließlich planfeststellungspflichtiges Änderungsvorhaben nach dem AEG, für das ein zusätzliches Stilllegungsverfahren nicht erforderlich ist. Zugleich stellte das Gericht aber auch fest, dass der Rückbau des Gleisvorfeldes ohne vorherige Durchführung eines Planfeststellungsverfahrens rechtlich unzulässig sei. Da die Stuttgarter Netz AG in diesem Planfeststellungsverfahren ihre Interessen noch geltend machen und gegebenenfalls auch gerichtlich durchsetzen könne. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Sache hat das Gericht die Berufung zum Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg in Mannheim sowie die Sprungrevision zum Bundesverwaltungsgericht zugelassen.


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Viele Flüchtlinge haben Schreckliches erlebt und kommen traumatisiert in Deutschland an. Fotos: Joachim E. Röttgers

Viele Flüchtlinge haben Schreckliches erlebt und kommen traumatisiert in Deutschland an. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 197
Gesellschaft

Den eigenen Tod überlebt

Von Stefanie Järkel
Datum: 07.01.2015
Bondu aus Sierra Leone ist eine von Tausenden traumatisierten Flüchtlingen in Baden-Württemberg. Die 48-Jährige wurde in ihrer Heimat beschnitten und vergewaltigt. Mithilfe einer psychologischen Beratungsstelle für Flüchtlinge in Stuttgart arbeitet sie ihre Erlebnisse auf. Fünf dieser Zentren gibt es in Baden-Württemberg. Ihre Mitarbeiter fühlen sich von der steigenden Zahl der Flüchtlinge überfordert.

Sie roch das Blut, ihr eigenes Blut. So metallisch. 30 Jahre später, mehr als 6000 Kilometer entfernt in Deutschland roch sie es immer noch. Als wäre sie wieder in Westafrika, in Sierra Leone, als wäre sie wieder 13 Jahre alt, als würde ihre Mutter sie jetzt beschneiden, mit einem Messer die Klitoris entfernen. Ihre Hände gefesselt, die Augen verbunden.

Bondu versuchte mit Parfüms und Cremes, den Blutgeruch zu übertünchen. Aber kein Duft half. Nichts half. Auch nicht gegen die Erinnerung an die spätere Vergewaltigung im Bürgerkrieg und gegen die Schmerzen in den Beinen, dem Kopf, dem Rücken. Die Albträume. Die Stimmen, die sie hörte. Die Flucht nach Deutschland endete für die dunkelhäutige, kräftige Frau nach fünf Jahren in der Psychiatrie in Hirsau. Bondu dachte, sie sei verrückt.

Rund 26 000 Flüchtlinge sind im vergangenen Jahr nach Baden-Württemberg gekommen – fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Davon hat nach Schätzungen der Deutschsprachigen Fachgesellschaft für Psychotraumatologie vermutlich die Hälfte eine posttraumatische Belastungsstörung durch Folter, Kriegserlebnisse und Vertreibung erlitten. Dies geht aus einer Landtagsanfrage der CDU hervor. Im Südwesten erhalten viele dieser Flüchtlinge Hilfe in einem von landesweit fünf psychosozialen Zentren, wie der Psychologischen Beratungsstelle für politisch Verfolgte und Vertriebene der Evangelischen Gesellschaft in Stuttgart. "Die Anzahl der Anmeldungen ist sprunghaft gestiegen", sagt Dieter David, Leiter der Einrichtung. 60 Prozent mehr Anmeldungen als im Vorjahr sind es demnach gewesen, bis Anfang Dezember 226. Vor allem die brutale Kriegsführung des Islamischen Staates in Syrien und dem Irak sowie der Krieg der Hamas in Israel sorgten für immer mehr traumatisierte Flüchtlinge. 

"Sie sagen dir, du wirst eine reine Frau sein", erzählt Bondu.
"Sie sagen dir, du wirst eine reine Frau sein", erzählt Bondu.

Doch wie lässt sich das erlittene Leid dieser Menschen überhaupt verarbeiten, wenn Frauen mehrfach vergewaltigt, wenn Männer gefoltert oder die Liebsten ermordet wurden? Wie lässt sich mit solch seelischen Verletzungen weiterleben?

Bondu sitzt in einem Zimmer der Evangelischen Gesellschaft in Stuttgart. Die 48-Jährige trägt die braun-schwarzen Haare kurz, lila Pulli, grüne Hose, baumelnde Silbersterne als Ohrringe. Seit fast drei Jahren kommt sie zu ihrer Therapeutin Myriam Parisse. Bondu will ihre Geschichte erzählen, aber ihren Nachnamen lieber nicht sagen. Die Afrikanerin stammt aus Kenema, einer östlichen Provinz in Sierra Leone. Ihre Mutter war Beschneiderin der Gemeinde, in der sie mit ihrer Familie lebte. Das einzige Kind, Bondu, musste von klein auf bei der Arbeit dabei sein. Schließlich sollte sie nach dem Tod der Mutter deren Aufgabe übernehmen. Im Sinne der Tradition. Als Bondu 13 Jahre alt war, beschnitt ihre Mutter sie selbst, verstümmelte ihre Scham. "Sie sagen dir, du wirst eine reine Frau sein", erzählt Bondu auf Englisch. "Sauber." Morgens um 5 Uhr begann die Zeremonie, sie wurde gemeinsam mit anderen Mädchen weiß angemalt, trug ein Tuch um die Hüften. Sie wehrte sich heftig bei der Prozedur, bis sich jemand auf ihren Brustkorb setzte und sie ohnmächtig wurde. Ihre Mutter sprach während des gesamten Eingriffs kein Wort. Bondu blutete drei Tage. Fünf Mädchen aus der Gruppe starben. "Sie akzeptieren es als Tradition. Es passiert, dass Mädchen dabei sterben oder nicht", sagt Bondu.

Zu wenig Personal, um den Ansturm zu bewältigen

Den Therapieplatz bei der Evangelischen Gesellschaft in Stuttgart bekam Bondu Anfang 2012 über die Psychiatrie in Hirsau. Das Zentrum ist spezialisiert auf Traumabehandlung. Die 15 Therapeuten sprechen oft mehrere Sprachen und können auf 13 Dolmetscher, unter anderem für Arabisch, Farsi und Urdu, zurückgreifen. Das Angebot wird finanziell vor allem getragen von der evangelischen Kirche, dem Land Baden-Württemberg und über Projekte der Europäischen Union. Für die Kosten der Psychotherapien von Asylbewerbern müssen eigentlich die Landkreise aufkommen. Doch die Kreise wollen nicht immer zahlen. Dann muss die Einrichtung beispielsweise auf Geld aus Brüssel zurückgreifen. Dies ist auch der Fall, wenn ein Flüchtling geduldet wird oder eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt. Die Krankenkassen zahlen manchmal für die Behandlung in dem Zentrum und manchmal nicht. Von dem Fördergeld der Europäischen Union werden zudem Zusatzangebote finanziert, wie Kunst- und Kochgruppen.

Das Land hat die finanzielle Unterstützung der Einrichtung zum Jahreswechsel von 65 000 Euro auf 100 000 Euro erhöht. Doch Leiter David sagt: "Das ist schlichtweg zu wenig." Drei Vollzeittherapeuten müsste er zusätzlich anstellen, um den Ansturm zu bewältigen. Rund 240 000 Euro würde das im Jahr kosten. Außerdem seien Traumatherapeuten nicht leicht zu finden, die auch noch bereitwillig mit Dolmetschern arbeiten und zusätzlich Gutachten für Asylverfahren schreiben.

Dieter David, Leiter der Traumastation.
Dieter David, Leiter der Traumastation.

Mittlerweile ist die Wartezeit für einen Therapieplatz von vier auf bis zu zehn Monate angestiegen. Auch andere psychosoziale Zentren hatten bereits im Oktober über eine massive Überlastung geklagt. Dabei sollen sich die Einrichtungen künftig auch um die Frauen kümmern, die mit dem von der Landesregierung geplanten Sonderkontingent für bis zu tausend traumatisierte Frauen aus Syrien und dem Nordirak kommen. Zudem hat nicht nur die Zahl der traumatisierten Flüchtlinge zugenommen, wie David sagt. Auch das Ausmaß der Traumatisierung steige. Die Menschen kämen mit posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen, Wahnvorstellungen, Verfolgungsängsten und Selbstmordgedanken.

Allein im Jahr 2014 hätten drei Flüchtlinge als eine Art Hilfeschrei Tabletten geschluckt und hätten sich dann an ihren Therapeuten gewandt, um sich entgiften zu lassen. Neu sei unter anderem, dass Flüchtlinge auch durch die Überfahrt traumatisiert seien. "Nicht wenige erzählen, dass sie kein Wasser bekommen haben, Angst hatten zu verdursten", sagt David. Trauma bedeute: "Ich habe meinen eigenen Tod überlebt", wenn ein Mensch Todesangst ausgestanden habe. Neu sei auch, dass die Therapeuten der Beratungsstelle zur Krisenintervention in Flüchtlingswohnheime gerufen würden. Zwei Mal hätten sie syrische Männer in einer Sammelunterkunft beruhigen müssen.

"Ich möchte alles vergessen"

Bondu kam am Anfang alle zwei Wochen zu einer Sitzung mit Myriam Parisse, dann jede Woche. Sie zog um nach Stuttgart. "Sie glaubte, sie sei verrückt, weil sie Stimmen gehört hat", erzählt Parisse. Aber die Symptome seien keine Psychose gewesen, sondern Flashbacks. Bondu leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Sie sei eine "extreme Patientin", sagt Parisse. Als Bondu kam, durfte sie kein Mann anfassen. Sie hielt es schlicht nicht aus. Regelmäßig saß sie wie weggetreten in der Therapie, befand sich gedanklich irgendwo in ihrer Vergangenheit. "Das Erste, was sie zu mir sagte, ist: Ich möchte alles vergessen", sagt Parisse. Aber: "Das geht nicht." Das realistische Ziel der Therapie sei dagegen, "darüber zu reden, ohne körperliche Reaktionen, ohne Symptome zu haben".

Ein Jahr dauerte es, bis Bondu von ihrer Beschneidung erzählen konnte. Als Kind habe man ihr verboten, jemals über diese Tradition zu sprechen. "Wenn du das sagst, musst du sterben." Sie hat es geglaubt.

Ob sie es nach der Beschneidung gehasst hat, weiter bei ihrer Mutter zu leben? "Ja", sagt Bondu heute. Sie blieb bei ihr, bekam zwei Kinder von einem Mann, mit dem sie nicht zusammenlebte. Sie arbeitete als Friseurin. Als Bondu Anfang 20 war, begann der Bürgerkrieg in Sierra Leone. Revolutionäre kämpften gegen die wechselnden Regierungen des Landes.

Therapeutin Myriam Parisse.
Therapeutin Myriam Parisse.

Es ging vor allem um die Diamantvorkommen des Landes. Der Krieg dauerte mehr als zehn Jahre. "Es war zu viel", sagt Bondu. "Wir wurden vergewaltigt." Sie stoppt. Parisse sagt: "Erzähl nur, was du erzählen möchtest." Bondu nickt, die Augen füllen sich mit Tränen. Parisse gibt ihr ein Taschentuch. Bondu zerknüllt es in ihrer Hand. Sie schweigt.

2007 starb Bondus Mutter. Ihre Tochter sollte ihre Aufgabe als Beschneiderin übernehmen – und floh. "Ich will nicht", habe sie gesagt. Bondu ging mit ihrem Sohn und ihrer Tochter zu einer Freundin. Die hatte damals einen "weißen Freund", der sie nach Gambia fuhr. Sie, die noch nie ihr Land verlassen hatte, die noch nie geflogen war. Mit einer Plastiktüte verließ sie ihr altes Leben. Ihre Kinder blieben bei ihrer Freundin. "Es war ein Albtraum." Sie hatte Angst vor dem Fliegen, umklammerte die Sitzlehnen. In Deutschland landete sie in Frankfurt. Der Freund war plötzlich weg und mit ihm ihr Pass. "Schleuser", sagt Parisse. Bondu fragte sich durch, jemand bezahlte ihr ein Ticket nach Karlsruhe.

Feuerwerk bereitete körperliche und seelische Schmerzen

Sie kam in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge an, wurde nach Calw weitergeleitet. Dort sollte sie während der Bearbeitung ihres Asylantrags leben und warten. Doch gleich nach ihrer Ankunft in Deutschland hielt sie nachts ein Feuerwerk wach. Das Knallen. Kleine Explosionen. Der Klang des Krieges. "Ich wollte unter das Bett kriechen. Alles kam zurück." Die Albträume, Flashbacks und Schmerzen begannen. Der Geruch des Blutes kam. Immer wenn sie ein Messer sah oder Blut, war sie wie paralysiert. Jedes Mal, wenn sie ihre Tage hatte. Sie konnte sich nicht mehr konzentrieren. Sie ging zum Arzt, ins Krankenhaus nach Bad Wildbad. Die Mediziner checkten sie durch, schrieben ihr Medikamente auf, nichts half. Irgendwann kam sie in die Psychiatrie nach Hirsau.

Myriam Parisse, die seit 2005 bei der Evangelischen Gesellschaft arbeitet, ist Diplompsychologin und Traumaspezialistin. Die 46-Jährige therapiert oft Flüchtlinge aus Afrika und Afghanistan, weil sie fließend Englisch spricht. Die meisten Patienten erhalten zusätzlich Medikamente, die ein Psychiater verschreibt. Bei der Hälfte arbeitet Parisse mit Dolmetschern zusammen, die von der Evangelischen Gesellschaft ausgebildet werden. Dann planen die Therapeuten mindestens 90 statt 60 Minuten für eine Sitzung ein.

Ein Jahr arbeitete Parisse mit Bondu, bis diese von ihrer Beschneidung erzählen konnte. Als die Afrikanerin zu ihr kam, habe sie auch über Selbstmord nachgedacht, sagt Parisse. Doch nach einigen Monaten habe sie Vertrauen zu ihrer Therapeutin entwickelt, durch Kochkurse und Tanzkurse neue Kontakte im Zentrum geknüpft. "Bondu hat hier ihre Familie gefunden."

Ein Jahr Therapie hat Bondu gebraucht, bis sie von ihren traumatisierenden Erlebnissen erzählen konnte.
Ein Jahr Therapie hat Bondu gebraucht, bis sie von ihren traumatisierenden Erlebnissen erzählen konnte.

Irgendwann sagte die Therapeutin zu ihr: "Du hast ein Leben vor dir. Das ist nicht das Ende. Zerstöre es nicht." Und Bondu fing an zu erzählen, erst ein bisschen, dann ein bisschen mehr. Wenn sie in der Sitzung wegdriftete, holte Parisse sie wieder zurück. Sie brachte ihr bei, sich selbst wieder in die Gegenwart zu bringen. Mit einem Fingerschnipsen. Bondu schnipst und lacht. Parisse hat ihr einen Stein geschenkt. Wenn Bondu jetzt nachts aufwacht, weil sie Albträume hat, setzt sie sich im Bett auf, stellt die Füße auf den Boden, macht sich bewusst, dass sie in Deutschland in Sicherheit ist, nimmt den Stein in die Hand und fühlt die Gegenwart.

Heute sagt Bondu, es gehe ihr "gut". Die Schmerzen sind schwächer geworden, die Träume weniger intensiv. Ihre Therapeutin bezeichnet Bondu als "sehr stabil". Die Afrikanerin lebt mittlerweile in Stuttgart-Stammheim und sucht eine Wohnung. Sie arbeitet als Reinigungskraft. Aufgrund ihrer psychischen Erkrankung hat sie mittlerweile eine Aufenthaltsgenehmigung. Mit ihrer Anwältin bemüht sie sich darum, dauerhaft in Deutschland bleiben zu können. Sie hat einen Deutschkurs besucht und will ihre Kinder zu sich holen. Parisse will die Therapie im Mai beenden. Bondu würde lieber noch weitermachen. Sicher ist sicher.


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Kommentare

zara, 09.01.2015 10:23
Hier geht es doch gar nicht um das Thema Islam, Religion, Pegida usw.. Es geht in diesem Artikel um die Arbeit der Traumatherapie der PBV und anderen Beratungsstellen, die sich um traumatisierte Flüchtlinge kümmern. Diese Arbeit ist hochnotwendig und schon immer viel zu schlecht finanziert. Dies deutlich zu machen ist Zweck des Berichts von Kontext.

Peter Schey, 07.01.2015 10:29
"Der Islam" - wer ist das ? Oder andersrum gefragt: "Die christliche Kirche" - wie lebt man im "Abendland ? Hätten Sie zum Beispiel noch vor 20 oder 30 Jahren in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft oder gar mit einem unehelichen Kind hier leben wollen (oder können) ?
Oder was sagen Sie zu dem Kölner Kardinal, der Montag das Licht im Dom ausschaltete - wäre das noch unter seinem Vorgänger passiert ?

Es gibt leider viel zu viele Extremisten auf der Welt - in jeder Denkrichtung.

Malvoisine, 07.01.2015 01:34
Was mich angesichts dieser Ausgabe wirklich fassungslos macht ist, dass man in diesem Artikel das vom Islam verursachte Elend beschreibt - die beschnittene und traumatisierte Frau, die Menschen, die im Bürgerkrieg vor islamischen Extremisten flüchten - und dann parallel PEGIDA in mehreren Artikeln angreift, als wäre Angst und Ablehnung dem Islam gegenüber geradezu absurd und per se fremdenfeindlich.

Zur Frauenbeschneidung im Islam - was im Artikel leider überhaupt nicht erwähnt wird:

"Alle vier sunnitischen Rechtsschulen (Madhhab) befürworten die Beschneidung von Frauen. Die Schafiiten erklären sie explizit zur religiösen Pflicht.[130] In den Ländern des Nahen Ostens und Ostafrikas, in denen die schafiitische Rechtsschule dominiert, ist die Beschneidung deshalb auch allgemein verbreitet. Auch einer überlieferten hanbalitischen Position zufolge ist die Beschneidung bei Frauen religiöse Pflicht. Für die Malikiten ist die Beschneidung Prophetentradition (sunna) und damit empfehlenswert, für die Hanafiten wie auch für manche Hanbaliten ist sie ehrenhaft (makruma).[131]"

Quelle: Wikipedia

Natürlich muss man grundsätzlich unterscheiden - es ist selbstverständlich falsch, Muslime abzulehnen, die Menschen sind zu respektieren.

Etwas ganz anderes ist es, die totalitäre und menschenfeindliche Ideologie abzulehnen, die der Islam eben grundsätzlich leider darstellt - wer es nicht glaubt, sollte vielleicht selbst einmal einen Blick in den Koran werfen.

Eine Diskussion über den Islam unter dem Blickwinkel auf unsere gesellschaftlichen Grundwerte ist durchaus angezeigt!

Ich bin sehr enttäuscht vom Kontext, ich hätte hier differenziertere Berichterstattung erwartet und dass der Redaktion ein derartig offensichtlicher Konflikt zwischen dem Inhalt verschiedener Artikel zumindest auffällt.

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