KONTEXT Extra:
Zwei Afd-Fraktionen im Landtag zulässig

Nach dem von der Landtagsverwaltung in Auftrag gegebenen Gutachten zur Vertretung der "Alternative für Deutschland" (AfD) im baden-württembergischen Parlament gibt es keine Handhabe gegen die Parallelfraktion. Die Professoren Christofer Lenz, Martin Morlok und Martin Nettesheim schreiben in ihrer 35-seitigen Stellungnahme: Der unter der Bezeichnung "Fraktion der Alternative für Baden-Württemberg im Landtag von Baden-Württemberg" auftretende Zusammenschluss von 14 der AfD angehörenden Abgeordneten sei "seit seiner Konstituierung am 06.07.2016 eine Fraktion im Sinne der Geschäftsordnung des Landtags". Einer Anerkennung bedürfe es nicht. Es bestünden keine über den Wortlaut Geschäftsordnung "hinausgehende, rechtliche Anforderungen an die Zulässigkeit einer Fraktionsbildung".

Auch das "Verbot der Fraktionsvermehrung" greift nach Einschätzung der Gutachter nicht. "Der Landtag würde die verfassungsrechtlichen Grenzen seiner Geschäftsordnungsautonomie aber nicht überschreiten", heißt es weiter, "wenn er eine Regelung erließe, die die Gründung einer 'Parallelfraktion' untersagt." Einer bereits bestehenden Fraktion ist der Status aber auch dadurch nicht zu nehmen. Denn: "Eine derartige Regelung dürfte nur mit Wirkung für die Zukunft erlassen werden, zweckmäßigerweise zum Zeitpunkt des Zusammentritts des neuen Landtag."

Damit müssen sich die anderen Fraktionen, wenn der AfD-Bundes- und Landessprecher Jörg Meuthen mit den Bemühungen eines Zusammenschlusses unter seiner Führung keinen Erfolg hat, weiterhin mit mindestens zwei rechtspopulistischen Rednern und Rednerinnen zu jedem Tagesordnungspunkt abfinden. Die geschätzen Kosten der Spaltung für die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen liegen bei drei Millionen Euro. Denn auch die zweite AfD-Fraktion hat ein Recht auf die allen anderen zustehende finanzielle Ausstattung. (25.7.2016)


Zweiter NSU-Ausschuss: Geheimdienste auf der Theresienwiese?

Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags hat in seiner konstituierenden Sitzung am Donnerstag die ersten zwei Zeugen benannt. Sie sollen nach den Worten des Vorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) Auskunft darüber geben, "ob sich am Tag des Anschlags auf die beiden Polizeibeamten in Heilbronn Geheimdienste am oder in der Nähe des Tatorts befunden" haben.

Im ersten Ausschuss in der vergangenen Legislaturperiode hatte der Journalist und NSU-Experte Rainer Nübel als Sachverständiger dazu Stellung genommen. "Er verwies", wie es im Abschlussbericht heißt, "zunächst auf die mutmaßliche Anwesenheit der Defence Intelligence Agency (DIA) zur Tatzeit am Tatort". Mitte November 2011 habe er, wie Nübel weiter zitiert wird, eine Nachricht von der "Stern"-Redaktion in Hamburg erhalten, wonach ein dort vorliegendes Papier ein mutmaßliches Observationsprotokoll des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA darstelle. Daraus gehe hervor, dass zur Tatzeit eine Observation von "M. K." und einer weiteren, nicht näher definierten Person durch US-Agenten stattgefunden habe. Zumindest eine dieser beiden Personen habe zuvor bei der Santander-Bank 2,3 Millionen Dollar oder Euro abgeholt. Und weiter: "Sicherheitsbeamte entweder aus Baden-Württemberg oder Bayern sollten präsent gewesen sein und die Operation aufgrund eines 'Shooting Incident' zwischen 'White Wings', also Neonazis bzw. Rechtsextremisten, und einer Polizeistreife abgebrochen worden sein."

Nübel hatte bei seinem Auftritt als Sachverständiger umfangreiche Ausführungen zu den eigenen Recherchen gemacht. Aus Zeitgründen und angesichts des Endes der Legislaturperiode, so Drexler, der auch den ersten Ausschuss führte, habe diesem Komplex aber nicht mehr detailliert nachgegangen werden können. Im Einsatzbeschluss des zweiten Gremiums heißt es jetzt, insbesondere sei zu klären, ob "Angehörige von ausländischen Sicherheitsbehörden auf der Theresienwiese oder in der Umgebung im Umfeld des Mordanschlags am 25. April 2007 anwesend waren, ob und welche Rolle diese beim Tatgeschehen gespielt und welche Erkenntnisse dazu bei deutschen Sicherheits- und Ermittlungsbehörden vorgelegen haben". Die erste öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses findet am 19. September statt. Gehört werden zum Auftakt auch noch einmal vier Sachverständige.


Keine Nebenabsprache zu Stuttgart 21

Um Streit zu vermeiden, sind laut Winfried Kretschmann die bis zum Wochenanfang geheimen Nebenabreden mit der CDU zusätzlich zum Koalitionsvertrag getroffen worden. Die Aufregung darüber, dass Ausgaben von 1,3 Milliarden Euro ohne Finanzierungsvorbehalt an der Öffentlichkeit vorbei festgeschrieben wurden, versuchte der Regierungschef mit neuen Einblicken in seinen Politikstil zu kontern: "Auch ich muss mal mauscheln, auch ich muss mal dealen." Kein Mensch auf der Erde, der vernünftig Politik machen wolle, kriege das hin ohne Absprachen hinter den Kulissen. Da habe er kein schlechtes Gewissen, denn es sei "unspektakulär", einzelne Maßnahmen zu priorisieren, die grundsätzlich ohnehin im Koalitionsvertrag vereinbart seien.

Unter anderem ist im Detail aufgeführt, dass 325 Millionen Euro ohne Finanzierungsvorbehalt in die Digitalisierung fließen sollen, 100 Millionen in die bessere Ausstattung der Polizei oder 40 Millionen in die Elektromobilität. Der mit 500 Millionen Euro größte Betrag ist allerdings nicht mit konkreten Informationen versehen, die Summe steht für "Investieren/Sanieren (Straße/Schiene, Hochbau, Hochschulen, ...)" zur Verfügung. Der Ministerpräsident widersprach Mutmaßungen, dass in dieser halben Milliarde auch zusätzliche Mittel für Stuttgart 21 über den Kostendeckel hinaus versteckt sein könnten. Für die laufenden Zahlungen gebe es einen Sonderposten im Haushalt. Nebenabsprachen zu diesem Thema hätten nicht stattgefunden.

(19.07.2016)


Die Reichen sind noch viel reicher

Einkommenserhebungen bei Spitzenverdienern aus mehr als 1300 Firmen haben ergeben, dass alle offiziellen Einschätzungen zur wachsenden sozialen Kluft in der Bundesrepublik die Situation beschönigen. Nach den Zahlen, die das ARD-Magazin "Monitor" in diesen Tagen veröffentlichte, verdienen Manager und Vorstände im Durchschnitt nicht 200 000 Euro jährlich, sondern rund eine halbe Million. Die 200 000 Euro sind aber offiziell im sogenannten Sozioökonomischen Panel (SOEP) ausgewiesen, welches wiederum wichtiger Eckpfeifer der bisherigen Armuts- und Reichtums-Berichterstattung in Bund und Ländern ist.

Das Bundesarbeitsministerium will die Daten dort jetzt einfließen lassen, ebenso wie die Erkenntnisse einer in der vergangenen Woche von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie. Danach verdienen die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als die unteren 40 Prozent zusammen. Und die Einkommensungleichheit wächst weiter. In "Monitor" präsentierte Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine vergleichsweise einfache Lösung: "Aus meiner Sicht würde es naheliegen, wieder zu den Steuersätzen zurückzukehren, die wir in den Neunzigerjahren hatten, und das war ein Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer von 53 Prozent." Zurzeit liegt er bei 42 Prozent. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe werden drei Prozentpunkte Reichensteuer hinzugerechnet. Von ihr sind aber nicht einmal ein halbes Prozent der Steuerzahler und Steuerzahlerinnen betroffen.


Stuttgart 21: Großdemo und Umstiegskonzept

Zur Großdemo gegen Stuttgart 21 am kommenden Samstag erwarten die Initiatoren Tausende Teilnehmer. Kontext kommt auch. Mit hübschen neuen Postkarten und Aufklebern!

Heute, Freitag, hat eine Expertengruppe des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 ihr Konzept "Umstieg21" vorgestellt, mit dem die derzeitige Projektbaustelle doch noch zu einem sinnvollen Ende finden könnte. Unter www.umstieg-21.de stellen die Planer ihre Ideen in einer umfänglichen Broschüre dar. "In meinen dreißig Jahren als Literaturkritiker im Fernsehen habe ich nie eine Prosa gelesen, die so wohltuend war, so sinnvoll wohltätig", schreibt der berühmte Schriftsteller aus Freiburg, Jürgen Lodemann, über das Heft. "Endlich wird da nicht mehr nur Nein gesagt, sondern entstand da eine wunderbare Broschüre, die mit Sorgfalt und mit großer Eisenbahnliebe und Stuttgartliebe reale Vorschläge macht, wie man aus dem unverantwortlichen Desaster noch jetzt 'positiv' aussteigen kann - und muss! - das spart tatsächlich immense Kosten und da bleibt im Herzen der Landeshauptstadt keine dauerhaft blamable Bau-Ruine, sondern es entstehen zahlreiche überaus einleuchtende Lösungen rund um einen tollen Kopfbahnhof!"


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Jürgen Grässlin zählt Waffen und Tode. Foto: privat

Jürgen Grässlin zählt Waffen und Tode. Foto: privat

Ausgabe 113
Debatte

Geschäft mit dem Tod

Von Susanne Stiefel (Interview)
Datum: 29.05.2013
Jürgen Grässlin gilt als der profilierteste deutsche Rüstungsgegner. In seinem neuen „Schwarzbuch Waffenhandel“ benennt der Friedensaktivist aus Freiburg Verantwortliche aus Politik und Rüstung. Baden-Württemberg spielt ganz vorne mit im Geschäft mit dem Tod.

Herr Grässlin, Deutschland spielt im Rüstungsgeschäft ganz vorne mit. Das belegen Sie in Ihrem kürzlich erschienenen "Schwarzbuch Waffenhandel". Ist Baden-Württemberg mit dem Rüstungsstandort Bodensee und mit Heckler & Koch in Oberndorf deutscher Meister des Waffenhandels, also so etwas wie der FC Bayern in der Bundesliga?

In der Rüstungsproduktion und beim Waffenhandel spielt Baden-Württemberg sogar in der Championsleague. Das Herz der deutschen Rüstungsindustrie schlägt in Baden-Württemberg und Bayern, von hier aus wird der Tod in alle Welt exportiert. Die Firma Heckler & Koch ist europaweit führend in der Produktion von Pistolen und Gewehren und angesichts der Opferzahlen das tödlichste Unternehmen Europas. Die Bodensee-Region zeichnet sich bedauerlicherweise nicht nur durch hohe touristische Attraktivität aus, sondern auch durch eine immense Dichte an Rüstungsfirmen, die sich vor allem auf der Nordseite des Bodensees wie auf einer Perlenkette aneinander reihen.

Sie haben eine Liste der Top Ten der Verantwortlichen in der deutschen Rüstungsindustrie aufgestellt. Auf Platz 1 liegt Andreas Heeschen von Heckler & Koch. Wie begründen Sie dieses traurige Ranking?

Nach meinen Berechnungen beläuft sich die Zahl der Opfer, die durch Kugeln aus den Gewehren von Heckler & Koch ums Leben gekommen sind, auf mehr als zwei Millionen. Was bedeutet, dass seit Wiederaufnahme der Rüstungsproduktion Mitte der 50er-Jahre pro Tag 114 Menschen durch H&K-Waffen ums Leben gekommen sind. Jeden Tag sterben durchschnittlich weitere 114 Menschen - die Heckler&Koch-Todesuhr tickt unerbittlich. Andreas Heeschen trägt als Hauptaktionär des Unternehmens seit mehr als zehn Jahren maßgeblich Verantwortung für Waffenlieferungen an kriegführende und menschenrechtsverletzende Staaten. Heckler&Koch-Waffen sind illegalerweise aufgetaucht in verbotenen Provinzen Mexikos, im Libyenkrieg und im Russland-Georgien-Krieg.

Auf Platz zwei sind wir immer noch in Baden-Württemberg und zwar am Bodensee, bei Diehl mit seiner Niederlassung in Überlingen und seinem CEO Claus Günther, der auch dort wohnt.

Die Diehl-Gruppe ist - entgegen der öffentlichen Wahrnehmung - eine der Big Five und damit eine der fünf führenden Rüstungsfirmen Deutschlands mit Sitz in Nürnberg. Diehl hat von 2010 auf 2011 laut Berechnungen des Friedensforschungsinstituts SIPRI, dem Stockholm International Peace Research Institute, den Anteil der Waffenverkäufe von 1,21 auf 1,38 Milliarden US-Dollar gesteigert. Diehls grenzenlose Kriegswaffen-Exportpolitik verantwortet führend Claus Günther als Vorstandsmitglied der Diehl-Unternehmensgruppe und Zuständiger für den Geschäftsbereich Diehl Defence, das wehrtechnische Geschäft der Unternehmensgruppe. Man könnte auch sagen: Claus Günther verantwortet maßgeblich die zahlreichen Rüstungs- und Kriegsaktivitäten des Konzerns und damit auch die Opfer durch den Einsatz der Raketen, Lenkflugkörper und Zünder.

Foto: Martin Storz
Foto: Martin Storz

Dies ist ja nicht das erste Buch, das Sie über die Rüstungsindustrie geschrieben haben. Werden Sie von den verantwortlichen Managern überhaupt empfangen?

Von Andreas Heeschen bis heute nicht. Kein Wunder, denn Millionen Menschen weltweit wurden bereits Opfer des Exports und Einsatzes deutscher Kriegswaffen und Munition - allen voran durch "Kleinwaffen" wie Maschinenpistolen und Sturmgewehre. Sie wurden zerfetzt und getötet. Viele, die überlebt haben, sind verkrüppelt, fast alle traumatisiert, wie ich bei meinen Vor-Ort-Recherchen feststellen muss. Trotz dieser Vorwürfe wurde ich bei Heckler&Koch in den 80er Jahren einmal zum Gespräch ins Unternehmen geladen. In der verbalen Auseinandersetzung wurde uns klar, dass diese Firma kein ernstzunehmendes Konzept zur Rüstungskonversion entwickelt hat, also zur Umstellung auf eine sinnvolle zivile Produktion.

Und Claus Günther würde wahrscheinlich das Betriebsgelände in Überlingen mit Starkstrom schützen, wenn er Sie nahen sieht?

Aber bitte mit Solarenergie erzeugt. Im Ernst: Den Diehl-Rüstungschef habe ich im Februar dieses Jahres auf einem Podium der Bezirkssynode Überlingen-Stockach persönlich kennengelernt. Sowohl als toughen Vertreter der Interessen der Rüstungsindustrie und seines Unternehmens als auch als eine Art Schönfärber, der die Technik von Waffen propagiert, die Opfer seiner Geschäftspolitik jedoch totschweigt. Immerhin werden - weltweit führend - Zünder der Diehl-Unternehmensgesellschaft Junghans Microtec in Seedorf bei Schramberg sowie Lenkflugkörper von Diehl BGT Defence in Überlingen auch an menschenrechtsverletzende und sogar an kriegführende Staaten geliefert. Durch die gemeinsame Eurospike GmbH ist die Zusammenarbeit eng mit der israelischen Rüstungsindustrie verbunden. Ich lade Claus Günther gerne dazu ein, mit mir in ein Kriegsgebiet zu fahren, in dem Diehl-Munition oder Waffen eingesetzt werden. Mit dem Diehl-Rüstungsmanager würde ich beispielsweise gerne in den Irak oder nach Afghanistan reisen, denn der Hauptempfänger der Junghans-Zünder waren und sind die USA, daneben weitere bedenkliche Staaten.

Wer beim 50-Jahr-Firmenjubiläum hübsch verzierte Raketen als Kanapees reicht wie Diehl, hat die Opfer wohl kaum im Blick.

Die deutsche Rüstungsindustrie lebt davon, dass die Opferproblematik von den Beschäftigten ignoriert, von bürgerlichen Medien vielfach verdrängt wird. Die Verantwortung von Managern, aber auch von führenden Politikern wie Angela Merkel als Kanzlerin des geheim tagenden Bundessicherheitsrates oder von Volker Kauder als Lobbyist der Firma Heckler&Koch wird bis heute kaum thematisiert. Und das, obwohl H&K-Hauptgesellschafter Heeschen sich bei Kauder dafür bedankt hat, dass er "immer wieder die Hand über uns gehalten" habe - wohlgemerkt bei Exportgenehmigungen. Derlei Rüstungslobbyismus versuche ich, durch Aufklärung in meinem Schwarzbuch entgegenzutreten. 

Beim derzeitigen Skandal um die Drohnen Euro Hawks spielen auch wieder Firmen vom Bodensee mit, nämlich die EADS.

Es ist kein Geheimnis, dass im EADS-Werk, im Tochterunternehmen Astrium in Immenstaad seit mehr als zehn Jahren an der Entwicklung der Drohnentechnik gearbeitet wird. EADS ist mit Militärelektronik auch an der Euro Hawk beteiligt, die nun völlig zu Recht ein Flugverbot über Europa bekommen hat. Als Aktionär mit Rederecht konfrontiere ich die EADS-Führung auf Hauptversammlungen seit Jahren mit den Kriegswaffenexporten an menschenrechtsverletzende Staaten, wie etwa Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Libyen. Die Geschäftsführung von EADS hat erklärt, dass die Zukunft des Unternehmens gerade auch in der Entwicklung von Drohnen liege - noch sind dies Aufklärungsdrohnen, in einigen Jahren auch Kampfdrohnen. Doch diese vermeintliche Zukunftstechnik ist inhuman und völkerrechtswidrig. Sie wird etwa von der US-Army eingesetzt zum Abschießen feindlich eingestufter Personen, nicht selten Zivilisten, wie beispielsweise in Pakistan. Wenn die Europäer und die EADS auf diese Drohnentechnik setzen, steht zu befürchten, dass sie bereit sind, diese menschenverachtende Technik einzusetzen und dabei gleichsam einen Bruch des Völkerrechts in Kauf zu nehmen. 

Waffenschmiede Diehl. Foto: Martin Storz
Waffenschmiede Diehl. Foto: Martin Storz

Wenn vom Rüstungsstandort Bodensee die Rede ist, reden wir auch über viele kleine Zulieferer. Aber einer der ganz großen im Geschäft ist Tognum. 

Mit der Tognum AG, besser bekannt als MTU, sitzt ein weltweit führender Hersteller von Dieselmotoren in Friedrichshafen. Der Name MTU könnte auch stehen für Motoren, Todesgeschäfte und Unternehmensprofite. Denn dieses Unternehmen hat neben direkten Motorlieferungen für Kriegsschiffe und Kampfpanzer auch wiederholt zivile Motoren ausgeführt. Diese wurden dann beispielsweise in chinesischen Marineschiffen eingebaut. Anteilseigner sind zu 99 Prozent die Daimler AG und Rolls Royce.

Die Kirche wäre ein natürlicher Verbündetet im Kampf um eine waffenfreie, friedliche Welt. Finden Sie dort Verbündete?

Offenbar geht ein tiefer Riss durch die Kirchen. Auf der einen Seite unterstützen Initiativen und Organisationen der evangelischen und katholischen Kirche äußerst engagiert unsere Kampagne "Aktion Aufschrei - Stoppt den Waffenhandel!". Auf der anderen Seite zeigt sich etwa am Rüstungsstandort Bodensee, dass die dortige Amtskirche leider in Gefahr steht, massiv beeinflusst zu werden durch Christen, die in der Rüstungsindustrie arbeiten. Derzeit diskutiert die evangelische Landeskirche in ihren Synoden landesweit einen an der Gewaltfreiheit Jesu Christi orientierten Vorstoß der Synode Breisgau-Hochschwarzwald. Ziel sind gemeinsame friedensethische Grundsätze für Baden-Württemberg.

Ihr Ziel ist eine Welt ohne Waffen. Ein utopisches Ziel, wenn man bedenkt, dass die Rüstungsproduktion seit Jahrzehnten ständig gestiegen ist. Wie oft kamen Ihnen schon Zweifel, ob Ihr Kampf mit Worten gegen Waffen überhaupt etwas bewegt?

Vor 30 Jahren antwortete ich auf eine Journalisten-Frage nach meinem Lebensziel: "Ich habe drei: Ein Verbot der Kleinwaffen, ein Verbot von Streumunition und von Landminen." Mit dem Ottawa-Abkommen gegen Landminen und dem Oslo-Abkommen gegen Streumunition sind wir auf internationaler Ebene gute Schritte vorangekommen. Das sind zwei UN-Konventionen, denen sich immer mehr Staaten anschließen. Ein erster Erfolg ist auch der ATT-Vertrag zur Kontrolle des weltweiten Waffenhandels. Gegenüber jüngeren Mitstreitern verweise ich gerne auf diese Erfolge und sage: "Seid geduldig, ihr habt noch ein ganzes Leben Zeit." Und wenn Sie mich heute fragen, würde ich noch ein viertes Lebensziel hinzufügen: Das Verbot militärischer Drohnen.


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Kommentare

Holperbald, 07.08.2014 17:28
Dann hoffen wir mal, dass Herr Grässlin nie Opfer einer Geiselnahme wird - beispielsweise in einer Bank. Anderenfalls müsste ggf. das SEK ihn mit einem H&K PSG1-Gewehr befreien. Das Ding ist schliesslich dafür gebaut, präzise zu töten, um zivile Opfer zu vermeiden.

Den Rest kann man sich, denke ich schenken. Es geht darum, was zuerst da war - Henne (Angreifer) oder Ei (Verteidiger). Sinnvoller wäre ein Gleichgewicht an Waffen. So werden zivile Opfer vermieden - siehe Kalter Krieg.

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