KONTEXT:Wochenzeitung
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Wenn das Wort öffentlich wird

Wenn das Wort öffentlich wird
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 Fotos: Joachim E. Röttgers, Jens Volle und Timo Kabel 

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Hurra, wir leben noch: Kontext und die Kulturinsel, die "Beobachter News", "Blix" und Zeitenspiegel, die AnStifter ohnehin, "Correctiv" und natürlich Georg Dengler. Wenn das kein Grund zum Feiern ist. Unser erstes Pressefestival will eine Tradition begründen, zur Rückenstärkung in schwierigen Zeiten.

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Was musste nicht alles gelesen werden in der Familie Grohmann. Damals in Breslau die "Jüdische Volkszeitung" und die "Schlesische Zeitung", später ein Nazi-Blatt, aber natürlich nur "aus taktischen Gründen", die "Volkswacht" in der DDR, dann im Westen der "Alb-Bote", die "Schwäbische Zeitung", der "Reutlinger General-Anzeiger" während der Lehrzeit. "In Stuttgart", erzählt Peter Grohmann, "las ich meine eigenen Leserbriefe", die proletarischen "Stuttgarter Nachrichten" und die "Cannstatter Zeitung". Schließlich in Dresden, nach dem Fall der Mauer, die taz und die "Frankfurter Rundschau". Und, wieder zurück in Stuttgart, die StZ. Heute empfindet es der 80-Jährige wie viele auf der Kulturinsel – der Umgang der beiden Landeshauptstadtblätter mit Stuttgart 21 hat ihm "den Nerv geraubt, den Spaß genommen" und vor allem den Glauben, "wenigstens ans Bemühen, unabhängig Bericht zu erstatten".

Kontext hat die Frage "Was wollen wir lesen, sieben Tage lang?" ins Zentrum des bunten Treffens gerückt. 500 Interessierte haben über den vergangenen Samstag verteilt den Weg gefunden. Unter ihnen Edzard Reuter mit Frau Helga, Dieter Reicherter und sein Richterkollege Christoph Strecker, Veronika und Michael Kienzle, JournalistInnen von "Holzmedien". Wolfgang Schorlau hat Georg Dengler im Angebot, über den er spricht wie über einen Freund. Wenn er vom Wert der Derivate berichtet, der so hoch ist, "dass man zwölf Mal alles kaufen könnte auf der Welt, was es zu kaufen gibt", wenn er beschreibt, wie sich sein Held auf der griechischen Insel Tinos selbst ins Abseits manövriert, indem er zuerst bei der Kniewallfahrt einen Behinderten mimt, um dann als Verfolger seiner Zielperson für wundergeheilt gehalten und am Aufbruch gehindert zu werden, dann kehrt gespannte Aufmerksamkeit ein im Biergarten. Aber Krimis sieben Tage lang?

Auch ein Trost: NRW ist noch viel schlimmer

Susanne Stiefel, Kontext-Chefredakteurin, will "hintergründigen Journalismus", unabhängig und kritisch. Keine Katzenvideos. Dieses Credo wird bestimmt von allen geteilt, von den 200 ZuhörerInnen und von dem Quartett, das sich unter Anleitung von Stefan Siller zu einer Podiumsrunde zusammengefunden hat. Nachdem die StZN auch noch die "Esslinger Zeitung" und "Böblinger Kreiszeitung" geschluckt haben, spricht Stiefel von "Mainstream-Presse", Oliver Schröm, Chefredakteur des Rechercheteams "Correctiv", hält dagegen die Zeitungslandschaft im Südwesten für immer noch ausgesprochen vielfältig. NRW sei viel schlimmer, sagt er. Für "Anstalt"-Autor Dietrich Krauß stellt sich die Frage nach der Wunschlektüre gar nicht erst. Er muss bestimmte Texte lesen in der Vorbereitung auf die nächste Sendung: "Alle vier Wochen begebe ich mich in einen Thementunnel, leicht autistisch und fixiert." Und immer aufs Neue nutzt er "die irre Möglichkeit, über das Netz an sehr viel Sachen ranzukommen".

Das wirft nicht nur in dem dichtbesetzen Saal, in dem die Zuhörerschaft immer weiter zusammenrücken muss, mehr als nur ein Schlaglicht aufs Spannungsfeld zwischen Hol- und Bringschuld von MedienkonsumentInnen. Eine freundliche Frau bekennt, ihre StZ jetzt abbestellen zu wollen. Nach einigem Hin und Her stellen sich als Hauptgründe weniger die Inhalte heraus, sondern eher Zeitmangel, veränderte Lebensgewohnheiten und das Gefühl, sich im Internet hinlänglich informieren zu können.

In einem ausrangierten Eisenbahnwagon sitzen die Menschen auf Kinderstühlen und lassen sich von den Autoren Daniela Engist und Anton Hunger erzählen, wie die Kommunikationsbranche tickt. Beide wissen, wovon sie sprechen, beide haben in diesem Beritt gearbeitet, jeden Tag bemüht, den JournalistInnen Hochglanz zu verkaufen. Und beide finden, dass die Schriftstellerei viel besser ist.

Die Jungen sprechen von Omas guter alten Zeitung

Draußen im sonnigen Inselgarten loben einige junge Besucher das Angebot im Netz, und dass schon deshalb die "gute alte Zeitung meiner Oma" ausgedient hat. Die Antworten auf die Frage, was denn regelmäßig gelesen wird, gehen aber unter – in einer Debatte über die dringend nötige Rettung der Kulturinsel. Infos zu der Einrichtung, die 2012 gegründet wurde und sich als Plattform "für Subkultur im urbanen Umfeld" versteht, findet einer auf der Homepage, eine anderer liest Details vor über 600 Neubauwohnungen im neuen Neckarpark. Funktioniert doch, sagt er, wer etwas wissen will, findet es, "und zwar kostenlos".

Noch so ein Missverständnis. "Wir müssen Bewusstsein dafür schaffen, dass es guten Journalismus nicht umsonst gibt", sagt Schröm. Und ohne Anzeigen übrigens genauso wenig. Deshalb: "Wenn der 'Spiegel' 15 Euro kosten würde statt fünf, würde ihn niemand mehr kaufen". Die stellvertretende taz-Chefredakteurin Katrin Gottschalk bringt's auf den Punkt: "Es ist ganz einfach, denn Leute, die ein bestimmtes Medium erhalten wollen, müssen dafür zahlen." Als KäuferInnen, als GenossInnen, als Soli-GeberInnen oder AbonnentInnen oder sogar als SteuerzahlerInnen. Krauß bringt die Idee einer öffentlich-rechtlichen Presse ins Spiel, analog zum Rundfunk.

Immer wieder in den vergangenen Jahrzehnten sind dagegen aber verfassungsrechtliche Bedenken laut geworden, erinnert einer der Juristen im Auditorium. Ebenso wie gegen eine direkte Presseförderung, etwa weil einerseits Erzeugnisse gleichbehandelt werden und Wettbewerbsverzerrungen vermieden werden müssten. Pauschalförderungen wiederum könnten Meinungsmonopole noch befördern, statt ihnen entgegenzutreten. Frankreich kennt ein System der direkten staatlichen Subventionierung. Vor zehn Jahren wollte Nicolas Sarkozy 600 Millionen Euro ins bestehende System pumpen. "Eine Hand wäscht die andere", titelte die linksliberale "Libération" angesichts der vielen Verlegerfreunde des Präsidenten, der Plan scheiterte. Susanne Stiefel kann staatlicher Förderung einiges abgewinnen, weil es doch nicht sein könne, dass Krimi-Autoren oder Satiresendungen "die wahren Wächter werden".

Im Biergarten wird weiterdiskutiert

Dass so viel Vertrauen verloren gegangen ist, hat auch mit fehlender Transparenz zu tun. Krauß erinnert an den Sonderstatus von Verlagen als sogenannte Tendenzbetriebe mit eingeschränkten Betriebsratsrechten und daran, dass es seit 1996 keine öffentlich einsehbare Statistik mehr gibt über die wirtschaftliche Situation der Unternehmen. Die Folge: "Wir wissen gar nicht, ob es den Verlagen wirklich so schlecht geht, wie sie tun." Die taz, sagt Gottschalk, kann inzwischen auf 12 000 Personen zählen, die jeden Monat Geld für die Lektüre im Netz abdrücken. Kontext will eine "Schneise in den Mediendschungel schlagen" (Stiefel) und da sei es "egal, ob ein gut recherchierter Artikel im Netz steht oder gedruckt wird".

Stundenlang wird weiter diskutiert, draußen im Biergarten, unter den bunten Sonnensegeln, über den VfB, der die Bayern vier zu eins geschlagen hat, über Inselgrün, das Urban-Gardening-Projekt der Kulturinsel und die Frage, wie Kindern und Jugendlichen der Konsum klassischer und/oder alternativer Medien schmackhaft zu machen ist, wie die alternativen Medien wachsen können. Peter Grohmann, der gelernte Schriftsetzer, ein "Jünger der schwarzen Kunst", wie er selber sagt, denkt laut nicht nur darüber nach, was wir lesen wollen, sondern wie ein Text überhaupt anfängt zu existieren. Seine Antwort: "Wenn man sich so seine Gedanken macht. Wenn man versucht, seine Gedanken festzuhalten. (...) Natürlich wissen wir, dass damit noch nichts gesagt ist, kein Wort. Gesagt ist es erst, wenn das Wort öffentlich wird."

Manchmal, meint der Kabarettist irgendwann, liest er die Stuttgarter Zeitungen doch noch. Etwa im vergangenen Oktober, als ihm die Blätter zum Geburtstag zuriefen: "Noch lange gesund bleiben und eifrig mitmischen!" Zum Beispiel beim zweiten Pressefestival seiner Art im nächsten Jahr. Die Reihe wird also fortgesetzt – am liebsten auf der Kulturinsel, wenn die denn überlebt. Und mit den Beobachternews und dem Freien Radio, mit den Anstiftern, der taz natürlich und Georg Dengler und weiteren Projekten. Warum, wird Susanne Stiefel bei der Podiumsdiskussion gefragt, hat Kontext nicht mehr Soli-GeberInnen? "Ja, warum?", fragt sie zurück, "warum haben wir nicht mehr, ich würde es begrüßen."

 

Was wir lesen, hören, sehen und bei wem wir uns bedanken wollen für ihre Programmbeträge:

Wolfgang Schorlau, "Der große Plan", KiWi-Paperback, € 14,99
Anton Hunger, "Der Pakt mit dem Teufel", Klöpfer & Meyer, € 22,-
Daniela Engist, "Kleins Große Sache" Klöpfer & Meyer, € 25,-
Werner Dannemann,
zur Website
Merry Judge,
zur Website
Joachim E. Röttgers,
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3 Kommentare verfügbar

  • Andromeda Müller
    am 21.05.2018
    Antworten
    Zitat:" Oliver Schröm, Chefredakteur des Rechercheteams "Correctiv, hält dagegen die Zeitungslandschaft im Südwesten für immer noch ausgesprochen vielfältig. NRW sei viel schlimmer, sagt er. "
    Das Private und Gesponserte wie "Correctiv" per Justizminister Maas zu Zensurbehörden erhoben worden…
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