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Frau im Haus

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Die Schweizer Fotografin Mia Hesse-Bernoulli war von 1904 bis zur Scheidung 1923 die Frau des großen Dichters, die Mutter seiner Kinder. Mit ihm zusammenzuleben, war kein Spaziergang. Nach und nach erhält sie nun die ihr gebührende Anerkennung.

"Mia Hesse-Bernoulli hat Hermann Hesse den Rücken freigehalten. Sie hat ihm das Fundament gegeben, hat ein schönes Haus gebaut und weitgehend bezahlt", sagt Eva Eberwein. Sie ist die aktuelle Besitzerin des Hauses, das der Basler Architekt Hans Hindermann einst im Reformstil in Gaienhofen "im Erlenloh" am Bodensee errichtet hat. Dort hatten 1907 Hermann und Mia Hesse-Bernoulli, von allen Mia genannt, ein großes Grundstück erworben. Der Hausbau kostete 30 000 Reichsmark, davon steuerten Maria Bernoullis Eltern 20 000 Reichsmark bei.

Hindermann, der mit der Familie Bernoulli in Basel befreundet war, setzte die Ideen des Paares um: Licht und Luft sollten im Haus herrschen. Der Erker zum Garten wurde eingeplant, damit Mia, die Fotografin, die vor der Heirat gemeinsam mit ihrer Schwester ein Atelier in ihrer Heimatstadt betrieben hatte, dort ebenfalls eines hätte einrichten können. Ihre Kamera nahm sie mit nach Gaienhofen.

"'Das Zimmer der Frau', so, wie es im alten Hausplan eingezeichnet und benannt ist, ist ein wunderschöner Raum mit liebevollen Details, sehr schönen Fenstern", sagt Eva Eberwein."Und so wuchs meine Neugier auf die Frau, die in Basel Fotografin mit eigenem Atelier war und offenbar derart gut mit Farben, Formen und Proportionen umzugehen wusste."

Böse Gerüchte

2004 begannen ihre Recherchen, und sie stellte zu ihrem Erstaunen fest, dass es nahezu keine Informationen über diese Frau gab. Erst 2015 fand in der Ostschweizer Stadt St. Gallen eine Sonderausstellung zur Fotografin Mia Hesse-Bernoulli statt. Eberwein erfuhr einiges, das sie zum Teil verstörte: "Gerüchte wie, Mia sei schizophren gewesen, in einer Irrenanstalt gestorben, kursierten bei meinen Besuchern. Das weckte meinen Forscherdrang, und ich begab mich auf die Suche."

Fündig wurde sie unter anderem im Hermann-Hesse-Editionsarchiv des Suhrkamp-Verlags, wo bis dahin unbeachtet ein Karton mit Briefen von Mia Hesse an ihren Mann lag. Volker Michels, der Besitzer eines privaten Hesse-Editionsarchivs und Herausgeber der ersten Hesse-Gesamtausgabe, stellte ihr die Briefe zur Verfügung. Dieser Tage erschien im Suhrkamp-Verlag in Berlin zudem ein neues Buch zu Hermann Hesse: "'Mit dem Vertrauen, daß wir einander nicht verloren gehen können' – Briefwechsel mit  seinen Söhnen Bruno und Heiner". Herausgegeben von Michael Limberg in Zusammenarbeit mit Silver und Simon Hesse.

Dass Mia Hesse-Bernoulli Zeit ihres Lebens im Schatten des berühmten Ehemanns und Literaturnobelpreisträgers stand, findet Eberwein ungerechtfertigt: "Mia Hesse war nicht nur eine äußerst lebenskluge, couragierte und unabhängige Persönlichkeit, sondern machte auch als Fotografin Karriere." Die Geschichte begann so: 1902 lernte Mia Bernoulli bei einem Atelierfest den um neun Jahre jüngeren Hermann Hesse kennen. Der angehende Dichter arbeitete seit 1899 in der Reich’schen Buchhandlung und dann im Antiquariat Wattenwyl.

Ihre Heirat fand am 2. August 1904 in Basel statt. Das Paar zog anschließend in ein altes Bauernhaus in Gaienhofen, das Mia entdeckt hatte. Die landschaftlich reizvolle deutsche Halbinsel Höri zog seit Beginn des letzten Jahrhunderts zahlreiche Künstler und Literaten an. "Ich wohne also jetzt mit Frau in Gaienhofen, in einem lustigen Bauernhäuschen. Unser Leben hier ist einsam und ländlich, doch nicht ganz, was man poetisch-idyllisch nennt", schrieb Hesse einem Dichterkollegen.

Drei Söhne des Paares kamen in Gaienhofen zur Welt: Bruno (1905–1999), Hans Heinrich (genannt Heiner, 1909–2003) und Martin (1911–1968). Die Ehe zeigte jedoch schon bald Risse. Hermann und Mia Hesse verkauften ihr Haus 1912, um nach Bern zu ziehen. Als Mia Hesse im Oktober 1918 mit ihrem jüngsten Sohn Martin drei Wochen Ferien im Tessin machte, erlitt sie bei der Rückreise einen Nervenzusammenbruch, sodass sie in großer Verwirrtheit in ein Sanatorium gebracht werden musste. C. G. Jung untersuchte sie und diagnostizierte eine "katatone Störung akuten Charakters". Während des Umzugs von Bern nach Ascona hatte sie erneut einen Zusammenbruch und wurde wieder in eine Heilanstalt eingewiesen. Den elfjährigen Heiner nahm sie (zu Hesses Entsetzen) dorthin mit.

"Frau und Kinder abhängen"

Eine schwierige Ehegeschichte, die von Hermann und Mia, aber auch ein Indiz für die überhebliche Haltung der Psychiatrie, wie sie aus dem Brief von Jung an Hesse spricht. Spielte das Verhalten Hermann Hesses eine entscheidende Rolle? Dass Hesse die Psychiatrisierung Mias aktiv vorangetrieben habe, wird von Fachleuten bestritten. Die Beziehung zwischen Hermann und Mia hat sich später normalisiert, schon allein der Kinder wegen.

Hesses Briefe an seinen Psychiater Josef Bernhard Lang machen allerdings deutlich, dass sich Hesse den "bürgerlichen Aufgaben" mit Frau und Kindern nicht gewachsen sah: "Könnte ich Frau und Kinder abhängen, irgendwie, so wäre ich zufrieden, denn ich habe mich im Wesentlichen damit abgefunden, als Ersatz für wahres Leben die beiden schönen Betäubungsmittel zu brauchen: künstlerische Arbeit und Wein. Mein momentanes Problem, an dem ich vielleicht doch noch strande, ist einfach meine völlige Unfähigkeit zu den Sorgen und Geschäften des Augenblicks. Wenn nicht mein Schwager, oder sonst jemand, irgendwie Vormundsstelle für meine Frau und Kinder übernimmt, bin ich verloren und lege mich unter die nächste Eisenbahn", schrieb er im September 1919.

Im selben Jahr nahm Hesse seinen Wohnsitz im Tessin. Mia Bernoulli ließ sich nach der Scheidung 1923 in Ascona nieder und betrieb in ihrem Haus eine kleine Pension. 1942 brannte ihr Haus komplett ab, und sie kehrte nach Bern zurück, zunächst zu ihrem Sohn Martin. Im Frühjahr 1945 war sie in der privaten Nervenheilanstalt Klinik Sonnenfels bei Spiez. Bis zum Schluss war sie vielseitig interessiert und widmete sich ihrem geliebten Klavierspiel.

Sibylle Siegenthaler-Hesse, Enkelin von Mia Hesse-Bernoulli aus Bottmingen, erinnert sich: "Ich kannte meine Großmutter Mia sehr gut, da sie einige Jahre mit meinem Vater Martin Hesse und unserer Familie am Müslinweg 4 in Bern gelebt hatte. Mia Bernoulli war eine liebevolle, heitere, absolut unkonventionelle und unternehmungslustige Dame, die noch mit über 80 Jahren schwimmen ging und zum Beispiel auch mit mir kurzerhand Autostopp machte, als sie den Bus verpasst hatte."

Mia besaß in Ascona ein Haus mit schönem Garten und Blick auf den See. "Wenn sie mal kein Geld besaß, ging sie nach Locarno und spielte im Kino bei einem Stummfilm die passende Klaviermusik, mal frei improvisierend oder mal ab Noten." Später zog Mia Hesse-Bernoulli in ein Altersheim im Berner Stadtteil Schosshalde, wo sie im Alter von 95 Jahren am 13. Mai 1963 verstarb. Sie wurde auf dem Schosshaldenfriedhof beerdigt.

Immer nach dem Mann

Interessant ist die Parallele zu dem Haus, das der Maler Otto Dix 1936 in Gaienhofens Nachbarort Hemmenhofen ebenfalls am Bodensee bezogen hat. Das Landhaus mit Atelier wurde vom Geld seiner Frau Martha Koch bezahlt, ähnlich wie das Hesse-Haus am Erlenloh. "Es entsprach aber dem Zeitgeist, diese Häuser immer nach dem Mann zu benennen", meint Ursula Fuchs, Journalistin und Initiantin von literarischen Wanderungen auf den Spuren von Hermann Hesse in Gaienhofen. Seit ein paar Jahren heißt das Haus von Otto Dix "Museum Haus Dix".

Am 17. August 2019 wurde das Hermann-Hesse-Haus umbenannt; es heißt jetzt "Mia-und-Hermann-Hesse-Haus". Dies als Event zu begehen, finde er "etwas unverhältnismäßig", sagt der Hesse-Forscher Volker Michels. Ekkehard Faude, Historiker und Verleger in Lengwil im Schweizer Kanton Thurgau, sieht die Namensänderung  ebenfalls kritisch: "Man wundert sich ja kaum mehr, dass die Genderisierung nun auch die Hausbenennungen in der Touristikindustrie ergriffen hat. Da haben es die Hemmenhofener mit dem Dix-Haus doch schlanker, also besser gemacht. Wichtiger als die Umbenennung wird ja sein, dass von Mia Bernoulli im Innern mehr zu sehen ist."

Albert M. Debrunner, Germanist und Buchautor aus Basel, meint: "Mia Bernoulli hat es nicht nötig, auf diese Weise geehrt zu werden. Sie hat als eine der ersten Berufsfotografinnen der Schweiz ihren festen Platz im historischen Bewusstsein der Baslerinnen und Basler. Sie als Opfer Hesses darzustellen, ist absurd. Sie war eine für ihre Zeit sehr emanzipierte Frau und wurde von ihrem Mann gerade deshalb geschätzt und geliebt."

Der weibliche Blick

Frauen jedoch sehen das offenbar anders: "Die Umbenennung des Hauses in Gaienhofen finde ich sehr angemessen. Das Haus soll mindestens auch ihren Namen tragen. Mia Bernoulli ist mir von den drei Hesse-Frauen weitaus die liebste", sagt Martina Kuoni, Germanistin, Veranstalterin und Literaturvermittlerin in Basel, und ergänzt: "Mit Hermann Hesse zusammenzuleben, war sicherlich kein Spaziergang."

Welche Rolle letzteres spielte, bleibt ungewiss. Regina Bucher, Leiterin des Hermann-Hesse-Museums in Montagnola im Tessin, sagt: "Maria Bernoulli war mit Sicherheit eine sehr begabte Pianistin, Fotografin und eine intelligente und warmherzige Frau. Meines Erachtens haben sehr schwierige Umstände und die nicht unkomplizierte Beziehung zu psychischen Problemen geführt. Aber auch dazu gibt es verschiedene Theorien. Vielleicht wird man auf diese Frage nie eine endgültige Antwort erhalten."


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