KONTEXT Extra:
Fahrverbote beschlossen – Nordost-Ring vom Tisch

Wie ein Gespenst geisterte seit Wochen ein vor fast 40 Jahren beerdigtes Verkehrsprojekt durch die Debatte um Feinstaubalarmtage und Fahrverbote in der Landeshauptstadt: der Nordost-Ring. Jetzt hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) allen Spekulationen eine Absage erteilt. Auch deswegen, weil die Baumaßnahme entgegen den Behauptungen von Teilen der CDU keineswegs bereits im Bundesverkehrswegeplan steht. "Dort geht es um neun Kilometer der B 29", so Hermann nach dem heutigen Kabinettsbeschluss zu Fahrverboten ab 1.1.2018 an Feinstaubtagen, den schlussendlich auch die CDU-Landtagsfraktion mittrug.

Prompt gab es Lob von Umwelt- und Naturschützern. Hermann habe erkannt, so die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, "wenn nicht zeitnah effiziente Maßnahmen greifen, so werden die Gerichte die Entscheidungen zum Schutze der Bürger*innen treffen und die Politik das Heft aus der Hand geben müssen". Die Stuttgarter CDU ist noch nicht ganz so weit. Für den Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann sind Fahrverbote weiterhin "politisch klar abzulehnen". Und er träumt von Nordost-Ring: Jetzt gelte es "endlich neue Verkehrsprojekte wie den Nord-Ost-Ring auf den Weg zu bringen". Hermann machte dagegen deutlich, dass das nach dem eben erst in Kraft gesetzten Bundesverkehrswegeplan gar nicht möglich ist. 

In den Sechzigern und Siebzigern waren zwei Varianten durchdacht worden: eine größere mit einem Autobahnzubringer bei Mundelsheim und eine kleinere etwa auf der Gemarkungsgrenze zwischen Waiblingen und Fellbach. Schon damals vertraten Verkehrswissenschaftler allerdings die Ansicht, dass ein Ringschluss rund um Stuttgaart weniger die Stadt, sondern die Autobahnen im Westen und Süden entlasten würde.


Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kir¬che ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


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Viele Flüchtlinge haben Schreckliches erlebt und kommen traumatisiert in Deutschland an. Fotos: Joachim E. Röttgers

Viele Flüchtlinge haben Schreckliches erlebt und kommen traumatisiert in Deutschland an. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 197
Gesellschaft

Den eigenen Tod überlebt

Von Stefanie Järkel
Datum: 07.01.2015
Bondu aus Sierra Leone ist eine von Tausenden traumatisierten Flüchtlingen in Baden-Württemberg. Die 48-Jährige wurde in ihrer Heimat beschnitten und vergewaltigt. Mithilfe einer psychologischen Beratungsstelle für Flüchtlinge in Stuttgart arbeitet sie ihre Erlebnisse auf. Fünf dieser Zentren gibt es in Baden-Württemberg. Ihre Mitarbeiter fühlen sich von der steigenden Zahl der Flüchtlinge überfordert.

Sie roch das Blut, ihr eigenes Blut. So metallisch. 30 Jahre später, mehr als 6000 Kilometer entfernt in Deutschland roch sie es immer noch. Als wäre sie wieder in Westafrika, in Sierra Leone, als wäre sie wieder 13 Jahre alt, als würde ihre Mutter sie jetzt beschneiden, mit einem Messer die Klitoris entfernen. Ihre Hände gefesselt, die Augen verbunden.

Bondu versuchte mit Parfüms und Cremes, den Blutgeruch zu übertünchen. Aber kein Duft half. Nichts half. Auch nicht gegen die Erinnerung an die spätere Vergewaltigung im Bürgerkrieg und gegen die Schmerzen in den Beinen, dem Kopf, dem Rücken. Die Albträume. Die Stimmen, die sie hörte. Die Flucht nach Deutschland endete für die dunkelhäutige, kräftige Frau nach fünf Jahren in der Psychiatrie in Hirsau. Bondu dachte, sie sei verrückt.

Rund 26 000 Flüchtlinge sind im vergangenen Jahr nach Baden-Württemberg gekommen – fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Davon hat nach Schätzungen der Deutschsprachigen Fachgesellschaft für Psychotraumatologie vermutlich die Hälfte eine posttraumatische Belastungsstörung durch Folter, Kriegserlebnisse und Vertreibung erlitten. Dies geht aus einer Landtagsanfrage der CDU hervor. Im Südwesten erhalten viele dieser Flüchtlinge Hilfe in einem von landesweit fünf psychosozialen Zentren, wie der Psychologischen Beratungsstelle für politisch Verfolgte und Vertriebene der Evangelischen Gesellschaft in Stuttgart. "Die Anzahl der Anmeldungen ist sprunghaft gestiegen", sagt Dieter David, Leiter der Einrichtung. 60 Prozent mehr Anmeldungen als im Vorjahr sind es demnach gewesen, bis Anfang Dezember 226. Vor allem die brutale Kriegsführung des Islamischen Staates in Syrien und dem Irak sowie der Krieg der Hamas in Israel sorgten für immer mehr traumatisierte Flüchtlinge. 

"Sie sagen dir, du wirst eine reine Frau sein", erzählt Bondu.
"Sie sagen dir, du wirst eine reine Frau sein", erzählt Bondu.

Doch wie lässt sich das erlittene Leid dieser Menschen überhaupt verarbeiten, wenn Frauen mehrfach vergewaltigt, wenn Männer gefoltert oder die Liebsten ermordet wurden? Wie lässt sich mit solch seelischen Verletzungen weiterleben?

Bondu sitzt in einem Zimmer der Evangelischen Gesellschaft in Stuttgart. Die 48-Jährige trägt die braun-schwarzen Haare kurz, lila Pulli, grüne Hose, baumelnde Silbersterne als Ohrringe. Seit fast drei Jahren kommt sie zu ihrer Therapeutin Myriam Parisse. Bondu will ihre Geschichte erzählen, aber ihren Nachnamen lieber nicht sagen. Die Afrikanerin stammt aus Kenema, einer östlichen Provinz in Sierra Leone. Ihre Mutter war Beschneiderin der Gemeinde, in der sie mit ihrer Familie lebte. Das einzige Kind, Bondu, musste von klein auf bei der Arbeit dabei sein. Schließlich sollte sie nach dem Tod der Mutter deren Aufgabe übernehmen. Im Sinne der Tradition. Als Bondu 13 Jahre alt war, beschnitt ihre Mutter sie selbst, verstümmelte ihre Scham. "Sie sagen dir, du wirst eine reine Frau sein", erzählt Bondu auf Englisch. "Sauber." Morgens um 5 Uhr begann die Zeremonie, sie wurde gemeinsam mit anderen Mädchen weiß angemalt, trug ein Tuch um die Hüften. Sie wehrte sich heftig bei der Prozedur, bis sich jemand auf ihren Brustkorb setzte und sie ohnmächtig wurde. Ihre Mutter sprach während des gesamten Eingriffs kein Wort. Bondu blutete drei Tage. Fünf Mädchen aus der Gruppe starben. "Sie akzeptieren es als Tradition. Es passiert, dass Mädchen dabei sterben oder nicht", sagt Bondu.

Zu wenig Personal, um den Ansturm zu bewältigen

Den Therapieplatz bei der Evangelischen Gesellschaft in Stuttgart bekam Bondu Anfang 2012 über die Psychiatrie in Hirsau. Das Zentrum ist spezialisiert auf Traumabehandlung. Die 15 Therapeuten sprechen oft mehrere Sprachen und können auf 13 Dolmetscher, unter anderem für Arabisch, Farsi und Urdu, zurückgreifen. Das Angebot wird finanziell vor allem getragen von der evangelischen Kirche, dem Land Baden-Württemberg und über Projekte der Europäischen Union. Für die Kosten der Psychotherapien von Asylbewerbern müssen eigentlich die Landkreise aufkommen. Doch die Kreise wollen nicht immer zahlen. Dann muss die Einrichtung beispielsweise auf Geld aus Brüssel zurückgreifen. Dies ist auch der Fall, wenn ein Flüchtling geduldet wird oder eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt. Die Krankenkassen zahlen manchmal für die Behandlung in dem Zentrum und manchmal nicht. Von dem Fördergeld der Europäischen Union werden zudem Zusatzangebote finanziert, wie Kunst- und Kochgruppen.

Das Land hat die finanzielle Unterstützung der Einrichtung zum Jahreswechsel von 65 000 Euro auf 100 000 Euro erhöht. Doch Leiter David sagt: "Das ist schlichtweg zu wenig." Drei Vollzeittherapeuten müsste er zusätzlich anstellen, um den Ansturm zu bewältigen. Rund 240 000 Euro würde das im Jahr kosten. Außerdem seien Traumatherapeuten nicht leicht zu finden, die auch noch bereitwillig mit Dolmetschern arbeiten und zusätzlich Gutachten für Asylverfahren schreiben.

Dieter David, Leiter der Traumastation.
Dieter David, Leiter der Traumastation.

Mittlerweile ist die Wartezeit für einen Therapieplatz von vier auf bis zu zehn Monate angestiegen. Auch andere psychosoziale Zentren hatten bereits im Oktober über eine massive Überlastung geklagt. Dabei sollen sich die Einrichtungen künftig auch um die Frauen kümmern, die mit dem von der Landesregierung geplanten Sonderkontingent für bis zu tausend traumatisierte Frauen aus Syrien und dem Nordirak kommen. Zudem hat nicht nur die Zahl der traumatisierten Flüchtlinge zugenommen, wie David sagt. Auch das Ausmaß der Traumatisierung steige. Die Menschen kämen mit posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen, Wahnvorstellungen, Verfolgungsängsten und Selbstmordgedanken.

Allein im Jahr 2014 hätten drei Flüchtlinge als eine Art Hilfeschrei Tabletten geschluckt und hätten sich dann an ihren Therapeuten gewandt, um sich entgiften zu lassen. Neu sei unter anderem, dass Flüchtlinge auch durch die Überfahrt traumatisiert seien. "Nicht wenige erzählen, dass sie kein Wasser bekommen haben, Angst hatten zu verdursten", sagt David. Trauma bedeute: "Ich habe meinen eigenen Tod überlebt", wenn ein Mensch Todesangst ausgestanden habe. Neu sei auch, dass die Therapeuten der Beratungsstelle zur Krisenintervention in Flüchtlingswohnheime gerufen würden. Zwei Mal hätten sie syrische Männer in einer Sammelunterkunft beruhigen müssen.

"Ich möchte alles vergessen"

Bondu kam am Anfang alle zwei Wochen zu einer Sitzung mit Myriam Parisse, dann jede Woche. Sie zog um nach Stuttgart. "Sie glaubte, sie sei verrückt, weil sie Stimmen gehört hat", erzählt Parisse. Aber die Symptome seien keine Psychose gewesen, sondern Flashbacks. Bondu leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Sie sei eine "extreme Patientin", sagt Parisse. Als Bondu kam, durfte sie kein Mann anfassen. Sie hielt es schlicht nicht aus. Regelmäßig saß sie wie weggetreten in der Therapie, befand sich gedanklich irgendwo in ihrer Vergangenheit. "Das Erste, was sie zu mir sagte, ist: Ich möchte alles vergessen", sagt Parisse. Aber: "Das geht nicht." Das realistische Ziel der Therapie sei dagegen, "darüber zu reden, ohne körperliche Reaktionen, ohne Symptome zu haben".

Ein Jahr dauerte es, bis Bondu von ihrer Beschneidung erzählen konnte. Als Kind habe man ihr verboten, jemals über diese Tradition zu sprechen. "Wenn du das sagst, musst du sterben." Sie hat es geglaubt.

Ob sie es nach der Beschneidung gehasst hat, weiter bei ihrer Mutter zu leben? "Ja", sagt Bondu heute. Sie blieb bei ihr, bekam zwei Kinder von einem Mann, mit dem sie nicht zusammenlebte. Sie arbeitete als Friseurin. Als Bondu Anfang 20 war, begann der Bürgerkrieg in Sierra Leone. Revolutionäre kämpften gegen die wechselnden Regierungen des Landes.

Therapeutin Myriam Parisse.
Therapeutin Myriam Parisse.

Es ging vor allem um die Diamantvorkommen des Landes. Der Krieg dauerte mehr als zehn Jahre. "Es war zu viel", sagt Bondu. "Wir wurden vergewaltigt." Sie stoppt. Parisse sagt: "Erzähl nur, was du erzählen möchtest." Bondu nickt, die Augen füllen sich mit Tränen. Parisse gibt ihr ein Taschentuch. Bondu zerknüllt es in ihrer Hand. Sie schweigt.

2007 starb Bondus Mutter. Ihre Tochter sollte ihre Aufgabe als Beschneiderin übernehmen – und floh. "Ich will nicht", habe sie gesagt. Bondu ging mit ihrem Sohn und ihrer Tochter zu einer Freundin. Die hatte damals einen "weißen Freund", der sie nach Gambia fuhr. Sie, die noch nie ihr Land verlassen hatte, die noch nie geflogen war. Mit einer Plastiktüte verließ sie ihr altes Leben. Ihre Kinder blieben bei ihrer Freundin. "Es war ein Albtraum." Sie hatte Angst vor dem Fliegen, umklammerte die Sitzlehnen. In Deutschland landete sie in Frankfurt. Der Freund war plötzlich weg und mit ihm ihr Pass. "Schleuser", sagt Parisse. Bondu fragte sich durch, jemand bezahlte ihr ein Ticket nach Karlsruhe.

Feuerwerk bereitete körperliche und seelische Schmerzen

Sie kam in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge an, wurde nach Calw weitergeleitet. Dort sollte sie während der Bearbeitung ihres Asylantrags leben und warten. Doch gleich nach ihrer Ankunft in Deutschland hielt sie nachts ein Feuerwerk wach. Das Knallen. Kleine Explosionen. Der Klang des Krieges. "Ich wollte unter das Bett kriechen. Alles kam zurück." Die Albträume, Flashbacks und Schmerzen begannen. Der Geruch des Blutes kam. Immer wenn sie ein Messer sah oder Blut, war sie wie paralysiert. Jedes Mal, wenn sie ihre Tage hatte. Sie konnte sich nicht mehr konzentrieren. Sie ging zum Arzt, ins Krankenhaus nach Bad Wildbad. Die Mediziner checkten sie durch, schrieben ihr Medikamente auf, nichts half. Irgendwann kam sie in die Psychiatrie nach Hirsau.

Myriam Parisse, die seit 2005 bei der Evangelischen Gesellschaft arbeitet, ist Diplompsychologin und Traumaspezialistin. Die 46-Jährige therapiert oft Flüchtlinge aus Afrika und Afghanistan, weil sie fließend Englisch spricht. Die meisten Patienten erhalten zusätzlich Medikamente, die ein Psychiater verschreibt. Bei der Hälfte arbeitet Parisse mit Dolmetschern zusammen, die von der Evangelischen Gesellschaft ausgebildet werden. Dann planen die Therapeuten mindestens 90 statt 60 Minuten für eine Sitzung ein.

Ein Jahr arbeitete Parisse mit Bondu, bis diese von ihrer Beschneidung erzählen konnte. Als die Afrikanerin zu ihr kam, habe sie auch über Selbstmord nachgedacht, sagt Parisse. Doch nach einigen Monaten habe sie Vertrauen zu ihrer Therapeutin entwickelt, durch Kochkurse und Tanzkurse neue Kontakte im Zentrum geknüpft. "Bondu hat hier ihre Familie gefunden."

Ein Jahr Therapie hat Bondu gebraucht, bis sie von ihren traumatisierenden Erlebnissen erzählen konnte.
Ein Jahr Therapie hat Bondu gebraucht, bis sie von ihren traumatisierenden Erlebnissen erzählen konnte.

Irgendwann sagte die Therapeutin zu ihr: "Du hast ein Leben vor dir. Das ist nicht das Ende. Zerstöre es nicht." Und Bondu fing an zu erzählen, erst ein bisschen, dann ein bisschen mehr. Wenn sie in der Sitzung wegdriftete, holte Parisse sie wieder zurück. Sie brachte ihr bei, sich selbst wieder in die Gegenwart zu bringen. Mit einem Fingerschnipsen. Bondu schnipst und lacht. Parisse hat ihr einen Stein geschenkt. Wenn Bondu jetzt nachts aufwacht, weil sie Albträume hat, setzt sie sich im Bett auf, stellt die Füße auf den Boden, macht sich bewusst, dass sie in Deutschland in Sicherheit ist, nimmt den Stein in die Hand und fühlt die Gegenwart.

Heute sagt Bondu, es gehe ihr "gut". Die Schmerzen sind schwächer geworden, die Träume weniger intensiv. Ihre Therapeutin bezeichnet Bondu als "sehr stabil". Die Afrikanerin lebt mittlerweile in Stuttgart-Stammheim und sucht eine Wohnung. Sie arbeitet als Reinigungskraft. Aufgrund ihrer psychischen Erkrankung hat sie mittlerweile eine Aufenthaltsgenehmigung. Mit ihrer Anwältin bemüht sie sich darum, dauerhaft in Deutschland bleiben zu können. Sie hat einen Deutschkurs besucht und will ihre Kinder zu sich holen. Parisse will die Therapie im Mai beenden. Bondu würde lieber noch weitermachen. Sicher ist sicher.


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Kommentare

zara, 09.01.2015 10:23
Hier geht es doch gar nicht um das Thema Islam, Religion, Pegida usw.. Es geht in diesem Artikel um die Arbeit der Traumatherapie der PBV und anderen Beratungsstellen, die sich um traumatisierte Flüchtlinge kümmern. Diese Arbeit ist hochnotwendig und schon immer viel zu schlecht finanziert. Dies deutlich zu machen ist Zweck des Berichts von Kontext.

Peter Schey, 07.01.2015 10:29
"Der Islam" - wer ist das ? Oder andersrum gefragt: "Die christliche Kirche" - wie lebt man im "Abendland ? Hätten Sie zum Beispiel noch vor 20 oder 30 Jahren in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft oder gar mit einem unehelichen Kind hier leben wollen (oder können) ?
Oder was sagen Sie zu dem Kölner Kardinal, der Montag das Licht im Dom ausschaltete - wäre das noch unter seinem Vorgänger passiert ?

Es gibt leider viel zu viele Extremisten auf der Welt - in jeder Denkrichtung.

Malvoisine, 07.01.2015 01:34
Was mich angesichts dieser Ausgabe wirklich fassungslos macht ist, dass man in diesem Artikel das vom Islam verursachte Elend beschreibt - die beschnittene und traumatisierte Frau, die Menschen, die im Bürgerkrieg vor islamischen Extremisten flüchten - und dann parallel PEGIDA in mehreren Artikeln angreift, als wäre Angst und Ablehnung dem Islam gegenüber geradezu absurd und per se fremdenfeindlich.

Zur Frauenbeschneidung im Islam - was im Artikel leider überhaupt nicht erwähnt wird:

"Alle vier sunnitischen Rechtsschulen (Madhhab) befürworten die Beschneidung von Frauen. Die Schafiiten erklären sie explizit zur religiösen Pflicht.[130] In den Ländern des Nahen Ostens und Ostafrikas, in denen die schafiitische Rechtsschule dominiert, ist die Beschneidung deshalb auch allgemein verbreitet. Auch einer überlieferten hanbalitischen Position zufolge ist die Beschneidung bei Frauen religiöse Pflicht. Für die Malikiten ist die Beschneidung Prophetentradition (sunna) und damit empfehlenswert, für die Hanafiten wie auch für manche Hanbaliten ist sie ehrenhaft (makruma).[131]"

Quelle: Wikipedia

Natürlich muss man grundsätzlich unterscheiden - es ist selbstverständlich falsch, Muslime abzulehnen, die Menschen sind zu respektieren.

Etwas ganz anderes ist es, die totalitäre und menschenfeindliche Ideologie abzulehnen, die der Islam eben grundsätzlich leider darstellt - wer es nicht glaubt, sollte vielleicht selbst einmal einen Blick in den Koran werfen.

Eine Diskussion über den Islam unter dem Blickwinkel auf unsere gesellschaftlichen Grundwerte ist durchaus angezeigt!

Ich bin sehr enttäuscht vom Kontext, ich hätte hier differenziertere Berichterstattung erwartet und dass der Redaktion ein derartig offensichtlicher Konflikt zwischen dem Inhalt verschiedener Artikel zumindest auffällt.

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