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"Menschen lieben SUVs", sagt Bernhard Mattes, der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VdA). Ein Satz wie ein Offenbarungseid, zeigt er doch, dass den Herstellern ihre Geschäfte wichtiger sind als das Weltklima.

Winfried Kretschmann hat den Strategiedialog Automobilwirtschaft Baden-Württemberg erfunden, inklusive Kürzel SDA BW. Es handle sich um "ein neues Format der institutionalisierten Zusammenarbeit", rühmt sich das Staatsministerium, und "verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, der über Branchengrenzen hinweg Innovationspotenziale eröffnen soll". Im engen Schulterschluss von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Arbeitnehmerverbänden, Verbraucherorganisationen, Umweltverbänden und Zivilgesellschaft würden in den kommenden sieben Jahren Projekte, Maßnahmen und Konzepte erarbeitet, "um den Transformationsprozess der baden-württembergischen Automobilindustrie erfolgreich zu gestalten".

Klingt schön, stimmt aber nicht. Denn nähme Kretschmann den Anspruch ernst, hätte er der Autoindustrie längst die Leviten gelesen. Öffentlich, damit es sich dem Publikum einprägt und alle Welt sich daran erinnert, dass Grüne grüne Politik machen. Schnell würde Gegenwind heftig blasen und Union wie FDP sich gewiss umgehend schützend vor die SUV-LiebhaberInnen stellen. Wenn es aber eine Menschheitsaufgabe ist, wie Kretschmann sagt, den Klimawandel zu begrenzen, müssten gerade von denen, die viel Vertrauen genießen in der Wählerschaft, die Gegenoffensiven kommen. Mit Botschaften, die weit über Untertürkheim und Zuffenhausen hinaus gehört werden.

Die Autobranche bettelt um eine Breitseite

Die Grüne Jugend macht es vor. Den aktuellen Anlass bietet ihr die Internationale Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt. Denn deren Veranstalter, der VdA, bettelte geradezu um eine Breitseite, indem sie die 68. Schau ihrer Art zur "internationalen Plattform für die Mobilitätswende" verklären. "Hier treffen sich Konzernbosse und Verkehrsminister – und erschaffen gemeinsam ihr glitzerndes Image", schreibt die Grüne Jugend als Teil der in "Sand im Getriebe" organisierten Gegenbewegung, "und das Klima zahlt die Rechnung ihrer fossilen Statussymbole."

Die InitiatorInnen stellen sich in ihrem Aufruf in eine Reihe mit "Greta, Rezo, dem Papst". Sie alle hätten "erkannt, dass die drohende Klimakatastrophe nur noch durch sofortige, radikale Maßnahmen abgewendet werden kann". Zu einer großen Gegen-Demo und zu Blockaden ist aufgerufen, "um den öffentlichen Raum zurückzuerobern, den Autos sich genommen haben und den die Politik für sie verteidigt". Nur zehn Minuten Lokalaugenschein, etwa in der Tiefgarage unterm Stuttgarter Schillerplatz, offenbaren das Chaos, das zu dicke, zu breite und zu lange Autos schon allein wegen ihrer Abmessungen verursachen. Erst allerdings mussten vier Passanten in Berlin nach einer Kollision mit einem Porsche Macan sterben, um eine ernsthafte Diskussion über ein Innenstadtverbot für die Protz-Vehikel auszulösen.

Und um Daimler klar zu machen, wie absurd und gefährlich die eigene Werbelinie ist. Denn tatsächlich lieben viele Leute SUVs, genauer: viel zu viele. Allerdings auch deshalb, weil ihnen diese Liebe zum Statussymbol eingetrichtert wurde. Mit Slogans wie "Sie jagen gern Abenteuer in der Großstadt?" oder "Wenn dieser Sommer noch nicht warm genug war, dann heizt der Mercedes-AMG GLA 45 4Matic mit diesem heißen, roten Lack noch mehr ein". Es habe sich um Ironie gehandelt, hieß es später. Bitterer Ernst hingegen ist der CO2-Ausstoß von 193 Gramm pro Kilometer. Aber der Hang zu brachialen Werbebotschaften ist den Automobil-FetischistInnen eben in Fleisch und Blut übergegangen. Bereits 1933 lautet das Motto der 23. Internationalen Automobil- und Motorrad-Ausstellung "Vollgas Voraus".

Sand nicht ins Getriebe, sondern in die Augen der KonsumentInnen streuen jene, die die Bedrohung schönreden wollen. "Die großen SUVs machen nur vier Prozent aus", sagt Mattes. Viele Produkte in diesem Segment seien "kompakte kleine und mittlere Fahrzeuge, vergleichbar mit Minivans". Praxistests belegen allerdings, dass mit unter sechs Litern nur diejenigen auskommen, die die Kunst der sparsamen Fahrweise beherrschen und praktizieren.

In weite Ferne gerückt ist also das Drei-Liter-Versprechen. Kleiner Auszug aus dem Daimler-Blog, veröffentlicht 2008 (!): "Vor einigen Jahren gewährte der deutsche Staat sogenannten 3-l-Autos bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, also insgesamt über mehrere Jahre, die Befreiung von der KFZ-Steuer. Und dann stimmten alle in einen Jammerchor ein und behaupteten, ‚der Markt hat das 3-l-Auto verschmäht und das 3-l-Auto ist nicht machbar‘. (...) Mir geht dann jedes Mal der Hut hoch. (...) Und sage: Man muss es halt richtig machen."

Auch in grüngeführten Häusern ist Auto-Großsprech angesagt

Da war jene IAA (Motto: "Sehen, was morgen bewegt"), auf der die Hersteller ökologische Innovationen reihenweise versprachen, gerade ein paar Monate vorbei. Und bestimmt würden viele Menschen gerade solche Gefährte lieben – wären sie bloß vorrätig. Dass und wie daraus nicht wurde, könnte auch Thema beim Strategiedialog. Viel lieber allerdings stellt das Staatsministerium seine inzwischen 35 "Meilensteine" dar, weil beim Thema Auto selbst in grüngeführten Häusern offenbar Großsprech angesagt ist. Zu einem Meilenstein mit der Inschrift "Jetzt reden wir mal ernsthaft über den Klimawandel" hat es noch nicht gereicht.

Nicht einmal auf der Sommertour von Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) im Großraum Stuttgart. Das Stichwort Klima kam, wenn überhaupt, nur vor im Zusammenhang mit Appellen an die EU, die Berechnungsgrundlage der Grenzwerte zu verändern. Oder wenn es darum ging, für eine weitere Verschleierungstaktik der Hersteller zu werben: "Angesichts des dramatischen Klimawandels brauchen wir statt der bisherigen ‘tank-to-wheel‘ außerdem endlich eine ‘well-to-wheel‘-Betrachtung, also eine Gesamtbetrachtung von der Quelle an und nicht bloß vom Tank bis zum Rad." Ehrlich wäre es, ganzheitliche Ökobilanzen vorzulegen, über die gesamte Lebensdauer vom Bau bis zur Verschrottung, statt die eigenen Botschaften in fadem Denglisch zu verwässern.

Kretschmann selber hatte 2011, bei seinem allerersten Besuch der IAA (Motto: "Zukunft serienmäßig") im neuen Amt, die Latte reichlich hoch gelegt: "Was Besseres kann der IAA gar nicht passieren, als den grünen Ministerpräsidenten da zu haben." Dass diesem Satz jedenfalls bisher die GeisterfahrerInnen in den großen oder kleinen SUVs eher zustimmen können als die Aktivistinnen von "Sand im Getriebe", ist noch so ein Offenbarungseid. Die IAA 2017 (Motto: "Zukunft erleben") haben der Ministerpräsident und seine Wirtschaftsministerin gemeinsam besucht. Klare Worte wieder Fehlanzeige, stattdessen Unverbindliches á la: "Das Auto der Zukunft wird emissionsfrei fahren." Oder: "Die Automobilwirtschaft erlebt zurzeit wahrscheinlich den größten Wandel in ihrer Geschichte."

Die Preise für E-Autos bleiben hoch und die Reichweite niedrig

Dabei war da längst die Aussicht über den Horizont gezogen, dass gerade heimischen Hersteller künftige, strengere CO2-Grenzwerte kaum erreichen werden, wenn sie nicht einen Innovationszahn zulegen. Inzwischen gelten ab 2021 höchstens 95 Gramm für alle neu zugelassenen Wagen, was ungezählte Benziner- und Diesel-Modelle nicht bringen. Nach der aktuellen Statistik gibt es in Deutschland bei 2,5 Millionen Pkw, aber nur 42 000 Elektroautos. Und Besserung ist kaum ins Sicht. Denn noch immer bleiben die Preise hoch und die Reichweiten gering, wie sich zum Beispiel am neuen elektrischen Opel Corsa beweisen lässt, der – als billigster seiner Art – 30 000 Euro kostet und über 300 Kilometer nicht hinauskommt. (Die ganz große Frage, wie eigentlich der viele neue Strom ökologisch produziert werden soll, mal ganz außen vorgelassen.)

"Unsere Aktion richtet sich gegen eine Industrie, die immer größere CO2 Dreckschleudern für unsere Straßen produziert und keine Verantwortung für ihre kriminellen Machenschaften übernimmt", schreiben die Dutzenden Organisationen, die sich als "Sand im Getriebe" versammelt haben in ihrem Konsens allen Verantwortlichen ins Stammbuch, "wir protestieren damit aber auch gegen die untätige Politik, die einen ökologischen und nachhaltigen Umbau unseres Verkehrssystems aktiv verhindert und so die Autoindustrie deckt und stützt."

Und so gesehen kommt die gute Nachricht zur 68. IAA aus Brüssel. Für den Klimaschutz zuständig sein wird in der neuen EU-Kommission der Niederländer Frans Timmermans. Der ist zwar kein Grüner, aber ein Sozialdemokrat und bekannt als harter Hund, wenn es darum geht, Widerstand zu leisten gegen die Verwässerung von Schadstoff-Grenzwerten. Er liebt keine SUVs, sondern plädiert für eine CO2-Steuer, die Großemittenten be- und kleine wie mittlere Einkommen entlastet. Das wäre ein Weg, um auf kurz oder lang und hoffentlich rechtzeitig zur Drosselung der Erderwärmung, die richtigen Autos auf die Straße zu bringen. 2021 ist wieder eine IAA, die 69. und deren Motto könnte lauten: "Wir haben verstanden."


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