Thema im Corbusier-Comic: das so strikte wie unbequeme Bettmaß. Mehr Comic-Seiten mit Klick auf den Pfeil. Fotos: Carlsen Verlag und Edition Moderne

Thema im Corbusier-Comic: das so strikte wie unbequeme Bettmaß. Mehr Comic-Seiten mit Klick auf den Pfeil. Fotos: Carlsen Verlag und Edition Moderne

Mies van der Rohes Villa Tugendhat in Brünn, gebaut für ein jüdisches Ehepaar, 1939 besetzt von den Nazis.

Mies van der Rohes Villa Tugendhat in Brünn, gebaut für ein jüdisches Ehepaar, 1939 besetzt von den Nazis.

Van der Rohe vor der Farnsworth-Villa. Bauherrin Edith Farnsworth redete ihm zu sehr drein.

Van der Rohe vor der Farnsworth-Villa. Bauherrin Edith Farnsworth redete ihm zu sehr drein.

Die beiden Türme, die stilistisch dem Seagram-Building in New York ähneln, kommen im Comic nicht gut weg. Zu viele Parallelen zur Räumung der Mecca-Apartments, Chicago, unter der ebenfalls vor allem die schwarze Bevölkerung zu leiden hatte.

Die beiden Türme, die stilistisch dem Seagram-Building in New York ähneln, kommen im Comic nicht gut weg. Zu viele Parallelen zur Räumung der Mecca-Apartments, Chicago, unter der ebenfalls vor allem die schwarze Bevölkerung zu leiden hatte.

Der Rabe, französisch Corbeau – le Corbusiers Spitzname leitet sich von dem Vogel ab. Er und seine Federn zieren manche Comicseite.

Der Rabe, französisch Corbeau – le Corbusiers Spitzname leitet sich von dem Vogel ab. Er und seine Federn zieren manche Comicseite.

Le Corbusiers Nachbarin, die Designerin Eileen Gray (von ihr stammt der Tisch im Bild unten, den auch manches Wohnzimmer hierzulande schmückt), in ihrer Villa. Die Wände hat der Meister selbst bemalt.

Le Corbusiers Nachbarin, die Designerin Eileen Gray (von ihr stammt der Tisch im Bild unten, den auch manches Wohnzimmer hierzulande schmückt), in ihrer Villa. Die Wände hat der Meister selbst bemalt.

Ausgabe 445
Schaubühne

Der Rabe und der Bauhäusler

Von Rupert Koppold
Datum: 09.10.2019
Das hat noch gefehlt: Zwei neue Comic-Bände befassen sich mit Mies van der Rohe und Le Corbusier, den Päpsten der Architektur-Moderne. Und beide schrecken sie nicht vor ketzerischen Tönen zurück.

Hurra, wir haben Bauhaus-Jahr! Begleitet und meist gefeiert wird es zum Hundertsten in Artikeln, Essays, Büchern, Ausstellungen, Dokumentationen und sogar einer TV-Serie. So viel Gropius, so viel Mies van der Rohe, so viel Berlin, Dessau und Weißenhof-Siedlung war wohl noch nie. Aber halt! Die 1927 entstandene Weißenhof-Siedlung ist streng genommen gar kein Bauhaus-Projekt: Der Bauhäusler van der Rohe hatte zwar die Planungshoheit, aber er holte sich für das Stuttgarter Projekt auch andere Architekten, unter anderem Le Corbusier, dessen Beitrag inzwischen als Weltkulturerbe geadelt wurde.

Für den Romancier und Journalisten Tom Wolfe ("Fegefeuer der Eitelkeiten") wirkte die Siedlung trotzdem wie aus einem Guss, in seinem 1981 erschienenen und ironisch-sarkastischen Buch "From Bauhaus to our House" ("Mit dem Bauhaus leben") schreibt er: "Außenseiter erstaunte die Harmonie oder Eintönigkeit (das hing davon ab, ob sie den Stil mochten oder nicht) in der Arbeit dieser Architekten aus vier verschiedenen Ländern … Die Wahrheit war, dass der interne Mechanismus des Wettbewerbs innerhalb des Verbundes, der unverwüstliche Reduktionismus – nonbourgeois! – sie alle in dieselbe winzige kubische Schachtel gezwängt hatte …" Übrigens hat auch Adorno in Bezug auf die Bauhaus-Architektur von "Konservenbüchsen" gesprochen.

Mies van der Rohe und Le Corbusier waren schon beim Bau der Weißenhof-Siedlung berühmt, in den Jahren und Jahrzehnten danach aber stieg ihr Ruhm ins Unermessliche. Der moderne Stil, der nicht nur die äußere Architektur bestimmt, sondern auch deren Innenausstattung, hielt sogar schon früh Einzug bei "Tim und Struppi": "Im fünften Band des Comics aus dem Jahr 1934 zeichnete Hergé den 'MR-10' Stuhl von Mies van der Rohe aus dem Jahr 1927, ein Objekt, das – wie auch Hergés vereinfacht-abstrahierender Zeichenstil 'Ligne claire' – Materialeinsatz und Form auf die Funktion reduzieren sollte", so der Ankündigungstext zur Ausstellung "Living in a Box – Design und Comics" im Vitra Design Museum in Weil am Rhein, die noch bis zum 20. Oktober läuft.

Wohltuend: Keine Verklärung der Protagonisten

Mies van der Rohe und Le Corbusier: Götter der Moderne, zu denen man heute nur aufschauen kann? Genau dies ist zu befürchten, wenn sich der Spanier Agustin Ferrer Casas ("Mies", Carlsen Verlag) und der Schweizer Andreas Müller-Weiss ("Der Pavillon", Edition Moderne) in neuen und farbigen Comic-Bänden mit van der Rohe respektive Le Corbusier befassen. Doch es folgt eine angenehme Enttäuschung: Zwar würdigen die Comic-Künstler und -Autoren, beide auch ausgebildete Architekten, durchaus die Verdienste ihrer großen Kollegen, was sie aber nicht daran hindert, sich kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen. Und das heißt hier auch: nicht nur mit deren Werk, sondern auch mit deren Leben.

Im Flugzeug und auf dem Weg von den USA zur Einweihung seiner Berliner Nationalgalerie erzählt van der Rohe seinem Enkel von seiner Vita, die Ferrer Casas in seinen Panels freilich nicht einfach illustriert, sondern oft korrigiert und zurechtrückt. In Müller-Weiss' "Pavillon" wiederum ist Le Corbusier schon tot, der Comic beschäftigt sich mit dessen letztem vollendeten Bau in Zürich, auch er blendet dabei zurück und unterschiebt der verwickelten Geschichte um Rechts- und Erbstreitereien (ein Comic mit wissenschaftlichem Apparat!) sogar einen Mordfall.

Während der Mies-Porträtist Ferrer Casas sich vor allem in seinen Architektur-Bildern als akribischer Zeichner zeigt, arbeitet Müller-Weiss als wagemutiger Maler, der manche Motive in panelüberspringenden Morphosen weiterführt. Da verwandelt sich die Urinspur eines Hundes schon mal in ein gelbes Band, das zur Einweihung eines Gebäudes zerschnitten wird. Immer wieder tauchen auch symbolhaft Raben auf, weil Le Corbusier diese selber oft skizzierte und zudem gern auf seinen Spitz- und Markennamen Corbu (le corbeau, der Rabe) hörte. Im Comic zu van der Rohe, der sich sein adliges "van" selber zulegte, fliegt auch ein Vogel herum, eine Elster, und sie tut das immer dann, wenn Mies wieder mal am Weiberaufreißen ist. Beide Architektur-Großmeister werden in diesen Comics als Frauenhelden gezeigt und gezeichnet, worüber sich die Autoren allerdings nicht moralisch mokieren. Höchstens darüber, dass sich die beiden – und besonders Mies van der Rohe – Frauen aussuchen, die der Karriere förderlich sind.

Auch Klatsch ist politisch

Nein, diese Comics zeichnen und malen keine nüchtern-kühlen Porträts, sie liefern auch jenen Klatsch und Tratsch zu zwei großen Egomanen nach, vor dem die meisten Architektur-Bücher zurückscheuen. Aber Klatsch und Tratsch sind eben auch politisch, wenn es etwa um Eifersüchteleien in den ersten Bauhausjahren geht, um van der Rohes opportunistische und doch vergebliche Anbiederungsversuche bei den Nazis beispielsweise, oder, als er auch in den USA zum Star geworden ist, seine Affäre mit Edith Farnsworth, für die er eine gläserne Villa in den Wald stellt, die ihr bald zu transparent wird. Wobei er auch die Stelzen des am Fluss stehenden Gebäudes falsch berechnet ("Wer hätte mit so einer Wasserhöhe rechnen können?"), so dass es bald überschwemmt wird.

Bunten Comic-Stoff liefert auch Le Corbusiers Vita: Er lässt es sich zeitweilig in seinem Haus in Roquebrune an der Cote d’Azur gut gehen, schwimmt im Mittelmeer und schmückt die große Nachbarvilla E-1027 der ebenfalls berühmten Designerin Eileen Gray mit Gemälden. Was in einem anderen neuen Comic, dem bisher nur auf Englisch erschienenen Band "Eileen Gray: A House under the Sun" von Charlotte Malterre-Barthes und Zosia Dzierzawska, so gezeigt wird: Corbu schleicht sich, in Abwesenheit der Hausherrin, in deren Villa und malt, nein, nicht die nackten Wände voll, sondern nackt die Wände voll.

Der Van-der-Rohe-Comic beginnt mit der Einweihung des Barcelona-Pavillons im Jahr 1929, der Corbusier-Comic erzählt, wie schon erwähnt, die komplexe Geschichte seines einzigen Stahl-und-Glas-Baus nach, der im Jahr 1967 und zwei Jahre nach dem Tod seines Schöpfers fertiggestellt wurde. Beides faszinierende Gebäude, entworfen von zwei widersprüchlichen Charakteren. Beide waren sie von sich und ihrer Genialität überzeugt, beide waren sie rücksichtslose Tyrannen, die mit ihren Bauten (und noch mehr in ihren Plänen) alles abräumen, was vorher da war: Mies van der Rohe zum Beispiel ersetzte 1956 trotz Bürger-Protesten die von Schwarzen bewohnten Chicagoer Mecca-Apartments durch ein Universitätsgebäude; Le Corbusier schlug vor, die Pariser Innenstadt zu plätten und gleichförmige Hochhäuser hinzustellen. Bei beiden Architekten müssen sich letztlich die Menschen den Häusern und Möbeln anpassen, nicht umgekehrt. "Ziemlich schmal, das Bett!" sagt im Corbusier-Comic eine Besucherin über eine Schlafstätte, die mit ihren siebzig Zentimetern Breite nach dem dogmatischen Modulor-Maß des Meisters entworfen wurde. Je größer und umfangreicher die Bauten dann ausfallen, desto menschenfeindlicher können sie werden.

Das lobende Vorwort zum "Mies"-Comic stammt vom Architektur-Star Norman Foster, der dem Reichstag eine gläserne Kuppel aufgesetzt hat. Geschrieben wurde es in New York, in dem van der Rohes Seagram Building steht, laut Foster "einer der schönsten Türme, die je erbaut wurden". Da kann man auch anderer Meinung sein. So wie der mit Preisen überhäufte Comic-Künstler Chris Ware ("Jimmy Corrigan"), der sich in seinen Werken selber immer wieder mit Architektur beschäftigt und sie in einen Zusammenhang mit dem Leben ihrer Bewohner setzt. In seinen großformatigen Band "Monograph" (noch nicht auf Deutsch erschienen) hat Ware auch wieder, wie in fast allen seinen Arbeiten, selbst entworfene ironische Kleinanzeigen gesetzt. Auf einer davon ist ein Gebäude im Stil des Seagram Building respektive der Chicagoer Lake Shore Drive Apartments zu sehen und dazu ist unter der Überschrift "Giant oppressive Box of Sealed Glass and Metal" zu lesen: "Nimmt einen ganzen Block ein, wächst hunderte von Fuß in die Luft. Eine echte Merkwürdigkeit. Komplett ohne Ornament, Details und Anerkennung von menschlichem Leben auf der Erde. Entworfen von hoch gebildeten Leuten, bezahlt von großen Konzernen …" Und Chris Ware beendet seine Bauhaus-Kritik dann so: "Einige sind ausgestattet mit kleinen Portalen an der Basis, durch die ein menschengroßes Objekt hindurch kommen könnte. Vielleicht wollen Sie es versuchen."


• Agustin Ferrer Casas: Mies. Carlsen Verlag, 176 Seiten, 20 Euro.

• Andreas Müller-Weiss: Der Pavillon. Edition Moderne, 72 Seiten, 29 Euro.

• Charlotte Malterre-Barthes und Zosia Dzierzawska: Eileen Gray – A House under the Sun. Nobrow, 160 Seiten, ab 13,49 Euro (bislang nur auf Englisch erschienen).

• Chris Ware: Monograph. Rizzoli, 280 Seiten, ab 37,79 Euro (bislang nur auf Englisch erschienen).

Die Ausstellung "Living in a Box – Design und Comics" im Vitra Design Museum in Weil am Rhein läuft noch bis 20. Oktober. Infos dazu hier.


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1 Kommentar verfügbar

  • Hans-Jürgen Maes
    vor 4 Tagen
    Die leider nur angedeutete Meinung Adornos zum damals sogenannt 'Neuen Bauen', das im Kern ein formreduziertes modulares Bauen durch den Einsatz von industrieller Vorproduktion und industrieller Materialien (z.T. Industrieabfälle wie Stearinpech) war, war weitaus schärfer, als wir Heutigen es uns nach der ganzen Bauhaus-Propaganda des Jubiläumsjahres vorstellen können. Im 18. Aphorismus seiner 'Minima Moralia', dem Kapitel mit dem berühmten Satz von der Nichtexistenz eines richtigen Lebens im falschen, schreibt Adorno im us-amerikanischen Exil 1944: "Das Haus ist vergangen. Die Zerstörungen der europäischen Städte ebenso wie die Arbeits- und Konzentrationslager setzen bloß als Exekutoren fort, was die immanente Entwicklung der Technik über die Häuser längst entschieden hat. Diese taugen nur noch dazu, wie alte Konservenbüchsen fortgeworfen zu werden."
    Es war nicht nur Le Corbusiers Vorstellung eines behausten Menschen als modularer Mensch, sondern vor allem die Bauentwurfslehre Ernst Neuferts, eines Gropius-Schülers und Günstlings von Albert Speer, die jahrzehntelang die Ausbildung deutscher Architekten bestimmte. Ein größeres Maß an Industrialisierung, Formreduzierung und Ökonomisierung des Bauens, ein größeres Maß an Vorbestimmung menschlichen Handelns und Reduzierung menschlicher Bedürfnisse durch Architektur lässt sich nicht denken.
    Wohltuend zu sehen, dass sich erneut eine Kritik an dieser Architekturauffassung und dieser Kunstgeschichtsschreibung etabliert.

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