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Trip nach vorgestern

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Der Investor der umstrittenen Sedelhöfe, des "Langzeit-Lochs" in der Ulmer Innenstadt, ist pleite. Doch kaum scheint das 170-Millionen-Euro-Problem gelöst, droht neuer Ärger. Der Gemeinderat kippt die sicher geglaubte Verkehrsberuhigung.

"Der Giftbecher ist an uns vorbeigegangen." Mit einem Seitenblick auf den Ex-Investor MAB Development sprach Stadtplaner Dietmar Reinborn nicht wenigen Kritikern des Ulmer Sedelhof-Projekts aus den Herzen. Nimmermüde hatten Bürgerinitiativen einst die Intransparenz des Verfahrens für den Bau eines Einkaufszentrums beklagt und den Ausverkauf des kommunalen Tafelsilbers befürchtet. Der Rabobank-Tochter haben die wenigsten über den Weg getraut. Jetzt ist sie pleite.

Monatelang gähnte das veritable Bauloch zwischen Hauptbahnhof und Fußgängerzone, anstatt das angestrebte Bindeglied und die Ergänzung der groß angelegten Umgestaltung der westlichen Innenstadt zu werden: eines Umbaus des Hauptbahnhofs zu einem "multifunktionalen Verkehrs-, Handels- und Dienstleistungszentrum", inklusive tiefergelegter Bahnhofshalle, unterirdischen Anbindungen in die Innenstadt und einer viergeschossigen Tiefgarage unter dem Bahnhofsvorplatz. Verbunden mit einem zweispurigen Rückbau der Friedrich-Ebert-Straße, auf der nicht selten mehr PS als Gehirnzellen unterwegs sind.

Was die Sedelhöfe betrifft, kommt der Heilsbringer nun aus Hamburg und heißt Dahler & Company, wohinter ein Zweig der Verlegerfamilie Jahr (Gruner & Jahr) steht. Im Gegensatz zu den Vorgängern stößt das Konzept des hanseatischen Immobilienentwicklers allenthalben auf Zustimmung.

Es sieht kein geschlossenes Einkaufszentrum vor, sondern ein durch öffentliche Wege verbundenes offenes Wohn- und Einkaufsquartier in mehreren Gebäuden mit einer 18 000 Quadratmeter großen Handelsfläche und 8000 Quadratmetern für Wohnungen. Gegenüber dem Bahnhof soll ein neuer Platz als Eingang zur erweiterten Fußgängerzone entstehen, was vor allem der IHK und den Einzelhändlern schmeckt, die immer befürchtet hatten, dass die bisherige Einkaufsmeile durch die Sedelhöfe von den Kundenströmen abgeschnitten würde.

Das Areal sei derzeit ein noch ungeschliffener Diamant mit "den besten Handelsflächen zwischen Stuttgart und München", ist sich Lothar Schubert, Geschäftsführer der DC-Commercial, einer Gesellschaft der Dahler & Company Group, sicher: "Es wird sich mit unserem Konzept wie der Phönix aus der Asche erheben." Ihm schwebt ein Einkaufserlebnis mit "coolen Marken" vor, das mit der Internet-Welt konkurrieren könne. Bereits 2018 will Schubert das Areal eröffnen – und postwendend versilbern. Zumindest hat er durchblicken lassen, dass er bereits einen Interessenten an der Angel habe, mutmaßlich eine Fondsgesellschaft.

Davon lassen sich die Ulmer Stadtplanungsstrategen nicht irritieren. Eher schon von den unerwarteten Störfeuern aus den Reihen der Stadträte. Hinsichtlich des als gesichert angenommenen Rückbaus der Friedrich-Ebert-Straße vor dem Hauptbahnhof hat die Verwaltung nie und nimmer mit dem Rückfall in die alte Mobilitätsromantik gerechnet. Zumal Verkehrsgutachter in einer Machbarkeitsstudie nachgewiesen haben, dass die Verkehrsströme einen Rückbau verkraften würden, abgesehen davon, dass es seit etlichen Jahren erklärte Stadtpolitik ist, den Individualverkehr aus der Innenstadt zu verdrängen. Dennoch fielen die Rückbaupläne durch.

Und weil sie gerade schon auf dem Trip nach vorgestern waren, hätten die Stadträte um ein Haar auch noch die geplante Tiefgarage unter dem Bahnhofsvorplatz gekippt. Erwartungsgemäß hatte die IHK flankierend zur Podiumsdiskussion geladen und die CDU im Vorfeld Flyer verteilt: "Hochgarage statt Schuldenloch." Mindestens 20 Millionen Euro könnten beim Bau eines Parkhauses gespart werden, rechnete Fraktionsvorsitzender Thomas Kienle vor. Genutzt hat es nichts: Der Ulmer Gemeinderat beschloss mehrheitlich den Tiefgaragenbau mit 520 Stellplätzen – weitere sollen in die Sedelhöfe kommen. Damit bleibt es bei der eingeschlagenen Richtung für den City-Bahnhof: Es geht abwärts.


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2 Kommentare verfügbar

  • By-the-way
    am 10.05.2015
    Antworten
    WUNDERBAR, wenn´s in Ulm genauso aussieht, wie in Stuttgart!

    Bau-Brachen, bitte möglichst Jahrzehnte lang, das haben sich die Ulmer verdient.

    Dafür werden sie eines sehr fernen Tages 10 Minuten früher in Bratislava sein...
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