Ausgabe 105
Wirtschaft

Unten durch

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 03.04.2013
"Wir können Infrastruktur, glauben Sie mir", sagt Bahnchef Grube. Unglaublich, wenn man sieht, wie er im Stuttgarter Untergrund werkeln lässt.

Abwasser auf Umwegen. Ganz rechts in der Grube: der Düker. Foto: Joachim E. Röttgers

Gegen alle Regeln der Kunst sollen Abwassermassen auf engstem Raum, mit zahlreichen Richtungswechseln, unter dem Bahnhofstrog hindurchgeleitet werden. Bereits erteilte Ausnahmegenehmigungen für den Nesenbach-Hauptwassersammler verstoßen gegen die Heilquellenschutzverordnung. 

Auf einer der vielen Montagsdemos warf Hans Heydemann, beratender Ingenieur für Energie- und Anlagentechnik und bereits an Heiner Geißlers Schlichtungsgesprächen beteiligt, einen Blick in die Baugrube des Technikgebäudes vor dem verbarrikadierten Nordausgang des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Was er dort sah, machte ihn misstrauisch. Da verlief ein Abwassersammler, der das Regenwasser eines großen Teils der Stuttgarter Innenstadt in Richtung Neckar abtransportiert, zweimal im rechten Winkel geknickt um den Rand der Baugrube. Dies konnte weder der ursprüngliche Verlauf sein noch der für Stuttgart 21 geplante, denn das meterdicke Rohr liegt höher als das geplante Bahnsteigniveau. Warum diese Interimslösung?

Über Umwege erhielt Heydemann Einsicht in die Planunterlagen. Was er dort sah, bestätigte seinen Verdacht, dass die unvermeidliche Dükerung, also die Umlenkung aller Abwasserkanäle aus der Innenstadt und dem Stuttgarter Westen unter dem geplanten Bahnhofstrog hindurch, nicht den Maßstäben genügt, die nach seiner beruflichen Erfahrung hier gelten müssten. Neben dem Nesenbachkanal, dem größten Abwassersammler, gibt es vier weitere: unter der Konrad-Adenauer-Straße, der Cannstatter Straße, der Lautenschlagerstraße und den von der Kriegsbergstraße her einmündenden Hauptsammler West. Heydemann hat sich vor allem die Planungen für die beiden Letzteren genau angesehen, die zusammengeführt und in einem Düker unter dem Tiefbahnhof hindurchgeleitet werden sollen.

Überschwemmung bei Starkregen und Ablagerungen in den Dükerkurven 

Ein Düker funktioniert nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren. Das bedeutet, am Unterhaupt stellt sich derselbe Pegel ein wie am Oberhaupt, ohne dass das Wasser dafür nach oben gepumpt werden müsste. Nun fließt aber in den Kanälen kein reines Wasser, und es fließt auch nicht immer gleichmäßig. Das Regenwasser, das von den Dächern und Straßen der ganzen Stadt in die Kanäle gespült wird, führt jede Menge Staub und Sinkstoffe mit sich. Verläuft der Kanal, wie in aller Regel bisher, mit gleichmäßigem Gefälle und Querschnitt geradeaus, spült das nachkommende Wasser den abgesetzten Schlamm bei stärkeren Regenfällen einfach wieder weg. Wenn aber abrupte Richtungswechsel, Veränderungen des Rohrprofils oder eben ein Düker die Fließgeschwindigkeit an bestimmten Stellen herabsetzen, kann es dort vermehrt zu Ablagerungen kommen. Zudem erhöht sich der Druck, was bei Starkregen zu einem Rückstau führen kann.

Genau solche Engpässe und Umlenkungen, die der Abwasseringenieur nach Möglichkeit tunlichst vermeiden sollte, gibt es aber in den Planungen zuhauf. Dies liegt an den beengten Platzverhältnissen zwischen Stadtbahn und Klettpassage, Technikbau, Bahnhofstrog und LBBW-Hauptgebäude. So soll der bisher gerade Hauptsammler West 40 Meter vor dem Technikbau um 50 Grad nach rechts schwenken. Im Dükeroberhaupt führen dann drei unterschiedlich dicke Rohre, je nach anfallender Wassermenge, steil in die Tiefe. Dann biegt der Kanal im rechten Winkel nach links, führt unter dem Bahnhofstrog hindurch und wird mit einer Steigung von 77 Prozent wieder nach oben gelenkt und an ein bestehendes, 3,70 Meter dickes Rohr angeschlossen.

Jede Menge Rohre für die Grundwasser-Umleitungen. Foto: Martin Storz

Zusätzlich soll auch der Sammler Lautenschlagerstraße, der auf einem wesentlich niedrigeren Niveau, nämlich um 3,69 Meter unter dem Hauptsammler West in Bahnhofsnähe ankommt, an den Düker angeschlossen werden. Damit erhöht sich die Gefahr, dass es hier bei Starkregen zu einem Rückstau und zu Überschwemmungen im gesamten Innenstadtgebiet kommen könnte. Zudem soll das früher schnurgerade Rohr in seinem Querschnitt von einem Meter auf 90 cm verringert werden, was die Abflussleistung um 20 Prozent verringert.

Bei der LBBW müssten eigentlich die Alarmglocken schrillen. Unmittelbar vor der Hauptfassade soll eine 20 Meter tiefe Baugrube für das Schachtbauwerk des Dükerunterhaupts ausgehoben werden, die bis 12 Meter unter die Fundamente der LBBW und zudem mehrere Meter in die Grundwasserschicht hineinreicht. Viel Raum ist nicht vorhanden: Der Abstand zum Bahnhofstrog beträgt gerade mal 15 Meter.

Heydemann hat noch viele weitere Fragen. 16 davon hat er in einem offenen Brief an das Tiefbauamt, den Oberbürgermeister, den Baubürgermeister und die Gemeinderäte gestellt. Er möchte wissen, inwieweit das Amt in die Planungen involviert war oder diesen zugestimmt hat, ob hydraulische Nachweise geführt wurden, um wie viel sich die Ablaufleistung der Kanäle durch die Dükerung verringert und die Aufstauhöhe vor dem Düker erhöht. Er fragt, was bei Starkregen-Ereignissen wie dem am 15. August 1972, als Teile der Innenstadt überflutet waren, passieren würde und ob nicht mit noch größeren Schäden gerechnet werden müsse. Und er bittet um Auskunft, wer in welcher Weise und wie oft die Dükerrohre von unvermeidlichen Schlammablagerungen reinigen soll, wer dafür aufkommt und inwieweit dafür überhaupt Vorsorge getroffen wurde. Die Frage stellt sich auch deshalb, weil das Stuttgarter Abwassersystem immer noch an eine amerikanische Briefkastenfirma verleast ist.

56 Fragen des Umweltamts warten noch auf Antwort 

Wie das Abwasserrohr in der Baugrube des Technikgebäudes zeigt, plant die Bahn offenbar immer nur schrittweise. Dass die Kosten dabei nur scheibchenweise ans Licht kommen, liegt auf der Hand. Und die schwierigeren Genehmigungen lassen sich erst mal auf die lange Bank schieben. Bereits im August will die Bahn nun im Schlossgarten mit dem Ausheben der Baugrube beginnen. Ohne Grundwassermanagement geht das nicht. Das ist aber erst zur Hälfte genehmigt. 56 Fragen des Umweltamts, das im Auftrag des Eisenbahnbundesamts die Planung überwacht, warten noch auf Antwort. Und der Nesenbachdüker müsste fertiggestellt sein, sollte das Abwasser nicht in die Baugrube fließen. Er ist aber noch nicht einmal fertig geplant.

Zwar hat Züblin vor einem Jahr den Auftrag für alle Arbeiten im Talkessel einschließlich der Düker übernommen, nachdem jahrelang kein Unternehmen bereit war, dieses Risiko auf sich zu nehmen. Aber die in der Planfeststellung festgehaltene Variante ist nun auf einmal nicht mehr aktuell. Grund ist, dass zwischen den beiden Stadtbahntunneln, die von der neu zu bauenden Haltestelle Staatsgalerie zum Bahnhof abbiegen, nur wenig Platz bleibt. 

In einer fast surrealen Informationsveranstaltung des Bezirksbeirats Mitte am 11. März erläuterte Gerd Maitschke, der Verantwortliche der Bahn für den gesamten Bereich der Talquerung, die Planung. Während von draußen die Pfiffe der Montagsdemonstranten hereintönten, warf Maitschke permanent die Begriffe Ober- und Unterhaupt durcheinander, sprach von S-Bahn statt Stadtbahn und von einem "bestehenden Düker" – den es nicht gibt, denn der Nesenbach-Sammler führt bisher nicht in die Tiefe, sondern macht seit dem Stadtbahnbau der 1970er-Jahre nur einen Bogen zur Seite. Im Bereich des Südkopfs des geplanten Tiefbahnhofs stellte Maitschke eine "nicht definierte Gründungssituation" fest, weil dort Dolinen, also mit lockerem Material gefüllte Hohlräume entdeckt worden seien. Tatsache ist, dass die Dolinen der Bahn spätestens mit Abschluss des Bohrprogramms 2004 bekannt gewesen sein müssen, bei der Planfeststellung jedoch verschwiegen wurden. "Es werden wahrscheinlich insbesondere Rammpfähle sein, um die Dolinen im Grunde genommen zu schließen", führte der Projektleiter der Bahn weiter aus und erntete verwunderte Zwischenrufe: "Wie bitte?" "Das geht doch gar nicht."

Abenteuerliche Pfahlbauten in der Grundgipsschicht

Auf dem Südkopf des Bahnhofs soll die neue Stadtbahnhaltestelle Staatsgalerie aufliegen. Anders als bisher soll der Tunnel vom Bahnhof in Richtung Staatsgalerie und Neckartor unter dem Königin-Katharina-Stift hindurchführen. Vor diesem Tunnelarm bleibt somit kein Platz für das Dükeroberhaupt. Folglich kann der Düker die Stadtbahn hier nicht unterqueren, wie dies ursprünglich geplant war. Unterhalb der zweiten Stadtbahnröhre in Gegenrichtung ist aber für das Oberhaupt aufgrund der Kurvenradien wiederum zu wenig Platz, sodass die Bahn momentan die Lösung favorisiert, den Kanal auf dem engen Raum zwischen den beiden Röhren 18 Meter weit in die Tiefe zu führen.

Was dann folgt, ist abenteuerlich. "Es gibt zusätzliche Pfähle, die selbstverständlich nicht in die Grundgipsschichten eingreifen", behauptet Maitschke in Bezug auf die Gründung des Dükers. Das kann gar nicht sein, denn bereits die genehmigten Pläne sehen vor, dass der Nesenbachdüker, in eklatantem Gegensatz zu den Bestimmungen der Heilquellenschutzverordnung, selbst in die Grundgipsschichten einschneidet. AlsBefreiungs-Tatbestand ist ausdrücklich festgehalten: "flächenhafter Eingriff in die Grundgipsschichten". Die Gründungspfähle reichen naturgemäß noch tiefer. In den Ausführungen zum Dükerunterhaupt ist auch ganz explizit von "Pfahlbohrungen, die in die Grundgipsschichten reichen", die Rede. Dabei wird die Dicke dieser Schicht nur auf drei bis sechs Meter geschätzt, und genau hier zieht sich eine Verwerfung quer durch den Mittleren Schlossgarten.

Was passiert, wenn bei der Herstellung des Dükers im bergmännischen Druckluftverfahren eine nachlassende Schüttung der Mineralquellen registriert wird, bleibt abzuwarten. Rein theoretisch gibt es drei Möglichkeiten: Entweder der Mineralwasserstrom in Richtung Bad Cannstatt versiegt. Oder das Projekt Stuttgart 21 wird abgebrochen. Oder aber es werden umfangreiche und komplizierte Maßnahmen eingeleitet, um ein weiteres Aufsteigen des Mineralwassers zu verhindern und den Weiterbau zu ermöglichen. Ob dies gelingt, steht in den Sternen. Sicher ist, dass dies zu hohen zusätzlichen Kosten und langen Verzögerungen führen würde. Warum ein Eingriff in die Grundgipsschichten überhaupt genehmigt wurde, bleibt unerfindlich.


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