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Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Drei Migrationshintergründe, ein Arbeitsplatz. Fotos: Joachim E. Röttgers

Drei Migrationshintergründe, ein Arbeitsplatz. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 268
Debatte

Wir sind wir

Von Gastautorin Jagoda Marinic
Datum: 18.05.2016
Es gibt Momente, die bewegen und etwas in Bewegung setzen. Wie die Wahl von Muhterem Aras zur Landtagspräsidentin. Oder die Nachricht, dass London einen muslimischen Bürgermeister hat. Ein Essay über Erfolgsgeschichten, Machtteilen und Integration.

London hat einen muslimischen Bürgermeister. Zur Amtseinweihung in der Southwark Cathedral muss er den Koran selbst mitbringen, denn mit so etwas hat auf der Insel natürlich keiner gerechnet. Sadiq Khan erzählt kurz darauf in den Medien, er habe seinen Koran gleich dort gelassen – für den nächsten Bürgermeister. Sie sind einfach immer wieder die etwas cooleren Politiker, die Anglosachsen, vor allem wenn sie links der Überholspur fahren. Ich weiß nicht, warum mein Herz höher schlägt, wenn er in jedem Schlüsselmoment seiner politischen Karriere sagt: "Ich bin Sadiq Khan, Sohn eines pakistanischen Busfahrers." Und jetzt Londons Bürgermeister.

Ich habe weder pakistanische Eltern, noch waren sie Busfahrer, noch haben sie irgendetwas mit dem Islam zu tun. Doch die Geschichte des Underdogs, der es packt, des Ausnahmefalls, der naturgemäß nicht Regelfall ist, der jedoch vielen Hoffnung macht, dass man nicht schon im Kreißsaal darauf festgelegt wird, dass man nie in einem Rathaussaal regieren wird, packt mich immer. Ja, in solchen Moment denke ich: Wir sind wir. Jeder Mensch müsste sich doch an solchen Aufstiegsgeschichten erfreuen. Na ja, jeder außer vielleicht Horst Seehofer, denn der denkt, "Mia san mia" sei eine Sache unter Bayern und maximal Deutschen, die noch kein Bayerisch sprechen.

Landtagspräsidentin Muhterem Aras – so werden Klischees zerschlagen.
Landtagspräsidentin Muhterem Aras – so werden Klischees zerschlagen.

Kurz nach der Sensation aus London: Bilder einer strahlenden Muhterem Aras in Stuttgart. Zugegeben, keine Weltstadt, aber dafür das Landesparlament Baden-Württembergs. Und dann gleich Präsidentin. Ein Wort, das die Hierarchieverliebten und Abstammungsgläubigen sich niemals auf dem Lebenslauf eines Mädchens vorstellen könnten, wo nach "Eltern" ein Doppelpunkt steht und dahinter: "anatolische Bauern". Diese beiden Geschichten zerschlagen Klischees, das zeigen auch die Bilder der beiden Wegbereiter. Sie scheinen etwas mehr Sieger als gewöhnliche Sieger. Es liegt eine besondere Anziehung im Sieg derer, für die er nicht vorprogrammiert war. "Yes, we can" war ein Satz, der für jemanden wie Obama aufging, weil er es vorlebte, weil er der Erste war, der erreichte, was für einen Schwarzen in den Köpfen vieler nicht vorgesehen war. Darauf kann Sadiq Khan mit "Yes, we Khan" aufbauen.

Es gibt diesen Moment in solchen Biografien, der mich bewegt und in Bewegung setzt. Wann immer ein Mensch etwas zum ersten Mal erreicht und damit für viele eine Tür öffnet, diese Gesellschaft voranbringt, nämlich zu einem Miteinander, fange ich an, wieder an ein Zusammenleben zu glauben, daran, dass Platz ist für Vielheit und Einheit.

Die Herkunft ist kein Makel, sondern Potenzial

In Deutschland gab es lange die Idee, dieser Moment des Erfolges sei der Moment, in dem man sich emanzipiert, was immerzu hieß, sich von seiner Herkunft befreit, als wäre sie ein Makel. Erfolg ist irgendwie immer nur denen wirklich gegönnt, die in ihn hineingeboren wurden, könnte man meinen. Einen undemokratischeren Gedanken gibt es kaum – er zeigt sich in unserer Vorliebe, bei erfolgreichen Menschen immerzu alle hochwohlgeborenen Vorfahren aufzuzählen, die irgendwie erklären, warum dieser Mensch naturgegeben herausragend ist und unser devote Bewunderung verdient. Eine vordemokratische Denkweise, demotivierend für all jene, die damit nicht aufwarten können.

Im Studium belehrten mich viele, sicher gut gemeint, darüber, dass ich mich nun nicht mehr über meine Eltern definieren müsse, sie aus meinem Lebenslauf herausstreichen solle, ich hätte jetzt etwas aus mir gemacht. Ja, das hatte ich, aber ich hatte auch einen Anfang. Und der steht mir zu, ganz gleich, was ich aus mir mache. Hier verschwindet dieser Anfang oft aus den öffentlichen Lebensläufen. Man will lieber gleich sein wie die anderen – auch so ein undemokratisches Relikt. Die Gleichheit bezieht sich auf die Gleichheit vor dem Recht, nicht voreinander. Wir dürfen, sollen, können eigen sein.

Auch Londons Bürgermeister legt sich bei jeder möglichen Gelegenheit auf seine Herkunft fest: Sohn eines pakistanischen Busfahrers. Etwas davon würde ich auch gerne bei uns sehen: Wenn ich "es schaffe", was auch immer das heißt, dann hab ich mich nicht von meiner Herkunft befreit, sondern ich zeige, welches Potenzial in meiner Herkunft liegt. Diese Menschen sind noch Ausnahmen. Sie sind statistisch nicht die Mehrheit. Sie weisen den Weg, den eine Gesellschaft gehen muss, wenn sie an eine demokratische Ordnung glaubt. Daran, dass jeder Mensch eine Chance gemäß seinen Talenten und nicht gemäß seiner Herkunft verdient.

Der Vorname verrät ihre Wurzeln: Ludmilla Frickel, Schichtarbeiterin im Daimler-Werk Untertürkheim.
Der Vorname verrät ihre Wurzeln: Ludmilla Frickel, Schichtarbeiterin im Daimler-Werk Untertürkheim.

Man muss das feiern, wenn es gelingt. Manche schimpfen dann gleich wieder darüber, dass man es nicht als "normal" behandelt, dass man, indem man sich daran übermäßig freut, im Grunde wieder Differenzen schafft. Ja, das stimmt. Man schafft Differenzen, man betont sie, man hebt sie vor und lernt über sie: weil man sie nicht fürchtet. So schlicht und einfach ist es. Natürlich dürfen und sollen wir darüber reden, dass hier zwei Menschen in Europa ihren Weg gegangen sind in Zeiten, in denen man von Europa ebendiese Offenheit nicht erwartet hätte. Sie machen Hoffnung, auch den jungen Menschen in Europa, und es ist an uns, die Hoffnungen dieser Jugend nicht zu enttäuschen, weil wir in alten Klischees hängen bleiben.

Man darf sich nur von diesen beiden Ausnahmesiegen nicht hinters Licht führen lassen. Angela Merkel hat die Frauenfrage nicht gelöst. Obama hat die Schwarzen leider nicht so weit gebracht, wie man dachte. Im Gegenteil, viele meinen, Trump sei ein Phänomen der Weißen, die sich nun fürchten, in Zukunft von den Minderheiten regiert zu werden oder gar die Minderheit zu stellen. Wahrscheinlich haben sie Angst, dass die neuen Mehrheiten so mit ihnen als Minderheiten umgehen könnten, wie sie selbst es einst getan haben.

Stuttgarter Kabinett – niemand mit Migrationsgeschichte

Ich sehe mir an dieser Stelle das neue Stuttgarter Kabinett genauer an. Die Grünen, die sich seit jeher Integration auf die Fahnen schreiben, haben für das Kabinett keinen Kandidaten mit Migrationsgeschichte gefunden. Gibt es kein politisches Talent im Ländle, dem man einen Posten hätte anbieten können? Und wenn nicht, dann bleibt die Frage, weshalb sich in den letzten Jahrzehnten niemand um entsprechenden Nachwuchs gekümmert hat. Baden-Württemberg hat dreißig Prozent Menschen mit Migrationsgeschichte, die Landeshauptstadt sogar mehr, die Regierung hat null. In der Frauenfrage wäre diese Bilanz inakzeptabel. Bei Migranten wird sie einfach hingenommen. Diese Bilanz ist auch durch eine Landtagspräsidentin nicht zu glätten, ganz so billig sind wir nicht zu haben.

Das Ländle ist – neben Bayern – das Land der Gastarbeiter und das Land der Einwandererkinder. Die Industrie hat unser Schicksal geprägt wie kaum eine andere. Der Offsetdruck, Klett. Porsche. Bosch. "Halt dei Gosch, i schaff bei Bosch", das hat mein Vater gesagt, wenn er mir beibringen wollte, worüber Schwaben lachen. Ich hab es nicht verstanden, für mich klang es nach Klangwitz, etwas wie Limerick. Es geht mir bis heute so, ich verstehe vieles nicht, aber ein Klangwitz ist es nicht, zu sehen, dass die Regierenden es sich leisten, den Nachwuchs mit Migrationshintergrund nicht mitzunehmen.

Integration heißt auch Macht teilen

Integration, das heißt nicht nur helfen, Toleranz fordern und Maßnahmenpakete schnüren. Integration heißt teilhaben lassen, fördern und letztlich: Macht teilen. Das Integrationsministerium als Motor der Integration wurde geopfert. Es hat mehr auf den Weg gebracht, als ihm nachgesagt wird. Vor allem hat dieses Ministerium wie kein anderes an Maßnahmen für ein würdevolles Altern der ersten Gastarbeitergenerationen gearbeitet.

Baden-Württemberg wäre ohne die Industrie nicht das, was es ist. Und die Industrie wäre ohne die Einwandererfamilien nicht das, was sie ist. Made in Germany ist auch die Marke der Menschen, die jetzt alt werden. Ich erhoffe mir eine würdige Politik, denn es geht um Lebenswerke. Wir alle arbeiten an diesem Land. Der Aufstieg von Migranten berührt mich, weil er zeigt, dass wir als Gesellschaft zusammenwachsen können. Wir sind wir. Damit meine ich nicht nur: wir Migranten. Sondern uns alle, die wir in Deutschland zusammenleben. Und den Seehofer kriegen wir auch noch integriert. Gleich nach Kretschmann.

Foto: Piroelle
Foto: Piroelle

 

Info:

Jagoda Marinic, 38, ist Schriftstellerin und Journalistin und leitet seit 2012 das Interkulturelle Zentrum Heidelberg. Geboren und aufgewachsen ist sie in Baden-Württemberg, ihre Eltern sind aus Kroatien eingewandert. In ihren Büchern und Essays beschäftigt sie sich mit Migration und Integration, etwa im Roman "Hotel Dalmatia" von 2013. Nun ist ebenfalls bei Hoffmann und Campe ihr Band "Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?" erschienen.


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Kommentare

Die Lerche, 23.05.2016 16:22
Glückwunsch, liebe Redaktion, dass ihr Jagoda Marinić als Gastautorin gewinnen konntet. Der Artikel ist gut geschrieben. Ich habe seit langem keinen Artikel zum Thema Migration gelesen, der mit so viel Empathie die zu uns gekommenen Menschen in den Blick nimmt. Würden Journalisten, die über Migranten schreiben, ebenso Wert auf Empathie legen, würde unsere Zeitungslandschaft einen wichtigen Beitrag zum Thema Verständnis für den Fremden leisten.

Auf der Homepage der Autorin (www.jagodamarinic.de) kann man weitere Artikel dieser klugen Frau nachlesen und Videovorträge und Diskussionen ansehen, die zum großen Teil in das gerade erschienene Buch „Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?“ eingeflossen sind. Dabei wird auch deutlich, dass man vom Namen nicht ableiten kann, wo jemand geboren ist, schon gar nicht vom Vornamen, wie es die Bildunterschrift in dem Kontext-Artikel behauptet: „Der Vorname verrät ihre Wurzeln: Ludmilla Frickel, Schichtarbeiterin im Daimler-Werk Untertürkheim.“

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Schriftstellerhauses „Literatur im Salon“, die dieses Jahr den Titel „Heimat trifft Heimat“ trägt, wird die Autorin aus ihrem neuen Roman „Restaurant Dalmatia“ lesen. Autorinnen und Autoren aus Kroatien, Iran, dem Libanon und aus Baden-Württemberg geben literarische Einblicke in jeweils ihre Heimat. Die Auftaktveranstaltung zur Reihe fand letzte Woche statt. Einen Bericht über die Lesung von Karl-Heinz Ott hat die Elster in ihr Nest gelegt:
http://www.lerchenflug.de/elsternest/karl-heinz-ott-liest-im-salon/

Susanne, 18.05.2016 18:36
Auch mich hat es unbändig gefreut von der Wahl Herrn Khans und Frau Aras' zu hören und lesen! - Beides ist der Beweis, dass sowohl die AFDs, Pegidas als auch die Islamisten und Rechsnationalen Europas so was von schief gewickelt sind. Beides ist ein Beleg dafür, dass die diesen Fällen die Realität der meisten Baden-Württemberger und auch Londonder eine andere ist als die der Nationalen und Blut-und Glaubens-Faschisten.

Wir sind in erster Linie Menschen, die auf diesem Planeten friedlich und auskömmlich für jeden zusammenleben sollten und auch können. Drunter gehts nicht! In Stuttgart funkioniert es schon mal recht gut, oder? Sehr zum Ärger der AFD :-)

unauffällig, 18.05.2016 16:51
Herkunft ist kein Makel, sondern Potenzial - leider wollen das nicht alle feiern, wenn es gelingt. Leider bleibt nicht bloß eine Minderheit in alten Klischees hängen. In einem SWR-Interview hat die junge AfD-Abgeordnete, der MdL Drechsler den Handschlag verweigerte, die Ernennung von Muhterem Aras zur Landtagspräsidentin als eine "Bestätigung der Islamisierung des Abendlands" bezeichnet.
Oh Herr schmeiß Hirn raa...

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Letzte Kommentare:

Ausgabe 312 / Das große Fressen / tauss, 24.03.2017 15:03
@HifppiE ... so darf man unterschiedlicher Meinung sein... Ich bleibe dabei: Eine völlig verantwortungslose Staatengemeinschaft, die über "Werte" faselt, sich allein über die Steigerung von Rüstungsausgaben definiert und die UN-...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / Jupp, 24.03.2017 07:17
Mein Herz geht auf. Hier wird nicht nur über die Vergangenheit oder Gegenwart gschimpft. Nein, es wird tatsächlich über die Zukunft nachgedacht! Und ich bin vollkommen bei Frau Rath :-) Was soll ein Fussgängerstegle? Wir haben...

Ausgabe 312 / Afrika kommt / leo loewe, 24.03.2017 00:24
"Die künftige Entwicklung gestalten!" Wir sollten versuchen, die globale Entwicklung weiterhin aktiv mitzugestalten. Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass sich die Welt um uns herum rasch verändert und dass es dabei um so mehr auf...

Ausgabe 312 / Das große Fressen / HippiE, 23.03.2017 23:50
@tauss: Dieser gelungene Beitrag handelt nicht von Kompensation, sondern von haarsträubender Ungleichheit und niederschmetternder Selbstbezogenheit und Gleichgültigkeit. Er nervt daher nicht, sondern macht betroffen und fassungslos.

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / Horst Ruch, 23.03.2017 22:12
....a propos "Stegle". Das ist es gerade was W.Backes angesprochen hat: Think big. Stirling hatte nicht umsonst die Planung für die Erschließung der Staatsgalerie und Musikhochschule auf einer höheren Ebene angeordnet, somit die (Teil)...

Ausgabe 312 / Ächzen im Maschinenraum / Schwabe, 23.03.2017 17:35
Auch von mir vielen Dank an den Autor und an Kontext (E.M., 22.03.2017 01:27 hat das wunderbar formuliert). Dennoch, um das erfolgreich anzupacken bzw. umzusetzen was Fabian Scheidler so treffend wie beängstigend und unmissverständlich...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / CharlotteRath, 23.03.2017 14:51
Fußgängerstegle ... eine echt schwäbische Lösung. München hat sich einen Park gegönnt, um zwei voneinander getrennte Stadtteile über eine große Straße hinweg zusmmenzuführen: https://de.wikipedia.org/wiki/Petuelpark Mit...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / Bruno Neidhart, 23.03.2017 09:51
Selbstverständlich bräuchte Stuttgart in dieser Kulturecke einen Fußgängersteg. Möglichst als breite Grünbrücke. Dies hat weder mit Sozialwohnungen, noch mit Kitas zu tun. Es ist eine andere, ebenso stadtbildende Ebene.

Ausgabe 312 / Afrika kommt / Dr. Diethelm Gscheidle, 23.03.2017 09:24
Sehr geehrte Damen und Herren, selbstverständlich ist es äußerst wichtig, Entwicklungshilfe zu betreiben - und das geht natürlich jeden Einzelnen von uns an. Als bekennender und praktizierender Katholik ist mir die Entwicklungshilfe...

Ausgabe 66 / Gnadenlose Bank / Gerald Wiegner, 22.03.2017 22:45
Das ist eine traurige, aber wahre Geschichte. Ich habe mit Herrn Nusser telefoniert und möchte noch folgende Ergänzung machen. Herr Nusser war ein langjähriges Genossenschaftsmitglied. Genossenschaften sind gesetzlich verpflichtet...

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