KONTEXT Extra:
Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kir¬che ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


Jörg Meuthen weiter an Björn Höckes Seite

Im vergangenen Sommer hatte der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke seinen Bundesparteichef als "meinen verehrten Freund" begrüßt. Und Jörg Meuthen rückte sich selbst, auf dem Kyffhäuser-Treffen, zu dem ihn die Ultras geladen hatte, in die Nähe der besonders weit rechts stehenden parteiinternen Gruppierung "Der Flügel": Er wolle gar nicht als liberaler Kopf der Partei bezeichnet werden, sondern er stehe für "ein gemeinsames Wertefundament". Da hatte Höcke gerade alle anderen Parteien in Deutschland für "inhaltlich entartet" erklärt. Der Schulterschluss hält auch aktuell: Meuthen stellt sich gegen den Rausschmiss, den – wie am Montag bekannt wurde – der Bundesvorstand gegen den Thüringer Landes- und Fraktionschef anstrengt.

Nicht zum ersten Mal. Denn Höcke sollte 2015 schon einmal mit einem Verfahren überzogen werden. Da ging es ebenfalls um eine rassistische Rede, um Aussagen wie, man könne "nicht jedes einzelne NPD-Mitglied als extremistisch einstufen" und um den Vorwurf, Höcke schreibe unter Pseudonym für NPD-Publikationen. Meuthen äußerte sich reichlich schwammig, nahm für sich in Anspruch "als erster aus dem Bundesvorstand scharf reagiert zu haben". Zugleich erklärte er allerdings, dass Höckes "Äußerungen ohne weiteres als rassistisch interpretiert werden können – wobei man darüber diskutieren kann, ob sie es tatsächlich sind". Hans-Olaf Henkel, damals noch AfD-Mitglied, konterte unmissverständlich: "Herr Meuthen ist für mich ein klassischer Schattenboxer." Nach außen tue er immer wieder so, als würde er sich gegen den rechtsnationalen Flügel stellen, nach innen agiere er völlig anders. (13.2.2017)


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Drei Migrationshintergründe, ein Arbeitsplatz. Fotos: Joachim E. Röttgers

Drei Migrationshintergründe, ein Arbeitsplatz. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 268
Debatte

Wir sind wir

Von Gastautorin Jagoda Marinic
Datum: 18.05.2016
Es gibt Momente, die bewegen und etwas in Bewegung setzen. Wie die Wahl von Muhterem Aras zur Landtagspräsidentin. Oder die Nachricht, dass London einen muslimischen Bürgermeister hat. Ein Essay über Erfolgsgeschichten, Machtteilen und Integration.

London hat einen muslimischen Bürgermeister. Zur Amtseinweihung in der Southwark Cathedral muss er den Koran selbst mitbringen, denn mit so etwas hat auf der Insel natürlich keiner gerechnet. Sadiq Khan erzählt kurz darauf in den Medien, er habe seinen Koran gleich dort gelassen – für den nächsten Bürgermeister. Sie sind einfach immer wieder die etwas cooleren Politiker, die Anglosachsen, vor allem wenn sie links der Überholspur fahren. Ich weiß nicht, warum mein Herz höher schlägt, wenn er in jedem Schlüsselmoment seiner politischen Karriere sagt: "Ich bin Sadiq Khan, Sohn eines pakistanischen Busfahrers." Und jetzt Londons Bürgermeister.

Ich habe weder pakistanische Eltern, noch waren sie Busfahrer, noch haben sie irgendetwas mit dem Islam zu tun. Doch die Geschichte des Underdogs, der es packt, des Ausnahmefalls, der naturgemäß nicht Regelfall ist, der jedoch vielen Hoffnung macht, dass man nicht schon im Kreißsaal darauf festgelegt wird, dass man nie in einem Rathaussaal regieren wird, packt mich immer. Ja, in solchen Moment denke ich: Wir sind wir. Jeder Mensch müsste sich doch an solchen Aufstiegsgeschichten erfreuen. Na ja, jeder außer vielleicht Horst Seehofer, denn der denkt, "Mia san mia" sei eine Sache unter Bayern und maximal Deutschen, die noch kein Bayerisch sprechen.

Landtagspräsidentin Muhterem Aras – so werden Klischees zerschlagen.
Landtagspräsidentin Muhterem Aras – so werden Klischees zerschlagen.

Kurz nach der Sensation aus London: Bilder einer strahlenden Muhterem Aras in Stuttgart. Zugegeben, keine Weltstadt, aber dafür das Landesparlament Baden-Württembergs. Und dann gleich Präsidentin. Ein Wort, das die Hierarchieverliebten und Abstammungsgläubigen sich niemals auf dem Lebenslauf eines Mädchens vorstellen könnten, wo nach "Eltern" ein Doppelpunkt steht und dahinter: "anatolische Bauern". Diese beiden Geschichten zerschlagen Klischees, das zeigen auch die Bilder der beiden Wegbereiter. Sie scheinen etwas mehr Sieger als gewöhnliche Sieger. Es liegt eine besondere Anziehung im Sieg derer, für die er nicht vorprogrammiert war. "Yes, we can" war ein Satz, der für jemanden wie Obama aufging, weil er es vorlebte, weil er der Erste war, der erreichte, was für einen Schwarzen in den Köpfen vieler nicht vorgesehen war. Darauf kann Sadiq Khan mit "Yes, we Khan" aufbauen.

Es gibt diesen Moment in solchen Biografien, der mich bewegt und in Bewegung setzt. Wann immer ein Mensch etwas zum ersten Mal erreicht und damit für viele eine Tür öffnet, diese Gesellschaft voranbringt, nämlich zu einem Miteinander, fange ich an, wieder an ein Zusammenleben zu glauben, daran, dass Platz ist für Vielheit und Einheit.

Die Herkunft ist kein Makel, sondern Potenzial

In Deutschland gab es lange die Idee, dieser Moment des Erfolges sei der Moment, in dem man sich emanzipiert, was immerzu hieß, sich von seiner Herkunft befreit, als wäre sie ein Makel. Erfolg ist irgendwie immer nur denen wirklich gegönnt, die in ihn hineingeboren wurden, könnte man meinen. Einen undemokratischeren Gedanken gibt es kaum – er zeigt sich in unserer Vorliebe, bei erfolgreichen Menschen immerzu alle hochwohlgeborenen Vorfahren aufzuzählen, die irgendwie erklären, warum dieser Mensch naturgegeben herausragend ist und unser devote Bewunderung verdient. Eine vordemokratische Denkweise, demotivierend für all jene, die damit nicht aufwarten können.

Im Studium belehrten mich viele, sicher gut gemeint, darüber, dass ich mich nun nicht mehr über meine Eltern definieren müsse, sie aus meinem Lebenslauf herausstreichen solle, ich hätte jetzt etwas aus mir gemacht. Ja, das hatte ich, aber ich hatte auch einen Anfang. Und der steht mir zu, ganz gleich, was ich aus mir mache. Hier verschwindet dieser Anfang oft aus den öffentlichen Lebensläufen. Man will lieber gleich sein wie die anderen – auch so ein undemokratisches Relikt. Die Gleichheit bezieht sich auf die Gleichheit vor dem Recht, nicht voreinander. Wir dürfen, sollen, können eigen sein.

Auch Londons Bürgermeister legt sich bei jeder möglichen Gelegenheit auf seine Herkunft fest: Sohn eines pakistanischen Busfahrers. Etwas davon würde ich auch gerne bei uns sehen: Wenn ich "es schaffe", was auch immer das heißt, dann hab ich mich nicht von meiner Herkunft befreit, sondern ich zeige, welches Potenzial in meiner Herkunft liegt. Diese Menschen sind noch Ausnahmen. Sie sind statistisch nicht die Mehrheit. Sie weisen den Weg, den eine Gesellschaft gehen muss, wenn sie an eine demokratische Ordnung glaubt. Daran, dass jeder Mensch eine Chance gemäß seinen Talenten und nicht gemäß seiner Herkunft verdient.

Der Vorname verrät ihre Wurzeln: Ludmilla Frickel, Schichtarbeiterin im Daimler-Werk Untertürkheim.
Der Vorname verrät ihre Wurzeln: Ludmilla Frickel, Schichtarbeiterin im Daimler-Werk Untertürkheim.

Man muss das feiern, wenn es gelingt. Manche schimpfen dann gleich wieder darüber, dass man es nicht als "normal" behandelt, dass man, indem man sich daran übermäßig freut, im Grunde wieder Differenzen schafft. Ja, das stimmt. Man schafft Differenzen, man betont sie, man hebt sie vor und lernt über sie: weil man sie nicht fürchtet. So schlicht und einfach ist es. Natürlich dürfen und sollen wir darüber reden, dass hier zwei Menschen in Europa ihren Weg gegangen sind in Zeiten, in denen man von Europa ebendiese Offenheit nicht erwartet hätte. Sie machen Hoffnung, auch den jungen Menschen in Europa, und es ist an uns, die Hoffnungen dieser Jugend nicht zu enttäuschen, weil wir in alten Klischees hängen bleiben.

Man darf sich nur von diesen beiden Ausnahmesiegen nicht hinters Licht führen lassen. Angela Merkel hat die Frauenfrage nicht gelöst. Obama hat die Schwarzen leider nicht so weit gebracht, wie man dachte. Im Gegenteil, viele meinen, Trump sei ein Phänomen der Weißen, die sich nun fürchten, in Zukunft von den Minderheiten regiert zu werden oder gar die Minderheit zu stellen. Wahrscheinlich haben sie Angst, dass die neuen Mehrheiten so mit ihnen als Minderheiten umgehen könnten, wie sie selbst es einst getan haben.

Stuttgarter Kabinett – niemand mit Migrationsgeschichte

Ich sehe mir an dieser Stelle das neue Stuttgarter Kabinett genauer an. Die Grünen, die sich seit jeher Integration auf die Fahnen schreiben, haben für das Kabinett keinen Kandidaten mit Migrationsgeschichte gefunden. Gibt es kein politisches Talent im Ländle, dem man einen Posten hätte anbieten können? Und wenn nicht, dann bleibt die Frage, weshalb sich in den letzten Jahrzehnten niemand um entsprechenden Nachwuchs gekümmert hat. Baden-Württemberg hat dreißig Prozent Menschen mit Migrationsgeschichte, die Landeshauptstadt sogar mehr, die Regierung hat null. In der Frauenfrage wäre diese Bilanz inakzeptabel. Bei Migranten wird sie einfach hingenommen. Diese Bilanz ist auch durch eine Landtagspräsidentin nicht zu glätten, ganz so billig sind wir nicht zu haben.

Das Ländle ist – neben Bayern – das Land der Gastarbeiter und das Land der Einwandererkinder. Die Industrie hat unser Schicksal geprägt wie kaum eine andere. Der Offsetdruck, Klett. Porsche. Bosch. "Halt dei Gosch, i schaff bei Bosch", das hat mein Vater gesagt, wenn er mir beibringen wollte, worüber Schwaben lachen. Ich hab es nicht verstanden, für mich klang es nach Klangwitz, etwas wie Limerick. Es geht mir bis heute so, ich verstehe vieles nicht, aber ein Klangwitz ist es nicht, zu sehen, dass die Regierenden es sich leisten, den Nachwuchs mit Migrationshintergrund nicht mitzunehmen.

Integration heißt auch Macht teilen

Integration, das heißt nicht nur helfen, Toleranz fordern und Maßnahmenpakete schnüren. Integration heißt teilhaben lassen, fördern und letztlich: Macht teilen. Das Integrationsministerium als Motor der Integration wurde geopfert. Es hat mehr auf den Weg gebracht, als ihm nachgesagt wird. Vor allem hat dieses Ministerium wie kein anderes an Maßnahmen für ein würdevolles Altern der ersten Gastarbeitergenerationen gearbeitet.

Baden-Württemberg wäre ohne die Industrie nicht das, was es ist. Und die Industrie wäre ohne die Einwandererfamilien nicht das, was sie ist. Made in Germany ist auch die Marke der Menschen, die jetzt alt werden. Ich erhoffe mir eine würdige Politik, denn es geht um Lebenswerke. Wir alle arbeiten an diesem Land. Der Aufstieg von Migranten berührt mich, weil er zeigt, dass wir als Gesellschaft zusammenwachsen können. Wir sind wir. Damit meine ich nicht nur: wir Migranten. Sondern uns alle, die wir in Deutschland zusammenleben. Und den Seehofer kriegen wir auch noch integriert. Gleich nach Kretschmann.

Foto: Piroelle
Foto: Piroelle

 

Info:

Jagoda Marinic, 38, ist Schriftstellerin und Journalistin und leitet seit 2012 das Interkulturelle Zentrum Heidelberg. Geboren und aufgewachsen ist sie in Baden-Württemberg, ihre Eltern sind aus Kroatien eingewandert. In ihren Büchern und Essays beschäftigt sie sich mit Migration und Integration, etwa im Roman "Hotel Dalmatia" von 2013. Nun ist ebenfalls bei Hoffmann und Campe ihr Band "Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?" erschienen.


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Kommentare

Die Lerche, 23.05.2016 16:22
Glückwunsch, liebe Redaktion, dass ihr Jagoda Marinić als Gastautorin gewinnen konntet. Der Artikel ist gut geschrieben. Ich habe seit langem keinen Artikel zum Thema Migration gelesen, der mit so viel Empathie die zu uns gekommenen Menschen in den Blick nimmt. Würden Journalisten, die über Migranten schreiben, ebenso Wert auf Empathie legen, würde unsere Zeitungslandschaft einen wichtigen Beitrag zum Thema Verständnis für den Fremden leisten.

Auf der Homepage der Autorin (www.jagodamarinic.de) kann man weitere Artikel dieser klugen Frau nachlesen und Videovorträge und Diskussionen ansehen, die zum großen Teil in das gerade erschienene Buch „Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?“ eingeflossen sind. Dabei wird auch deutlich, dass man vom Namen nicht ableiten kann, wo jemand geboren ist, schon gar nicht vom Vornamen, wie es die Bildunterschrift in dem Kontext-Artikel behauptet: „Der Vorname verrät ihre Wurzeln: Ludmilla Frickel, Schichtarbeiterin im Daimler-Werk Untertürkheim.“

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Schriftstellerhauses „Literatur im Salon“, die dieses Jahr den Titel „Heimat trifft Heimat“ trägt, wird die Autorin aus ihrem neuen Roman „Restaurant Dalmatia“ lesen. Autorinnen und Autoren aus Kroatien, Iran, dem Libanon und aus Baden-Württemberg geben literarische Einblicke in jeweils ihre Heimat. Die Auftaktveranstaltung zur Reihe fand letzte Woche statt. Einen Bericht über die Lesung von Karl-Heinz Ott hat die Elster in ihr Nest gelegt:
http://www.lerchenflug.de/elsternest/karl-heinz-ott-liest-im-salon/

Susanne, 18.05.2016 18:36
Auch mich hat es unbändig gefreut von der Wahl Herrn Khans und Frau Aras' zu hören und lesen! - Beides ist der Beweis, dass sowohl die AFDs, Pegidas als auch die Islamisten und Rechsnationalen Europas so was von schief gewickelt sind. Beides ist ein Beleg dafür, dass die diesen Fällen die Realität der meisten Baden-Württemberger und auch Londonder eine andere ist als die der Nationalen und Blut-und Glaubens-Faschisten.

Wir sind in erster Linie Menschen, die auf diesem Planeten friedlich und auskömmlich für jeden zusammenleben sollten und auch können. Drunter gehts nicht! In Stuttgart funkioniert es schon mal recht gut, oder? Sehr zum Ärger der AFD :-)

unauffällig, 18.05.2016 16:51
Herkunft ist kein Makel, sondern Potenzial - leider wollen das nicht alle feiern, wenn es gelingt. Leider bleibt nicht bloß eine Minderheit in alten Klischees hängen. In einem SWR-Interview hat die junge AfD-Abgeordnete, der MdL Drechsler den Handschlag verweigerte, die Ernennung von Muhterem Aras zur Landtagspräsidentin als eine "Bestätigung der Islamisierung des Abendlands" bezeichnet.
Oh Herr schmeiß Hirn raa...

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